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Andersens Märchen. Ergänzungsband

Hans Christian Andersen: Andersens Märchen. Ergänzungsband - Kapitel 3
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authorHans Christian Andersen
titleAndersens Märchen. Ergänzungsband
publisherVerlag von Otto Hendel
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year1905
translatorGuido Höller.
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Des Hagestolzen Nachtmütze.

Es gibt in Kopenhagen eine Straße, die den wunderlichen Namen »Hüskenstraße« führt. Weshalb heißt sie so und was soll es bedeuten? Es soll deutsch sein; aber man tut damit der deutschen Sprache unrecht. »Häuschen« sollte man sagen, denn das bedeutet kleine Häuser. Sie waren damals – und das war vor vielen Jahren – nicht viel mehr als hölzerne Buden, wie sie jetzt noch auf Jahrmärkten aufgeschlagen werden. Etwas größer waren sie wohl und hatten auch Fenster; aber die Scheiben waren aus Horn oder einer Tierblase; denn in jener Zeit waren gläserne Scheiben noch sehr teuer. Allein sie liegt auch so weit zurück, daß Großvaters Großvater, als er davon erzählte, auch schon »in alten Tagen« sagte. Mehrere hundert Jahre sind seitdem verflossen.

Die reichen Kaufherren aus Bremen und Lübeck trieben Handel in Kopenhagen. Selbst kamen sie nicht hinauf; aber sie schickten treue Diener, und diese wohnten in den hölzernen Buden der »Kleinhäusergasse« und verkauften Bier und Gewürze. Das deutsche Bier war vortrefflich, und es gab viele Sorten, wie Bremer-, Prysinger-, Emserbier und Braunschweiger Mumme. Dazu die vielen Gewürze, wie Safran, Anis, Ingwer und Pfeffer; ja dieser war der Hauptartikel, und deshalb führten die deutschen Handlungsdiener den Namen »Pfefferhöker.« Sie hatten in der Heimat die Verpflichtung eingehen müssen, sich dort oben nicht zu verheiraten, und manche derselben wurden darüber alt. Sie mußten alles selbst besorgen, ihre Betten machen und Feuer anlegen. Es gab gar einsame alte Junggesellen unter ihnen mit eigenartiger Denkart und eigenartigen Gewohnheiten. Nach ihnen nannte man jede ledige Mannsperson, die in ein gewisses gesetztes Alter gekommen war, einen Pfefferhöker. Das alles muß man wissen, um die folgende Geschichte zu verstehen.

Man macht sich lustig über den »Pfefferhöker,« sagt, er solle die Nachtmütze aufsetzen, sie über die Augen ziehen und zu Bett gehen:

»Schneide, schneide einen Span,
Du armer Hagestolz,
Geh mit der Nachtmütze zu Bett
Und zünd' dir selbst den Kienspan an.«

Ja, so singt man von ihnen: so verspottet man den Pfefferhöker und seine Nachtmütze – gerade weil man sie so wenig kennt. Ach! die Nachtmütze soll sich niemand wünschen. Und weshalb nicht? Hört!

In alten Zeiten war die Kleinhäusergasse nicht gepflastert; Loch war neben Loch, wie in einem ausgefahrenen Hohlwege. Und eng war sie: die Häuser erhoben sich nebeneinander und so nahe gegenüber, daß im Sommer oft ein Seil quer über die Straße von einer Wohnung zur andern gezogen wurde, und es zwischen ihnen immer recht stark nach Pfeffer, Anis und Ingwer duftete. Hinter dem Ladentische standen nicht viele junge Burschen, im Gegenteil es waren meist recht alte Gesellen, und sie gingen durchaus nicht, wie wir es uns denken mögen, in Perücke und Nachtmütze, in Kniehosen und bis an den Hals geschlossenen Westen und Röcken. Nein, so war des Großvaters Großvater gekleidet und so ist er auch gemalt worden. Aber der Pfefferhöker hatte nicht die Mittel, sich malen zu lassen, und doch hätte es Wert für uns, von einem derselben ein Bild zu besitzen, wie sie hinter dem Tische standen, oder an Feiertagen in die Kirche gingen. Sie trugen einen breitkrempigen hohen Hut, und oft steckte einer der jüngsten Pfefferhöker eine Feder an denselben. Ein leinener Klappkragen verdeckte das wollene Hemd; das enganschließende Wams war bis oben zugeknöpft; der Mantel hing lose darüber und die Hosen reichten bis zu den breiten Schuhen; denn Strümpfe trugen sie nicht. In dem Gürtel steckte ihr Eßgeschirr, Messer und Löffel, und auch noch ein langes Messer zur Verteidigung, und das mußten sie damals häufig gebrauchen. Genau so ging der alte Anton, einer der ältesten Pfefferhöker der Kleinhäusergasse, an Feiertagen. Nur trug er nicht den hohen Hut, sondern eine Kapuze und darunter eine gestrickte Mütze, eine richtige Nachtmütze, an die er sich so gewöhnt hatte, daß er sie immer aufbehielt, und er besaß zwei davon. Sein Bild war leicht zu malen; denn er war dürr wie ein Stecken, hatte Falten um Mund und Augen, lange, knochige Finger und graubuschige Augenbrauen. Über dem linken Auge hing ein ganzer Büschel Haare herab; schön war es gerade nicht; aber es machte ihn leicht kenntlich. Man wußte von ihm, daß er aus Bremen war; aber es war nicht seine wirkliche Heimat; dort wohnte nur sein Herr. Er selber stammte aus Thüringen, aus der Stadt Eisenach unterhalb der Wartburg. Davon erzählte der alte Anton nicht oft; aber er dachte desto mehr daran.

Die alten Burschen der Straße kamen nur selten zusammen; gewöhnlich blieb jeder in seinem Häuschen, das er zeitig am Abend schloß. Und dann war es dort dunkel, und nur ein matter Lichtschein fiel durch die kleine Hornscheibe unterhalb des Daches, wo gewöhnlich der alte Diener mit einem deutschen Gesangbuche auf dem Bette saß und ein Abendlied sang, oder er ging bis spät in die Nacht hin und her und tat dies und das. Lustig war es sicher nicht. Als Fremder in einem fremden Lande leben, ist ein bitter Ding; denn niemand beachtet ihn, außer wenn er im Wege steht.

Oft, wenn es draußen stockfinster war und der Regen herabströmte, konnte es in dieser Gasse recht unfreundlich und öde sein. Laternen sah man nicht, außer einer recht kleinen. Sie hing von dem einen Ende der Straße herab vor dem Bilde der Jungfrau Maria, das auf die Mauer gemalt war. Man hörte den Regen ordentlich auf das Gebälk der nahen Schloßinsel, wohin das andere Ende der Straße führte, rinnen und klatschen. Solche Abende waren lang und einsam, wenn man nicht etwas vornahm. Aus- und Einpacken, Tüten kleben oder die Wagschale putzen ist nicht jeden Tag nötig; aber dann nimmt man eben etwas anderes vor, und das tat der alte Anton auch. Er besserte selbst sein Zeug aus und flickte seine Schuhe. Ging er dann endlich zu Bett, dann behielt er seiner Gewohnheit gemäß die Nachtmütze auf und zog sie nur tiefer herab. Aber bald darauf zog er sie wieder hoch, um nachzusehen, ob das Licht auch gut ausgelöscht wäre. Er fühlte es an, preßte den Docht zusammen, legte sich dann auf die Seite und zog die Nachtmütze wieder herab. Aber plötzlich kam ihm der Gedanke, ob wohl in dem kleinen Kohlenbecken jede Kohle ausgebrannt oder ausgelöscht wäre. Ein kleiner Funke könnte doch noch vorhanden sein, zünden und viel Verdruß bereiten. Und er stand wieder aus seinem Bette auf, stieg die Leiter hinab, – denn eine Treppe konnte man es nicht nennen – und wenn er zu dem Kohlenbecken kam, war kein Funke zu sehen, und er konnte wieder gehen. Aber er hatte kaum den halben Weg gemacht, als er unsicher war, ob auch die eisernen Stangen an die Tür gelegt und die Fensterläden durch Krampen wohl befestigt wären. Ja, da mußte er wieder auf seinen dünnen Beinen niedersteigen. Ihn fror und die Zähne klapperten ihm, als er endlich ins Bett kroch; denn die Kälte macht sich am fühlbarsten, wenn sie weiß, daß sie fort soll. Er zog die Decke höher hinauf, die Nachtmütze tiefer über seine Augen und wandte seine Gedanken von dem Handel und den Beschwerden des Tages ab. Aber die Behaglichkeit kam doch nicht: denn alte Erinnerungen kamen und hingen ihre Gardinen auf, und sie haben zuweilen Nadeln, an denen man sich sticht. »Au,« sagt man, und stechen sie in das blutige Fleisch und bereiten brennenden Schmerz, so steigen uns die Tränen in die Augen. Dem alten Anton erging es oft so; heiße Tränen, die klarsten Perlen, kamen. Sie fielen auf die Bettdecke und die Diele, und es klang so herzbrechend, als ob eine Schmerzenssaite spränge. Sie verdunsteten, brannten in lodernder Flamme und beleuchteten ein Lebensbild, das niemals aus seinem Herzen verschwand. Trocknete er seine Augen mit der Nachtmütze, dann wurden die Tränen und die Bilder fortgewischt; aber ihre Quelle blieb, sie lag in seinem Herzen. Die Bilder kamen nicht, wie sie in der Wirklichkeit einander folgten, oft kamen die schmerzlichsten; aber auch die froh-wehmütigen leuchteten vor ihm auf. Und gerade diese warfen die stärksten Schatten.

Schön sind die Buchenwälder in Dänemark, sagt man; aber schöner erhoben sie sich für Anton in der Gegend der Wartburg; mächtiger und ehrwürdiger erschienen ihm die alten Eichen um die stolze Ritterburg, wo Schlingpflanzen von den Steinblöcken herabhingen; süßer dufteten dort die Blüten des Apfelbaums als im dänischen Land. Lebendig fühlte und vernahm er es noch jetzt; eine Träne rollte, klang und brannte. Er sah in ihrem Lichte deutlich zwei kleine Kinder, einen Knaben und ein Mädchen, miteinander spielen. Der Knabe harte rote Backen, gelbes, krauses Haar und ehrliche, blaue Augen; es war der Sohn des reichen Kaufmanns, der kleine Anton, er selbst. Das kleine Mädchen hatte braune Augen und schwarzes Haar; keck und klug sah sie drein; es war Molly, die Tochter des Bürgermeisters. Die beiden spielten mit einem Apfel; sie schüttelten ihn und hörten wie die Kerne im Innern rasselten; sie schnitten ihn durch und jeder erhielt ein Stück; sie teilten die Kerne unter sich und aßen sie bis auf einen. Den müßten sie in die Erde legen, meinte das kleine Mädchen.

»Und du sollst sehen, was aus ihm hervorkommen wird; es kommt etwas, was du dir gar nicht denken kannst; es kommt ein ganzer Apfelbaum, aber nicht gleich.«

Und der Kern wurde in einen Blumentopf eingepflanzt; alle beide waren eifrig dabei. Der Knabe grub mit seinen Fingern das Loch in die Erde, das kleine Mädchen legte den Kern hinein, und beide deckten ihn mit Erde zu.

»Du darfst ihn aber morgen nicht wieder herausnehmen, um zu sehen, ob er Wurzeln geschlagen hat,« sagte sie, »das darf man nicht. Ich tat es bei meinen Blumen zweimal; ich wollte sehen, ob sie wüchsen. Ich wußte es nicht besser, und die Blumen starben.«

Der Blumentopf blieb bei Anton, und während des ganzen Winters sah er jeden Morgen nach; allein es war nur die schwarze Erde zu sehen. Aber nun kam der Frühling; die Sonne schien so warm, und da brachen in dem Blumentopf zwei schmale, grüne Blätter hervor.

»Das bin ich und Molly,« sagte Anton, »das ist schön, das ist reizend.«

Bald kam ein drittes Blatt. Wen sollte es vorstellen? Und nun kam eins um das andere. Jeden Tag und jede Woche wurde der Keim größer und größer, die Pflanze wurde ein ganzer Baum. – Und das alles spiegelte sich in einer Träne wieder, die zerdrückt wurde und verschwand; allein sie konnte aus derselben Quelle, aus dem Herzen des alten Anton, wieder heraufsteigen.

In der Nähe von Eisenach erstreckt sich eine Reihe steiniger Berge, aus welcher sich ein runder Gipfel heraushebt, der weder Bäume, noch Sträucher, noch Gras trägt. Es ist der Venusberg; dort wohnt Frau Venus, eine Göttin aus heidnischer Zeit. Frau Holle hieß sie damals; das wußte und weiß noch jetzt jedes Kind in Eisenach. Sie hatte den edlen Ritter Tannhäuser, den Minnesänger aus dem Sängerkreis der Wartburg, zu sich hineingelockt.

Die kleine Molly und Anton standen oft vor dem Berge, und einmal sagte sie: »Wagst du anzuklopfen und ›Frau Holle! Frau Holle! schließ auf! Tannhäuser ist hier‹« zu rufen?« Aber das wagte Anton nicht. Molly tat es; doch nur die Worte: Frau Holle! Frau Holle! sagte sie laut und deutlich; die übrigen sprach sie so undeutlich in den Wind hinein, daß Anton sicher war, sie hätte eigentlich nichts gesagt. Sie sah so keck aus, so keck wie manchmal im Garten, wenn sie und andere kleine Mädchen ihn trafen und ihn küssen wollten, gerade deshalb, weil er sich nicht küssen lassen wollte, und um sich schlug. Sie allein wagte es.

»Ich darf ihn küssen,« sagte sie stolz und umschlang seinen Hals. Das war ihre Eitelkeit, und Anton fand sich hinein und dachte darüber nicht nach. Wie reizend sie war, wie keck! Frau Holle in dem Berge sollte auch schön sein. Aber ihre Schönheit, sagte man, verführe zum Bösen; die höchste Schönheit aber wäre die, die Elisabeth geschmückt hatte, die Schutzheilige des Landes, die fromme thüringische Fürstin, deren gute Taten hier manchen Ort durch Sage und Legende verherrlichen. In der Kapelle hing ihr Bild, von silbernen Leuchtern umgeben, – doch Molly glich ihr durchaus nicht.

Der Apfelbaum, den die Kinder gepflanzt hatten, wuchs Jahr für Jahr; er wurde so groß, daß er in den Garten in die frische Luft verpflanzt werden mußte, wo der Tau fiel, die Sonne warm schien und er die Kräfte erhielt, den Winter zu überstehen. Aber aus Freude, daß des Winters Härte vorüber war, setzte er im Frühling Blüten an, im Herbst brachte er zwei Apfel, einen für Molly und einen für Anton; weniger hätten es nicht gut sein können.

Der Baum war schnell groß geworden. Molly wuchs wie er; sie war frisch wie eine Apfelblüte; aber lange sollte er diese Blüte nicht mehr sehen. Alles ändert sich, alles wechselt! Mollys Vater verließ die alte Heimat, und Molly zog mit, weit fort. Ja, in jetziger Zeit ist es bei der Geschwindigkeit des Dampfes nur eine kurze Reise; aber damals brauchte man mehr als einen Tag und eine Nacht, um so weit östlich von Eisenach, nach der äußern Grenze von Thüringen, nach der Stadt Weimar zu gelangen.

Und Molly weinte und Anton weinte, – alle die Tränen rannen nun zu einer einzigen zusammen, und sie hatte der Freude rotes, schönes Licht. Molly hatte ihm gesagt, daß sie ihn lieber hatte als die ganze Pracht Weimars.

Ein Jahr verging; es vergingen zwei, drei Jahre, und in dieser Zeit kamen zwei Briefe an. Den einen überbrachte ein Frachtfuhrmann; den andern hatte man einem Reisenden mitgegeben; denn der Weg war weit und beschwerlich und führte in vielen Windungen an Dörfern und Städten vorbei.

Wie oft hatten Anton und Molly nicht die Geschichte von Tristan und Isolde gehört, und ebenso oft hatte er dabei an sich und Molly gedacht, obgleich Tristan bedeuten sollte, daß er in Trübsal geboren wäre. Das paßte nicht auf Anton, und er würde auch niemals den Gedanken gefaßt haben »sie hat mich vergessen;« aber Isolde vergaß ja auch den Freund ihres Herzens nicht, und als beide gestorben und an den beiden Seiten der Kirche begraben waren, wuchsen zwei Lindenbäume aus den Gräbern hervor und ihre blühenden Zweige vereinigten sich über dem Kirchendach. Das schien Anton so schön und doch so traurig. Aber traurig konnte es für ihn und Molly niemals werden, und deshalb summte er eine Weise des Minnesängers Walther von der Vogelweide:

»Unter der Linden auf der Heide.«

Und besonders schön klangen die Zeilen:

»Und aus dem Walde im stillen Tal
          Tandaradei!
Sang so süß die Nachtigall«

Das Lied kam ihm immer auf die Zunge; er sang und pfiff es in der mondhellen Nacht, als er zu Pferde durch den tiefen Hohlweg ritt, um Weimar zu erreichen und Molly zu besuchen. Unerwartet wollte er kommen, und er kam unerwartet.

Man hieß ihn willkommen und reichte ihm einen vollen Becher Wein. Er fand eine lebhafte Gesellschaft, eine vornehme Gesellschaft, ein behagliches Zimmer und ein gutes Bett, und doch fand er es gar nicht so, wie er es gehofft und geträumt hatte. Er verstand sich nicht! er verstand auch die andern nicht; aber wir verstehen es! Man kann in einem Hause, in einer Familie leben und dort doch nicht festwurzeln,; man unterhält sich, wie man sich in einem Postwagen unterhält: man kennt sich, wie man sich in einem Postwagen kennt, geniert einander, und wünscht, daß man selbst oder der gute Nachbar über alle Berge wäre. Ähnliches empfand Anton.

»Ich bin ein ehrliches Mädchen,« sagte Molly zu ihm, »ich will es dir selbst sagen. Viel hat sich seit der Zeit verändert, da wir noch als Kinder zusammen spielten. Ich bin äußerlich und innerlich eine andere geworden. Gewohnheit und Wille haben keine Macht über unser Herz, Anton! Ich möchte nicht, daß du mir zürnst, nun ich bald weit fort gehe. Glaube mir, ich habe gern an dich gedacht; aber geliebt, wie ich nun weiß, daß man einen Menschen lieben kann, habe ich dich niemals, – Du mußt dich darein finden, Anton. Lebewohl!«

Und Anton sagte auch Lebewohl! Aber keine Träne kam ihm in die Augen, als er vernahm, daß er nicht mehr Mollys Freund war. Die glühende Eisenstange und die eisige Eisenstange reißen mit der gleichen Empfindung uns die Haut von den Lippen, wenn wir sie küssen, und er küßte gleich stark in der Liebe wie im Haß.

Keinen Tag gebrauchte Anton, um nach Eisenach zurückzukommen; aber das Pferd, das er geritten hatte, brach tot zusammen.

»Was will das sagen,« sagte er, »Ich bin vernichtet und ich will alles vernichten, was mich an dich erinnert, Frau Holle, Venus, heidnisches Weib! Den Apfelbaum will ich brechen, will ihn mit der Wurzel ausreißen; niemals soll er wieder blühen und Früchte reifen!«

Aber der Baum wurde nicht weggeworfen: er selbst wurde umgeworfen, und in heftigem Fieber lag er in seinem Bette, Was konnte ihm wieder aufhelfen? Da kam eine Medizin, die es konnte. Es war die bitterste, die sich finden ließ, und sie rüttelte den kranken Körper und die sich krümmende Seele wieder auf: Antons Vater war nicht mehr der reiche Kaufmann. Schwere Tage, Tage der Prüfung standen vor der Tür. Das Unglück brach herein; wie ein wogendes Meer stürzte es plötzlich in ein reiches Haus. Der Vater wurde ein armer Mann; Unglück und Sorge lähmte ihn. Da hatte Anton an anderes zu denken als an Liebesleid und an seinen Zorn gegen Molly. Er mußte nun Vater und Mutter im Hause ersetzen, mußte ordnen, helfen, Hand anlegen, selbst hinaus in die weite Welt und sein Brot verdienen.

Er kam nach Bremen und lernte Not und schwere Tage kennen, und sie machen das Herz hart oder weich, oft nur allzu weich. Wie ganz anders waren doch Welt und Menschen, als er es sich in seiner Kindheit gedacht hatte. Was waren ihm nun die Lieder der Minnesänger. Nichts als leerer Klang und hohler Sang. Ja, das meinte er zuweilen; aber zu andern Zeiten ertönten sie durch seine Seele, und er wurde ein frommes Gemüt.

»Gottes Wille ist der beste,« sagte er jetzt. »Gut war es, daß Gott mir Mollys Herz nicht erhielt; wozu würde es geführt haben, da das Glück sich so ganz von mir wandte, Sie verließ mich, ehe sie den bevorstehenden Wechsel der Dinge wußte oder ahnte. Ja, der Herr war mir gnädig. Alles geschieht zu unserm Besten! Alles geschieht weislich! Sie hat keine Schuld daran, und doch bin ich ihr so bitterbös gewesen.«

Und die Jahre vergingen. Antons Vater war gestorben, und Fremde wohnten in seinem Vaterhause. Anton sollte es wiedersehen. Sein reicher Herr schickte ihn auf Geschäftsreisen, und er kam durch seinen Geburtsort Eisenach. Die alte Wartburg stand noch unverändert oben auf dem Berge, mit dem »Mönch und der Nonne« in dem Steinblock ausgemeißelt; die mächtigen Eichen gaben ihr noch denselben Umriß wie in seiner Knabenzeit. Der kahle Venusberg schimmerte grau aus dem Tal hervor. Gern hätte er gerufen: »Frau Holle! Frau Holle! öffne den Berg, dann bleibe ich doch auf dem Boden der Heimat.«

Das war ein sündiger Gedanke, und er schlug ein Kreuz. Da sang ein kleiner Vogel im Gebüsch, und das alte Minnelied kam ihm wieder in den Sinn:

»Und aus dem Walde im stillen Tal,
          Tandaradei!
Sang so süß die Nachtigall.«

So vieler Dinge erinnerte er sich hier in der Stadt seiner Kindheit, die er in Tränen wiedersah. Sein Vaterhaus stand noch, aber der Garten war verlegt. Ein Feldweg führte über eine Ecke des alten Gartengrundes, und der Apfelbaum, den er nicht zerstört hatte, stand noch, aber außerhalb des Gartens auf der andern Seite des Weges. Doch die Sonne schien über ihn wie früher, und der Tau fiel auf ihn wie früher. Und er trug reiche Frucht, und die Zweige bogen sich zur Erde.

»Er gedeiht,« sagte er, »er kann es.«

Einer seiner großen Äste jedoch war abgebrochen; mutwillige Hände hatten es getan; stand er doch an einem Fahrwege.

»Man pflückt seine Blüten, ohne Dank zu sagen; man stiehlt seine Früchte und bricht seine Zweige. Hier konnte man sagen – falls man von einem Baume wie von einem Menschen sprechen kann, – es war nicht an des Baumes Wiege gesungen, daß er so dastehen sollte. Seine Geschichte fing so schön an, und was ist daraus geworden? Verlassen und vergessen ist er, ein Gartenbaum am Grabenrand, am Felde und an der Landstraße, Da steht er ohne Schutz, zerzaust und beraubt. Zwar welkt er deshalb noch nicht; aber mit den Jahren werden die Blüten geringer, bleiben die Früchte fort und zuletzt – ja, dann ist die Geschichte aus.«

Das dachte Anton dort unter dem Baum; das dachte er manche Nacht in der kleinen, einsamen Kammer des Holzhauses im fremden Lande in der Kleinhäusergasse zu Kopenhagen, wohin ihn sein reicher Herr, der Bremer Kaufmann, unter der Bedingung geschickt hatte, sich nicht zu verheiraten.

»Sich verheiraten! haha!« lachte er tief und sonderbar.

Der Winter war frühzeitig gekommen; es fror heftig; draußen herrschte ein Schneesturm, so daß jeder, der es konnte, sich in seinen vier Pfählen aufhielt. Und so kam es, daß sein Gegenüber es nicht beachtete, daß Antons Laden zwei volle Tage nicht geöffnet wurde und er selbst sich nicht zeigte. Wer ging auch aus bei diesem Wetter, wenn man es lassen konnte?

Es waren stille, dunkle Tage, und in dem Laden, dessen Scheiben ja nicht aus Glas waren, herrschte Dämmerung oder stockfinstere Nacht. Der alte Anton hatte seit zwei Tagen sein Bett nicht verlassen; er besaß dazu nicht mehr die Kraft. Das harte Wetter draußen hatte er schon lange in seinen Gliedern gespürt. Verlassen lag der alte Hagestolz da, und er konnte sich nicht helfen, kaum daß er die Wasserkruke, die er vor sein Bett gestellt hatte, erreichen konnte, und nun war auch der letzte Tropfen getrunken. Es war nicht Fieber, nicht Krankheit; es war das Alter, das ihn lähmte. Es war fast ständig Nacht um ihn da oben, wo er lag. Eine kleine Spinne, die er freilich nicht sah, spann emsig und zufrieden ihr Netz über ihn, als sollte doch wenigstens ein neuer, frischer Trauerflor wehen, wenn der Alte seine Augen schlösse.

So lang und gedankenleer war die Zeit! Tränen hatte er nicht, Schmerzen auch nicht. Molly lebte nicht mehr in seinen Gedanken. Er hatte ein Gefühl, als ob die Welt mit ihrem Treiben ihn nichts mehr anginge, als ob er außerhalb derselben läge; niemand gedachte ja seiner. Einen Augenblick schien er Hunger und Durst zu empfinden – ja, er empfand sie; aber niemand kam, um ihn zu erquicken, niemand würde kommen. Er dachte an die, die verschmachteten; erinnerte sich, wie die heilige Elisabeth, die Heilige seines Heimatsortes und seiner Kindheit, die edle Herzogin von Thüringen, die hochvornehme Frau, als sie noch auf Erden wandelte, selbst in die ärmsten Hütten hinabstieg und den Kranken Trost und Erquickung brachte. Ihre frommen Taten zogen leuchtend in seinen Gedanken vorüber. Er erinnerte sich, wie sie kam und tröstende Worte zu den Unglücklichen sprach, die Wunden der Leidenden wusch und den Hungernden Nahrung brachte, obgleich ihr strenger Gemahl ihr deshalb zürnte. Er erinnerte sich der Sage, daß, als sie mit einem Korb voll Wein und Lebensmitteln daherkam, ihr Gemahl, der ihre Schritte überwachte, plötzlich hervortrat und sie fragte, was sie da trüge. In ihrem Schreck antwortete sie, daß es Rosen wären, die sie gepflückt hätte. Als er nun den Deckel herunterriß, siehe! da war für die fromme Frau ein Wunder geschehen: Wein und Brot und alles, was im Korbe lag, hatte sich in Rosen verwandelt.

So lebte die Heilige in den Gedanken des alten Anton; so stand sie leibhaftig vor seinen müden Augen, vor seinem Bett in der geringen Holzbude fern im dänischen Lande. Er entblößte sein Haupt und schaute in ihre milden Augen und alles ringsumher war voller Glanz und Rosen, die sich duftend über die ganze Kammer verbreiteten. Er empfand einen lieblichen Apfelgeruch, und er sah, wie sich ein blühender Apfelbaum über ihm erhob; es war der Baum, den er mit Molly als kleinen Kern gepflanzt hatte.

Und er warf seine duftenden Blätter auf Antons Stirn nieder und kühlte sie; sie fielen auf seine verschmachtenden Lippen, und es war ihm wie Brot und stärkender Wein; sie fielen auf seine Brust, und er fühlte sich so leicht, so sicher im kommenden Schlummer.

»Nun will ich schlafen,« flüsterte er; »der Schlaf tut gut. Morgen bin ich wieder gesund und kann aufstehen. O wie schön, wie schön! Den Apfelbaum, den ich in Liebe pflanzte, sehe ich jetzt in voller Herrlichkeit.«

Und er schlief ein.

Am Tage darauf – es war der dritte Tag, daß der Laden geschlossen war; die Schneeflocken flogen nicht mehr,– suchten die Nachbarn den alten Anton auf, der sich durchaus nicht zeigen wollte. Er lag ausgestreckt, tot im Bette und preßte die alte Nachtmütze zwischen beiden Händen. Diese bekam er nicht mit in den Sarg; er hatte ja noch eine, rein und weiß.

Wo blieben die Tränen, die er geweint hatte? Wo blieben die Perlen? In der Nachtmütze blieben sie – die echten gehen in keiner Wäsche heraus – mit der Nachtmütze werden sie bewahrt und vergessen. Die alten Gedanken, die alten Träume, ja, sie blieben in des Hagestolzen Nachtmütze. Wünsche sie dir nicht! Sie wird deine Stirn heißer machen, deine Pulse stärker schlagen lassen und Träume wird sie dir bringen, welche Wirklichkeit sind. Das erfuhr der erste, welcher sie aufsetzte, und doch war es ein halbes Jahrhundert später und der Bürgermeister selber. Er saß mit seiner Frau und elf Kindern in guten Umständen: aber sofort träumte er von unglücklicher Liebe, Bankerott und Mangel.

»Hu! wie die Nachtmütze wärmt,« sagte er, und riß sie vom Kopfe, und eine Perle nach der andern rollte hervor, klang und leuchtete. »Das ist die Gicht,« sagte er, »es flimmert mir vor den Augen.«

Es waren die Tränen, die vor einem halben Jahrhundert geweint waren, geweint von dem alten Anton aus Eisenach.

Jeder, welcher die Mütze aufsetzte, hatte wirkliche Gesichte und Träume; seine eigene Geschichte wurde zu der Antons. Es wurde ein ganzes Märchen; es wurden viele. Diese mögen andere erzählen. Wir haben nun das erste erzählt, und es bleibt unser letztes Wort: »Wünsche dir niemals des Hagestolzen Nachtmütze.«

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