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Andersens Märchen. Ergänzungsband

Hans Christian Andersen: Andersens Märchen. Ergänzungsband - Kapitel 14
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authorHans Christian Andersen
titleAndersens Märchen. Ergänzungsband
publisherVerlag von Otto Hendel
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year1905
translatorGuido Höller.
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In der Kinderstube.

Vater und Mutter und alle Geschwister waren im Theater; nur die kleine Anna und ihr Pate saßen allein zu Hause.

»Wir wollen auch Theater spielen,« sagte er, »und es kann sofort anfangen.«

»Aber wir haben kein Theater,« sagte die kleine Anna, »und haben auch niemand, der spielt! Meine alte Puppe kann nicht, sie ist zu häßlich, und meine neue darf sich ihre schönen Kleider nicht krausmachen.«

»Man hat immer Spieler, wenn man nimmt, was man hat,« sagte der Pate. »Nun bauen wir das Theater. Hierher stellen wir ein Buch, dort eins und dort noch eins, schräg hintereinander. Nun drei auf die andere Seite. Jetzt haben wir die Kulissen. Die alte Schachtel, die hier liegt, kann der Hintergrund sein; den Boden kehren wir nach außen. Die Szene stellt eine Stube vor; das kann jeder sehen. Nun müssen wir die Personen haben. Laß uns sehen, was hier in der Spielzeugschieblade liegt. Erst die Personen; danach machen wir das Stück. Das eine richtet sich nach dem andern, und es wird ausgezeichnet. Hier liegt ein Pfeifenkopf und hier ein einzelner Handschuh; sie sollen Vater und Tochter sein.«

»Aber es sind erst zwei Personen,« sagte die kleine Anna. »Hier liegt meines Bruders alte Weste: kann die nicht Theater spielen?«

»Groß genug ist sie dazu,« sagte der Pate, »Sie soll der Liebhaber sein. Sie hat nichts in der Tasche, das allein ist schon interessant. Das gibt eine halb und halb unglückliche Liebe. – Und hier haben wir einen Stiefel des Nußknackers mit einem Sporn, Potzblitz, Mazurka! Er kann stampfen und sich in die Brust werfen! Es soll der ungelegene Freier sein, den das Fräulein nicht leiden kann. Was für ein Stück willst du nun haben. Ein Trauerspiel oder ein Familienstück.«

»Ein Familienstück,« sagte die kleine Anna, »das mögen die andern auch am liebsten. Kannst du eins?«

»Ich kann hunderte,« sagte der Pate, »Die beliebtesten sind die französischen! aber sie sind für kleine Mädchen nicht passend. Wir wollen indessen eins der nettesten nehmen; innerlich sind sie sich alle gleich. Nun schüttle ich den Sack! Kuckelurum! Funkelnagelneu! Alles funkelnagelneu! Höre nun das Programm.« Und der Pate zog eine Zeitung hervor und tat, als ob er daraus vorläse:

 

Der Pfeifenkopf und der gute Kopf.

 

Familienstück in einem Akt.

 

Personen:

 

Herr Pfeifenkopf, Vater.
Fräulein Handschuh, Tochter.
Herr Weste, Liebhaber,
von Stiefel, Freier.

Und nun fangen wir an! Der Vorhang geht hoch! Wir haben keinen Vorhang; so brauchen wir ihn auch nicht aufzuziehen. Alle Personen sind auf der Bühne, dann haben wir sie auf einmal. Nun spreche ich wie Vater Pfeifenkopf. Er ist heute zornig; man sieht es, der Meerschaum ist angeraucht.

»Schnickschnack! Basta! Punktum! Ich bin der Herr im Hause, Ich bin der Vater der Tochter! Man soll tun, was ich sage. »Von Stiefel ist eine Person, in der man sich spiegeln kann, oben Saffian und unten Sporen. Schnickschnack! Er soll meine Tochter haben.«

»Achte nun auf die Weste, Ännchen,« sagte der Pate. »Nun spricht die Weste. Sie hat einen umgebogenen Kragen, ist sehr bescheiden, aber kennt ihren Wert und darf mit Recht sagen, was sie sagt:

»Fleckenlos bin ich! Die Qualität muß man auch in Erwägung ziehen. Ich bin aus echter Seide und trage Schnüre.«

»Am Hochzeitstage, nicht länger! Sie sind nicht waschecht.« Das spricht Herr Pfeifenkopf. »Von Stiefel ist wasserdicht, von starker Haut und doch so fein, kann knarren, mit den Sporen klirren und sieht italienisch aus.«

»Aber sie müssen doch in Versen sprechen,« sagte die kleine Anna. »Das ist am hübschesten.«

»Das können sie auch,« sagte der Pate. »Und wenn das Publikum befiehlt, so gehorcht man! Sieh auf das kleine Fräulein Handschuh, wie es die Finger ausstreckt.«

»Lieber allezeit
Bleiben ungefreit.
Ach!
Ich verwind' es nicht,
Seht, das Leder bricht.«
»Pah!«

Das war Vater Pfeifenkopf; nun spricht Herr Weste:

»Geliebtester Handschuh,
wärst auch von Zwirn du;
sollst du doch mein sein,
mein ganz allein.«

Von Stiefel schlägt aus, stampft auf den Boden, klirrt mit den Sporen und reizt drei Kulissen um.

»Das ist wunderschön,« sagte die kleine Anna.

»Still, still!« sagte der Pate. »Stummer Beifall zeigt, daß du zum gebildeten Publikum im ersten Parkett gehörst. Nun singt Fräulein Handschuh ihre große Arie mit einem Kicks:

»Die Stimme geht mir aus,
drum krähe ich heraus
Kikeriki durchs Haus.«

»Nun kommt das Spannendste, liebe Anna, das Wichtigste im ganzen Stück. Siehst du. Herr Weste knöpft sich auf, seine Worte richtet er nun an dich, damit du Beifall klatschen sollst. Laß es nur sein, es ist feiner. Höre, wie das Seidenzeug raschelt. »Wir sind zum äußersten getrieben! Hütet euch. Nun kommt die Intrige. Sie sind ein Pfeifenkopf, ich bin ein guter Kopf – wupp, jetzt sind Sie weg.« Hast du es gesehen. Annchen?« sagte der Pate. »Szene und Spiel waren ausgezeichnet. Herr Weste ergriff den alten Pfeifenkopf und steckte ihn die Tasche. Da steckt er nun und Herr Weste spricht:

»Sie sind in meiner Tasche, in meiner tiefsten Tasche. Niemals kommen Sie wieder heraus, ehe Sie nicht geloben, mich mit Ihrer Tochter, Fräulein Handschuh von der Linken, zu vereinigen. Ich reiche meine Rechte.«

»Das ist furchtbar schön,« sagte die kleine Anna.

Und nun antwortet der alte Pfeifenkopf:

»Wirr ist mir der Sinn;
in der Tasche drin.
Hin ist mein Humor,
denn mir fehlt das Rohr.
Schlecht wie nie zuvor
ist mir armer Tor.
Meinen Kopf geschwind
endlich zieh heraus,
und du sollst mein Kind
Führen dir ins Haus.«

»Ist das Stück schon aus?« sagte die kleine Anna.

»Bewahre,« sagte der Pate: »es ist nur für von Stiefel aus. Die Liebenden knien nieder; die eine singt:

 

»Vater!«

der andere:

»Nimm den Kopf geschwind,
Segne Sohn und Kind.«

Sie werden gesegnet, halten Hochzeit und die Möbel singen im Chor:

»Kling, Klang,
vielen Dank!
Aus ist das Stück.«

»Und nun klatschen wir,« sagte der Pate, »rufe sie alle heraus, auch die Möbel; sie sind von Mahagoni.«

»Ist unser Stück ebenso schön, wie das Stück, das die anderen im richtigen Theater sehen?«

»Unser Stück ist viel schöner,« sagte der Pate; »es ist kürzer, kostet nichts, und die Zeit bis zum Tee ist angenehm vergangen.«

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