Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Hans Christian Andersen >

Andersens Märchen. Ergänzungsband

Hans Christian Andersen: Andersens Märchen. Ergänzungsband - Kapitel 29
Quellenangabe
pfad/andersen/maererga/maererga.xml
typefairy
authorHans Christian Andersen
titleAndersens Märchen. Ergänzungsband
publisherVerlag von Otto Hendel
printrun
year1905
translatorGuido Höller.
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20120211
projectid9b680c25
Schließen

Navigation:

Was man erfinden kann.

Es war ein junger Mann, der studierte, um Dichter zu werden. Er wollte es gern schon Ostern sein, sich dann verheiraten und von der Dichtkunst leben, und dazu, das wußte er, brauchte man nur zu erfinden. Allein er konnte nichts erfinden. Er war viel zu spät geboren; alles war schon erfunden, ehe er zur Welt kam; über alles war schon geschrieben und gedichtet worden.

»Die glücklichen Menschen, die vor tausend Jahren geboren wurden,« sagte er, »die konnten leicht unsterblich werden! Ja, glücklich selbst die, die vor hundert Jahren geboren wurden. Da gab es wenigstens noch etwas, über das man dichten konnte. Nun ist die Welt ausgeschrieben; worüber soll ich nun noch dichten.«

Und er studierte, daß er krank und elend wurde, der unglückliche Mensch! Kein Arzt konnte ihm helfen! Aber wie war's mit der klugen Frau? Sie wohnte in dem kleinen Hause neben dem Feldgatter, das sie für Wagen und Reiter öffnete. Sie konnte sicherlich mehr als ein Gatter öffnen; denn sie war klüger als alle Doktoren, die im eigenen Wagen vorbeifuhren und Rangsteuer bezahlten.

»Ich will zu ihr gehen,« sagte der junge Mann.

Das Haus, worin sie wohnte, war klein und niedlich; aber langweilig sah es ringsumher aus. Kein Baum und keine Blume war zu sehen. Nur ein Bienenstock stand vor der Tür, ja, der war nützlich! Ein kleines Kartoffelfeld lag daneben – das war auch nützlich – und am Graben grünte eine Schlehdornhecke. Sie war abgeblüht und hatte Früchte angesetzt, die einem den Mund zusammenziehen, wenn man sie ißt, ehe sie Frost bekommen haben.

»Was ich hier sehe, ist ja ein Bild unserer poesielosen Zeit,« dachte der junge Mann, und das war schon ein Gedanke, ein Goldkorn, das er vor der Tür der klugen Frau gefunden hatte.

»Schreib' es auf,« sagte sie. »Krumen sind auch Brot. Warum du kommst, weiß ich; du kannst nichts erfinden, und doch willst du zu Ostern ein Dichter werden.«

»Es ist schon alles aufgeschrieben,« sagte er. »Unsere Zeit ist nicht mehr die alte Zeit.«

»Nein,« sagte die Frau, »in alten Zeiten wurden die klugen Frauen verbrannt und die Dichter gingen mit leerem Magen und Löchern auf dem Ellbogen umher. Unsere Zeit ist gut; denn sie ist die beste. Allein du hast nicht das richtige Auge für die Dinge; du hast dein Gehör nicht geschärft und sprichst auch wohl niemals am Abend ein Vaterunser. Hier ist in jeder Beziehung genug, worüber man schreiben und erzählen kann, wenn man es überhaupt kann. Du kannst es lesen aus den Gewächsen und Kräften der Erde, es schöpfen aus dem fließenden und stehenden Wasser. Allein man muß es verstehen, es verstehen, einen Sonnenstrahl zu fangen. Versuche einmal meine Brille, halte mein Hörrohr an dein Ohr, bete zu Gott und vergiß an dich zu denken.«

Das letzte war freilich schwer, schwerer als es eine kluge Frau verlangen konnte. Er nahm die Brille und das Hörrohr und blieb mitten im Kartoffelacker stehen, Sie gab ihm eine große Kartoffel in die Hand; es klang in ihr, und die Worte eines Liedes sprangen hervor, der Kartoffel interessante Geschichte, – Allein es war eine Alltagsgeschichte in 10 Abschnitten, 10 Zeilen waren es gewiß.

Und was sang die Kartoffel?

Sie sang von sich und ihrer Familie, von ihrer Ankunft in Europa und ihrem Verkanntsein. Sie hatte viel zu dulden und zu leiden, bis sie als eine größere Wohltat als ein Goldklumpen anerkannt wurde.

»Wir wurden auf königliches Gebot auf dem Rathause in allen Dörfern ausgeteilt; es wurde eine Bekanntmachung über unsere hohe Bedeutung erlassen; allein man glaubte ihr nicht; man verstand nicht einmal uns zu pflanzen. Einige gruben ein Loch in den Acker und warfen uns scheffelweise hinein; andere steckten eine Kartoffel hier, eine dort in die Erde und erwarteten, daß wir zu einem großen Baum aufschießen würden, von welchem man Kartoffeln herabschütteln könnte. Es kamen auch Kraut, Blumen und wässerige Früchte; allein sie verwelkten. Keiner dachte an das, was in der Erde lag, an die große Wohltat, an die Knollen, Ja, wir haben geduldet und gelitten, das heißt unsere Vorfahren; sie oder wir, das kommt schließlich auf eins heraus. Ja, das ist unsere Geschichte!«

»Nun ist es genug,« sagte die Frau. »Betrachte nun den Schlehdorn.«

»Wir haben ebenfalls nahe Verwandte im Heimatland der Kartoffel,« sagte der Schlehdorn; »aber wir wachsen im hohen Norden. Da kamen die Normänner aus Norwegen; sie steuerten durch Nebel und Sturm zu einem unbekannten Land, wo sie, unter Schnee und Eis, grüne Büsche mit den schwarzblauen Beeren des Weinstocks fanden. Es war der Schlehdorn, der frieren muß, bis die Früchte reifen, und wir müssen's noch. Das Land aber erhielt den Namen: Weinland, Grönland, Schlehland.

»Das ist eine recht romantische Erzählung,« sagte der junge Mann.

»Ja, aber komm' nun,« sagte die kluge Frau und führte ihn zum Bienenstock. Er sah hinein. Was für ein Leben und Treiben! In allen Gängen standen Bienen und fächelten mit den Flügeln, damit gesunde Luft in der großen Fabrik Herrschte; das war ihre Aufgabe. Nun kamen Bienen von draußen herein; sie hatten Körbe an den Beinen und brachten Blütenstaub. Er wurde ausgeschüttet und zu Honig und Wachs verarbeitet. Das war ein Kommen und Fliegen! Die Bienenkönigin wollte auch hinausfliegen; allein dann mußten alle mit. Aber es war just nicht die rechte Zeit und da sie doch fliegen wollte, so bissen sie der Bienen-Majestät die Flügel ab, daß sie bleiben mußte.

»Steige nun aus dem Graben heraus,« sagte die kluge Frau; »komm und sieh auf die Landstraße hinaus, wo viele Leute zu sehen sind.«

»Ist das aber ein Gewimmel,« sagte der junge Mann, »Geschichte auf Geschichte drängt sich heran! Das schnurrt und surrt! Es wird mir zu viel! Da gehe ich lieber hinten herum!« »Nein, gehe geradeaus,« sagte die Frau; »gehe mitten in die Menschenmenge hinein, halte für sie Auge, Ohr und Herz offen, so wirst du schnell erfinden. Aber ehe du gehst, mußt du mir Brille und Hörrohr zurückgeben,« und sie nahm ihm beides.

»Nun sehe ich nicht das geringste mehr,« sagte der junge Mann; »nun höre ich auch nichts mehr.«

»Ja, dann kannst du zu Ostern kein Dichter werden,« sagte die kluge Frau.

»Aber wann denn?« fragte er.

»Weder zu Ostern noch zu Pfingsten; du lernst das Erfinden niemals.«

»Was soll ich dann tun, um mein Brot mit der Dichtkunst erwerben zu können?«

»Eins kannst du schon zu Fastnacht werden, wenn du mir folgst! Mache die Dichter herunter! Mache ihre Schriften schlecht, das heißt sie selbst schlecht machen! Laß dich nur nickt verblüffen; sondern mache sie gründlich herunter, dann gibt es Wecken, mit denen du dich und deine Frau ernähren kannst.«

»Was man doch erfinden kann,« sagte der junge Mann, und er machte jeden Dichter herunter, da er selbst nicht Dichter werden konnte.

Wir haben diese Geschichte von der klugen Frau; sie weiß, was man erfinden kann.

 << Kapitel 28  Kapitel 30 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.