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Andrew Brown - Der rote Spion

Friedrich Joachim Pajeken: Andrew Brown - Der rote Spion - Kapitel 1
Quellenangabe
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typefiction
authorFriedrich J. Pajeken
titleAndrew Brown ? Der rote Spion
publisherLoewes Verlag
illustratorWilly Planck
firstpub1894
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20091025
projectidb68a57ea
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Zu rechter Zeit

Südlich und östlich von den Black-Hills – an der Nordecke des Staates Nebraska und der Südecke des Staates Dakota – erstrecken sich die sogenannten Bad-lands. Das Gelände ist zum Teil bergig, zum Teil besteht es aus weiten, meistens beinahe kahlen Flächen. In ihrem steinigen Boden gedeihen nur kümmerlich einige Gräser und hier und dort einzelne verkrüppelte Pechtannen, sowie der sagebrush, der Salbeibusch, der mit wenig Nahrung zufrieden ist.

Unzählig sind die washouts, das sind Rinnen, die das im Frühjahr von den Höhen rieselnde Wasser nach und nach in den steinigen Boden grub. Breite Spalten und tiefe Schluchten, durch die Bäche über Steingeröll und Felsblöcke schäumend talabwärts rauschen, machen es dem Unkundigen kaum möglich, das Land zu kreuzen. Es spricht der emsig fortschreitenden Kultur Hohn, die hier keinen Segen zu ernten vermag.

Der Farmer sieht mit Verachtung darüber hinweg, und auch der Rancher, der Viehzüchter, bleibt ängstlich dem pfadlosen, wild zerklüfteten Lande fern, in welchem seine Rinder kaum Futter finden und ständig Gefahr laufen würden, Genick und Beine zu brechen und winters in dem Schneetreiben gewiß rettungslos zugrunde zu gehen.

Es ist Herbst. Aus dem dichtbewölkten, bleigrauen Himmel ergießen sich von Zeit zu Zeit heftige Regenschauer, und rauhe Stürme lassen das öde, wilde Land noch unwirtlicher erscheinen.

Nördlich von dem Flüßchen South-Fork führt aus den Bad-lands eine breite Schlucht in die Black-Hills. Die schroffen, vielfach gespaltenen und ausgezackten Felswände, die sich an beiden Seiten der Schlucht emportürmen, sind von schwarzem Gestein. Den Boden der Schlucht bedeckt ein wüstes Durcheinander von Felstrümmern, aus denen sich einzelne mächtige, zum Teil seltsam geformte Felsblöcke erheben, als seien sie hervorgewachsen. Die tote Starrheit der dunklen Felsen ringsumher mildert keine grüne Pflanze. Das wenige Gras ist verwelkt, und dürr hängen die Blätter am spärlich vorhandenen Strauchwerk.

Hoch oben am Rande der einen Felsenmauer klammert eine Pechtanne ihre Wurzeln in das nackte Gestein. Das Leben in ihr ist entflohen. Ihre Zweige sind kahl. Bedenklich neigt sie sich über den schwindelnden Abgrund, und es ist, als genüge ein leichter Stoß, sie in die Tiefe zu schleudern, wo die öde, unheimliche Einsamkeit jedes lebende Wesen verscheucht zu haben scheint.

Plötzlich mischt sich in das Pfeifen des Windes, der über die Höhen saust, weiter nach dem Eingange der Schlucht hin eine menschliche Stimme.

»He! Ruhig! Ruhig, Jenny! Sei vernünftig! He! Ho!« klingt es halb ängstlich, halb befehlend.

Vorsichtig und lauschend tritt jetzt eine Gestalt aus einem breiten Spalt in der Felswand gegenüber der Pechtanne, die dem Verderben geweiht ist. Es ist ein junger, kaum dem Knabenalter entwachsener Indianer. Das Lederhemd schließt eng an. Lange Fransen schmücken es auf der Brust, auf dem Rücken und an den Ärmeln. Die Beinkleider sind bis zum Knie eng; von da abwärts sind sie an den Seiten aufgeschlitzt. Der schlanke Körper kommt in ihnen voll zur Geltung.

Der junge Indianer trägt einen patronengespickten Gürtel, an dem ein großer Revolver und ein langes Messer in Lederscheiden sitzen, um den Leib. Schußbereit hält er eine Büchse in den Händen. Lang hängen ihm die schwarzen Haare bis auf die Schultern. Doch wie er sie nun, den Kopf zurückwerfend, in den Nacken schüttelt und sein rotbraunes Antlitz dem vollen Lichte zuwendet, fehlt diesem die breite, knochige, dem roten Volke eigene Form. Auch die Nase ist mehr geradlinig als gebogen. Die Lippen sind voller; und zwei große, graublaue Augen, von langen, schwarzen Wimpern beschattet, schauen unter dunklen Brauen Das Gesicht des Indianers ist stets haarlos. Die Augenbrauen entfernt er mit einer kleinen Zange. hervor.

»He! Ho! Halt, Jenny! Zum Henker! Nieder mit dir! Ruhig!« ertönt es abermals lauter, ängstlicher und an den Felswänden widerhallend.

Behutsam und tief zur Erde niedergebeugt schleicht der junge Bursche nach der Richtung, von wo die Stimme erschallt. Näher und näher klingt sie an sein Ohr, zuletzt ganz nahe. Nun richtet er sich hinter mehreren, dicht aneinander lehnenden Felsblöcken auf und schaut zwischen ihnen hindurch.

Keine zwanzig Schritt von ihm entfernt rupfen zwei beladene Packpferde gierig einzelne trockene Grashalme ab, die zwischen einem Haufen Felstrümmern stehen. Unweit von ihnen liegt ein Gaul auf dem Boden, der mit scharfen, eckigen Steinen und Geröll bedeckt ist. Unter dem Gaul aber liegt mit dem rechten Bein ein Mann, der augenscheinlich seine letzte Kraft aufbietet, um den Kopf des Tieres niederzudrücken, das Miene macht, sich auf den Rücken zu wälzen und seinen Reiter vollends unter sich zu begraben.

Über das Gesicht des braunen Burschen gleitet ein höhnisches Lächeln. Er weidet sich mit sichtlicher Wonne an der verzweifelten Lage des weißen Mannes, dessen Kräfte jetzt stark nachlassen.

Endlich sinkt er machtlos zurück.

Da umklammern zwei Arme den Hals seines Pferdes und reißen es zur Seite. Dann fühlt er sich unter den Schultern gepackt, mit einem Ruck unter der lebenden Last hervorgezogen und eine kurze Strecke fortgeschleift.

Das Pferd rollt nach der Seite, dorthin, wo er gelegen hat, worauf es vergeblich versucht, sich zu erheben.

Einen Augenblick lag der Weiße wie ohnmächtig. Dann stützte er sich auf den Ellenbogen und nickte seinem Retter lächelnd zu.

Der Weiße war ein schon älterer Mann mit wetterhartem, faltenreichen Gesichte, das von grauem Haupthaar und kurzgeschorenem, grauen Bart umrahmt wurde. Seine Kleidung bestand aus einer Lederjacke, wollenem Hemd und ledernen Beinkleidern, die in hohen, bis zum Knie reichenden Stiefeln steckten. Um die Lenden trug auch er einen patronengespickten Gürtel mit Revolver und Messer.

»Gott sei gedankt, der dich in meiner großen Not zur rechten Zeit sandte, Andrew Brown!« Sprich: Andru Braun. sprach er mit einem tiefen Seufzer der Erleichterung. »Keine Minute später durftest du kommen, sonst wären nicht viel Knochen in meinem Körper heil geblieben, – ja – es wäre wahrscheinlich mit mir vorbei gewesen.«

»Mich sandte niemand,« gab der Bursche trotzig zurück und lehnte sich mit beiden Armen auf den Lauf seiner Büchse. »Schreien hörte ich Euch wie eine Elster, die der Fuchs gefangen hat, und das trieb mich her. Wenn Ihr es nicht gewesen wäret, Tom Collins, hätte ich Euch von dem Gaule zerquetschen lassen und keinen Finger gerührt.«

Er lachte erheitert und zeigte nach dem Pferde, dessen Anstrengungen, sich emporzurichten, erfolglos blieben. »Wie es zappelt und sich abmüht! Ein gesunder Gaul hat schon Mühe, sich zwischen den Steinen zu erheben. Der mit seinen drei Beinen wird es nie fertig bringen«, sagte Andrew Brown mit einem spöttischen Lächeln.

»Potz Wetter, du hast recht!« rief Tom Collins betroffen und sprang auf. »Jetzt sehe ich es. Das arme Tier hat das linke Vorderbein gebrochen. – Pfui! Schäme dich, Junge! Wie können dich die Qualen des bedauernswerten Geschöpfes ergötzen?« sagte er unwillig.

Er trat rasch zu dem Pferde, das in seinen Bemühungen matt und keuchend innehielt. »Haben meine guten Lehren bei dir so wenig gefruchtet oder sind die schlechten Gesinnungen des roten Volkes so sehr mit dir verwachsen? Empfindest du auch wie sie eine solche teuflische Lust, wenn es andere leiden sieht, daß du sie nicht abzulegen vermagst?«

Andrew Browns Miene verfinsterte sich bei den letzten Worten. Tom Collins klopfte den Hals seines Pferdes liebkosend und fuhr mitleidig fort: »O, o, arme Jenny! Arme Jenny! Was soll ich jetzt mit dir anfangen? – Hm! Hm!«

Er kraute sich hinter dem Ohr und schaute traurig auf das gebrochene, zur Seite gebogene Bein. »Arme Jenny, da gibt es nur ein Mittel hier inmitten der Wildnis, und es ist zugleich eine Wohltat für dich. Ich kann dir leider deine jahrelangen treuen Dienste nicht besser lohnen, als daß ich dich bald von deinen Schmerzen befreie.«

Langsam zog er seinen Revolver aus der Tasche. Sein Vorhaben wurde ihm sichtlich schwer. Dann war es, als schäme er sich seines Zögerns. Hastig setzte er die Mündung der Waffe hinter das rechte Ohr des Tieres. »Lebe wohl, du treuer Freund!« sprach er mit zuckenden Lippen.

Der Schuß krachte und das Pferd brach verendend in sich zusammen.

Tom Collins beugte sich zu ihm nieder und streichelte den Hals des Tieres, bis es die Beine von sich streckte und sich nicht mehr regte. Dann wandte er sich langsam ab und schob den Revolver in die Tasche zurück.

Der braune Bursche hatte ihm erstaunt zugeschaut, ohne seine Stellung zu verändern. Es war nach seiner Ansicht lächerlich, noch einen Schuß an ein Pferd zu verschwenden, das nicht mehr zu gebrauchen war – besonders hier, wo es den stets hungrigen Wölfen, die in Massen umherstreifen, sehr bald zum Opfer fiel. Das verächtliche Lachen, in das er ausbrechen wollte, verging ihm aber, als er jetzt das wehmütige Antlitz des weißen Mannes sah. Eine Träne rann aus seinem Auge in den grauen Bart. Da meinte der Bursche leichthin: »Wie könnt Ihr dem Gaule noch freundlich gesinnt sein, der Euch bald getötet hätte?«

»Hätte das Tier dort menschlichen Verstand gehabt, so hätte es mich gewiß nicht gefährdet,« antwortete Ton Collins einfach und rieb sein rechtes Bein und seine rechte Seite.

»Hm! Hm! Ganz ohne Folgen ist der Sturz doch nicht geblieben«, sprach er besorgt weiter. »Das ist recht unangenehm! Jetzt muß ich meinen Weg zu Fuß fortsetzen.«

Er schritt einige Male auf und ab. »Es schmerzt etwas. – Hm! Hm! – Es wird wohl schon noch gehen, wenn ich kurze Zeit gerastet habe und mich von meinem Schrecken erhole,« tröstete er sich und machte sich daran, das tote Pferd abzusatteln und abzuzäumen.

Inzwischen begann es zu regnen. Zuerst fielen nur einzelne Tropfen. Dann goß es in Strömen vom Himmel.

Andrew Brown blickte unruhig nach den dichten, dunkelgrauen Wolken hinauf. »Das Wasser wird längere Zeit vom Himmel fließen,« sagte er und schüttelte sich. »Ich weiß in der Nähe einen trockenen Platz. Kommt mit mir dorthin!«

Tom Collins nickte. »Sobald ich hier fertig bin, begleite ich dich gern dorthin, mein Junge.«

Der Bursche brummte mürrisch etwas vor sich hin. Der Regen war ihm sehr unbehaglich, und die Arbeit des Weißen dauerte ihm viel zu lange. Es kam ihm aber nicht in den Sinn, ihn zu unterstützen. Er war dem Manne erst behilflich, als dieser sich vergeblich abmühte, den Sattelgurt unter dem Pferde hervorzuziehen und es jetzt wolkenbruchartig vom Himmel strömte.

Tom Collins verteilte Zaumzeug und Sattel sowie die Decken und Büffelfelle, die hinter diesem festgeschnallt waren, auf die beiden Packpferde. Dann folgte er, indem er sie am Zügel führte, hinkend und unter sichtlichen Schmerzen Andrew Brown in die Schlucht und in den Felsspalt hinauf, aus dem der Bursche vorhin hervorgetreten war. Dieser Spalt mündete in eine geräumige Höhle. In ihrem Hintergrunde stand, an eine Felszacke gebunden, ein gesatteltes Pferd, das die Gäule des Weißen wiehernd begrüßte, als er sie nach sich in die Höhle zog.

Mit schmerzverzerrtem Gesicht ließ sich Tom Collins auf einen der großen Steine nieder, die am Boden lagen. Andrew Brown setzte sich ihm gegenüber.

Beide schwiegen eine längere Weile.

Draußen klatschte der Regen und heulte der Sturm.

»Zum zweiten Male hast du mich heute vor Unheil bewahrt, – ja – mir vielleicht sogar das Leben gerettet,« hub Tom Collins zuerst wieder an. »Auch damals kamst du zur rechten Zeit, als mich die Wegelagerer aufknüpfen wollten. Eine Minute später – und ich hätte am Baumast gehangen.«

»Die Sonne bleicht die Schädel der zwei weißen Männer und ihre Skalpe schmücken die Pfeife Mitasa-os«, murmelte der braune Bursche.

Tom Collins achtete nicht auf den Einwurf. Schnell fuhr er fort: »Heute sagst du mir, daß du nicht geholfen hättest, wenn ich es nicht gewesen wäre, dem die Gefahr drohte, von dem Pferde erdrückt zu werden, das sich in seiner Pein herumwälzte.«

»So ist es!« entgegnete Andrew Brown kurz. »Ich hasse die Weißen. Nur Euch hasse ich nicht, weil Ihr mir bewiesen habt, daß Ihr nicht wie Eure Brüder seid.«

»Du hassest sie, und dennoch könntest du dich mit größerem Rechte zu ihnen zählen, als du jetzt glaubst, zu dem roten Volke zu gehören. Du bist ein Halbindianer. Dein Vater war ein Weißer, und nur deine Mutter, sein Weib, eine Indianerin.«

»Er hinderte nicht, daß ich unter dem roten Volke aufwuchs. Wenn ich denke, wie meine roten Brüder denken, so hat er die Schuld,« erwiderte der Bursche trotzig. »Die Weißen sind wie Jäger, und das rote Volk ist das Wild. Wir sollen wie Hunde sein, die sie hintreiben können, wohin sie wollen. Sie reißen die Jagdgründe, die uns gehören, an sich, als wären sie ihr Eigentum. Sie verlocken meine Brüder, die wie Kinder sind, mit Silber und mit Feuerwasser. Aber sie sollen sich hüten! Noch ist die Kraft des roten Volkes nicht gelähmt wie das Bein Eures toten Pferdes. Es ist nur wie ein Bär, der schläft. Doch es wird erwachen.« Nach kurzer Pause fuhr er fort: »Für mich gibt es noch eine Tat zu vollbringen, noch kühner als die, durch die ich bereits zeigte, daß ich trotz meiner sechzehn Sommer kein Knabe mehr bin. Dann muß man mich zum Krieger ernennen – und bin ich erst das, so will ich auch Häuptling werden. Als Häuptling aber will ich mein Volk aus dem Schlafe aufrütteln. Meine Klugheit, die ich von meinem Vater erbte, soll mir helfen, mein Volk zum Vernichtungskampfe gegen die Weißen zu führen. Ich will nicht eher rasten, als bis sie zurückgedrängt sind, hinaus aus unseren Jagdgründen, als bis viele, viele die Erde mit ihrem roten Blute tränken. Ich werde meinen Vater finden! Er soll einer der ersten sein, dessen Skalp an meinem Gürtel hängt. Er soll es büßen, daß er mich und meine Mutter schnöde verließ! Tod und Verderben allen Weißen!«

Andrew hatte sich erhoben und immer erregter gesprochen. Seine Augen funkelten, und bei den letzten, laut hervorgestoßenen Worten schüttelte er zornig die geballten Fäuste.

»Tod und Verderben allen Weißen?« wiederholte Tom Collins lächelnd.

»Jetzt plötzlich mache ich keine Ausnahme mehr?«

»Wenn Ihr Euch feindlich gegen mich stellt, wie Eure Brüder das tun, und mit ihnen – nein!« versetzte der Bursche schroff.

Wieder schwiegen beide kurze Zeit.

»Weißt du gewiß, daß dein Vater dich und deine Mutter böswillig verließ?« fragte Tom Collins dann eindringlich.

»Waha-u, der große Häuptling, hat es mir gesagt,« antwortete Andrew Brown stolz.

»So? Er hat es dir gesagt. Darum glaubst du es?« Tom Collins zuckte die Achseln geringschätzig. »Wenn du wirklich den Verstand deines Vaters hättest, müßtest du wissen, daß deine roten Brüder alle mit doppelter Zunge reden. Deine Mutter entstammt den Sioux. Du weißt, daß die Arrapahoës ihnen von jeher feindlich gesinnt waren und es noch bis auf den heutigen Tag sind. Es scheint mir daher sehr unwahrscheinlich, daß deine Mutter einst mit dir zu ihnen floh. Ja, ich weiß, das behauptet Waha-u, der gelbe Büffel. Er kann freilich reden, was ihm beliebt, denn deine Mutter ist seit vielen Jahren tot.«

Andrew schritt, ohne etwas zu entgegnen, nach dem Eingange der Höhle und schaute in den immer noch heftig herabströmenden Regen.

»Ich bedaure das rote Volk von Herzen,« hub Tom Collins nach kurzem Sinnen wieder an. »Unaufhaltsam breitet sich die Kultur, die immer rüstiger fortschreitet, über die noch brach liegenden Länder der Erde aus. Was sich ihr nicht unterwirft, rottet sie unbarmherzig aus. Das ist der Welt Lauf.«

»Ja«, fuhr er fort, »wenn deine roten Brüder arbeiten könnten, wenn sie im Schweiße ihres Angesichts mit denen schaffen könnten, die bewußt oder unbewußt die Kultur fördern, dann gingen sie nicht zugrunde. Dann würden sie sich auch nicht geknechtet und unterdrückt fühlen. Es ist jedoch wider ihre Natur, die Hände zur Arbeit zu regen, und deshalb müssen sie schließlich weichen, mögen sie sich sträuben, so viel sie wollen.«

Tom Collins wandte sich zu dem Burschen hin: »Was deinen Plan angeht, dem armen roten Volke wieder zu seinem Rechte zu verhelfen, so wäre er zu achten, wenn dich das Mitleid leitete. Dich treibt aber der Haß vorwärts, ein vielleicht unbegründeter Haß gegen deinen Vater und deshalb blindlings gegen alle Weißen. Dich treibt der Ehrgeiz, oder besser die Begierde, – das Verlangen, bei deinen roten Brüdern eine hervorragende Stellung einzunehmen, denn du fühlst wohl, daß sie infolge der Fähigkeiten, die du von deinem Vater geerbt hast, unter dir stehen.«

Er schwieg einen Augenblick und sah zu Andrew auf. Dann sagte er: »Du tust mir leid, mein Junge! Denn du vergißt, daß du Halbindianer bist. Deine roten Brüder werden dich nie voll zu ihresgleichen zählen. Strebst du dennoch deinem Ziele zu, so werden sie dir zeigen, wie sie dich mißachten. Das wird für dich eine bittere Enttäuschung sein, vor der ich dich gerne bewahren möchte.«

Andrew Brown winkte abwehrend mit der Hand. Tom Collins ließ sich jedoch nicht stören und fuhr freundlich fort: »Schon als du mir zum ersten Male das Leben gerettet hattest, schlug ich dir vor, das rote Volk zu verlassen und mit mir zu gehen. Viel kann ich dir allerdings nicht bieten, denn was ich als Indiantrader Unterhändler mit Indianern. verdiene, reicht gerade aus, mein Leben zu fristen. Ich verlangte nie mehr, und darum bin ich redlich und ehrlich geblieben, im Gegensatz zu so vielen anderen meines Gewerbes. Ich will dich aber alles Gute lehren, was in mir wohnt, – und ich will mich nach Kräften bemühen, in dir die Lust zur Arbeit zu erwecken. Gott wird mir beistehen, daß es gelingt. Dann wirst du zufrieden und glücklich sein; denn nur in der Arbeit, im Schaffen liegt das Glück des Menschen.«

Er fügte nachdenklich hinzu: »Einst habe ich es selbst erfahren.« Doch er strich sich schnell über die Stirn, als wollte er die Gedanken dahinter verscheuchen, und er sprach freundlich weiter: »Willige ein, mein Junge! In dir sitzt ein guter Kern. Noch ist es Zeit, zu verhindern, daß die rauhe, harte Schale, die ihn umgibt, zu Stein verhärtet. Das befürchte ich, wenn du noch länger bei dem roten Volke bleibst. Der Winter naht. Bald verkrieche ich mich in meinen Fuchsbau unweit von Fort Reno. Dort bleibe ich, wie du weißt, still und einsam bis zum Frühjahr. Jetzt ziehe ich noch zu den Cheyennes und dann noch einmal zu euch, den Arrapahoës. Wenn ich mich dann dort wieder einrichte, folge mir dorthin.«

Andrew schüttelte den Kopf, ohne sich umzuwenden. Der Indiantrader verließ leise stöhnend und sich vorsichtig reckend seinen Sitz. »Überlege es dir, mein Junge! In etwa einem Monat bin ich bei euch. Bis dahin – Auf Wiedersehen! – Der Regen läßt nach. Ich will wieder aufbrechen. Ich muß mich sputen, wenn ich noch vor Abend den Green-Fork erreichen will, wo ich bequem übernachten kann und wo meine Tiere auch noch einiges Futter finden. Mit meinem halblahmen Bein wird es langsam gehen.«

Der Bursche ging zu seinem Pferde und nahm ihm Sattel und Zaum ab. »Reitet diesen Gaul! Ich brauche ihn nicht«, sprach er leichthin. »In unserem Camp Lager habe ich noch drei andere Tiere, und«, fügte er verschmitzt und vor sich hinflüsternd hinzu, »wenn meine Absicht gelingt, bringe ich mindestens noch zwanzig heim.«

Freudig überrascht sah ihn Tom Collins an. »Sieh, mein Junge, das ist wieder einer von deinen guten Zügen, – einer deiner roten Brüder wäre dessen nicht fähig«, sagte er warm und legte dem jungen Halbindianer die Hand auf die Schulter. »Habe Dank! Ich nehme dein Anerbieten gern an. Jetzt, wo ich auf den Beinen stehe, regt sich doch die Sorge in mir, daß mir das Laufen herzlich sauer werden möchte. Wenn ich zu euch komme, liefere ich das Pferd wieder ab.« Er kraute sich hinter dem Ohr. »Bedenkst du aber auch«, sagte er dann, »wie weit du von eurem Camp entfernt bist?«

»Pah!« rief Andrew Brown geringschätzig. »Für mich gibt es keine Entfernungen. Und ob ich laufe oder reite, ist mir gleich.« »Ja, ich weiß es, mein Junge«, nickt der Indiantrader. »Wenn es gilt, das Land zu durchstreifen, so machst du es nicht wie deine roten Brüder heutzutage, die gemächlich vorwärtsziehen, jedes Hindernis weit umgehen und stets darauf bedacht sind, daß sie ja ihre gehörige Ruhe und ihre reichlichen Mahlzeiten nicht einbüßen. Du scheust weder Entbehrungen noch Mühen. Daher bin ich auch überzeugt, daß du auch jede Arbeit leicht überwinden wirst, bis du deine Freude an ihr hast. Dann hört die Arbeit auf, Arbeit zu sein.«

Nachdem Tom Collins das Pferd mit seinem Sattel und Zaumzeug versehen hatte, führte er es zusammen mit den beiden Packgäulen in das Freie.

Andrew folgte ihm.

Bevor der Indiantrader in den Sattel stieg, wandte er sich noch einmal seinem jungen Freunde zu. »Glaube mir, mein lieber Andrew, es wäre wahrlich besser für dich, wenn du dem roten Volke den Rücken kehrtest und künftig bei mir bliebest«, sagte er in herzlichem Tone.

»Weise es nicht kurz ab! Überlege es dir wenigstens und – denke an meinen Rat! Vergiß nicht, daß du ein Halbindianer bist! – Sieh! Den Namen, Andrew Brown, habe ich dir schon gegeben, weil ich in dir mehr den Weißen als den Indianer sehe. Laß mich nun auch in dir erwecken, was dir noch fehlt, damit du nach deinen Gesinnungen ganz ein Weißer bist. Gott wird mir helfen, daß ich aus dir einen brauchbaren, gesitteten Menschen mache. Er weiß, daß ich es gut mit dir meine, – so gut, wie es wohl ein Vater nicht besser mit seinem Sohne meinen könnte.«

»Euer Gott wird sich nicht viel um mich kümmern«, erwiderte der Bursche. Der spöttische Ton aber, in dem er es zu sagen beabsichtigte, wollte ihm nicht recht gelingen.

»Wie oft habe ich dir schon wiederholt, daß der Gott, den du unseren Gott nennst, auch der eurige ist«, versetzte Tom Collins und fuhr mit erhobener Stimme fort: »Es gibt nur einen Gott, und dieser Gott ist der Vater aller Menschen. Er hält seine Hand schützend über sie alle, und auf ihrem Haupt wird kein Haar gekrümmt, wenn er es nicht will. Ohne seinen Willen haucht kein Tier sein Leben aus, und keine Pflanze welkt ohne seinen Willen dahin. Sieh dort oben jene tote Tanne, die sich über den Abgrund neigt! Gott hat die Macht, sie vor dem Sturz in die Tiefe zu bewahren!«

Andrew warf einen Blick nach dem Baume, der im Winde leise schwankte. Er drohte jeden Augenblick herabzustürzen. Ein spöttisches Lächeln zuckte um den Mund Andrews, während der Indiantrader in den Sattel kletterte, wobei er ein schmerzliches Stöhnen nicht unterdrücken konnte.

»In einem Monat sehe ich dich wieder, so Gott will«, sagte er darauf und reichte dem Burschen die Hand. »Ich will dir von Herzen wünschen, daß du mich dann begleitest. Lebe wohl!«

Er nickte ihm freundlich zu. Wehmütig schaute er noch einmal nach der Stelle, wo sein totes Pferd lag. Dann drückte er seinem Gaule die Sporen in die Seiten. »Get up! get up!« Soviel wie unser deutsches: »Hüh! Hott!« rief er den Packtieren zu. So trieb er diese vor sich her und ritt die Schlucht hinauf fort.

Andrew Brown sah ihm verstohlen nach, bis der Weiße zwischen den Felsenmauern verschwunden war. Dann schaute er wieder hastig nach der einsamen Tanne. Als er sie eine Weile sinnend betrachtet hatte, lachte er laut und höhnisch auf.

»Pah, Tom Collins!« murmelte er, indem er schnell die Schlucht kreuzte. »Gleich soll mir dein Gott zeigen, was er vermag.«

Er warf seine Büchse am Riemen über die Schulter. Dann erklomm er die Felswand an dem zackigen Gestein mit affenartiger Behendigkeit und schob sich zwischen den überall klaffenden Spalten hoch. Oben eilte er mit fliegendem Atem zu dem Baume. Er legte die Rechte rasch an den Stamm und versuchte mit einem kräftigen Ruck, die Tanne in die Tiefe zu stürzen. Aber in ihr befand sich noch zu viel Schwungkraft. Von dem heftigen Stoße neigte sie sich wohl weit nach vorn hinüber. Dann schnellte sie doch kräftig zurück. Eine ihrer Wurzeln, die nach dem Abgrund zu liefen, hob sich hoch, und ein Stein schob sich darunter. An den Seiten lösten sich gleichzeitig mehrere größere Felsstücke und legten sich unten so um den Stamm, daß er jetzt beinahe steil aufrecht und wie eingekeilt stand.

Maßlos erstaunt starrte der Bursche auf die Tanne. Als nun die Sonne durch die Wolken brach und einer ihrer Strahlen sekundenlang den Baum, der vom Sturze gerettet war, in ein glänzendes Licht tauchte, beschlich ihn ein unheimliches, unsicheres Gefühl. Wie ein Dieb stahl er sich hinweg. Doch er sah sich immer wieder nach der Tanne um, bis ein Hügel sie seinen Blicken entzog.

Da atmete er unwillkürlich erleichtert auf und schritt über eine stark wellige, kurze, kahle Fläche langsam weiter. Das Wunderwerk in seinen Augen hatte ihm den Glauben an den Gott des weißen Volkes und an dessen Allmacht näher gerückt. Vergeblich sträubte er sich dagegen. »Es gibt nur einen Gott, und dieser Gott ist der Vater aller Menschen«, klangen ihm die Worte des Indiantraders unaufhaltsam im Ohr.

Auf einer Anhöhe, die meilenweit sämtliche übrigen Höhen überragte, blieb er stehen. In Gedanken versunken ließ er die Blicke über das wilde, hügelige Land schweifen. Da zuckte er plötzlich zusammen und schaute mit atemloser Spannung nach dem Osten. Sein scharfes Auge hatte dort Rauch entdeckt, der in der Ferne aus dem Boden hervorzuquellen schien. Er riß die Büchse von der Schulter und umklammerte sie mit beiden Händen. Eine kühne Begeisterung flammte auf seinem Antlitz. Vergessen war, was noch soeben sein ganzes Denken erfüllte.

»Euch ist es noch unbehaglicher als mir, wenn Wasser eure Haut berührt. Euch rollt das reine Blut des roten Volkes durch die Adern«, murmelte er. »Ihr suchtet Schutz vor dem Naß, das vom Himmel strömt, – deshalb ließet ihr mich warten. Bleibt nur, wo ihr seid. Dort überrasche ich euch noch lieber als in der Schlucht.– – Verleihe mir Kraft und hilf mir, guter Geist, den Feinden zu schaden!« rief er laut. Doch gleich darauf sah er sich scheu nach der Tanne um, die von seinem erhöhten Standpunkte aus aufs neue sichtbar war. Soeben streifte sie wieder ein Sonnenstrahl, der über das Gelände flog. Ihm war, als höre er jetzt ganz deutlich neben sich die Worte: »Es gibt nur einen Gott, und dieser Gott ist der Vater aller Menschen!« Er warf den Kopf trotzig in den Nacken und eilte schnell in der Richtung weiter, wo der Rauch ihm den Aufenthalt der Feinde verriet, die er seit Tagen suchte und seit dem Morgen erwartete.

Es war ein weiter, beschwerlicher Weg, den er zurückzulegen hatte, aber er überwand die größten Schwierigkeiten ohne sichtliche Mühe. Die steilsten Abhänge glitt er sicher hinab, indem er jeden Felsvorsprung, jede Zacke als Stütze benutzte. Sein schlanker, geschmeidiger Körper schwang sich leicht über mannsbreite Spalten und Klüfte, und so behende wie vorhin erkletterte er die Höhen, die seinen Pfad kreuzten. Er wich jedoch auch oft gänzlich von der bisherigen Richtung ab und schlug sie erst nach geraumer Zeit wieder ein. Hier wandte er sich dem größten Felsengewirr zu, das zu übersteigen kaum möglich schien. Hinter diesem befand sich dann eine längere Strecke ebenen Bodens, auf dem sich rascher vorwärtskommen ließ. Dort kroch er am Fuße einer riesenhaften, steilen, glatten Felswand in einen schmalen Spalt, der von Steinblöcken und Gestrüpp fast bedeckt war. Mehrere Sekunden umgab ihn dunkle Nacht. Dann wurde es wieder hell, und der Spalt erwies sich als ein Gang, der unter der Felswand hindurchlief.

Es ließ sich leicht erraten, daß Andrew Brown das Land genau kannte, denn er eilte stets ohne Zögern weiter. Nur dann, wenn er wieder auf dem Gipfel einer der höchsten Höhen angelangt war, spähte er nach dem Rauche aus, dem er sich mehr und mehr näherte.

Jetzt achtete er des Regens nicht mehr, der sich von Zeit zu Zeit immer wieder ergoß. Auch die Worte seines väterlichen Freundes, die in ihm nachklangen, verfolgten ihn nicht mehr, so sehr sie ihn vorhin mit Unruhe und Unbehagen erfüllt hatten. Nur das eine Ziel schwebte ihm vor: das Lager der Feinde.

Die Nacht brach schon herein, als er es bis auf etwa vierhundert Schritt erreicht hatte. Nun mäßigte er seine Schritte. Gleich darauf setzte er seinen Weg, der zwischen großen Steinen eine Anhöhe hinaufführte, kriechend fort. Seine Nasenlöcher blähten sich. Er hielt den Kopf wie ein Jagdhund vorgestreckt, der die Nähe des Wildes wittert.

Mit dem Rauch vermischt drang ihm der Duft von geröstetem Fleisch entgegen.

Sein großes Messer hatte er aus der Scheide gezogen. Er trug es jetzt zwischen den Zähnen. Die Büchse hielt er in der Rechten. So glitt er immer langsamer weiter. Zuletzt hatten seine Bewegungen Ähnlichkeit mit denen einer Schlange. Er behielt zwei Felsblöcke, die sich kaum noch vom Nachthimmel abgrenzten, fest im Auge. Als er endlich bei ihnen angelangt war, hob er den Kopf kaum merklich höher und höher, bis er zwischen ihnen hindurchzublicken vermochte.

Ein tiefer Abgrund lag vor ihm. Hastig schaute er hinab, und ein leises Grunzen der Befriedigung entrang sich seiner Brust.

Vor einem nach vorn geneigten Felsen brannten unten mehrere Feuer. Etwa zwanzig Indianer waren an ihnen damit beschäftigt, Teile zweier Hirsche zu rösten, deren Häute und Überreste in ihrer Nähe am Boden lagen. Weiter östlich rieselte unter einer Felswand entlang ein kleiner Bach. An seinem teilweise steinigen Ufer stand etwas Gestrüpp und Gras.

Dort hüpfte eine Anzahl Pferde wie Gespenster auf und nieder. Ihre Herren hatten ihnen die Vorderbeine zusammengebunden, um sie am Fortlaufen zu hindern. So mußten sich die armen Geschöpfe nun ihr spärlich vorhandenes und zerstreut umherstehendes Futter suchen. Alle waren gesattelt und gezäumt, und einige trugen außerdem noch eine volle Last an Decken, Fellen und dergleichen auf dem Rücken.

Wahrscheinlich hatten die Indianer sich vor einem Regenschauer unter den überhängenden Felsen geflüchtet und anfangs nur eine kurze Rast halten wollen. Dann waren ihnen die zwei Hirsche in den Weg gelaufen, und nun konnten sie doch unmöglich früher aufbrechen, bis die Beute vollständig verzehrt war. Sie schienen schon hinreichend gesättigt zu sein; denn sie hockten schweigend bei den Feuern und achteten kaum auf das am Spieße gesteckte Fleisch, das die Flammen umzüngelten. Wenn sich der eine oder der andere ein Stück davon abschnitt und zum Munde führte, geschah es nicht mit der Gier, die dem roten Volke beim Essen sonst eigen ist.

Nach ungefähr einer Stunde warfen die Indianer das Fleisch, das übrig war, auf einen Haufen. Dann holten sie sich von den Pferden Decken und Felle und bereiteten sich unter dem überhängenden Felsen ein Lager. Bald darauf hatten sich alle zur Ruhe begeben.

Bis jetzt war Andrew Brown in seiner bisherigen Lage verharrt, ohne sich zu rühren. Nun richtete er sich hinter dem einen Felsen auf und reckte die steif gewordenen Glieder. Dann wandte er sich behutsam dem Rande des Abhanges entlang nach Süden.

Die roten Krieger unter dem überhängenden Felsen schliefen fest, und keiner bemerkte, wie etwa um Mitternacht eine Gestalt langsam zu ihnen gekrochen kam und sich zwischen ihnen in einige Decken rollte, die die Schläfer nicht benutzten.

Einer von den Indianern erwachte erst wieder, als im fernen Osten ein schmaler, gelber Streifen das Herannahen des Tages verkündete. Er sah, wie einer seiner Brüder – nach der gebeugten Haltung ein älterer Mann –, der sich soeben neben ihm erhoben hatte, nach der Richtung ging, wo sich die Pferde noch immer in unbeholfenen Sprüngen um ihr Futter bemühten. Er legte sich, ärgerlich über die Störung, auf die andere Seite und schlief weiter.

Der Indianer, der sein Lager verlassen hatte, näherte sich langsam den Pferden. Er schritt – wie es schien, um sie zu zählen und sich zu überzeugen, ob sie noch sämtlich vorhanden waren – von einem zum anderen. Er beugte sich jedoch blitzschnell bei jedem Tiere nieder und durchschnitt ihm mit einem scharfen Messer die Fesseln an den Beinen. Dann trieb er die Gäule am Flusse entlang vor sich her in den grauenden Morgen hinein.

Anfangs wollten die Tiere auf den schlechten Wegen, die in der noch herrschenden Dämmerung kaum passierbar waren, nicht recht vorwärts. Mit dem zunehmenden Tageslicht wurden sie jedoch williger, besonders da auch der Boden nach und nach weniger Schwierigkeiten bot. Zuletzt trabten sie sogar aus eigenem Antriebe kurze Strecken, und je heller es wurde, desto häufiger wiederholten sie es. Endlich machte eine lange, schmale, mit Felstrümmern und Steinen bedeckte Schlucht ein rascheres Weiterkommen unmöglich.

Wenige Minuten vor Sonnenaufgang war das Ende der Schlucht erreicht, und nun dehnte sich eine meilenweite Prärie nach Osten aus.

Jetzt packte der Indianer einen der letzten Gäule am Zügel, und im Nu saß er im Sattel. Er riß sich die Decken vom Rücken, und aus seiner Kehle drang, während er den Kopf noch einmal zurückwandte, ein gellender, markerschütternder, jubelnder Schrei! Vom frischen Morgenwinde getragen, mochte er wohl bis zu den Schläfern unter dem überhängenden Felsen dringen. Die Pferde rasten erschrocken und scheu im Galopp weiter, und hinterdrein stürmte, die Büchse hoch erhoben, ihr neuer, alleiniger Herr: Andrew Brown, mit siegesfroher Miene.

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