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Andreas Vöst

Ludwig Thoma: Andreas Vöst - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
booktitleAndreas Vöst
authorLudwig Thoma
year1976
publisherAufbau Verlag
addressBerlin und Weimar
titleAndreas Vöst
pages3-303
created20011102
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1906
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Ludwig Thoma

Andreas Vöst

Bauernroman


Erstes Kapitel

Es war ein schöner Herbsttag.

Die Sonne war gelb wie eine Butterblume und sah freundlich auf die abgeräumten Felder herunter, als betrachte sie behaglich die Arbeit, welche sie den Sommer über getan hatte.

Und die war nicht gering. Selten war eine Ernte besser geraten, und die Sonne hatte an vielen Tagen ihre Strahlen herunterschicken müssen, bis die schweren Ähren gereift waren. Und wieder hatte es Wochen gedauert, bis die Halme am Boden lagen und bis die hochbeladenen Wagen ihre Lasten in die Scheunen gebracht hatten.

Nun war es geschehen, und in allen Tennen schlugen die Dreschflegel den Takt; hier und dort trotteten geduldige Pferde an den Göpeln im Kreise herum, und im Hofe des Hierangl fauchte und pfiff eine Dampfmaschine. Überall war fleißiges Treiben, und wenn die Sonne mit einem freundlichen Stolze darüber lachte, so hatte sie recht, denn es war ihr Werk, und es war ihr Verdienst.

Die Dorfstraße von Erlbach lag still und verlassen; die Menschen hatten keine Zeit zum Spazierengehen, und die Hühner liefen als kluge Tiere um die Scheunen herum, wo sie manches Weizenkorn fanden.

Einige Gänse saßen am Weiher, streckten die Hälse und stießen laute Schreie aus; das taten sie, weil sich die Türe eines kleinen Hauses öffnete und zwei Männer heraustreten.

Der vordere trug einen Pickel auf der Schulter, der andere eine Schaufel, und sie gingen gegen die Kirche zu, in den Friedhof.

Die eiserne Gittertür kreischte und fiel klirrend ins Schloß. Nun konnte es jeder wissen, daß die beiden Totengräber waren und daß an diesem schönen Tage, mitten in dem emsigen Leben, ein Mensch gestorben war.

Die zwei blieben nicht im Friedhof, sie stiegen über die niedrige Mauer und fingen neben derselben in einem verwahrlosten, kleinen Grasflecke zu graben an.

Das war ungeweihte Erde, in die man Selbstmörder und ungetaufte Kinder legt. Es hatte sich aber kein Erlbacher selbst entleibt, sondern das neugeborene Kind des Schullerbauern Andreas Vöst war unter den Händen der Hebamme gestorben.

Diese Person hatte nicht die Geistesgegenwart, sogleich die Nottaufe zu vollziehen; die Mutter war bewußtlos, und sonst war niemand anwesend, denn alle Hände waren zur Arbeit aufgeboten.

So geschah es, daß die kleine Vöst nicht in den Schoß der heiligen Kirche gelangte und als Heidin nach einem viertelstündigen Leben verstarb.

Ich weiß nicht, ob der liebe Gott den unchristlichen Zustand eines Kindleins so hart beurteilt wie seine Geistlichen, aber das eine ist gewiß, daß es nicht in geweihter Erde ruhen darf, worein nur Christen liegen; darunter manche sonderbare.

Also deswegen warf der Totengräber Kaspar Tristl mit seinem Sohne neben der Kirchhofmauer die Grube auf.

Er nahm den Hut ab; jedoch nicht aus Ehrfurcht, sondern weil es ihm warm wurde.

Er wischte sich mit dem Hemdärmel über die Stirn und sagte:

»Wenn er gscheit gwen waar, hätt er gsagt, daß er eahm selm gschwind d' Nottauf geben hat.« – Er meinte den Schuller.

»Ja no«, sagte der Sohn und schaufelte gleichmütig weiter.

Der Alte spuckte in die Hände und brummte:

»Eigentli is's dumm.«

Dann arbeitete er wieder darauflos, und nach einer Weile war das Grab fertig. Es war klein und unansehnlich. Und da die Erde nicht sorgfältig daneben aufgeschichtet war, sondern mit Grasstücken untermengt herumlag, sah es recht jämmerlich aus.

Tristl dachte wohl, daß es für ein Heidenkind schön genug sei, und er stieg bedächtig über die Mauer zurück. Es war spät geworden; die kleinen Holzkreuze der Armen lagen im Schatten, aber auf die hohen Grabsteine schien die Abendsonne, und die goldenen Buchstaben glänzten schier heller als am Tage.

Die Reichen haben es überall besser.

Der Totengräber ging mit seinem Sohne durch den Friedhof.

Als er draußen war, sah er einen Mann mit raschen Schritten gegen den Pfarrhof zueilen.

»Aha!« sagte er, »der Schuller geht zum Pfarrer. Dös werd eahm weng helfen.«

Und er setzte hinzu: »Eigentli is's dumm, daß a jeder Spitzbua drin liegen derf und an unschuldige Kind net.«

 

Der Pfarrhof von Erlbach ist ein schönes, stattliches Gebäude, zwei Stockwerke hoch, jedes mit sechs Fenstern nach der Straße hinaus. An der hellgetünchten Mauer rankt üppige Klematis hinauf und gibt dem Hause ein freundliches Aussehen.

Davor liegt ein Blumengarten; so bunt, wie es der Geschmack hierzulande liebt. Rote und gelbe Georginen, blasse Malven, dazu Astern in allen Farben sind in reichlicher Fülle da.

Die Beete sind mit Reseden eingefaßt, und am Zaune bemerkt man auch eine Blume mit braunem Sammetkleide. Man heißt sie die schwäbische Hoffart.

In der Mitte des Kiesweges, welcher zur Türe führt, ist ein Springbrunnen; daraus steigt ein Wasserstrahl in die Höhe, nicht dicker als eine Stricknadel, und fällt mit einem kaum vernehmlichen Plätschern nieder. Es ist ein Ort der Beschaulichkeit. Und darüber liegt eine Ruhe, welche dem heiligen Charakter des Hauses angemessen ist.

Der Pfarrer wandelt hier mit ruhigen Schritten, während er im Gebete versunken ist; und der Kooperator geht so leise herum, daß man das Schmatzen seiner Lippen hört, wenn er sein Brevier liest. Ein gottseliges Wesen ist in der Luft und dringt durch die Fenster und Schlüssellöcher. Unsichtbare Englein fliegen herum, durch keinen rauhen Lärm verscheucht.

Alle Türen klinken leise ein, und die fleischlichen Menschen schlurfen auf Pantoffeln durch den gewölbten Gang.

An allen Wänden ist Frömmigkeit, nichts als Frömmigkeit.

Hier hängt das Bild des Erlösers mit der Dornenkrone. Dicke, rotgemalte Blutstropfen stehen auf seiner Stirne und rinnen über den goldgestickten Krönungsmantel herab; dort ist Maria zu erblicken, die ihr Antlitz schmerzlich zum Himmel richtet. Aus ihren Augen fließen reichliche Tränen, und in ihre Brust sind spitzige Schwerter eingebohrt.

Darunter steht: »Heilige Maria, Mutter des Weltheilands. Meines Herzens sehnlichster Wunsch und Gebet ist, daß mein Volk selig werde. Amen. » Über einer anderen Tür ist ein großes Herz gemalt, und wieder fallen Blutstropfen hernieder über die helle Wand. In großen Buchstaben liest man geschrieben: » Süßes Herz Jesu, sei meine Liebe!«

Neben der Treppe ist ein kleiner Altar aufgebaut; davor leuchtet eine rote Ampel still und feierlich in dem Frieden dieses Hauses.

Aber heute wurde es mit einem Male laut. Jemand riß heftig an der Glocke, daß sie durch den Gang schrillte, und als die Köchin Maria Lechner beim Öffnen der Türe den Ruhestörer zurechtweisen wollte, stapfte er schon an ihr vorbei auf genagelten Stiefeln.

Die Schritte hallten an den Wänden wider, und bei dem ungewohnten Lärm zitterten die Heiligenbilder in ihren Rahmen, und die Englein flüchteten erschrocken durch das geöffnete Fenster.

Auch Fräulein Lechner war aus ihrem Gleichmaße gebracht; während sie sonst, wenn Besuch kam, die Hände sittsam zum Gebete faltete, stemmte sie diesmal die Arme in die Seiten und fragte mit fetter Stimme: »Was ist denn das für ein Lümmel?«

Es war Andreas Vöst, der Schullerbauer von Erlbach, und er stieß jetzt an alle Stufen an, daß die alte Stiege krachte und seufzte. Denn sie war an solche Tritte nicht gewöhnt.

Oben unterbrach der Kooperator sein Gebet und schaute entsetzt auf den Gang hinaus. »Gelobt sei Jesus Christus!« sagte er; der Schuller achtete nicht darauf und ging weiter bis zur vordersten Türe.

Er hatte kein Empfinden für die Heiligkeit dieses Hauses, er klopfte mit groben Knöcheln an und wartete kaum auf das »Herein«. Und drinnen stand er breitbeinig vor seinem Seelsorger und sah ihn mit Blicken an, die keine Demut verrieten.

Herr Georg Baustätter, Pfarrer in Erlbach und Kämmerer des Kapitels Berghofen, ging ihm entgegen und lächelte. Aber es lag Trauer in diesem Lächeln.

Und er sagte: »Ich weiß, warum Ihr kommt, Vöst.«

»Dös is net schwaar zum derraten«, erwiderte der Schullerbauer, »also is's jetzt soweit, daß ma dös kloa Kind eigrabt, als wiar an Hund?«

»Es ist die Vorschrift unserer heiligen Religion.«

»So, heilig is dös?«

»Werdet nicht heftig!« sagte der Pfarrer und sah auf seine gefalteten Hände nieder, »ich bin doch heute morgen bei Euch gewesen und habe Euch alles auseinandergesetzt.«

»Ja, aha i hab gmoant, es kunnt no anderst wern. Jetzt hat da Kaspar scho 's Loch aufgraben. Mei Knecht hat 'n gsehgn.«

»Wir dürfen über die Gesetze unserer Kirche nicht murren; wir müssen bedenken, daß sie unsere Mutter ist und unser Bestes will...

»Und mi müaßten ins no bedanka...«

»Unterbrecht mich nicht! Es geht Euch wie dem Sohne, der die Strenge der Mutter fühlt, aber nicht sieht, daß sie heilsam ist.«

»Also is jetzt da gar nix mehr z' macha?«

»Wir wollen hoffen, daß Gott dieses Kindlein in den Vorhof der Seligkeiten gelangen läßt; wir wollen darum beten, aber es steht nicht in unserer Macht, dasselbe in geweihter Erde zu begraben.«

»Aba sinscht grabts an jeden ei, und bal oana köpft werd, nacha grabts 'n aar ei, und bal...«

»Ihr versündigt Euch, aber ich will es verzeihen, weil Ihr schmerzlich bewegt seid.«

»I hab koan Schmerz durchaus gar net«, sagte der Schuller und zog seinen ledernen Geldbeutel aus der Tasche. »I hab durchaus koan Schmerz net. Was koscht's, bal 's Kind in Freithof a richtigs Grab kriagt?«

»Es sind Worte genug geredet, Vöst. Geht jetzt heim!«

Die Stimme des Pfarrers klang noch immer sanft, aber seine Augen waren zornig.

Der Schullerbauer achtete es nicht.

»Wos?« sagte er, »ös mögts mei Geld aa net? Dös muaß des erscht Mal sei, daß a Bauernmensch sei Geld net obringt.«

»Geht heim, Vöst! Ich sage es zum letztenmal. Eure Gesinnung ist mir nicht unbekannt; ich weiß wohl, in welchem Hause die schlechtesten Reden geführt werden und wo der Geist der Auflehnung waltet.«

Der geistliche Hirte war heftig geworden, und er hatte alle Sanftmut verloren. Er hielt seine Hände nicht mehr gefaltet, sondern streckte die Rechte gebieterisch gegen die Türe aus. Der Schuller blickte ihn an.

Nicht ängstlich und nicht zornig. Die Ruhe kam über ihn; gerade, als wäre er zufrieden damit, daß die geistliche Milde verschwunden war.

Und er redete ohne Aufregung.

»I geh scho, Herr Pfarra. Sie hamm gsagt, daß S' mi kenna. I kenn Eahnar aa, recht guat kenn i Eahna. Und i woaß aa, warum's grad bei mein Kind so hoakli is mit da Tauf.«

Er ging zur Türe und hatte schon die Klinke in der Hand. Da drehte er sich noch einmal um.

»Dös möcht i no sagn, Herr Pfarra. I bin net zwegen meiner da herganga. Es is grad wegn der Bäurin gwen. Sinscht hättn S' mi wohl net gsehgn.«

Und nach diesen Worten ging er. Als er auf den Gang hinaustrat, stand der Kooperator wenige Schritte entfernt, und Fräulein Lechner huschte eilig in ein Zimmer.

Vöst merkte es nicht, weil ihm zuviel im Kopfe herumging. Und so entging ihm leider auch die Frömmigkeit des Herrn Kooperators, welcher eifrig in seinem Gebetbüchlein las und mit halblauter Stimme den Inhalt vor sich hin sagte.

»Beschämung meiner selbst... Unglückseliges Gedächtnis! Wie viele boshafte Gedanken hast du zugelassen! Unglückseliger Wille! Wie viele unordentliche Begierden hast du ausgekocht! O Sünde! Wie lieblich scheinest du, da man dich begeht! Wie bitter und abscheulich bist du, nachdem du geschehen!... Ja..., ich schäme mich...«

 

Den anderen Tag in aller Frühe wurde das Heidenkind begraben. Keine Glocke läutete, und kein Priester sprach ein Gebet.

Die Hebamme trug den kleinen Sarg; hintendrein gingen der Schullerbauer, der alte Weiß und der Haberlschneider.

Sonst war niemand dabei.

Der Totengräber Kaspar legte den Sarg ohne viele Umstände in die Grube und warf Erde und Gras darauf.

»Koa Kreuz derf ma net histecken?« fragte der Schuller.

»Na«, sagte der Kaspar, »dös geht gar it. Was moanst denn?«

»Nacha net. Jetzt is scho gleich. Geahts zua! Mi hamm da nix mehr z' toa.« Vöst drehte sich um und ging. Die anderen folgten ihm.

 

In Erlbach redete man ohne große Aufregung über die Begebenheit. Die Weiber hatten Bedauernis mit der Schullerin, weil ihr das Kind so unversehens weggestorben war, und bloß ein paar recht Fromme wußten es zu tadeln.

Am ärgsten die Bäcker-Ulrich-Marie; aber die konnte sich nie genug tun mit der Frömmigkeit. Sie war bei der Bruderschaft vom blauen Skapulier und beim Verein der heiligen Kindheit und machte jeden Montag den heldenmütigen Liebesakt für die armen Seelen. Da mußte ihr das Heidnische weh tun.

Die Männer in der Gemeinde dachten nicht viel darüber nach, wie es mit dein Kinde im Jenseits bestellt sei.

Ihnen lag das Weltliche im Sinn, und sie meinten, daß es zuwider sei für einen achtbaren Mann, wenn eines so ohne Sang und Klang und neben hinaus begraben wird. Mancher glaubte, der Pfarrer hätte es nicht mit jedem so streng gemacht.

Man wußte, daß er eine heimliche Feindschaft gegen den Schuller hatte. Die stammte von der Zeit her, wo der Pfarrer einen neuen Kirchturm bauen wollte. Er hatte den alten Linnersteffel und den Hanrieder überredet, daß sie etliche tausend Mark für den Bau ins Testament einsetzten. Aber es langte nicht, und da wollte er die Gemeinde überreden, daß sie Geld für den Bau hergebe. Selbigesmal redete der Schuller dagegen; er sagte auch, dem Linnersteffel sein Sohn hätte das Geld wohl brauchen können, das der Alte auf dem Sterbbett herschenkte.

Der Pfarrer wurde rot über das ganze Gesicht und wieder schneeweiß. Er sagte, daß es schlecht aussehen müsse in dem Herzen eines Mannes, der den Priesterstand verunehre. Aber er wolle es verzeihen, wenn nur das gute Werk gelinge.

Das gelang jedoch nicht, denn durch den Einfluß des Schuller fiel der Antrag durch. Hernach probierte es der Pfarrer auf andere Weise. Er ließ keine Glocke mehr läuten und schrieb an das Bezirksamt, daß er auf dem Verbot bestehen müsse, weil der alte Turm so baufällig wäre. Es gab eine lange Streiterei hin und her. Die Gemeinde blieb fest, und der Schuller führte das Wort. Er sagte, bei Lebzeiten des alten Pfarrers Held, der doch erst ein Jahr vorher gestorben sei, da habe nie etwas verlautet von der Baufälligkeit. Weil man aber einen neuen Turm wolle und die Mittel nicht gutwillig kriege, wäre der alte Turm auf einmal wacklig geworden.

Wenn es jedem recht traurig vorkomme, daß keine Glocke mehr auf Mittag und Abend läute, wäre die Gemeinde leichter bereit, das viele Geld herzugeben. So meinte der Herr Pfarrer, aber die Erlbacher meinten es anders. Nach langen Schreibereien entschied das Bezirksamt, daß der alte Turm keinen Schaden aufweise und das Läuten ertragen könne.

Der Pfarrer war geschlagen und mußte seine Angst überwinden. Er ließ sich den Zorn nicht ankennen, aber im geheimen hatte er sich seine Feinde gemerkt, und dem Schuller trug er es nach und freute sich, daß er Gelegenheit hatte, ihm eines auszuwischen.

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