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Andersens Märchen

Hans Christian Andersen: Andersens Märchen - Kapitel 37
Quellenangabe
authorHans Christian Andersen
titleAndersens Märchen
publisherWeltbild
yearo.J.
illustratorHans Tegner
firstpub1909
translatorPauline Klaiber
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20180616
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Der fliegende Koffer

Es war einmal ein Kaufmann, der so reich war, daß er die ganze Straße und fast noch ein Seitengäßchen dazu mit lauter harten Talern pflastern konnte. Allein das tat er nicht; er wußte sein Geld anders zu verwerten. Wenn er einen Dreier ausgab, bekam er immer gleich einen Taler wieder; ja solch ein tüchtiger Kaufmann war er – aber schließlich mußte er doch sterben.

Nun bekam sein Sohn all das viele Geld. Dieser lebte herrlich und in Freuden, ging jede Nacht auf Maskenbälle, machte Papierdrachen aus Banknoten und warf auf dem See Hüpfsteine mit Goldstücken anstatt mit flachen Steinen.

Bild: Hans Tegner

Auf diese Weise konnte das Geld schon abnehmen, und das tat es auch. Zuletzt besaß er nur noch vier Groschen und hatte keine andern Kleider mehr als ein paar Pantoffeln und einen alten Schlafrock.

Nun kümmerten sich seine Freunde nicht länger um ihn, da sie sich ja auf der Straße nicht mit ihm sehen lassen konnten. Nur einer von ihnen, ein gutmütiger Mensch, schickte ihm einen alten Koffer und ließ ihm sagen: »Pack ein!«

Das war nun allerdings recht schön von dem Freund; aber der Kaufmannssohn hatte ja nichts einzupacken, und deshalb setzte er sich selbst in den Koffer.

Das war ein merkwürdiger Koffer! Sobald man auf das Schloß drückte, konnte er fliegen. Das tat nun der Kaufmannssohn – und husch, husch! flog der Koffer mit ihm durch den Schornstein hinauf und über die Wolken weiter und immer weiter fort. Mitunter knackte der Boden bedenklich, und der Insasse hatte große Angst, der Koffer könne zerbersten, und dann hätte er einen ordentlichen Purzelbaum gemacht. Schließlich kam er aber doch wohlbehalten in der Türkei an.

Den Koffer verbarg er im Wald unter dürren Blättern und ging dann in die Stadt hinein. Hier konnte er wohl umhergehen, denn bei den Türken trägt ja jedermann Schlafrock und Pantoffeln.

Da begegnete er einer Amme mit einem kleinen Kinde. »Höre, Türkenamme«, sagte er, »was ist das für ein großes Schloß hier dicht bei der Stadt, dessen Fenster so hoch oben sind?«

»Dort wohnt die Tochter des Kaisers«, erwiderte sie. »Es ist ihr prophezeit worden, daß sie über einen Geliebten sehr unglücklich werden würde, und deshalb darf sie, wenn der Kaiser und die Kaiserin nicht zugegen sind, kein Mensch besuchen.«

»Ich danke für die Auskunft!« sagte der Kaufmannssohn. Dann ging er wieder in den Wald hinaus, setzte sich in seinen Koffer, flog darin auf das Dach des Schlosses und kroch durch ein Fenster zu der Prinzessin hinein.

Sie lag auf dem Sofa und schlief und war so wunderschön, daß er sie küssen mußte. Da erwachte sie und erschrak heftig. Er aber sagte zu ihr, er sei der Türkengott, der durch die Luft zu ihr gekommen sei, und das gefiel ihr ungemein.

Dann setzten sie sich nebeneinander, und er lobte ihre schönen Augen und sagte, sie seien die herrlichsten dunklen Seen, in denen die Gedanken gleich Meerweibchen herumschwämmen. Von ihrer Stirne sagte er, sie sei ein Schneeberg mit den prächtigsten Sälen und Bildern. Auch erzählte er ihr vom Storch, der die niedlichen kleinen Kinderchen bringt. Ach, das waren herrliche Geschichten!

Darauf freite er um die Prinzessin, und sie sagte sogleich »ja«.

»Aber Sie müssen am Sonnabend wiederkommen, da trinken meine Eltern den Tee bei mir. Sie werden sehr stolz darauf sein, daß ich den Türkengott als Gatten bekomme. Aber sorgen Sie dafür, daß Sie ein recht schönes Märchen erzählen können; denn das ist meinen Eltern die liebste Unterhaltung. Meine Mutter hört gern moralische und vornehme und mein Vater lustige, über die man lachen kann.«

»Gut, ich werde keine andere Morgengabe bringen als ein Märchen«, sagte der Kaufmann, und dann trennten sie sich. Aber die Prinzessin schenkte ihm einen mit Goldstücken besetzten Degen, und die waren ihm besonders willkommen.

Nun flog er fort, kaufte sich einen neuen Schlafrock und saß dann draußen im Walde, eifrig an seinem Märchen dichtend. Denn es mußte ja bis zum Sonnabend fertig sein, und das Märchendichten ist gar nicht so leicht.

Als es endlich fertig war, siehe, da war es auch gerade Sonnabend.

Bei der Prinzessin wartete der Kaiser und die Kaiserin und der ganze Hof mit dem Tee auf ihn. Er wurde sehr freundlich empfangen.

»Wollen Sie uns nun ein Märchen erzählen?« begann die Kaiserin. »Eines, das tiefsinnig und bildend ist.«

»Worüber man aber doch auch lachen kann«, sagte der Kaiser.

»Jawohl!« erwiderte der Kaufmannssohn und erzählte. Nun wohl aufgepaßt!

Es war einmal ein Bund Schwefelhölzer, die auf ihre vornehme Abkunft sehr stolz waren. Ihr Stammbaum, das heißt, die große Fichte, von der jedes Hölzchen ein ganz kleines Stück war, das war ein ganz alter Baum draußen im Wald gewesen.

Die Schwefelhölzer lagen nun zwischen einem Feuerzeug und einem alten eisernen Topfe auf dem Bord in der Küche, und diesen erzählten sie aus ihrer Jugend.

»Ja, als wir auf dem grünen Ast waren«, sagten sie, »da waren wir wirklich auf einem grünen Zweig. Jeden Abend und Morgen gab es Diamanttee, das war der Tau. Den ganzen Tag hatten wir Sonnenschein, das heißt, die Sonne schien, und alle die kleinen Vögel mußten uns Geschichten erzählen. Wir konnten wohl merken, daß wir auch reich waren; denn die Laubholzbäume waren nur im Sommer bekleidet, aber unsre Familie hatte die Mittel, sommers und winters grüne Kleider zu tragen. Dann aber kamen die Holzhauer, und es brach eine große Revolution im Walde aus. Unsere Familie wurde zersplittert.

Der Stammherr erhielt einen Platz als Hauptmast auf einem prächtigen Schiffe, das eine Fahrt um die ganze Welt machen konnte, wenn es wollte. Die andern Zweige fanden anderweitig Stellen, und wir haben nun die Aufgabe, der niederen Menge das Licht anzuzünden, darum sind wir vornehmen Leute hier in die Küche gekommen.«

Bild: Hans Tegner

»Ich habe ein anderes Schicksal gehabt«, sagte der eiserne Topf, neben dem die Schwefelhölzer lagen. »Seit ich das Licht der Welt erblickte, bin ich vielmals gescheuert und glühend gemacht worden. Ich sorge für das Nahrhafte und bin eigentlich der erste hier im Hause. Meine einzige Freude ist, nach Tisch rein und fein auf meinem Platz zu liegen und mich mit den Kameraden vernünftig zu unterhalten. Mit Ausnahme des Wassereimers, der doch bisweilen auf den Hof hinunterkommt, leben wir hier jedoch ganz hinter geschlossenen Türen. Unser einziger Neuigkeitsbote ist der Marktkorb; aber der redet mir zu aufrührerisch über die Regierung und das Volk. Erst neulich fiel ein alter Topf aus Schrecken darüber auf den Boden und zersprang. Ja, der ist freisinnig, das kann ich euch versichern!«

»Jetzt sprichst du zu viel«, sagte das Feuerzeug, und der Stahl schlug gegen den Feuerstein, daß Funken sprühten.

»Wollen wir uns nicht einen lustigen Abend machen?«

»Ja, wir wollen davon reden, wer der vornehmste unter uns ist«, sagten die Schwefelhölzer.

»Nein, ich spreche nicht gern von mir selbst«, versetzte der tönerne Topf, »aber ich schlage eine Abendunterhaltung vor. Ich will auch den Anfang machen und etwas erzählen, das jeder wohl selbst einmal erlebt hat. Da kann man sich so leicht hineinversetzen, und jedermann ist vergnügt dabei. Also hört: An der Ostsee bei den dänischen Buchen – – –!«

»Das ist ein hübscher Anfang«, riefen alle Teller, »das wird gewiß eine Geschichte, die uns allen gefällt!«

»Ja, dort verlebte ich meine Jugend bei einer stillen Familie. Die Möbel wurden gebohnert, der Fußboden aufgewaschen und alle vierzehn Tage reine Vorhänge aufgesteckt.«

»Wie interessant Sie erzählen!« sagte der Kehrbesen. »Man hört doch gleich, daß ein weibliches Wesen erzählt, es zieht etwas so Reines hindurch.«

»Ja, das fühlt man«, sagte der Wassereimer und machte dabei vor Freude einen kleinen Satz, daß das Wasser auf den Boden platschte.

Der Topf fuhr in seiner Erzählung fort, und das Ende entsprach dem Anfang.

Die Teller klirrten vor lauter Freude; der Kehrbesen aber zog grüne Petersilie aus dem Sandloch und bekränzte damit den Topf, weil er wußte, daß das die andern ärgerte. Auch dachte er: »Bekränze ich ihn heute, bekränzt er mich morgen.«

»Nun will ich tanzen«, sagte die Feuerzange und begann sich im Kreise zu drehen. Lieber Gott, wie konnte sie das eine Bein in die Höhe schwenken! Der alte Stuhlüberzug dort in der Ecke zerplatzte bei diesem Anblick.

»Werde ich nun auch bekränzt?« fragte die Feuerzange; und sie wurde es.

»Das ist doch nur Pöbel«, dachten die Schwefelhölzer.

Nun sollte die Teemaschine singen. Aber sie schützte eine Erkältung vor und sagte, sie könne nur im kochenden Zustand singen. Doch war es eigentlich lauter Vornehmtuerei. Sie wollte eben nur auf dem Tisch drinnen bei der Herrschaft singen.

Auf dem Fenstersims lag eine alte Feder, mit der die Magd zu schreiben pflegte. Es war nichts Bemerkenswertes an ihr, außer daß sie zu tief ins Tintenfaß getaucht worden war; allein gerade darauf tat sie sich etwas zugut. »Wenn die Teemaschine nicht singen will, so soll sie es bleiben lassen«, sagte sie. »Im Bauer draußen sitzt eine Nachtigall, die singt wunderschön; sie hat zwar nichts weiter gelernt, aber das wollen wir heute abend übersehen.«

»Ich finde es im höchsten Grade unpassend«, begann der Teelöffel, der das Amt eines Küchensängers bekleidete und ein Halbbruder der Teemaschine war, »daß wir einen fremden Vogel anhören sollen. Ist das etwa patriotisch? Ich fordere den Marktkorb auf, sich darüber auszusprechen.«

»Ich ärgere mich«, sagte der Marktkorb, »ja, ich ärgere mich über alle Maßen, so daß es sich gar niemand vorstellen kann. Ist es wohl passend, den Abend auf diese Weise zu verleben? Wäre es nicht weit vernünftiger, das ganze Haus einmal in Ordnung zu bringen? Jeder würde dann seinen gebührenden Platz bekommen, und ich wäre der Festordner.«

Bild: Hans Tegner

Plötzlich ging die Türe auf, und das Dienstmädchen trat herein. Nun standen alle still und keines wagte sich zu mucksen. In der ganzen Küche war nicht ein Topf, der nicht von dem Gefühl seiner Vornehmheit tief durchdrungen gewesen wäre. »Ja, wenn ich nur gewollt hätte«, dachte ein jeder, »dann wäre es ein lustiger Abend geworden!«

Das Dienstmädchen ergriff die Schwefelhölzer und machte Feuer mit ihnen an. Himmel, wie sie sprühten und aufflammten!

»Nun kann jeder sehen, daß wir die ersten sind«, dachten sie. »Welchen Glanz, welches Feuer wir haben!« und dann waren sie verbrannt. –

»Das war ein herrliches Märchen!« sagte die Kaiserin. »Ich fühlte mich im Geist ganz zu den Schwefelhölzern in die Küche versetzt. Ja, nun sollst du unsere Tochter bekommen.«

»Jawohl«, sagte der Kaiser, »am Montag sollst du unsre Tochter bekommen.« Nun sagten sie »du« zu ihm, weil er ja in die Familie aufgenommen werden sollte.

Die Hochzeit war also festgesetzt und am vorhergehenden Abend die ganze Stadt illuminiert. Wecken und Brezeln wurden verteilt; die Straßenjungen drängten sich auf den Gassen, riefen »Hurra« und pfiffen auf den Fingern. Es war wundervoll!

»Ich muß wohl auch daran denken, das meinige zu den Feierlichkeiten beizutragen«, dachte der Kaufmannssohn, ging hin, kaufte sich Raketen, Knallerbsen und alles erdenkliche Feuerwerk, legte es in seinen Koffer und flog damit in die Luft empor. Rutsch! brannte er das Feuerwerk ab. Wie das puffte und knallte! Alle Türken hüpften und tanzten, daß ihnen die Pantoffeln um die Ohren flogen. Solche Lufterscheinungen hatten sie noch nie gesehen. Nun glaubten sie ganz gewiß, daß es der Türkengott selbst sei, der die Prinzessin bekommen sollte.

Nachdem sich der Kaufmannssohn mit seinem Koffer wieder in den Wald hinabgelassen hatte, dachte er: »Ich will doch in die Stadt gehen und hören, wie sich das Feuerwerk ausgenommen hat.« Es war auch wohl begreiflich, daß er Lust dazu hatte. Nein, was die Leute alles erzählten! Jeder, bei dem er sich erkundigte, hatte es auf andere Weise gesehen, aber alle hatten es prachtvoll gefunden.

»Ich sah den Türkengott selbst«, sagte ihm einer. »Er hatte Augen wie funkelnde Sterne und einen Bart wie schäumende Wogen.«

»Er flog in einem feurigen Mantel«, berichtete ein anderer, »und die lieblichsten Engelsköpfchen schauten zwischen den Falten hervor.«

Das waren ja ausgezeichnete Dinge, die der Kaufmannssohn zu hören bekam, und am nächsten Tag sollte die Hochzeit sein.

Darauf ging er wieder zurück in den Wald, um sich in seinen Koffer zu setzen – aber wo war dieser? Der Koffer war verbrannt. Von dem Feuerwerk war ein Funken zurückgeblieben und hatte den Koffer in Asche gelegt. Nun konnte der Kaufmannssohn nicht mehr fliegen und daher auch nicht mehr zu seiner Braut gelangen.

Bild: Hans Tegner

Sie aber stand den ganzen Tag auf dem Dache und harrte seiner. Sie wartete auch heute noch. Er aber zieht in der Welt umehr und erzählt Märchen, die jedoch nicht mehr so lustig sind als die von den Schwefelhölzern.

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