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Andersens Märchen. Ergänzungsband

Hans Christian Andersen: Andersens Märchen. Ergänzungsband - Kapitel 6
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authorHans Christian Andersen
titleAndersens Märchen. Ergänzungsband
publisherVerlag von Otto Hendel
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year1905
translatorGuido Höller.
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Turmwächter Ole.

»In der Welt geht alles auf und ab und ab und auf. Nun kann ich nicht höher kommen,« sagte der Turmwächter Ole. »Auf und ab und ab und auf, so geht's mit den meisten. Im Grunde werden wir alle zuletzt Turmwächter und betrachten das Leben und die Dinge von oben her.«

So sprach Ole auf dem Turm, mein Freund, der alte Wächter, ein vergnügter, gesprächiger Alter, der alles herauszusagen schien und doch so viele ernsthafte Dinge auf seinem Herzensgrunde verwahrt hielt. Ja, er war guter Leute Kind; er sollte sogar der Sohn eines Konferenzrates sein oder könnte es gewesen sein. Er hatte studiert; er war Hilfslehrer und Hilfsküster gewesen. Aber was konnte das helfen! Er wohnte bei dem Küster und sollte alles frei haben. Jung und schön war er damals; er wollte, wie man so sagt, für seine Stiefel Wichse haben; aber der Küster wollte ihm nur Schmiere geben, und deshalb gerieten sie aneinander. Der eine sprach von Geiz, der andere von Eitelkeit; die Wichse wurde der schwarze Grund ihrer Feindschaft und deshalb trennten sie sich. Aber was er von dem Küster forderte, forderte er auch von der Welt. Er verlangte Wichse und erhielt immer nur Schmiere. Deshalb ging er aus der Gemeinschaft der Menschen fort und wurde Einsiedler; aber eine Einsiedelei mit Lebensunterhalt findet sich inmitten einer großen Stadt nur auf einem Kirchturm. Dort stieg er hinauf und rauchte seine Pfeife auf seinen einsamen Gängen. Er schaute hinab und schaute hinauf, dachte dabei nach und erzählte auf seine Weise, was er sah und nicht sah, was er in Büchern und in sich las. Ich gab ihm häufig zu lesen; es waren gute Bücher, und an dem Umgang soll man ja einen Menschen erkennen. Er hielt nicht viel von den englischen Gouvernantenromanen, und ebensowenig von den französischen, die, wie er sagte, aus Zugwind und Rosinenstengeln zusammengebraut wären; nein Lebensbeschreibungen wollte er haben und Bücher über die Wunder der Natur. Ich besuchte ihn wenigstens einmal im Jahre, gewöhnlich gleich nach Neujahr. Er hatte dann immer eins oder das andere, woran sich seine Gedanken beim Jahreswechsel knüpften.

Ich will von zwei Besuchen erzählen und seine eigene Art wiedergeben, so gut ich es kann.

 

Der erste Besuch.

Unter den Büchern, die sich das letztemal Ole geliehen hatte, war ein Buch über Geröllsteine, das ihn besonders angesprochen und angeregt hatte.

»Ja, es sind wahre Jubelgreise, diese Geröllsteine,« sagte er, »und an ihnen geht man gewöhnlich gedankenlos vorbei. Ich selbst tat es auf dem Felde und an dem Strande, wo sie in großer Menge liegen. Da tritt man achtlos auf Pflastersteine, diese Trümmer aus einer der allerältesten Lebensperioden. Ich selbst habe es getan! Nun hat jeder Pflasterstein meine Hochachtung. Vielen Dank für das Buch! Es hat mich erfüllt, viele alte Gedanken und Gewohnheiten beiseite geschoben und mich begierig gemacht, mehr von solchen Dingen zu lesen. Der Roman der Erde ist doch der merkwürdigste von allen Romanen. Schade, daß man nicht die ersten Kapitel lesen kann! Sie sind in einer Sprache geschrieben, die wir nicht gelernt haben. Man muß in den Erdschichten lesen, in den Kieselsteinen, in allen Erdperioden, und die handelnden Personen, Herr Adam und Frau Eva, treten erst im sechsten Kapitel auf. Das ist für manche Leser sehr spät; sie wollen sie sofort haben; mir ist es gleich. Es ist ein höchst märchenhafter Roman, und wir alle spielen eine Rolle in ihm. Wir kribbeln und krabbeln und bleiben an derselben Stelle; aber die Erdkugel dreht sich, ohne das Weltmeer über uns auszugießen; die Kruste, auf der wir gehen, hält zusammen, daß wir nicht hindurchfallen. Es ist eine Geschichte durch Millionen von Jahren mit fortschreitender Entwicklung. Dank für das Buch über die Geröllsteine! Es sind Kerle, die zu erzählen hätten, wenn sie nur könnten. Ist es nicht lustig, einmal so ganz an das Nichts gemahnt zu werden, wenn man so hoch sitzt, wie ich, und sich daran erinnern zu lassen, daß wir alle, selbst die mit Wichse, nur flüchtige Ameisen auf einem Erdhaufen sind, wenn auch Ameisen mit Ordensbändern, Ameisen von Bedeutung und Gewicht. Man fühlt sich so merkwürdig jung an der Seite dieser ehrwürdigen, Millionen von Jahren alten Geröllsteinen. Ich las am Neujahrsabend in dem Buch und war so vertieft, daß ich mein gewöhnliches Vergnügen in der Neujahrsnacht, das wilde Heer nach Amager ziehen zu sehen, vergaß. Ja, das kennen sie wohl noch nicht!«

»Der Ritt der Hexen auf dem Besenstiele ist bekannt genug; sie ziehen in der Walpurgisnacht nach dem Blocksberg. Aber wir haben auch ein wildes Heer, und das zieht in der Neujahrsnacht nach der Insel Amager. Alle schlechten Dichter und Dichterinnen, alle Komponisten, Zeitungsschreiber und Kunstgrößen, die nichts taugen, reiten in der Neujahrsnacht durch die Luft nach Amager. Sie sitzen rittlings auf ihren Pinseln oder Gänsekielen; die Stahlfeder kann sie nicht tragen; sie ist zu steif. Ich sehe sie, wie gesagt, in jeder Neujahrsnacht; die meisten könnte ich mit Namen nennen; aber es verlohnt sich nicht, sich bei ihnen aufzuhalten. Auch lieben sie es nicht, daß das Volk von ihrer Amagerfahrt auf dem Gänsekiel erfährt. Ich habe eine Art Geschwisterkind; sie ist Fischfrau und liefert, wie sie sagt, die Schimpfwörter für drei angesehene Zeitungen. Sie ist als geladener Gast dabei gewesen, wurde aber hinausgetragen, da sie vom Gänsekiel nichts hielt und nicht reiten konnte. Sie hat es selbst erzählt. Freilich ist die Hälfte von dem, was sie sagt, erlogen; aber die Hälfte genügt schon. Als sie mit draußen war, begannen sie mit Gesang. Jeder der Anwesenden hatte Verse geschrieben, und jeder sang seine eigenen; denn die wären die besten. Es klang wie ein Lied; es war überall dieselbe Melodie. Dann marschierten sie in kleinen Kameradschaften auf; diejenigen, welche nur durch ihr Maulwerk wirken, waren die großen, tönenden Glocken, an die alles gehängt wird; es folgten die Trommelschläger, die alles in den Familien austrommeln, Bekanntschaften wurden mit denjenigen geschlossen, die schreiben, ohne ihren Namen darunter zu setzen, das will hier sagen die Schmiere für Wichse geben. Da war der Büttel mit seinem Knecht, und die Knechte waren am schärfsten, sonst wären sie nicht beachtet worden; da war der gute Dreckfeger, der in den Kisten und Kasten wühlt und alles: Gut! Sehr gut! Ausgezeichnet! findet. Mitten in dieser Lustbarkeit, – denn das mußte es sein – schoß aus einer Grube ein Stengel, ein Baum, eine ungeheure Blume, ein großer Pilz, ein ganzes Dach hervor. Es war die Schlaraffenstange der geehrten Versammlung, die alles trug, was sie im alten Jahre der Welt beschert hatten. Und Funken wie Feuerflammen sprühten aus ihr hervor; das waren die entlehnten Gedanken und Ideen, die sie verwendet hatten, und die sich nun wieder befreiten und wie ein mächtiges Feuerwerk dahinfuhren. Dann wurde »Gegenstände suchen« gespielt; die kleinen Dichter spielten »Herzensuchen,« die Witzigen sagten »Versuchen;« geringeres wurde nicht geduldet. Die Witze schallten, als würfe man leere Töpfe gegen die Türen oder Töpfe mit Schutt und Asche. Das wäre höchst lustig gewesen, sagte mein Geschwisterkind. Eigentlich sagte sie noch viel mehr, das zwar sehr boshaft, aber auch sehr lustig war. Ich sage es nicht; man soll mit zu den guten Menschen halten und nicht zu den Lästerzungen. Sie sehen nun, daß es sehr interessant ist, in jeder Neujahrsnacht aufzupassen und das wilde Heer vorüberfliegen zu sehen, wenn man so gut wie ich über ihr Fest da draußen Bescheid weiß. Vermisse ich in einem Jahre einzelne, so sind dafür andere hinzugekommen. Aber diesmal versäumte ich, mir die Gäste anzusehen; ich rollte auf den Geröllsteinen dahin, rollte durch Millionen Jahre und sah die Felsblöcke droben im Nordland sich lösen und krachend niederstürzen; sah sie auf den Eisbergen umhertreiben, lange bevor die Arche Noahs gezimmert wurde; sah sie auf den Grund sinken und auf einer Sandbank wieder hervorkommen, die aus dem Wasser ragte und sagte: »Das soll Seeland werden.« Ich sah sie Nistplätze für Vogelarten werden, die wir nicht mehr kennen; sah sie als Wohnstätte für wilde Häuptlinge, die wir auch nicht mehr kennen, bis auf wenige, die mit ihrer Axt Runenzeichen in die Felsblöcke gruben und daher für die Zeitrechnung in Betracht kommen können; aber ich kam ganz aus ihr heraus. Da fielen drei, vier schöne Sternschnuppen; sie leuchteten auf, und die Gedanken erhielten eine andere Richtung. Sie wissen doch, was eine Sternschnuppe ist? Das wissen die Gelehrten sonst nicht. Ich habe so meine eigenen Gedanken darüber. Wie häufig wird der Dank oder der Segenswunsch in aller Heimlichkeit über den ausgesprochen, der irgend etwas Gutes und Schönes getan hat; wie häufig ist er lautlos. Aber sie fallen nicht zur Erde. Ich denke mir, daß der Sonnenschein sie auffängt und die Sonnenstrahlen den stillen, heimlichen Dank über des Wohltäters Haupt herabwerfen. Und ist es ein ganzes Volk, das für Jahre seinen Dank abträgt, dann kommt er wie ein Blumenstrauß, fällt er nieder wie eine Sternschnuppe auf des Wohltäters Grab. Es ist für mich eine wahre Freude, wenn ich – besonders in der Neujahrsnacht – Sternschnuppen sehe und herausfinde, wem dieser Danksagungsstrauß wohl gelten kann. Kürzlich fiel eine leuchtende Sternschnuppe im Südwesten nieder, ein Dank für viele, viele. Wem konnte sie gelten? Sie fällt sicherlich, dachte ich, auf Skrenten an der Flensburger Förde nieder, wo der Danebrog über den Gräbern von Schleppergrell, Loessoe und den gefallenen Kameraden weht. Eine andere fiel mitten im Lande nieder; sie fiel auf Sorö, als ein Strauß für Holbergs Sarg, als ein später Dank von so vielen, als ein Dank für die herrlichen Lustspiele.«

»Es ist ein großer Gedanke, ein lieber Gedanke, zu wissen, daß auf unser Grab einst eine Sternschnuppe fällt. Aber auf mein Grab wird keine fallen; kein Sonnenstrahl wird mir einen Dank bringen; denn mir hat niemand etwas zu danken. »Ich bekomme keine Wichse,« sagte Ole; »es ist mein Los in der Welt, nur Schmiere zu bekommen.«

 

Der zweite Besuch.

Es war wieder Neujahrstag, als ich auf den Turm stieg. Ole erzählte von den Gläsern, die beim Übergang vom alten Tropfen zum neuen Tropfen, wie er die Jahre nannte, geleert würden. So erhielt ich seine Geschichte über die Gläser, und der Gedankengang war folgender:

»Wenn die Neujahrsglocke zwölf schlägt, so erheben sich die Menschen am Tische mit einem vollen Glas und trinken auf ein glückliches neues Jahr. Man beginnt das Jahr mit den Gläsern in den Händen, das ist ein guter Anfang für die Trinker. Man beginnt das Jahr damit, zu Bett zu gehen; das ist ein guter Anfang für die Faulenzer. Der Schlaf soll wohl im Laufe des Jahres eine große Rolle spielen, und die Gläser ebenfalls, »Wissen Sie, was in den Gläsern wohnt?« fragte er. Ja, darin wohnen Gesundheit, Freude und Ausgelassenheit; darin wohnen Verdruß und bitteres Unglück! Wenn ich die Gläser aufzähle, zähle ich natürlicherweise die Wirkungen der Gläser auf die verschiedenen Menschen auf.«

»Siehst du, das erste Glas ist das Glas der Gesundheit. In ihm wächst das Kraut der Gesundheit. Stecke es in das Gebälk deines Hauses und am Ende des Jahres kannst du in der Laubhütte der Gesundheit sitzen.«

»Nimmst du das zweite Glas – ja, so fliegt aus ihm ein kleiner Vogel heraus, der so froh unschuldig zwitschert, daß der Mensch lauscht und mitsingt: »Das Leben ist so schön! Wir wollen keine Kopfhänger sein. Fröhlich weiter!«

»Aus dem dritten Glase erhebt sich ein kleiner geflügelter Bursche – einen Engel kann man ihn wohl nicht nennen; denn er hat Koboldblut und Koboldsinn, – nicht um zu scherzen, sondern um Possen zu treiben. Er setzt sich hinter unser Ohr und flüstert dir einen lustigen Einfall zu; er legt sich auf unsere Herzgrube und macht uns warm, so daß wir ausgelassen, ein witziger Kopf nach der anderen Köpfe Urteil werden.«

»In dem vierten Glase ist weder Kraut, noch Vogel, noch Bursche; es enthält den Gedankenstrich des Verstandes, und über den Strich soll man niemals gehen.«

»Nimm das fünfte Glas, und du weinst über dich selber, wirst so lustig und so gerührt, oder es macht sich auf andere Weise Luft. Aus dem Glase springt mit einem Knall Prinz Karneval, leichtfertig und ausgelassen. Er zieht dich mit, und du vergißt deine Würde, wenn du sie besitzt. Du vergißt mehr als du vergessen sollst und darfst. Alles ist Tanz, Sang und Klang. Die Masken reißen dich mit; des Teufels Töchter kommen in Flor und Seide, mit aufgelöstem Haar und schönen Gliedern. Reiß dich los, wenn du kannst!«

»Das sechste Glas! – Ja, in ihm sitzt der Satan selbst, ein kleines, schöngekleidetes, geschwätziges, einnehmendes, höchst gemütliches Männchen, welches dich vollständig versteht, dir in allem recht gibt; es ist dein eigenes Ich. Er kommt mit einer Laterne und geht mit dir an deiner Seite nach Hause. Es gibt eine alte Legende von einem Heiligen, der eine von den sieben Todsünden wählen sollte. Er wählte, wie er meinte, die geringste, die Trunksucht, und in ihr beging er alle andern sechs Sünden. Der Mensch und der Teufel vermischen ihr Blut in dem sechsten Glas, und es läßt alle bösen Geister in dir los. Jeder erhebt sich mit einer Kraft, die dem biblischen Senfkorn gleicht, das zu einem Baum wurde und die ganze Erde beschattete, und die meisten können dann nichts anderes tun, als sich in der Jungmühle wieder jung mahlen zu lassen.«

»Das ist die Geschichte der Gläser,« sagte der Turmwächter Ole, »und die kann man sowohl mit Wichse wie mit Schmiere erzählen. Ich erzähle sie mit beiden Dingen,« –

Das war der zweite Besuch bei Ole: wenn du mehr hören willst, so mußt du die Besuche fortsetzen.

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