Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Hans Christian Andersen >

Andersens Märchen

Hans Christian Andersen: Andersens Märchen - Kapitel 12
Quellenangabe
authorHans Christian Andersen
titleAndersens Märchen
publisherWeltbild
yearo.J.
illustratorHans Tegner
firstpub1909
translatorPauline Klaiber
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20180616
projectid75931ba8, e0589c45
Schließen

Navigation:

Der Tannenbaum

Draußen im Walde stand ein niedliches Tannenbäumchen; es hatte einen guten Platz, die Sonne konnte darauf scheinen, Luft war genug da, und rundherum wuchsen viele größere Kameraden, Tannen und Fichten. Aber der Tannenbaum wäre für sein Leben gern schon groß gewesen. Er dachte nicht an den warmen Sonnenschein und die frische Luft und machte sich nichts aus den Bauernkindern, die vorbeikamen und lustig plauderten, wenn sie im Walde Erdbeeren und Himbeeren sammelten. Oftmals kamen sie mit einem ganzen Topf voll oder hatten wohl auch Erdbeeren auf Strohhalme gezogen. Dann setzten sie sich neben das Bäumchen und sagten: »Nein, wie niedlich klein er ist!« Das hörte das Bäumchen aber gar nicht gern. Im nächsten Jahre war es schon um einen langen Schoß größer, und das Jahr darauf war es noch um einen größer; bei den Tannenbäumen berechnet man nämlich das Alter nach der Zahl ihrer Ansätze. »Ach, war' ich doch schon so groß wie die andern!« seufzte das Bäumchen, »dann könnte ich meine Zweige weit ausbreiten und mit meinem Wipfel in die weite Welt hinausschauen. Dann würden die Vögel ihre Nester auf meinen Zweigen bauen, und wenn es stürmte, könnte ich ebenso vornehm nicken, wie die andern dort drüben!«

Weder der Sonnenschein, noch die Vögel, noch die roten Wolken, die morgens und abends über ihm hinzogen, machten ihm Freude.

Im Winter, wenn der Schnee ringsumher glänzendweiß dalag, kam oft ein Hase gesprungen und setzte gerade über das Bäumchen hinweg. Das war empörend! Aber im dritten Winter war der Tannenbaum schon so hoch, daß der Hase um ihn herumlaufen mußte. »Wachsen, wachsen, groß und alt werden, ja, das ist doch das einzige Schöne in der Welt!« dachte der Tannenbaum.

Im Herbst kamen immer die Holzhauer in den Wald und fällten einige der großen Bäume. Das geschah jedes Jahr, und dem jungen Tannenbaum, der nun schon eine ansehnliche Höhe erreicht hatte, wurde angst und bange dabei, denn mit lautem Krachen stürzten sie zur Erde; die Zweige wurden ihnen abgehauen, und sie sahen dann ganz nackt, lang und schmal aus, man konnte sie fast nicht wiedererkennen. Dann wurden sie auf den Wagen gelegt, und Pferde zogen sie zum Walde hinaus.

Wohin kamen sie denn? Was stand ihnen bevor?

Im Frühjahr, als die Schwalben und Störche kamen, fragte sie der Baum: »Wißt ihr nicht, wohin sie geführt wurden? Seid ihr ihnen nicht begegnet?«

Die Schwalbe wußte nichts davon; der Storch aber sah nachdenklich aus, nickte mit dem Kopfe und sagte: »Ja, ich glaube, ich weiß es. Auf meiner Rückreise von Ägypten begegneten mir viele neue Schiffe mit hohen Mastbäumen, und ich vermute, sie waren es, denn sie verbreiteten einen Tannengeruch. Ich kann vielmals von ihnen grüßen; sie ragten hoch über alles empor.«

»Ach, wäre ich doch auch groß genug, um über das Meer hinzufliegen! Was ist denn eigentlich das Meer, und wie sieht es aus?«

»Das kann ich dir nicht so kurz erzählen«, sagte der Storch und entfernte sich.

»Freue dich deiner Jugend!« sagten die Sonnenstrahlen, »freue dich deines Wachstums und deiner frischen Lebenskraft!« Und der Wind küßte den Baum, und der Tau weinte Tränen über ihn; aber das verstand der Tannenbaum nicht.

Bild: Hans Tegner

Wenn Weihnachten herannahte, wurden ganz junge Bäume gefällt, Bäume, die nicht einmal so groß waren und auch nicht in demselben Alter standen wie unser Tannenbäumchen, das weder Rast noch Ruhe hatte, sondern nur immer fort wollte. Diese jungen Bäume – es waren gerade die allerschönsten – behielten immer ihre Zweige, wurden dann auf Wagen gelegt, und Pferde zogen sie aus dem Walde hinaus.

»Wohin kommen sie?« fragte der Tannenbaum. »Sie sind nicht größer als ich, ja, es war einer darunter, der war sogar noch weit kleiner. Warum behielten sie alle ihre Zweige? Wohin werden sie geführt?«

»Wir wissen es! wir wissen es!« zwitscherten die Sperlinge. »In der Stadt haben wir zu den Fenstern hineingeschaut; wir wissen, wohin sie fahren! O, sie gelangen zur schönsten Pracht und Herrlichkeit, die man sich nur denken kann! Als wir zu den Fenstern hineinblickten, sahen wir, daß sie mitten in der warmen Stube eingepflanzt und mit den prächtigsten Sachen, mit vergoldeten Äpfeln und Nüssen, Honigkuchen, allerlei Spielzeug und mehr als hundert Lichtern geschmückt wurden!«

»Und dann?« fragte der Tannenbaum, während er an allen Zweigen bebte, »und dann, was geschieht dann?«

»Ja, mehr haben wir nicht gesehen, aber es war unvergleichlich schön.«

»Ob wohl auch ich dazu bestimmt bin, diesen strahlenden Weg zu gehen?« dachte das Bäumchen. »Das ist noch weit besser, als übers Meer zu ziehen. O, wie mich die Sehnsucht verzehrt; wäre es doch schon Weihnachten! Jetzt bin ich ja ebenso groß und erwachsen als die andern, die voriges Jahr fortgeführt wurden. O, wäre ich doch schon auf dem Wagen! Wäre ich doch schon in der warmen Stube mit all ihrer Pracht und Herrlichkeit! und dann – ja, dann kommt natürlich noch etwas Besseres, etwas viel Schöneres. Warum würde man mich sonst so herrlich schmücken? Es muß noch etwas Größeres, noch etwas Herrlicheres kommen –! Aber was kann es denn sein? Ach, ich leide Qual! Ich vergehe vor Sehnsucht danach, ich weiß selber nicht, wie mir zu Mute ist!«

»Freue dich meiner!« sagte die Luft, und der Sonnenschein sagte: »Freu dich deiner frischen Jugend im Freien!«

Aber das Bäumchen freute sich gar nicht, es wuchs und wuchs, Sommer und Winter war es grün, ja, dunkelgrün stand es da. Die Leute, die es sahen, sagten alle: »Das ist einmal ein hübscher Baum!« und gegen Weihnachten wurde er von allen zuerst gefällt. Die Axt hieb tief durch das Mark und mit einem schweren Seufzer fiel der Baum zu Boden. Er fühlte einen durchdringenden Schmerz und war einer Ohnmacht nahe, so daß er an gar kein Glück mehr denken konnte. Er war betrübt, daß er von seiner Heimat scheiden mußte, dem Orte, wo er aufgewachsen war. Er wußte ja, daß er die lieben alten Kameraden, die kleinen Büsche und Blumen ringsumher nicht mehr sehen würde, ja, vielleicht nicht einmal mehr die kleinen Vögel; diese Abreise war durchaus kein Vergnügen.

Der Baum kam erst wieder zu sich, als er mit den andern Bäumen in einem Hofe abgeladen wurde und einen Mann sagen hörte: »Der ist schön, den wollen wir nehmen!« Dann kamen zwei Diener in Gala und trugen den Tannenbaum in einen großen, prächtigen Saal. An den Wänden hingen Bilder und neben dem großen Kachelofen standen chinesische Vasen mit Löwen auf den Deckeln. Da gab es Schaukelstühle, Ruhebänke mit seidenen Überzügen und große Tische, die mit Bilderbüchern und Spielzeug für hundert mal hundert Taler bedeckt waren – wenigstens behaupteten es die Kinder. Der Tannenbaum wurde in eine mit Sand gefüllte Tonne gestellt, aber man sah gar nicht, daß es eine Tanne war; denn sie wurde ringsherum mit grünem Stoff behängt und stand auf einem großen, bunten Teppiche. O, wie der Baum bebte; was sollte nun geschehen? Die Diener schmückten ihn, und auch die Fräulein legten Hand mit an. An die Zweige hängten sie kleine, aus buntem Papier ausgeschnittene Netze, und jedes Netz war mit Zuckerwerk gefüllt. Vergoldete Apfel und Nüsse hingen an den Zweigen, als ob sie angewachsen wären, und über hundert rote und blaue und weiße Lichtchen wurden an den Zweigen befestigt. Kleine Puppen, die wie leibhaftige Menschen aussahen – der Baum hatte solche noch nie gesehen – schwebten im Grünen, und ganz oben auf der Spitze strahlte ein goldener Stern. Es war außerordentlich prächtig!

»Heute abend«, sagten alle, »heute abend wird er strahlen!«

»Ach«, dachte der Baum, »wäre es doch schon Abend! Würden doch nun die Lichter bald angezündet, und was wird dann geschehen? Ob wohl die Bäume aus dem Walde kommen, um mich zu sehen? Ob die Sperlinge an die Fensterscheiben fliegen? Ob ich hier festwachse und Winter und Sommer geschmückt dastehen werde?«

Ja, ja, der Baum konnte gut raten! Aber er hatte förmlich Rindenweh vor lauter Sehnsucht, und Rindenweh ist für einen Baum ebenso schlimm als für die Menschen Kopfweh.

Nun wurden die Lichter angezündet! Welch ein Glanz! welche Pracht! Der Baum bebte an allen Zweigen, so daß einige Nadeln an einem der Lichter Feuer fingen; es qualmte entsetzlich.

»Lieber Gott!« schrien die Fräulein und löschten es hastig aus.

Jetzt wagte der Baum nicht einmal mehr zu beben. Das war schrecklich. Er war in beständiger Angst, er könnte etwas von seinem schönen Schmucke verlieren, und von all dem Glanze war er wie betäubt. – Nun öffneten sich die beiden Flügeltüren, und eine Schar Kinder stürzte herein, als ob sie den ganzen Baum umrennen wollten. Während die Erwachsenen langsam hinterherkamen, standen die Kleinen einen Augenblick stumm da; aber es dauerte nicht lange, so jubelten sie wieder so laut, daß es nur so schallte. Sie tanzten um den Baum, und ein Geschenk nach dem andern wurde von den Zweigen gepflückt.

»Was machen sie denn nur?« dachte der Baum. »Was haben sie denn im Sinn?«

Man ließ die Lichter bis auf die Zweige herunterbrennen, dann löschte man sie aus, und nachdem auch das letzte Lichtlein erloschen war, bekamen die Kinder die Erlaubnis, den Baum zu plündern. Sie stürzten auf ihn los, daß es in allen Zweigen knackte. Wäre er mit der Spitze und dem goldenen Stern nicht an der Zimmerdecke befestigt gewesen, so hätten sie ihn sicher umgeworfen.

Die Kinder tanzten nun mit ihren prächtigen Spielsachen umher; niemand dachte mehr an den Baum, mit Ausnahme der alten Kinderfrau, die aufmerksam zwischen die Zweige blickte; aber sie wollte nur nachsehen, ob nicht vielleicht eine Feige oder ein Apfel vergessen worden sei.

»Eine Geschichte, eine Geschichte!« riefen die Kinder und zerrten einen kleinen, dicken Mann zum Baume hin. Er setzte sich gerade darunter. »Denn so sind wir im Grünen«, sagte er, »und dem Baum kann es auch nichts schaden, wenn er zuhört und sich eine Lehre daraus zieht. Aber ich erzähle nur eine einzige Geschichte. Wollt ihr die von Ivede-Avede hören, oder die von Klumpe-Dumpe, der die Treppe hinunterfiel und doch der Vornehmste wurde und die Prinzessin erhielt?«

»Ivede-Avede!« riefen einige, »Klumpe-Dumpe!« schrien die andern. Es war ein Rufen und Durcheinanderschreien, nur der Tannenbaum schwieg still und dachte: »Werde ich gar nicht gefragt? Habe ich denn nichts dabei zu tun?« Ja, er hatte ja das Seinige schon getan!

Nun erzählte der Mann von Klumpe-Dumpe, der die Treppe hinabfiel und doch der Vornehmste wurde und die Prinzessin erhielt. Und die Kinder klatschten in die Hände und riefen: »Noch mehr! noch mehr! Wir wollen auch noch die Geschichte von Ivede-Avede hören!« Aber da wurde nichts daraus, und sie mußten sich mit der von Klumpe-Dumpe begnügen. Der Tannenbaum stand ganz still und gedankenvoll da; nie hatten die Vögel im Walde draußen dergleichen erzählt.

»Klumpe-Dumpe fiel die Treppe hinab, und bekam doch die Prinzessin – ja, ja, so geht es in der Welt zu!« dachte der Tannenbaum und hielt alles für Wahrheit, weil der Herr, der die Geschichte erzählte, so freundlich war. »Ja, ja, wer weiß, vielleicht falle ich auch die Treppe hinab und bekomme eine Prinzessin!« Und er freute sich schon auf den nächsten Tag, wo er wieder mit Lichtern und Spielzeug und Gold und Früchten geschmückt würde.

»Morgen werde ich nicht beben«, dachte er, »morgen will ich mich all meiner Herrlichkeit von Herzen freuen. Dann werde ich wieder die Geschichte von Klumpe-Dumpe hören und vielleicht auch die von Ivede-Avede.« Die ganze Nacht hindurch stand der Baum still und nachdenklich da.

Bild: Hans Tegner

Am nächsten Morgen, schon in aller Frühe, kamen ein Diener und das Mädchen herein.

»Jetzt fängt die Herrlichkeit von neuem an!« dachte der Baum. Allein sie schleppten ihn zum Zimmer hinaus, die Treppen hinauf bis auf den Bodenraum, und dort stellten sie ihn in einen dunkeln Winkel, wo kein Tageslicht hinfiel. »Was soll denn das bedeuten?« dachte der Baum. »Was soll ich denn hier? Was will man mir denn hier sagen?« Er lehnte sich gegen die Wand und sann und sann. Und Zeit hatte er wahrhaftig genug dazu, denn es verstrichen viele Tage und Nächte, ohne daß ein Mensch heraufkam, und als endlich jemand kam, so geschah es nur, um einige große Kisten in den Winkel zu stellen. Nun stand der Baum so versteckt, daß man hätte meinen können, er sei vollständig vergessen worden. »Jetzt ist eben draußen Winter«, dachte er, »die Erde ist zugefroren und mit Schnee bedeckt, da können mich die Menschen nicht einpflanzen, deshalb soll ich wahrscheinlich bis zum Frühjahr hier wohlverwahrt stehen. Wie sorglich man doch ist; die Menschen sind doch recht gut. Wär' es hier nur nicht so dunkel und so schrecklich einsam. Nicht einmal ein Häschen springt hier vorbei. Da war es doch besser draußen im Walde, wenn der Schnee lag und der Hase vorübersprang, ja selbst wenn er über mich hinwegsetzte. Damals hatte ich allerdings keine Freude daran; aber hier oben ist es doch entsetzlich einsam.«

»Piep, piep!« sagte plötzlich eine kleine Maus und huschte hervor, und gleich darauf kam noch eine zweite. Sie schnüffelten an dem Tannenbaume herum und schlüpften durch seine Zweige.

»Hier ist es ja furchtbar kalt«, sagten die Mäuschen, »aber sonst ist es ganz behaglich hier, nicht wahr, du alter Tannenbaum?«

»Ich bin gar nicht alt«, erwiderte der Tannenbaum, »es gibt viel ältere als ich.«

»Wo kommst du her?« fragten die Mäuse. »Was hast du erlebt?« – Sie waren gewaltig neugierig. – »Erzähle uns doch von den schönsten Orten der Welt! Bist du schon dort gewesen, wo große Käse auf den Brettern liegen und Schinken an der Decke hängen, wo man auf Talglichtern tanzt, wo man mager hineingeht und fett wieder herauskommt?«

»Nein, den Ort kenne ich nicht«, sagte der Baum, »aber den Wald kenne ich, wo die Sonne scheint und die Vögel singen.« Darauf erzählte er ihnen die Geschichte seiner Jugend. So etwas hatten die Mäuschen noch nie gehört; sie lauschten aufmerksam und sagten: »Was du alles gesehen hast; du bist recht glücklich gewesen!«

»Ich!« versetzte der Tannenbaum und dachte nun erst über seine eigene Erzählung nach. »Ja, es sind wirklich recht schöne Zeiten gewesen.« Und dann erzählte er ihnen vom Weihnachtsabend, wo er mit Kuchen und Lichtern geschmückt war.

»O!« riefen die Mäuschen, »du bist doch recht glücklich gewesen, du alter Tannenbaum.«

»Ich bin aber gar nicht alt«, erwiderte der Tannenbaum. »Ich bin ja erst in diesem Winter aus dem Walde gekommen und stehe in meinem allerbesten Alter. Ich bin nur so stark gewachsen.«

»Wie schön du erzählen kannst!« sagten die Mäuschen; und in der nächsten Nacht kamen sie mit vier anderen kleinen Mäusen wieder, die dem Baum auch zuhören wollten, und je mehr er erzählte, desto deutlicher erinnerte er sich an alles und dachte: »Ja, es sind damals doch wirklich recht schöne Zeiten gewesen! Aber sie können ja wiederkommen. Klumpe-Dumpe fiel die Treppe hinab und bekam doch die Prinzessin, vielleicht bekomme ich auch noch eine Prinzessin!« Und dabei mußte der Tannenbaum an eine niedliche, kleine Birke denken, die draußen im Walde wuchs und die ihm wie eine leibhaftige Prinzessin vorkam.

»Wer ist Klumpe-Dumpe?« fragten die Mäuschen. Da erzählte der Tannenbaum das ganze Märchen, dessen er sich Wort für Wort erinnern konnte, und die Mäuschen wären vor lauter Freude darüber fast bis an die Spitze des Baumes gesprungen. In der nächsten Nacht versammelten sich noch viel mehr Mäuse um den Baum, und am Sonntag kamen sogar zwei Ratten. Allein diese behaupteten, die Geschichte sei gar nicht hübsch, und das betrübte die Mäuschen, denn nun gefiel sie ihnen auch weniger als vorher.

»Wissen Sie denn nur diese eine Geschichte?« fragten die Ratten.

»Allerdings«, antwortete der Baum, »ich hörte sie an meinem glücklichsten Abend; aber damals wußte ich gar nicht, wie glücklich ich war.«

»Das ist eine ganz ärmliche Geschichte, wissen Sie denn keine von Speck und Talglichtern? Keine sogenannten Speisekammergeschichten?«

»Nein«, sagte der Baum.

»Nun, dann danken wir bestens dafür«, erwiderten die Ratten und zogen sich wieder in ihre eigene Behausung zurück.

Mit der Zeit blieben die Mäuschen auch fort, und da seufzte der Baum und sagte: »Es war doch recht hübsch, als die munteren Mäuschen um mich herumsaßen und mir zuhörten. Nun ist das ebenfalls vorbei. Aber ich will gewiß an allem eine Freude haben, wenn ich wieder hervorgeholt werde!«

Allein wann kam wohl der ersehnte Tag? Da, eines Morgens kamen Leute herauf und machten sich auf dem Boden zu schaffen. Die Kisten wurden auf einen andern Platz gestellt, und der Baum hervorgezogen. Sie warfen ihn allerdings ein wenig unsanft auf den Boden, aber sogleich schleppte ihn ein Knecht nach der Treppe hin, wo das Tageslicht schimmerte.

»Nun beginnt das Leben von neuem!« dachte der Baum. Er fühlte die frische Luft, den ersten Sonnenstrahl! Nun war er auf dem Hofe. Alles ging so schnell, daß der Baum ganz vergaß, sich selbst zu betrachten; es war so vieles Neue ringsumher zu sehen. Der Hof stieß an einen Garten, und darin stand alles in voller Blüte; die Rosen hingen frisch und duftend über den Staketenzaun herüber; die Lindenbäume blühten; die Schwalben flogen umher und zwitscherten: »Quirre, virre, vit, mein Mann ist gekommen!« aber den Tannenbaum meinten sie nicht damit.

»Nun will ich leben!« jubelte dieser und breitete seine Zweige weit aus. Ach, sie waren alle gelb und vertrocknet, und er lag zwischen Unkraut und Nesseln im Winkel! Der Stern aus Goldpapier saß noch oben auf der Spitze und glänzte im hellen Sonnenschein.

Auf dem Hofe selbst spielten einige Kinder, die am Weihnachtsabend um den Baum getanzt hatten und so lustig gewesen waren. Eins davon, ein kleiner Junge, lief hin und riß den goldenen Stern ab.

»Sieh, was da noch an dem häßlichen alten Tannenbaum saß!« rief er und trat auf die Zweige, daß sie unter seinen Stiefeln knackten. Da betrachtete der Baum sich selbst und wünschte, daß er in seinem dunkeln Winkel auf dem Boden geblieben wäre. Er dachte an seine schöne Jugend im Walde, an den lustigen Weihnachtsabend und an die kleinen Mäuse, die die Geschichte von Klumpe-Dumpe so gerne gehört hatten. »Vorbei, vorbei!« seufzte der arme Baum, »ach, hätte ich mich doch gefreut, als ich es noch konnte! Vorbei, vorbei!«

Nun kam der Hausknecht und hieb den Baum in lauter kleine Stücke; es war ein ganzer Haufen, und hell loderte es auf unter dem großen Braukessel. Das Tannenholz seufzte tief, und jeder Seufzer erklang wie ein kleiner Schuß, deshalb liefen die Kinder, die draußen spielten, herbei, setzten sich vor das Feuer, schauten hinein und riefen: »Piff, paff!« Aber bei jedem Knall, der doch ein Seufzer war, gedachte der Baum eines Sommertags im Walde, einer Winternacht da draußen, als die Sterne glänzten. Er gedachte des Weihnachtsabends und Klumpe-Dumpes, des einzigen Märchens, das er gehört hatte und erzählen konnte. – Und dann war der Baum verbrannt.

Die Knaben spielten im Hofe, und der kleinste hatte den goldenen Stern, den der Baum an seinem glücklichsten Tage getragen hatte, an der Brust stecken. Jener Abend war nun lange vorüber und mit ihm auch der Baum nebst seiner Geschichte. Vorüber, vorüber! so geht es mit allen Geschichten.

Bild: Hans Tegner
 << Kapitel 11  Kapitel 13 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.