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Andersens Märchen. Ergänzungsband

Hans Christian Andersen: Andersens Märchen. Ergänzungsband - Kapitel 26
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authorHans Christian Andersen
titleAndersens Märchen. Ergänzungsband
publisherVerlag von Otto Hendel
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translatorGuido Höller.
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Die Dryade.

Wir wollen zur Ausstellung nach Paris.

Nun sind wir da! Das war eine Fahrt, ein Flug, aber ohne Zauberei. Wir gingen mit Dampf über Meer und Land.

Unsere Zeit ist die Zeit der Märchen.

Wir sind mitten in Paris, in einem großen Hotel. Blumen schmücken die Treppen; weiche Läufer liegen auf den Stufen.

Unser Zimmer ist behaglich; die Balkontür steht nach einem großen Platz hin offen. Dort unten wohnt der Frühling; er ist nach Paris gefahren, mit uns zur selben Zeit eingetroffen. Er ist in der Gestalt eines großen, jungen Kastanienbaums mit eben entfalteten zarten Blättern gekommen. Vor allen Bäumen des Platzes prangt er in Frühlingsschönheit. Einer von ihnen ist bereits aus der Zahl der lebenden Bäume geschieden und liegt nun mit der ausgerissenen Wurzel der Länge nach auf der Erde. Dort, wo er stand, soll der frische Kastanienbaum gepflanzt werden und wachsen.

Noch steht er hochaufgerichtet auf dem schweren Wagen, der ihn heute mehrere Meilen weit vom Lande nach Paris brachte. Dort hatte er viele Jahre neben einer mächtigen Eiche gestanden, und unter ihr saß häufig der alte, gesegnete Pfarrer und erzählte und sprach zu den lauschenden Kindern. Der junge Kastanienbaum hörte auch zu. In ihm wohnte eine Dryade; sie war noch ein Kind. Sie konnte sich in die Zeiten zurückdenken, da der Baum noch so klein war, daß er die hohen Grashalme und das Farnkraut nur wenig überragte. Diese waren damals schon so groß, als sie werden konnten, aber der Baum wuchs und nahm jedes Jahr an Größe zu; atmete Luft und Sonnenschein, trank Regen und Tau und wurde, wenn es nötig war, von dem starken Winde geschüttelt und gezaust. Das gehört mit zur Erziehung.

Die Dryade war froh bei ihrem Leben und seinem Leben, bei Sonnenschein und Vogelsang; aber am frohesten war sie doch bei den Stimmen der Menschen. Sie verstand ihre Sprache ebensogut wie die Sprache der Tiere.

Schmetterlinge, Libellen und Mücken, ja alles, was fliegen konnte, besuchte sie. Dann schwatzte alles durcheinander und erzählte von Dörfern, Weingärten, Wäldern und dem alten Schloß mit dem Park, wo Kanäle und Teiche waren. Tief unten im Wasser wohnten auch lebende Wesen, die auf ihre Weise unter Wasser von Ort zu Ort fliegen konnten, Wesen mit Wissen und Verstand; sie sagten aber nichts, so klug waren sie.

Und die Schwalbe, die in das Wasser niedergetaucht war, erzählte von den schönen Goldfischen, von den fetten Brassen, von den dicken Schleien und den alten, moosbewachsenen Karauschen. Die Schwalbe gab eine recht gute Beschreibung; aber man müßte es doch selbst sehen, sagte sie. Doch wie sollte die Dryade jemals dahin kommen. Sie mußte sich begnügen, über die schöne Landschaft zu sehen und das geschäftige Treiben der Menschen ringsumher zu betrachten.

Schön war es; aber am schönsten war es doch, wenn der alte Pfarrer hier unter der Eiche saß und von Frankreich erzählte, von den Großtaten der Männer und Frauen, deren Namen voll Bewunderung zu allen Zeiten genannt werden.

Die Dryade hörte von dem Hirtenmädchen Jeanne d'Arc, von Charlotte Corday; sie hörte von den ältesten Zeiten, von Tüchtigkeit und Größe aus der Zeit Heinrichs IV. und Napoleon I. bis in die Gegenwart hinein. Sie hörte Namen, von denen jeder im Herzen des Volkes wurzelte. Ja, Frankreich ist das Land der Welt, der Boden der Klugheit und der Krater der Freiheit.

Die Dorfkinder hörten andächtig zu, die Dryade nicht minder; sie war Schülerin wie die andern. Sie sah in den segelnden Wolken Bild auf Bild von dem, was sie hatte erzählen hören.

Der bewölkte Himmel war ihr Bilderbuch.

Sie fühlte sich so glücklich in dem schönen Frankreich. Aber sie hatte doch das Gefühl, daß die Vögel, daß jedes Tier, das fliegen konnte, weit begünstigter wäre als sie. Selbst die Mücken könnten sich umsehen, weit ringsum, weit über den Gesichtskreis der Dryade hinaus. Frankreich war so groß und schön. Aber sie sah nur einen kleinen Fleck davon. Weltenweit erstreckte sich das Land mit Weingärten, Wäldern und großen Städten, und von allen Städten war Paris die schönste und größte. Dahin konnten die Vögel kommen, sie aber niemals.

Unter den Dorfkindern war ein kleines Mädchen, zerlumpt und arm, aber schön. Sie sang und lachte stets und wand sich rote Blumen ins schwarze Haar.

»Geh' nicht nach Paris,« sagte der Pfarrer. »Armes Kind! Gehst du dahin, so wird es dein Verderben.«

Und sie ging doch hin.

Die Dryade dachte oft an sie; sie hatten ja beide dieselbe Lust und Sehnsucht nach der großen Stadt.

Es wurde Frühling, Sommer, Herbst und Winter; Jahre vergingen.

Der Baum der Dryade trug seine ersten Kastanienblüten; die Vögel zwitscherten in dem prächtigen Sonnenschein. Da kam auf der Straße ein stattlicher Wagen daher mit einer vornehmen Dame. Sie lenkte selbst die schnellfüßigen, stolzen Pferde; ein geputzter kleiner Jockey saß hinten auf. Die Dryade erkannte sie wieder; der alte Pfarrer erkannte sie auch, schüttelte den Kopf und sagte betrübt:

»Du gingst doch hinein! Das ist dein Verderben, arme Marie!«

»Sie und arm!« dachte die Dryade. »Nein, welche Veränderung! Sie ist wie eine Herzogin gekleidet! Das wurde sie in der Zauberstadt! Ach, wär' ich doch auch in all dem Glanz und der Pracht! Sie leuchten des Nachts bis zu den Wolken empor, so daß ich weiß, wo die Stadt zu finden ist.«

Ja, dahin, nach der Seite sah die Dryade jeden Abend, jede Nacht. Sie sah den schimmernden Nebel in ihrem Gesichtskreise; sie entbehrte ihn in der hellen, mondklaren Nacht; sie entbehrte die segelnden Wolken, die ihr Bilder aus der Stadt und der Geschichte zeigten.

Das Kind greift nach seinem Bilderbuch; die Dryade griff nach der Wolkenwelt, dem Buch ihrer Gedanken.

Der sommerwarme, wolkenlose Himmel war ihr ein leeres Blatt, und schon seit einigen Tagen hatte sie nur einen solchen gesehen.

Es war zur Sommerzeit, sonnenheiße Tage ohne jeden Luftzug. Jedes Blatt, jede Blüte, ja selbst der Mensch war wie im Traum.

Da erhoben sich Wolken dort an der andern Seite, wo zur Nacht der schimmernde Nebel verkündet: Hier ist Paris.

Die Wolken erhoben sich, ballten sich zu Bergen zusammen, verbreiteten sich über den Himmel, über die ganze Landschaft, so weit die Dryade sehen konnte.

Die Wolken lagen wie schwarzblaue, mächtige Felsblöcke Schicht auf Schicht hoch am Himmel. Die Blitzstrahlen fuhren dahin. Auch sie sind Diener Gottes, hatte der alte Pfarrer gesagt. Und ein bläulicher blendender Blitz fuhr herab, ein Blitzstrahl, blendend wie die Sonne, und zersprengte die Felsblöcke. Der Blitz schlug ein und zerschmetterte die alte mächtige Eiche bis zur Wurzel. Ihre Krone spaltete sich, der Stamm spaltete sich; zerspalten fiel sie um, breitete sich aus, als wollte sie den Lichtgesandten umfassen.

Keine metallene Kanone, die bei der Geburt eines Königskindes abgefeuert wird, vermöchte stärker durch die Luft und durch das Land zu dröhnen, als der Donnerlaut, mit dem die alte Eiche zu Erde fiel. Der Regen strömte hernieder: ein erfrischender Wind wehte; das Unwetter war vorbei; es wurde sonntäglich. Die Bewohner des Dorfes versammelten sich um die alte Eiche; der alte Pfarrer sprach ehrende Worte; ein Maler zeichnete den Baum zum bleibenden Andenken.

»Alles fährt dahin,« sagte die Dryade: »fährt dahin wie die Wolke und kommt niemals wieder.«

Der alte Pfarrer kam nicht mehr; das Schuldach war gefallen, der Lehrstuhl zersplittert. Die Kinder kamen nicht mehr; aber der Herbst kam hierher, der Winter kam hierher; aber auch der Frühling, und in all den wechselnden Zeiten sah die Dryade nach der Seite, wo jeden Abend und jede Nacht fern am Horizont Paris wie ein schimmernder Nebel leuchtete. Und aus der Stadt flog zu jeder Tageszeit Lokomotive auf Lokomotive, ein Zug neben dem andern, hinter dem andern, sausend und brausend; abends und mitternachts, morgens und während des ganzen Tages fuhren die Züge aus und ein, und alle waren gedrängt voll Menschen aus allen Ländern der Welt. Ein neues Weltwunder hatte sie nach Paris gerufen.

Wie offenbarte sich dieses Wunder?

»Eine Prachtblüte der Kunst und Industrie« ist aus dem kahlen Sande des Marsfeldes aufgeschossen; gleich einer riesigen Sonnenblume, von deren Blättern man Geographie, Statistik und Gewerkschaftskunde lesen kann, erhebt sie sich in Kunst und Poesie und läßt die Größe und die Größen der Länder erkennen. »Eine Märchenblume,« sagen andere, »eine bunte Lotosblume, die über den Sand ihre grünen Blätter wie Samtteppiche ausbreitet, ist frühzeitig im Frühling erblüht; der Sommer wird sie in ihrer ganzen Pracht sehen; die Herbststürme werden über sie hinwehen, daß weder Blatt noch Wurzel bleibt.«

Draußen vor der »Militärschule« erstreckt sich das Feld des Krieges zur Friedenszeit, das Feld ohne Gras und Halm, ein Stück Sandsteppe aus den Wüsten Afrikas, wo »Fata Morgana« ihre seltsamen Luftschlösser und hängenden Gärten zeigt. Auf dem Marsfelde stehen sie nun prächtiger, wunderbarer; denn sie sind durch menschliche Klugheit Wirklichkeit geworden.

»Aladdins Schloß der Gegenwart hat sich erhoben,« hieß es, »Tag für Tag, Stunde für Stunde entfaltet es mehr und mehr seine reiche Schönheit. In Marmor und Farben prangen die unzähligen Hallen. Meister Blutlos bewegt hier seine Stahl- und Eisenglieder in dem großen Ringsal des Maschinenhauses, Kunstwerke in Metall, in Stein und Geweben verkünden das Leben des Geistes, der sich in den Ländern der Welt regt; Bildersäle, Blumenpracht, alles, was Geist und Hand in Werkstätten erschaffen kann, ist hier zur Schau gestellt, selbst den Erinnerungen aus alter Zeit, aus alten Schlössern und Torfmooren kann man hier begegnen.

So überwältigend groß und bunt war das Bild, das sich den Augen darbot, daß man es hätte verkleinern, zu einem Spielzeug zusammendrängen müssen, um es wiedergeben, auffassen und in seiner Ganzheit übersehen zu können.

Das Marsfeld trägt, wie ein großer Weihnachtstisch, ein Aladdinschloß der Industrie und Künste, und rings um dasselbe sind Nippes aus allen Ländern ausgestellt, Nippes der Größe. Jedes Volk wird an seine Heimat erinnert.

Hier steht ein ägyptisches Königsschloß, hier eine Karawanserei aus den Wüstenländern; Beduinen aus ihrem Sonnenlande jagen auf Kamelen vorbei; hier breiten sich russische Ställe mit den feurigen, schönen Pferden der Steppe aus; das kleine strohgedeckte dänische Bauernhaus steht mit dem Danebrog neben Gustav Wasas prächtigem, aus Holz erbautem Hause von Dalekarien; amerikanische Hütten, englische Pflanzerhäuser, französische Pavillons, Kiosken, Kirchen und Theater liegen wunderbar zerstreut ringsumher, und dazwischen frischer Rasen, klares fließendes Wasser, blühende Büsche, seltene Bäume und Gewächshäuser, in denen man sich in den tropischen Wald versetzt glaubt; ganze Rosengärten, wie von Damaskus geholt, prangen unter Dächern. Welche Farben, welcher Duft!

Künstliche Tropfsteinhöhlen umschließen süßes und salziges Wasser und führen uns in das Reich der Fische; man steht unten auf dem Meeresgrunde zwischen Fischen und Polypen.

Dies alles trägt und bietet nun das Marsfeld dar, und über diesen großen, reich gedeckten Festtisch bewegte sich wie ein geschäftiger Ameisenschwarm das ganze Menschengewimmel zu Fuß und in kleinen Wagen; denn alle Beine halten eine solche ermüdende Wanderung nicht aus.

Sie kommen heraus vom frühen Morgen bis zum späten Abend. Dampfschiff neben Dampfschiff gleitet die Seine hinab; die Wagenzahl ist stetig im Zunehmen; die Menschenscharen zu Fuß und zu Pferde sind auch im Zunehmen, Pferdebahnen und Omnibusse sind besetzt, gedrängt, ja gestopft voll Menschen. Alle diese Strömungen bewegen sich nach demselben Ziel, nach der Pariser Weltausstellung. Alle Eingänge prangen mit den Fahnen Frankreichs; rings auf den Bazaren der einzelnen Länder wehen die Flaggen aller Nationen. Es saust und summt aus der Maschinenhalle; das Glockenspiel klingt in Melodien vom Turme herab; die Orgel spielt drinnen in der Kirche; heiserer, näselnder Gesang mischt sich aus den morgenländischen Kaffeehäusern hinein. Es ist wie im Reiche Babel, ein babylonisches Sprachengewirr, ein Wunder der Welt.

Das war es; das sagten zuverlässige Nachrichten. Wer hörte sie nicht? Die Dryade wußte alles, was dort von dem neuen Wunder in der Stadt der Städte gesagt wurde.

Die Sehnsucht wuchs zum Wunsche, wurde der Gedanke ihres Lebens – und da: In der stillen, verschwiegenen Nacht, als der Vollmond schien, da flog aus seiner Scheibe – die Dryade sah es – ein Funken heraus. Er fiel, leuchtete wie eine Sternschnuppe und vor dem Baum, dessen Zweige wie durch einen Windstoß erbebten, stand eine mächtige leuchtende Gestalt. Sie sprach mit einer Stimme, weich und doch stark wie die Posaunen des jüngsten Tages, die ins Leben küssen und zur Verdammung rufen:

»Du sollst in die Zauberstadt kommen, du sollst dort Wurzel fassen, die sausenden Strömungen, die Luft und den Sonnenschein dort empfinden. Aber deine Lebenszeit wird dir verkürzt werden, die Jahre, die dich hier draußen im Freien erwarten, werden auf eine kleine Zahl von Jahren zusammenschmelzen. Arme Dryade! es wird dein Verderben werden. Deine Sehnsucht wird wachsen; dein Trachten, dein Verlangen stärker werden. Der Baum selbst wird dir ein Gefängnis sein; du wirst deine Hülle verlassen, deine Natur verlassen, hinausfliegen und dich zwischen die Menschen mischen, und dann sind deine Jahre zur halben Lebenszeit einer Eintagsfliege, zu einer Nacht geschwunden. Dein Leben wird ausgeblasen; die Blätter des Baumes werden welken und verwehen und kommen niemals wieder.

So klang es, so sang es, und die Lichtgestalt verschwand, aber nicht die Sehnsucht und Lust der Dryade; sie zitterte vor Erwartung, in wildem Fieber der Freude.

»Ich komme in die Stadt der Städte,« jubelte sie. »Das Leben beginnt, fliegt wie die Wolken, niemand weiß, wohin.«

 

*

Als der Tag graute, – der Mond erblaßte und die Wolken röteten sich – schlug die Stunde der Erfüllung, wurde das Wort der Verheißung eingelöst.

Leute mit Spaten und Stangen kamen; sie gruben rings um den Baum in die Tiefe und unter die Wurzel. Ein Wagen, von Pferden gezogen, fuhr vor; der Baum mit der Wurzel und dem Erdklumpen, den sie festhielt, wurde herausgehoben, mit Bastmatten umwickelt – ein recht warmer Fußsack – und dann auf den Wagen gelegt und festgebunden. Er sollte auf die Reise nach Paris und dort bleiben in Frankreichs großer Stadt, der Stadt der Städte.

Die Zweige und Blätter des Kastanienbaumes erbebten in der Erregung des Augenblicks, die Dryade erbebte in der Wollust der Erwartung.

»Fort! fort!« klang es in jedem Pulsschlag; »fort! fort!« klang es in bebenden, verwehenden Worten. Die Dryade vergaß, ihrem Heimatsorte Lebewohl zu sagen, den wehenden Grashalmen und den unschuldigen Gänseblümchen, die zu ihr wie zu einer großen Dame in Gottes Blumengarten aufgesehen hatten, wie zu einer Prinzessin, die hier draußen im Freien Hirtin spielte.

Der Kastanienbaum lag auf dem Wagen; er nickte mit seinen Zweigen »Lebewohl« oder »Fort.« Die Dryade wußte es nicht; sie dachte, sie träumte von dem wunderbaren Neuen und doch so Bekannten, das sich ihr entrollen sollte. Kein Kinderherz in unschuldiger Freude, kein sinnlich erregtes Blut konnte erwartungsvoller als sie die Reise nach Paris antreten. Das »Lebewohl« wurde ein »Fort, fort!«

Die Wagenräder drehten sich; das Ferne wurde nah, lag weit zurück. Die Gegenden wechselten wie die Wolken. Neue Weinberge, Wälder, Dörfer, Villen und Gärten tauchten auf, kamen heran, flogen vorbei. Der Kastanienbaum bewegte sich vorwärts und mit ihm die Dryade. Lokomotive auf Lokomotive brausten dicht aneinander vorbei, kreuzten sich. Sie sandten Rauchwolken aus, die Gestalten bildeten, und von Paris erzählten, woher sie kamen, wohin die Dryade wollte.

Alles ringsumher wußte und mußte ja wissen, wohin ihr Weg ging. Sie glaubte, daß jeder Baum, an dem sie vorbeikam, seine Zweige nach ihr ausstreckte und sie bäte: »Nimm mich mit! nimm mich mit!« In jedem Baum lebte ja auch eine sehnsuchtsvolle Dryade.

Welch ein Wechsel: Welch eine Fahrt! Es war als ob die Häuser aus der Erde aufschössen, mehr und mehr, dichter und dichter. Die Schornsteine erhoben sich wie Blumentöpfe, die man Seite an Seite auf die Dächer gestellt hatte. Große Inschriften mit ellenlangen Buchstaben und gemalten Gestalten bedeckten die Mauern von unten bis oben.

»Wo beginnt Paris und wann bin ich dort?« fragte sich die Dryade. Das Menschengewimmel wuchs, Lärm und Geschäftigkeit nahmen zu, Wagen auf Wagen folgte, Fußgänger folgten auf Reiter, und ringsum Laden an Laden, Musik, Gesang, Geschrei und Gespräch.

Die Dryade im Baum war mitten in Paris.

Der große schwere Wagen hielt auf einem kleinen Platz, der mit Bäumen bepflanzt und von hohen Häusern umgeben war, wo jedes Fenster einen Balkon hatte. Die Leute sahen von dort auf den jungen frischen Kastanienbaum herab, der zugefahren kam und nun an die Stelle des eingegangenen, ausgerissenen Baumes, der der Länge nach auf der Erde lag, gepflanzt werden sollte. Die Leute standen auf dem Platze still und sahen mit freudigem Lächeln auf das Frühlingsgrün; die älteren Bäume, die erst Knospen hatten, grüßten mit wehenden Zweigen: »Willkommen! Willkommen!« und der Springbrunnen, der seine Wasserstrahlen in die Luft warf und sie in das breite Becken plätschern ließ, schüttete durch den Wind einige Tropfen zu dem neu angekommenen Baum hinüber, als wollte er ihm einen Willkommentrank bieten.

Die Dryade fühlte, daß ihr Baum vom Wagen gehoben und an seinen zukünftigen Platz gestellt wurde. Die Wurzeln des Baumes wurden in die Erde geborgen und mit frischem Rasen bedeckt. Blühende Büsche und Töpfe mit Blumen wurden mit dem Baum eingepflanzt. Ein kleiner Garten erstand auf dem Platze. Der eingegangene herausgerissene Baum, der von der Gasluft, von dem Speiseduft und der ganzen pflanzenquälenden Stadtluft getötet war, wurde auf den Wagen gelegt und fortgefahren. Die Volksmenge sah ihm nach; Kinder und alte Leute saßen auf den Bänken im Grünen und sahen in die Blätter des eben gepflanzten Baumes hinauf. Und wir, die davon erzählen, standen auf dem Balkon, sahen auf den jungen Frühling, der aus der frischen Landluft hereingekommen war, und sagten, wie der alte Pfarrer gesagt haben würde: »Arme Dryade!«

»Glückselig bin ich, glückselig,« sagte die Dyrade, »und doch kann ich nicht recht begreifen, nicht aussprechen, was ich empfinde. Alles ist so, wie ich es mir gedacht habe und doch nicht so, wie ich es mir dachte.«

Die Häuser waren so hoch, standen so nahe heran; die Sonne schien nur voll auf eine Mauer und die war mit Anzeigen und Plakaten beklebt, vor denen die Leute still standen und sich drängten. Wagen, leichte und schwere Wagen, jagten vorbei; Omnibusse, diese überfüllten fahrenden Häuser, rasselten vorüber, Reiter stoben davon; Karren und Lastwagen verlangten dasselbe Recht. Werden sich nicht bald, dachte die Dryade, diese hochgewachsenen Häuser, die so nahe heranstehen, fortbewegen, ihre Gestalt wie die Wolken des Himmels verändern, zur Seite gleiten, daß ich Paris sehen und übersehen kann. Die Notredamekirche müßte sich zeigen, die Vendomesäule und andere Wunderwerke, die die vielen Fremden hierher gerufen haben und noch rufen.

Die Häuser rührten sich nicht von der Stelle.

Es war noch Tag, als man die Laternen anzündete; die Gaslampen strahlten aus den Läden und leuchteten bis in die Zweige des Baumes hinauf; es war wie Sommersonnenschein. Hoch oben kamen die Sterne hervor, dieselben, die die Dryade in ihrer Heimat gesehen. Sie glaubte ein Lüftchen, rein und sanft, von dorther zu empfinden. Sie fühlte sich erhoben, gestärkt und empfand eine Sehkraft durch alle Blätter des Baumes und ein Gefühl bis in die äußerste Spitze der Wurzel, sie fühlte sich in der lebendigen Welt der Menschen von zwei milden Augen angesehen. Ringsumher war Getümmel und Geräusch, Farben und Licht.

Aus den Seitengassen erklangen Blasinstrumente und die tanzlustigen Melodien einer Drehorgel. Ja, zu Tanz, zu Tanz, zu Freude und Lebensgenuß!

Es war eine Musik, daß Menschen, Pferde, Wagen, Bäume und Häuser dabei tanzen mußten, wenn sie tanzen konnten. In der Brust der Dryade erhob sich berauschende Freude.

»Wie schön! wie herrlich!« jubelte sie. »Ich bin in Paris!«

 

*

Der folgende Tag, die folgende Nacht und wieder der nächste Tag boten denselben Anblick, dasselbe Gewoge, dasselbe Leben, stetig wechselnd und doch immer dasselbe.

»Nun kenne ich jeden Baum, jede Blume auf diesem Platz. Ich kenne jedes Haus, jeden Balkon und jeden Laden in diesem kleinen eingezwängten Winkel, wohin man mich gestellt hat und der mir die große, mächtige Stadt verbirgt. Wo ist der Triumphbogen, wo die Boulevards und das Weltwunder? Nichts von allem sehe ich! Eingegittert wie in einem Käfig stehe ich zwischen hohen Häusern, welche ich nun samt ihren Inschriften, Plakaten und Schildern, all diesem überschmierten Zuckerwerk, das mir nicht schmeckt, auswendig kenne. Wo ist das alles, wovon ich hörte und wußte, wonach mich verlangte und weshalb ich hierher wollte? Was habe ich ergriffen, gewonnen, gefunden? Ich habe Sehnsucht wie vorher, ich empfinde ein Leben, in das ich greifen und in dem ich leben muß. Ich muß in die Reihen der Lebenden! mich unter ihnen tummeln, fliegen wie die Vögel, sehen und empfinden, ein ganzer Mensch werden, einen halben Lebenstag für jahrelanges Leben in der Verdrossenheit und Langeweile des Werktages ergreifen, wo ich kranke, sinke, wie die Wiesennebel woge und verschwinde. Leuchten will ich wie die Wolken, leuchten in der Sonne des Lebens, wie die Wolke das Ganze übersehen, wie sie dahinfahren, niemand weiß wohin.«

So seufzte die Dryade, das sprach sie im Gebet aus.

»Nimm meine Lebensjahre, gib mir das halbe Leben der Eintagsfliege! Erlöse mich aus meinem Gefängnis, gib mir menschliches Leben, menschliches Glück nur für eine kurze Stunde, nur für diese eine Nacht, wenn es sein muß, und strafe mich so für meinen dreisten Lebensmut, für meines Lebens Sehnsucht! Lösche mich aus, laß meine Hülle, den frischen jungen Baum verwelken, stürzen, zu Asche werden, in alle Winde verwehen!«

Da sauste es in den Zweigen des Baumes; ein Zittern, ein Schauern ging durch jedes Blatt, als durchrieselte sie ein Feuer; ein Windstoß fuhr durch die Krone des Baumes, und mitten aus ihr erhob sich eine weibliche Gestalt, die Dryade selbst. Im nächsten Augenblick saß sie unter den gasbestrahlten, blättereichen Zweigen, jung und schön wie die arme Marie, zu der gesagt worden war: »Die große Stadt wird dein Verderben.«

 

*

Die Dryade saß jung und schön am Fuße des Baumes, vor ihrer Haustür, die sie abgeschlossen und deren Schlüssel sie fortgeworfen hatte. Die Sterne sahen sie, die blinkenden Sterne; die Gaslampen sahen sie, sie strahlten und winkten. Sie war schlank und doch kräftig, ein Kind und doch eine reife Jungfrau! Ihr Kleid war von seiner Seide, grün wie das entfaltete frische Blatt in der Krone des Baumes; in ihrem nußbraunen Haar hing eine halberblühte Kastanientraube; sie glich der Göttin des Frühlings.

Nur einen kurzen Augenblick saß sie regungslos, dann sprang sie auf und mit der Schnelligkeit einer Gazelle fuhr sie davon, flog sie um die Ecke. Sie lief, sie sprang, wie das Blitzen eines Spiegels, der in der Sonne getragen wird, wie das Blitzen, das durch die leiseste Bewegung bald hierhin, bald dorthin geworfen wird. Und hätte man näher zugesehen oder zusehen können, was dort zu sehen war – wie seltsam! An jedem Ort, wo sie einen Augenblick verweilte, veränderte sich ihre Kleidung, ihre Gestalt, nach der Eigentümlichkeit des Ortes, nach dem Hause, dessen Lampen sie bestrahlten.

Sie erreichte die Boulevards! Hier strömte ein Lichtmeer von Gaslampen aus Laternen, Läden und Cafés zusammen. Hier standen Bäume in langen Reihen, jung und schlank; jeder verbarg seine Dryade vor den Strahlen des künstlichen Sonnenlichts. Der ganze unendlich lange Fußweg glich einem einzigen großen Gesellschaftssaal. Hier standen gedeckte Tische mit allen Arten von Erfrischungen: Champagner, Chartreuse, bis zu Kaffee und Bier. Es war eine Ausstellung von Blumen, Bildern, Statuen, Büchern und bunten Stoffen.

Aus dem Gewimmel unter den hohen Häusern sah sie auf den schreckenerregenden Strom außerhalb der Baumreihen. Dort wogte eine Flut von rollenden Wagen, Kaleschen, Kutschen, Omnibussen, Droschken, reitenden Herren und marschierenden Regimentern. Es galt Leben und Glieder, wenn man nach dem gegenüberliegenden Ufer kreuzen mußte. Nun leuchteten Kerzen, nun herrschte Gaslicht vor. Plötzlich stieg eine Rakete auf, woher, wohin?

Gewiß, das war der Weltstadt große Heerstraße.

Hier erklangen weiche italienische Melodien, hier spanische Lieder, von dem Schlag der Kastagnetten begleitet; aber am stärksten, alles überbrausend, ertönte diesen Augenblick die Spieldosenmelodie, die kitzelnde Cancanmusik, welche Orpheus nicht kannte und welche schon von der schönen Helena gehört wurde; selbst die Schiebkarre müßte auf ihrem einen Rad tanzen, wenn sie zu tanzen vermocht hätte. Die Dryade tanzte, schwebte, flog und wechselte die Farben wie ein Kolibri im Sonnenglanz; jedes Haus und seine Innenwelt warf Reflexe.

Sie trieb dahin wie eine strahlende Lotosblume, die von ihrer Wurzel losgerissen und von der Strömung und ihren Wirbeln getrieben wird, und wo sie stand, war sie wieder eine neue Gestalt. Deshalb vermochte ihr niemand zu folgen, sie anzuschauen und wiederzuerkennen.

Wie Wolkenbilder flogen alle an ihr vorüber, Gesicht auf Gesicht; aber nicht ein einziges kannte sie; sie sah nicht eine Gestalt aus ihrem Heimatsorte. Da leuchteten in ihren Gedanken zwei strahlende Augen auf; sie dachte an Marie, an die arme Marie! Das zerlumpte fröhliche Kind mit den roten Blumen in dem schwarzen Haar. Sie war ja auch in der Weltstadt, reich und strahlend, wie damals als sie am Hause des Pfarrers, am Baume der Dryade und der alten Eiche vorbeifuhr.

Sie war sicherlich hier in dem betäubenden Lärm, vielleicht soeben aus der wartenden, prächtigen Kutsche gestiegen. Prächtige Wagen mit galonierten Kutschern und seidenstrümpfigen Dienern hielten hier. Die Herrschaften, die ausstiegen, waren lauter Frauen, reichgekleidete Damen. Sie gingen durch die offene Gitterpforte die hohe breite Treppe hinauf, in ein Gebäude mit weißen Marmorsäulen hinein. War es das Weltwunder? Gewiß war Marie hier.

»Sankta Maria,« sangen sie drinnen; Weihrauchduft durchwogte die hohen bemalten und vergoldeten Gewölbe, wo das Halbdunkel weilte.

Es war die Magdalenenkirche.

Schwarzgekleidet, in den kostbarsten Stoffen, in der neuesten und letzten Mode schritt die vornehme weibliche Welt über den blanken Boden. Das Wappen stand auf den silbernen Spangen des in Samt eingebundenen Gebetbuches und auf den stark parfümierten feinen Batisttüchern mit den kostbaren Brüsseler Spitzen. Einige der Frauen knieten im stillen Gebet vor dem Altar; andere suchten die Beichtstühle.

Die Dryade fühlte eine Unruhe, eine Angst, daß sie eine Stätte betreten hatte, die sie nicht betreten durfte. Hier war die Heimat des Schweigens, die große Halle der Heimlichkeit. Alles wurde geflüstert oder lautlos anvertraut.

Die Dryade fand sich selbst in Seide und Schleier eingehüllt, in der Gestalt den andern Frauen des Reichtums und des Adels ähnlich. Ob sie wohl alle auch Kinder der Sehnsucht waren, wie sie?

Da ertönte ein Seufzer, so schmerzlich tief! Kam er aus der Ecke des Beichtstuhles oder aus der Brust der Dryade? Sie hüllte sich dichter in ihren Schleier; sie atmete kirchlichen Weihrauch und nicht die frische Luft. Hier war nicht die Stätte ihrer Sehnsucht.

Fort! fort! Ohne Rast und ohne Ruh. Die Eintagsfliege hat keine Ruhe: ihr Leben ist Flug.

 

*

Sie war wieder draußen unter strahlenden Gaskandelabern bei einem prachtvollem Springbrunnen. »Alle Wasserströme vermögen doch nicht das unschuldige Blut fortzuspülen, das hier vergossen ist.«

Diese Worte wurden gesagt.

Fremde standen hier; sie sprachen laut und lebhaft, wie keiner es in der großen Halle der Heimlichkeit gewagt hatte. Eine große Steinplatte wurde bewegt und gehoben; sie verstand es nicht. Sie sah einen offenen Abstieg in die Tiefe der Erde. Dorthin stieg man nieder aus der sternhellen Nacht, aus den sonnenstrahlenden Gasflammen, aus all dem lebendigen Leben.

»Ich habe Angst,« sagte eine der Frauen, die hier standen. »Ich mag nicht hinuntersteigen. Reize mich lieber nicht, diese Herrlichkeit zu sehen! Bleib bei mir.«

»Und nach Hause reisen,« sagte der Mann; »Paris verlassen, ohne das Merkwürdigste, das eigentliche Wunder der Gegenwart gesehen zu haben, das durch die Klugheit und Energie eines Mannes entstanden ist.«

»Ich gehe nicht hinab,« war die Antwort.

»Das Wunder der Gegenwart,« wurde gesagt. Die Dryade hörte es, verstand es. Das Ziel ihrer größten Sehnsucht war erreicht, und hier war der Eingang, hinab in die Tiefe unter Paris. Das hatte sie nicht gedacht; aber nun hörte sie es, sah die Fremden hinabsteigen, und sie folgte ihnen.

Die Treppe war aus Eisen gegossen, war schraubenartig, breit und bequem. Ein Lampe leuchtete in der Tiefe und weiter unten wieder eine.

Sie standen in einem Labyrinth von unendlich langen sich kreuzenden Hallen und Bogengängen; alle Straßen und Gassen von Paris waren hier gleich einem schwachen Spiegelbild zu sehen; die Namen waren zu lesen. Jedes Haus droben hatte hier seine Nummer, seine Wurzel, die unter die menschenleeren, makadamisierten Fußwege niederwuchs, welche sich an einen breiten Kanal, in dem ein Schmutzstrom sich fortwälzte, eng anschlössen. Höher hinauf floß über Bogengängen das frische, fließende Wasser, und ganz oben hingen, wie ein Netz, Gasrohren und Telegraphendrähte. Lampen leuchteten in Abständen, sie brannten matt, wie ein Abglanz des Lichts aus der Weltstadt, die über ihnen lag. Ab und zu hörte man ein polterndes Rollen von oben; es waren schwere Wagen, welche über die Abstiegspforten fuhren.

Wo war die Dryade?

Du hast von den Katakomben gehört. Aber sie sind nur verschwindend klein gegen diese neue unterirdische Welt, das Wunder der Gegenwart, die Kloaken von Paris. Hier stand die Dryade und nicht draußen in der Weltausstellung auf dem Marsfelde.

Ausrufe der Verwunderung, der Bewunderung und der Anerkennung hörte sie.

»Hier unten wächst nun die Gesundheit und die Lebensdauer von Tausenden und Abertausenden dort oben. Unsere Zeit ist die Zeit des Fortschritts mit all ihrem Segen.«

Das war menschliche Ansicht, menschliche Rede; aber nicht die Meinung der Geschöpfe, die hier nisteten, wohnten und geboren waren, der Ratten. Sie pfiffen aus der Spalte einer alten Mauer für die Dryade laut, deutlich und verständlich genug.

Eine große alte männliche Ratte mit abgebissenem Schwanz pfiff eindringlich ihre Gefühle, ihre Entrüstung und einzig richtige Meinung, und die Familie zollte jedem Worte Beifall.

»Mich ekelt dies Miau, dies Menschenmiau, dies Gerede der Unwissenheit! Ja, herrlich ist es nun bei Gas und Petroleum! Ich fresse das Zeug nicht! Hier ist es so fein und hell geworden, daß man sich über sich selbst schämt und doch nicht weiß, warum man sich schämt. Lebten wir doch noch in der Zeit der Talglichte! Sie liegt noch nicht so weit zurück! Das war eine romantische Zeit, wie man zu sagen pflegt.«

»Was erzählst du?« fragte die Dryade, »Ich sah dich bisher nicht. Wovon sprichst du?«

»Von der guten alten Zeit,« sagte die Ratte. »Von der reizenden Zeit unserer Großväter- und Großmutterratten! Da war es noch eine große Sache, hier hinunterzukommen. Damals war Paris ein ganz anderes Rattennest! Die Mutter der Pest wohnte hier unten; sie tötet die Menschen, aber niemals Ratten. Räuber und Schmuggler atmeten hier ihre freien Lüfte. Hier war der Zufluchtsort für die interessantesten Persönlichkeiten, wie sie jetzt nur noch in den Volkstheatern dort oben zu sehen sind. Die Zeit der Romantik ist auch für unser Rattennest vorbei! Wir haben hier unten frische Luft und Petroleum erhalten.

So pfiff die Ratte, pfiff auf die neue Zeit, zu Ehren der alten Zeit mit der Pestmutter.

Da hielt ein Wagen, eine Art offener Omnibus mit zwei kleinen, flinken Pferden. Die Gesellschaft stieg auf, fuhr fort nach Boulevard Sebastopol unter der Erde, und darüber erstreckte sich der bekannte menschenvolle in Paris.

Der Wagen verschwand im Halbdunkel; die Dryade verschwand und stieg in die Beleuchtung der Gasflammen und in die frische Luft hinauf. Dort, und nicht unten in den sich kreuzenden Gewölben mit ihrer dumpfen Luft, konnte das Wunder, das Weltwunder, das sie in ihrer kurzen Lebensnacht suchte, gefunden werden. Es mußte stärker als alle Gasflammen strahlen, stärker als der Mond, der soeben hervorglitt.

Ja, gewiß! Und sie sah es dort; es strahlte vor ihr, es blinkte und winkte wie die Venus am Abendhimmel.

 

*

Sie sah durch eine erleuchtete offene Pforte in einen kleinen Garten, der voll Licht und Tanzmelodien war. Die Gasflammen schimmerten aus den Einfassungen kleiner stiller Seen und Teiche, wo Wasserpflanzen, die man künstlich aus Blech ausgeschnitten, gebogen und angemalt hatte, in heller Beleuchtung prangten und ellenhohe Wasserstrahlen aus ihren Kelchen in die Luft warfen. Schöne Trauerweiden, wirkliche Frühlings-Trauerweiden, senkten ihre frischen Zweige gleich einem grünen, durchsichtigen und doch verhüllenden Schleier. Hier zwischen den Büschen brannte ein Freudenfeuer, dessen roter Schein über die halbdunklen, verschwiegenen Lauben leuchtete, die von Tönen durchbraust wurden, von einer Musik, die das Ohr kitzelte, den Sinn betörte, lockte und das Blut durch alle Glieder jagte.

Junge, festlich gekleidete Mädchen sah sie mit dem Lächeln der Treuherzigkeit, dem leichten, lachenden Sinn der Jugend, eine Marie mit Rosen im Haar, aber ohne Wagen und Jockey. Wie wogte es um sie, wie schwangen sie sich in wildem Tanze! Auf und ab! Wie von Taranteln gestochen, sprangen sie, lachten sie, lächelten sie so glückselig und froh, als könnten sie die ganze Welt umarmen.

Die Dryade fühlte sich in den Wirbel hineingerissen. Um ihre kleinen feinen Füße schlossen sich seidene Schuhe, kastanienbraun wie das Band, das aus ihrem Haar über die nackte Schulter flatterte. Das grünseidene Kleid fiel in großen Falten, ohne das schön geformte Bein mit dem niedlichen Fuß zu verbergen, der vor dem Haupt ihres jungen Tänzers in der Luft Zauberkreise beschreiben zu wollen schien.

War sie in Armidas Zaubergarten? Wie hieß der Ort?

Der Name stand draußen in leuchtenden Gasflammen:

 

»Mabille.«

Musik und Händeklatschen, Raketen und plätscherndes Wasser! Der Champagner knallte; der Tanz wurde bacchantisch wild, und über der wilden Luft segelte der Mond mit etwas schiefem Gesicht. Der Himmel war ohne Wolken, klar und rein; man glaubte von Mabille in den Himmel sehen zu können.

Eine verzehrende prickelnde Lebenslust durchbebte die Dryade; es war wie ein Opiumrausch.

Ihre Augen sprachen, ihre Lippen sprachen; aber die Worte wurden von dem Klang der Flöten und Geigen übertönt. Ihr Tänzer flüsterte ihr ein Wort ins Ohr; sie wogten im Takte des Cancan. Sie verstand ihn nicht; wir verstehen ihn nicht. Er streckte seine Arme nach ihr aus, wollte sie umfassen, aber umschlang nur die durchsichtige, gasgeschwängerte Luft.

Die Dryade wurde von dem Luftstrom getragen, wie der Wind ein Rosenblatt trägt. In der Höhe sah sie vor sich eine Flamme, eine leuchtende Fackel, hoch oben auf einem Turm. Das Feuer strahlte von dem Ziel ihrer Sehnsucht, strahlte aus dem roten Leuchtturm, aus der »Fata Morgana des Marsfeldes.« Dahin wurde sie von dem Frühlingswinde getragen. Sie umkreiste den Turm; die Arbeiter glaubten, es wäre ein Schmetterling, der niedersänke, um infolge seiner allzufrühen Ankunft zu sterben.

 

*

Der Mond leuchtete, die Gasflammen und die Laternen leuchteten in der großen Hallen und in den zerstreut liegenden Gebäuden aus der weiten Welt, leuchteten über die grünen Höhen und die durch Menschenklugheit bereitete Felswildnis, wo der Wasserfall durch die Kraft des Meisters Blutlos niederstürzte. Die Grotten des Meeres und die Tiefen des süßen Wassers, das Reich der Fische, erschloß sich hier. Man stand unten auf dem Grund des Meeres in dem tiefen Schlamm, in einer Taucherglocke von Glas. Das Wasser drückte an den Seiten und oben gegen die dicken Glaswände. Die Polypen, die klafterlangen, geschmeidigen, sich wie Aale windenden, bebenden, lebenden Därme und Arme griffen zu, erhoben sich, wuchsen fest auf dem Meeresgrunde.

Ein großer Flunder lag nachdenklich in der Nähe und streckte sich gemächlich und behaglich; Taschenkrebse krochen wie ungeheure Spinnen hin und her, aber die Garnele schwang sich mit einer Flucht, einer Hast, als wäre sie die Motte, der Schmetterling des Meeres.

In dem süßen Wasser wuchsen Seerosen, Schlangenkraut und Schilf. Die Goldfische hatten sich in Reihen gestellt wie die Kühe auf dem Felde, alle mit ihren Köpfen in dieselbe Richtung, daß die Strömung ihnen ins Maul floß. Dicke, fette Schleien glotzten mit dummen Augen gegen die Glaswände. Sie wußten, daß sie auf der Pariser Weltausstellung waren: sie wußten, daß sie in mit Wasser gefüllten Tonnen eine ziemlich beschwerliche Reise gemacht hatten, auf der Eisenbahn landkrank geworden waren, wie die Menschen auf dem Meere seekrank werden. Sie waren gekommen, um die Ausstellung zu sehen, und sie sahen sie von ihrer Süßwasser- oder Salzwasserloge aus, sahen das Menschengewimmel, das sich vom Morgen bis zum Abend vorbeibewegte. Die Länder der ganzen Welt hatten ihre Menschen geschickt und ausgestellt, damit die alten Schleien und Brassen, die raschen Barsche und die bemoosten Karpfen diese Geschöpfe sehen und ihre Meinung über diese Gattung äußern konnten.

»Sie sind Schuppentiere,« sagte eine schlammige Bleie. »Sie wechseln ihr Schuppenkleid zwei-, dreimal am Tage und geben durch den Mund Töne von sich, was sie sprechen nennen. Wir wechseln die Schuppen nicht und machen uns auf leichtere Weise verständlich, durch Bewegung der Mundwinkel und Glotzen der Augen. Wir haben viel vor den Menschen voraus.«

»Schwimmen haben sie freilich gelernt,« sagte ein kleiner Süßwasserfisch; »ich stamme aus einem großen Landsee. Da gehen die Menschen an den heißen Tagen ins Wasser; aber erst legen sie ihr Schuppenkleid ab, dann schwimmen sie durch Stoßen der Hinterbeine und Rudern der Vorderbeine. Die Frösche haben sie es gelehrt; aber sie halten es nicht lange aus. Sie wollen uns gleichen; aber sie erreichen uns nicht! Arme Menschen!«

Und die Fische glotzten; sie glaubten, daß das ganze Menschengewimmel, das sie hier bei dem starken Tageslicht gesehen hatten, sich noch draußen bewegte; ja sie waren davon überzeugt, noch dieselben Gestalten zu sehen, welchen sie sozusagen zuerst in die Augen gefallen waren.

Ein kleiner Barsch mit schön gefleckter Haut und beneidenswertem runden Rücken versicherte, daß der »Menschenschlamm« noch da wäre, er sähe es.

»Ich sehe es auch, sehe es ganz deutlich,« sagte eine vor Gelbsucht gelbe Schleie; »ich sehe ganz deutlich die schöne, wohlproportionierte Menschengestalt, die »hochbeinige Frau«, oder wie sie sonst genannt wird, Mundwerk und Glotzaugen sind wie bei uns; sie trägt hinten zwei Ballons, vorn einen zusammengeklappten Regenschirm und große Ohrgehänge aus Entengrütze; das bimmelt und bammelt. Sie sollte den ganzen Kram ablegen, wie wir gehen, wie sie geschaffen ist, und sie würde wie eine ehrbare Schleie aussehen, soweit Menschen es imstande sind.«

Aber wo blieb er, er in dem Netze, der männliche Mensch, der sie zog?

Er fuhr in einem Stuhlwagen, saß mit Papier, Bleistift oder Feder, schrieb alles auf, schrieb alles nieder. Was hatte es zu bedeuten? Sie nannten ihn einen Rezensenten!

»Dort fährt er noch,« sagte eine bemooste jungfräuliche Karausche mit Weltschmerz in der Kehle, so daß sie ganz heiser davon war. Sie hatte einmal einen Angelhaken verschluckt, und mit ihm im Halse schwamm sie noch immer geduldig umher.

»Der Rezensent,« sagte sie, »ist in unserer Sprache verständlich ausgedrückt, eine Art Tintenfisch unter den Menschen.«

So sprachen die Fische auf ihre Weise. Aber inmitten der künstlichen wassertragenden Grotte ertönten Hammerschläge und Gesang der Arbeitsleute; sie mußten die Nacht zu Hilfe nehmen, um fertig zu werden. Sie sangen in der Dryade Sommernachtstraum; sie selbst stand hier, um wieder fortzufliegen und zu verschwinden.

»Das sind Goldfische,« sagte sie und nickte ihnen zu, »So soll ich euch doch sehen! Ja, ich kenne euch! Ich kenne euch schon lange! Die Schwalbe hat mir von euch in meinem Heimatsorte erzählt. Wie schön seid ihr, wie glänzend, wie reizend! Ich könnte euch alle küssen. Euch andern kenne ich auch! Das ist sicher die fette Karausche, dies dort der leckere Brassen und hier die alten bemoosten Karpfen. Ich kenne euch! Ihr kennt mich nicht!«

Die Fische glotzten und verstanden nicht ein einziges Wort; sie sahen nur in das dämmrige Licht hinaus.

Die Dryade war nicht mehr hier; sie stand im Freien, wo der Welt Wunderblume Duft aus den verschiedensten Ländern ausströmte, aus dem Schwarzbrotlande, von der Klippfischküste, aus dem Juchtenlande, von dem Ufer des Eau de Cologne-Flusses und aus dem Morgenlande des Rosenöls.

 

*

Wenn wir nach einer Ballnacht halbwach heimfahren, klingen in unsern Ohren noch deutlich die Melodien, die wir hörten, daß wir sie nachsingen können. Und wie in den Augen des Ermordeten der Abglanz, von dem was das Auge zuletzt sah, noch eine Zeitlang lebendig bleiben soll, so war hier in der Nacht noch der Glanz und das Getümmel des Tageslebens zu spüren, es war nicht verschluckt, nicht verrauscht. Die Dryade empfand es und wußte: »So braust es fort am morgigen Tag.«

 

*

Die Dryade stand zwischen den duftenden Rosen und glaubte sie von ihrem Heimatsorte zu kennen: Die Rosen aus dem Schloßgarten und aus dem Garten des Pfarrers. Sie sah auch die rote Granatblüte; eine solche hatte Marie im kohlenschwarzen Haar getragen.

Erinnerungen aus ihrer Kinderheimat da draußen auf dem Lande leuchteten in ihren Gedanken; aber der Anblick ringsum zog sie mit gierigem Auge hinein, erfüllte sie mit der Unruhe des Fiebers und führte sie durch die wunderbaren Säle.

 

*

Sie fühlte sich müde und ihre Müdigkeit nahm zu. Sie hatte einen Drang, sich auszuruhen, sich auf die weichen orientalischen Polster und Teppiche zu setzen, oder sich an den Zweigen der Trauerweide zu halten, die in das klare Wasser hingen, und unterzutauchen.

Aber die Eintagsfliege kennt keine Ruhe. Die Nacht war in wenigen Minuten zu Ende.

Ihre Gedanken erbebten; ihre Glieder zitterten; sie sank auf den Rasen neben dem fließenden Wasser nieder.

»Du springst mit ewigem Leben aus der Erde,« sagte sie, »labe meine Zunge, gib mir Erquickung.«

»Ich bin kein lebendiger Quell,« antwortete das Wasser. »Ich springe durch die Kraft einer Maschine.«

»Gib mir von deiner Frische, du grünes Gras,« bat die Dryade. »Gib mir eine der duftenden Blumen.«

»Wir sterben, wenn wir ausgerissen werden,« antworteten Gras und Blumen.

»Küsse mich, du frischer Luftzug! Nur einen Kuß des Lebens!«

»Bald küßt die Sonne die Wolken rot,« sagte der Wind, »und dann bist du dem Tode geweiht, dahingefahren, wie all diese Herrlichkeit dahinfährt, ehe das Jahr zu Ende ist, und dann kann ich mich wieder auf den losen, leichten Sand dieses Platzes legen und Staub über die Erde, Staub in die Lüfte wehen. Staub; alles ist Staub!«

Die Dryade fühlte eine Angst, wie das Weib, das sich im Bade die Pulsadern durchschnitten hat und verblutet, aber während des Verblutens wünscht am Leben zu bleiben. Sie erhob sich, kam einige Schritt vorwärts und sank neben einer kleinen Kirche zu Boden. Die Tür stand offen; die Lichter am Altar brannten; die Orgel erklang.

Welche Musik! Solche Töne hatte die Dryade niemals gehört und doch glaubte sie, in ihnen bekannte Stimmen zu hören. Sie kommen aus der Tiefe des Herzens, aus allen Geschöpfen. Sie glaubte das Rauschen der alten Eiche zu vernehmen; sie glaubte den alten Pfarrer von den Großtaten erzählen zu hören, von berühmten Menschen, von dem was die Geschöpfe Gottes der kommenden Zeiten an Geschenken zu geben vermögen, ihr geben müssen, um dadurch sich selbst ewiges Leben zu gewinnen.

Die Orgeltöne klangen und brausten, sprachen im Lied:

»Deine Sehnsucht und Lust entwurzelte dich aus deinem dir von Gott gegebenen Platz. Das wurde dein Verderben, arme Dryade!«

Die Orgeltöne klangen weich und sanft, wie in Tränen starben hin in Tränen.

Vom Himmel leuchteten die roten Wolken; der Wind sauste und sang: »Fahre dahin in den Tod; nun geht die Sonne auf.«

Der erste Strahl fiel auf die Dryade. Ihre Gestalt leuchtete in wechselnden Farben, wie die Seifenblasen, die Platzen, verschwinden und zu einem Tropfen werden, zu einer Träne, die zur Erde fällt und verschwindet.

Arme Dryade! nur ein Tautropfen, nur eine Träne, die sich rundet und verschwindet.

 

*

Die Sonne schien über die Fata Morgana des Marsfeldes, schien über das große Paris, über den kleinen Platz mit den Bäumen und dem plätschernden Springbrunnen zwischen den hohen Häusern, wo der Kastanienbaum mit hängenden Zweigen und welken Blättern stand; der Baum, der sich gestern noch so jugendfrisch, wie der Frühling selbst erhoben hatte. Nun war er eingegangen; die Dryade war ausgegangen, wie die Wolle dahingefahren, niemand wußte wohin.

Auf der Erde lag eine verwelkte abgebrochene Kastanienblüte, das Weihwasser der Kirche vermochte sie nicht ins Leben zurückzurufen. Der Fuß des Menschen wird sie bald zertreten.

 

*

Dies alles ist geschehen und erlebt.

Wir sahen es selbst zur Ausstellungszeit in Paris im Jahre 1867, in der großen wunderbaren Zeit des Märchens.

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