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Andersens Märchen. Ergänzungsband

Hans Christian Andersen: Andersens Märchen. Ergänzungsband - Kapitel 12
Quellenangabe
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authorHans Christian Andersen
titleAndersens Märchen. Ergänzungsband
publisherVerlag von Otto Hendel
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year1905
translatorGuido Höller.
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»Die Irrwische sind in der Stadt,« sagt die Moorfrau.

Es war ein Mann, der einst gar manches neues Märchen wußte. Aber nun wäre es ihm entwischt, sagte er. Das Märchen, das von selbst zu Besuch kommt, kam nicht mehr und klopfte nicht mehr an seine Tür. Und warum kam es nicht? Ja, es ist wahr, der Mann hatte in Jahr und Tag nicht gedacht, nicht erwartet, daß es kommen und anklopfen würde. Aber es war gewiß auch nicht dagewesen; denn draußen war Krieg und drinnen Sorge und Not, die der Krieg mit sich führt.

Storch und Schwalbe kamen von ihrer langen Reise zurück, sie dachten an keine Gefahr; aber als sie kamen, waren die Nester verbrannt, die Häuser der Menschen, die grünen Zäune, alles war dahin. Die Pferde des Feindes zerstampften die alten Gräber. Es waren harte, düstere Zeiten: aber auch sie gehen zu Ende.

Und nun wären sie zu Ende. Aber noch immer nicht klopfte das Märchen an oder ließ etwas von sich hören.

»Es ist wohl gestorben und verdorben, wieso vieles andere,« sagte der Mann. Aber das Märchen stirbt nimmer.

Und es verging ein ganzes Jahr, und er verlangte gar sehr nach ihm.

»Ob das Märchen nicht doch noch wiederkommt und anklopft!« Und er erinnerte sich gar lebhaft aller der vielen Gestalten, die mit ihm gekommen waren, bald jung und schön, wie der Frühling selbst, ein liebliches kleines Mädchen mit einem Kranz von Waldmeister in dem Haar, einem Buchenzweig in der Hand und mit Augen, die wie der tiefe Waldsee im Sonnenschein leuchteten, bald ein Krämer, der die Fächer seines Kastens geöffnet hatte und seidene Bänder mit Versen und Inschriften voll alter Erinnerungen flattern ließ. Aber am schönsten war es doch, wenn es als ein altes Mütterchen kam im silberweißen Haar und mit großen und klugen Augen. Es wußte so recht von den allerältesten Zeiten zu erzählen, von den Zeiten, als die Prinzessinnen noch mit goldenen Spindeln spannen und Drachen und Lindwürmer vor dem Schloß lagen und sie bewachten. Es erzählt so lebendig, daß es den Hörern schwarz vor den Augen wird und die Diele sich von Menschenblut dunkel färbt. Es ist graulich zu sehen und zu hören, und doch so angenehm; denn es ist lange her, daß es geschehen ist.

»Ob es nicht mehr anklopft,« sagte der Mann und starrte nach der Tür, so daß ihm schwarz vor den Augen wurde und schwarze Flecke auf die Diele kamen. Er wußte nicht, war es Blut oder ein Trauerflor aus schweren, finstern Tagen.

Und wie er dasaß, kam ihm der Gedanke, ob sich das Märchen nicht verborgen hielte, gleich der Prinzessin in den wirklichen alten Märchen, und nur gesucht werden wollte. Wurde es gefunden, so strahlte es gewiß in neuer Schönheit, schöner als je vorher.

Wer weiß! Vielleicht liegt es verborgen in dem hingeworfenen Strohhalm, der sich auf dem Brunnenrand wiegt. Vorsichtig! Vorsichtig! Vielleicht hat es sich in einer verwelkten Blüte versteckt, die in einem der großen Bücher auf dem Bort dort liegen.

Und der Mann ging hin, öffnete eins der allerneuesten, um zu sehen, was darin stand. Aber da lag keine Blüte; da stand von Holger Danske zu lesen, und der Mann las, daß die ganze Geschichte von einem französischen Mönch erfunden und erzählt, daß es ein Roman wäre, der in die dänische Sprache übersetzt und dann gedruckt worden, also daß Holger Danske gar nicht gelebt hätte und daher auch nicht wiederkäme, wie wir gesungen haben und so gern glauben wollen. Es wäre mit Holger Danske wie mit Wilhelm Tell, nur flüchtige Sage, auf die man sich nicht verlassen könne. Das stand im Buche mit großer Gelehrsamkeit geschrieben.

»Ja, ich glaube doch, was ich glaube,« sagte der Mann; »wo kein Fuß hingetreten ist, wächst kein Wegetritt.«

Und er schloß das Buch, stellte es auf den Bort und ging zu den frischen Blumen auf der Fensterbank. Dort hatte sich das Märchen vielleicht in der roten Tulpe mit den goldgelben Streifen versteckt oder in der zarten Rose oder in der leuchtenden Kamelie. Der Sonnenschein lag auf den Blättern, aber nicht das Märchen.

Die Blumen, die hier in der trüben Zeit standen, waren weit schöner; aber sie wurden abgeschnitten, zu Kränzen gebunden und auf den Sarg niedergelegt, den die Fahne deckte. Vielleicht ist mit den Blumen auch das Märchen begraben! Aber dann müßten es die Blumen wissen, der Sarg es vernommen haben, die Erde es vernommen haben, und jeder kleine Grashalm, der hervorsproßte, würde es erzählt haben. – Das Märchen stirbt nimmer.

Vielleicht ist es doch hier gewesen und hat angeklopft; aber wer hatte damals Ohren dafür, Augen dafür! Man sah finster, trübsinnig, ja fast zornig auf die Frühjahrssonne, das Vogelgezwitscher und all das freudige Grün. Ja die Zunge war zu schwer für die alten, frischen Volkslieder; sie wurden mit so vielem, was dem Herzen teuer war, eingesargt. Das Märchen konnte wohl angeklopft haben; aber es war nicht gehört, nicht willkommen geheißen worden und deshalb blieb es fort.

»Ich will gehen und es suchen.«

»Draußen auf dem Lande! Draußen im Walde an dem weiten Meer!«

 

*

Da draußen liegt ein alter Edelhof mit roten Mauern, zackigem Giebel und wehender Fahne auf dem Turm. Die Nachtigall singt unter dem fein gewimperten Buchenblatt, während sie die blühenden Apfelbäume des Gartens ansieht und glaubt, daß sie Rosen tragen. Hier sind in der Sommersonne die Bienen gar emsig, und mit Gesumme umschwärmen sie ihre Königin. Die Spätjahrsstürme wissen von der wilden Jagd zu erzählen, von dem Menschengeschlecht und dem Laub des Waldes, das dahinfährt. Zur Weihnachtszeit singen die wilden Schwäne draußen auf dem offenen Wasser, während man sich drinnen am Kaminfeuer geneigt fühlt, alten Liedern und Sagen zu lauschen.

Unten in dem alten Teil des Gartens, wo die große Allee der wilden Kastanien mit seinem Halbdunkel lockt, ging der Mann, der das Märchen suchte. Hier hatte ihm einst der Wind von Waldemar Doe und seinen Töchtern gesungen. Die Dryade des Baumes – es war das Märchenmütterchen selbst – hatte ihm hier den Traum der alten Eiche erzählt. In Großmutters Zeiten standen hier beschnittene Hecken: nun wachsen hier Farnkräuter und Nesseln. Sie breiteten sich über die gestürzten Trümmer der alten Steinfiguren aus. Moos wuchs in ihren Augen; aber sie konnten deshalb doch ebensogut sehen wie früher. Aber der Mann, der dem Märchen nachsuchte, sah nicht mehr so gut: er sah das Märchen nicht. Wo war es?

Über die alten Bäume flogen die Krähen zu Hunderten und schrien: »Fort! Fort!«

Und er ging aus dem Garten über den Wallgraben in das Erlengehölz. Dort stand ein kleines, sechseckiges Haus mit Hühnerhof und Entenhof. Mitten in der Stube saß die alte Frau, welche das Ganze leitete und die von jedem Ei wußte, das gelegt wurde, jedem Küchlein, das aus dem Ei kam. Aber sie war das Märchen nicht, das der Mann suchte; sie konnte es durch ihren Taufschein und ihren Impfschein beweisen, die in der Schieblade lagen.

Nicht weit von dem Hause erhebt sich ein Hügel mit Rotdorn und Goldregen. Hier liegt ein alter Grabstein, der vor vielen Jahren von dem städtischen Kirchhof hierher gekommen war, ein Gedenkstein an einen der ehrenfesten Ratsherren der Stadt. Seine Hausfrau und seine fünf Töchter stehen mit gefalteten Händen und Halskrause in Stein gehauen um ihn herum. Betrachtete man sie lange, so schienen sie einzuwirken auf die Gedanken, und diese wirkten wieder auf den Stein zurück, so daß er von alten Zeiten erzählte. Wenigstens erging es dem Manne so, der das Märchen suchte. Indem er nun daherkam, sah er einen lebenden Schmetterling auf der Stirn des steinernen Ratsherrn sitzen. Er schlug mit den Flügeln, flog ein kleines Stück fort und setzte sich dicht neben den Grabstein nieder, als wollte er zeigen, was dort wüchse. Dort wuchs ein vierblättriger Klee, ganze sieben wuchsen dort beieinander. Kommt das Glück, so kommt es vollauf! Er pflückte die Kleeblätter und steckte sie in die Tasche. Glück ist fast so gut wie bares Geld; aber ein neues schönes Märchen wäre doch noch besser, dachte der Mann. Aber das fand er hier nicht.

Die Sonne ging unter, rot und groß; die Wiesen dampften; die Moorfrau braute.

 

*

Es war spät am Abend, der Mann stand allein in seinem Zimmer und sah hinaus auf den Garten und die Wiese, das Moor und den Strand. Der Mond schien hell; ein weißer Nebel lag über den Wiesen, die einem großen See glichen. Und wie die Sage ging, waren sie es auch einst gewesen, und im Mondenschein zeigte sich nun das Bild der Sage. Da dachte der Mann an das, was er in der Stadt gelesen hatte, daß Wilhelm Tell und Holger Danske nicht gelebt hätten; aber im Volksglauben leben sie doch, wie der See hier draußen, sind lebendige Bilder der Sage. Ja, Holger Danske kommt wieder!

Indem er so stand und dachte, schlug etwas laut gegen das Fenster. War es ein Vogel? Eine Fledermaus oder eine Eule? Ja, ihnen öffnet man nicht, wenn sie anklopfen. Aber da sprang das Fenster von selbst auf, und eine alte Frau sah zu dem Manne herein. »Was beliebt,« sagte er, »Wer seid Ihr? Steht Ihr auf einer Leiter? Ihr seht ja ins erste Stockwerk hinein!«

»Sie haben einen vierblättrigen Klee in der Tasche,« sagte sie, »ja, Sie haben ganze sieben, von denen einer sechsblättrig ist.«

»Wer seid Ihr?« fragte der Mann.

»Die Moorfrau,« sagte sie; »die Moorfrau, die braut. Ich war gerade fertig: der Zapfen saß schon in der Tonne, aber da riß eins der kleinen Moorkinder voller Mutwillen den Zapfen heraus und warf ihn hierher in den Hof, wo er gegen das Fenster schlug. Nun läuft das Bier aus dem Faß, und keinem ist damit gedient.«

»Sagt mir doch« ... sagte der Mann.

»Ja, warten Sie ein wenig,« sagte die Moorfrau, »ich habe erst etwas anderes zu tun,« und fort war sie.

Der Mann war noch dabei, das Fenster zu schließen, als die Frau wieder dastand.

»Nun ist es getan,« sagte sie, »aber das halbe Bier kann ich morgen wieder umbrauen, wenn das Wetter günstig bleibt. Na, was wollten Sie mich fragen? Ich kam wieder, weil ich stets Wort halte, und Sie haben vierblättrige Kleeblätter in der Tasche, ganze sieben, von denen eins sechsblättrig ist; das verschafft Ansehen, es ist ein Orden, welcher zwar an der Landstraße wächst, aber nicht von jedem gefunden wird. Was wollten Sie mich fragen? Stehen Sie nicht so einfältig da, ich muß bald wieder zu meinem Zapfen und meinem Fasse zurück.«

Und der Mann fragte nach den Märchen, fragte die Moorfrau, ob sie es nicht auf ihrem Wege gesehen hätte.

»O, du großes Brauhaus,« sagte die Frau; »haben Sie denn noch nicht genug Märchen. Ich glaube wirklich, daß die meisten genug davon haben, jetzt gibt es anderes zu tun, auf anderes zu achten. Selbst die Kinder sind über das Märchen hinaus. Geben Sie den Jüngelchen lieber eine Zigarre und den Dämlein ein neues Kleid: das ist ihnen lieber. Märchen anhören! Nein, jetzt gibt es wahrhaftig anderes zu tun, wichtigere Dinge zu erreichen.«

»Was meint Ihr damit?« sagte der Mann. »Und was kennt Ihr von der Welt! Ihr seht ja nur Frösche und Irrwische.«

»Ja, nehmt Euch vor den Irrwischen in acht!« sagte die Frau. »Sie sind draußen! Sie sind losgelassen! Von ihnen wollen wir sprechen! Kommen Sie zu mir ins Moor, wo meine Anwesenheit nötig ist. Dort will ich Ihnen alles sagen! Aber beeilen Sie sich, damit die sieben Kleeblätter, von denen eines sechsblättrig ist, noch frisch sind und der Mond noch scheint.«

Weg war die Moorfrau.

 

*

Die Turmuhr schlug zwölf, und ehe sie das nächste Viertel schlug, war der Mann schon jenseits des Gartens und stand auf den Wiesen. Der Nebel hatte sich gelegt; die Moorfrau aufgehört zu brauen.

»Es hat lange gedauert, bis Sie kamen,« sagte die Moorfrau. »Das Koboldzeug kommt schneller fort als die Menschen; und ich freue mich, daß ich als Kobold geboren bin.«

»Was habt Ihr mir zu sagen?« fragte der Mann. »Ist es etwas vom Märchen?«

»Können Sie niemals weiter kommen, als danach zu fragen?« sagte die Frau.

»Könnt Ihr mir denn etwas von der Zukunftspoesie sagen?« fragte der Mann.

»Werden Sie nur nicht hochtrabend!« sagte die Frau; »dann werde ich Ihnen schon antworten. Sie denken nur an die Dichterei, fragen nur nach dem Märchen, als ob es das Mädchen für alles wäre. Es ist freilich das älteste, gilt aber immer für das jüngste. Ich kenne es wohl. Ich bin auch einst jung gewesen, und das ist keine Kinderkrankheit. Ich war einst ein hübsches Elfenmädchen und tanzte mit den andern im Mondenschein, lauschte der Nachtigall, ging in den Wald und traf das Märchenfräulein, das sich immer draußen umhertrieb. Bald nahm es sein Nachtlager in der halb aufgesprungenen Tulpe oder in einer Wiesenblume; bald schlüpfte es in die Kirche hinein und hüllte sich in den Trauerflor, der von den Altarleuchtern herabhing.

»Ihr wißt gut Bescheid,« sagte der Mann.

»Ich sollte doch leicht ebensoviel wissen wie Sie,« sagte die Moorfrau. »Märchen und Poesie, ja, das sind zwei Ellen von einem Stück; sie sind überall zu Hause. Ihre Handlung und Erzählweise läßt sich leicht nachbrauen, und dann hat man sie besser und billiger. Sie sollen sie von mir umsonst haben. Ich habe eine ganze Lade voll von Poesie auf Flaschen. Es ist die Essenz, das Feinste derselben, sowohl die süße als die bittere. Ich habe alles auf Flaschen, was die Menschen an Poesie gebrauchen, um an den Feiertagen ein wenig davon ins Taschentuch zu gießen und daran zu riechen.«

»Sie erzählen ja ganz wunderliche Dinge,« sagte der Mann. »Ihr habt Poesie auf Flaschen?«

»Mehr als Sie vertragen können,« sagte die Frau. »Sie kennen doch die Geschichte von dem Mädchen, welches auf das Brot trat, um ihre neuen Schuhe nicht zu beschmutzen. Sie ist nicht nur geschrieben, sondern auch gedruckt.«

»Ich habe sie selbst erzählt,« sagte der Mann.

»Ja, dann kennen Sie sie freilich,« sagte die Frau, »und wissen, daß das Mädchen gleich in die Erde zur Moorfrau sank, gerade als des Teufels Großmutter ihr einen Besuch machte, um die Brauerei zu besehen. Sie sah das Mädchen und bat sie sich für ein Postament aus, als Erinnerung an den Besuch, und erhielt es. Als Gegengeschenk erhielt ich eine Reiseapotheke, welche ich noch nicht benutzt habe, eine ganze Lade voll von Poesie auf Flaschen. Die Großmutter sagte, wo die Lade stehen sollte, und dort steht sie noch. Sehen Sie sie sich einmal an. Sie haben ja vierblättrigen Klee in der Tasche, ganze sieben, von denen einer sechsblättrig ist; Sie werden sie schon sehen können.«

Und wirklich, mitten in dem Moore lag etwas wie ein großer Erlenstamm, das war Großmutters Lade. Sie stände für ihn und für jedermann aus allen Ländern und zu allen Zeiten offen, sagte die Moorfrau, wenn sie nur wüßten, wo die Lade stände. Sie war vorn und hinten zu öffnen, an allen Seiten und Ecken, ein wahres Kunstwert, und sah doch nur aus wie ein alter Erlenstamm. Die Dichter aller Länder, besonders unseres Landes, waren hier nachgeahmt. Ihr Geist war ausspekuliert, rezensiert, renoviert, konzentriert und auf Flaschen gezogen. Mit seinem Instinkt, wenn man nicht Genie sagen will, hatte Großmutter das in der Natur ergriffen, was nach diesem oder jenem Dichter schmeckte, etwas Teufelskram hinzugesetzt, und hatte so ihre Poesie auf Flaschen für alle Zeiten erhalten.

»Laßt mich einmal sehen,« sagte der Mann.

»Ja, aber es gibt jetzt wichtigere Dinge zu hören,« sagte die Moorfrau.

»Aber nun sind wir bei der Lade,« sagte der Mann und sah hinein. »Hier sind Flaschen in allen Größen. Was ist in dieser? Und was in jener?«

»Dies ist sogenannter Maienduft,« sagte die Frau, »ich habe ihn noch nicht versucht; aber ich weiß, gießt man von ihm nur einen Tropfen auf die Erde, so entsteht sofort ein schöner Waldsee mit Wasserrosen, Schlangenkraut und wilder Krauseminze. Schüttet man nur zwei Tropfen über ein altes Aufsatzheft, selbst auf eins der untersten Klasse, so wird es zu einer ganzen Duftkomödie, welche sich sehr gut aufführen läßt und bei der man leicht einschlafen kann, so stark duftet sie. Es sollte wohl eine Schmeichelei für mich sein, daß auf der Flasche steht: ›Gebräu der Moorfrau.‹

Hier steht die ›Skandalflasche.‹ Sie sieht aus, als ob sie nur schmutziges Wasser enthält, und es ist auch schmutziges Wasser, aber mit Brausepulver aus Stadtklatsch, drei Lot Lügen und zwei Gran Wahrheit, und mit einem Birkenzweig umgerührt, der nicht aus einer Spießrute, die in Salzlake gelegen und aus dem blutigen Rücken eines Sünders geschnitten wurde, nicht ein Stumpf aus der Rute des Schulmeisters ist, – nein, der direkt dem Besen entstammt, der den Rinnstein fegte.

Hier steht die Flasche mit der frommen Poesie im Gesangbuchton. Jeder Tropfen hat einen Klang wie das Knallen der Höllenpforte und ist mit dem Blute und dem Schweiße der Geißelung zubereitet. Einige sagen, es sei nur Taubengalle; aber die Tauben sind fromme Tiere, die haben keine Galle, sagen die Menschen, die keine Naturgeschichte wissen.

Hier stand die Flasche aller Flaschen; sie nahm die halbe Lade ein: Die Flasche mit den Alltagsgeschichten. Sie war mit Blasenpapier und Schweinsleder zugebunden. Denn sie kann es nicht vertragen, etwas von ihrer Kraft zu verlieren. Jedes Volk konnte sich hier seine eigene Suppe bereiten, welche, je nachdem man die Flasche drehte und wendete, herauskam. Hier gab es alte deutsche Blutsuppe mit Räuberklößen, auch dünne Hausmannssuppe mit wirklichen Hofräten, die wie Wurzeln drin lagen, und oben schwammen einige philosophische Fettaugen. Da gab es englische Gouvernantensuppe und französische »Potage à la coque« aus Hahnenbein und Sperlingsei zubereitet, auf dänisch Cancansuppe genannt; aber die beste war doch die Kopenhagener Familiensuppe.

Hier standen Trauerspiele in Champagnerflaschen; sie konnten knallen, und das sollen sie. Das Lustspiel sah wie feiner Sand aus, der den Leuten in die Augen gestreut wurde, das heißt das feinere Lustspiel. Das gröbere war auch auf Flaschen gezogen, bestand aber nur aus Inhaltsangaben, wovon die Namen der Stücke das Kräftigste waren. Es waren ausgezeichnete Lustspieltitel darunter, wie: »Wer darf Dichtungen begeifern?« »Der Vielfraß.« »Der süße Esel.« »Sie ist proppenvoll.«

Der Mann versank in tiefes Nachdenken; aber die Gedanken der Moorfrau eilten vorwärts; sie wollte zu Ende kommen.

»Nun haben Sie den Kasten wohl genug betrachtet,« sagte sie; »nun wissen Sie, was darin ist; aber das wichtigste, das Sie wissen sollten, wissen Sie noch nicht. Die Irrwische sind in der Stadt. Das hat mehr zu bedeuten als Poesie und Märchen. Ich sollte eigentlich den Mund halten, aber es muß eine Fügung, eine Schickung sein, die mich zwingt. Es sitzt mir in der Kehle, es muß heraus. Die Irrwische sind in der Stadt! Sie sind losgelassen! Ihr Menschen nehmt euch in acht.«

»Davon verstehe ich kein Wort,« sagte der Mann.

»Seien Sie so gut und setzen Sie sich auf die Lade,« sagte sie, »aber brechen Sie nicht ein und schlagen Sie mir die Flaschen nicht entzwei. Sie wissen ja, was darin ist. Ich will Ihnen ein großes Ereignis erzählen, es ist noch keinen Tag alt, hat sich aber auch schon früher zugetragen. Diesmal dauert es noch 364 Tage. Sie wissen doch, wie viele Tage das Jahr hat?«

 

*

Und die Moorfrau erzählte:

Hier draußen im Sumpf war gestern etwas Großes im Werke. Hier war Kinderfest! Ein kleiner Irrwisch wurde geboren, nein, zwölf von der Art wurden geboren, denen gegeben ist, sobald sie wollen, als Menschen aufzutreten und unter ihnen zu wandeln und zu handeln, als wären sie geborene Menschen. Das ist ein großes Ereignis im Sumpfe, und deshalb tanzten alle kleinen Lichtlein über Moor und Wiese, alle Irrwischmännlein und Irrwischfräulein. Ja, es gibt auch Frauen unter uns, aber von ihnen redet man nicht. Ich saß auf der Lade und hatte alle zwölf kleinen neugeborenen Irrwische auf meinem Schoß. Sie leuchteten wie Glühwürmchen; sie fingen schon an zu hüpfen, und jede Minute nahmen sie an Größe zu, so daß, ehe eine Viertelstunde um war, jeder von ihnen so groß wie Vater und Onkel war. Nun ist es ein altes angeborenes Recht, oder vielmehr eine besondere Vergünstigung, daß, wenn der Mond gerade so steht, wie er gestern stand, und der Wind weht, wie er gestern wehte, es allen Irrwischen, welche in dieser Stunde und Minute geboren werden, erlaubt und vergönnt ist, Menschen werden zu können, und jeder von ihnen während eines ganzen Jahres im weitesten Umkreise seine Macht ausüben darf. Der Irrwisch kann im ganzen Land, ja in der ganzen Welt umherschweifen, wenn er nicht fürchtet, ins Meer zu fallen oder in einem heftigen Sturm ausgeblasen zu werden. Er kann direkt in einen Menschen hineinfahren, für ihn sprechen und alle Bewegungen machen, die er will. Der Irrwisch kann jede beliebige Gestalt annehmen, sei es Männlein oder Fräulein, in ihrem Geist, aber doch seiner Natur gemäß handeln, so daß er erreicht, was er will. Aber er muß es verstehen, in einem Jahre 365 Menschen auf Irrwege zu führen, auf wirkliche Irrwege, und sie von der Wahrheit und der Sitte fortzuführen. Dann erreicht er das Höchste, wozu es ein Irrwisch bringen kann, vor der Staatskutsche des Teufels voranzulaufen, einen feuerroten Rock zu tragen und aus dem Munde Flammen zu atmen. Aber für den ehrgeizigen Irrwisch, der diese Rolle zu spielen trachtet, gibt es große Gefahren und viele Beschwerden. Gehen dem Menschen die Augen darüber auf, wer er eigentlich ist, und kann er ihn wegblasen, so ist er verloren, und er muß in seinen Sumpf zurück, und wenn den Irrwisch, ehe das Jahr zu Ende ist, Sehnsucht nach seiner Familie befällt und er seine Absicht aufgibt, so ist er ebenfalls verloren, kann nicht länger klar brennen, geht bald aus und kann nicht wieder entzündet werden, und ist das Jahr zu Ende, und hat er noch nicht 365 Menschen von dem, was wahr, gut und schön ist, fortgeführt, so ist er verdammt, in einem modernden Stamme zu liegen und zu leuchten, ohne sich rühren zu können, und das ist die fürchterlichste Strafe für einen unsteten Irrwisch. Das alles wußte ich, und das alles sagte ich den kleinen Irrwischen, die auf meinem Schoße saßen und die sich vor Freude nicht zu lassen wußten. Ich sagte ihnen, daß es das Sicherste und Bequemste wäre, auf Ehre und hohe Stellung zu verzichten. Aber das wollten die jungen Flämmchen nicht; sie sahen sich schon feuerrot glühen und mit flammendem Munde. »Bleibt bei uns,« sagten einige der Alten. »Treibt euer Spiel mit den Menschen,« sagten andere. »Die Menschen trocknen unsere Wiesen aus, sie drainieren! Was soll da aus unseren Nachkommen werden.«

»Wir wollen flammen, hell flammen!« sagten die neugeborenen Irrwische, und damit war es abgemacht.

Für eine Minute war Ball; kürzer konnte er nicht sein!

Die Elfenmädchen schwangen sich dreimal mit allen herum, um nicht hochmütig zu erscheinen: sie tanzten viel lieber allein unter sich. Dann wurden die Patengeschenke gegeben. »Plätschern« nannte man es. Wie platte Steine flogen die Gaben in großen Sprüngen über das braune Wasser. Jedes der Elfenmädchen gab einen Zipfel ihres Schleiers: »Nimm hin,« sagte es, »dann kannst du sofort die schwierigsten Sprünge und Drehungen; wenn es not tut, erhältst du die rechte Haltung und kannst dich in der stolzesten Gesellschaft zeigen.« Der Nachtrabe lehrte jeden Irrwisch »Bra! bra! brav!« sagen, es am rechten Orte sagen, und das ist eine große Gabe, die sich lohnt. Die Eule und der Storch ließen auch etwas springen, aber sie meinten, es wäre nicht der Mühe wert, davon zu sprechen, und deshalb sprechen wir auch nicht davon. König Waldemars wilde Jagd fuhr gerade über das Moor hin, und als der Herrscher von dem Feste hörte, sandte er als Geschenk eine paar seiner Hunde, die mit der Schnelligkeit des Windes laufen und wohl zwei oder drei Irrwische tragen können. Zwei alte Nachtmare, welche sich durch Reiten ernährten, waren auch bei dem Schmaus. Sie lehrten die Irrwische die Kunst, durch ein Schlüsselloch zu schlüpfen, und wer das versteht, dem stehen alle Türen offen. Sie erboten sich auch, die jungen Irrwische in die Stadt zu führen, wo sie gut Bescheid wüßten. Sie reiten gewöhnlich auf ihrem langen Nackenhaar, welches sie, um härter zu sitzen, in einen Knoten gebunden haben, durch die Luft, Aber nun setzten sie sich quer über die Hunde der wilden Jagd, nahmen die jungen Irrwische, die fort wollten, um die Menschheit zu verlocken und zu verführen, auf ihren Schoß, und – husch! fort waren sie. Das alles geschah gestern nacht. Nun sind die Irrwische in der Stadt; nun haben sie festen Fuß gefaßt, aber wo und wie, wer will es sagen! Ich habe ein Wetterglas an meiner großen Zehe, das sagt mir schon allerlei.

»Das ist ja ein ganzes Märchen,« sagte der Mann.

»Es ist nur der Anfang für eins,« sagte die Frau. »Können Sie wohl erzählen, wie sich die Irrwische tummeln und gebärden, in welcher Gestalt sie auftreten, um die Menschen auf Irrwege zu führen?«

»Ich glaube wohl,« sagte der Mann, »daß über die Irrwische ein ganzer Roman geschrieben werden könnte, in zwölf Bänden, einen über jeden Irrwisch, oder noch besser, ein ganzes Volksstück!«

»Das sollten Sie schreiben,« sagte die Frau. »Nein, lassen Sie es lieber.«

»Ja, das ist bequemer und behaglicher,« sagte der Mann; »dann wird man nicht in der Zeitung abgekanzelt, und das ist oft ebenso unangenehm, wie für einen Irrwisch in einem modernden Baumstamm zu liegen, zu leuchten und sich nicht mucken zu dürfen.«

»Mir ist es schnuppe,« sagte die Frau; »aber lassen Sie lieber andere schreiben, die es können oder nicht können. Ich geben Ihnen gern einen Zapfen von meinem Fasse, der die Lade voll Poesie auf Flaschen öffnet. Daraus können Sie dann nehmen, wenn es Ihnen fehlt. Aber Sie, lieber Herr, scheinen mir Ihre Finger genug mit Tinte beschmutzt zu haben, und Sie müssen allgemach in ein vernünftiges Alter gekommen sein, wo man nicht mehr jedes Jahr auf die Märchenjagd geht. Es gibt nun wichtigere Dinge zu tun. Sie haben doch verstanden, was sich ereignet hat?«

»Die Irrwische sind in der Stadt,« sagte der Mann; »ich habe es gehört und verstanden. Aber was soll ich denn dabei tun? Ich würde ja geprügelt, wenn ich den Leuten sagen wollte: Seht einmal! Dort geht ein Irrwisch in einem ehrbaren Rocke.«

»Sie gehen auch in Unterröcken,« sagte die Frau. »Der Irrwisch kann jede Gestalt annehmen und an jedem Orte auftreten. Er geht zur Kirche, nicht um Gottes willen, sondern fährt vielleicht gar in den Pastor. Er spricht am Wahltage, nicht um des Volkes und des Staates willen, nein, seinetwegen. Er ist ein Künstler, sowohl vom Farbentopf als vom Theatertopf; doch gelangt er zur Macht, dann ist es mit dem Topfe vorbei. Doch ich schwatze und schwatze zum Schaden meiner eigenen Familie alles heraus, was mir in der Kehle sitzt. Aber ich soll nun einmal die Retterin der Menschen sein! Es geschieht wahrhaftig nicht aus gutem Willen oder wegen der Rettungsmedaille! Ich tue das Verkehrteste, was ich kann, ich sage es einem Dichter, und dann erfährt es bald die ganze Stadt.«

»Die Stadt nimmt es sich doch nicht zu Herzen,« sagte der Mann.

»Es wird keinen einzigen anfechten; sie werden alle glauben, daß ich ihnen ein Märchen erzähle, wenn ich ihnen im vollsten Ernst zurufe: »Die Irrwische sind in der Stadt, sagt die Moorfrau; nehmt euch in acht.«

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