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Andersens Märchen

Hans Christian Andersen: Andersens Märchen - Kapitel 35
Quellenangabe
authorHans Christian Andersen
titleAndersens Märchen
publisherWeltbild
yearo.J.
illustratorHans Tegner
firstpub1909
translatorPauline Klaiber
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20180616
projectid75931ba8, e0589c45
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Es ist ganz gewiß

Es ist eine ganz entsetzliche Geschichte!« sagte eine Henne, und zwar sagte sie es gerade auf jener Seite des Dorfes, wo sich die Geschichte gar nicht zugetragen hatte. »Es ist eine entsetzliche Geschichte aus dem Hühnerhause. Ich hätte wirklich Angst, heute nacht allein zu schlafen. Es ist nur gut, daß unserer viele beieinander auf der Stange sitzen.« Darauf erzählte sie, so daß den andern Hühnern die Federn sich sträubten, und der Hahn den Kamm sinken ließ. Es ist ganz gewiß! Aber wir wollen von vorne beginnen. Es trug sich in einem Hühnerhause auf der andern Seite des Dorfes zu. Die Sonne ging unter, und die Hühner flogen auf. Darunter war eine Henne, eine weiß gefiederte mit kurzen Beinen, die ihre vorschriftsmäßigen Eier legte und als Henne in jeder Beziehung rechtschaffen war. Als diese nun auf die Hühnerstange geflogen war, strich sie sich mit dem Schnabel das Gefieder glatt und verlor dabei eine kleine Feder. »Da geht sie hin!« sagte sie. »Je mehr ich mich rupfe, desto schöner werde ich!« Das war aber nur so im Scherz gesagt. Sie war der Spaßvogel unter den Hühnern und, wie gesagt, äußerst rechtschaffen. Darauf schlief sie ein.

Bild: Hans Tegner

Dunkelheit herrschte ringsum; Henne saß neben Henne; aber diejenige, welche der soeben erwähnten zunächst saß, schlief nicht. Sie hörte und hörte auch nicht, wie man es in der Welt ja eigentlich soll, wenn man ein behagliches Dasein führen will. Aber ihrer nächsten Nachbarin mußte sie das eben Vernommene doch mitteilen: »Hörtest du, was hier gesagt wurde? Ich nenne keinen Namen, aber – hier ist eine Henne, die sich rupfen will, um schön auszusehen. Wäre ich ein Hahn, ich würde sie verachten.«

Bild: Hans Tegner

Gerade über den Hühnern saß die Eule mit ihrem Mann und den Eulenkindern. Die ganze Familie hatte ein außerordentlich scharfes Gehör. Sie alle hörten jedes Wort, das die Nachbarhenne sagte, und da verdrehten sie die Augen, und die Eulenmutter fächelte sich mit ihren Flügeln. »Hört nur nicht hin! Aber ihr habt ja wohl alle gehört, was dort gesagt wurde? Ich hörte es mit meinen eigenen Ohren, und man kann fürwahr viel hören, ehe sie abfallen. Dort unter den Hennen ist eine, die soweit vergessen hat, was sich für eine Henne schickt, daß sie dasitzt, sich alle Federn ausrupft und es den Hahn mit ansehen läßt.«

»Prenez garde aux enfants!« sagte der Eulenvater, »das ist nichts für die Kinder!«

»Ich will es doch der gegenüberwohnenden Eule erzählen! Sie ist so ehrenwert im Umgang.« Damit flog die Mutter fort.

»Huhu! Uhu!« tuteten die beiden, und zwar gerade zu den Tauben in den Taubenschlag hinein. »Habt ihr es gehört? Habt ihr es gehört? Uhu! Eine Henne hat sich um des Hahnes willen alle Federn ausgerupft! Sie erfriert, wenn sie es nicht schon ist, uhu!«

»Wo? Wo?« girrten die Tauben.

Bild: Hans Tegner
Bild: Hans Tegner

»Auf dem gegenüberliegenden Hofe! Ich habe es so gut wie selbst gesehen. Es ist zwar unpassend, es zu erzählen, aber es ist ganz gewiß! – Glaubt, glaubt jedes einzelne Wort davon!« sagten die Tauben und girrten in ihren eigenen Hühnerstall hinab: »Eine Henne, ja, einige behaupten, es seien deren zwei, die haben sich alle Federn ausgerupft, um nicht wie die andern auszusehen und dadurch die Aufmerksamkeit des Hahnes auf sich zu lenken. Das ist ein gewagtes Spiel! Man kann sich dabei erkälten und am Fieber sterben, und sie sind auch beide gestorben.« – »Wachet auf! Wachet auf!« krähte der Hahn und flog auf den Bretterzaun hinauf. Der Schlaf saß ihm zwar noch in den Augen, aber er krähte trotzdem: »Es sind drei Hennen aus unglücklicher Liebe zu einem Hahne gestorben. Sie haben sich alle Federn ausgerupft. Es ist eine böse Geschichte. Ich will sie nicht für mich behalten; laßt sie weitergehen!« – »Laßt sie weitergehen!« pfiffen die Fledermäuse, und die Hühner gackerten und die Hähne krähten: »Laßt sie weitergehen! Laßt sie weitergehen!« Und so machte die Geschichte die Runde von Hühnerhaus zu Hühnerhaus und gelangte endlich wieder zu der Stelle, von der sie ursprünglich ausgegangen war.

Bild: Hans Tegner
Bild: Hans Tegner
Bild: Hans Tegner

»Fünf Hühner«, hieß es, »haben sich alle Federn ausgerupft, um zu zeigen, wer aus Liebeskummer um den Hahn am meisten abgemagert sei. Und dann hackten sie sich gegenseitig blutig und fielen tot nieder, zu Schimpf und Schande für ihre Familie und zum großen Verlust für den Besitzer.«

Und die Henne, die ursprünglich die losgegangene kleine Feder verloren hatte, erkannte nun ihre eigene Geschichte natürlich nicht wieder. Da sie eine rechtschaffene Henne war, sagte sie: »Ich verachte diese Hennen, aber es gibt leider mehr von der Art! Dergleichen darf man nicht verschweigen, und ich will das meinige dazu beitragen, damit es das ganze Land erfährt. Das haben diese Hennen verdient und ihre Familien dazu!«

Und es kam in die Zeitung, und es wurde gedruckt und es ist ganz gewiß: Aus einer kleinen Feder können wohl fünf Hühner werden.

Bild: Hans Tegner

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