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Andersens Märchen. Ergänzungsband

Hans Christian Andersen: Andersens Märchen. Ergänzungsband - Kapitel 18
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authorHans Christian Andersen
titleAndersens Märchen. Ergänzungsband
publisherVerlag von Otto Hendel
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year1905
translatorGuido Höller.
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senderwww.gaga.net
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Peiter, Peter, Peer.

Es ist unglaublich, was die Kinder heutzutage alles wissen!

Man weiß kaum mehr, was sie nicht wissen. Daß der Storch sie aus dem Brunnen oder dem Mühlenteich geholt und sie ganz klein zu Vater und Mutter gebracht hat, ist jetzt ein so altes Märchen, daß sie nicht mehr daran glauben, und doch ist es das einzig Richtige.

Aber wie kommen die Kleinen in den Mühlenteich oder den Brunnen? Ja, das wissen nicht viele; aber einige wissen es doch. Hast du schon einmal den Himmel in einer sternhellen Nacht betrachtet, die vielen Sternschnuppen gesehen, die wie Sterne fallen und verschwinden? Die Gelehrtesten können nicht erklären, was sie selbst nicht wissen; man kann es nur erklären, wenn man es weiß. Es ist, wie ein kleines Weihnachtslicht, das vom Himmel fällt und erlischt; es ist ein Seelenfunken Gottes, welcher zur Erde fährt, und kommt er in die dichtere, schwerere Luft, so verschwindet der Glanz; er wird etwas, das unsere Augen nicht mehr zu sehen vermögen: denn es ist viel feiner als die Luft. Es ist ein Himmelskind, das gesendet wird, ein kleiner Engel, aber ohne Flügel; der Kleine soll ja ein Mensch werden. Still gleitet es durch die Luft, und der Wind trägt es in eine Blume. Es kann nun eine Nachtviole sein, eine Kuhblume, eine Rose oder eine Pechnelke. Da liegt es und gedeiht. Luftig und leicht ist es; eine Fliege kann mit ihm fortfliegen, eine Biene erst recht, und sie kommen scharenweise und suchen den süßen Blütensaft. Liegt nun das Luftkind ihnen im Wege, so werfen sie es nicht hinaus, – das bringen sie nicht übers Herz, – sondern legen es in die Sonne auf das Blatt einer Seerose, und von dort kriecht und krabbelt es ins Wasser hinunter, wo es schläft und wächst, bis der Storch es sehen kann und es für eine Menschenfamilie holt, die sich ein süßes kleines Wesen wünschte. Aber wie süß es ist, hängt ganz davon ab, ob das Kleine aus dem reinen Quell getrunken oder ob Schlamm und Entengrütze ihm in die unrechte Kehle gekommen ist. Das gibt irdischen Sinn. Der Storch nimmt das erste beste, das er sieht. Eins kommt in ein gutes Haus zu vortrefflichen Eltern, ein anderes kommt zu harten Menschen in großes Elend, daß es besser im Mühlenteiche geblieben wäre.

Die Kleinen erinnern sich nicht, was ihnen im Teiche unter dem Seerosenblatt geträumt hat, wo am Abend die Frösche sangen: »Koax, koax, brekkekekex!« Das bedeutet in menschlicher Sprache: »Könntet ihr doch sehen, wie süß ihr schlaft und träumt.« Sie können sich auch nicht erinnern, in welcher Blume sie zuerst lagen und wie sie duftete, und doch sagt etwas in ihnen, wenn sie erwachsene Menschen geworden sind: »Diese Blume liebe ich am meisten!« und sie ist es, in der sie als Luftkind gelegen haben.

Der Storch wird ein sehr alter Vogel und gibt immer acht, wie es den Kleinen, die er gebracht hat, ergeht, und wie sie sich in die Welt schicken. Er kann freilich nichts für sie tun noch ihr Los ändern, er hat für seine eigene Familie zu sorgen. Aber er läßt sie nie aus seinen Gedanken.

Ich kenne einen alten, sehr ehrenwerten Storch von großen Vorkenntnissen, der mehrere kleine Kinder geholt hat und ihre Geschichte weiß, worin freilich ein wenig Schlamm und Entengrütze aus dem Mühlenteiche vorkommt. Ich bat ihn, mir die Lebensgeschichte eines derselben zu erzählen, und da sagte er, daß ich drei für eine aus dem Hause des Herrn Peitersen erhalten sollte.

Peitersens waren eine besonders nette Familie. Der Mann gehörte zu den 32 Männern der Stadt, und das war eine Auszeichnung. Er lebte für die 32 und ging in die 32 auf. Hierher kam der Storch und brachte einen kleinen Peiter, wie das Kind genannt wurde. Im nächsten Jahr kam der Storch wieder mit einem Kinde, welches sie Peter nannten, und als das dritte gebracht wurde, bekam es den Namen Peer, denn die Namen Peiter – Peter – Peer lagen im Namen Peitersen.

Es waren also drei Brüder, drei Sternschnuppen, jeder in seiner Blüte gewiegt, jeder unter ein Seerosenblatt im Mühlenteich gelegt und von dort durch den Storch der Familie Peitersen gebracht, deren Haus an der Ecke steht, wie du wohl weißt.

Sie nahmen zu an Körper und Geist, und deshalb wollten sie etwas mehr werden als einer der 32 Männer.

Peiter sagte, daß er Räuber werden wollte. Er hatte die Oper Fra Diavolo gesehen und sich für das Räuberhandwerk als das reizendste der Welt bestimmt.

Peter wollte Dreckfeger werden – das Klappern der Deckel und Eimer gefiel ihm sehr –, und Peer, der ein sehr süßes Kind, drall und rund war, aber seine Nägel abbiß, – das war sein einziger Fehler – Peer wollte Pastor werden. Das sagten sie stets, wenn man sie fragte, was sie werden wollten.

Und dann kamen sie in die Schule. Einer wurde der Erste und der andere der Letzte, und einer kam in die Mitte zu sitzen. Aber deshalb konnten sie doch alle gleich gut und gleich klug sein, und das waren sie auch, sagten ihre einsichtsvollen Eltern.

Sie kamen auf Kinderbälle; sie rauchten Zigarren, wenn es niemand sah. Sie nahmen zu an Wissen und Können.

Peiter war von klein an streitsüchtig, wie ja ein Räuber sein muß. Er war ein sehr verzogener Junge. Aber das kam davon, sagte die Mutter, daß er an Würmern litte. Unartige Kinder haben immer Würmer: Schlamm im Magen. Sein Trotz und seine Rechthaberei vergriffen sich eines Tages auch an Mamas neuem seidenen Kleid.

»Stoß nicht an den Kaffeetisch, mein Zuckerlämmchen!« hatte sie gesagt. »Du könntest den Rahmguß umwerfen, daß ich Flecke auf mein neues seidenes Kleid erhalte.«

Und das »Zuckerlämmchen« nahm mit fester Hand den Milchtopf und goß die Milch der Mama in den Schoß, die nicht zu sagen unterlassen konnte: »Aber Lämmchen! Lämmchen! Das war sehr unbesonnen von dir!« Einen festen Willen hatte der Knabe, daß mußte man zugeben. Fester Wille ist ein Zeichen von Charakter, und das ist vielversprechend für eine Mutter.

Er hätte leicht Räuber werden können, aber er wurde es nicht in wahrem Sinne. Er brachte es nur dazu, wie ein Räuber auszusehen. Er ging mit eingebeultem Hute, bloßem Halse und langem, wallendem Haar. Er sollte Künstler werden; aber nur seine Kleider zeigten es, sah aber dabei wie eine Stockrose aus. Alle Menschen, die er zeichnete, sahen auch wie Stockrosen aus, so lang waren sie. Er liebte diese Blume am meisten, und er hätte auch in einer Stockrose gelegen, sagte der Storch.

Peter hatte in einer Butterblume gelegen. Er sah schmierig um die Mundwinkel aus und war gelb von Haut; man mußte glauben, daß Butter hervorkäme, wenn er in die Backe geschnitten würde. Er war zum Butterhändler wie geboren und hätte sein eigenes Schild abgeben können; aber seinem innersten Wesen nach war er Dreckfeger. Er war der musikalische Teil der Familie Petersen; »aber es reichte für alle zusammen,« sagten die Nachbarn. Er machte siebzehn Polka in einer Woche und setzte sie zu einer Oper für Trompete und Pauke. Pfui! war sie schön!

Peer war weiß und rot, klein und gewöhnlich; er hatte in einem Gänseblümchen gelegen. Niemals schlug er um sich, wenn die andern Jungen ihn prügelten. Er sagte, daß es das Vernünftigste wäre, und der Vernünftigste gibt immer nach. Er sammelte zuerst Griffel, später Siegel. Dann legte er sich eine kleine Naturaliensammlung an, worin das Skelett eines Stichlings, drei blindgeborene junge Ratten in Spiritus und ein ausgestopfter Maulwurf waren. Peer hatte Sinn für das Wissenschaftliche und ein Auge für die Natur, und das war für die Eltern und auch für Peer sehr erfreulich. Er ging lieber in den Wald als in die Schule, lieber in die Natur als in die Erziehungsanstalt. Seine Brüder waren schon verlobt, als er noch für die Vervollständigung einer Eiersammlung lebte. Er wußte bald mehr von den Tieren als von den Menschen, ja, er meinte, daß wir an die Tiere mehr heranreichen könnten in dem, das wir am höchsten stellten: die Liebe. Er sah, daß, wenn das Nachtigallweibchen die Eier ausbrütete, das Männchen in der Nähe saß und die ganze Nacht für sein kleines Weibchen sang. »Kluck! kluck! zi zi! lo lo li!« Das hätte Peer niemals tun können, niemals sich diesem Gefühl so hingeben können. Wenn die Störchin mit den Jungen im Neste lag, stand der Storchvater die ganze Nacht auf einem Bein auf dem Dachfirst. Peer hätte so nicht eine Stunde stehen können. Und als er eines Tags das Netz der Spinne und, was darin lag, betrachtete, gab er ganz und gar die Ehe auf. Herr Spinne spinnt, um unachtsame Fliegen zu fangen, junge und alte, vollblütige und spindeldürre; er lebt nur, um für seine Familie zu spinnen und zu sorgen. Aber Frau Spinne lebt einzig und allein für den Vater. Sie frißt ihn aus purer Liebe auf, sie frißt sein Herz, seinen Kopf, seinen Magen; nur seine langen, dünnen Beine bleiben im Spinnennetz zurück, wo er mit Nahrungssorgen für die ganze Familie saß. Dies ist eine Wahrheit, die jeder der Naturgeschichte entnehmen kann. Das sah Peer; darüber dachte er nach. So von seiner Frau geliebt zu werden, von ihr vor lauter Liebe gefressen zu werden – nein, so weit treibt es kein Mensch. Und wäre es wünschenswert?

Peer beschloß, sich niemals zu verheiraten, niemals einen Kuß zu geben oder zu nehmen; es könnte als der erste Schritt zur Ehe angesehen werden. Aber einen Kuß erhielt er doch, den wir alle erhalten, den starken, verzehrenden Kuß des Todes. Wenn wir lange genug gelegt haben, erhält der Tod den Auftrag: »Küß ihn weg!« und dann ist der Mensch weg. Ein Sonnenblitz Gottes leuchtet auf, so stark, daß es uns dunkel vor den Augen wird. Die menschliche Seele, die wie eine Sternschnuppe gekommen ist, fliegt wieder wie eine Sternschnuppe fort, aber nicht, um in einer Blume zu ruhen oder unter einem Seerosenblatt zu träumen. Sie hat wichtigere Dinge vor. Sie fliegt in das große Land der Ewigkeit; aber wie es dort aussieht, vermag niemand zu sagen. Keiner hat hineingesehen, nicht einmal der Storch, wie weit er auch zieht und wie viel er auch weiß. Er wußte auch nicht das geringste von Peer mehr; wohl aber noch manches von Peiter und Peter; aber von ihnen habe ich genug gehört und du auch wohl. Deshalb sagte ich dem Storch für diesmal meinen Dank. Aber da verlangte er für diese kleine gewöhnliche Geschichte drei Frösche und eine junge Schlange; er nimmt Bezahlung in Lebensmitteln. Willst du bezahlen? Ich will's nicht! Ich habe weder Frösche noch junge Schlangen.

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