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Andersens Märchen

Hans Christian Andersen: Andersens Märchen - Kapitel 39
Quellenangabe
authorHans Christian Andersen
titleAndersens Märchen
publisherWeltbild
yearo.J.
illustratorHans Tegner
firstpub1909
translatorPauline Klaiber
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20180616
projectid75931ba8, e0589c45
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Bild: Hans Tegner

Die Sparbüchse

Die ganze Kinderstube war voll Spielzeug. Ganz oben auf dem Schranke stand die Sparbüchse. Die war von Ton und hatte die Gestalt eines Schweins. Auf dem Rücken hatte das Schwein einen Spalt, der mit einem Messer noch vergrößert war, damit auch Silbertaler hineingingen, und es waren auch wirklich außer vielen Kupfermünzen schon zwei hineingewandert. Die Sparbüchse war so vollgestopft, daß sie nicht mehr klirrte, und das ist das Höchste, wozu es eine Sparbüchse bringen kann. Da stand nun das Schweinchen oben auf dem Schrank und schaute stolz auf alles in der Stube hinab; denn es wußte ja, daß es mit dem, was es in seinem Leibe barg, all das Spielzeug kaufen konnte, und das verleiht eine gewisse Würde.

Das dachten die andern auch, obgleich sie es nicht aussprachen. Es gab so gar viel anderes zu besprechen. Eine der Schubladen der Kommode war halb herausgezogen, und darin zeigte sich eine große Puppe, die schon etwas alt und am Halse genietet war. Sie schaute heraus und rief: »Wollen wir jetzt Menschen spielen? Das ist doch immer etwas!« Da entstand eine allgemeine Bewegung. Selbst die Bilder an den Wänden drehten sich um, um zu zeigen, daß auch sie eine Rückseite hatten; aber sie taten es durchaus nicht, um ihre Mißbilligung kundzugeben.

Es war mitten in der Nacht. Der Mond schien hell zum Fenster herein, und so hatte man die Beleuchtung umsonst. Nun sollte das Spiel beginnen, und jedermann war eingeladen, selbst der Kinderwagen, der doch zum gewöhnlicheren Spielzeug gehörte. »Jeder hat seinen besonderen Vorzug«, meinte er, »es können nicht alle vom Adel sein! Einer muß die Arbeit verrichten, wie man zu sagen pflegt.«

Das Geldschweinchen allein hatte die Einladung schriftlich erhalten. Es stand zu hoch droben, und man fürchtete, es werde einer mündlichen Aufforderung nicht Folge leisten. Es gab auch keine Antwort, ob es komme, und es kam auch nicht. Wenn es sich beteiligen sollte, so konnte es nur von seiner Wohnung aus geschehen; darnach konnten die andern sich richten, und sie taten es.

Das kleine Puppentheater wurde sofort so aufgestellt, daß das Geldschweinchen gerade hinein sehen konnte. Es sollte zuerst Komödie gespielt werden, und dann sollte eine Teegesellschaft mit »Verstandesübung« stattfinden, und man begann auch sogleich, sich zu üben. Das Schaukelpferd sprach von Trainieren und von Vollblut, der Kinderwagen von Eisenbahnen und Dampfkraft – das gehörte ja zu ihrem Fache, da konnten sie ein Wort mitsprechen – die Stubenuhr sprach von Politik – tik – tik! Sie wußte, was die Glocke geschlagen hatte, wenn man auch behauptete, sie gehe nicht ganz richtig. Der Rohrstock mit dem silbernen Knopfe stand stolz auf seiner spitzigen Zwinge; er war ja oben und unten beschlagen. Auf dem Sofa lagen zwei gestickte Kissen, die zwar sehr niedlich, aber ein bißchen dumm waren – nun konnte die Komödie beginnen.

Bild: Hans Tegner

Alle saßen da und schauten zu. Darauf schlug jemand vor, man soll auch klatschen, knallen und poltern, um der allgemeinen Befriedigung Ausdruck zu verleihen. Allein die Reitpeitsche erklärte, sie knalle niemals den Alten, sondern nur den Unverlobten zu Ehren. »Ich aber knalle für jedermann!« rief die Knallerbse. »Ja, mit einem muß ich es doch halten!« meinte der Spucknapf. Das waren so die Gedanken, mit denen sich die Zuschauer beschäftigten. Das Stück selbst taugte nicht viel, aber es wurde sehr gut gegeben. Sämtliche Schauspieler wandten die gemalte Seite dem Publikum zu; denn von der Rückseite konnten sie sich nicht sehen lassen. Alle spielten ausgezeichnet und ganz im Vordergrunde der Bühne. Der Draht, an dem sie geleitet wurden, war zwar etwas zu lang, aber dadurch konnte man sie um so besser sehen. Die genietete Puppe wurde so gerührt, daß sich die Niete in ihrem Halse löste; und das Geldschweinchen war so tief ergriffen, daß es beschloß, für einen der Schauspieler etwas zu tun und in seinem Testament zu bestimmen, daß er, wenn einst die Zeit komme, mit ihm im offenen Grabe liegen solle.

Es war in der Tat ein so großer Genuß, daß man von der Teegesellschaft Abstand nahm und sofort zu den »Verstandesübungen« überging, was man »Menschen spielen« nannte. Und dabei war durchaus keine böse Absicht, man spielte ja nur. Jeder dachte nur an sich selbst, sowie daran, was wohl das Geldschweinchen denke. Dessen Gedanken aber schweiften am weitesten in die Zukunft hinaus; denn es dachte ja an Testament und Begräbnis – ja, wann würde das wohl stattfinden – stets, ehe man es erwartet. – Krach! da fiel es vom Schranke herunter – und lag nun auf dem Boden in tausend Scherben, während die Groschen lustig umhertanzten und sprangen. Die kleinsten drehten sich wie ein Kreisel im Ring herum; die großen rollten davon; namentlich der eine Silbertaler, der wollte durchaus in die Welt hinaus. Sein Wunsch ging auch in Erfüllung, er und alle seine Gefährten wanderten weit in der Welt umher. Die Scherben des Geldschweinchens kamen in den Mülleimer, aber schon am nächsten Tage stand auf dem Schrank ein neues irdenes Geldschweinchen. Noch war kein Groschen darin, und deshalb konnte es auch nicht rasseln; darin glich es dem andern. Das war doch immerhin ein Anfang – und damit wollen wir schließen.

Bild: Hans Tegner

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