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Stanislaw Przybyszewski: Androgyne - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDe profundis und andere Erzählungen
authorStanislaw Przybyszewski
year1990
publisherIgel Verlag
addressPaderborn
isbn3-927104-04-3
titleAndrogyne
pages103-147
created20040217
sendergerd.bouillon
firstpub1900
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Stanislaw Przybyszewski

Androgyne

Es war späte Nacht, als er nach Hause kam.

Er setzte sich an den Schreibtisch und sah gedankenlos auf einen herrlichen Blumenstrauß hin, der mit einem breiten roten Band umwunden war.

Auf dem einen Ende stand in goldenen Buchstaben ein mystischer, weiblicher Name.

Nichts weiter.

Und wieder empfand er diesen langen, fliederweichen Schauer, der ihn durchzuckte, als man ihm diesen Strauß auf die Estrade hinaufreichte.

Man hat ihn ja mit Blumen beworfen, soviel Kränze regneten nieder zu seinen Füßen – aber dieser Strauß mit diesem roten Band und dem mystischen Namen – wer mag ihn wohl hinaufgeschickt haben?

Er wußte es nicht.

Als ob eine warme, kleine Hand die seine erfaßt – nein! nicht erfaßt, – sich wollüstig einschmeichelte, hineinküßte mit heißen Fingern ...

Und sie, deren Name ihn so verwirrte ...

Vielleicht hat sie die Blumen geküßt, bevor man sie ihm reichte, ihr Gesicht in das weiche Blumenbett eingewühlt, bevor sie es zum Strauß gewunden, das reiche Armgewinde von Blumen an ihr Herz gedrückt und sich nackt und lustkeuchend über das Blumenlager gewälzt ...

Und das Geblüte atmete noch den Duft ihres Körpers, zitterte noch das kauernde, heiße Lispeln ihres Verlangens ...

Sie liebte ihn ja, sie kannte ihn schon lange, ganze Tage hat sie zitternd durchdacht, bevor sie wagte, ihm diese Blumen zu schenken ... Er wußte es, ganz genau wußte er es ...

Er wußte sicher, daß sie ihn liebte, denn solche Blumen schenken nur Mädchen, die lieben.

 

Er schloß die Augen und horchte.

Er sah riesige Märchenrosen, schwarze, blutdürstige, weiße, auf langen Stengeln sich wiegende Rosen. Sie verneigten sich, tief und tiefer, sie richteten sich stolz empor, sie lockten und lachten, trunken ihrer eigenen Pracht.

Er sah Tuberosen, weiß wie Bethlehemssterne, feinstrunkig mit bläulichem Geäder – er sah Urbäume von weißen und roten Azaleen, belastet und überladen von weichflaumiger Blütenpracht und herrlich anzuschauen wie reiche Ballkleider auf wundersamen Märchengestalten längst verstorbener adliger Frauen, er sah Orchideen auf heißgeöffneten Lippen, lustheischenden, giftigen Lippen und Lilien mit weitgebreitetem Mutterschoß der keuschen Lüste und Narzissen und Bionen, Begonien und Kamelien – eine ganze Sintflut von berauschendem Farbengift, berückendem saugenden Duft überströmte seine Seele.

Der weiche Maienduft des Flieders ergoß sich in ihm mit der stillen, kindlich naiven Serenade der Hirtenflöten in heißen Frühlingsnächten – wie brünstige Triumphfanfare brauste das gelle Purpur der Rosen, mit keuschen Armen umfingen die Lilien sein Herz, lüstern saugten an ihm mit roten Zungen die Orchideen, in weißem kalten Glanz tanzten um ihn die Tuberosen, wie aphrodisisches Gift ergoß sich in ihm der berückende Duft der Akazienblüten, geschwängert von dem blitzheißen Sommergewitter, und alle diese Düfte, kühl und weich wie reine Mädchenaugen, unwissend ihres Geschlechts – heiß und gierig wie die Arme einer rasenden Hetäre – giftig und schreiend wie der Blick einer getretenen Otter: dies alles ergoß sich in ihm, durchtränkte, durchsättigte ihn; er war berauscht, machtlos; er fühlte, daß er kein Glied rühren könnte, er unterschied nicht mehr die Eindrücke voneinander, er sah keine Farben, fühlte den Duft nicht mehr, alles wurde eins.

Aus der Tiefe blühte in ihm auf ein weites Brachfeld, öde; traurig, schwer gebreitet wie das Stöhnen der Glocken in der Abenddämmerung des Gründonnerstags – weit in der Ferne blaute ein glitzernder Streifen eines fernen Sees, still gebettet von der schlafschweren Hitze des Mittags – nur hie und da schoß empor der schlanke Stengel einer Königskerze, als hätte sie die durchglühte Erdscholle aufgerissen und drohte nun mit siegesmächtiger Faust dem Himmel – nur hier und da ein paar verkümmerte Wachholderbüsche, verkrampft zu seltsamen Formen, als wären sie krank an dem Gift der Leichen, die hier einstens die Erde gedüngt haben – nur hier und da an den sandigen Gräbern träumten blaue Zichorienkörbchen, sehnsüchtig auf den Sonnenuntergang wartend, wenn sie die Blüten zusammenschließen und den Kirchhofszauber der öden Heide schauernd durchkosten dürften ...

Dann wieder sah er Kreuzwege auf den Moortriften zwischen den Sümpfen und abschüssigen Gräben. Die Stunde des Mitternachtsgrauens naht, voll von schreckender Angst und Pein. Ab und zu schießt ein Irrlicht, behende wie ein Gedanke über die sumpfigen Wassertümpel, blitzt auf ein stilles, geheimes Leuchten, hin und wieder bellt ein Hund auf im nahen Dorf, ein anderer antwortet ihm mit langgedehntem Winseln, dann wieder der gelle Ruf des Nachtwächterhornes – und wieder Stille, Stille, die sich hineinschraubt, mählich und tief in die dunkelsten Abgründe und alles aufsaugt, mein Heute und mein Morgen, die den Schritt und jede Regung lahm legt und einen so unendlich einsam, so weltfern und daseinsfremd macht.

Und in immer neuen Bildern erstand vor seinen Augen sein ganzes Heimatland: ein riesiges Laken, zerrissen und zerfetzt in grüne Gerstenlappen, in weißaufgeblühte Heidekrautfelder, goldene Roggenteppiche, blutrote Beete peitschenschwerer Weizenähren: die ganze Erde ist maitrunken, brünstig in ihrer Blütenpracht, ungeheuer in ihrer schöpferischen Raserei, in der hochzeitlichen Majestät andächtiger Liebe – die ganze Erde weit hinauf bis an die Umfriedung der weißen Kirche auf der Anhöhe ...

Breite Ströme von Glockenklängen gossen sich in das flache Land hinab, ringsherum brandete das Gewoge eines mächtigen Kirchenliedes während der Prozession am Fronleichnamsfest; zwischen dem schwarzen Gebüsch und dem dichten Gehege schimmerten die weißen Kleider der Mädchen, die zu Füßen des Priesters mit dem Allerheiligsten Blumen streuten, es blauten die langen Bauernröcke, gegürtelt mit breiten roten Schals ...

Er zuckte auf. Lechzte nach mehr Sehnsucht.

Unaufhörlich in wunderlichen Reigen: ein Hochzeitsgang an einem Julitag – das breite Schluchzen der Geigen, gefertigt aus der Lindenrinde, das heisere Stöhnen der Bässe, die von dem Geld klappern, das der Bräutigam in ihr Inneres geworfen hat – und ein jauchzendes Geschrei, das in taktmäßigen Abständen mit schrillen Strahlen in die Luft hinauf schießt: Juchahei! Dann wieder schleppt sich ein Trauergeleite im Spätherbst auf der regendurchweichten Landstraße. ... Ein paar Mädchen tragen den weißen Sarg eines Kindes – dann wieder ein feierlicher Pilgerzug, der zu dem Wunderbild eines Heiligen wallfahrtet – dann wieder ... oh, oh ... ohne Ende, ohne Maß ...

Langsam dunkelte es ihm in den Augen – nur ein paar unklarer, abgerissener Bilder glitten faul und zögernd über sein Gehirn – die Seele dämmerte, wiegte sich in weiches Träumen, erlosch, bis sie sich plötzlich in einem mächtigen Lied emporriß.

Der heimtückische Zauber, das berauschende Gift der exotischen Blumen und das Paradies der Heimatserde, das alles ließ seine Seele erbeben mit dem dröhnenden ehernen Schrittklang von Rittern, die in Erz gegossen schienen, daß die Erde unter ihrer siegesjauchzenden Schrittwucht erbebte, – dann fühlte er seine Seele auftauen in den schluchzenden Klagen der Mutter, die ihre Erstgeburt verlor, sie ergrünte in dem Myrtenkranz hochzeitlicher Lieder, sie raste in trunkenem Tanz mit Jauchzen und Stampfen auf dem Boden einer überfüllten Schenke, schoß hoch empor mit wildem Schrei, wie die Blüte der Königskerze auf dem sengend heißen Brachacker – das ganze Lied ergoß sich in einem düsteren, wilden Bett, vertrocknete, schnellte rückwärts zurück, um mächtiger noch vorzustürmen und sich endlos über das ganze Flachland zu ergießen ...

Eine entsetzliche Macht packte ihn in ihre Arme. Die Tollwut des Gewitters umkrallte ihn mit dem Geächze der Verdammnis, warf ihn auf den kochenden Gischt eines abgründigen Malstroms, wütete in ihm, heulte, krachte, schleuderte ihn kreischend hin und her die steilen Felsen hinauf wie ein Wrack – nur in der Tiefe, ganz in der Tiefe des bodenlosen Trichters ein heller Klang, der schwand und wieder aufleuchtete, sank unter und wieder auftauchte, wie der Widerschein eines blassen Sternes in dem schäumenden Strudel dunkler Wogen.

Lange hat dieser helle Strahl mit der spritzenden Wasserflut, mit dem Gewitter aufgewühlter Wogen gerungen, aber beharrlich ergoß er sich in lange, schmale Streifen, tanzte über den Fluten in zierlichen Schlangenwindungen, rollte sich zusammen, schnellte dann wie eine aufgerollte Feder langhin: über dem sturmgepeitschten Abgrund verzweifelten Ächzens und Kreischens, über dem Strudel abgründiger Qual, dem Geheul und Geschrei tollgewordener Gewitterbrunst flogen stille, sehnsüchtige, weichgesponnene Lichtwellen; immer breitere, immer stärkere Wellen der Beruhigung und lichter Versagung, entzückter Gebete umfingen den Sturm und das qualschreiende Entsetzen in heilige Mutterarme, preßten es an sich in unendlicher Liebe, wiegten es in eine überirdische Sehnsucht, in einen ohnmächtigen Verzückungstraum ...

Da:

Ein Mädchengesicht tauchte auf: ein heller, heiliger Klang in den schwarzen Sturmakkorden, der helle Widerschein eines blassen Sternes in dem schäumenden Gischt dunkler Wogen, – nie früher hatte er es gesehen, aber er kannte es, er kannte es gut, dies Mädchengesicht ...

Er wachte auf: rieb sich die Augen, ging in dem Zimmer auf und ab, aber er konnte die Vision dieses Gesichtes nicht los werden: halb Kind, halb Weib.

Ja, ja – sie war es sicher. Sie ließ ihm den Blumenstrauß auf die Estrade reichen.

Er dachte nach, woher seine plötzliche Gewißheit, daß sie es war.

Jemand Fremdes hat ihm die Blumen hinaufgereicht.

Und er dachte und grübelte ...

Sie war also da, sie saß in der ersten Reihe und leuchtete das dunkle Doppelgestirn ihrer Augen in seine Seele hinein, sie hat den Abglanz in ihr zurückgelassen. Damals, als die ganze Welt vor meinen Augen in Nebelschwaden zerrann, als alles zusammenströmte in dem Orkan des Gewitters, das unter meinen Fingern heulte, hat die Macht der Sehnsucht den Abglanz ihrer Augen in mir festgeklebt. ... Ich selbst habe zu den Augen das Gesicht geformt, denn nur dieses und kein anderes erglüht in dem Glanz solcher Augen ...

Und der Glanz umfing ihn von allen Seiten, ergoß sich in sein Blut, durchströmte seine Adern, ein heißer Schauer durchzuckte ihn – er zitterte in unbekanntem Wonneschmerz.

– Denn vor der Stunde der Erlösung geschehen seltsame Zeichen und Wunder – flüsterte er leise in sich hinein – die ganze Muttererde ist in mir aufgewacht – das ganze Leben glitt mit Blitzesschnelle über das Himmelsgewölbe meiner Seele – die ganze Verzweiflungslust meines Lebens breitete vor meinen Augen ihre schweren wunden Fittige von einem End' zum anderen ...

Blieb wieder stehen und starrte lange den Blumenstrauß an und das breite rote Band mit dem mystischen Namen ...

Ja – sie ist rank und biegsam wie der Stengel der Tuberose, und ihre Augen so rein, wie die weißen Bethlehemssterne, die auf ihm ruhten und sich träumerisch hin und her wiegten ...

Woher nur die Vision dieses Gesichtchens – halb Kind, halb Weib?

Er dachte:

Das ist die geheime Stunde, bevor die Sonne aufwacht.

Er sah lange durch das Fenster auf die schneeigen Felder der Vorstädte – in dem ersten Morgenschauer blaute der Schnee – ein Streifen heller Töne ergoß sich in Schlangenlinien den Himmelsrand entlang, verschwand, tauchte auf und umfing den Osten breiter und breiter ..........

 

Seit dieser Zeit stand unablässig vor seinen Augen die Vision des zarten feinen Gesichts mit dunklem Doppelgestirn, das sein Licht in seine Adern hineinschien – unablässig sah er die schlanke Mädchengestalt, halb Weib, halb Kind, einer Tuberose gleich, die zwei weiße Blüten, zwei weiße Bethlehemsaugen auf ihrem Stengel wiegte.

Ganze Stunden dachte er an sie und träumte. –

Immer und wieder tauchten vor seinen Augen dieselben Bilder auf: In der Tiefe seiner Seele verflochten sich unentwirrbar die Visionen seiner Muttererde mit dem geheimen Reigen von Tönen und Liedern, dem Duft der Blumen, dem dunklen Gewitter und dem Abglanz blasser Sterne in dem Strudel wogender Meere.

Er verstand nicht den Zusammenhang – gleichwohl – es kam ihm vor, daß sie seine Muttererde in ihrer Frühlingsbrunst sei – die Blumen, die sie ihm geschenkt, das Kleid, ewig neues und ewig dasselbe Kleid ihrer Seele, ewigliche Form ihres Seins – daß die Augen – ihre Augen ...

Absichtlich zerriß er die Flut seiner Gedanken, umfaßte die Blumen, bewarf sich mit ihnen, wühlte in ihnen mit fiebrigen Händen und träumte und heischte nach ihr.

Schon hatte er sie in seine Arme gefaßt, warf sie auf seine Brust in kranker Lust und küßte sie – küßte ...

Und zugleich beschloß er mit sich: er mußte sie finden – er mußte!

Nur einen Strahl ihrer Augen erhaschen – nur ein Aufleuchten – ein zuckendes Aufdämmern ihrer Augen – und er wird sie erkennen – ganz sicher wird er sie erkennen in einem Sekundentausendstel des Aufblitzens ihrer Augen ...

Ganze Tage trieb er sich auf den Straßen der Stadt herum, ganze Stunden harrte er in den Parkanlagen, rings um die Stadt. Tausende von Menschen glitten an seinen Augen vorüber, in jedem Mädchengesicht glaubte er ihres zu erkennen, jeder Blick schien in seinen Adern dieselbe Lust zu entfachen, mit der ihre Augen sein Herz wundgebrannt hatten – aber vergebens; immer dieselbe Enttäuschung: das war nicht sie!

Und doch hörte er manchmal in der Abenddämmerung dicht hinter sich Schritte, wie das Schlagen unruhiger Vogelflügel, die bereit waren, sich zur Flucht zu schwingen – manchmal sah er ein blitzschnelles, verstohlenes Aufleuchten eines dunklen Augenpaars, das aus unbekannten Fernen oder Nähen sich in seine Seele einsaugte – einmal streifte ihn der Hauch einer weichen, zärtlichen Hand, als er in dem Dunkel einer Kirche stehen blieb und das heimliche kostbare Gut der dämmrigen Abendgebete kostete, aber als er sich umdrehte, als er das Dunkel mit seinen Augen zu zerfetzen suchte, verflog das Gesicht – nur ein zittriges Aufleuchten, nur ein warmer Atem einer fiebernden Hand, und die Nerven entlang das Gefühl einer schlanken Tuberose mit zwei weißen Sternen.

Ein König war er – ja ein König und ein mächtiger Gebieter ...

O die kranke, qualvolle Lust schlafloser Nächte, als er auf der Terrasse seines Palastes lag und die üppige, sternenbesäete Himmelspracht anstarrte!

Rings rankten sich tropische Efeugewinde; aus dunklem Gebüsche blühten auf goldene Blütenquasten, wuchsen hoch empor Blumenkelche, die noch kein menschliches Auge geschaut hatte: Blumen mit Kelchen von der Form bronzener Glocken, Blumen, umgeben von Blättern, die in der Farbe von poliertem Gußeisen schimmerten oder wie gerinnendes Messing blitzten, dann wieder Blumen mit fein behaartem Schoß, dem ewigen Leben aufblühender Jungfrauen, Blumen, die mit lebendigen, schauenden und wissenden Augen einer Kurtisane lachten, oder suchenden, verirrten Augen von todesmüden Möwen und weißen Albatrossen. ... Strunke und Stengel sah er wie Lilien, die aus toten Herzen aufwuchsen oder aus Erdäpfeln, den Totenschädeln vergleichbar. Aus dem syphilitischen Rachen unglaublicher Orchideen streckten sich Zungen empor, mit purpurroten Fieberflecken besprenkelte Ungeheuer, die herauszukriechen und das Gift über das umgebende Blütenmeer zu verschleppen schienen.

Soweit das Auge reichte ungeheure, vorsintflutige, dunkle Kohlenwälder, umwunden, umstrickt, verknäuelt zu einer unentwirrbaren Masse durch Stränge und Stricke von Efeustämmen, Lianen, Windenkraut und Klettengeflechte – und all dieses Schmarotzergezücht rankte sich empor an den verkohlten Farrenbäumen, den isaurischen Palmstauden, den Kokos- und Brotbäumen, verflocht sie wie ein Korbgewinde, verankerte sie unlösbar miteinander und von der Höhe der Terrasse sah das aus wie ein ungeheuerliches, aus dem Urmagma heraufkriechendes Otternnest.

Und in der sternenbrünstigen, lichtwütigen Nacht in diesem abgründigen Fieber von verkrampften Formen, kranker Düfte, Farben, die man in den Delirien des Opiumrausches sieht, träumte der König von ihr – ihr, der Einzigen, kroch auf den tiefen weichen Teppichen, krallte sich mit den Fingern an den Füßen der Sessel fest, sog das Gift der ungeheuerlichsten Blumen und schrie nach ihr –.

Vergebens!

Bis endlich:

Er ließ die schönsten Jungfrauen zu sich in seinen Palast befehlen, stellte sie in dem endlosen Saal in zwei Reihen, die sich von dem Throne bis in die Tiefe der Palastgärten erstreckten ...

Und angetan mit seiner unerhörten königlichen Pracht saß er lange auf seinem Thron, vergrub das Gesicht in beide Hände und sah die vor Erwartung und Hoffnung zitternden Jungfrauen, von denen jede mit unendlichem Glück sich zu seiner Sklavin machen ließe.

Er sah, sah sie an und dachte:

Welche ist es?

Wie soll er sie auffinden in dem Gewoge von blonden, schwarzen, roten Köpfen?

Ist es die, deren Augen blitzten wie die Beeren von Tollkraut, das an den Schuttgräben wächst?

Oder die, aus deren sanften Augen ab und zu der blutdürstige Blick eines gebändigten Jaguars herausschießt?

Jene da vielleicht, über deren Stirn ein Blitz fliegt, der das Herz gebärt und sich über das Gesicht mit unendlichem Leid ergießt?

Die da, deren Arme herabhängen wie welke Lilien oder jene, welche in den verführerischen Händen die lüsternen Trauben ihres Leibes hält, vielleicht die dort mit der gleißenden Biegsamkeit einer Schlange, oder jene, die aus dem Schoß einer Lotosblume aufgestiegen ist – und jene – dort, weitab, wie aus einem Sternenkelch aufgeblüht, aus dem Glanz des Mondlichtes geboren?

Tiefer noch vergrub er das Gesicht in seine Hände, schmerzlicher noch, denn er fühlte, daß er sie nicht finden wird – das Chaos von verschwimmenden ineinander verfließenden Formen, Gesichter, Augen trübte die Seele des Königs.

Er stieg die Stufen des Thrones hinunter und die Reihen der Jungfrauen neigten sich wie ein frisch aufgeblühtes, weißes Birkengehölz wenn der Windstrom es umfließt.

Wie köstliche Weizenähren in der sengenden Mittagsglut, wenn plötzlich ein heißer Lufthauch über sie fährt, neigten sich die Köpfe; der ganze Saal schien zu keuchen in gespannter Erwartung und verhaltenem Atem der Hoffnung.

Dreimal schritt er die Reihen der schönsten Jungfrauen seines Landes ab, langsam, immer langsamer und trauriger, setzte sich wieder auf seinen Thron, winkte mit der Hand – er blieb allein.

Es dunkelte in dem Saal. Der König vergrub sich in seine Verzweiflung, stemmte sein Gesicht auf die krampfgeballten Fäuste und brütete vor sich hin.

Da fühlte er plötzlich, wie sich jemand an den Säulen entlangstahl, die das Gewölbe des Saales stützen – jemand schlängelte sich durch das dämmernde Dunkel und hinter ihm ein Schimmer von etwas Leuchtendem, wie das Licht eines nackten Körpers.

Der König hob sein Haupt stolz empor – denn noch kein Sterblicher wagte ihn in seinem Verzweiflungsschmerz anzuschauen.

Er klatschte in die Hände, und aus einer unsichtbaren Lichtquelle ergoß sich in den Saal ein kaltes metallenes Leuchten – und in diesem Halbdunkel sah er, wie ein syrischer Sklavenhändler an den Thron herankroch und hinter sich ein nacktes Mädchen schleifte.

Ihre Arme umwanden Spangen – goldene Schlangen, und mit goldenen Schlangen waren die Knöchel umringelt, und um die Lenden ein goldener Gürtel, dessen Schloß eine Lotosblume bildete, besetzt von kostbaren Steinen.

Der König sah sie erstaunt an.

Er sah nicht ihr Gesicht, denn sie verschränkte vor ihm ihre Arme, er sah nur die Gestalt, sah die schlanken, biegsamen Glieder einer Tuberose mit zwei weißen Sternen hinter den Lilien ihrer Arme.

Mit verhaltenem Atem sah der König auf die seltsamen Zauber und Wunder des Mädchenkörpers, er zitterte wie in Todesangst, daß ihm der Traum nicht verfliegt – er sah sie, wie sie sich hin und herneigte, wie sie im Feuer zu stehen schien aus Angst und Scham; ihre Haare flossen über die weißen Lilien ihres Körpers wie ein heißer Strom – und plötzlich kniete sie nieder und sah zu ihm auf.

Sie, sie war es!

Mit beiden Händen griff er um die Lehnen seines Thrones und zitternd flüsterte er:

Du hast mir die Blumen geschenkt?

Sie nickte ...

Mit heißem Schrei streckte er ihr seine Hände entgegen – alles verschwand ...

Er rieb sich die Stirn ...

Er war doch wach.

Ja ganz sicher, aber nur, um von neuem in einen noch tieferen, noch wilderen Traum zu verfallen.

Nun war er ein Magier, übergroß und übermächtig, ein Diener seines Herrn und ein Gott zugleich ...

Ja: ipse philosophus, magus, Deus et omnia ...

Drei Tage und drei Nächte hat er sich für seine Beschwörung vorbereitet. Drei Tage und drei Nächte las er in heiligen Büchern, entzifferte die geheimen Runen und erbrach die sieben Siegel der apokalyptischen Weisheit. Er prägte seinem Gedächtnis die furchtbaren Beschwörungsformeln ein, die unbekannte Mächte ihm, seinem Machtspruch dienstbar machten – drei Tage und drei Nächte berauschte er sich an dem giftigen Dunst gebrauter Pflanzen und Wurzeln, die in der geheimen Johannisnacht blühen, bis er die Kraft in sich fühlte, das Wachstum der Pflanzen beschleunigen zu können, einen Strom in seinem Lauf aufhalten, den Mutterschoß unfruchtbar zu machen, ja selbst den Donner auf die Erde herabzubeschwören.

Und in der Stunde des großen Wunders kleidete er sich an mit den kostbaren Kleidern des Hochamtes, das einstens sein Urvater Samyasa verrichtete, sein Haar umwand er mit einer siebenmal geknoteten Binde, nahm das Schwert zur Hand, zeichnete einen Kreis, schrieb in ihn geheime Zeichen hinein, blieb in seiner Mitte stehen, einem großen Spiegel gegenüber und sprach mit lauter Stimme:

O Astaroth, Astaroth!

Mutter der Liebe, die du mir das Herz mit dem Gift des Verlangens und der Sehnsucht zerfrißt, das Feuer irrsinniger Qual in meinen Adern ergossen hast – einzige Mutter, die aus den Saiten meiner Seele schmerzliches Stöhnen vereitelter Hoffnungen und Schreie der Sehnsucht reißest, du furchtbare Mutter, die du mich auf dem höllischen Bett vergeblichen Ringens streckst –

Erbarme dich meiner!

O Astaroth, Astaroth!

Du höllische Tochter der Lüge und des Scheins, die du in meinen Nächten mir vor die Augen die unsagbarste Lust und Verzückung zauberst, die du mir das Weib, das ich suche, in die wilde Umarmung meiner Glieder wirfst und sie meinen Leib lustschreiend umflechten lassest – du furchtbare grausame Höllenmutter, die du aus meinem Blut Macht und Leben saugst, um mich wieder zu wecken zu neuer Qual und Verzweiflung, –

Erbarme dich meiner!

O Astaroth, Astaroth!

Mutter der Verkehrtheit, Beschützerin des unfruchtbaren Schoßes und unfruchtbarer Lüste, die du mir in die Seele ein Verlangen eingeimpft hast, das du nicht stillst, in mein Blut Träume hineingeschienen, die nicht von dieser Welt sind, mein Gehirn mit einer Brunst verkrampfst, die meine Augen mit Irrsinn umflort –

Erhöre mich!

Und in einer unmenschlichen Willensanspannung bäumte sich sein Haar. Er zitterte und erschauerte, als ob jedes Glied für sich selbständig lebte. Es kam ihm vor, als gehe er aus sich selbst heraus, als verkörpere er sich von neuem draußen, außerhalb seines Leibes, als gestalte sich etwas, das aus seiner Seele aus seinem mächtigsten Verlangen aus seiner qualvollsten Sehnsucht herausströmte.

Ein krachender Donner, als ob sich ein Erdkörper vom Himmel losgerissen hätte und in den Nichtsabgrund fiele – ein furchtbarer Sturm hat alle Fesseln gerissen – ein höllisches Lachen, Heulen, Kreischen wüteten in seinem Gehirn und in grausigem Entsetzen sieht er um den Spiegel herum einen Nebel kreisen und glänzen, sich formen, Gestalt annehmen, sieht ihn, wie er sich rundet, Körper annimmt, zu atmen anfängt, blutstrotzend, lebendig!

Eine Flut von Blitzen wogte schwer durch den Saal, ein Donner krachte in den Spiegel, ein Schrei und auf seinen Hals warf sich in wilder, zügelloser Brunst die, die er so lange gesucht, nach der er so lange geheischt und um deren Willen er sein Heil verwirkt hat ...

O irre Nacht ungesättigter Lust!

 

Er erschrak über diese Träume.

Er konnte sich nicht wiedererkennen. Die Verkoppelungen und Zusammenhänge in seiner Seele haben sich losgelöst, die Verbindungsfäden rissen; nichts ging ihn jetzt mehr an, er lebte nur in seinen kranken Träumen, und in den Händen zerknitterte er das Band, mit dem der längst verwelkte Strauß umbunden war.

Es schien ihm, als ob dieses Band etwas von ihrem Wesen eingesaugt hätte. Er fühlte, daß es lebt. Wenn er es streichelte, war es, als glitte seine Hand ihren Sammetkörper entlang, küßte er es, sog er den Duft ihrer seidenen Haare, und wand er es sich um seine Brust, empfand er es, als hätten sich ihre Glieder um seinen Körper gewunden ...

Immer mächtiger schwoll in ihm die Sehnsucht und der Schmerz an. Er quälte sich in ohnmächtigem Ringen. Die, die ihm den Strauß geschenkt, wurde zu einem Vampir, der ihm alles Blut aus den Adern sog.

Und wieder irrte er auf leeren Straßen und Plätzen, und wenn die Dämmerung kam, schlich er sich in dunkle Kirchen hinein, denn einmal kam es ihm vor, als hätte sich eine weiche, liebende, verlangende Hand mit sehnsüchtiger Inbrunst in die seine geschoben. Er irrte zwischen den Frühlingsbäumen im Park, denn einmal hörte er Schritte hinter sich – ihre Schritte – wie das Schlagen unruhiger, flugbereiter Flügel. Stundenlang stand er in dem Fenster und bohrte sich spähend in die Finsternis, denn einmal schien es ihm, als sähe er ein Augenpaar – ihre Augen – die mit heißer Sehnsucht die seinigen suchten.

Bis endlich:

Schwer sank die Dämmerung herab. Zwischen dem dunklen Geäst der Bäume blutete hier und dort das unruhige Flackern des Gaslichts der Laternen, auf und nieder wogte die Unruhe der Stadt, und ein schwüles, unendlich trauriges Brüten breitete sich über den finsteren Dächern der Bäume.

Plötzlich erblickte er sie da, wo sich zwei Alleen kreuzten.

Er wußte, daß sie es ist.

Dieselben Augen, die sie ihm an jenem Abend in die Seele eingebrannt hatte, dasselbe Gesicht, denn nur ein solches Gesicht erstrahlt in dem Glanz, der um diese Augen sich goß.

Er zuckte auf, blieb stehen und sie rührte sich nicht vom Platz, erschrocken und verwirrt.

Ihre Blicke fingen sich auf und schwiegen.

Er wollte etwas sagen, aber kein Wort würde er jetzt herauspressen können; er zitterte am ganzen Leib und sie zitterte.

Plötzlich ließ sie die Augen sinken, noch einen Augenblick blieb sie stehen und ging wankend an ihm vorüber.

Er erwachte.

Ging hinter ihr leise und vorsichtig. Er schlich die Bäume entlang, ab und zu verbarg er sich hinter breiten Stämmen, denn er fürchtete, sie könnte sich furchtsam umdrehen und aufhorchen, ob er sie nicht verfolgt.

Er sah, wie ihr Schatten sich bei jeder Laterne verlängerte dann wieder kürzer wurde und ganz verschwand – ach! Nur ihren Schatten von der Erde losreißen zu können, dachte er, ihren Schatten – ihren Schatten ...

Plötzlich richtete er sich auf mit jähem Entschluß. Sie erreichen, sie an die Hände fassen – ihr in die Augen sehen – lange, durchdringlich bis tief auf den Grund, ihre Hände in den seinen zerknittern und sie fragen, nur das Eine: Du hast mir den Strauß geschenkt?

Aber plötzlich bog sie um und verschwand, bevor er es vermochte, seinen Entschluß auszuführen.

Er starrte lange in das dunkle Haustor hinein.

Einen Augenblick schien es ihm, als ob sie in dem dunklen Flur stehen bliebe, sich an die Wand anlehnte, daß sie auf ihn wartet und ihn mit ihren Augen ruft – das Weiß ihrer Hände leuchtete auf, die Seide ihres Kleides rauschte, aber nein – er irrte sich.

Und er wollte todmüde nach Hause umkehren ...

Eine schwere, unsagbar stille Trauer breitete sich über seinem Hirn, ergoß sich im Herzen, sog sich ein in das feinste Geäst seiner Nerven.

Nie hat er noch diese Traurigkeit so quälend empfunden.

Das Wunder war vollbracht.

Er liebt sie.

Und erschreckt fragte er sich: Das also ist die Liebe?

Er setzte sich auf eine Bank nieder und grübelte.

Und jäh schoß vor den Augen seiner Seele ein heißer Strom von Frauengestalten, Frauen, die er kannte, die er an sich preßte und in wilder Blutfanfare eins mit ihnen wurde ...

Die da, unergründlich, geheimnisvoll mit dem schillernden Glanz schwerer Seide – kauernd, sprungbereit wie eine Pantherkatze –

Jene mit den süßen Taubenaugen und unflätigem Herzen, sanft wie eine Gazelle und gierig wie ein Raubtier –

Oder jene, deren Leib so kühl war, wie der einer Schlange, oder die Blätter der Wasserrose –

Die wieder schlank und herrlich, ihrer eigenen Pracht trunken –

Oder jene mit den Formen eines göttlichen Epheben, einer biegsamen Damaszenerklinge vergleichbar ...

Sie alle hat er besessen, aber keine geliebt ...

Er verließ sie ohne zu trauern und trauerte nicht, wenn er verlassen wurde, und wenn er seinen Lebensweg zurückblickte, sah er keine gebrochene Blume am Rand – kein gebrochener und verwelkter Ast sagt ihm: hier hat ein Sturm gehaust.

Dies also jetzt ist die Liebe, flüsterte er. Die Stunde des Wunders ist gekommen.

Jäh warf er aus seinem Gehirn die lüsternen Bilder brünstiger Hetären und unschuldiger Täubchen, gehässig sah er nach den verschwindenden nackten Leibern, dem Chaos lustschreiender Arme und Beine, den ersterbenden, zuckenden Orgien trunkener Sinne und mit kindlicher Andacht flüsterte er leise vor sich hin:

Die Stunde des Wunders ist gekommen, die Stunde des Wunders ...

Und er grübelte – endlos ...

Ja, er liebte sie.

Liebte sie, wie er einst den Lichtstrom geliebt, der sich in der Nacht über das Meer ergoß.

Er sah deutlich den riesenhaften granitnen Leuchtturm, den er lange bewohnt hat, hoch oben auf der höchsten Felsspitze eines Vorgebirges.

Und er entsann sich deutlich an die seltsamen Formen des Felsens. Als ob eine himmelstürmende Woge plötzlich versteinerte in dem Augenblick, als ihr spritzender, schaumgepeitschter Rücken bersten sollte, um sich in ein abgründiges Wassertal zu stürzen.

Und auf dem zerzausten, zerrissenen Kamm der versteinerten Höllenhengst-Mähne schoß hochempor der granitne Turm.

Stundenlang saß er da oben an dem Herd des elektrischen Lichtes, sah durch die riesengroßen Glasprismen der Laterne auf das ewig neue Lichtwunder da unten auf dem Meer.

Er sah den Lichtstrom, wie einen Keil, der sich über die Ränder goß in der weltenverlorenen, stillen, dunklen Öde der Wasserflut in den Mondglanznächten.

Eine lichttrunkene Hand legte sich mit weichem Glanz auf den Schoß der Geliebten, zerfloß auf ihm, glitt auf und ab, wie verlangende, schweigende Lippen auf der zitternden Brust des geliebten Mädchens irren.

Ganze Nächte sah er dieser unendlich weichen, zitternden Liebkosung zu, dieses Gleiten und Irren dieser lichtdurchsättigten, traumbefangenen Hand.

Und wieder sah er, wie das Licht in die gerunzelte Flut goldene Fäden einwebte. Wie weit das Auge reicht, nichts als das goldene Spinngewebe feinster Spitzen in unermeßlichem Reichtum und Pracht – das goldene Netz weitete sich und weitete in immer größeren Kreisen und immer neue und reichere Fäden verstrickten, verknäuelten die Ringe, verfädelten sie zu immer kunstvolleren Maschen und es war, als ob der Leuchtturm lebendig würde, einer meerbeherrschenden Göttin, welche die Schleppe von goldenen Spitzen ihres hochzeitlichen Brautkleides über das Meer gebreitet hätte.

Dann sah er das Licht des Leuchtturmes, wie es sich in verzweifeltem Mühen in das dunkle Nebelgewölk hineinfraß. Immer neue, immer schwerere Nebelmassen fielen auf das Meer nieder, immer dunkler fingen sich an zu verdichten, bis sie zu einer schwarzen, undurchdringlichen Mauer wurden. Diese Feste stürmte das Licht. Mit mächtigen Keilen warf es sich in das schwarze Mauerwerk, suchte es mit Riesenkrallen zu zerreißen, mit neuen und mächtigeren Strömen zu durchbrechen, vom Meeresgrund zu lösen, aber vergeblich.

Aber am tiefsten liebte er das Licht, wenn es in wilden Sprüngen auf dem Meer raste und einen wahnsinnigen Veitstanz auf den schäumenden Wellenkämmen aufführte. Wenn die Fundamente des Leuchtturms krachten, als wären sie von einem Erdbeben erschüttert, wenn der rasende Orkan ungeheure Wassermassen gegen die Prismen der Laterne warf – dann weinte er vor unermeßlicher Liebe für das Licht.

So, ach so, war das Licht, das ihre Augen in seine Seele ihm hineingeschienen haben.

Weich und kosend, wie die weiße, leuchtende Hand, die der Schoß des Meeres streichelte, verlangend mit der Lust schweigender Lippen, die auf der keuschen Mädchenbrust irren – zitternd und spielend in dem goldenen Spitzengewebe, dem hochzeitlichen Kleide, das sich über das Meer breitete, stürmisch und verzweifelt in dem ohnmächtigen Ringen mit den schwarzen Nebelwolken, schmerzverkrampft in dem Kampf des Lichtdrachen mit dem Loki des Meeres.

Und im selben Nu, in der Stunde des großen Wunders formte sich ihm die ganze Welt um. Alle Formen und Gestalten kleideten sich in die schlanke, biegsame Linienpracht ihres Körpers, die ganze Sintflut von Farben, der ganze Lichtozean des Alls ergoß sich in einen dunklen, heißen Glanz, der um ihre Augen kreiste, aus dem unermeßlichen Chaos von Tönen, Bewegungen, Harmonien vom Flüssigen und Festen blühte auf ein wundersames Lied, ein Lied, das sie war – sie, die Einzige.

Dazu hat ihn die Erde geboren, dazu ihre Gestalt in seine Seele eingezeichnet, damit sich ihre eigenen Linien in der verkörpern, die er suchte, sich in sie ergießen wie eine seit Ewigkeit vorbereitete Form?

Dazu ergoß sich in seine Augen das Wunder der Mondnächte über den öden Brachfeldern und der Lichtschmerz über dem Meer und der jauchzende, zitternde Sonnenglanz über den mittaglichen Heimatsdächern – dazu brannten sich in ihn hinein die Farben sonnverbrannter Steppen und giftiger Sumpfblumen, damit nur ihr Augenlicht bis auf den Grund seiner Seele sich bohren und dort sein Innerstes und Heiligstes aufwecken, damit der Glanz ihrer Haare sich schmeichelnd um seine Nerven legen, und der Ton ihres Körpers ungeahnte, niegekannte Lust göttlicher Harmonie auf seiner Seelenharfe spielen könnte?

Und dazu ächzte und stöhnte seine Erde diese unsäglich traurigen Klagen, dazu dröhnten die Glocken bange Ahnungen, und auf dem Brachacker sang der Wind weltfremde Schmerzen in den Takt der wogenden Weizenfelder, damit jede Zuckung ihres Körpers, jede feine, biegsame Bewegungswelle mit der Form seiner Seele eins würde?

Er rieb sich die Stirn und konnte es nicht fassen.

Dazu lebte alles um ihn herum, dazu bildete und erzog sich seine Seele, um die Form zu schaffen, welche die Unbekannte ausfüllen sollte?

Er erhob sich und ging.

Ein stiller Triumph ergoß sich in seiner Seele.

Er ging stolz mit hochaufgerichtetem Haupt, ging wie ein Heerführer in dem Gefühl eines unendlichen Machtbewußtseins. Trug er ja doch eine Sonne in seiner Brust – das ganze All, die tiefsten und geheimsten Rätsel des Alls.

Er ging still und groß, denn seine Seele hat ihm ihre dunkelste Tiefe geoffenbart, ließ ihm die geheimsten Runen, die in ihrer Rinde eingegraben waren, deuten und er ging hehr mit dem Schatz der Sonne in seinem Inneren.

Ging immer schneller den steilen Pfad hinauf, aber er ging leicht, als wäre er durch eine fremde Kraft getragen, bis er endlich eine Anhöhe erklomm.

Er sah in die Tiefe – dort unten in dem Tal zu seinen Füßen – dies wogende Meer von Dächern, das in einem feinen Lichtdunst gebadet schien – das war seine Stadt.

Und in der Ferne hinter der Stadt ein Gebirgszug in gebogenen Linien, im Zickzack in verbogenen Kurven: ein wirres Mäanderschema von Hügeln, die sich nahmen, Anhöhen, jäh aufschreckenden Felszacken, schäumenden Wogen vergleichbar, die aus der Tiefe des Horizontes hochspritzten, schäumten, sich übereinander hochtürmten; und alle Anhöhen waren mit Kastanienwäldern bewachsen. Grüne Kastanienberge mit einer Schneedecke von weißer Blütenpracht. Hei! Wie flackerte das weiße Totenkerzenlicht der Blüten auf dem grünen Damast, der von dem Himmel sich bis in die Stadt hinunter zu gießen schien!

Und plötzlich breitete sich sein Herz in einem niegekannten Machtgefühl. Er wuchs in den Himmel, er streckte seine Arme aus, ein wildes Geschrei mühte sich in ihm hoch, um dem Weltall die Sonne zu zeigen, die er in seinem Herzen trug, er fühlte, daß er Licht ausstrahlte, er ging wie von einer Lichtwoge umbraust, fühlte daß er, über das Sein erhoben, die Himmelfahrt feiere.

Und wieder fiel er zusammen.

Sein Sinn schlug um.

Nach Hause!

Es wurde spät, die Laternen hat man ausgelöscht, und er ging in dem dämmrigen Halbdunkel der breitgeästeten Kastanienallee wie in einem traumwirren Schlaf. Er ging und wußte kaum, daß er geht.

Eine wütende Sehnsucht zerfurchte tief seine Seele, es kochte und brodelte in seinem Hirn.

Und doch trug er sie in sich, die Sonne, das Weltall – dies alles barg sein Herz – wonach sehnte er sich noch?

Er lächelte still vor sich hin.

Ihr Gesicht so seltsam hell und durchsichtig, ihre Augen so groß und erschrocken, ihre Gestalt so schlank und biegsam wie junges Schilf im Frühlingswind ...

Das Fieber zehrte an ihm.

Kam nach Hause und warf sich auf das Bett ...

Die Nacht erstarrte in der Luft. Die Nacht versteinerte, kein Lichtstrahl könnte sich durch das schwere, granitne Nachtgewölbe durchstehlen, das mit einem massigen, schwarzen Regenbogen über der Erde lagerte ...

In der dunklen Nacht schrien verzweiflungsvoll große Blumen nach der Sonne, verkrampften sich in qualvollem Leiden, richteten sich wieder auf, schossen jäh empor wie in den Konvulsionen der Starrsucht, warfen sich zur Erde in Choreakrämpfen, bogen sich spiralförmig wie in den Delirien der Besessenheit und ganze Felder weißer Narzissen starrten in sinnloser Verzweiflung mit blutigen Augen vor sich hin.

Weiße Narzissen mit Augen, die brachen und mit Blut übergingen, mit Blut, das auf den Stengeln langsam niedertroff in großen schweren Tropfen.

Und über dieser weißen Öde, gesprenkelt von den roten Flecken blutiger Tränen, ragten hoch empor zwei stolze, schlanke Stengel; zwei weiße Sterne tanzten in der Luft, reckten sich höher und höher, zerrissen mit trunkener Hoffnungslust das Dickicht des Dunkels, legten die Köpfchen leise aneinander und ihre Augen verflochten sich in dem Schweigen heiliger Ahnungen.

Er sah lange die einsamen Blumen, lächelte leise und ging weiter.

Er arbeitete sich mühsam durch ein Dickicht von ungeheuerlichsten Blumen, die jegliches Gift, jegliche Fäulnis der Erde in sich aufzusaugen schienen.

Er irrte zwischen nassem Sumpfgestrüpp, unter riesengroßen Nachtschattenbäumen, die in violettener Trauer prangten, ging an ungeheuren Tollkirschenhecken, überreich an schwerer, wie gebeiztes Ebenholz glänzenden Traubenlast, Bilsenkrautgebüschen, die mit ihren schmutzigen aschfarbenen Blüten mitternächtlichen Graus schrien, blasser Schirlingwald vertrat ihm den Weg, an den Gräben schreckten ihn die vom grauen Star überzogenen Augen des Stechapfels, die hohen Stauden des Tollkrauts schlugen ihm ins Gesicht, es blendete ihn der Hahnenfuß, der in der roten Glut des Almfeuers brannte.

Und tiefer und tiefer arbeitete er sich hinein in dies schauerliche Giftreich, bis er plötzlich in tiefstem Schreck stehen blieb.

Von allen Seiten verengerte sich der Raum, von weiter Ferne schien er heranzurasen, machte immer mehr den Platz um ihn enger und schmäler, umringte ihn mit einer Mauer und er sah sich plötzlich in einem geheimen Saal, von der Art eines Tempels von Eleusis, wo seltsame Mysterien gefeiert wurden oder einem Geheimraum des Isisheiligtums, wo die Priesterin ihren Hymen dem gottgeweihten Bock opferte, oder einer von der Göttin Kali bewohnten, unterirdischen Grotte, wo die Thuggs den Opfern von giftigen Schlangen das Augenlicht aussaugen lassen – vielleicht war er in einer verfallenen Katakombe, wo der Satan mit der Bifurka seines Phallus seine Geliebte in unmenschlicher Brunst verbluten ließ, oder einer Krypta einer mittelalterlichen Kapelle, wo gottschänderische Priester auf dem nackten Leib der Schloßherrin die schwarze Messe feierten ...

Erstaunt und schreckerfüllt sah er sich um.

Von der Wölbung hing eine Lampe herunter, dichtbesetzt von Rubinen, menstruierenden Eiern vergleichbar, faustgroßen Diamanten von dem blassen Licht eines Ödems, kostbaren Steinen, die wie Sarkomeklumpen an der Lampe hafteten, Onyxe, Berylen, Chrysolithen – und durch das giftige Wasser des kranken Edelgesteins ergoß sich eine Flut von Licht verreckender Rubinsonnen durchglüht von dem grünen Irrlicht-Golfstrom der Smaragde.

Und in dem grausigen Zauber des Lichtes, das einst vielleicht die fieberkranke Erde bei ihrem Werden in die sinnlose Zeugungsbrunst peitschte, da sie noch kochte und überschäumte von Feuer und Esse, erblickte er längs um die Mauer ein seltsames Ornament, das das Gesims bildete.

Ein und dasselbe weibliche Gesicht mit einem immer neuen Ausdruck, immer neuer Trauer, Verzweiflung, Leidenschaft, Gier, Verlangen ...

Das war ja ihr Gesicht und das unendliche Lied ihrer Seele, dachte er erstaunt.

Er sah sie rein und unschuldig wie ein Kind mit den Augen einer weißen Tuberose – still wie der Abglanz blasser Sterne im dunklen Strom – weich wie das Echo einer Hirtenflöte in der Frühlingsnacht, durchsättigt von dem berauschenden Fliederduft –

Dann wieder traurig und gramvoll, wie die Blüte einer schwarzen Rose in der erstickenden Julihitze – (nur ab und zu entreißt sich aus der Seele ein wilder Schrei, wie der geborstene Klang eines übermächtigen Akkordes, der die sonnverbrannten Graswogen der Steppe durchfurcht) –

Dann wieder jäh und verlangend, wie die Blüte des Mohns, die in der Wollust der Hingabe erstirbt: als ob sich durch das traumschwere, lustheiße Weh von neuem eine Schlange gieriger, heißer Töne, die Lustqual und Gier atmeten, hindurchschlänge.

Einmal sah er ihre Augen schwimmend in dem Nebel des Rausches, dann wieder frech und ausgelassen, als wären sie umfangen von dem Gift des indischen Hanfes – in einem Gesicht sah er ihren Mund wie die geöffnete Blüte einer mystischen Rose, dann wieder aufgequollen in dem Schrei eines geöffneten Orchideenkelches – stolz und unzugänglich wie die Blüte einer Aglaophotis und verächtlich wie Löwenmaul ...

Eine endlose Reihe von Köpfen – eines und desselben Kopfes – in allen Ausdrücken in ewig neuem Wechsel und Veränderung: eine unendliche Skala von Trauer von dem ersten Erzittern der Sehnsucht bis hinab in den tiefen Strudel irrsinniger Verzweiflung – das ganze endlose Liebeslied von dem ersten Aufzucken des Herzens, das die Adern mit Blut überströmt durch alle Liebesglut, durch alles unwissende, gierige Verlangen bis hinab in die Hölle von Brunst, die nie gesättigt, durch nichts gestillt werden kann – der ganze Sturm des irrsinnigen Liebeserotismus von dem ersten Aufkeimen des Lustgedankens, der, einer giftigen Spinne gleich, das Hirn umstrickt bis in jenes düstere, gellschreiende qualächzende Chaos hinab, wo die Seele sich selbst verliert, zerbirst und in Scherben auseinanderspringt.

Und plötzlich: Alle diese Köpfe begannen sich von der Wand loszulösen und wurden lebendig, sie fingen an sich zu formen und Gestalt anzunehmen – Arme, wollüstige, wollustgespannte, trunkene, schreiende Arme streckten sich ihm entgegen, nackte Weibergestalten drangen aus den Wänden heraus, stiegen zu ihm herab, warfen sich auf ihn, umwälzten ihn mit der Flut gierigen, abgrundstiefe Lust versprechenden Leibern – ein höllisches Lachen, Weinen, Ächzen, Kreischen tobte in dem Saal, brach sich an den tausend Ecken und Kanten des seltsamen Saals – keuchende Arme schlangen sich um ihn, warfen ihn auf und nieder, er erstickte in der wahnsinnigen Fleischeshysterie, in dem tollwütigen Orgiasmus einer entfesselten Höllenbrunst. Rings um ihn eine grausige Orgie von verflochtenen Gliedern, die sich voneinander nicht losreißen konnten in den schreienden Spasmen einer gräßlichen Kopulation, die entsetzlichsten Bilder der widernatürlichen Unzucht rollten sich von seinen Augen, es raste der wahnsinnige Sabbat von Blut und Sperma.

Und in einem Nu verschwand alles.

Er sah sie aufs Kreuz gespannt in der ganzen Pracht ihrer Nacktheit. Um ihre Arme wanden sich goldene Schlangen, ihre Knöchel waren umwunden von goldenen Schlangen und um ihre Hüften ein breiter goldener Gürtel, den auf dem Nabel eine Spange schloß, eine kostbare Lotosblume, funkelnd vom seltensten Edelgestein. Sie sah ihn an mit halbgeschlossenen Augen – hinter den langen Augenwimpern krochen hervor lüsterne Schlangen lockenden, schmeichelnden Flüsterns – sie wiegte sich wollüstig auf dem Kreuz, ihr Schoß zuckte, ihre Brüste streckten sich ihm entgegen, heiß und saugend klang ihre Stimme:

Erinnerst du dich, wie mein Vater mich nackt, voll von Scham und Angst vor deinen Thron geschleppt hat?

Denkst du noch, als du auf dem Thron, zitternd, lustschreiend saßest und nach mir deine Arme strecktest?

Ich war rein wie eine Lotosblume, da sie den Gott gebar – du hast die heilige Lampe meiner Seele zerschlagen, du hast ausgegossen die Glut, die in meinen Adern gefesselt war, meine Seele hast du mit dem Gift des Verlangens und wilder Lustträume zerfressen, um mich dann kreuzigen zu lassen.

Ihre Stimme gellte auf in keuchender Leidenschaft:

Erinnerst du dich, als deine Eunuchen goldene Nägel in die weißen Lilienblüten meiner Arme trieben – Blut spritzte in heißen Strahlen und ich habe dich gehöhnt, ich spie Flüche und Verwünschungen in dein Gesicht, ich biß deine Seele mit dem Gift meiner Rache ...

Komm, komm, du armer Sklave des Blutes, das du in die Raserei des Irrsinns gepeitscht hast, in meine Umarmung, die du nie gekostet hast – komm in die Hölle und die Unzucht, die du in mir entfesselt hast – du hast mich gekreuzigt und wälzest dich im Staub vor mir ...

Kriech doch näher heran – näher noch! Leck doch meine Füße, daß sie sich krampfen in der Fieberglut deiner Lippen – oh – noch – kräftiger, inbrünstiger noch!

Er kroch an sie heran ...

Und ein gräßlicher Schrei: O, Astaroth, Astaroth, Mutter der Hölle und der Unzucht!

Aber im selben Nu umgoß seine Stirn der Atem, ein unendlich reiner, heiliger und keuscher Atem von stillen Lilienhänden ...

Er hatte Angst seine Augen aufzumachen – er fürchtete, es sei wieder ein Traum – diesmal ein heiliger Traum des Ewigen ...

Spurlos verschwand der höllische Spuk und Graus, er fühlte wie ihre Hand über seine Stirne strich, wie sie ab und zu mit stillen, keuschen Lippen ihm die Augen schloß, und die Seide ihrer Haare mit kosender Gnade über seine Arme sich ergoß.

Er fühlte ihre Hand in der seinen, er sah zwei Sterne ihrer Augen, die niegekannte Seligkeit in sein Herz hineinleuchteten ...

Ja, das ist sie – sie – die Todesstille, die Keusche, die Heilige – die ist es, die ihm einst den Blumenstrauß geschenkt hat ...

 

Es war schon spät am Mittag, als er todmüde und fieberkrank von dem Bett sich mühsam aufraffte.

Warum meidet sie mich, warum flieht sie vor mir! dachte er verzweifelt.

Seine Gedanken verwirrten sich, tausend Pläne, tausend Beschlüsse kreuzten sich in seinem Hirn und tausend Blitze glitten über seine Seele, bis er endlich erschöpft auf den Stuhl sank.

Nichts konnte er verstehen.

Er durchdachte seine ganze Qual, sein Rasen und Irrsinn, die er durchlitten, seit sie ihm die Blumen geschenkt hat.

Der Schmerz stieg in ihm hoch und ein wilder Haß.

Aufs Kreuz lasse ich sie anschlagen, ans Kreuz! wiederholte er mit irrem Lächeln.

Er schloß die Augen und weidete sich an der Todesangst seiner Sklavin:

In einem riesigen Palasthof, irgendwo in Sais oder Ekbathana.

Rings standen seine Krieger in schwerer silberner Rüstung und goldenen Helmen – die Schuppen ihrer Brustwehr funkelten im blendenden Glanz, und ihre Augen blitzten mit der blutdürstigen Gier wilder Raubtiere.

Dreimal erschollen die Trompeten: in den Palasthof schleppten die Eunuchen die arme Sklavin.

Sie war irre vor Todesangst, ihre Lippen bluteten, sie keuchte vornüber, fiel rückwärts hin, die schwarzen Sklaven packten sie an den Armen und schleiften sie über die von der Sonnenglut versengten Fliesen an den Fuß des Kreuzes ...

Der König schloß die Augen und gab das Zeichen.

Sie warfen sie hoch auf das Ebenholz des Kreuzes, der Henker erfaßte ihre Hände, ein Sklave hielt sie fest um die Hüften, und man hörte das Klopfen des Hammers ...

Aber im selben Augenblick brüllte der König auf wie ein wildes Tier in der Tollwut.

Er riß sie vom Kreuz herab, hielt sie wie ein Kind in seinen Armen, über sein Kleid rann das Blut aus ihren Wunden, er küßte die Wunden und trank das Blut – die Sklaven, die sie anzurühren wagten, ließ er vierteilen, machte aus ihr eine Gottheit und ließ ihr Opfer bringen ...

Ja, ja ... sie war sein Gott und sie sollte von der ganzen Welt fußfällig verehrt werden ...

O Gott, wie er seine Sklavin liebte, er – ihr untertänigster Sklave!

Und warum sollte er sich so quälen?

Er beschloß jetzt plötzlich, sie aus seinem Herzen herauszureißen – nie mehr an sie denken – die Blumen hinauswerfen und das rote Band, das ihn immer so qualvoll an sie erinnerte ...

Aber als die Dämmerung kam, lief er vor das Haus, in dem sie ihm gestern verschwunden war und wartete ...

Endlich erblickte er sie, wie sie aus dem Tor trat – sie sah rings um sich, aber ihn hat sie nicht gesehen.

Er ging leise hinter ihr her.

Um sie nur nicht zu verscheuchen, daß sie ihm nicht plötzlich aus den Augen verschwände! Kaum wagte er zu atmen.

Sie ging schnell, als fühlte sie, daß jemand hinter ihr sich leise schlich – immer schneller – in der dämmrigen Allee heißblühender Akazienbäume flackerte der weiße Schein ihres Kleides wie ein Irrlicht zwischen den Rohrstauden auf einem dunklen Sumpf.

Jetzt war er schon ganz sicher, daß er sie aus seinen Augen verlieren würde, schnell trat er an sie heran, halb bewußtlos und wußte kaum, was er tat.

Sie blieb im tiefsten Schreck stehen und sah ihn sprachlos an ...

– Ich hatte Angst, Sie aus den Augen zu verlieren – sagte er endlich – Sie gingen so schnell ...

Er atmete schwer und schwieg.

Sie gingen langsam nebeneinander.

Er kam ins Gleichgewicht:

– Ich weiß nicht, wie ich es gewagt habe, Sie aufzuhalten, aber in dem Augenblick, als ich Ihnen den Weg vertrat, wußte ich nicht, was mit mir geschieht ...

Er schwieg eine Weile, dann sprach er schnell, kurz abgerissen, hastend und eindringlich, als ob er sich nur die schwere Last vom Herzen endlich abschütteln wollte:

– Sie wissen nicht, wie ich Sie gesucht habe. Tagelang irrte ich auf allen Straßen herum, in allen Kirchen, in den Gartenanlagen und Alleen, um nur einen Blick von Ihnen zu erhaschen – einen Blick nur, nein, nur seinen fernsten Glanz, den geheimsten Atemzug von Ihnen. – Ich kannte Sie nicht, nie früher habe ich Sie gesehen, ich wußte nur das eine, daß ich Sie unter Millionen von Frauen finden werde. Die, die mir den Blumenstrauß geschenkt hat, die mir ihr Augenlicht in meine Seele hineingeküßt hat, kann nur so aussehen wie Sie.

Sie ging immer schneller und er flehte und flüsterte heiß:

– O, wie ich dich liebe, du meine göttliche Sklavin. Meine Erde bist du und mein Lied, alles bist du, was in mir tief und rein ist ... Ich trage dich in mir wie eine heilige Sonne – in dem Abgrund meiner Seele leuchtest du wie der Abglanz eines mächtigen Sterns in dem Sturm der Ozeane – deine Augen wie zwei Tuberosensterne, und jede Nacht schlingst du um mich die biegsamen Weidenäste deiner Glieder ...

Sie blieb zitternd stehen und ließ den Kopf tief sinken.

– Wie oft hielt ich dich in meinen Armen, wie oft habe ich mit unendlicher Liebe dein Gesicht gekost, wie oft deine Augen geküßt, dich auf meine Brust hochgeworfen und aus deinen Lippen göttliche Lust gesogen!

Er faßte sie am Arm. Sie zitterte wie ein Herz, das frisch aus der Brust gerissen wird.

– Sag mir doch ein Wort, nur ein Wort. Ich weiß, daß du mich liebst, daß du mich lieben mußt, denn, wer solche Blumen schenkt, der muß lieben.

Du wußtest gut, daß du dich selbst mir schenktest, als du mir die Blumen gabst.

Wieder schwieg er, sah sie nur an voll flehender Angst.

Sie antwortete nicht, entzog ihm ihre Hand und ging still weiter.

– Sag doch nur ein Wort, flehte er. Wenn du willst, werde ich nie mehr ein Wort an dich richten – erlaub nur, daß ich dir von ferne folge, daß ich ab und zu deinen Blick erhasche, daß ich deine Gestalt, die Musik deiner Schritte, die endlose Harmonie deiner Bewegungen koste.

Erlaub es mir, du weißt nicht, wie ich mich quäle, was für wahnsinnige Träume mich in Irrsinn peitschen – sag nur ein Wort – sag wenigstens, daß ich von dir weggehen soll ...

Er verwirrte sich immer mehr, stotterte, stockte, quälte sich unsagbar, verwickelte sich und vergaß, was er ihr sagen wollte.

Tränen flossen langsam über ihr Gesicht, aber kein Aufzucken, keine Muskelbewegung verriet, daß sie weinte. Sie weinte still das Blut ihres Herzens aus, sie weinte, wie eine Möwe weint, die den Weg verloren hat, sich schmerzlich zurücksehnt und – nicht zurückkann.

Eine ganze Welt fühlte er in sich krachend zusammenfallen. Eine wüste, hoffnungslose Trauer umfing sein Herz – er ging neben ihr wie in der Stunde des Untergangs, da die Sonne auf ewig verlischt, und die ewige Nacht sich über die Erde schauerlich wölbt.

Er ging, als ginge er an das Ende der Welt, um sich hinüberrudern zu lassen an das geheime Ufer schattenloser Bäume, erstorbener, kalter Friedhofsluft, in der unbewegliche Vögel mit leblos ausgebreiteten Fittichen ruhten.

Etwas von ihm ergoß sich in sie hinein – vielleicht empfand sie dieselbe grenzenlose Trauer, dasselbe Vorgefühl der ewigen Öde und Stille des Todes, sie erschauerte, schob ihren Arm unter den seinen und preßte sich leise an ihn ...

– Ich habe Angst! flüsterte sie leise.

Sie sahen sich an im tiefsten Schreck– Der Atem stockte in ihrer Brust in der Erwartung eines Etwas, das mit dem Jüngstengerichtschrecken über sie kommen sollte.

Und im Nu wälzte sich über seine Seele mit einer gräßlichen Flut von Qualen sein Golgatha der letzten Tage. Ein wilder Zorn brandete in seinem Hirn, er packte sie wütend an den Händen, preßte sie mit eisernem Druck und schrie wütend:

– Ans Kreuz lasse ich dich schlagen! Ans Kreuz, ans Kreuz!

Sie stand einen Augenblick bebend vor Schreck, zitterte wie Espenlaub, dann entwand sie sich seiner wütenden Umarmung und lief im rasenden Lauf dahin.

Er sah sie fliehen, aber die ganze Welt fing an in seinen Augen zu kreisen, Blitze schossen in das Dunkel hinab, eine Sonne stürzte krachend in die Tiefe ...

Lautlos, als hätte ihn jemand mit unsichtbarer Sense gestreckt, fiel er zu Boden ...

 

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