Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Hans Christian Andersen >

Andersens Märchen. Ergänzungsband

Hans Christian Andersen: Andersens Märchen. Ergänzungsband - Kapitel 31
Quellenangabe
pfad/andersen/maererga/maererga.xml
typefairy
authorHans Christian Andersen
titleAndersens Märchen. Ergänzungsband
publisherVerlag von Otto Hendel
printrun
year1905
translatorGuido Höller.
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20120211
projectid9b680c25
Schließen

Navigation:

Der Komet.

Und der Komet kam, leuchtete mit seinem Feuerkern und drohte mit seinem Schweife, Er wurde in dem reichen Schlosse gesehen, in der armseligen Hütte, von der Menschenmenge auf der Straße und von dem einsamen Wanderer, der über die pfadlose Heide ging. Jeder hatte seine Gedanken dabei.

»Kommt und seht das Zeichen des Himmels! Kommt und seht den prachtvollen Stern,« wurde gesagt, und alle drängten sich ihn zu sehen.

Aber in der Stube saß eine Mutter mit ihrem kleinen Knaben. Das Talglicht brannte, und die Mutter meinte, eine Schnuppe im Licht zu sehen – der Docht war lang und hatte sich gebogen. – Das bedeutete, glaubte sie, daß der kleine Knabe bald sterben müßte; die Schnuppe kehrte sich ja gegen ihn.

Es war ein alter Aberglaube, und sie war abergläubisch.

Der kleine Knabe aber sollte gerade viele Jahre leben und den Kometen sehen, wenn er nach mehr als sechzig Jahren sich wieder zeigte.

Der kleine Knabe sah die Schnuppe im Licht nicht und machte sich auch keine Gedanken über den Kometen, der vom Himmel zum erstenmal in sein Leben leuchtete. Er saß und hatte eine genietete Kumme vor sich, in welcher Seifenwasser zu Schaum geschlagen war. Er tauchte den Kopf einer kurzen Tonpfeife hinein, setzte den Stiel an den Mund und blies Seifenblasen, kleine und große. Sie zitterten und entschwebten in den schönsten Farben, sie veränderten sich von gelb nach rot, von violett nach blau und wurden endlich grün, wie das Blatt des Waldes, wenn die Sonne darauf scheint.

»Gott gebe dir so viele Jahre hier auf Erden, als du Seifenblasen bläst.«

»So viele, so viele,« sagte der Kleine. »Das Seifenwasser kann ich gar nicht aufblasen,« und der Kleine blies Blase auf Blase.

»Dort fliegt ein Jahr! Dort fliegt noch eins! Sieh, wie sie fliegen,« sagte er bei jeder Blase, die sich löste und davonflog. Ein paar fuhren ihm in die Augen; das biß und brannte, daß ihm Tränen in die Augen kamen. In jede Blase sah er ein Stück Zukunft gelegt, schimmernd und glänzend.

»Nun kann man den Kometen sehen,« riefen die Nachbarn. »Kommt doch heraus und sitzt nicht drinnen.«

Und die Mutter nahm den Kleinen bei der Hand. Er mußte die Tonpfeife hinlegen, das Spielzeug mit den Seifenblasen verlassen. Der Komet war da.

Und der Kleine sah die leuchtende Feuerkugel mit dem strahlenden Schweife. Einige sagten, daß er sicher drei Ellen lang wäre, andere hielten ihn für Millionen Ellen lang. So verschieden sieht man.

»Kind und Kindeskinder können gestorben sein, ehe er sich wieder zeigt,« sagten die Leute.

Die meisten von denen, die so sagten, waren auch gestorben, als er sich wieder zeigte. Aber der kleine Knabe, für den eine Schnuppe im Lichte gestanden und von dem die Mutter geglaubt hatte, daß er bald sterben würde, der lebte noch, war alt und weiß. »Weiße Haare sind die Blumen des Alters,« sagt der Volksmund, und er hatte viele der Blumen; er war nun ein alter Schulmeister.

Die Schulkinder sagten, daß er so klug wäre, so viel wüßte, Geschichte, Geographie und was man nur von den Himmelskörpern kannte.

»Alles kommt wieder,« sagte er. »Gebt nur acht auf die Personen und Begebenheiten, und ihr werdet erkennen, daß sie immer wiederkehren, in andern Gewändern und andern Ländern.«

Und der Schulmeister hatte von Wilhelm Tell erzählt, der einen Apfel von dem Kopfe seines Sohnes schießen mußte; der aber, ehe er den Pfeil verschoß, einen zweiten an seiner Brust verbarg, um ihn in das Herz des bösen Geßler zu schießen. So war es in der Schweiz geschehen; aber viele Jahre früher geschah dasselbe in Dänemark mit Palmatoke. Er mußte auch einen Apfel von seines Sohnes Haupt schießen und verbarg, wie Tell, einen Pfeil, um sich mit ihm zu rächen. Und mehr als tausend Jahre früher wurde dieselbe Sage niedergeschrieben, da sie sich in Ägypten zugetragen hatte. Alles kommt wieder wie die Kometen; sie fahren hin, bleiben fort und kommen wieder.

Und er sprach von dem Kometen, der erwartet wurde, dem Kometen, den er als kleiner Knabe gesehen hatte. Der Schulmeister kannte die Himmelskörper, dachte über sie nach, aber vergaß deshalb doch nicht Geschichte und Geographie.

Seinen Garten hatte er in Gestalt einer Landkarte Dänemarks angelegt. Hier standen Kräuter und Blumen, wie sie in den verschiedenen Gegenden des Landes am besten heimisch waren. »Hole mir Erbsen,« sagte er, und dann ging man zu dem Beet, das Laland vorstellte. »Hole mir Buchweizen,« und dann ging man nach Langeland. Der schöne blaue Enzian und der Porsch waren droben bei Skagen zu finden, die glänzende Stechpalme droben bei Silkeborg. Die Städte selbst waren durch Figuren angedeutet. Hier stand St. Knud mit dem Lindwurm; das bedeutete Odense; Absalon mit dem Bischofsstab bedeutete Sorö, und das kleine Schiff mit den Ruderstangen war ein Zeichen, daß hier die Stadt Aarhuus läge. An dem Garten des Schulmeisters lernte man die Geographie Dänemarks gar leicht; aber man mußte sich erst von ihm belehren lassen, und das machte viel Vergnügen.

Nun war der Komet zu erwarten, und von ihm erzählte er und was die Leute in alten Tagen, als er zuletzt hier war, gesagt und geurteilt hatten. »Ein Kometenjahr ist ein gutes Weinjahr,« sagte er; »man kann den Wein mit Wasser verdünnen, ohne daß es bemerkt wird. Die Weinhändler sollen viel von einem Kometenjahr halten.«

Die Luft war volle vierzehn Tage und Nächte bewölkt; der Komet konnte nicht gesehen werden; aber er war da.

Der alte Schulmeister saß in seiner kleinen Kammer dicht über der Schulstube. Die Bornholmer Uhr aus den Tagen seiner Eltern stand in der Ecke; die schweren Bleigewichte schnurrten weder aufwärts noch abwärts; das Perpendikel bewegte sich nicht. Der kleine Kuckuck, der ehemals hervorkam und die Stunden abrief, saß seit vielen Jahren schweigend hinter dem verschlossenen Pfortchen; alles war still und stumm da drinnen; die Uhr ging nicht mehr. Aber das alte Klavier daneben, auch aus den Tagen der Eltern, zeigte noch Leben. Aus seinen Saiten erklangen, freilich oft heiser, die Melodien eines ganzen Menschenalters. Wer alte Mann dachte dabei so vieles, an Fröhliches und Trauriges, was er in der Reihe der Jahre, da er als Kind den Kometen sah, bis zu dieser Stunde, da er wieder hier war, erlebt hatte. Er gedachte, was die Mutter gesagt hatte, als die Schnuppe im Lichte war, er gedachte der schönen Seifenblasen, die er gemacht hatte. Jede wäre ein Lebensjahr, hatte sie gesagt, so leuchtend, so farbenprächtig. Alles Schöne und Freudige sah er in ihnen: Kinderspiel und Jugendlust, die ganze, weite Welt sah er vor sich offen im Sonnenschein liegen, und in sie sollte er hinaus! Das waren Zukunftsblasen. Als alter Mann vernahm er aus den Saiten des Klaviers die Melodien aus vergangenen Tagen: Die Erinnerungsblasen mit dem Farbenglanz des Gedenkens. Da erklang das Stricklied der Großmutter:

»Es war keine Amazone,
Die strickte den ersten Strumpf.«

Da erklang das Lied, das das alte Hausmädchen gesungen hatte, als er noch ein Kind war:

»Es sind gar viel Gefahren
Auf Erden zu bestehn,
Wie jung man auch an Jahren,
Wie klein auch das Verstehn.«

Nun ertönten die Melodien von dem ersten Ball, ein Menuett und ein polnischer Tanz! Nun ertönten weiche, wehmutsvolle Töne – Tränen traten in die Augen des alten Mannes – nun erbrauste ein Kriegsmarsch, nun Kirchengesang, nun fröhliche Weisen, Blase auf Blase stieg auf, wie er sie als Kind aus Seifenwasser geblasen hatte.

Seine Augen waren gegen das Fenster gerichtet; eine Wolke glitt draußen am Himmel fort; er sah in der klaren Luft den Kometen, seinen leuchtenden Kern, seinen glänzenden Nebelstreifen.

Es war ihm, als ob er ihn gestern abend gesehen hätte, und doch lag ein ganzes, reiches Menschenleben zwischen dem Tage und heute; damals war er ein Kind und sah in den Blasen »vorwärts«, nun zeigten sie »zurück«. Er fühlte Kindessinn und Kindesglauben; seine Augen leuchteten, seine Hand sank an der Seite des Körpers nieder – es klang, als ob eine Saite risse.

»Kommt doch und seht; der Komet ist da,« wurde von den Nachbarn gerufen. »Der Himmel ist so schön und klar. Kommt doch, ihn wirklich zu sehen.«

Der alte Schulmeister antwortete nicht; er war fort, um wirklich zu sehen; seine Seele war auf einer größeren Bahn, in einem weiteren Raum als den der Komet durchstiegt. Und er wurde wieder in dem reichen Schloß gesehen, in der armseligen Hütte, von der Menschenmenge auf der Straße und von dem einsamen Wanderer in der pfadlosen Heide. Seine Seele aber wurde von Gott gesehen und von den beiden lieben Vorangegangenen, nach denen sie verlangte.

 << Kapitel 30  Kapitel 32 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.