Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Hans Christian Andersen >

Andersens Märchen. Ergänzungsband

Hans Christian Andersen: Andersens Märchen. Ergänzungsband - Kapitel 35
Quellenangabe
pfad/andersen/maererga/maererga.xml
typefairy
authorHans Christian Andersen
titleAndersens Märchen. Ergänzungsband
publisherVerlag von Otto Hendel
printrun
year1905
translatorGuido Höller.
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20120211
projectid9b680c25
Schließen

Navigation:

Die Lichte.

Es war ein großes Wachslicht, das wußte recht gut, was es vorstellte. »Ich bin aus Wachs geboren und in Form gegossen,« sagte es. »Ich leuchte besser und brenne länger als andere Lichte; mein Platz ist die Kristallkrone und der silberne Leuchter.«

»Das muß ein herrliches Leben sein,« sagte das Talglicht. »Ich bin nur aus Talg, nur ein gezogenes Licht; allein ich tröste mich damit, daß es immer noch mehr ist als ein Dreilingslicht; das wird nur zweimal eingetaucht; mich aber hat man achtmal eingetaucht; davon habe ich auch meine anständige Dicke erhalten. Ich bin zufrieden! Zwar ist man schöner und glücklicher gestellt, wenn man als Wachslicht und nicht als Talglicht geboren wird; jedoch man stellt sich nicht selbst in die Welt hinein. Jenes kommt in den Kronleuchter des Festsaals, und ich komme in die Küche; allein das ist auch eine gute Stätte; denn von dorther erhält das ganze Haus seine Speise.«

»Aber es gibt etwas Wichtigeres als Speise,« sagte das Wachslicht, »die Geselligkeit! Sie strahlen zu sehen und selbst zu strahlen. Heute abend ist hier Ball; dazu werde ich und meine ganze Familie geholt.«

Kaum war es gesagt, so wurden alle Wachslichte geholt; aber auch das Talglicht kam mit. Die gnädige Frau selbst nahm sie in ihre schöne Hand und trug sie in die Küche hinaus. Da stand ein kleiner Junge mit einem Korbe, welcher mit Kartoffeln gefüllt wurde, und auch ein paar Äpfel legte man hinein. Dies alles gab die gute Frau dem armen Knaben.

»Hier hast du noch ein Licht, mein kleiner Freund,« sagte sie; »deine Mutter sitzt und arbeitet die ganze Nacht, sie kann es gebrauchen.«

Die kleine Tochter des Hauses stand dicht neben ihr, und als sie die Worte: »die ganze Nacht« hörte, sagte sie mit inniger Freude: »Ich darf auch die ganze Nacht aufbleiben. Wir haben Ball, und ich bekomme die großen roten Schleifen an.«

Wie strahlte ihr Gesicht! Das war eine Freude! Kein Wachslicht kann so strahlen wie zwei Kinderaugen.

»Das zu sehen, tut wohl,« dachte das Licht; »das vergesse ich niemals, und ich sehe es gewiß nie wieder.« Und damit wurde es in den Korb unter den Deckel gelegt, und der Knabe ging mit ihm fort.

»Wohin komme ich jetzt?« dachte das Licht. »Ich komme zu armen Leuten und erhalte vielleicht nicht einmal einen Messingleuchter, während das Wachslicht in Silber sitzt und die reichsten Leute sieht. Wie herrlich muß es sein, für die Vornehmen zu leuchten? Doch es wurde mein Los, Talg und nicht Wachs zu sein.«

Und das Licht kam zu den Armen, zu einer Witwe mit drei Kindern in eine kleine, niedrige Stube dem reichen Hause gegenüber.

»Gott segne! die gute Frau für alles, was sie uns gab,« sagte die Mutter. »Ist das aber ein schönes Licht! Das brennt gewiß die ganze Nacht.«

Und das Licht wurde angezündet.

»Ft,« sagte es. »War das ein übelriechendes Streichholz, womit man mich anzündete! Das bietet man sicherlich dem Wachslicht nicht drüben in dem reichen Hause.«

Auch dort zündete man die Lichter an; sie strahlten weithin über die Straße; die Wagen fuhren mit den geschmückten Ballgästen vor, und Musik erklang.

»Nun beginnt es drüben,« vernahm das Talglicht, und es dachte an das kleine reiche Mädchen mit den strahlenden Augen, strahlender als alle Wachslichter. – »Und ihr Antlitz sehe ich niemals wieder.«

Da kam das kleinste der armen Kinder; es war ein kleines Mädchen; es faßte Bruder und Schwester um den Hals; es hatte ihnen etwas Wichtiges zu erzählen; das mußte es ihnen ins Ohr sagen: »Heute abend gibt es – denkt mal an – heute abend gibt es Bratkartoffeln.«

Und ihr Gesicht strahlte vor Glückseligkeit. Das Licht schien gerade hinein; es sah ein Glück, eine Freude so groß wie in dem reichen Hause, als das kleine Mädchen sagte: »Wir haben Ball heute abend, und ich kriege die großen roten Schleifen an.«

»Sind Bratkartoffeln ebenso viel,« dachte das Licht. »Die Freude ist ja bei beiden Kindern gleich groß.« Und es nieste,; das heißt »es sprühte,« und mehr kann ein Talglicht nicht.

Der Tisch wurde gedeckt und die Kartoffeln verzehrt. O! wie das schmeckte! Das war ein wahres Festessen! Jedes Kind erhielt noch einen Apfel, und dann sprach das Kleinste einen kleinen Vers:

»Du guter Gott, ich preise dich.
Daß du gesättigt hast auch mich. Amen.«

»Hab ich's nicht schön gesagt, Mutter?« rief die Kleine. »So mußt du nicht fragen; du mußt nur an den lieben Gott denken, der dich satt gemacht hat.«

Die Kinder kamen zu Bett, erhielten den Gutenachtkuß und schliefen ein. Die Mutter aber saß und nähte die ganze Nacht, um sich und ihren Kindern Brot zu schaffen. Und drüben aus dem reichen Hause schienen die Lichter und erklang die Musik. Die Sterne blinkten über allen Häusern, über den armen und über den reichen, gleich klar, gleich friedlich.

»Es war eigentlich doch ein schöner Abend,« meinte das Talglicht. »Ob wohl die Wachslichte es in ihrem silbernen Leuchter besser hatten? Das möchte ich gern wissen, ehe ich ausgebrannt bin.« Und es dachte an die beiden gleich glücklichen Kinder, das eine bestrahlt von einem Wachslicht und das andere von einem Talglicht.

Ja, das ist die ganze Geschichte.

 << Kapitel 34  Kapitel 36 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.