Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Hans Christian Andersen >

Andersens Märchen

Hans Christian Andersen: Andersens Märchen - Kapitel 24
Quellenangabe
authorHans Christian Andersen
titleAndersens Märchen
publisherWeltbild
yearo.J.
illustratorHans Tegner
firstpub1909
translatorPauline Klaiber
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20180616
projectid75931ba8, e0589c45
Schließen

Navigation:
Bild: Hans Tegner

Der Sturm versetzt Schilder

In alten Zeiten, als der Großvater noch ein ganz kleiner Knabe war, der in roten Höschen, roter Jacke, einer Schärpe um den Leib und einer Feder auf der Mütze daherkam – denn so waren in seiner Jugend die Knaben gekleidet, wenn sie im Staate waren – damals war so vieles ganz anders als jetzt. Auch auf den Straßen gingen die Leute in einem Staate, wie wir ihn heute gar nicht mehr zu sehen bekommen. Das ist nun alles abgeschafft; denn es wurde zu altväterlich. Aber lustig ist es, den Großvater davon erzählen zu hören.

Ja, es muß allerdings großartig gewesen sein, als zum Beispiel die Schuhmacher ihr Zunfthaus wechselten und das große Schild in feierlichem Zuge in das neue Gebäude hinübergeschafft wurde. Die seidene Fahne, auf der ein großer Stiefel und ein zweiköpfiger Adler abgebildet waren, flatterte lustig im Winde. Die jüngsten Gesellen trugen den Willkommbecher und den Werktisch; rote und weiße Bänder, an ihren Hemdärmeln befestigt, flatterten lustig im Winde; die älteren aber kamen mit gezogenen Degen daher, auf dessen Spitze eine Zitrone steckte. Ein zahlreiches Musikchor führte den Zug an, und das schönste unter den Instrumenten war »der Vogel«, wie der Großvater die hohe Stange mit dem Halbmonde und allem möglichen klingenden Tingeltangel, eine echte türkische Musik, nannte. Diese Stange wurde in die Höhe gehoben und geschwungen, und dann klingelte alles zusammen, und wenn die Sonne auf all das Gold, Silber und Messing schien, dann blendete es einem wahrhaftig die Augen.

Vor dem Zuge her lief ein Harlekin, dessen Kleider aus allen möglichen bunten Lappen zusammengenäht waren. Er hatte sein Gesicht geschwärzt und trug eine Schellenkappe auf dem Kopfe, die fast wie die eines Schlittenpferds aussah. Mit seiner Pritsche, die zwar laut klatschte, aber nicht wehe tat, fuhr er wie das Wetter unter die Leute. Es war ein fürchterliches Gedränge in den Straßen; man drückte und puffte sich von allen Seiten, um vorwärts zu kommen; kleine Knaben und Mädchen fielen über ihre eigenen Beine gerade in den Rinnstein; alte Frauen bahnten sich mit den Ellbogen den Weg, schauten sauertöpfisch drein und zankten miteinander. Der eine lachte; der andere schwatzte; dicht gedrängt standen die Zuschauer auf den Treppen und an den Fenstern, ja, selbst ganz oben auf den Dächern. Die Sonne schien; doch ging es ohne einen kleinen Regenguß nicht ab. Aber das war ja gut für den Landmann; und als man so recht durch und durch naß wurde, tröstete man sich damit, daß es ein wahrer Segen für das Land sei.

O, der Großvater konnte wundervoll erzählen! Er hatte ja die ganze Herrlichkeit als kleiner Junge selbst mitangesehen. Der Altgeselle hielt von dem Gerüste aus, wo das Schild aufgehängt wurde, eine Rede, und sogar eine Rede in Versen, als ob sie wirklich gedichtet worden wäre, und das war sie nämlich auch. Drei Gesellen hatten sich zusammengetan und die Verse geschmiedet, und damit sie gewiß recht schön würden, hatten sie vorher eine ganze Bowle Punsch ausgetrunken. Die Zuhörer schrien auch von allen Seiten »Hurra«, als die Rede zu Ende war. Aber noch viel stürmischer wurde gerufen und noch lauter Beifall geklatscht, als der Harlekin auf dem Gerüste erschien und den Sprecher nachäffte. Der Narr spielte den Narren wirklich ausgezeichnet. Er trank Met aus Schnapsgläsern, die er dann unter das Volk warf, das mit tausend Armen danach griff. Großvater hatte noch eines davon, das damals ein Bekannter aufgefangen und ihm geschenkt hatte. Ja, das muß in der Tat sehr lustig gewesen sein. Und das Schild hing, mit Blumenkränzen umgeben, vor dem neuen Zunfthause. »Ein solches Fest vergißt man nicht wieder, wenn man auch noch so alt wird«, sagte der Großvater; und er vergaß es auch nicht, obgleich er in seinem spätem Leben noch ganz andere Pracht und Herrlichkeit zu sehen bekam und oft auch davon erzählte. Aber am unterhaltendsten war es doch immer, wenn er berichtete, wie einmal in der Hauptstadt die Schilder versetzt worden waren.

Großvater durfte nämlich als kleiner Junge mit seinen Eltern eine Reise in die Residenz machen, und da sah er die größte Stadt des Landes zum ersten Mal. Als er nun die vielen Leute auf den Straßen erblickte, dachte er, es werde gewiß ein Schild versetzt werden, jawohl, und wie viele Schilder hätte es da zum Umhängen gegeben! Viele hundert Stuben hätte man damit schmücken können, wenn man sie in den Häusern anstatt vor den Häusern angebracht hätte. Beim Schneider, der die Leute vom gröbsten bis zum feinsten bekleiden konnte, prangten auf dem Aushängeschild alle Arten von Kleidungsstücken. Beim Tabakfabrikanten rauchten auf den Schildern allerliebste kleine Knaben Zigarren, wie man es sich nicht hübscher vorstellen kann. Es gab Schilder mit Butter und Heringen, Schilder mit Halskrausen für die Pfarrer, Schilder mit Särgen und außerdem noch viele andere Ankündigungen und Anschläge. Man hätte gut einen ganzen Tag auf der Straße herumgehen können und nur immerfort die Bilder betrachten. Dabei erfuhr man auch zugleich, was für Leute in den Häusern wohnten; denn sie hatten natürlich ihr eigenes Schild ausgehängt, und: »Es ist in einer großen Stadt immer gut und lehrreich, wenn man weiß, wer hinter den Mauern wohnt«, sagte der Großvater.

Bild: Hans Tegner

Aber mit den Schildern ereignete sich, gerade als der Großvater in der Stadt war, etwas höchst Sonderbares. Er hat es mir selbst erzählt, und er hatte damals keinen Schelm im Nacken sitzen, wie Mutter immer behauptete, wenn er mir etwas weismachen wollte, er sah im Gegenteil ganz ernst und zuverlässig aus.

Bild: Hans Tegner

In der ersten Nacht, die er in der Stadt zubrachte, entstand nämlich das fürchterlichste Unwetter, von dem jemals in den Zeitungen berichtet worden ist; ein Unwetter, wie seit Menschengedenken keines mehr gewesen war. Die Luft war fortwährend mit Dachziegeln erfüllt, alte Bretterzäune stürzten ein, ja, ein Schubkarren lief ganz von selbst die Straße hinab, nur um sich zu retten. Es pfiff durch die Luft, es heulte und brauste, es war ein ganz entsetzlicher Sturm. Die Kanäle schwollen an, und das Wasser lief über das Bollwerk hinaus. Der Sturm brauste über die Stadt hin und nahm viele Schornsteine mit, und mehr als eine alte Kirchturmspitze mußte sich beugen und hat sich nie wieder aufgerichtet.

Bei dem alten, ehrlichen Brandmajor, der stets mit der letzten Spritze erschien, stand ein Schilderhäuschen, aber das gönnte ihm der Sturm nicht; er riß es aus seinem Pfosten heraus, und nun kollerte es die Straße entlang, und merkwürdigerweise richtete es sich gerade vor dem Hause wieder auf, worin der Zimmergeselle wohnte, der bei der letzten Feuersbrunst drei Menschen das Leben gerettet hatte. Hier blieb das Schilderhäuschen stehen, es dachte sich aber gar nichts dabei.

Das Barbierschild, ein großer Messingteller, wurde ebenfalls losgerissen und zum Erkerfenster des Justizrats hineingeweht; das sah beinahe wie Bosheit aus, weil selbst die allerintimsten Freundinnen der Frau Justizrätin diese das »Rasiermesser« nannten. Sie war nämlich sehr klug und sehr scharf und wußte mehr als ihre Nebenmenschen, als diese von sich selbst wußten.

Ein Schild, worauf ein Stockfisch abgebildet war, blieb gerade über der Tür eines Zeitungsredakteurs hängen. Das war nun ein recht schlechter Spaß von dem Sturmwind; er hatte jedenfalls nicht daran gedacht, daß mit einem Zeitungsschreiber nicht zu spaßen ist, denn dieser ist König in seiner Zeitung sowie auch in seinen eigenen Augen.

Der Wetterhahn flog auf das Dach des gegenüberliegenden Hauses und blieb dort – so sagten wenigstens die Nachbarn – wie die allerschwärzeste Bosheit stehen.

Die Tonne des Faßbinders wurde unter dem »Damenputz« aufgehängt, der Speisezettel der Barküche, der in einem schweren Rahmen neben der Türe hing, prangte nun über dem Portale eines Theaters, das sonst niemand besuchte. Es war ein närrisches Plakat: »Meerrettich, Suppe und gefüllter Kohlkopf«. Aber nun kamen die Leute, jawohl!

Der Fuchspelz des Kürschners, ein durchaus ehrenwertes Schild, wurde an den Glockenzug eines jungen Mannes gehängt, der regelmäßig in die Frühkirche ging, wie ein zusammengeklappter Regenschirm aussah, nach Wahrheit strebte und überhaupt, wie seine Tante sagte, ein »Muster« war.

Die Inschrift: »Höhere Bildungsanstalt« befand sich über einer Billardstube, und die Anstalt selbst erhielt das Schild: »Hier werden Kinder mit der Flasche aufgezogen«. Das war nun eigentlich nicht witzig, sondern nur ungezogen, allein der Sturm hatte es getan, und der läßt sich keine Gesetze vorschreiben. Es war eine entsetzliche Nacht, und am nächsten Morgen, denkt euch nur! da waren fast sämtliche Schilder der Stadt vertauscht, und an manchen Stellen war es mit so ausgesuchter Bosheit geschehen, daß der Großvater es gar nicht zu erzählen wagte, aber innerlich lachte er doch, das merkte ich wohl, und es ist schon möglich, daß ihm da ein kleiner Schalk im Nacken saß.

Die armen Leute in der großen Stadt, namentlich die Fremden, machten einen Fehlgang um den andern, aber das war gar nicht anders möglich, wenn sie sich nach den Schildern richteten. Einige wollten zum Beispiel einer sehr ernsten Versammlung von lauter gesetzten Männern anwohnen, wo äußerst wichtige Dinge verhandelt werden sollten, gerieten aber anstatt in den Sitzungssaal in eine Knabenschule, wo es sehr ausgelassen zuging und die Jungen fast über Tische und Bänke sprangen.

Es gab sogar Leute, die Kirchen und Theater miteinander verwechselten, und das ist doch schrecklich.

In unsern Tagen hat gottlob niemals ein solcher Sturm getobt, nur der Großvater hat ihn erlebt, und auch er nur in seiner frühesten Jugend. Es erhebt sich wohl auch kein solcher zu unserer Zeit, aber unsere Enkel können ihn am Ende doch erleben, da wollen wir freilich hoffen und darum beten, daß sie, solange der Sturm die Schilder vertauscht, sich ruhig in ihren Häusern aufhalten.

Bild: Hans Tegner

 << Kapitel 23  Kapitel 25 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.