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Andersens Märchen. Ergänzungsband

Hans Christian Andersen: Andersens Märchen. Ergänzungsband - Kapitel 40
Quellenangabe
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authorHans Christian Andersen
titleAndersens Märchen. Ergänzungsband
publisherVerlag von Otto Hendel
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year1905
translatorGuido Höller.
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Die große Seeschlange.

Es war ein kleiner Seefisch aus guter Familie; seinen Namen erinnere ich mich nicht, den müssen dir die Gelehrten sagen. Der kleine Fisch hatte achtzehnhundert Geschwister von gleichem Alter. Sie kannten weder Vater noch Mutter; sie mußten allein umherschwimmen und für sich selbst sorgen; aber das machte großes Vergnügen. Wasser hatten sie genug zu trinken, das ganze Weltmeer; ans Essen dachten sie nicht, das kommt später. Jeder wollte seiner Lust folgen, jeder wollte seine eigene Geschichte haben; aber keiner von ihnen dachte daran.

Die Sonne schien in das Wasser, daß es blitzte; so klar war es. Es war eine Welt mit den seltsamsten Geschöpfen, und einige waren grauenhaft groß mit gewaltigem Maul; sie hatten die achtzehnhundert Geschwister auf einmal verschlucken können. Aber daran dachte keiner von ihnen; denn niemand war bis jetzt verschluckt worden.

Die Kleinen schwammen zusammen, dicht beieinander, wie die Heringe und Makrelen. Aber als sie am allerlustigsten im Wasser umherschwammen und an nichts dachten, da sank mit entsetzlichem Tosen von oben mitten in sie hinein ein langes, schweres Ding, das sich gar nicht aufhielt. Lang und länger erstreckte es sich und alle kleinen Fische, die es faßte, wurden gequetscht oder erhielten einen Knacks, den sie nicht verwinden konnten. Alle kleinen Fische und auch die großen, dicht unter der Oberfläche des Meeres bis zum Grund hinab, fuhren erschrocken zur Seite. Das schwere, gewaltige Ding sank tiefer und tiefer, wurde länger und länger, meilenlang durch das ganze Meer.

Fisch und Muschel, alles was schwimmen und kriechen oder in der Strömung treiben konnte, bemerkte dieses entsetzliche Ding, diesen entsetzlich langen unbekannten Seeal, der plötzlich von oben herab gekommen war.

Was ist das für ein Ding? Ja, wir wissen es! Es war das große, meilenlange Telegraphenkabel, das die Menschen zwischen Europa und Amerika legten.

Das war ein Entsetzen, das war ein Leben unter den rechtmäßigen Bewohnern des Meeres, wo das Kabel sich senkte. Die fliegenden Fische nahmen ihren Weg über die Meeresoberfläche, so hoch sie konnten; der Knurrhahn flog einen ganzen Büchsenschuß über das Wasser hinaus; denn er kann es. Andere Fische suchten den Meeresgrund; sie fuhren mit solcher Schnelligkeit hinab, daß sie dort weit früher ankamen, als man den Telegraphendraht bemerkte, Sie scheuchten den Kabeljau und den Flunder auf, die friedlich in der Tiefe des Meeres gingen und ihre Mitgeschöpfe fraßen.

Ein Paar Seegurken wurden so erschreckt, daß sie ihre Nahrung ausspuckten, aber sie blieben am Leben: denn sie können es. Viele Hummer und Taschenkrebse verloren ihre Panzer und mußten ihre Beine zurücklassen.

In all dem Schrecken und der Verwirrung kamen die achtzehnhundert Geschwister auseinander, und sie trafen sich nicht wieder oder kannten sich wenigstens nicht. Nur ein halbes Stieg blieb beisammen, und nachdem sie sich ein paar Stunden ruhig verhalten hatten, verwanden sie den ersten Schrecken und fingen an neugierig zu werden.

Sie sahen sich um, sie sahen nach oben und nach unten, und dort in der Tiefe glaubten sie das entsetzliche Ding zu erblicken, das sie erschreckt, groß und klein erschreckt hatte. Das Ding lag auf dem Meeresgrund, soweit sie sehen konnten. Etwas dünn war es; aber sie wußten ja nicht, wie dick es sich machen konnte oder wie stark es war. Es lag ganz still; aber es konnte Tücke sein.

»Laß es liegen, wo es liegt; es geht uns nichts an!« sagten die Vorsichtigsten der kleinen Fische. Aber die Allerkleinsten wollten nicht aufgeben nachzuforschen, was das Ding sein könnte. Von oben war es gekommen; oben mußte man sich also am besten Bescheid holen, und deshalb schwammen sie zur Oberflache des Meeres hinauf, die spiegelglatt da lag. Dort trafen sie einen Delphin, der der Springinsfeld, der Vagabund des Meeres ist und auf der Meeresfläche Purzelbäume schlagen kann. Augen zu sehen hatte er; daher mußte er das Ding gesehen haben und Bescheid wissen. Sie befragten ihn; aber er hatte nur an sich und seine Purzelbäume gedacht und nichts gesehen. So wußte er nicht zu antworten, und er schwieg und sah stolz aus.

Darauf wandten sie sich an den Seehund, der gerade untertauchte. Er war höflicher, trotzdem er kleine Fische frißt; aber augenblicklich war er satt. Er wußte etwas mehr als der Springfisch.

»Ich habe manche Nacht auf einem nassen Stein gelegen und nach dem Lande gesehen, meilenweit umher. Es sind tückische Geschöpfe, die in ihrer Sprache Menschen genannt werden; sie stellen uns nach; aber oft entkommen wir ihnen doch. Ich habe es verstanden, und der Seeaal, nach dem ihr fragt, hat es ebenfalls verstanden. Er ist in ihrer Macht gewesen, droben auf dem festen Lande gewesen, seit undenklichen Zeiten. Von dort haben sie ihn auf ein Schiff geführt, um ihn über das Meer nach einem fernliegenden Lande zu bringen. Ich sah, welche Mühe sie hatten; aber sie meisterten ihn; er war matt auf dem Lande geworden, Sie legten ihn wie ein Schiffstau zusammen; ich hörte, wie es klang und klirrte. Sie legten ihn zusammen; aber er entschlüpfte ihnen doch, entkam ins Meer. Sie hielten ihn mit allen Kräften; viele Hände hielten ihn fest, aber er entkam doch und erreichte den Meeresgrund, Dort bleibt er, wie ich denke, bis auf weiteres.«

»Er ist sehr dünn,« sagten die Fische.

»Sie haben ihn hungern lassen,« sagte der Seehund, »aber er erholt sich bald, erhält bald seine alte Dicke und Größe. Ich nehme an, daß es die große Seeschlange ist, welche die Menschen so fürchten und von welcher sie so viel reden. Ich habe sie vorher niemals gesehen und niemals an sie geglaubt. Doch nun glaube ich an sie,« und damit tauchte der Seehund unter.

»Wie viel er wußte! Wie viel er sprach,« sagten die kleinen Fische. »Das habe ich früher nicht gewußt, – Wenn es nur keine Lügen find.«

»Wir können ja hinabschwimmen und es untersuchen,« sagte der Kleinste, »auf dem Wege dahin hören wir dann die Meinung anderer.«

»Ich tue in dieser Sache auch nicht einen Schlag mit meinen Flossen mehr,« sagten die andern und kehrten sich ab.

»Aber ich tue es,« sagte der Kleinste, und er steuerte in das tiefe Wasser hinab. Aber er war weit von der Stelle entfernt, wo das lange sinkende Ding lag. Der kleine Fisch sah und suchte nach allen Seiten gegen die Tiefe hinab.

Niemals vorher hatte er seine Welt für so groß gehalten. Die Heringe schwammen in großen Scharen und schimmerten wie ein silbernes Kriegsschiff. Die Makrelen folgten ihnen nach und sahen noch prächtiger aus. Es kamen Fische in allen Gestalten und mit Zeichnungen in allen Farben. Quallen, wie halb durchsichtige Blumen, ließen sich von der Strömung tragen und führen. Große Pflanzen wuchsen aus dem Meeresgrund empor, klafterhohes Gras und palmenartige Bäume, jedes Blatt mit schimmernden Schaltieren besetzt.

Endlich erblickte der kleine Seefisch einen langen, dunklen Streifen und steuerte auf ihn zu. Aber es war weder Fisch noch Kabel; es war die Reling eines großen untergegangenen Schiffes, dessen oberstes und unterstes Deck durch den Druck des Meeres geborsten war. Der kleine Fisch schwamm in den Rumpf hinein, wo viele Menschen umgekommen waren, als das Schiff sank. Nun waren sie bis auf zwei fortgespült, bis auf ein junges Weib mit einem kleinen Kinde im Arme, Das Wasser hob und wiegte sie; sie schienen zu schlafen. Der kleine Fisch war ganz erschrocken; denn er wußte nicht, daß sie niemals wieder erwachen konnten. Wasserpflanzen hingen wie Laubwerk über die Reling herab, über die beiden schönen Leichen, über Mutter und Kind. Es war so still; es war so einsam. Der kleine Fisch beeilte sich so schnell als möglich fortzukommen, dorthin, wo das Wasser klarer leuchtete und Fische zu sehen waren. Er war noch nicht weit gekommen, als er einen jungen Walfisch, gar schreckhaft groß, traf.

»Verschluck mich nicht,« sagte der kleine Fisch. »Ich bin nicht einmal ein Mundvoll, so klein bin ich, und es ist so angenehm zu leben.«

»Was willst du denn so tief hier unten, wohin deine Art sonst nicht kommt?« fragte der Walfisch. Und dann erzählte der kleine Fisch von dem langen, seltsamen Aal, oder was das Ding sonst ist, der sich von oben herab gesenkt und selbst die allermutigsten Meeresgeschöpfe erschreckt hätte.

»Ho! ho!« sagte der Walfisch und zog gewaltig viel Wasser ein, daß es einen mächtigen Wasserstrahl geben mußte, wenn er hinaufkam und Luft holte. »Ho! ho!« sagte er, »so war es das Ding, welches mich auf dem Rücken kitzelte, als ich mich umdrehte. Ich glaubte es wäre ein Schiffsmast, den ich als Zahnstocher gebrauchen könnte. Aber hier an dieser Stelle war es nicht. Nein, viel weiter hinaus liegt das Ding. Ich will es doch untersuchen; ich habe nichts anderes vor!«

Und damit schwamm er von dannen und der kleine Fisch schwamm hinterher, aber nicht zu nahe, denn bei der großen Eile ging es zu beiden Seiten des Walfisches wie ein reißender Strom.

Sie trafen einen Haifisch und einen alten Sägefisch. Die beiden hatten auch von dem seltsamen Seeaal gehört, der so lang und so dünn war. Gesehen hatten sie ihn noch nicht, aber sie wollten ihn sehen.

Ein Katzenhai kam auch noch hinzu.

»Ich gehe mit,« sagte er; »ich habe denselben Weg.«

»Ist die große Seeschlange nicht dicker als ein Ankertau, so will ich sie mit einem Biß durchbeißen,« sagte er. Er öffnete. sein Maul und zeigte sechs Reihen Zähne, »Ich kann Löcher in einen Schiffsanker beißen, da kann ich wohl auch diesen Stengel zerbeißen.«

»Da ist er,« sagte der große Walfisch; »ich sehe ihn.« Er glaubte, er sähe besser als die andern. »Seht, wie es sich hebt, wie es schwankt, sich krümmt und windet.«

Es war aber nicht das Kabel, sondern ein ungemein großer Seeaal, mehrere Ellen lang, dem sie sich näherten.

»Den habe ich schon früher gesehen,« sagte der Sägehai; »er hat niemals große Unruhe im Meere verursacht oder einen großen Fisch erschreckt.«

Und dann sprachen sie zu ihm von dem neuen Aal und fragten, ob er mit auf Entdeckung aus wollte.

»Ist der Aal länger als ich,« sagte der Seeaal; »so gibt es ein Unglück.«

»Das soll es,« sagten die andern. »Wir sind unser genug, um ihn nicht zu dulden«: und damit eilten sie vorwärts.

Aber bald kam ihnen wieder etwas in den Weg, ein wunderliches Ungeheuer, größer als sie alle zusammen.

Es sah wie eine schwimmende Insel aus, die sich nicht über Wasser hatte halten können.

Es war ein uralter Walfisch. Sein Haupt war mit Meerespflanzen bewachsen, sein Rücken mit Weichtieren besetzt und mit einer Unmenge von Austern und Muscheln, daß die schwarze Haut über und über weißfleckig erschien.

»Komm mit, Alter,« sagten sie. »Ein neuer Fisch ist angekommen, den wir nicht dulden wollen.«

»Ich bleibe lieber liegen, wo ich liege,« sagte der alte Walfisch. »Laßt mich in Ruhe! Laßt mich liegen! Ach ja! ach ja! Ich habe schwer an meiner Krankheit zu tragen! Linderung habe ich nur, wenn ich zur Meeresoberfläche aufsteige und den Rücken herausstrecke. Dann kommen die großen, schönen Seevögel und zupfen mich. Das tut wohl, wenn sie den Schnabel nur nicht zu tief hineinhacken; er dringt häufig in meinen Speck hinein. Seht einmal her! Ein ganzes Vogelgerippe sitzt mir noch auf dem Rücken, Der Vogel schlug seine Fänge zu tief und konnte nicht wieder loskommen, als ich auf den Grund ging. Nun haben die kleinen Fische ihn zerzaust. Seht, wie er aussieht, wie ich aussehe! Ich bin krank!«

»Nichts als Einbildung,« sagte der Walfisch. »Ich bin niemals krank. Kein Fisch ist krank.« »Du Unschuld,« sagte der alte Walfisch. »Der Aal hat Hautkrankheit; der Karpfen soll die Blattern haben und alle haben wir Eingeweidewürmer.«

»Geschwätz!« sagte der Hai; er mochte nicht mehr hören; die andern auch nicht; sie hatten ja auf anderes zu achten.

Endlich kamen sie an die Stelle, wo das Kabel lag. Sein Bett auf dem Meeresgrund war lang, von Europa nach Amerika; es erstreckte sich über Sandbänke und Schlammboden, über Felsgrund und Pflanzenwildnisse, über ganze Korallenwälder, wo Strömungen wechselten, Wasserwirbel kreisten und Fische wimmelten in größeren Schwärmen als die zahllosen Vogelscharen, die die Menschen in den Wanderzeiten sehen. Das ist eine Unruhe, ein Platschen, ein Summen und ein Sausen. Das Sausen spukt noch ein wenig in den großen leeren Seemuscheln, wenn wir sie an unser Ohr halten.

Nun kamen sie an Ort und Stelle.

»Da liegt das Tier,« sagten die großen Fische, und die kleinen sagten es auch, Sie sahen das Kabel, dessen Anfang und Ende sich ihrem Gesichtskreise entzog.

Schwämme, Polypen und Seeanemonen schwankten auf dem Grunde, senkten und neigten sich über ihn, so daß er bald verborgen, bald zu sehen war. Seepferdchen, Schnecken und Würmer bewegten sich ringsumher; riesenhafte Spinnen, die eine ganze Besatzung von kleinen Tieren trugen, stolzierten über ihn hin. Dunkelblaue Seegurken, oder wie das Getier sonst heißt, das mit dem ganzen Körper ißt, lagen gleichfalls und witterten nach dem neuen Tier hinüber, das sich auf den Meeresgrund gelegt hatte. Flunder und Kabeljau drehten sich im Wasser, um nach allen Seiten zu hören. Seenadeln, die sich stets in die Tiefe hinabbohren und nur aus langen Stielen mit Augen bestehen, lagen dort und freuten sich, zu erfahren, was wohl bei dieser Unruhe herauskäme.

Das Kabel lag ohne Bewegung. Aber Leben und Gedanken waren in ihm; Menschengedanken gingen durch ihn.

»Das Ding ist tückisch,« sagte der Walfisch, »Es ist imstande, mich auf den Bauch zu schlagen, und das ist meine schwache Seite.«

»Laßt mich vorher nachfühlen,« sagte der Polyp. »Ich habe lange Arme; ich habe geschmeidige Finger, Ich habe ihn schon berührt; nun will ich fest zufassen.«

Und er streckte die langen geschmeidigen Arme nach dem Kabel und umfaßte es. »Es hat keine Schuppen, leine Haut,« sagte der Polyp. »Ich glaube, es bringt niemals lebendige Junge zur Welt.«

Der Seeaal legte sich neben das Kabel und machte sich so lang als er konnte.

»Das Ding ist länger als ich,« sagte er, »Aber die Länge tut es nicht; man muß auch Haut, Magen und Geschmeidigkeit haben.«

Der Walfisch, der junge, starke Wal, neigte sich zu ihm, tiefer als er es jemals getan hatte.

»Bist du ein Fisch oder eine Pflanze?« fragte er. »Oder bist du nur Oberflächenwerk, das hier unten bei uns nicht gedeiht?«

Aber der Telegraphendraht antwortete nicht; er war nichts Derartiges. Gedanken gingen durch ihn, Menschengedanken; sie ertönten in einer Sekunde viele hundert Meilen von Land zu Land.

»Willst du antworten oder willst du zerbrochen werden?« fragte der raubgierige Hai, und alle andern großen Fische fragten ihn dasselbe: »Willst du antworten oder willst du zerbrochen werden?«

Das Kabel rührte sich nicht; es hatte einen besonderen Gedanken, und das kann schon sein, wenn man mit Gedanken gefüllt ist.

»Laßt sie mich nur zerbrechen, dann holt man mich wieder herauf und setzt mich instand. Es ist bei anderen meiner Art geschehen, und die lagen in geringerem Fahrwasser.«

Es antwortete deshalb nicht; es hatte anderes zu bestellen, Depeschen, und lag in löblichem Amte auf dem Meeresgrunde.

Oben ging die Sonne unter, wie die Menschen es nennen; der Himmel war wie in Feuer getaucht, und alle Wolken des Himmels leuchteten wie Feuer, die eine Prächtiger als die andere.

»Nun erhalten wir rote Beleuchtung,« sagten die Polypen; dann ist das Ding besser zu sehen, und das ist notwendig.«

»Auf ihn! Auf ihn!« rief die Seekatze und zeigte alle ihre Zähne.

Sie stürzten vor, der Katzenhai voran. Aber gerade als er in das Kabel beißen wollte, jagte der Sägefisch in blindem Eifer seine Säge in das Hinterteil des Katzenhais, Es war ein grober Irrtum, und die Katze war für den Biß zu schwach geworden.

Das gab ein Getümmel unten im Schlamm. Große Fische und kleine Fische, Seegurken und Muscheln liefen gegeneinander, fraßen sich, zermalmten und erdrückten sich. Das Kabel lag still und verrichtete seine Geschäfte, und das soll man.

Die dunkle Nacht brütete oben; aber Milliarden und Abermilliarden kleiner Meerestiere leuchteten. Krebse, kaum so groß wie ein Stecknadelknopf, leuchteten. Das ist ganz wunderbar, aber es ist so.

Die Tiere des Meeres sahen das Kabel.

»Was ist es und was ist es nicht?«

Ja, das war die Frage.

Da kam eine alte Seekuh. Menschen nennen sie Meerweib oder Meermann. Es war eine Sie, hatte einen Schwanz und zwei kurze Arme zum Plantschen, hängende Brüste und Tang und Schmarotzertiere auf dem Kopfe, und darauf war sie stolz.

»Wollt ihr Aufklärung haben?« sagte sie, »so bin ich wohl die einzige, die sie geben kann. Aber dafür verlange ich, daß ich und die Meinen ungefährdet auf dem Meeresgrunde weiden »können. Ich bin ein Fisch wie ihr, und ich bin auch durch Übung ein Kriechtier. Ich bin die Klügste im Meer: ich weiß alles, was sich hier unten regt, und alles, was dort oben ist. Das Ding da, über das ihr grübelt, kommt von oben, und was von dort herabfällt, ist tot oder wird kraftlos und stirbt: Laßt es liegen, was es auch ist. Es ist nur menschliche Erfindung.«

»Ich glaube, daß etwas mehr an ihm ist,« sagte der kleine Seefisch.

»Halts Maul, Makrele,« sagte die große Seekuh.

»Stichling!« sagten die andern, und das war noch kränkender.

Und die Seekuh erklärte ihnen, daß das ganze Tier der Unruhe und des Schreckens, das übrigens nicht einen Muck sagte, nur Erfindung des trockenen Landes wäre. Und sie hielt ihnen einen kleinen Vortrag über die Arglist der Menschen.

»Sie wollen uns nur fangen,« sagte sie, »das ist das einzige, wozu sie leben. Sie spannen Netze aus, kommen mit Angelhaken und Köder, um uns zu locken. Das Ding hier ist nur eine Art große Angelschnur, an die wir anbeißen sollen. Sie sind so dumm! Wir sind es nicht! Rührt nur nicht das Machwerk an; es wird sich in Fasern auflösen und ganz zu Schlamm und Staub werden. Was von oben kommt, trägt schon einen Knacks in sich, taugt nichts.«

»Taugt nichts!« sagten alle Meeresgeschöpfe und hielten sich an die Meinung der Seekuh, um überhaupt eine Meinung zu haben.

Der kleine Seefisch behielt seine Gedanken für sich. »Die ungemein dünne, lange Schlange ist vielleicht der wunderbarste Fisch im Meere. Ich vermute es.«

»Das Wunderbarste!« sagen wir Menschen auch, und sagen es mit Wissen und Überzeugung.

Die große Seeschlange ist es, die längst durch Sage und Lied vorausverkündigt ist.

Sie ist aus dem Geist des Menschen geboren und entsprungen und auf den Grund des Meeres gelegt. Sie erstreckt sich von den Ländern des Ostens nach den Ländern des Westens und trägt dahin Botschaft so schnell wie die Lichtstrahlen von der Sonne zur Erde gelangen. Sie wächst, wächst an Kraft und Ausdehnung, wächst Jahr für Jahr durch alle Meere, rings um die Erde, unter tosendem Wasser und spiegelblankem Wasser, wo die Schiffer in die Tiefe sehen, als segelten sie durch die durchsichtige Luft, wo sie wimmelnde Fische, ein ganzes Farbenfeuerwerk sehen.

Tief unten erstreckt sich die Schlange, eine gesegnete Mitgardsschlange, die sich in den Schwanz beißt, indem sie die Erde umschließt, Fische und Kriechtiere rennen mit der Stirn gegen sie, sie verstehen das Ding von oben nicht. Der Menschheit gedankenerfüllte, in allen Sprachen redende und doch lautlose Botschaftsschlange des Guten und des Bösen, das Wunderbarste der Meereswunder: Die große Seeschlange unserer Zeit.

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