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Andersens Märchen. Ergänzungsband

Hans Christian Andersen: Andersens Märchen. Ergänzungsband - Kapitel 8
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authorHans Christian Andersen
titleAndersens Märchen. Ergänzungsband
publisherVerlag von Otto Hendel
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translatorGuido Höller.
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Ein Stück Perlenschnur.

 

I.

Die Eisenbahn erstreckt sich in Dänemark bis jetzt nur von Kopenhagen nach Korsör. Es ist ein Stück einer Perlenschnur, woran Europa so reich ist. Die köstlichsten der Perlen heißen: Paris, London, Wien, Neapel. Doch manch einem bedeuten diese großen Städte nicht die schönsten Perlen; er zeigt vielmehr auf eine kleine unbedeutende Stadt; dort ist seiner Heimat Haus, dort wohnen seine Lieben. Ja, oft ist es nur ein einziger Hof, ein kleines Haus, in grünen Hecken versteckt, nur ein Punkt, der dahinfliegt, während die Eisenbahn vorüberjagt.

Wie viele Perlen gibt es an der Schnur von Kopenhagen nach Korsör? Wir wollen sechs betrachten, die am meisten Beachtung verdienen. Alte Erinnerungen und die Poesie selber geben diesen Perlen einen Glanz, daß sie strahlend vor unsern Augen stehen.

An dem Hügel, auf dem das Schloß Friedrichs VI. steht und wo Öhlenschläger seine Jugend verlebte, schimmert im Schutze stiller Wälder eine der Perlen, das Heim zweier liebenswürdiger Greise, Man nannte es eine zweite Hütte Philemons und Baucis'. Hier wohnte Rahbeck mit seinem Weib Camma. Hier unter ihrem gastlichen Dache versammelten sich ein Menschenalter hindurch die geistigen Größen aus dem geräuschvollen Kopenhagen; hier ward dem Geiste ein Heim geschaffen – und nun! sagt nicht: »Ach, welche Veränderung!« Noch jetzt ist es ein Heim des Geistes, ein Treibhaus für die verkümmerte Pflanze. Die Blumenknospe, die nicht kräftig genug war, um sich zu entfalten, umschließt doch, wenn auch verborgen, alle Keime zu Blättern und Früchten. Hier scheint die Sonne in ein wohlgehegte Stätte des Geistes und weckt Leben. Die Welt ringsum strahlt durch die Augen in die unerforschliche Tiefe der Seele hinein. Das Idiotenheim von der Menschenliebe umschwebt, ist ein heiliger Ort, ein Treibhaus für die verkümmerte Pflanze, die einst in Gottes Blumengarten blühen soll. Die Schwächsten im Geist sind jetzt hier versammelt, wo ehemals die Größten und Stärksten zusammenkamen, ihre Gedanken austauschten und aufwärts strebten. – Aufwärts lodert auch jetzt die Flamme der Seele in »Philemons und Baucis' zweiter Hütte.«

Die Stadt der Königsgräber an Hroars Quelle, das alte Roeskilde, liegt vor uns. Die schlanke Turmspitze der Kirche erhebt sich über die niedrige Stadt und spiegelt sich im Isseffjord. Ein Grab nur wollen wir hier besuchen; betrachte es im Glanze der Perlen! Es ist nicht das der mächtigen Unionskönigin Margarete, – nein innerhalb des Friedhofes, an dessen Mauern wir dicht vorüberfliegen, ist das Grab; ein geringer Stein liegt über demselben. Der König der Orgel, der Erwecker der dänischen Romanze, ruht hier. Die alten Sagen werden in unserer Brust zu Melodien; wir vernehmen wieder: »Die klaren Wellen rollen« und »Es wohnte ein König in Leire.« Roeskilde, du Stadt der Königsgräber, im Glanze deiner Perlen wollen wir das geringe Grab betrachten, wo eine Lyra und der Name ›Weyse‹ in den Stein gehauen sind.

Nun kommen wir nach Sigersted bei der Stadt Ringstedt. Das Flußbett ist seicht; das gelbe Korn wächst dort, wo einst das Boot Hagbarths anlegte, nicht weit von Signes Jungfrauenzwinger. Wer kennt nicht die Sage von Hagbarth, der in der Eiche hing und Signellis Käfig, der in Flammen stand, die Sage von der starken Liebe.

»Herrliches Sorö, umkränzt von Wäldern,« jetzt hat dein stilles Klosterdorf einen Durchblick zwischen den bemoosten Bäumen erhalten; mit Jugendblick siehst du von der Akademie über die Seen auf die Weltstraße und hörst den Drachen der Lokomotive stöhnen, wenn er durch deine Wälder fliegt. Sorö, du Perle der Dichtung, du birgst Holbergs Staub in dir! Wie ein mächtiger weißer Schwan liegt dein Schloß der Gelehrsamkeit am tiefen Waldsee, und schweift zu ihm hinauf unser Auge, so schimmert wie eine weiße Sternblume am Waldboden ein kleines Haus. Fromme Lieder erklingen von dort durch das Land; Worte erschallen darinnen, auf die selbst der Bauer lauscht, um die entschwundene Zeit Dänemarks kennen zu lernen. Der grüne Wald und die Vögel gehören zusammen, wie die Namen Sorö und Ingemann.

Nach Slagelse! Was spiegelt sich hier im Glanze der Perle? Verschwunden ist das Kloster Antvorskov, verschwunden die reichen Säle des Schlosses, selbst der letzte alleinstehende verlassene Flügel. Doch ein altes Zeichen steht noch heute, das erneuert und wieder erneuert wurde, ein hölzernes Kreuz auf dem Hügel, wo zur Zeit der Legende der Heilige Anders, der Priester von Slagelse, erwachte, in einer Nacht von Jerusalem dorthin getragen.

Korsör! Hier wurdest du geboren, der uns gab:

– »Schmerz und Ernst gemischt,
Lieder vom Seelandsfahrer Knud.«

Du Meister in Wort und Witz! Die sinkenden alten Wälle der verlassenen Befestigung sind jetzt hier die letzten sichtbaren Zeichen von der Wohnung deiner Kindheit. Wenn die Sonne untergeht, zeigt ihr Schatten auf den Platz, wo dein Geburtshaus stand. Von diesen Wällen sahst du nach Sprogos Höhen schauend, als du »klein warst,« den Mond hinter der Insel niedergleiten, und machtest sie unsterblich, wie du später die Schweizer Berge besangest, du, der du im Labyrinth der Welt umherzogst und fandest:

– nirgends doch sind die Rosen so rot,
und nirgends auch ihre Dornen so klein,
und nirgends doch sind die Federn so weich,
als wo einst der Kindheit Unschuld geruht.

Du lieblicher Sänger des Frohsinns! Wir flechten dir einen Kranz aus Waldmeister, werfen ihn ins Meer, und die Wogen werden ihn nach der Kieler Förde tragen, an deren Küste dein Staub ruht. Sie bringen dir die Grüße des jungen Geschlechts, die Grüße deiner Geburtsstadt Korsör – wo die Perlenschnur abreißt.

 

II.

»Ja, es ist wirklich ein Stück Perlenschnur von Kopenhagen nach Korsör,« sagte die Großmutter, der man es vorgelesen hatte. »Das ist und bleibt eine Perlenschnur für mich, wenn es nun auch schon über vierzig Jahre her ist,« sagte sie. »Damals gab es noch keine Dampfmaschinen: wir gebrauchten damals so viele Tage zu dem Wege, als ihr nun Stunden braucht. Es war im Jahre 1815. Damals war ich einundzwanzig Jahre! Das ist ein schönes Alter, obschon die dreißiger Jahre auch noch ein schönes Alter sind; es sei gesegnet. In meinen jungen Tagen, ja, da kam man weit seltener als jetzt nach Kopenhagen, nach der Stadt aller Städte, für die wir sie ansahen. Meine Eltern wollten nach zwanzig Jahren wieder einmal dort einen Besuch machen; ich sollte mit. Die Reise war ein Jahr lang besprochen worden, und nun sollte sie wirklich vor sich gehen. Ich meinte, ein ganz neues Leben würde beginnen, und in gewisser Weise begann dort für mich auch ein neues Leben.

Es wurde genäht und gepackt, und als wir endlich abfahren wollten, ja, wieviel gute Freunde kamen nicht, um uns Lebewohl zu sagen; denn es war eine große Reise, die wir vorhatten. Gegen Mittag fuhren wir von Odense in dem holsteinischen Wagen meiner Eltern fort. Aus allen Fenstern der Straße nickten uns Bekannte zu, bis wir zum St. Georgtor hinaus waren. Das Wetter war schön; die Vögel sangen; alle waren voll Freude; man vergaß, daß ein langer beschwerlicher Weg bis Nyborg zurückzulegen war. Am Abend kamen wir dort an; die Post aber traf erst in der Nacht ein, und eher fuhr der Fährdampfer nicht ab. Wir gingen an Bord; da lag nun das große Wasser – soweit wir sehen konnten – ganz still vor uns. Wir legten uns in unsern Kleidern zum Schlafen nieder. Als ich früh am Morgen erwachte und auf Deck kam, war nach keiner Seite das geringste zu sehen, solchen Nebel hatten wir. Ich hörte die Hähne krähen, die Glocken läuten und meinte die Sonne aufgehen zu sehen. Wo mochten wir sein? Der Nebel hob sich, und wir lagen wahrhaftig noch unmittelbar vor Nyborg. Später am Tage wehte endlich ein leichter Wind, aber uns gerade entgegen. Wir kreuzten und kreuzten und waren endlich so glücklich, daß wir bald nach 11 Uhr in der Nacht Korsör erreichten. Wir hatten zweiundzwanzig Stunden zu vier Meilen gebraucht.

Es tat wohl, ans Land zukommen; aber es war finster; die Laternen brannten trübe, und alles war mir so wildfremd, die ich noch niemals in einer andern Stadt als Odense gewesen war.

»Sieh, hier wurde Baggesen geboren und hier lebte Birkner,« sagte mein Vater.

Da schien es mir, als ob die Stadt mit ihren kleinen Häusern plötzlich viel heller und größer wurde. Dazu fühlten wir uns so froh, wieder festen Boden unter den Füßen zu haben. Schlafen konnte ich diese Nacht nicht über all das Neue, was ich bereits gesehen und erlebt hatte, und war doch erst seit vorgestern von Hause fort.

Am nächsten Morgen mußten wir zeitig heraus; wir hatten einen schlimmen Weg mit erschrecklichen Bergen und vielen Löchern bis Slagelse vor uns, und weiter hinaus auf der andern Seite würde es wahrscheinlich nicht viel besser sein, und wir wollten gern rechtzeitig Krebshaus erreichen, daß wir noch bei Tage nach Sorö kommen und Möllers Emil, wie wir ihn nannten, besuchen könnten. Ja, das war euer Großvater, mein seliger Mann, der Propst. Er war Student in Sorö und gerade mit seinem zweiten Examen fertig.

Wir kamen nachmittags in Krebshaus an. Es war damals ein vornehmer Ort, das beste Wirtshaus auf der ganzen Reise und die lieblichste Gegend; ja, das müßt ihr doch alle einräumen; sie ist es ja noch heute. Frau Plambeck war eine tüchtige Wirtin, alles im Hause war blitzblank. An der Wand hing unter Glas und Rahmen ein Brief, den Baggesen an sie geschrieben. Er war wohl wert gesehen zu werden; für mich war es eine große Merkwürdigkeit. Dann gingen wir nach Sorö hinauf und trafen Emil dort. Ihr könnt glauben, daß er froh war, uns zu sehen, und wir waren es nicht minder. Er war so gut und aufmerksam. Mit ihm besahen wir die Kirche mit Absalons Grab und Holbergs Sarg; wir besahen die alten Mönchinschriften, und wir segelten über den See nach dem Parnaß. Es war der schönste Abend, dessen ich mich erinnere. Könnte man an irgend einem Orte der Welt dichten, so glaube ich wirklich, daß man es nur in Sorö, in dieser stillen, friedlichen Natur könnte. Dann gingen wir den sogenannten Philosophengang, einen schönen einsamen Weg am See entlang und auf der Landstraße nach Krebshaus zurück. Emil blieb und aß mit uns, und Vater und Mutter fanden, daß er so klug geworden wäre und so gut aussähe. Er versprach uns, in fünf Tagen in Kopenhagen bei seiner Familie mit uns zusammenzutreffen; es war ja Pfingsten. Die Stunden in Sorö und in Krebshaus gehören zu den schönsten Perlen meines Lebens.

Später als Emil die Pfarrstelle bei Assens erhielt, heirateten wir. Wir sprachen oft von der Kopenhagener Reise und davon, sie einmal zu wiederholen. Aber da kam eure Mutter, und dann erhielt sie Geschwister. Da gab es viel aufzupassen und in acht zu nehmen. Als nun Vater befördert und Propst wurde; ja, da war alles schön und gut, aber nach Kopenhagen kamen wir nicht. Niemals kam ich wieder dahin, so häufig wir auch daran dachten und davon sprachen. Und nun bin ich zu alt, habe nicht mehr die Kraft, um mit der Eisenbahn zu fahren. Aber ich freue mich über die Eisenbahn! Es ist ein Segen, daß wir sie haben! So könnt ihr um so schneller zu mir kommen. Nun ist Odense nicht viel weiter von Kopenhagen als es in meiner Kindheit von Nyborg entfernt war. Ihr könnt nun ebenso schnell nach Italien fliegen, wie wir damals nach Kopenhagen reisten. Ja, das ist schon etwas! Aber ich bleibe zu Hause und lasse die andern reisen, lasse sie zu mir kommen. Aber ihr sollt nicht darüber lächeln, wenn ich zu Hause bleibe. Ich habe eine weit größere Reise vor, als die eurige, eine weit schnellere, als die auf der Eisenbahn. Wenn es Gott gefällt, reise ich zum Großvater hinauf. Und wenn ihr dann euer Werk verrichtet und euch auf der gesegneten Erde gefreut habt, so weiß ich, daß ihr zu uns hinaufkommen werdet. Und sprechen wir dann von den Tagen unseres Erdenlebens, so glaubt mir, Kinder, daß ich auch dann noch sage: »Von Kopenhagen bis Korsör, ja, das ist wirklich ein Stück Perlenschnur.«

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