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Andersens Märchen

Hans Christian Andersen: Andersens Märchen - Kapitel 10
Quellenangabe
authorHans Christian Andersen
titleAndersens Märchen
publisherWeltbild
yearo.J.
illustratorHans Tegner
firstpub1909
translatorPauline Klaiber
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20180616
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Tölpelhans

Weit drinnen im Lande lag ein alter Herrenhof, und da lebte ein Gutsbesitzer, der hatte zwei Söhne, die so witzig und gescheit waren, daß es an der Hälfte gerade genug gewesen wäre. Diese beiden wollten nun um die Tochter des Königs freien; denn sie hatte bekannt machen lassen, sie wolle denjenigen zum Manne nehmen, mit dem sie sich am besten unterhalten könne.

Eine ganze Woche lang bereiteten sich die beiden auf die Bewerbung vor. Das war die längste Zeit, die ihnen vergönnt war. Sie war aber auch vollkommen hinreichend; denn sie hatten sehr schöne Vorkenntnisse, und das ist immer nützlich. Der eine wußte das ganze lateinische Wörterbuch sowie drei Jahrgänge des Tagblattes auswendig, und zwar rückwärts und vorwärts. Der andere hatte sich mit sämtlichen Paragraphen des Gesetzes und mit allem, was ein Zunftmeister wissen mußte, bekannt gemacht. Auf diese Weise, hoffte er, sich über alle Staatsangelegenheiten unterhalten zu können; und außerdem verstand er auch Hosenträger zu sticken, denn er war gar gewandt und fingerfertig.

Bild: Hans Tegner

»Ich bekomme die Königstochter!« sagten alle beide, und der Vater gab jedem ein prächtiges Pferd. Derjenige, welcher das Wörterbuch und die Zeitungen auswendig wußte, bekam einen Rappen, und der Gesetzeskundige, der überdies auch noch sticken konnte, einen Schimmel, und darauf schmierten sie sich noch die Mundwinkel mit Lebertran ein, damit diese geschmeidiger würden. Das Gesinde stand unten im Hofe, um zuzusehen, wie sie zu Pferde stiegen. Im letzten Augenblick erschien der dritte Bruder, denn es waren ihrer drei; allein der dritte wurde nicht mitgezählt, weil er nicht auch gelehrt war wie die beiden andern, und jedermann nannte ihn kurzweg Tölpelhans.

»Wo wollt ihr denn hin? Ihr seid ja im höchsten Staat!« fragte er.

»An den Hof, um uns mit der Königstochter zu unterhalten und sie zur Frau zu bekommen. Hast du denn nicht gehört, was im ganzen Lande verkündigt wurde?« und darauf erzählten sie ihm, wie die Sache zusammenhing.

»Ei der Tausend! Da muß ich auch dabei sein!« rief Tölpelhans. Aber die Brüder lachten ihn aus und ritten von dannen.

»Vater, gib mir ein Pferd!« sagte Tölpelhans. »Ich verspüre große Lust, mich zu verheiraten. Nimmt sie mich, so nimmt sie mich – nimmt sie mich nicht, so nehme ich sie doch.«

»Was für ein Geschwätz!« sagte der Vater. »Dir gebe ich kein Pferd; du kannst ja nicht ordentlich sprechen! Mit deinen Brüdern ist es etwas ganz anderes; das sind Staatsburschen!«

»Wenn ich kein Pferd bekomme, dann nehme ich den Ziegenbock; der gehört mir und kann mich auch tragen.« Damit setzte er sich auf den Ziegenbock, drückte ihm die Hacken in die Seiten und sprengte davon. Hui! wie das ging! Hopp, hopp! »Da komm' ich!« rief Tölpelhans, und darauf sang er, daß es weit und breit widerhallte.

Die Brüder aber ritten schweigend dahin. Sie sprachen kein Wort; denn sie mußten alle die guten Einfälle, die sie vorbringen wollten, noch einmal genau überlegen. Es sollte ja etwas ganz Besonderes sein.

»Hallo! Hallo! Da bin ich! Seht einmal, was ich auf der Landstraße gefunden habe!« Mit diesen Worten zeigte Tölpelhans den Brüdern eine tote Krähe, die er in der Hand hielt.

»Tölpel!« fuhren sie ihn an, »was willst du denn damit?«

»Ich will sie der Königstochter schenken!«

»Ja, das tu' nur!« sagten sie lachend und ritten weiter.

»Hallo! Hallo! Da bin ich! Seht, was ich jetzt gefunden habe! Das findet man nicht alle Tage auf der Landstraße!«

Bild: Hans Tegner

Die Brüder hielten wieder an, um sich den neuen Fund anzusehen. »Tölpel!« sagten sie aufs neue. »Das ist ja ein alter Holzschuh, von dem noch dazu der obere Teil abgegangen ist. Willst du den auch der Königstochter schenken?«

»Jawohl!« sagte Tölpelhans. Da lachten die Brüder, ritten weiter und kamen ihm eine große Strecke voraus.

»Hallo! Hallo! Hier bin ich!« rief Tölpelhans. »Es wird immer besser! Hallo! Hallo! Das ist aber etwas Feines!«

»Was hast du denn jetzt wieder gefunden?« fragten die Brüder.

»O«, sagte Tölpelhans, »es ist nichts, worüber man reden kann; aber sie wird sich freuen, die Königstochter!«

»Pfui!« sagten die Brüder, »das ist ja der reine Schlamm, gerade aus dem Straßengraben heraus!«

Bild: Hans Tegner

»Allerdings!« sagte Tölpelhans, »obendrein von der allerfeinsten Sorte, so daß man ihn gar nicht festhalten kann.« Und er füllte sich seine Tasche damit an.

Nun sprengten die Brüder in gestrecktem Galopp davon, so daß sie eine Stunde früher als Tölpelhans am Stadttor anlangten. Allein hier wurden alle Freier mit einer Nummer versehen und in Reih und Glied aufgestellt, sechs in der Reihe und so eng zusammengedrängt, daß sie sich nicht rühren konnten. Sonst hätte es auch gewiß Mord und Totschlag gegeben, weil sie hintereinander stehen mußten.

Das ganze Volk stand um das königliche Schloß, in großen Haufen bis dicht an die Fenster hinauf, um zu sehen, wie die Königstochter die Freier empfing. Aber sonderbar! sobald einer den Saal betrat, ließ ihn seine Beredsamkeit vollständig im Stich, und er konnte kein Wort herausbringen.

Bild: Hans Tegner

»Taugt nichts!« sagte die Königstochter einmal ums andere. »Fort mit ihm!«

Endlich kam die Reihe an denjenigen der Brüder, der das Wörterbuch auswendig wußte. Aber nun wußte er gar nichts mehr; er hatte alles vergessen, solange er draußen in Reih und Glied stand. Dazu knarrte der Fußboden, und die Decke war von lauter Spiegelglas, so daß er sich selbst auf dem Kopfe stehen sah. An jedem Fenster standen auch noch drei Schreiber und ein Stadtältester, die alles, was gesprochen wurde, sofort niederschrieben, damit es gleich in die Zeitung kommen und an jeder Ecke für einen Groschen verkauft werden konnte. Es war ganz entsetzlich! Und zum Überfluß war auch noch der Ofen derart geheizt, daß er ganz glühend war.

»Hier herrscht eine drückende Hitze!« begann der Freier das Gespräch.

»Jawohl; denn mein Vater bratet heute junge Hähne«, sagte die Königstochter.

Bäh! da stand er wie ein Holzklotz; denn auf diese Erwiderung war er nicht gefaßt gewesen. Er konnte kein Wort vorbringen und hätte doch so gerne etwas recht Geistreiches gesagt. Bäh!

»Taugt nichts!« sagte die Königstochter. »Fort mit ihm!« Und so mußte er seiner Wege ziehen.

Nun kam der zweite Bruder dran.

»Hier ist eine entsetzliche Hitze!« rief er.

»Ja, wir braten heute junge Hähne«, versetzte die Königstochter.

»Wie belie–« fragte er und alle Schreiber schrieben: »Wie belie–?«

»Taugt nichts!« sagte die Königstochter. »Fort mit ihm!«

Nun kam Tölpelhans an die Reihe. Er ritt auf seinem Ziegenbock gerade ins Zimmer hinein. »Hier ist ja eine Mordshitze!« sagte er.

Bild: Hans Tegner

»Allerdings, aber ich brate heute junge Hähne«, erwiderte die Königstochter.

»Das ist ja herrlich!« sagte Tölpelhans, »dann kann ich mir wohl auch meine Krähe braten lassen!«

»Den Gefallen will ich Ihnen gerne erweisen«, sagte die Königstochter. »Haben Sie aber auch etwas, worin sie gebraten werden kann? Denn ich habe weder einen Topf noch eine Pfanne.«

»O, daran fehlt es mir nicht!« rief Tölpelhans fröhlich. »Hier ist ein ausgezeichnetes Kochgeschirr!« Dabei zog er den alten Holzschuh hervor und legte die Krähe darein.

»Das reicht zu einer ganzen Mahlzeit«, meinte die Königstochter. »Aber woher nehmen wir die Sauce dazu?«

»Die habe ich in meiner Tasche«, sagte Tölpelhans, »ich habe so viel, daß ich sogar verschwenderisch damit sein kann!« Damit schüttete er den Schlamm aus der Tasche.

»Das gefällt mir«, sagte die Königstochter, »du kannst doch antworten, und du kannst reden, und deshalb will ich dich zu meinem Gemahl erheben. Aber weißt du auch, daß jedes Wort, das wir sagen und gesprochen haben, morgen in die Zeitung kommt? Siehst du, an jedem Fenster stehen drei Schreiber sowie ein Stadtältester, und der Stadtälteste ist der schlimmste; denn er hört nicht gut. Das sagte die Königstochter aber nur, um Tölpelhans Furcht einzujagen. Darauf fingen die Schreiber an zu lachen und machten dabei einen Tintenklecks auf den Boden.

»Das sind wohl die Herrn da drüben?« sagte Tölpelhans. »Da muß ich dem Herrn Stadtältesten schon mein Bestes schenken.« Zugleich wandte er seine Tasche um und spritzte ihm den ganzen Schlamm ins Gesicht.

»Du hast dir ja gut zu helfen gewußt!« sagte die Königstochter. »Das hätte ich nicht zustande gebracht! Aber ich werde es schon noch lernen!«

Und so wurde Tölpelhans König, bekam eine Krone und eine Frau und saß auf einem Throne. Und das alles haben wir aus der Zeitung des Stadtältesten, auf die man sich freilich nicht immer verlassen kann.

Bild: Hans Tegner
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