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Andersens Märchen

Hans Christian Andersen: Andersens Märchen - Kapitel 18
Quellenangabe
authorHans Christian Andersen
titleAndersens Märchen
publisherWeltbild
yearo.J.
illustratorHans Tegner
firstpub1909
translatorPauline Klaiber
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20180616
projectid75931ba8, e0589c45
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Der Halskragen

Bild: Hans Tegner

Es war einmal ein feiner Kavalier, dessen Hausgeräte nur aus einem Stiefelknecht und einem Kamm bestand. Dafür hatte er aber den schönsten Halskragen von der Welt, und von diesem Kragen will ich euch nun eine Geschichte erzählen.

Er war nämlich gerade in dem Alter, wo man ans Heiraten zu denken pflegt, und da traf es sich einmal, daß er mit einem Strumpfband zusammen in die Wäsche kam.

»Potztausend!« sagte der Kragen, »in meinem ganzen Leben habe ich noch nie ein so schlankes und feines, zartes und niedliches Mädchen gesehen; darf ich Sie wohl um Ihren Namen bitten?«

»Den sage ich Ihnen nicht«, antwortete das Strumpfband.

»Wo sind Sie denn zu Hause?« fragte der Kragen.

Aber das Strumpfband war sehr verschämt und schüchtern und meinte, das könne es nicht sagen.

»Sie sind wohl ein Gürtel«, sagte der Kragen, »ein Band, das man um den Leib trägt? Ich sehe schon, Sie sind sowohl zum Nutzen als auch zum Staat, mein kleines Fräulein!«

Bild: Hans Tegner

»Wie können Sie sich erlauben, so mit mir zu sprechen!« sagte das Strumpfband. »Ich habe Ihnen doch gar keine Veranlassung dazu gegeben!«

»Wenn man so schön ist wie Sie«, erwiderte der Kragen, »so ist das Veranlassung genug.«

»Kommen Sie mir nicht zu nah!« sagte das Strumpfband. »Sie sehen mir wie ein Herr aus.«

»Ich bin allerdings auch ein sehr feiner Kavalier«, sagte der Kragen, »ich besitze einen Stiefelknecht und einen Kamm.«

Das war nun nicht wahr. Diese gehörten ja seinem Herrn, er prahlte nur damit.

»Kommen Sie mir nicht zu nah!« rief das Strumpfband noch einmal. »Ich bin das nicht gewöhnt!«

»Ach, wie zimperlich«, sagte der Kragen. Gleich darauf wurde er aus der Wäsche genommen, alsdann wurde er gestärkt, in den Sonnenschein gehängt und auf das Plättbrett gelegt; nun kam das heiße Plätteisen.

Bild: Hans Tegner

»Frau!« begann der Kragen, »liebe Frau Witwe, ach, mir wird ganz heiß zu Mute; ich fühle, daß ich ein anderer werde; ich komme ganz aus dem Geleise, au! Sie brennen mir ein Loch ein! Ich – ich freie um Sie!«

»Du Lump!« sagte das Plätteisen und glitt stolz über den Kragen hin; denn es bildete sich ein, es sei ein Dampfkessel, der auf die Eisenbahn hinaus und Wagen ziehen sollte. »Lump!« sagte es noch einmal.

Der Kragen war an der Kante ein wenig ausgefranst, und so kam die Papierschere, um die Fransen abzuschneiden.

»Aha!« sagte der Kragen, »Sie sind wohl Ballettänzerin? Wie Sie die Beine ausstrecken können! Das ist das Reizendste, was ich je gesehen habe. Das kann Ihnen kein Mensch nachmachen!«

»Das weiß ich wohl«, erwiderte die Schere.

»Sie verdienten eine Gräfin zu sein«, sagte der Kragen. »Aber ach! alles, was ich besitze, besteht aus einem feinen Kavalier, einem Stiefelknecht und einem Haarkamm. Wenn ich doch nur eine Grafschaft hätte!«

Bild: Hans Tegner

»Soll das vielleicht ein Antrag sein?« fragte die Schere ärgerlich, und dabei schnitt sie so tief in den Kragen hinein, daß er nicht mehr zu gebrauchen war.

»Ich muß nun wohl um den Haarkamm freien«, sagte der Kragen und wandte sich damit an den Kamm.

»Es ist doch merkwürdig, wie Sie Ihre Zähne zu erhalten verstehen, verehrtes Fräulein! Haben Sie noch nie ans Heiraten gedacht?«

»Das versteht sich von selbst!« erwiderte der Kamm. »Ich bin ja mit dem Stiefelknecht verlobt!«

»Verlobt!« rief der Kragen, und weil jetzt niemand mehr da war, mit dem er sich hätte verloben können, verschwor er von nun an das Heiraten.

Nach langer Zeit wanderte der Kragen in den Lumpensack und von da in die Papiermühle. Dort war große Lumpengesellschaft; die feinen für sich und die groben auch für sich; wie es sich nun einmal gehört. Alle hatten viel zu erzählen, aber der Kragen doch am allermeisten; er war ein richtiger Prahlhans.

Bild: Hans Tegner

»Ich habe ungeheuer viel Liebschaften gehabt«, erzählte er, »man ließ mir gar keine Ruhe! Ich war aber auch ein feiner Kavalier, ein gestärkter! Auch besaß ich sowohl Kamm als Stiefelknecht, die ich aber nie benützte! Sie hätten mich damals nur sehen sollen, jawohl, wenn ich frisch gestärkt war! Niemals vergesse ich meine erste Liebe. Es war ein Gürtel, so fein und so geschmeidig und so reizend – das arme Mädchen stürzte sich meinetwegen ins Wasser. Dann war da auch noch eine Witwe, die in Liebe zu mir erglühte; aber ich ließ sie stehen, bis sie schwarz wurde. Endlich war da auch noch eine Ballettänzerin, und sie brachte mir eine Wunde bei, die heute noch nicht vernarbt ist; sie war so scharf und bissig. Dann verliebte sich mein eigener Kamm in mich und verlor aus Liebeskummer alle seine Zähne. Ja, in dieser Beziehung habe ich viele Erfahrungen gemacht, aber am meisten leid tut es mir doch um das Strumpfband – Gürtel wollte ich sagen, der sich ins Wasser, das heißt ins Waschfaß, stürzte. Ja, ich habe viel auf dem Gewissen, und es wird mir gut tun, daß ich gereinigt und zu weißem Papier werde.«

Und so geschah es. Alle die Lumpen wurden zu weißem Papier. Aber aus dem Kragen, versteht ihr wohl! wurde gerade das Stück Papier, auf dem diese Geschichte gedruckt steht, und zwar aus dem Grund, weil der Kragen so entsetzlich mit Dingen prahlte, die der Wahrheit gar nicht entsprachen.

Und das wollen wir uns zur Warnung dienen lassen, damit wir es nicht ebenso machen. Denn wir können ja nicht wissen, ob wir nicht auch einmal in den Lumpensack kommen und dann zu weißem Papier umgearbeitet werden, worauf dann unsere Geschichte, selbst die allergeheimste, schwarz auf weiß gedruckt wird, so daß wir dann selbst damit in der Welt umherlaufen und sie, gerade wie der Halskragen, ausplaudern müssen.

Bild: Hans Tegner
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