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Andersens Märchen. Ergänzungsband

Hans Christian Andersen: Andersens Märchen. Ergänzungsband - Kapitel 13
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authorHans Christian Andersen
titleAndersens Märchen. Ergänzungsband
publisherVerlag von Otto Hendel
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translatorGuido Höller.
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Der Bischof auf Börglum und seine Sippe.

Nun sind wir droben in Jütland, weit hinter dem Wildmoor; wir können die wogende Nordsee hören, hören, wie sie rollt; sie ist ganz in der Nähe. Aber vor uns erhebt sich ein hoher Sandhügel, den wir schon lange gesehen und auf den wir noch immer zufahren; langsam fahren wir durch den tiefen Sand. Oben auf dem Sandhügel liegt ein großer alter Hof, das Kloster Börglum; der größte Flügel ist noch jetzt die Kirche. Dahinauf kommen wir noch am heutigen Abend; das Wetter ist klar, es ist die Zeit der hellen Nächte. Man sieht gar weit, weit nach allen Seiten über Feld und Moor bis zur Aalborger Förde hinab, über Heide und Wiese und gerade aus über das dunkelblaue Meer.

Nun sind wir droben; nun rasseln wir zwischen Speicher und Scheuer hinein, und wenden um durch das Tor auf den alten Klosterhof hinauf, wo die Lindenbäume in Reihen längs der Mauer stehen. Dort haben sie Schutz gegen Wind und Wetter, und deshalb wachsen sie, daß die Zweige fast die Fenster verdecken.

Wir gehen die steinerne Wendeltreppe hinauf; wir gehen über die langen Gänge unter der Decke von Balkenwerk. Der Wind saust hier so wunderlich, draußen und drinnen; man weiß wirklich nicht, wo es ist. Und dann erzählt man – ja, man erzählt so vieles, sieht so vieles, wenn man bange ist oder andere bange machen will. Die alten, gestorbenen Chorherrn, sagt man, huschen still an uns vorbei in die Kirche, wo die Messe gesungen wird; man kann es hören durch das Sausen des Windes. Man wird so seltsam davon gestimmt, daß man an die alten Zeiten denkt – denkt, bis man in den alten Zeiten ist.

 

*

Ein Schiff ist an der Küste gestrandet; die Leute des Bischofs sind drunten; sie verschonen nicht, was das Meer verschonte. Die Wellen spülen das rote Blut fort, das aus den zerschmetterten Stirnen floß. Die gestrandeten Güter gehören dem Bischof, und es sind viele Güter. Die Wellen rollen Tonnen und Fässer, mit köstlichem Wein gefüllt, für den Keller des Klosters heran, und er liegt schon voll Bier und Met. Gefüllt ist die Küche mit erlegten Tieren, Würsten und Schinken; in den Teichen schwimmt der fette Brassen und die leckere Karausche. Der Bischof von Börglum ist ein mächtiger Mann; er hat Land im Besitz, und mehr noch will er gewinnen; alles soll sich vor Oluf Glob beugen. In Thy ist eine der reichen Sippen gestorben, »Verwandtschaft ist gegen Verwandtschaft am schlimmsten,« das mußte die Witwe dort unten erfahren. Ihr Hausherr herrschte dort über das ganze Land, aber nicht über die geistlichen Güter. Der Sohn ist im fremden Lande. Schon als Kind wurde er hinaus gesandt, um fremde Sitten zu lernen, wonach ihm der Sinn stand. Seit Jahren hörte man nichts von ihm; vielleicht liegt er im Grabe und kommt niemals wieder heim, um zu herrschen, wo nun seine Mutter herrschte.

»Was, soll ein Weib herrschen?« sagte der Bischof. Er schickte ihr einen Boten und ließ sie vor das Thing fordern. Aber was half es ihm? Sie wich niemals vom Gesetz ab, und ihre Stärke war ihre gerechte Sache.

Bischof Oluf zu Börglum, worauf sinnest du? Was schreibst du nieder auf das blanke Pergament? Was birgt sich unter Siegel und Band? Du übergibst es Rittern und Knechten, die damit fort aus dem Lande reiten, weit fort, nach der Stadt des Papstes.

Es ist die Zeit des Laubfalls, die Zeit der Schiffbrüche; nun kommt der eisige Winter.

Zweimal kam er, endlich kommt er herauf mit dem Willkommengruß der Ritter und Knechte, die mit dem päpstlichen Briefe von Rom heimkehrten, dem Bannbriefe über die Witib, die den frommen Bischof zu kränken wagte. »Verflucht sei sie und alles, was ihr ist! Ausgestoßen sei sie aus Kirche und Gemeinde! Niemand leiste ihr hilfreiche Hand, Verwandte und Freunde, fliehet sie wie Pest und Aussatz.«

»Was sich nicht beugen will, soll man brechen,« sagte der Bischof von Börglum.

Alle verließen sie, aber sie verließ Gott nicht; er war ihr Schirm und Schild.

Eine einzige Dienerin, eine alte Magd, blieb ihr treu. Mit ihr ging sie hinter dem Pfluge und das Korn wuchs, obgleich der Acker von Papst und Bischof verflucht war.

»Du Kind der Hölle! Ich will doch meinen Willen haben,« sagte der Bischof zu Börglum. »Nun ziehe ich dich mit der Hand des Papstes zu Gericht und Urteil.«

Da spannt sie die beiden letzten Ochsen, die sie besaß, vor den Wagen, setzt sich mit ihrer Magd hinauf und fährt fort über die Heide, fort aus dem dänischen Land. Als Fremde kommt sie zu fremden Menschen, wo fremde Zungen, fremde Sitten geübt werden; sie kommt weit fort, wo die grünen Höhen sich zu Bergen erheben und der Wein wächst. Dort ziehen reisende Kaufleute; sie schauen angstvoll auf ihre warenbeladenen Wagen und fürchten den Überfall der Raubritter. Die beiden armen Frauen auf dem elenden Fahrzeug, das von zwei schwarzen Ochsen gezogen ward, fuhren sorglos durch den unsicheren Hohlweg und den dichten Wald. Sie sind in Franken. Hier treffen sie einen stattlichen Ritter, dem zwölf bewaffnete Knechte folgen. Er hält und sieht auf den seltsamen Zug und fragt die beiden Frauen nach dem Ziel ihrer Reise und aus welchem Lande sie kämen. Da nennt die Jüngste Thy in Dänemark, meldet ihre Trauer und ihr Elend, und schnell hat es ein Ende; Gott hat es so geleitet. Der fremde Ritter ist ihr Sohn. Er reicht ihr die Hand; er nimmt sie in den Arm, und die Mutter weint. Das tat sie seit Jahren nicht: viel lieber biß sie sich in die Lippen, daß das warme Blut niedertropfte.

Es ist die Zeit des Laubfalls; es ist die Zeit der Schiffbrüche. Das Meer rollt Weinfässer ans Land für des Bischofs Keller und Küche. Dort brät über dem Feuer das gespickte Wildbret; dort ist es warm innerhalb der Türen, nun da die Winterkälte beißt. Da verlautet etwas Neues: Jens Glob von Thy ist mit seiner Mutter heimgekehrt; Jens Glob schickt die Ladung; er fordert den Bischof nach Landes Gesetz und Recht vor das geistliche Gericht.

»Das soll ihm viel helfen,« sagt der Bischof. »Laß deinen Streit nur fahren, Ritter Jens!«

Es ist im nächsten Jahre die Zeit des Laubfalls; es ist die Zeit der Schiffbrüche. Nun kommt der eisige Winter; die weißen Bienen schwärmen und stechen ins Gesicht, bis sie schmelzen.

»Heute ist frische Luft,« sagen die Leute, wenn sie vor der Tür gewesen sind. Jens Glob steht in Gedanken, daß er sein seiden Gewand versengt, ja ein Loch hineinbrennt.

»Bischof von Börglum! Ich kriege dich doch! Unter dem Mantel des Papstes kann dich das Gesetz nicht erreichen; aber Jens Glob erreicht dich doch!«

Und er schreibt einen Brief an seinen Schwager, Herrn Oluf Hase in Salling, fordert ihn auf, am Weihnachtstage zur Frühmesse in die Kirche zu Hvidberg zu kommen. Dort oben muß der Bischof Messe lesen; deshalb reist er von Börglum nach Thyland; das kennt und weiß Jens Glob. Wiese und Moor liegen unter Eis und Schnee. Sie tragen Pferd und Reiter, den ganzen Zug, den Bischof mit Priestern und Knechten. Sie reiten den kürzesten Weg durch das trockne Röhricht, durch das der Wind so traurig saust.

»Stoße in deine Messingtrompete, du Spielmann im Fuchspelz! Es klingt gut in der klaren Luft.« So reiten sie südlich über Heide und Moor, den Grasgarten der Fata Morgana an warmen Sommertagen; sie wollen zur Kirche von Hvidberg.

Stärker stößt der Wind in seine Trompete; es weht ein Sturm, ein Wetter Gottes, das zu gewaltiger Kraft anwächst. Zum Haus Gottes geht es fort in diesem Wetter. Gottes Haus steht fest; aber die Wetter Gottes fahren hin über Feld und Moor, über Haff und Meer. Der Bischof von Börglum erreicht die Kirche; das vermag schwerlich Herr Oluf Hase, wie scharf er auch reitet. Er kommt mit seinen Mannen jenseits des Haffs Jens Glob zu Hilfe. Nun Bischof, wirst du vor den Richterstuhl des Höchsten geladen!

Gottes Haus ist der Gerichtssaal, der Altartisch der Gerichtstisch. Die Lichter sind in den schweren Messingleuchtern angezündet. Der Sturm liest Klage und Urteil. Es saust in den Lüften über Moor und Heide und das rollende Wasser. Kein Fährmann setzt in solchem Wetter über das Haff.

Oluf Hase steht am Ottesund; er verabschiedet seine Mannen, schenkt ihnen Pferd und Rüstung, gibt ihnen Urlaub heimzuziehen und trägt ihnen Grüße an seine Hausfrau auf. Allein will er sein Leben in dem brausenden Wasser wagen; aber sie sollen ihm bezeugen, daß es nicht seine Schuld ist, wenn Jens Glob ohne Hilfe in der Kirche zu Hvidberg steht. Die treuen Knechte verlassen ihn nicht; sie folgen ihm durch das tiefe Wasser. Zehn werden fortgespült; Oluf Hase und zwei seiner Knappen erreichen das andere Ufer; noch haben sie vier Meilen zu reiten.

Mitternacht ist vorüber; es ist Weihnacht. Der Wind hat sich gelegt, die Kirche ist erleuchtet; der strahlende Glanz fällt durch die Scheiben hinaus über Wiese und Heide. Die Frühmesse ist längst zu Ende; im Gotteshaus ist es still; man kann das Wachs von den Lichtern auf den steinernen Estrich tropfen hören. Da kommt Oluf Hase.

In der Vorhalle bietet Jens Glob ihm »Guten Tag. Nun habe ich mich mit dem Bischof verglichen.«

»Das hast du getan?« sagt Oluf, »Da sollst weder du noch der Bischof lebendig aus der Kirche kommen.« Und das Schwert fuhr aus der Scheide, und Oluf Hase schlug zu, daß die Bohlen der Kirchentür zersplitterten, die Jens Glob zwischen sich und seinen Schwager warf.

»Halt ein, lieber Schwager, sieh erst den Vergleich an! Ich habe den Bischof von Börglum und alle seine Mannen erschlagen. Sie sagen keine Silbe mehr in der Sache, und ich auch nichts mehr von all dem Unrecht, das meiner Mutter geschehen ist.«

Die Dochte der Lichter am Altar leuchteten so rot; aber roter leuchtete es vom Estrich; dort lag in seinem Blute der Bischof mit zerspaltenem Schädel, und erschlagen lagen alle seine Knechte; lautlos und still ist es in der heiligen Weihnacht.

Aber am Abend des dritten Weihnachtstages klangen im Kloster zu Börglum die Glocken zur Leichenfeier. Der Bischof und seine Knechte werden zur Schau unter einem schwarzen Baldachin mit schwarz verhüllten Kandelabern ausgestellt. In einem Mantel von Silberbrokat und den Krummstab in den machtlosen Händen liegt der Tote, der einst so mächtige Herr. Der Weihrauch duftet, die Mönche singen. Es klingt wie eine Klage, es klingt wie ein Urteil des Zornes und der Verdammnis, das von dem Winde getragen, von dem Winde mitgesungen, weit im Lande gehört wird. Es legt sich wohl zur Ruhe; aber niemals stirbt es; immer erhebt es sich wieder und singt seine Lieder, singt in unsere Zeit hinein, singt es hier oben von dem Bischof von Börglum und seiner Sippe. Es wird in der dunklen Nacht von dem furchtsamen Bauer vernommen, welcher auf dem tiefen Sandwege an dem Kloster vorüberfährt, vernommen von den lauschenden Schlaflosen in den Klosterstuben mit den dicken Wänden. Und deshalb geht es um in den langen, wiederhallenden Gängen, die zur Kirche führen, dessen zugemauerter Eingang längst verschlossen ist, aber nicht für die Augen des Aberglaubens. Die sehen dort noch die Tür, und sie öffnet sich, die Lichter in dem Messingkronleuchter der Kirche strahlen; der Weihrauch duftet, die Kirche glänzt in der früheren Pracht; die Mönche singen die Messe über den getöteten Bischof, der im Mantel von Silberbrokat liegt mit dem Bischofsstab in der machtlosen Hand, und auf seiner bleichen, stolzen Stirn brennt die blutige Wunde. Sie brennt wie Feuer; es sind die Sünde und die bösen Lüste der Welt, die aus ihr hervorbrennen.

Versinkt ins Grab, versinkt in Nacht und Vergessenheit, unselige Erinnerungen aus alten Tagen.

 

*

Höre den Windstoß; er übertäubt das rollende Meer. Draußen geht ein Sturm, der viele Menschenleben kostet. Das Meer hat nicht mit der Zeit seinen Sinn verändert. Heut nacht ist es nur ein Mund zum Verschlingen, morgen vielleicht ein klares Auge, um sich darin zu spiegeln: es ist wie in der alten Zeit, die wir nun begraben haben. Schlafe sanft, wenn du kannst!

Nun ist es Morgen.

Die neue Zeit leuchtet voll Sonnenschein in die Stube. Der Wind faßt noch derb zu. Von einem Schiffbruch wird gemeldet, wie in alter Zeit.

In der Nacht ist drunten bei Lücken, dem kleinen Fischerdorfe mit den roten Dächern, die wir von den Fenstern hier oben sehen, ein Schiff gestrandet. In geringer Entfernung stieß es auf; aber die Rettungsraketen schlugen eine Brücke zwischen dem Wrack und dem festen Lande; alle an Bord wurden gerettet; sie kamen ans Land und ins Bett. Heute sind sie auf das Kloster Börglum eingeladen. In den behaglichen Räumen werden sie Gastfreundschaft finden, freundlichen Augen begegnen und in ihrer Muttersprache begrüßt werden. Vom Klavier erklingen die Lieder ihrer Heimat, und ehe diese geendet find, ertönt eine andere Saite, lautlos und doch so klangvoll und sicher. Die Gedankenbotschaft erreicht der Schiffbrüchigen Haus im fernen Lande und meldet von ihrer Rettung. Da fühlt das Herz sich leicht, da kann es am Abend nach dem Schmause zum Tanze antreten in den Klosterstuben zu Börglum. Walzer und Konter wollen wir tanzen und Lieder singen von Dänemark und »Dem tapferen Landsoldaten« der neuen Zeit.

Sei gesegnet, neue Zeit! Sommer, reite auf gereinigtem Luftstrom in die Stadt! Laß deine Sonnenstrahlen in Herzen und Gedanken leuchten! Auf deinem strahlenden Grunde entschweben die finsteren Sorgen aus der harten, der strengen Zeit

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