Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Hans Christian Andersen >

Andersens Märchen. Ergänzungsband

Hans Christian Andersen: Andersens Märchen. Ergänzungsband - Kapitel 36
Quellenangabe
pfad/andersen/maererga/maererga.xml
typefairy
authorHans Christian Andersen
titleAndersens Märchen. Ergänzungsband
publisherVerlag von Otto Hendel
printrun
year1905
translatorGuido Höller.
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20120211
projectid9b680c25
Schließen

Navigation:

Das Unglaublichste.

Wer das Unglaublichste tun würde, sollte die Prinzessin und das halbe Königreich haben.

Die jungen Leute, ja auch die alten, spannten alle ihre Gedanken, Sehnen und Muskeln an. Zwei aßen sich zu Tode und einer trank sich tot, um das Unglaublichste nach ihrem Geschmack zu tun. Aber nicht auf diese Weise sollte es getan werden. Kleine Straßenjungen übten sich darin, sich selbst auf den Rücken zu spucken; das sahen sie für das Unglaublichste an.

An einem bestimmten Tage sollte vorgezeigt werden, was jeder als das Unglaublichste vorzuzeigen hatte. Als Richter waren Kinder von drei Jahren bis zu Leuten von neunzig Jahren eingesetzt. Es war eine ganze Ausstellung von unglaublichen Dingen; aber alle waren darüber bald einig, daß das Unglaublichste eine große Standuhr sei, gar wunderbar innen und außen ausgedacht. Bei jedem Glockenschlag kamen lebende Bilder hervor, welche zeigten, was die Uhr geschlagen hatte. Es waren ganze zwölf Vorstellungen mit beweglichen Figuren, mit Gesang und Sprache. »Das ist das Unglaublichste,« sagte das Volk.

Die Uhr schlug eins, und Moses stand auf dem Berge und schrieb auf die Gesetzestafel das erste Gebot des Glaubens: »Es ist nur ein einziger wahrer Gott.«

Die Uhr schlug zwei; da zeigte sich der Garten des Paradieses, wo Adam und Eva sich begegneten; beide waren glücklich, und sie besaßen nicht einmal so viel wie einen Kleiderschrank; sie gebrauchten aber auch keinen.

Mit dem Schlage drei zeigten sich die drei heiligen Könige; der eine war kohlenschwarz. Aber er konnte nichts dafür; die Sonne hatte ihn geschwärzt. Sie kamen mit Weihrauch und Kostbarkeiten.

Um vier Uhr kamen die Jahreszeiten; der Frühling mit Kuckuck und frischem Buchenlaub, der Sommer mit einem Grashüpfer auf der reifen Kornähre, der Herbst mit einem leeren Storchnest – die Vögel waren fortgeflogen – und der Winter mit einer alten Krähe, die konnte im Ofenwinkel Geschichten erzählen, alte Erinnerungen.

Schlug die Uhr fünf, so zeigten sich die fünf Sinne: Das Gesicht kam als Brillenmacher, das Gehör als Kupferschmied; der Geruch verkaufte Veilchen und Waldmeister; der Geschmack war ein Koch und das Gefühl ein Leichenbitter mit einem Trauerflor, der bis zu den Füßen reichte.

Die Uhr schlug sechs und ein Spieler saß da. Er würfelte, und die Würfel kehrten die höchsten Seiten nach oben, und dort stand sechs.

Dann kamen die sieben Wochentage oder die sieben Todsünden; darüber waren sich die Leute nicht einig. Sie gehören ja auch zusammen und sind nicht leicht zu unterscheiden.

Dann kam ein Mönchschor und sang den Achtgesang.

Dem Schlage neun folgten die neun Musen; eine war bei der Astronomie und eine bei dem historischen Archiv angestellt; die übrigen gehörten zum Theater.

Mit dem Schlage zehn trat wiederum Moses mit den Gesetzestafeln hervor; auf ihnen standen alle Gebote Gottes, und zehn waren es.

Die Uhr schlug wieder, da hüpften und sprangen kleine Knaben und Mädchen heraus, die spielten und sangen dabei: »Die Uhr schlägt elf, sie kommen noch nicht,« und das schlug sie.

Nun schlug es zwölf, und der Nachtwächter mit Kapuze und Morgenstern trat auf und sang das alte Wächterlied;

»Es war zur heil'gen Mitternacht,
Daß Christus ward geboren.«

Und wahrend er sang, wuchsen Rosen empor, und sie wurden zu Engelköpfen, die von regenbogenfarbigen Flügeln getragen wurden.

Lieblich war es zu hören und schön zu sehen. Es wäre ein unvergleichliches Kunstwerk, das Unglaublichste, sagte das ganze Volk.

Der Künstler war ein junger Mann, herzensgut und kinderfroh und seinen Eltern ein treuer Freund und Helfer. Er verdiente die Prinzessin und das halbe Königreich.

Der Tag der Entscheidung war gekommen; die ganze Stadt trug Festgewand, und die Prinzessin saß auf dem königlichen Thron, der neue Krollhaare bekommen hatte; aber doch nicht bequemer und behaglicher geworden war. Die Richter rings im Kreise sahen gar verschmitzt auf ihn, der gewinnen sollte, und er stand frank und froh seines Glückes gewiß. Er hatte ja das Unglaublichste getan.

»Nein, das werde ich jetzt tun,« rief in diesem Augenblick ein knochiger Kraftbursche. »Ich bin der Mann für das Unglaublichste,« und damit schwang er eine schwere Axt gegen das Kunstwerk.

Krach, krach, bum! da lag es. Räder und Federn fuhren durcheinander; alles war zertrümmert.

»Das konnte ich,« sagte der Mann; »meine Tat hat seine geschlagen und euch alle zusammen; ich habe das Unglaublichste getan.«

»Ein solches Kunstwerk zu zertrümmern,« sagten die Richter. »Ja, das ist das Unglaublichste.«

Das ganze Volk sagte dasselbe, und deshalb sollte er die Prinzessin und das halbe Königreich haben; denn Gesetz ist Gesetz, selbst wenn es das unglaublichste ist.

Von allen Wällen und allen Türmen der Stadt wurde geblasen: Die Hochzeit soll gefeiert werden. Die Prinzessin war darüber gar nicht froh; aber sie sah reizend aus und war prächtig gekleidet. Die Kirche strahlte am späten Abend von Lichtern: dann nimmt es sich am besten aus. Die adligen Jungfrauen der Stadt sangen und führten die Braut; die Ritterschaft sang und folgte dem Bräutigam. Er ging so stolz, als ob er niemals zusammenbrechen könnte.

Nun hielt der Gesang auf; es wurde so still, daß man eine Stecknadel hätte zur Erde fallen hören können; aber inmitten der Stille flog die große Kirchentür mit Tosen und Krachen auf – bum! bum! kam das ganze Uhrwerk mitten durch den Kirchengang heranmarschiert und stellte sich zwischen Braut und Bräutigam, Tote Menschen können nicht wieder gehen, das wissen wir sehr gut; aber ein Kunstwerk kann wieder gehen. Der Körper war zertrümmert, aber nicht der Geist. Der Geist des Kunstwerks spukte, und doch war es kein Spuk.

Das Kunstwerk stand leibhaftig da, als wäre es ganz und unversehrt. Die Glockenschläge ertönten, eine Stunde nach der andern bis zwölf, und die Gestalten quollen hervor, zuerst Moses. Von seiner Stirn leuchtete es wie Feuerflammen, er warf des Gesetzes schwere Tafeln dem Bräutigam auf die Füße und bannte sie auf den Estrich.

»Ich kann sie nicht wieder erheben,« sagte Moses. »Du hast mir die Arme abgeschlagen. Stehe, wie du stehst!«

Dann kamen Adam und Eva, die Weisen aus dem Morgenlande und die vier Jahreszeiten; jeder sagte ihm unangenehme Wahrheiten: »Schäme dich!«

Aber er schämte sich nicht.

Alle die Gestalten, die die Stundenschläge aufzuweisen hatten, traten aus der Uhr heraus, und alle wuchsen zu einer schrecklichen Größe; es schien, daß für die wirklichen Menschen kein Platz blieb. Und als mit dem zwölften Schlage der Wächter mit Kapuze und Morgenstern heraustrat, entstand eine seltsame Bewegung. Der Wächter ging auf den Bräutigam zu und schlug ihm mit der Keule vor die Stirn.

»Da liege!« sagte er. »Gleiches für Gleiches! Wir sind gerächt und der Meister auch! Wir verschwinden.«

Und das ganze Kunstwerk verschwand; aber die Lichter rings in der Kirche wurden zu großen leuchtenden Blumen, und die vergoldeten Sterne an der Decke sandten lange, helle Strahlen herab: die Orgel ertönte von selbst. Alle Menschen sagten, daß es das Unglaublichste wäre, was sie erlebt hätten.

»Wollt ihr mir nun den rechten Bräutigam versprechen,« sagte die Prinzessin; »ihn, der das Kunstwerk gemacht hat. Er sei mein Herr und Ehemann.«

Und er stand in der Kirche; das ganze Volk war sein Gefolge. Alle freuten sich, alle segneten ihn; es war auch nicht einer, der neidisch war. – Ja, das war das Unglaublichste.

 << Kapitel 35  Kapitel 37 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.