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Andersens Märchen

Hans Christian Andersen: Andersens Märchen - Kapitel 17
Quellenangabe
authorHans Christian Andersen
titleAndersens Märchen
publisherWeltbild
yearo.J.
illustratorHans Tegner
firstpub1909
translatorPauline Klaiber
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20180616
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Was Vater tut, ist immer recht

Nun will ich dir einmal eine Geschichte erzählen, die ich gehört habe, als ich noch ein kleiner Junge war; und so oft ich seither an die Geschichte dachte, kam sie mir jedesmal schöner vor. Es geht mit den Geschichten gerade wie mit manchen Menschen; sie werden mit dem Alter immer schöner, und das ist so erfreulich.

Bild: Hans Tegner

Du bist ja wohl schon draußen auf dem Lande gewesen und hast dort ein richtiges altes Bauernhaus gesehen? Auf seinem Strohdach wächst Unkraut und Moos, und ein Storchennest steht auf der Dachfirste – ja, der Storch, der darf nicht fehlen. Die Wände sind schief, die Fenster nieder, und man kann nur ein einziges davon aufmachen. Der Backofen ragt wie ein kleiner, dicker Bauch an der Mauer heraus, und der Fliederbusch neigt sich über den Zaun hinüber, neben dem sich eine Wasserpfütze mit einer Ente – oder oft auch mehreren Entlein unter einem verkrüppelten Weidenbaume befindet. Außerdem ist auch noch ein Kettenhund da, der jedermann ohne Ausnahme anbellt.

Gerade solch ein Bauernhaus stand draußen auf dem Land, und drinnen wohnte ein altes Ehepaar, ein Bauer und eine Bäuerin. Sie besaßen zwar sehr wenig, meinten aber, sie könnten immerhin noch ein Stück entbehren, nämlich ein Pferd, das am Grabenrand auf der Landstraße zu grasen pflegte. Auf diesem Pferd ritt der Vater nach der Stadt, die Nachbarn entlehnten es zuweilen und leisteten ähnliche Gegendienste dafür. Allein die Bauersleute dachten, es wäre doch nützlicher, wenn sie das Pferd verkauften oder gegen irgend etwas, das ihnen noch größeren Nutzen brächte, eintauschen würden. Aber was sollte das sein?

»Das wirst du, Alterchen, am besten verstehen«, sagte die Frau. »Es ist gerade Jahrmarkt in der Stadt; reite heute hin und verkaufe das Pferd oder mache einen Tausch, was du tust, ist immer recht. Ja, reite nur auf den Jahrmarkt.« Darauf band sie ihm sein Halstuch um, denn das verstand sie besser als er. Sie machte eine doppelte Schleife, das sah flott aus. Dann fuhr sie mit der flachen Hand über seinen Hut, damit ja kein Stäubchen mehr daran hinge, küßte ihn auf den warmen Mund, und dann ritt er auf dem Pferd, das verkauft oder vertauscht werden sollte, von dannen.

»Ja, ja, Vater versteht es ausgezeichnet«, murmelte sie.

Die Sonne brannte am wolkenlosen Himmel; auf dem Wege staubte es gewaltig; denn es waren gar viele Leute, die auch auf den Jahrmarkt wollten, zu Wagen, zu Pferd oder zu Fuß unterwegs, und schattenlos dehnte sich die Landstraße aus.

Unter den Fußgängern war auch ein Mann, der eine Kuh vor sich hertrieb. Die Kuh war so schön, als eine Kuh nur sein kann.

Da dachte der Bauer: »Die gibt gewiß auch gute Milch; die Kuh für das Pferd, das wäre eigentlich ein guter Tausch!«

»Höre einmal, du mit der Kuh, ich möchte dir einen Vorschlag machen!« rief er. »Siehst du, ein Pferd kostet zwar mehr als eine Kuh, aber das ist mir einerlei, die Kuh ist mir nützlicher. Wollen wir nicht tauschen?«

»Mit Vergnügen!« sagte der Mann mit der Kuh, und darauf tauschten sie.

Nachdem dies geschehen war, hätte der Bauer füglich wieder umkehren können; denn er hatte ja erreicht, was er gewollt hatte. Aber da er nun einmal beabsichtigt hatte, auf den Jahrmarkt zu gehen, so wollte er auch wirklich auf den Jahrmarkt kommen, wenn auch nur, um ihn anzusehen, und so zog er mit seiner Kuh weiter. Rasch ging er seines Weges und trieb die Kuh vor sich her. Nach kurzer Zeit erreichten sie einen Mann, der ein Schaf an einem Strick führte. Es war ein gutes, wohlgenährtes Schaf mit einem dicken, wolligen Fell.

»Das möchte ich gern haben«, dachte der Bauer; »es würde am Grabenrand nicht an Futter fehlen, und im Winter könnten wir es in die Stube hereinnehmen. Eigentlich wäre es wichtiger, wenn wir uns ein Schaf anstatt einer Kuh hielten.«

»Du, wollen wir nicht tauschen?« fragte er den Mann mit dem Schaf. Der war natürlich gleich einverstanden; der Tausch wurde vollzogen, und nun ging der Bauer mit seinem Schaf weiter.

Da gewahrte er auf einem Fußweg, der auf die Landstraße mündete, einen Mann mit einer großen Gans unter dem Arm.

Bild: Hans Tegner

»Der Tausend, das ist ja eine prächtige Gans, die du da hast!« redete unser Bauer den Mann an. »Da gibt es Federn und Fett im Überfluß, und wie hübsch würde sie sich auf unserem Tümpel ausnehmen! Das wäre etwas für die Mutter, um ihre Abfälle zu verwerten, sie hat schon oft gesagt, hätten wir nur eine Gans zu füttern; nun könnte sie ja eine bekommen, und sie soll sie bekommen! Willst du tauschen? Ich gebe dir das Schaf für deine Gans und einen schönen Dank obendrein!«

Der andere tauschte natürlich sehr gern, und so erhielt der Bauer die Gans.

Er war nun schon ganz nahe an der Stadt, und das Gedränge auf der Landstraße nahm immer zu. Es wimmelte von Menschen und Vieh auf dem Wege und im Graben, und am Schlagbaum drängte die Menge sogar auf den Kartoffelacker des Pflastergeldeinnehmers hinein, auf dem dieser seine Henne angebunden hatte, damit sie sich bei dem Durcheinander nicht verlaufen sollte. Es war eine hübsche Henne mit ganz kurzen Schwanzfedern, und sie blinzelte mit dem einen Auge. »Gluck, gluck!« sagte sie. Was sie dabei dachte, kann ich dir nicht sagen, mein liebes Kind, aber als der Bauer die Henne sah, dachte er: »Das ist die schönste Henne, die ich jemals gesehen habe; sie ist sogar schöner als des Pfarrers Bruthenne. Die möchte ich haben! Eine Henne findet immer ein Körnchen, sie braucht beinahe gar keine Pflege. Ich glaube, es wäre ein guter Tausch, wenn ich sie für meine Gans bekommen könnte.« – »Heh da! wollen wir tauschen?« fragte er den Pflastergeldeinnehmer.

»Tauschen?« sagte dieser, »das wäre nicht übel!« Und so tauschten sie. Der Bauer bekam das Huhn und der andere die Gans.

Der Bauer hatte seine Zeit gut genützt. Was hatte er nun schon alles ausgerichtet! heiß war es auch, und er fühlte sich nachgerade müde. Ein Gläschen Schnaps und einen Bissen Brot hatte er seiner Meinung nach reichlich verdient, und da er sich gerade vor dem Wirtshause befand, wollte er hineingehen; aber in diesem Augenblick kam der Knecht mit einem vollen Sack auf dem Rücken heraus.

»Was hast du darin?« fragte der Bauer.

»Verfaulte Äpfel«, erwiderte der Knecht; »einen ganzen Sack voll für die Schweine!«

»Einen ganzen Sack voll Äpfel! Welch eine Menge! Den Anblick würde ich meiner Alten daheim gönnen. Voriges Jahr trug unser alter Baum am Torfschuppen nur einen einzigen Apfel, und der mußte aufgehoben werden und stand auf der Kommode, bis er verdarb. ›Es zeigt immer einen gewissen Wohlstand,‹ sagte Mutter. Aber hier könnte sie erst einen gewissen Wohlstand sehen, ja, den Anblick möchte ich ihr gönnen.«

»Nun, was wollt Ihr mir dafür geben?« fragte der Knecht.

»Geben? Ich biete Euch meine Henne dafür.«

So tauschte er denn die Henne um den Sack Äpfel ein und trat nun mit diesem in die Wirtsstube. Hier lehnte er seinen Sack an den Ofen, der tüchtig geheizt war; allein das bedachte das Bäuerlein nicht. In der Stube befanden sich viele Fremde, Pferdehändler, Ochsentreiber und auch zwei Engländer. Diese sind alle so reich, daß ihre Taschen von Gold strotzen; und Wetten machten sie, das ist ihr Hauptvergnügen, das wirst du gleich hören.

»Suß – Suß!« – was tönte denn so sonderbar vom Ofen her? Die Äpfel begannen zu braten.

»Was ist denn das?« fragten alle miteinander.

Nun, da erfuhren sie denn auch gleich die ganze Geschichte, von dem Pferd, das gegen eine Kuh und dann immer weiter herunter bis zu den verfaulten Äpfeln eingetauscht worden war.

»Na, da wird es Prügel setzen, wenn du nach Hause kommst!« sagten die Engländer. »Du kannst dich darauf verlassen!«

»Was, Prügel! Einen Kuß wird sie mir geben und sagen: was Vater tut, ist immer recht!«

»Wollen wir wetten?« sagten die Engländer. »Wir wollen dir Goldstücke tonnenweise geben, wenn du gewinnst; hundert Pfund sind ein Schiffspfund.«

»O, ich bin mit einem Scheffel voll zufrieden!« sagte der Bauer. »Ich selbst kann jedoch nur einen Scheffel voll Äpfel für mich und die Mutter dagegen setzen, aber das ist auch schon mehr als gestrichenes, das ist gehäuftes Maß.«

»Topp!« riefen die Engländer, und damit war die Wette abgemacht. Hierauf wurde der Wagen des Wirts bestellt, und die Engländer sowie der Bauer mitsamt seinen verfaulten Äpfeln fuhren hinaus aufs Dorf und langten bald vor dem Haus des Bauern an.

»Guten Abend, Mutter!«

»Grüß dich Gott, Alter!«

Bild: Hans Tegner

»Der Tausch wäre gemacht.«

»Ja, du verstehst es!« sagte die Frau, indem sie ihren Mann umarmte und weder den Sack noch die Engländer beachtete.

»Nun, ich habe also das Pferd gegen eine Kuh vertauscht.«

»Gott sei Dank!« sagte die Frau, »nun können wir Milchspeisen kochen und Butter und Käse auf den Tisch stellen. Das war ein herrlicher Tausch!«

»Aber dann tauschte ich die Kuh gegen ein Schaf ein.«

»Das war auch viel besser, du denkst doch immer an alles! Für ein Schaf haben wir gerade Futter genug. Nun bekommen wir Schafsmilch und Schafskäse und wollene Strümpfe und wollene Nachtjacken. Wolle bekommt man von der Kuh keine, sie verliert ja ihre Haare. Wie fürsorglich du doch bist!«

»Aber das Schaf habe ich gegen eine Gans eingetauscht.«

»Können wir wirklich in diesem Jahr eine Martinsgans essen? Ach, Väterchen, du bist doch immer darauf bedacht, mir eine Freude zu machen! Das ist ein reizender Gedanke von dir! Die Gans können wir draußen an einem Strick anbinden, dann wird sie bis Martini noch fett.«

»Aber Mutter, die Gans habe ich gegen eine Henne eingetauscht.«

»Eine Henne?« sagte die Frau. »Das ist wirklich ein guter Tausch. Die Henne legt Eier, sie brütet sie aus, wir kommen Küklein, ja, einen ganzen Hühnerhof. Das habe ich mir im stillen schon immer gewünscht.«

»Aber die Henne tauschte ich für einen Sack voll verfaulter Äpfel ein.«

»Nun muß ich dich küssen!« rief die Frau voller Freude. »Ich danke dir, liebster Mann, und muß dir gleich etwas erzählen. Als du heute morgen fort warst, überlegte ich mir, was ich dir Gutes kochen könnte, bis du nach Hause kommst. Eier und Schnittlauch natürlich! Eier hatte ich, aber keinen Schnittlauch. Deshalb ging ich zu Schullehrers hinüber; ich weiß ganz bestimmt, daß sie welchen haben, aber die Frau ist ein Geizhals, wenn sie es sich auch nicht merken lassen will. Ich bat sie nun, mir ein wenig Schnittlauch zu leihen. ›Leihen?‹ versetzte sie, ›in unserem Garten wächst gar nichts, nicht einmal ein verfaulter Apfel, selbst den könnte ich Ihnen nicht leihen.‹ Aber jetzt kann ich ihr zehn, ja, einen ganzen Sack voll leihen! Das freut mich, Väterchen!« Und dabei gab sie ihm einen festen Kuß mitten auf den Mund.

»Das gefällt mir!« sagten die Engländer wie aus einem Munde, »immer den Berg hinab und doch immer gleich froh. Das ist wirklich Goldes wert.«

Darauf zählten sie dem Bauern, der keine Prügel, sondern vielmehr Küsse erhielt, ein Schiffspfund Goldstücke auf den Tisch.

Ja, ja, es lohnt sich immer, wenn die Frau einsieht, daß Vater der Klügste ist, und erklärt, daß das, was er tut, immer recht ist.

Siehst du, das ist nun meine Geschichte! Ich habe sie als kleiner Knabe gehört, und nun hast du sie auch gehört und weißt, daß das, was Vater tut, immer recht ist.

Bild: Hans Tegner
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