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Andeutungen über Landschaftsgärtnerei

Hermann Fürst von Pückler: Andeutungen über Landschaftsgärtnerei - Kapitel 16
Quellenangabe
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typereport
authorHermann von Pückler-Muskau
titleAndeutungen über Landschaftsgärtnerei
publisherInsel Verlag
seriesinsel taschenbuch
volume1024
printrunErste Auflage
editorGünter J. Vaupel
year1988
firstpub1833
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100906
projectid637a538f
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Zweite Abteilung

Beschreibung des Parks zu Muskau und seiner Entstehung

Ich gestehe, daß ich mit einiger Besorgnis die vorliegende Beschreibung beginne. Obgleich der ganze Zweck dieser kleinen Schrift, seiner rein didaktischen Natur nach, gar keine Ansprüche auf angenehme Unterhaltung machen kann, so ist doch zu befürchten, daß die folgende, höchst trockne Auseinandersetzung eines speziellen Gegenstandes, in noch größerem Maße als das Vorhergehende jedem ermüdend werden muß, der nicht ein ganz besonderes selbsttätiges Interesse an dergleichen Anlagen nimmt.

Indessen habe ich in der Tat auch nur für die letzteren die Feder ergriffen, und bei ihnen wird es daher weniger Entschuldigung darüber bedürfen, daß ich, um den Gegenstand recht anschaulich zu machen, mich sogar gezwungen sah, allerlei Persönliches mit einfließen zu lassen, von dem ich recht wohl weiß, daß es zwar das große Publikum wenig interessieren kann, doch aber denen, die diese Schrift als Anleitung und Handbuch zur Ausführung eigner Anlagen gebrauchen wollen, in mancher Hinsicht Nutzen bringen wird; denn viele befinden sich wohl, entweder im allgemeinen, oder wenigstens in diesem und jenem einzelnen Punkte, in ähnlicher Lage, und werden vielleicht vor Schwierigkeiten weniger zurückschrecken und sie leichter überwinden, wenn sie sehen, wie ich ihrer Herr ward.

Ich muß damit anfangen, aufrichtig zu bekennen: daß, wer in Muskau schon jetzt ein Vollendetes, ich meine Fertiges, zu finden hoffte, sich gänzlich getäuscht sehen würde. Kaum ein Dritteil des Planes ist bis jetzt als ausgeführt sichtbar, obgleich vielleicht drei Vierteile der Arbeit bereits getan wurden – denn selten hat wohl ein Privatmann bei ähnlichen Unternehmungen mit größeren Hindernissen zu kämpfen gehabt, als ich hier vorfand. Unter andern waren weit über zweitausend Morgen des mir nötigen Terrains Eigentum einzelner Bürger der Stadt oder der nahen Dorfgemeinden, und man weiß, wie schwer, selbst zu drei- und vierfachem Preise, solche Grundstücke zu akquirieren sind. Überdem mußte eine ganze Straße des Städtchens, die unmittelbar an meinem Schlosse vorbei führte, zuerst erkauft, dann abgetragen und, um meinem Plane zu genügen, auf derselben Stelle auch noch ein See ausgegraben werden. Eine Menge mir schon zugehöriger, weitläuftiger und zum Teil sogar prächtiger Gebäude lagen ebenfalls so unglücklich, daß ihre fernere Bestehung unzulässig wurde. Überdies war das Schloß selbst ringsum von alten Festungswerken umgeben, tiefen Gräben und ehernen Mauern von 8–10 Fuß Dicke, welche letztere, in der guten soliden Zeit unsrer Vorfahren aufgeführt, kaum durch die Gewalt des Pulvers gesprengt werden konnten. Ich mußte förmlich mit Mauerbrechern, die 20–30 Menschen regierten, Sturm dagegen laufen, und die so eingeworfenen Stücke, die immer noch fest zusammenhingen, um sie loszuwerden, vergraben lassen. So mauert man freilich heutzutage nicht mehr! in keiner Art – weder gewöhnliche Maurer, noch Freimaurer, noch Staatserbauer und Völker, so baulustig sie auch alle gegenwärtig sind. Die Zerstörung dieser Werke aber, nebst der Zufüllung der Gräben, war nicht zu umgehen, teils weil das stehende Wasser sich der Gesundheit nachteilig bewies, teils der ganze Genre dem Charakter und Zweck des Gebäudes, wie der Umgegend, als völlig widersprechend erschien.

Um die nötige Erde zur Ausfüllung zu erhalten, und zugleich über mehrere und verschiedene Wasseransichten disponieren zu können, wurde es nötig, aus dem Flusse, der den Park durchströmt, einen neuen Arm ableiten und ausgraben zu lassen, welcher jetzt, während eines Laufs von dreiviertel Stunden, zwei Seen von bedeutendem Flächeninhalt bildet. Der letzte Übelstand endlich, und zugleich fast der größte, war der, daß 5–600 Morgen des dem Schlosse nächsten Landes nur aus unfruchtbarem Sande und eisenhartem Lehm bestanden, und daher durch die kostspieligste Verbesserung allein tragbar gemacht werden konnten.

Ich hatte also fast mehr Schwierigkeiten zu überwinden, um nur das Neue anfangen zu können, als manchen andern, glücklicher Situierten, die Vollendung seiner ganzen Anlage kostet, tab. XI zeigt, um einiges von dem Gesagten anschaulicher zu machen, die Aussicht von den Gesellschaftszimmern des Schlosses, wie sie jetzt ist, und auf der Klappe, wie sie war. Auf tab. A und B, den zwei Grundplänen des Parks in diesen verschiedenen Epochen, kann man jedes Detail meiner Schilderung genau verfolgen. Auf dem Plan A ist alles Land, welches mir früher nicht gehörte, durch eine blaßrote Farbe angezeigt. Ich habe sämtliche Pläne absichtlich nicht in der jetzt beliebten pittoresken Manier zeichnen lassen, da die pittoresken Effekte hinlänglich durch die Bilder angezeigt werden, hier es aber nur auf genaue Andeutung des einzelnen ankömmt.

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tab. XI a: Die Neiss-Aue vor Anlegung des Parks.

 

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tab. XI b: Die Neiss-Aue nach Anlegung des Parks.

Der größte Teil aller Vorarbeiten ist nun beseitigt; was noch übrig bleibt, sind nur Wegekonstruktionen, Pflanzungen, leichtere Feldplanaden und die Aufführung mehrerer Gebäude, welches meistens, im Verhältnis zu den wahrhaft kolossalen Erdarbeiten der frühern Zeit, weit geringere Anstrengung, wenngleich immer noch geraume Zeit und bedeutende Mittel erfordert. Die großen Verluste, welche mir Krieg und andere ungünstige Umstände jahrelang zuzogen, erlaubten mir seitdem nur langsam fortzuschreiten, ich darf jedoch hoffen, in 10Jahren die Hauptsachen bis auf einen Teil der Gebäude, deren Realisierung ich vielleicht meinen Nachkommen überlassen m uß, beendigt zu sehen. Bis dahin also bitte ich die, welche den hiesigen Park besuchen, nicht zuviel zu erwarten, auch ihr Urteil über das, was sie jetzt finden, vorderhand noch größtenteils zu suspendieren, und sich vielleicht mehr an mein Buch als meine Ausführung zu halten, denn vieles würden sie für fertig ansehen, was doch nur provisorisch ist, und manches dem Kenner grade verfehlt erscheinen, was doch nur deswegen stehenbleibt, weil Wichtigeres seiner definitiven Wegräumung noch vorangehen muß. So tadelte mich noch vor kurzem ein sehr geschickter Mann vom Fache, daß ich zu vielerlei Baumarten untereinander pflanze, und zu wenig Haine anlege. Er hatte recht, bedachte aber nicht, daß in der Folge nur die am freudigsten wachsenden Pflanzen zum Bleiben bestimmt sind, die andern wieder wegkommen, und daß man Haine am schönsten aus geschlossenen Beständen später bildet, wenn ihr Wachstum den passenden Zeitpunkt erreicht hat, und sie bis dahin zweckmäßig behandelt worden sind.

Denn es ist nicht wohl möglich, einen Park stückweise mit Erfolg anzulegen, d. h. einen Teil ganz zu vollenden, ehe man mit dem andern beginnt. Man muß im Gegenteil, sowohl im Kunstinteresse des Ganzen, als um Zeit und Geld zu ersparen, überall soviel als tunlich gleichzeitig fortschreiten; fast so, wie gute strategische Operationen die Truppen von den verschiedenen Enden alle an einem Tage zur Hauptschlacht vereinigen, muß auch der hier vorliegende Zweck, von allen Seiten her zurückend, nicht stückweise, sondern zusammengefaßt seine Vollendung erreichen.

Ist endlich alles fertig, so wird ein großer Teil (ja der größte) von dem wahren Verdienste des Schöpfers dennoch dem fremden Beschauer unbemerkbar bleiben, und um so gewisser, je besser er gearbeitet hat. Dies ist aber gerade des Verständigen Bestreben und Triumph, daß man glaube: Alles, was man sieht, müsse so und nicht anders sein, und sei auch von jeher nicht viel anders gewesen. Es sollte mir sehr leid tun, wenn z. B. beim Anblick der üppigen Wiesen in meinem Park, jetzt noch jemand sich mit der Vorstellung quälte, daß ehemals hier kaum die Distel wuchs, oder, wenn er im freudig wuchernden Gebüsch auf ebner Chaussée gemächlich dahinrollt, nur bei dem Gedanken stehenbliebe, daß früher hier ein grundloser Sumpf kaum dem weidenden Vieh die Annäherung erlaubte. Der höchste Grad der landschaftlichen Gartenkunst ist nur da erreicht, wo sie wieder freie Natur, jedoch in ihrer edelsten Form, zu sein scheint. Es ist dies eine eigentümliche Affinität, welche die Naturmalerei mit der dramatischen ausübenden Kunst hat, da beide allein unter allen Künsten die Natur selbst zum Material und zugleich zum Gegenstande ihrer Darstellung wählen, der Schauspieler, indem er mit seiner eignen Person ideale Menschen von neuem zu verwirklichen sucht, der Gartenkünstler, indem er die rohen ungeregelten Naturstoffe und Bilder zu einer poetischen Landschaft vereinigt und erhebt. Leider geht die Ähnlichkeit noch weiter, denn beider Schöpfungen sind sehr prekär, wiewohl der Vorteil hier wenigstens noch auf des Naturmalers Seite bleibt.

Ebenso könnte man vielleicht die höhere Gartenkunst mit der Musik vergleichen, und wenigstens ebenso passend, als man die Architektur eine gefrorne Musik genannt hat, sie eine vegetierende Musik nennen.

Sie hat auch ihre Symphonien, Adagio's und Allegro's, die das Gemüt durch unbestimmte und doch gewaltige Gefühle gleich tief ergreifen. So wie ferner die Natur ihre einzelnen Züge dem Landschaftsgärtner zu Gebrauch und Auswahl darbietet, so liefert sie auch der Musik schon ihre Grundtöne; schöne, wie die menschliche Stimme, den Gesang der Vögel, des Gewitters Donner, das Brausen des Sturms, des Luftzugs ahndungsvolle Klagetöne – widrige, als z. B. Heulen, Brüllen, Knarren und Quietschen. Die Instrumente bringen sie dennoch alle wieder hervor, und wirken nach Umständen, ohrzerreißend in der Hand des Ungeschickten, entzückend, wenn vom Künstler in ein geregeltes Ganzes geordnet. Der geniale Naturmaler tut dasselbe. Er studiert das vielfach von der Natur ihm Gegebene, und verarbeitet dies Vereinzelte durch seine Kunst zu einem schönen Ganzen, dessen Melodie den Sinnen schmeichelt, das aber nur dann den höchsten Wert entfaltet und den vollständigsten Genuß gewährt, wenn Harmonie dem Werk die wahre Seele eingehaucht hat.

Doch ich verliere mich wohl zu weit von meinem Thema.

Man wird mich nach der Aufzählung aller der vorher erwähnten Schwierigkeiten vielleicht fragen, warum ich dennoch hier ein solches Werk unternahm? Folgende Gründe bewogen mich dazu.

Als ich den Plan eines so großen Unternehmens faßte, war meine erste Betrachtung die: daß es dem Manne, welcher von seinen Vorfahren jahrhundertelang besessene Güter ererbt, nicht wohl anstehe, ihnen den Rücken zu kehren, um seinen Lebenszweck oder seine Vergnügungen in einer fremden Heimat aufzusuchen, solange ihn die Not oder die Ehre nicht zur Emigration treiben.

Der Besitz, den ich übernahm, war sehr ansehnlich. Eine freie, mit untergeordneten Souveränitätsrechten begabte Standesherrschaft, die mit Einschluß der abhängigen Vasallengüter einen Flächenraum von 10–11 Quadratmeilen einnimmt, mit allem versehen ist, was eine solche Stellung verlangt, und dadurch zugleich weitere Fortschritte erleichterte, konnte schon an sich als ein anziehender Aufenthalt angesehen werden – auf der andern Seite aber fand ich dieses Besitztum auch fast von jeder äußern Annehmlichkeit entblößt; wohl einige Pracht, aber nichts, was der Kultur des Schönen angehörte war vorhanden, und die Gegend ihrer ganzen Armut und Reizlosigkeit sorglos überlassen worden. Das Feld verschönernder Verbesserung, das unter solchen Umständen vor mir lag, war groß, und ich hielt es daher für meinen Beruf, hier nützlich zu sein, um so mehr, da ich der Meinung bin, daß ein großer Territorialbesitzer, welcher fortwährend alle seine Kräfte dazu anwendet, seine Güter ebensosehr zu verbessern als zu verschönern, die ihm untergebenen Bewohner der Gegend auf diese Weise zu zivilisieren, ihren Wohlstand zu vermehren und sie dadurch zugleich für die Landeslasten kontribuabler zu erhalten daß, sage ich, ein solcher sich wenigstens ebensoviel Anspruch auf die Dankbarkeit des Staats erwirbt, und ebensogut ein wirklicher, wenngleich freiwilliger und unbezahlter Staats diener ist, als ein Beamter, der für schweres Geld einige Stunden des Tages am Schreibtische sitzt, oder ein Diplomat, dem zuweilen eine halbe Sinecure noch mit vielen Tausenden aufgewogen werden muß – eine Wahrheit, die vielen Beherrschern, nicht eben zum Nutzen ihrer Länder, noch sehr fremd geblieben zu sein scheint.

Hätte ich mich aber auch in dieser Hinsicht ungebunden geglaubt, so konnte es immer noch sehr bezweifelt werden, ob ich, alles wohl erwogen, bei mindern Schwierigkeiten anderwärts auch ebenso große Vorteile anzutreffen hoffen durfte, als sich mir hier darboten.

Die Nachteile waren:

1. eine im allgemeinen sandige, größtenteils nur mit Kieferwäldern bedeckte Gegend;

2. ein großer Teil schlechten Bodens im Bezirk des zum Park bestimmten Terrains selbst;

3. die Notwendigkeit ungeheurer Vorarbeiten, ehe ich die neuen Anlagen nur zu beginnen im Stande war;

4. die ebenso nötige Akquisition von mehr als 2000 Morgen fremden Landes.

Als Vorteile boten sich dagegen folgende dar:

a. ein durchgängig malerischer Wurf des Bodens, nebst einer großen Abwechselung von Berg und Tal und der Aussicht auf das schlesische und oberlausitzische Gebirge;

b. das Dasein eines bedeutenden Flusses, der das zum Park bestimmte Land durchströmt, und noch weit über seine Ufer hinaus eine größtenteils fruchtbare, wenn gleich schmale, Aue bildet;

c. viele Hunderte der schönsten alten Bäume, welche auf diesem Raume schon hie und da verteilt waren;

d. die Leichtigkeit, sich, sobald die Enklaven der genannten 2000 Morgen fremden Eigentums einmal erlangt waren, nun auf eignem Grund und Boden so weit als nur beliebig ausdehnen zu können, wobei in der hiesigen Gegend der zu erleidende Ackerverlust nicht eben allzu hoch in Anschlag zu bringen war;

e. die allgemeine Wohlfeilheit der Handarbeit und des Fuhrlohns;

f. der nahe Bereich aller Baumaterialien als eigenes Produkt, wie Ziegeleien, Eisenhämmer, Glashütten, Holz jeder Art im Überfluß, einer unzähligen Menge großer und kleiner Feldsteine, die meist aus Granit bestehen, reiche Kalkmergellager u. s. w.

g. endlich die mancherlei Mittel, welche ein so großer Landbesitz und die Disposition über so viele Beamte und Abhängige, nebenbei noch zur Förderung einer großen Anlage darbietet.

Man sieht, daß der unter 1 angeführte Übelstand sich schon durch die bei a erwähnten Vorteile völlig hebt, und es ist zugleich sehr die Frage, ob eine solche Oase, rings von Wald umgeben, wie eine Insel vorn Meere, nicht zu einer Anlage dieser Art, wie sie hier bezweckt wurde, eben die günstigste Stellung sei. Wenn durch eine lange Wüstenei, wie man sie allerdings passieren muß, ehe man Muskau erreicht, alle Erwartung herabgestimmt ist, wirkt eine, wie durch Zauberschlag plötzlich hervorgerufene üppige Landschaft, auf den dergestalt empfänglich gemachten Geist doppelt angenehm ein, ebenso wie (wenn das Gleichnis nicht zu trivial erscheint) eine reiche Mahlzeit vom hungrigen Magen am besten genossen wird. Überdies geben Schwarzholzwälder, so traurig in der Nähe, in der Ferne doch einen sehr wünschenswerten Hintergrund und Horizont, gegen dessen dunkle Massen sich das nahe frische Grün der Laubhölzer doppelt heiter ausnimmt, und die bunten Himmelswolken glänzender kontrastieren. No. 2 (der zum Teil schlechte Boden) ließ sich jedenfalls aus der Aue verbessern, wie es auch später geschehen ist, und No. 3 fand schon einen großen Teil seiner Erledigung in d. Hier aber kam noch eine wichtigere Rücksicht hinzu. Die Kriegsnot war für den hiesigen armen Landbauer gradezu unerträglich, die Lasten und Staatsabgaben unerschwinglich geworden. Ohne eine außerordentliche Gelegenheit Geld zu verdienen, kann ich wohl mit Zustimmung der ganzen hiesigen Bevölkerung sagen, wäre ein Teil der hiesigen Einwohner verhungert, oder zur hülflosesten Auswanderung gezwungen worden.

Gegen zweihundert Leute, die ich, teils in meinen Fabriken, (die auch für mich damals die einzige Einnahme lieferten) teils bei den erwähnten Anlagen, viele Jahre lang fast täglich beschäftigte, danken denselben allein ihre Erhaltung, und es war daher gewiß ein ausgezeichnetes Glück für mich zu nennen, daß ich auf eine so leichte Art meine Pflicht mit meinem Vergnügen in Übereinstimmung bringen durfte. Wie selten wird dies den armen Menschenkindern geboten!

Dem ohngeachtet fehlte es nicht an vielseitigem Widerspruch; ja als ich anfing die erwähnte Stadtstraße zu demolieren und damit meine Festungsgräben zuzufüllen, wurden mehrere wirklich zweifelhaft, ob es mit meinem Verstände noch seine völlige Richtigkeit habe, und viele Kapitalisten, die Gelder auf meiner Herrschaft ausstehen hatten, kündigten sie sofort, und zogen es vor, sie später zum Teil in Papierspekulationen zu verlieren. Andre versicherten, es sei unmöglich, selbst für einen zehnmal Reicheren als ich sei, solche Pläne zu realisieren. Wer sich jedoch durch dieses hochtönende Wort abschrecken läßt, hat wenig Erfahrung. Unter zwanzig Fällen macht neunzehnmal fester Wille und Geduld das sogenannte Unmögliche ganz über alle Erwartung leicht möglich. Bei mir hat auf diese Weise der Glaube wörtlich mehr als einen Berg versetzt und ebenso viele aufgerichtet, und da die Leute sahen, daß es ging, gewannen sie seitdem mehr Zutrauen zu meinen Plänen; ja dankbar erkenne ich, daß ich nachher oft freundliche Unterstützung fand, wo ich nur Widerstand erwartet, und selbst bei meinen wendischen Bauern, welche die Hauptbevölkerung dieser Gegenden ausmachen und nicht eben auf einer ausgezeichneten Stufe der Kultur stehen, fing einiger Schönheitssinn an zu erwachen, so daß sie seitdem ihre Dörfer mit Bäumen schmückten, und wenn sie in meinem Park auch noch zuweilen Holz stahlen, doch größtenteils nur sorgfältig die dicken Stützpfähle abhieben, ohne dem daran gebundenen Bäumchen den mindesten Schaden zu tun, eine für Wenden zarte Rücksicht, die alle Achtung verdient.

Ich erwähne dies alles nur, um auch andre zu ermutigen, nicht zu schnell nachzugeben, wenn der Realisierung ihrer Lieblingshoffnungen die Unmöglichkeit entgegengesetzt wird. So erlaubte ich auch jedem, ohne Ansehn der Person, den Zutritt zu meinen Anlagen, obgleich gar viele Gutsbesitzer mich versicherten, dies sei ebenfalls unmöglich, da das rohe, oft betrunkene Volk alle jungen Bäume abschneiden und alle Blumen abreißen werde. Einige wenige Exzesse fielen allerdings im Anfange vor. Sie wurden scharf bestraft, wo man die Täter ermitteln konnte, wo nicht, wurde der Schaden mehrmals ruhig und geduldig wieder hergestellt, und die Tore blieben dennoch nach wie vor jedem offen. Sehr bald kamen die Leute durch diese gelassene Beständigkeit von selbst zur Vernunft, und jetzt, wo oft Hunderte von Menschen sich im Raume des Parks auf alle Weise ergötzen, muß ich dem hiesigen Publikum zum Ruhme nachsagen, daß irgendwo ausgeübter Mutwille nur noch zu den Seltenheiten gehört.

Dieses ganze Verfahren hat mir sogar einen großen Teil der Zuneigung meiner ehemaligen Untertanen Sie heißen jetzt Hintersassen, denn Untertanen hat nur noch der Souverän, in Frankreich nicht einmal dieser mehr. Der Zeitgeist geht wahrlich in Siebenmeilenstiefeln. erhalten, ohngeachtet aller mit der neuern Zeit in unsrer Provinz eintreffenden Scharen von Winkeladvokaten und Regulierungskommissionen, von denen einige es weit besser verstehen, Bauern und Gutsbesitzer gegeneinander aufzureizen, während sie beiden die Taschen leeren, als Eintracht und Kultur zu befördern, was sie spottweise für ihren liberalen Zweck ausgeben. Seitdem hat indes die Größe des Übels selbst, wie die wahre Humanität höherer Behörden, und in höchster Instanz unseres nie genug zu preisenden Herrn und Königs Gnade, auch hierin bedeutende Abhülfe gegeben, und ich will daher eilen, von so widriger, gottlob zum Teil vergangener Prosa zu den harmloseren Schöpfungen der Phantasie zurückzukehren.

Es wird hier zugleich der passende Moment sein, nunmehro auf das erste Kapitel dieser Schrift wieder zurückzukommen, wo ich der Grundidee erwähnte, die mich bei Anlegung des hiesigen Parks geleitet hat. Ich muß jedoch zuvörderst detaillieren, was ich zu bearbeiten vorfand.

Die Gegend, welche mir zum Cannevas dienen sollte, bestand, wie schon angedeutet, nach allen Seiten hin aus unabsehbaren Föhren und Fichtenwäldern, in deren Mitte, in hüglicher Gegend, die kleine Mediatstadt Muskau liegt. Sie zeichnet sich durch den ohne Ausnahme massiven Bau ihrer Häuser, durch mehrere ansehnliche Kirchen und Türme und eine gewisse allgemeine Nettigkeit vor vielen ihresgleichen vorteilhaft aus, und lehnt sich malerisch an einen Bergabhang, bis an dessen Gipfel die Terrassengärten der Bürger emporsteigen. Obstplantagen und kleine Lusthäuser machen diesen Anblick sehr freundlich. Auf dem weiten westlichen Bergplateau über der Stadt, und unmittelbar an sie grenzend, erblickt man, unter Linden und Eichen versteckt, das Dorf Berg mit einer der ältesten Kirchenruinen in der Lausitz. Weiterhin gegen Süden, am Ende des Städtchens, wird der Abhang schroffer, und beschreibt einen Halbkreis, wo er mit hohen Buchen, Eichen und einzelnem Schwarzholz bedeckt ist, und viele romantische Schluchten bildet. Hier liegt ein Alaunbergwerk mit ansehnlichen Gebäuden, Gradier- und anderen Werken. Der Kamm der Hügelkette wendet sich hierauf wieder südwestlich, und erreicht seinen höchsten Punkt bei einem alten Weinberge, wo man eine weite Aussicht auf den Lauf der Neiße, das Schlesische, Görlitzer und Bautzner Gebürge hat. Von hier an dachen sich die Hügel wieder abwärts und verlieren sich nach und nach im geschlossenen Walde.

Verfolgt man dagegen denselben Bergrücken vom andern Ende der Stadt aus, gegen Norden, so gelangt man an das steile bebuschte Ufer der Neiße, längs der eine Straße hinführt, die sich von hier aus für das Auge mit dem Anblick einer Brücke und eines von Wald gekrönten Dorfes schließt.

Es wird dem Leser leicht sein, dieser Beschreibung auf dem Plane: tab. XI (wo die Gegend dargestellt ist, wie sie war) zu folgen. Er wird ferner darauf ersehen, wie sich unmittelbar vor dem Städtchen, nach Osten hin, die Neißaue ausbreitet, ein völlig ebnes Tal, welches in seiner ganzen Länge von dem Flusse durchströmt wird. Auf dieser Fläche liegt das alte und neue Schloß mit seinen Nebengebäuden, dem Theater, Stallungen u. s. w. nahe an der Stadt, und einige hundert Schritte entfernter ein ehemals herrschaftliches Vorwerk und andere Gebäude, jetzt nur noch eine altertümliche Mühle, nebst dem Bauhofe und einigen Nebengebäuden, nach welchen sonst eine Straße der Stadt beim Schlosse vorbeiführte.

Das Schloß selbst umgaben, jenseits der Gräben und Festungswerke, französische und Gemüsegärten, später mit einigen neueren pseudoenglischen Anlagen in der von mir angegebenen beliebten Manier unsres Vaterlandes versehen, zugleich aber auch einige ausgezeichnet schöne und weite Lindenalleen, welche jedoch ein unvernünftiger Gärtner teilweise geköpft hatte, um ein daneben stehendes, schlecht angelegtes Orangeriehaus vor dem etwanigen Umbrechen so großer Bäume zu schützen. Derselbe Unsinn hatte sich weiterhin wiederholt, wo zwischen Wiesen und Laubwald eine Fasanerie lag. Mehrere kolossale Fichten waren nämlich dort entweder ganz vertilgt, oder ebenfalls ihrer Gipfel beraubt worden, unter dem Vorwande, daß der alte, halb blinde Fasanjäger die Raubvögel, die sich auf die Spitzen der Bäume zu setzen pflegten, so hoch nicht wohl herunterschießen könne. Den übrigen Teil der Fläche nahmen traurig kahle Acker ein, von denen die meisten den Städtern gehörten. Die Flußufer prangten indes überall mit einer Menge der schönsten Eichen und anderer hoch aufgeschossener Bäume.

Jenseits des Flusses, immer weiter nach Osten erhebt sich, nicht weit von seinen Ufern, abermals ein niedriger Bergrücken, der das zweite Plateau des Parks bildet, welches in einiger Entfernung nochmals von einer Hügelkette eingefaßt wird, auf deren Gipfel sich eine dritte, noch weitere Fläche ausbreitet, und auf ihrer andern Seite, nur sehr allmählich, nach der Waldung zu abdacht. An dem Saume dieser liegt das Dorf Braunsdorf mit einem Vorwerk, zu dem eine schlecht gehaltene Lindenallee führte, deren langer Strich über die Gegend mehr störend als vorteilhaft wirkte, weshalb ich sie später größtenteils versetzen ließ, um damit den kahlsten Stellen der Höhen mehr Bedeutung zu geben. Als ein merkwürdiges Beispiel der Sorglosigkeit unsrer Vorfahren für Genuß und Behaglichkeit mag es dienen, wenn ich hier anführe, daß auf diesen Bergen, grade dem Schloß gegenüber, 50 Jahre lang die Scharfrichterei stand, deren Nähe sich, jedesmal wenn der Wind aus dem Morgen stand, auf das abscheulichste bemerkbar machte. Es hat mich mehrere Tausende gekostet, diesen ekelhaften Nachbarn loszuwerden.

Auf dem höchsten Punkte der letztgenannten Hügelkette genießt man eine sehr schöne und weite Aussicht. Den Vordergrund bildet das Neißtal mit dem Städtchen, dessen aufsteigende Terrassengärten sich mit den Strohhütten des Dorfes Berg, die hier fast unmittelbar über die Stadt herabzuhängen scheinen, malerisch vereinigen. Südlich in den Schluchten rauchen Tag und Nacht die Alaunhütten und Töpferöfen, deren Feuersäulen mit eintretender Dämmerung allnächtlich die ganze Gegend erleuchten; weiterhin aber verliert sich das Auge, dem Laufe des Flusses folgend, in einer mit alten Eichen und andrem Laubholz reich besetzten Feldflur, bis der umschließende Wald von neuem alles verschlingt, und nur den blauen Häuptern der Landskrone, Tafelfichte und Schneekoppe aus dem dunkelgrünen Meere hervorzutauchen erlaubt. Rechts endlich breiten sich an dem entgegengesetzten Ende der Neiße weite Wiesen aus, auch von hohen Bäumen beschattet, über die sich der mit Fichten bedeckte Berg der Glashütte von Wolfshayn, dem Landsitze des berühmten Juristen und Philosophen Grävell erhebt. Rückwärts gewandt sieht man wiederum nur Wellenlinien des dichtgeschlossenen, bis an den fernsten Horizont hinwogenden, schwarzen Waldes, den nichts mehr, als etwa die funkelnden Spitzen einiger von weitem daraus emporragenden Kirchtürme, unterbricht.

Auf diesem Punkte steht jetzt ein verfallener Pavillon, und befand sich in ganz alten Zeiten, der Sage nach, ein Schloß oder Wartturm, von dem auch noch einige Rudera zertrümmerter Mauern und Keller übrig sind, wie man deren auch in dem nahen Fichtenwalde von Keula findet. Eine ziemlich seltsame Begebenheit verbreitete über diesen Gegenstand während des Krieges ein neues Licht, welches jedoch, wie ein Irrwisch, ebenso schnell wieder verschwand. Es fand sich nämlich bei dem Bürgermeister der Stadt eines Tags ein russischer Stabsoffizier ein, der, von seinem schäumenden Kosakengaul abspringend, hastig einen der Gegend wohl kundigen Mann verlangte, um ihn bei gewissen Nachforschungen zu leiten, die, wie er sagte, von großer Wichtigkeit für ihn wären und zu denen ihm nur wenig Zeit übrigbliebe. Man konnte unter den damaligen Umständen das Gesuch nicht wohl verweigern, gab ihm aber, etwas bestürzt über die unbekannten Absichten des Fremden, eine zuverlässige Person mit, welche man zu genauem Rapport dessen, was vorfallen würde, verpflichtete. Dieses Individuum erteilte dann später folgende Auskunft. Der fremde Offizier begann seinen Begleiter sehr umständlich über alle hiesigen Verhältnisse auszufragen, und eröffnete ihm endlich, jedoch bei strenger Androhung des größten Geheimnisses, daß er in der Absicht hier sei, einen bedeutenden Schatz zu heben, über dessen Dasein und wahrscheinliche Lage er die genauesten Nachrichten mit sich führe. Er sei aus Moskau gebürtig, und seine slavischen Vorfahren hätten vor langen Jahren die Stadt Muskau, deren Namen mit dem von Moskau früher gleichlautend gewesen, und denselben slavischen Ursprung habe, besessen. Ihr Schloß habe im nahen Walde gestanden, und ein Wartturm auf dem erwähnten hohen Hügel. Es ist auffallend genug, daß die Angabe des slavischen Ursprungs mit einer alten schriftlichen Chronik der Stadt, in der sie Moska geschrieben wird, ziemlich übereinstimmt. Auch auf den alten Landkarten findet man die nämliche Benennung. Er zeigte dem Manne hierauf einen halb vermoderten, aber noch immer gut zu unterscheidenden Plan der Hauptzüge der Gegend, und fand, nach seinen Notizen den Raum abschreitend, auch wirklich die bisher hier ganz unbekannten Überreste eines Kellers, und ohngefähr 40 Schritte weiter die eines verschütteten Brunnens auf, wo man sofort nachzugraben anfing, aber nichts als einige kleine Münzen entdecken konnte, die mit grünem Schimmel bedeckt und deren Gepräge gänzlich ausgelöscht war. Als nach fortgesetzter Arbeit nichts weiter erschien, sandte der fremde Schatzgräber endlich seinen Gehülfen zurück, mit dem Bedeuten, daß er morgen mehr Leute hinzunehmen wolle. Er meldete sich jedoch am folgenden Tage nicht weiter, und als am dritten die hinzugezogene Person allein den Ort wieder betrat, fand sie die Erde noch weit tiefer umgewühlt, so daß ohne Zweifel seitdem ein neuer Versuch gemacht worden sein mußte. Die Resultate desselben, sowie der geheimnisvolle Offizier, blieben aber verschwunden, und alle Nachgrabungen, die ich selbst aus Neugierde einige Jahre später vornehmen ließ, als ich bei meiner Zurückkunft aus der Campagne die erzählten Umstände erfuhr, blieben ebenfalls ohne Erfolg.

Diese Data sind nicht ganz ohne Beziehung auf die folgende Entwickelung meiner Pläne.

Nachdem ich mich also mit dem geschilderten Lokal und den Möglichkeiten der Ausführung meiner Gedanken hinlänglich bekanntgemacht hatte, beschloß ich, außer den schon bestehenden Gärten, das ganze Flußgebiet mit seinen angrenzenden Plateaus und Hügelreihen, Fasanerie, Feldflur, Vorwerk, Mühle, Alaunbergwerk u. s. w., von den letzten Schluchten des sich im Süden abdachenden Bergrückens an, bis zu den Dörfern Köbeln und Braunsdorf auf der Nordseite (alles zusammen nahe an 4000 Morgen Landes) zum Park auszudehnen, und durch Hinzunahme des, sich hinter der Stadt fortziehenden, Abhangs, nebst einem Teil des darauf liegenden Dorfes Berg, die Stadt selbst durch den Park so zu umschließen, daß sie künftig mit ihrer Flur nur einen Teil desselben ausmachen solle. Da sie eine mir bisher untertänige, und noch immer abhängige Mediatstadt ist, so gewann ihre Hinzuziehung zu dem projektierten Ganzen eine historische Bedeutung; denn die Hauptidee, welche ich der Fassung des ganzen Planes zum Grunde legte, war eben keine andere als die, ein sinniges Bild des Lebens unserer Familie, oder vaterländischer Aristokratie, wie sie sich eben hier vorzugsweise ausgebildet, auf eine solche Weise darzustellen, daß sich diese Idee im Gemüt des Beschauers, sozusagen, von selbst entwickeln müsse. Hierzu war nur nötig, daß das schon Gegebene benutzt, hervorgehoben und in demselben Sinne bereichert, der Lokalität und ihrer Geschichte aber nirgends Gewalt angetan würde. Manche Ultraliberale werden vielleicht über einen solchen Gedanken lächeln, aber jede Form menschlicher Ausbildung ist ehrenwert, und eben weil die hier in Rede stehende sich vielleicht ihrem Ende naht, fängt sie wieder an ein allgemeines, poetisches und romantisches Interesse zu gewinnen, das man bis jetzt Fabriken, Maschinen und selbst Konstitutionen noch schwer abgewinnen kann. Suum cuique. Euer ist jetzt das Geld und die Macht – Laßt dem armen ausgedienten Adel seine Poesie, das einzige, was ihm übrig bleibt. Ehrt das schwache Alter, Spartaner!

Der die ganze Gegend beherrschende Berg, dessen zertrümmerte Mauerüberreste, sowie die alten Legenden, seine frühere Bestimmung und die alte Ritterburg hinlänglich bezeichneten, wurde daher als Ausgangspunkt gewählt, und beschlossen, hier, in dem einfachen, für Gebäude dieser Art im Mittelalter herrschenden Geschmack, ohngefähr gleich den noch ziemlich wohl erhaltenen ältesten Burgen am Rhein, ein ähnliches Gebäude aufzuführen. Diesem muß allerdings die Kunst das Ansehen des Alters verleihen, es soll aber dennoch keine nutzlose Ruine, die neu aufgeführt immer der Spielerei zu nahe verwandt bleibt, und den Effekt der Täuschung verfehlen muß, weil sie zuviel zumutet, darstellen, sondern nur ein altes Schloß, das mit der Zeit andern Zwecken gedient, ein teilweise verändertes, oft repariertes und fortwährend gebrauchtes Ganze, wie es auch noch mehrere andere dergleichen Burgen in unserer Provinz gibt. Vermöge seiner Lokalität, da es vom Tale aus gesehen zwar schroff auf der Höhe und am Saume des Waldes, auf der andern Seite aber auch nahe an dem weitesten Plateau, und daher passend für die Feldfluren liegt, kann es jetzt sehr zweckmäßig zu einem Hauptvorwerk, zu Wirtschaftswohnungen und Pferdeställen dienen. Die sogenannte innere Burg aber mit dem einzelnen hohen Wartturm, von dem nunmehro freilich kein mißgestalteter Zwerg mehr nach fremden Feinden zu lugen braucht, soll zu einer herrschaftlichen Wohnung und der Turm zur Feuerwacht benutzt werden, die bei den häufigen Waldbränden in unserer Gegend nur zu nötig ist. Übrigens könnte immer noch, fände man dies analoger und romantischer, auch ein moderner Seni sich daneben in ungestörter Einsamkeit mit der Astrologie beschäftigen, oder etwa ein Goldmacher, die keineswegs ausgestorben sind, sein Wesen treiben – ja selbst das bei allem Rittertume so obligate Rüdengebell würde nicht fehlen, da der Zwinger für die Jagdhunde dorthin verlegt wird.

Doch, Scherz beiseite, so sind wirklich Traditionen im Volke genug vorhanden, um der Fiktion eine historische Basis zu geben. Außer dem schon früher Erzählten sagt die alte gedruckte Chronik der Stadt folgendes, was ich nur in heutiges Deutsch übersetze, und mit wenigen neuern Anmerkungen begleite.

»Muskau oder Mosca, sonst Mužakow genannt, das heißt ›Männerstadt‹, war zu der heidnischen Zeit der Sorben schon ein berühmter Wallfahrtsort, wo vier ihrer Göttertempel in Eichenhainen standen. Hier wurde das Gnadenbild der alten Zeit, der Gott der Götter Swantewit ›das heilige Licht, das heilige Feuer‹, verehrt. Die Orakel des ihm geweiheten Pferdes wurden dem Volke durch die Priester verkündigt, und noch sind die Opferplätze – der eine ganz in der Nähe des Bades – deutlich erkennbar. Ein auf der andern Seite der Stadt gelegener großer Totenacker voll Urnen, deren man täglich noch ausgräbt, deutet auf einen von vielen Menschen oder doch sehr früh und lange bewohnten Ort. Bei der Bekehrung der Sorben durch Ludewig den Frommen bis zu Hildewardt des III. Bischofs von Meissen Zeit – 1060 – rettete sich der Dienst der alten Götter in diese früher fast undurchdringlichen Wälder, und erhielt sich in denselben verborgen und heimlich mehrere Jahrhunderte lang. Die Bildsäule des Gottes Zeutiber soll, zwar beschädigt, hier noch in späterer Zeit vorhanden gewesen sein.« (Ganz ähnlich den Grabmälern in der Troas und auf der europäischen Landzunge den ganzen Hellespont hinauf bis bei Ganochoro und Heraclea, wo die letzten sind, stehen in dem hiesigen Neißetale hinauf und namentlich bei Buchwalde und Werdeck hohe grüne, mit uralten Eichen bewachsene Hügel, welche die Sorben-Wenden noch heutzutage »Kraalsroo« oder Königsgräber nennen.)

»Der erste Graf zu Muskau war Theoricus, dessen Tochter Juliane, Wittekind seinem Sohne gleiches Namens zur Gemahlin gab. Von dem Grafen wird gesagt, daß er in großem Beruf war, wie denn auch sein Name bis in diese Zeit herabgehallt ist.

Die Hungarn wurden nach ihrer großen Schlacht auf ihrem Rückzuge in diesem damals waldigen Tale von dem ritterlichen Helden Graf Siegfried von Ringelhain unter Beistand des Grafen Bruno von Askanien erst völlig aufgerieben. Die große Burgundische Chronik, Doktor Hegemüllers Wappenbuch, gedruckt zu München, und Doktor Seldens Ehrenschild enthält darüber fol. 133 einen Städtebrief für Muskau vom Kaiser Heinrich I.

Markgraf Johann, Siegfrieds Sohn, erbaute von seinem Anteil an der Beute das starke und wohlverwahrte Schloß bei Muskau als eine Land- oder Grenzveste, die selbst Kaiser Heinrich III. und V. – 1109 – umsonst belagerten, denn die Markgrafen hatten es späterhin dem Herzog Vladislaus von Polen abgetreten, von welchem es der Herzog Boleslaus von Böhmen bekam. Hier war es auch, wo Vladislaus – der des Herzogs von Böhmen Tochter Michildam, mit welcher der Vater andere Absichten hegte, und sie ihm zur Gemahlin zu geben ausgeschlagen – nachdem er die schöne Jungfrau aus dem Hradschin entführt, drei Jahre mit ihr die Tage der Wonne und Liebe lebte. Da rüstete sich Boleslaus, belagerte und bestürmte das Schloß von Muskau, und nahm es ein. An des Vaters Wehmut und Rührung mußte aber der harte Zorn schmelzen, als er zu seinen Füßen die gefangene Tochter und ihr holdes Knäblein erblickte. Er verzieh ihr auch alsbald, und Primislaus, dieser junge Prinz, ward ein nachmaliger Herzog in Böhmen, und erzeigte, wie Abraham Horsmanns Chronik besagt, immerwährend seinem Geburtsort Muskau viele Freundschaft. Die Stadt, welche sich seit jener Zeit gebildet hatte, wurde vor der, in ihren Folgen so wichtigen, furchtbaren Schlacht der Tartaren 1241 von denselben ganz verwüstet, sowie das alte feste Schloß, von dessen mächtigen Türmen nichts mehr, und von seinem Grunde kaum nur Spuren zu sehen sind. Die Stadt wurde an ihrem alten Orte wieder aufgebaut, aber das neue Schloß jetzt unmittelbar an dieselbe. Es hatten Ritterspiele und sogenannte Torniamina von fürstlichen Personen und andere Conventus hier öfters statt. Vor der Reformation hatte Muskau eine Probstei. Diese Gegend erfuhr von jener Schlacht der Tartaren an, bis auf den letzten Befreiungskrieg, was die Greuel der Verwüstung nur mit sich bringen können.

Erst zerstörten die Hussiten hier gewaltsam. Im 30jährigen Kriege verbrannte Tiefenbach die sämtlichen Dörfer um Muskau. Von den Kroaten wurde Stadt und Schloß geplündert. Wallenstein lag 1633 mehrere Tage in der Herrschaft mit der kaiserlichen Armee. Kurz nachher ward der Wald angezündet; er brannte 6 Wochen lang, und durch Verwahrlosung der Schweden brannte auch das neue Schloß aus, welches darauf schöner ausgebaut und ansehnlich vergrößert worden ist. Auch die Stadt brannte mehrere Male ab, und wurde namentlich im Jahre 1766 gänzlich in Asche gelegt, verdankt aber diesem Unglück ein schöneres und gleichartigeres Äußere als andere Landstädte von gleichem Umfange.«

So viel als Belege für die historische Beziehung der Burg, von deren Lage man, nicht mit Unwahrscheinlichkeit, annehmen mag, daß auf derselben Stelle einst Vladislaus reizende Tochter in Liebe und Furcht süßbange Tage verlebte, die wilden Ritter dann hier tobten, und Mord- und Brandfackel hier wütete, bis der Zorn des strengen Vaters vor dem Anblick der Mutter und ihres Knäbleins in sanftern Regungen zerschmolz.

Wie indes Dichter oft das Ende ihrer Werke zuerst und den Anfang zuletzt ausführen, so habe auch ich die Erbauung dieser Burg bis zuletzt verschoben.

Im Fortgange der mit Wald bekränzten Hügelreihe soll, in der Entfernung einer halben Viertelstunde von der Burg, die Begräbniskapelle der Familie ihren Platz finden, zu der eine kühne Brücke in Spitzbogen führt. Diese Kapelle oder Kirche, deren Bau unsere frommen Vorfahren immer allem andern vorausgehen ließen, wird daher aus einer gleichalten Zeit angenommen, und, ihrem Zweck wohl angemessen, im byzantinischen, besser romanischen, Baustile gehalten werden. Weiterhin sieht man, ziemlich in gleicher Entfernung, an demselben Bergabhang einen roh aufgemauerten Vorsprung, in dem eine alte Linde aufgewachsen ist, und wo eine Jungfrau Maria in der Mauerblende nach altkatholischer Art einen Ruhepunkt (Station) darbietet, von dem die religiöse Aussicht in jene Welt zugleich allegorisch, durch eine der schönsten irdischen Aussichten im Park auf die im schwachen Blau am Horizont verschwimmenden Berge, angedeutet wird. Diese Maria ist eine, vor nicht langer Zeit aufgefundene, aus versteinertem Holze gearbeitete sehr merkwürdige Statue. Man setzt ihr Alter bis in das 13te oder 14te Jahrhundert hinauf. Auf dem Plateau hinter diesen verschiednen Burggebäuden befindet sich, als noch zu ihnen gehörig, die Rennbahn, auf die ich später noch einmal zurückkommen werde.

Diese ganze lange Hügelkette, welche auf die beschriebene Weise dem Auge nur analoge Gegenstände vorführt, bildet nun auch die einzige östliche Hauptaussicht vom ältern, wie von dem jetzt bewohnten neuen Schlosse im Tal.

Denn nachdem dort am Flusse, unter dem Schutze der Feudalbesitzer, das Städtchen aufgebaut worden war, vermochten die im Laufe der Zeit friedlicher werdenden Sitten und größere Gemächlichkeit vermutlich auch die gestrengen Herren auf der Höhe, die unbequeme Burg zu verlassen, um ihren Wohnsitz in geselligere Umgebung zu versetzen, wenigstens wurde faktisch im 14ten Jahrhundert das sogenannte alte Schloß, jetzt als Amthaus für die standesherrlichen Behörden dienend, dort unten erbaut. Diesem ist sein charakteristisches Ansehn sorgfältig gelassen, seine Giebel, bunten alten Wappen u. s. w. nur restauriert, und noch die Statue des, aus den Nibelungen bekannten, Ahnherrn unsrer Familie, Rüdigers von Bechlarn hinzuzufügen bestimmt worden. Es sind zwar, was ich doch beiläufig hier erwähnen will, in einigen genealogischen Werken Zweifel gegen diese Abstammung unsrer Familie erhoben worden, ist sie aber auch bis jetzt noch nicht evident historisch erwiesen, so machen sie doch einige beglaubigte Abschriften von uralten Originaldokumenten, welche letztere leider in einem großen Brande zu Schedlau, Anfang des 16. Jahrhunderts, verlorengingen, sowie die Identität des Namens (da noch im 15. Jahrhundert unsre Familie sich Pechlarn schrieb) und endlich die Gleichheit des Wappens, wie das Grabmal Pellegrins, Bischofs von Passau, eines Nachkommen Rüdigers, aus dem 9. Sec. beweist, wo man ebenfalls in 4 Feldern die zerteilten Glieder eines Adlers, wie in unserm heutigen Wappen sieht, höchst wahrscheinlich. Die ehemals reichsunmittelbare Branche meiner Familie, die Grafen Pückler Limpurg auf Farrenbach sollen darüber ebenfalls interessante Notizen besitzen, zu deren Bekanntmachung ich sie gern hier auffordern möchte; denn wer mag uns verdenken, hohen Wert darauf zu setzen mit dem unsterblichen Heldengedichte der Deutschen durch unsere Vorfahren in so romantischer Beziehung zu stehen, wenn wir auch nur die Wahrscheinlichkeit auf unsrer Seite hätten.

Da der freie Platz vor jenem Gebäude zugleich als point de vue einer Straße der Stadt dient, und den Haupteingang des Parks, von dieser aus, bildet, so wird die Reiterstatue des alten Magiaren dort ihre beste Aufstellung finden.

In einer spätern Epoche erbauten meine Vorfahren, nur hundert Schritt von dem ersten, und durch Festungswerke und Gräben mit ihm verbunden, ein viel ansehnlicheres, ihrem vergrößerten Besitz und neuem höheren Range angemessenes Schloß (sie waren nämlich damals eben in den Reichsgrafenstand erhoben worden) das ein italienischer Baumeister aufführte, sowie in gleicher Entfernung auf der andern Seite ein sogenanntes Gartenpalais, das in neuerer Zeit zu einem Theater benutzt, und zwar zur Hälfte vergrößert, aber auch höchst geschmacklos dadurch verunstaltet wurde.

Man kann aus dem Plane ersehen, wie ich jetzt die alten Gräben durch einen hineingeleiteten Kanal des Neiß-Stromes in einen See und Fluß verwandelt habe, welcher letztere drei Seiten des neuen Schlosses umspült und es dadurch vom älteren und dem Theater trennt. Meinem Plane gemäß, dem mein genialer Freund Schinkel durch sein Talent gewiß die reizendste Form gegeben hat, soll nun in Zukunft das alte Schloß mit dem neuen durch eine hohe Bogenbrücke, und das Theater auf der andern Seite durch eine Galerie, welche mit kürzeren Bogen über das Wasser führt, verbunden, und so das Ganze zu einer noch würdigeren Residenz, in einer Ausdehnung von mehr als 500 Schritt Länge, erhoben werden.

Indem wir uns jetzt wieder auf einige Augenblicke in die vergangenen Jahrhunderte zurückdenken, verfolgen wir dort den Gang steigender Industrie und Bildung, die dem Edelmann bald nicht mehr vergönnte, ein bloß Genießender und nach Gelegenheit andern das ihrige Raubender zu bleiben, sondern ihn nun selbst ebenfalls zum industriell Erwerbenden umschuf. Infolgedessen entstehen daher zuerst am Flusse ökonomische, auf den Debit im Städtchen berechnete Gebäude, Mühle, Brau- und Brennereien u. s. w., die noch den altertümlichen, unregelmäßigen Stil mit Giebeln, Vorsprüngen und kleinen Fenstern zeigen. Später wurde auch der Schoß der Erde durchwühlt, und das Alaunbergwerk, welches in seiner Architektur schon einen weniger alten, fabrikartigen Charakter trägt, gegründet. Ein Weinberg beschließt den Zyklus dieser älteren Anlagen, dessen Produkt jedoch nicht anzupreisen ist. Es scheint, daß entweder unsere Vorfahren mit sehr schlechtem Wein fürlieb nahmen, oder das Klima wärmer war als jetzt, denn wer sollte z. B. heutzutage glauben, daß Berlins Fluren, dermalen in Hinsicht auf Getränke nur durch Weißbier berühmt, sonst, wie uns der Berliner Kalender berichtet, ein Weinland waren!

In der neusten Zeit endlich, wo die Verschmelzung der Interessen durch allgemeinere Zivilisation immer mächtiger wird, (und hier erst fängt mein schwacher Wirkungskreis an) fühlte man in unsern, bisher von der Kultur so sehr vernachlässigten Gegenden, endlich auch das Bedürfnis der Kunst und des Schönen. Es lag also der Gedanke nahe, das Vergangene gleichsam in einem zusammengefaßten Bilde wieder zu reflektieren, wodurch alles, was einst da war, neu hervorgehoben, möglichst seinem Zweck entsprechend verbessert, anmutiger gemacht und mit Neuem verbunden, in ein geregeltes Ganze vereinigt werden sollte. Als neue Zugabe benutzte man unter andern auch die, zwar schon lange bekannte, aber nie Früchte bringende, Entdeckung mineralischer Wässer, die unfern des Bergwerks entspringen, wie eines höchst wirksamen Moors in den nahen Tälern, wo starkhaltige Schwefelquellen vielleicht schon in der Urwelt verschüttete und seit Jahrtausenden in Staub aufgelöste Wälder durchrieseln. Vermöge einer mit allem Nötigen reichlich versehenen Badeanstalt suchte man hier auch dem leidenden Teile der Menschheit eine bleibende Wohltat zu erzeigen.

Außerdem wurden noch mehrere andre neue Anlagen, teils im Gebiet des Schlosses, teils anderwärts hinzugefügt, namentlich eine Wachsbleiche, Fischerhütte, und einige Kolonien ländlicher Häuser in der Nähe des Dorfes Köbeln, Auf alten gezeichneten Karten: Gobelin. beim Alaunwerk und auf der Braunsdorfer Feldflur, jede als ein Ganzes gruppiert, und durchgängig zu unentgeltlich erteilten Wohnungen für Gartenarbeiter, Bergleute und Bedürftige bestimmt; ferner ein Observatorium und weitläuftige Cottage ornée »das Englische Haus« genannt, die zu einem sonntäglichen Belustigungsort für Stadt und Umgegend dient. Als Schlußstein des Ganzen ward, zum Andenken eines Werks, das mit so unsäglichen Schwierigkeiten zu kämpfen hatte, projektiert, auf einem isolierten Hügel im Mittelpunkt des Parks und am Ufer des Flusses, einen Tempel, der Beharrlichkeit gewidmet, zu errichten, auf dessen ausführlichere Erwähnung ich fernerhin verweise.

Dies ist denn in der Hauptsache die Aufgabe, welche ich mir stellte. Wie ich sie gelöst, muß ich, soweit die Ausführung beendigt ist, und diese Schrift das Übrige auseinandersetzt, der Beurteilung der Kenner überlassen; harmlos, wohlmeinend und nicht ohne einiges künstlerische Bestreben war wenigstens die Absicht.

Der Muskauer Park kann demnach jetzt in folgende Hauptbezirke eingeteilt werden, welche zugleich die verschiedenen Zeitepochen ziemlich richtig bezeichnen.

I. Das Burggebiet jenseits der Neiße. Dazu gehört

   A. das Burggebäude mit seiner Umgebung,
   B. die Begräbniskapelle,
   C. die Rennbahn,
   D. die Stuterei,
   E. das Vorwerk mit der Schäferei.

II. Die Stadt und ihr Weichbild.

III. Das Schloßgebiet. Dieses zerfällt in

   A. das alte Schloß, Mühle, Wirtschaftsgebäude u. s. w.
   B. das neue Schloß mit seinem, es umgebenden pleasureground,
   C. die Orangerie und Gärten,
   D. der Gasthof,
   E. die Fasanerie,
   F. die Fischerhütte mit ihren Umgebungen,
   G. der Tempel.

IV. Der Weinberg.
V. Das Bergwerk mit seiner Kolonie.

VI. Das Bad.

VII. Das Observatorium.

VIII. Das Dorf: hierzu gehört

   A. das Englische Haus,
   B. die Kolonie Gobelin.

Um nun zur näheren Beschreibung dieser Partien überzugehen, wird es am zweckmäßigsten sein, demselben Wege zu folgen, den ein Fremder bei der Lokalbesichtigung einzuschlagen haben würde, wobei ich nur bitte, den Plan tab. B. zur Hand zu nehmen, auf dem vier Pfeile von roter, schwarzer, blauer und gelber Farbe die Fäden der Ariadne vertreten mögen.

Ich muß jedoch vorher noch bemerken, daß außer der Einteilung, die ich soeben aufgestellt, und die ich »die ästhetische« nennen möchte, der Lokalität, Bequemlichkeit und leichtern Übersicht wegen, für die Bewirtschaftung sowohl als Besichtigung des Parks, noch eine andere generellere Einteilung angenommen wurde. Nach dieser zerfällt das Ganze nur in drei Teile, von denen jeder seine besondere, durch die Örtlichkeit bedingte, Befriedigung hat, nämlich in den Schloßpark, den Park des Bades und den äußern Park. Jeder von diesen bietet hinreichenden Raum und Stoff zu einer Spazierfahrt. Den ersten begrenzt teilweise ein hoher Holzzaun, der nie sichtbar wird, mit breiter Bepflanzung, teilweise die Neiße; den zweiten ebenfalls zur Hälfte, nach der Stadt zu, ein ähnlicher Zaun, dann tiefe Gräben und breite Schleedornfelder. Den dritten durchaus Gräben mit Akazien-, Dorn- und Gleditschienhecken von einer Rute Breite, welche Menschen und Tieren ganz unzugänglich bleiben, und selbst mit dem schlechtesten Boden fürlieb nehmen. Die vielen Hasen in unsrer Gegend tun diesen Hölzern zwar bei harten Wintern bedeutenden Schaden, da sie aber ohnedem der Dichtigkeit wegen alle drei Jahre teilweise abgehauen werden müssen, so ist das Übel selten von Bedeutung.

Ich nehme an, daß man vom Schlosse ausgeht, und zuerst eine Fußpromenade nach den Blumengärten und einem Teil des pleasureground unternimmt, zu welchem die Fahrwege nicht führen.

Dem roten Pfeil folgend, wird man zuvörderst auf der breiten Treppe des Schloßhofes (a., auf dem Grundplan C und B Ich habe, zur bessern Orientierung des Lesers, einen Teil der Gärten, für den Bereich dieser Fußpromenade, in größerem Maßstabe kopieren, und mit denselben Zeichen versehen lassen. S. tab. C. eine Aufstellung von Orangerie und Blumen mit leichten Bögen sehen, über die sich, aus großen Vasen emporsteigend, Passionsblumen ranken. Zwischen den Bögen sind freihängende Stäbe angebracht, auf denen sich farbige Papageien schaukeln, ohne die Gesellschaft durch zu große Nähe inkommodieren zu können. Die Orangerie bildet einen schattigen und duftenden Gang auf der Terrasse, und dehnt sich rund um den Schloßhof aus, mit Blumenstellagen umgeben, in denen Nischen angebracht sind, die gelegentlich als Salon dienen und abgegrenzte Aussichten nach dem Park gewähren. Die Terrasse hängt zugleich mit den eigentlichen Gesellschaftszimmern durch Glastüren zusammen.

Auf der entgegengesetzten Seite dieser Zimmer, nach Süden, ist ein, längs des Schloßflügels fortlaufendes, kaltes Haus projektiert, (b.) dessen Fenster im Sommer abgenommen werden, das jedoch zu allen Jahreszeiten einen grünen Laub- und Blumengang bildet, in welchen man aus den Stuben, unmittelbar unter den Fenstern, durch dort angebrachte, vergoldete Gitteröffnungen hinabsieht, auf zwei Treppen an den Seiten aber hinuntergelangen kann.

Vor diesem Gewächshause beginnt der erste Blumengarten, welchen, unter den gegenüberliegenden Bergen sich ausbreitend, der Lucie-See begrenzt.

Er umgibt das ganze Quarré des Schlosses, indem er unter der Rampe eine Kommunikation hat, wo ein Tunnel, mit goldfarbenem Schwefelkies und blauen Schlacken gemauert, angebracht wurde.

Bei Anlegung dieser Gärten habe ich mich ganz freier Laune überlassen, und Regelmäßiges mit Unregelmäßigem ohne Scheu verbunden, hoffe jedoch nichtsdestoweniger die Harmonie des Ganzen nicht zerstört zu haben. Auf dem Grundplan mag sich freilich der Fächer; das in einen Stern gefaßte H; das, dem Brustschilde des jüdischen Oberpriesters ähnliche, Viereck; das Füllhorn; die kolossale Blume durch verschiedene Beete gebildet; ein S unter Rosen und Vergißmeinnicht; die Pfauenfedern u. s. w. etwas sonderbar ausnehmen; in der Wirklichkeit ist dennoch der Effekt ziemlich reich und originell, auch nicht heterogener, als etwa der Bazar in der Stube einer eleganten Dame zu sein pflegt. Die Skizze auf tab. XII gibt einen Teil der Ansicht dieser Partien vom Turmbalkon aus gesehen. Man wird dort auch zwei Büsten vor einer Blumenglorie bemerken. Es sind die zweier Frauen, welche mir von allen, die ich auf meiner Lebensreise angetroffen, als die lieblichsten erschienen. Da Anerkennung der Schönheit keine Beleidigung ist, und in ihrem Reiche auch Rang und Geburt verschwinden, so will ich sie den Neugierigen nennen. Die eine ist die Gräfin Alopäus, die andere die Gräfin Rossi.

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tab. XII: Die Blumengärten vom Turmbalkon des Schlosses aus gesehen.

Der etwas höher gelegene Platz unter drei alten Linden, (c) von allen mit der reichsten Fülle von Blumenglanz umgeben, ist auch der Hauptpunkt des Blumengartens, von wo sich eine freie Aussicht auf den See, den angrenzenden pleasureground, und die gegenüberliegenden Terrassengärten der Stadt, mit dem Dorfe Berg in der Höhe, ausbreitet. Das Wasser bespült unmittelbar den Fuß der steilen Steinwand, auf der sich oben hinlänglicher Raum für eine ziemlich große Gesellschaft befindet. Abends wird dieser Platz durch bunte Laternen erleuchtet.

Weiterhin ist das Rosary, eine Rosette aus Monatsrosen und Buchsbaum gebildet, und mit Granatbäumen umkränzt, die sich dem erwähnten kalten Hause anschließen, in welchem eine geräumige Nische, mit Blumenstellagen umgeben, als ein anderer gesellschaftlicher Platz benutzt werden kann. Hier gestattet das, ihn auf allen Seiten umschließende, Gebüsch keinen weitern Fernblick als auf den Wasserspiegel allein, unter dem Dache großblätteriger Platanen. S. tab. XIII. Seitwärts dieser Partie liegt der Tulpenbaumsalon, unter dessen Schatten der Nelkenflor aufgestellt wird. Eine Steintreppe führt hier nach dem Wasser hinab zu einigen leichten Gondeln, mit denen die Liebhaber des, jetzt so modern werdenden, Ruderns, den See befahren können, ohne auf dem friedlichen Becken Sturm und Schiffbruch besorgen zu dürfen.

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tab. XIII: Das Rosary am Schloß.

Den Weg weiterverfolgend, betritt man am Turm einen offnen Vorsprung. Eine Laube von Jasmin und Rosen ist unter dem obern Balkon an das Spalier des Turmes gelehnt. Aus ihr übersieht man den See wieder in einer andern Direktion, und zwar in seiner größten Länge, wo zwei Brücken und ein Wasserfall als vorzüglichstes point de vue dienen. Von hier setzt man den Spaziergang eine Zeitlang wieder im Gebüsche fort, kömmt an einen geschmückten Platz mit dem Buchstaben S, einem Vogelhause, ferner einer Blumenpartie die ein Bündel kolossaler Pfauenfedern nachahmt, dann an Stellagen mit Warmhauspflanzen vorbei, bis man den erwähnten Tunnel (d.) erreicht. Eine Fontäne gibt dort bei heißen Sommertagen erfrischende Kühlung und gewährt ein stilles einsames Plätzchen, wo man bequem, wie die Phrase heißt: seinen Gedanken Audienz geben, oder, prosaischer gestimmt, Siesta halten kann, wozu ein weiches Moosbett und nie unterbrochne Dämmerung einladet.

Man gestatte mir hier ebenfalls einen Abschnitt zu machen, und bei dieser Gelegenheit noch ein paar Worte über Blumenpflanzungen und Folge einzuschalten.

Ich habe leider in dem Neißtale mit einem ziemlich ungünstigen Klima zu kämpfen, und darf daher auf halbharte Sträucher, wie z. B. einen Teil der Cytisus-, Calicantus-, Cercis-, Amygdalus-, Hybiscusarten, Hydrangien, Rhododendron, Cometonia u. s. w. nicht ohne sorgfältige Bedeckung rechnen, weil sie zu häufig erfrieren; die noch weichern aber, wie Liquidamber, Magnolien, Azalien, ja selbst prunus lusitanica (in England so hart), Pyrus japonica, Arbutus Viburnum, Ilex-Arten, einige Andromeden u. s. w. müssen fast jeden Winter durch portative Häuser geschützt werden. Ich gebe daher auch den schön blühenden unter den härtern Sträuchern, wenn sie auch weit gemeiner sind, mehrenteils den Vorzug, da man überhaupt, soviel wie möglich, sich enthalten muß, die Natur zu sehr und zu oft zwingen zu wollen. Denn auch ein ganz gewöhnlicher, üppig blühender roter Dorn z. B., oder Lonicerenstrauch u. s. w. nimmt sich gewiß besser aus, als ein kümmerndes und exotisches Gewächs, das in angemessenerem Klima vielleicht die höchste Pracht entfaltet haben würde. Übrigens lasse ich die Hauptausschmückung ohnedem mehr durch Topfpflanzen bewerkstelligen, die durch bleibende Vorrichtungen so aufgestellt werden, daß sie den Rasen nicht verderben noch die Töpfe und Kübel, in denen sie stehen, auf unzierliche Weise sichtbar werden lassen. Z. B.: Hinter einer halbrunden Bank, die ganz mit Oleander umgeben ist, wurde ein offner Kanal gemauert, in dem die Oleander in langen Kästen von gleicher runder Form eingelassen werden. Da sie sich bis zum Grunde behängen, scheinen sie aus der Erde gewachsen zu sein. Einzelne Granat- oder andere Bäume werden mit dazu genau angepaßten zierlichen Stellagen umfaßt, und diese mit Blumentöpfen von einem Dessein so besetzt, daß vom Kübel des Baums nichts mehr zu sehen ist, und nur seine Krone in der Mitte hervorragt. Soll ein Stamm aber, einzeln stehend, sichtbar bleiben, so wird der Kübel ebenfalls in einen gemauerten Trichter eingelassen, den ein Korbrand verbirgt, und auf dem Kübel die Erde mit, in grünem Moos verborgenen, Blumentöpfen mit niedrigen Blumen besetzt u. s. w. Müssen im Spätherbst diese warmen Pflanzen wieder weggenommen werden, so ersetzt man sie durch härtere Sachen, oder durch Körbe mit Blumen in Töpfen, die auch etwas Frost nicht fürchten, wie Astern u. s. w. Die gemauerten Öffnungen in der Erde müssen so weit sein, daß noch überall hinlänglich Luft an die Kübel streichen kann, und die Kübel auch zum Teil nur halb tief eingesetzt werden.

Ich habe schon gesagt, daß im allgemeinen Massen zusammenhängender Farben dem Gemisch vielartiger vorgezogen werden sollten. Was aber die Blumen folge betrifft, so will ich, um nicht zu weitläuftig zu werden, nur das Beispiel angeben, wie der erwähnte Fächer (e.) und der Stern mit dem H (f.), das gewürfelte Viereck (g.) (im blauen Blumengarten) und das Füllhorn (h.) bei mir behandelt werden.

Der Fächer e. tritt zuerst in Blüte mit gelbem Krokus. Dann wird er mit Sommerlevkoyen dergestalt bepflanzt, daß sie über das Ganze ringförmig Streifen von verschiedenen Farben bilden, mit einem dunkeln Mittelpunkt, aus dem die Nuancen sich nach der Peripherie abstufen. Es versteht sich von selbst, daß der Gärtner mit der Anzucht der Blumen auf die Zeit der Auspflanzung gehörige Rücksicht nimmt. Dasselbe wird zuletzt mit Aster chinensis bewirkt, die bis in den Herbst hinein blüht, wo der Aufenthalt auf dem Lande ohnedies gewöhnlich bei uns sein Ende zu erreichen pflegt. In der Regel bleiben dann nur noch die Jagdliebhaber zurück, welche nach keinen andern Blumen, als etwa höchstens denen verlangen, welche der Hase liefert. Die zwei runden Körbe neben dem Fächer werden zuerst mit gefülltem dunklen Goldlack, und später mit Lobelia cardinalis bepflanzt.

Der dem Fächer gegenüberliegende Stern (f.) beginnt mit gefüllten Tulpen. Nach diesen werden hochrote Pelagonien aus Töpfen eingepflanzt, die ebenfalls bis in den Herbst aushalten. Auch diese Figur umgeben vier Körbe, die mit bunt untereinander gemischten hochfarbigen einfachen Tulpen anfangen, zur zweiten Flor aber zwei mit Elychrisum bracteatum von Verbena Aubletia umgeben, zwei mit Heliotropium peruvianum blühen. Das Quadrat g. (im blauen Blumengarten) fängt mit gefüllten Hyazinthen an, die in den verschiedenen Abteilungen mit vier Farben schattiert, und so dicht als möglich gepflanzt werden. Hierauf folgen, auf andere Art verteilt, drei Farben von Gomphrena globosa. h. das Füllhorn erhält einen gelben Knopf, welcher das ganze Jahr hindurch mit Blumen von Mimulus guttatus, die in verschiedenen Epochen angezogen werden müssen, um bis im Spätherbst auszudauern, gebildet wird. Die übrigen Abteilungen desselben koloriert man in andern Farben durch Silene bipartita, Viola grandiflora und Lobelia ericoides. Da aber, wo sich das Füllhorn mit einer großen Blumenmasse ausschüttet, wird diese den ganzen Sommer über durch in Moos eingelassene Töpfe mit Blumen aller Farben bunt durcheinander hergestellt, auch einige Kürbisse hineingepflanzt, um die Contoure der Ausschüttung desto unbestimmter zu machen. Man kann bei geringerer Menge von Ausschmückungen dieser Art, die Blumenfolge der gegebnen Exempel noch besser und reicher einrichten. Ich gebe sie nur als einen Anhalt, wie man ohngefähr zu verfahren habe.

Alle Figuren dieser komplizierten Art werden in der Regel mit Buchsbaum eingefaßt, um ihre Form deutlich und fest zu zeichnen, was Blumeneinfassungen niemals so genau zu tun imstande sind. Bei einzelnen Beeten aber von regelmäßiger einfacher Form, als Rondelle, Ovale, Vierecke, benutze ich, wenn kein Korbrand dafür gewählt wird, alle hierzu tauglichen niedern Blumen als Einfassung – nie aber darf man eine solche bei unregelmäßig gezogenen Schrubbs anwenden, die dadurch ein zu steifes, dem Zweck entgegenstrebendes Ansehen erhalten würden.

Für die rankenden Pflanzen werden verschiedenartige Gestelle von starkem Eisendraht verfertigt, die an sich schon einen recht zierlichen Gegenstand bilden, und den Pflanzen erlauben, sich nach allen Seiten voll zu behängen. In England findet man sie in allen Formen stets vorrätig und sehr sauber fabrikmäßig gearbeitet, bald als Tore, Bögen, Schirme, durchbrochne Säulen oder kleine Obelisken u. s. w., bei uns muß man sie durch geschickte Schlosser nach der Zeichnung ausführen lassen. Sehr schön nimmt sich unter andern die an einem Schirme gezogene Glycine sinensis aus, wenn ihre dicken blauen Trauben sich durch das Drahtgeflecht drängen. S. tab. XIV. 1, und den Bogen 2, als Eingangsverzierung mit Cobaea scandens bepflanzt, nebst der vergoldeten Glorie 3., an der verschiedene Clematisarten emporklimmen, oder den blauen Korb mit vergoldeten Spitzen (4.) mit roter Bignonia radicans bekränzt. 5. ist ein Blumenkorb, dessen Rand durch Blätter von gebranntem Ton gebildet wird. Die Blätter sind unten mit langen Spitzen versehen, die sie in der Erde festhalten, und werden auf diese Art mit leichter Mühe einzeln eingesenkt und wieder abgenommen. Es ist eine wohlfeile, dauerhafte und zugleich schöne, sehr in die Augen fallende Einfassung.

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tab. XIV 1: Gestell aus Eisen für Rankpflanzen.

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tab. XIV 2: Gestell aus Eisen für Rankpflanzen.

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tab. XIV 3: Gestell aus Eisen für Rankpflanzen.

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tab. XIV 4: Einfassung für Blumen.

Wir kehren jetzt, mit gütiger Erlaubnis des Lesers, dessen Geduld ich nicht zu früh zu ermüden bitte, zu unserm weitern Spaziergang zurück, und ersteigen die Treppe (i.), welche uns auf die große Schloßrampe führt, bei der wir uns einen Augenblick verweilen müssen. Man sieht auf dem Plane, daß in der Mitte eine 40 Fuß breite Treppe aus der Rampe hervortritt, welche auf fünfzehn Granitstufen nach dem Rasen des bowling green vor dem Schlosse hinabführt. Vor der Treppe sind vier Blumenteppiche und etwas weiterhin als Ruhepunkt eine kolossale Ariadne, liegend auf ihrem Piedestal, angebracht, mit Rosenbäumen umgeben, die sich an goldnen Stäben emporranken. Über diesem geschmückten Vordergrund erblickt man in der Ferne die Berge mit dem Burggebiet. Den Fluß sieht man hier nicht, da er durch seine Dämme verborgen ist, der Abwechselung wegen auch hier keine Wasseransicht gewünscht wurde, weil das Schloß von den übrigen drei Seiten schon solche darbietet. Der Mittelgrund entfaltet also statt dessen nur eine weite grüne Fläche, die vom Schlosse bis an den eisernen Zaun, welcher den pleasureground vom Parke trennt, als Übergang, noch durch blühende Sträucher und einige wenige Blumenmassen verziert ist, dann aber nur Wiesen, von Schafen und Kühen beweidet, und hohe Baumgruppen zeigt, unter deren Laubgewölben die Berge und die sie krönenden Gebäude scheinbar noch in tiefere Ferne zurücktreten, als es in der Wirklichkeit der Fall ist. Den zweiten Mittelgrund bildet die Hügelreihe jenseits des Flusses mit ihrer Bergebne und verschiednen darauf zerstreuten großen Buschpartien. Diese Aussicht, welche früher durch eine hohe Lindenallee, die ich durchbrechen ließ, gänzlich verdeckt wurde, ist bereits auf tab. II dem Leser bekanntgeworden. Die Durchbrechung der Allee ward von mir mit so großer Vorsicht unternommen, daß ich den Jüngern Repton bloß deshalb von England kommen ließ, um seinen Rat über diesen Hauptpunkt zu vernehmen. Herr Aday Repton ist jedoch mehr Architekt als Gartenkünstler, und außer, daß er mich in dem gefaßten Plane durch seine Autorität bestärkte, muß ich gestehen, daß er mir (zum Teil schon aus den von mir pag. 22 und 23 angegebenen Gründen) nur wenig nutzen konnte. Übrigens muß ich seiner Bereitwilligkeit, ja ich möchte sagen Herzlichkeit, mit der er, ganz gegen englische Gewohnheit, mein Steckenpferd mit mir bestieg, die größten Lobeserhebungen machen. – Ein sehr gut rekommandierter englischer Gärtner, den ich ebenfalls verschrieben hatte, zeigte sich im Technischen sehr brauchbar, in Geschmackssachen aber zu sehr im Gewohnten befangen, sobald man ihn nur einen Augenblick sich selbst überließ. Unter andern konnte ich ihm nie begreiflich machen, daß Gruppen nicht stets mehr oder weniger en quinquonce gepflanzt zu werden brauchten. Er versicherte, in England halte man diese Form für die beste (worin er ziemlich die Wahrheit sagte) und blieb dabei. Da überdem der Mangel an hinreichender Kenntnis unsrer Sprache immer bei solchen Leuten ein großer Übelstand bleibt, so sah ich mich bald genötigt, ihn wieder zurückzusenden, was ich erwähne, um andere von gleichen Mißgriffen abzuhalten.

Weit bessere Dienste leistete mir dagegen die unermüdete Sorgfalt und das geschickte Eingehen in meine Pläne, von seiten meines deutschen Obergärtners Rehder, einem Mitgliede des Preußischen Gartenvereins. Gewiß trug dieser nicht wenig zur Überwindung so vielfacher Schwierigkeiten bei, unter denen das ungünstige Klima Norddeutschlands obenan steht, welches, namentlich in unsrer kalten Gegend, dem Gärtner wahrlich einen schweren Stand bereitet.

Ich bemerke dieses besonders aus dem Grunde, weil so viele Gärtner durch ihren, den lieben Deutschen der mittlern Klassen ganz besonders anhängenden, Eigendünkel, oft die besten Instruktionen vereiteln. Je besser sie ihr Fach erlernt haben, und daher im Technischen ihren Herrn natürlich übersehen, je leichter bilden sie sich ein, dies auch in ästhetischer Hinsicht zu tun, und verderben alles, indem sie alles besser machen wollen, statt durch ihre Wissenschaft nur mit Eifer das Gelingen fremder Kunstideen zu unterstützen und vorzubereiten. Ein verständiger, ausdauernder und zugleich geschickter, praktischer Mann in dieser Hinsicht ist daher gar nicht so leicht anzutreffen, als man vielleicht glaubt, und es wird gut sein, wenn in unsern neuen Gärtnerschulen auf diese Art der Ausbildung besondere Rücksicht genommen wird. Junge Leute, die gleich vom Anfang an zuviel sein wollen, und sich zuviel einbilden, sind nicht zu brauchen; ja, halb im Ernst, halb im Scherz möchte ich sagen: ein Gärtner nach meinem Geschmack muß mehr von der Natur des guten Wagners als des unruhigen Faust an sich haben, und sehr wenig auf dieser Welt verfluchen, am allerwenigsten aber die Geduld und besonders den Gehorsam.

Die Treppe, bei der wir zuletzt stehenblieben, ist ebenfalls nach Schinkels Zeichnung ausgeführt. Beide Seiten der Rampe, die sich von der Treppe aus in 10 Fuß langen Absätzen herabsenken, sind mit Orangerie besetzt, und zwar in der Art, daß zwischen jedem Baum noch eine eiserne Säule, in einer Laterne endigend, am Ende der Steinstufen eingelassen ist. Einzelne festons verbinden diese Säulen, und geben zugleich den Bäumen den in ihrer exponierten Stellung sehr nötigen Halt. Bei Festlichkeiten dienen sie überdem noch dazu, bunte Lampen an dieselben aufzureihen, die im Laube der Orangen eine sehr liebliche Wirkung tun. Eiserne Ketten trennen die Bäume vom Wege. Tafel XV gibt die Ansicht, der Rampe und des Schlosses vom bowling green aus gesehen.

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tab. XV: Schloß und Rampe vom bowling green aus gesehen.

Die Rampe links herabsteigend, kommen wir nun in ein Gebüsch, wo ein geschmücktes Tor in den zweiten Blumengarten, von ganz verschiednem Charakter, führt. Er wird zur Unterscheidung vom andern »der blaue Garten« genannt, weil er von stahlblauen Hellebarden und Ketten eingeschlossen, und alle Körbe, Brücken, Bänke u. s. w. darin (hier durchgängig von Eisen) himmelblau und weiß gemalt sind.

Der neu gegrabene Neißarm fließt durch die Mitte dieser Anlage, die auf der einen Seite von einem dichten Gehölz, auf der andern von einer hohen Lindenallee begrenzt wird, zwischen deren Ästen nur einige schmale Durchsichten menagiert sind, um dem Charakter der Heimlichkeit und Abgeschlossenheit, der hier vorzüglich bezweckt wird, nicht zu nahe zu treten. Die frühere Aussicht auf das Burggebiet ist hier ganz verborgen, man gewahrt dagegen die Fortsetzung derselben Hügelkette, die mit einem weiten Walde bedeckt ist, aus dem als Hauptpunkte einige uralte Rieseneichen auf den höchsten Spitzen der Berge einzeln hervorragen.

Nicht weit vom Eingang steht auf erhöhtem Terrain eine blumenumgebne Bank (k.), welche zwischen einigen Lindenästen die Aussicht auf jenen Hügel in der Mitte der Landschaft eröffnet, der den Tempel der Beharrlichkeit noch erwartet. Sein Gipfel ist einstweilen bloß durch eine Terrasse und Pavillon gekrönt.

Seitwärts unter der erwähnten Bank befindet sich eine sehr dichte und schattige Lindenlaube am Wasser (l.), wo eine kleine Fähre stationiert ist, zur schnellern Kommunikation mit der gegenüberliegenden Allee. Eine bunt schimmernde Laterne von eigentümlicher Konstruktion, welche die Mitte einer durchbrochnen runden eisernen Bank bildet, deutet diesen Punkt abends bis in weite Ferne an.

Hinter der Laube führt der Weg durch einen Drahtbogen der angeführten Art in den dritten Garten, der Herrengarten getauft, am Flusse fort, welcher letztere zugleich als Grenze desselben auf dieser Seite dient. Man gelangt bald darauf an einen tempelartigen luftigen Ruhesitz (m), dessen dünne eiserne Säulen verschiedenen Clematisarten zur Stütze dienen. Die Aussicht zwischen ihnen eröffnet sich hier nach Westen und Norden. In der ersten Richtung sieht man die Stadt und ein herrschaftliches Vorwerk auf der Höhe, in letzterer verfolgt man die Krümmungen des Flusses im Wiesental, und erblickt mehrfach variierte, bisher noch nicht sichtbar gewordne Waldpartien an seinen Ufern S. tab. XVI. Seitwärts steht auf dem Basen unter Blumen ein anderer Ruhesitz aus umgekehrten Stämmen geformt, deren Wurzeln ihre Kronen bilden. Das Geflechte dieser ist mit Clematis, Moosen, Blumentöpfen reich verziert, und gewährt einen originellen, von dem Gewöhnlichen sehr abweichenden Anblick. Der letzte Ruhepunkt ist unter vier Eichen bei einem Wasserfall (n.), wo sich der Fluß über eine glatte Wand von Quadersteinen in vollem, durch keinen Gegenstand unterbrochnen, Fall herabstürzt. Von hier kehrt man durch mannigfaltige Shrubberies und Blumenpartien, mit allerlei verschiednen Ausschmückungen gepaart, über den Rasenteppich, und in einer dem Ausgang seitwärts liegenden Richtung, nach dem Schlosse zurück. Da man hier bei den Ställen, der Reitbahn und dem Theater (o.) vorbeikömmt, so kann der, welchen diese Gegenstände interessieren, seinen Spaziergang mit deren Besichtigung beendigen.

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tab. XVI: Aussicht vom Herrengarten.

Die übrigen zahlreichen Fußpromenaden, sowohl im geschloßnen pleasureground, als dem freien Park, muß ich, um nicht zu weitschweifig zu werden, übergehn, und setze daher sofort den geneigten Leser in den Gartenwagen (eine sogenannte Ligne, auf der mehrere Personen nebeneinander Platz haben und sich nach allen Seiten frei umsehen können) um die

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