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Andersens Märchen

Hans Christian Andersen: Andersens Märchen - Kapitel 19
Quellenangabe
authorHans Christian Andersen
titleAndersens Märchen
publisherWeltbild
yearo.J.
illustratorHans Tegner
firstpub1909
translatorPauline Klaiber
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20180616
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Der Schweinehirt

Bild: Hans Tegner

Es war einmal ein Prinz, der nur ein ganz kleines Königreich besaß, aber es war noch immer groß genug, um darauf zu heiraten; und heiraten wollte er. Es war freilich etwas keck von ihm, daß er es wagte, zu des Kaisers Tochter zu sagen: »Willst du mich haben?« Aber er durfte es schon; denn sein Name war weit und breit berühmt, und Hunderte von Prinzessinnen hätten mit Vergnügen »ja« darauf gesagt. Aber nun laßt uns hören, ob des Kaisers Tochter es so machte.

Auf dem Grab des Vaters unseres Prinzen wuchs ein Rosenstock, ein wunderschöner Rosenstock! Allein er blühte nur alle fünf Jahre und trug auch dann nur eine einzige Rose. Aber was für eine Rose! Sie duftete so herrlich, daß man, wenn man daran roch, sogleich alle seine Sorgen und Kümmernisse vergaß. Dann hatte der Prinz auch eine Nachtigall, die so schön singen konnte, als ob alle süßen Melodien der ganzen Welt in ihrer kleinen Kehle wohnten. Diese Rose und diese Nachtigall wollte der Prinz des Kaisers Tochter schenken; deshalb wurden beide in große silberne Behälter gesetzt und dann der Prinzessin zugeschickt.

Der Kaiser ließ sie vor sich her in den großen Saal tragen, wo die Prinzessin sich aufhielt und gerade mit ihren Hofdamen »Es kommt Besuch!« spielte. Als sie nun die großen Behälter mit den Geschenken darin sah, klatschte sie vor Freude in die Hände.

»Ach, wenn es doch ein Miezekätzchen wäre!« sagte sie – aber da kam eine prachtvolle Rose zum Vorschein.

»Nein, wie niedlich sie gemacht ist!« sagten alle Hofdamen.

»Sie ist sogar mehr als niedlich«, erwiderte der Kaiser, »sie ist entzückend!«

Als aber die Prinzessin die Rose befühlte, wäre sie fast in Tränen ausgebrochen.

»Pfui, Papa!« rief sie aus, »es ist ja gar keine künstliche Rose, sondern eine natürliche!«

»Pfui!« wiederholten alle die Hofdamen, »es ist eine natürliche!«

Bild: Hans Tegner

»Ehe wir uns erzürnen, wollen wir sehen, was sich im andern Behälter befindet«, sagte der Kaiser, und da kam die Nachtigall heraus. Sie sang so lieblich, daß man nicht gleich etwas Böses gegen sie vorzubringen wußte.

»Superbe! Charmant!« riefen alle Hofdamen; denn sie plauderten sämtlich französisch, eine immer schlechter als die andere.

»Dieser Vogel erinnert mich an die Spieldose der hochseligen Kaiserin«, sagte ein alter Kavalier, »es ist ganz derselbe Ton und derselbe Vortrag!«

»Jawohl«, erwiderte der Kaiser. Und dann weinte er wie ein kleines Kind.

»Es wird doch nicht am Ende eine natürliche sein!« rief die Prinzessin plötzlich.

»Doch! es ist ein natürlicher Vogel«, sagte der Überbringer.

»Nun, dann laßt ihn nur fliegen!« befahl die Prinzessin und wollte durchaus nicht gestatten, daß sich der Prinz bei Hofe vorstelle.

Dieser ließ sich jedoch nicht einschüchtern. Er färbte sich das Gesicht mit brauner und schwarzer Farbe, zog die Mütze tief über die Stirne herein und klopfte unerschrocken an.

»Guten Tag, Herr Kaiser!« sagte er, »könnte ich nicht hier auf dem Schlosse in Dienst treten?«

»Ach, hier gibt es immer so viele Stellesuchende!« sagte der Kaiser, »aber ich will sehen, ob es sich machen läßt. Ich brauche allerdings gerade jemand, der die Schweine hüten kann; denn wir haben eine große Herde.«

So wurde denn der Prinz kaiserlicher Schweinehirt. Er bekam ein elendes Kämmerchen drunten neben dem Schweinestall, und dort mußte er bleiben. Allein den ganzen Tag über arbeitete er fleißig an einem Gegenstand, und als der Abend hereinbrach, hatte er einen niedlichen kleinen Topf vollendet; ringsherum hingen kleine Schellen, und sobald der Topf kochte, begannen sie zu klingeln und spielten die alte Melodie:

»Ach, du lieber Augustin,
Alles ist hin ...«

Aber das allerkünstlichste an dem Topfe war doch, daß man, sobald man einen Finger in den daraus aufsteigenden Dampf hielt, sogleich riechen konnte, welche Speisen auf jedem Herd in der ganzen Stadt zubereitet wurden. Das war freilich etwas anderes als eine Rose!

Nun kam die Prinzessin mit allen ihren Hofdamen vorbei, und als sie die Melodie hörte, blieb sie stehen und sah sehr vergnügt aus; denn sie konnte auch »Ach, du lieber Augustin« spielen. Es war zwar das einzige, was sie konnte, aber sie spielte es mit einem Finger.

»Das Lied kann ich auch!« rief sie, »das muß ja ein gebildeter Schweinehirt sein! Gehe einmal hin und frage, was das Instrument kosten soll!«

Die Hofdame mußte nun schnell zu dem Schweinehirten hingehen; doch zog sie zuvor noch Holzschuhe über, denn es war schmutzig auf dem Hof.

»Wieviel verlangst du für den Topf?« fragte die Hofdame.

»Zehn Küsse von der Prinzessin!« antwortete der Schweinehirt. »Ach, du lieber Himmel«, rief die Hofdame.

»Um weniger gebe ich ihn nicht her!« entgegnete der Schweinehirt.

»Nun, was sagte er?« fragte die Prinzessin.

»Das kann ich nicht sagen«, erwiderte die Hofdame, »es ist zu schrecklich!«

»Dann flüstere es mir ins Ohr!« Und die Hofdame flüsterte es der Prinzessin in das Ohr.

»Er ist frech!« sagte die Prinzessin und ging schnell weiter. Aber als sie eine kurze Strecke weit gegangen waren, ertönten die Glöckchen wieder wie vorher:

»Ach, du lieber Augustin,
Alles ist hin ...«

»Höre!« begann die Prinzessin von neuem, »du mußt ihn fragen, ob er zehn Küsse von meinen Hofdamen dafür haben möchte!«

»Nein, ich danke!« sagte der Schweinehirt. »Zehn Küsse von der Prinzessin, oder ich behalte meinen Topf!«

Bild: Hans Tegner

»Das ist doch recht ärgerlich!« sagte die Prinzessin, »aber dann müßt ihr euch wenigstens um mich herumstellen, damit es niemand sieht.«

Da stellten sich die Hofdamen um sie herum und breiteten ihre Kleider aus: alsdann erhielt der Schweinewirt zehn Küsse von der Prinzessin, und die Prinzessin den Topf.

Das war nun ein Vergnügen! Den ganzen Abend und den ganzen Tag mußte der Topf kochen. In der ganzen Stadt gab es keinen Herd, von dem man auf dem Schlosse nicht gewußt hätte, was darauf gekocht wurde, sowohl beim Krämer als beim Schuhmacher. Die Hofdamen hüpften vor Vergnügen und klatschten in die Hände.

»Wir wissen, wer süße Suppe und Pfannkuchen essen wird! Wir wissen, bei wem es Grütze und Kotelettes gibt! Das ist doch interessant!«

»Ja, sehr interessant!« stimmte die Oberhofmeisterin bei.

»Haltet aber ja reinen Mund, denn ich bin die Tochter des Kaisers!«

»Das versteht sich von selbst!« beteuerten alle miteinander.

Der Schweinehirt, das heißt der Prinz – aber man hielt ihn ja für einen wirklichen Schweinehirten – ließ den nächsten Tag nicht vorübergehen, ohne etwas Neues zu arbeiten, und diesmal verfertigte er eine Knarre; wenn man diese drehte, so erklangen alle Walzer, Hopser und Polkas, die man seit der Erschaffung der Welt kannte.

»Aber das ist ja superbe!« rief die Prinzessin, als sie bei den Schweinehirten vorüberkam. »Noch nie habe ich ein so schönes Kunstwerk spielen hören. Gehe hin und frage ihn, was das Instrument kostet. Aber Küsse gebe ich keine mehr!«

»Er will hundert Küsse von der Prinzessin haben«, sagte die Hofdame, die sich erkundigt hatte.

»Ich glaube, er ist verrückt!« sagte die Prinzessin und ging weiter. Aber kaum war sie eine Strecke weit gegangen, als sie stehen blieb.

»Man muß die Kunst aufmuntern«, sagte sie, »und ich bin dazu des Kaisers Tochter! Sagt ihm, daß ich willens bin, ihm wie gestern zehn Küsse zu geben, aber den Rest muß er sich bei meinen Hofdamen holen!«

»Aber wir tun es so ungern!« sagten die Hofdamen.

»Ach, Unsinn!« versetzte die Prinzessin, »wenn ich ihn küssen kann, dann könnt ihr es ebenfalls. Bedenkt, daß ich euch Kost und Lohn gebe!« Also mußten die Hofdamen dem Schweinehirten die Antwort der Prinzessin bestellen.

»Nichts da!« erwiderte dieser. »Hundert Küsse von der Prinzessin, oder jeder behält das Seinige.«

»So stellt euch eben um mich herum!« befahl die Prinzessin. Da stellten sich alle Damen in einem Kreise um sie herum, und nun küßte der Schweinehirt die Prinzessin.

»Was ist denn das für ein Auflauf dort unten beim Schweinestall?« sagte der Kaiser, der auf seinem Altane stand. Er rieb sich die Augen und setzte die Brille auf. »Da haben gewiß die Hofdamen irgend einen Unfug angestellt. Ich muß doch rasch hinuntergehen und nachsehen!« Damit zog er seine Pantoffeln hinten in die Höhe; denn es waren Schuhe, die er niedergetreten hatte.

Potztausend, wie er sich beeilte! Als er in den Hof hinunterkam, trat er ganz leise auf, und die Hofdamen waren mit dem Zählen der Küsse so vollauf beschäftigt – denn es sollte hübsch ehrlich dabei zugehen, und der Schweinehirt nicht zu viel, aber auch nicht zu wenig erhalten –, daß sie den Kaiser gar nicht bemerkten. Dieser stellte sich auf die Fußspitzen und – »Ei, was ist denn das?« rief er, als er sah, wie die beiden sich küßten. Dann schlug er mit dem Pantoffel auf sie los, und zwar gerade in dem Augenblick, als der Schweinehirt den sechsundachtzigsten Kuß empfing.

»Fort mit euch!« rief der Kaiser; denn er war sehr zornig, und nun wurde sowohl der Schweinehirt als auch die Prinzessin aus dem Kaiserreich hinausgestoßen.

Da stand nun die Prinzessin und weinte; der Schweinehirt aber schalt, und der Regen floß in Strömen hernieder.

»Ach, ich elendes Geschöpf!« seufzte die Prinzessin, »hätte ich doch den hübschen Prinzen genommen! Ach, wie unglücklich ich bin!«

Nun ging der Schweinehirt hinter einen Baum, wischte sich die schwarze Farbe aus dem Gesicht, warf die schlechten Kleider ab und trat dann in seinem Prinzengewand hervor, so schön, daß sich die Prinzessin unwillkürlich vor ihm verneigte.

»Jetzt verachte ich dich«, begann er, »denn du wolltest keinen ehrlichen Prinzen haben. Du verstandest dich weder auf die Rose noch auf die Nachtigall, aber den Schweinehirten hast du um eines Spielwerks willen geküßt. Dir ist geschehen, was du verdient hast!«

Darauf ging er in sein Königreich, machte die Türe zu und legte einen Riegel vor. Nun konnte sie draußen stehen und singen:

»Ach, du lieber Augustin,
Alles ist hin ...«

Bild: Hans Tegner
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