Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Scholem Aleichem: Anatewka - Kapitel 9
Quellenangabe
pfad/alejchem/anatewka/anatewka.xml
typefiction
authorScholem Alejchem
titleAnatewka
publisherInsel Verlag
seriesinsel taschenbuch
volume2392
printrunErste Auflage
year1999
translatorAlexander Eliasberg
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081021
projectid38da48ff
Schließen

Navigation:

VIII. Zieh fort

geschrieben 1914

Wünsche Ihnen einen schönen, guten, breiten Friede-mit-Euch, Herr Scholem-Alejchem! Euch und Euren Kindern! Ich kann Sie schon kaum erwarten. Ein hübsches bißchen Ware für Sie hat sich bei mir angesammelt. Ich erkundige mich ständig: ›Wo bist du‹ – warum sieht man Sie nicht? Erzählt man mir, daß Sie die ganze Welt bereisen, irgend welche fernen Länder, wie es in der Megille heißt: ›hundert und sieben und zwanzig Länder‹ ... Aber mir scheint, daß Sie mich gar seltsam ansehen. Mag sein, daß Sie sich wundern und im stillen dabei fragen, ist er's, oder ist er's nicht? Er ist's, Herr Scholem-Alejchem, er ist's! Euer alter Freund Tewje in höchsteigener Person, Tewje, der Milchmann, derselbe Tewje, aber kein Milchmann mehr, einfach ein Jude, ein alltäglicher Jude, ein greiser Jude, wie Sie sehen, obwohl an Jahren noch gar nicht so alt, wie es in der Agude heißt: ›Ich seh aus, als wär ich siebzig‹ – noch ganz weit von den Siebzig entfernt. Warum ist dann das Haar so weiß? Glauben Sie mir, nicht vom Vergnügen, lieber Freund, ein bißchen eigener Kummer, ich soll mich nicht versündigen, und ein bißchen wegen des ganzen jüdischen Volkes – eine schlechte Zeit! Ein bitteres Stückchen Zeit für Juden! ... Ich weiß aber, wo's Sie drückt. Etwas anderes drückt Sie: Sicherlich erinnern Sie sich daran, daß wir uns seinerzeit verabschiedeten, bevor ich mich auf die Reise ins Land Israel machte. Also glauben Sie doch sicher, daß Sie nun schon den zurückgekehrten Tewje sehen, aus dem Lande Israel zurück, mein ich, und Sie sind schon sicherlich begierig, etwas Neues zu hören, zum Beispiel einen Gruß vom Grabe der Mutter Rahel und von der Zwiefachen Gruft und noch solche Dinge? Dann muß man Sie zufriedenstellen; wenn Sie Zeit haben und Neuigkeiten hören wollen, aber mit Verstand zuhören, wie es in der Bibel heißt: ›Hör mich an‹ dann werden Sie schon selber sagen, daß der Mensch ein Vieh ist und daß wir einen starken Gott haben und daß er die Welt führt.

Kurz und gut, welcher Wochenabschnitt geht jetzt bei Ihnen? Wajikru? Für mich ist's ein anderer Wochenabschnitt: der Wochenabschnitt lech lechu – »Zieh fort«. ›Zieh fort‹, hat man mir gesagt – du sollst fortziehen, Tewje – ›von deinem Land‹ und ›von deinem Geburtsort‹ – und von deinem Dorf, wo du geboren bist und alle Tage deines Lebens verbracht hast, ›in das Land, das ich dir zeigen werde‹ – wohin dich die Augen führen werden! Und wann denkt man daran, Tewje diesen Vers aufzusagen? Ausgerechnet dann, wenn er schon alt und schwach und einsam ist, wie wir Rosch-Haschono in den Gebeten sagen: ›Verwirf mich nicht im Alter‹ ... Aber ich greife vor, beinahe habe ich vergessen, daß wir noch am Anfang sind und ich Ihnen noch nicht erzählte, was es im Lande Israel Neues gibt. Was soll es dort Neues geben, mein lieber Freund? Ein Land – mögen wir beide so ein gutes Jahr haben –, ›ein Land, in dem Milch und Honig fließen‹ – heißt es schon in der Tojre! Es hat bloß einen Nachteil, daß das Land Israel im Lande Israel ist, und ich bin, wie Sie sich überzeugen können, vorläufig noch nicht im Lande Israel. Über Tewje, scheint es, ist der Vers in der Megille gesagt worden: ›und wie ich verloren bin, so werde ich verloren sein‹, ich war ein Pechvogel, und als Pechvogel werde ich schon sterben. Man sollte meinen, ich stand schon mit einem Fuß sozusagen dort drüben im Heiligen Lande. Es galt nur noch, die Fahrkarte zu lösen, das Schiff zu besteigen und – verschwinde! Was aber tut Gott? Da kommt mein älterer Schwiegersohn, Motel Kamisol, der Flickschneider von Anatewka – Sie werden etwas Schönes hören –, legt sich hin, gesund und stark – keinem hier sei's beschieden, keinem Juden sei's beschieden – und stirbt. Das heißt, ein großer Held war er nie. Was soll ich Ihnen sagen, ein Handwerker, Tag und Nacht saß er ›über der Tojre und den Geboten‹ – über der Nadel und dem Faden und flickte – verzeihen Sie – Unterwäsche. So lang und so breit, bis er die Auszehrung kriegte. Er begann zu hüsteln, er hüstelte und hüstelte, bis er das letzte bißchen Lunge ausspie. Es hat nichts mehr genützt, kein Doktor, keine Ziegenmilch, keine Schokolade mit Honig. Ein ungezügelter Bursche war er, zwar ungehobelt, ohne Bildung, aber ehrlich, ohne Hintergedanken. Meine Tochter hat er lieb gehabt wie's Leben! Für die Kinder hätte er sich umgebracht, und für mich gar hätte er sich geopfert! Kurz und gut, mit dem Vers geschlossen ›und Moses starb‹, starb Motel und hinterließ mir eine richtige Bombe: Wie hätte ich damals ans Land Israel auch nur denken können? Ich habe schon ein gutes Land Israel bei mir zu Hause gehabt! Wie läßt man zurück, frag ich Sie, eine Tochter, eine Witwe mit unmündigen Kindern, Waisen, ohne einen Bissen Brot? Obwohl, wenn man sich's recht überlegt, was kann ich – ein löchriger Sack – ihr helfen? Den Mann werde ich ihr doch nicht wieder lebendig machen und ihren Kindern nicht den Vater aus dem Jenseits zurückbringen, und selber ist man doch auch nicht mehr als ein sündiger Mensch, man lechzt danach, sich im Alter die Knochen ein bißchen auszuruhen, zu fühlen, daß man ein Mensch ist, kein Dahergelaufener. Genug des Tumults! Genug den irdischen Genüssen gefrönt! Man muß sich schon ein bißchen auf den Himmel vorbereiten, es ist höchste Zeit. Überhaupt noch, wo ich mein bißchen Hausrat schon zugrunde gerichtet habe: dem Pferd, wie Sie wissen, den Laufpaß gegeben, das Vieh ausverkauft bis ins Letzte, geblieben sind bloß einige Böcke, aus denen noch was Rechtes werden kann, wenn man sie gut füttern wird. Und plötzlich, geh, werde auf deine alten Tage ein ›Vater der Waisen‹, ein Vater von kleinen Kindern. Glauben Sie, das ist schon alles? Keine Eile! Das dicke Ende kommt erst noch. Denn wenn Tewje von einem Unglück betroffen wird, das wissen Sie doch schon, folgt ein zweites Unglück gleich auf dem Fuß. Zum Beispiel wenn einmal ein Unglück passierte und ein Stück Vieh krepierte, ist gleich darauf, ein zweites Mal, nicht auf Euch sei's gesagt, noch ein Stück Vieh krepiert ... So hat Gott schon seine Welt erschaffen, und so wird das schon bleiben. Da läßt sich nichts mehr machen!

Um mich kurz zu fassen, mit meiner jüngsten Tochter, mit meiner Bejlke, mein ich, Sie erinnern sich doch noch an die Geschichte, wie sie das Große Los gewann, einen Hecht erwischte, einen Pedozur, einen Tausendsassa, einen Kriegslieferanten, der volle Säcke nach Jehupez brachte und sich in meine Tochter verschoß, der eine Schönheit wollte und den Efroïm, den Heiratsvermittler, sein Name möge ausgelöscht werden, zu mir schickte, der Berge versetzte, der Schlag hat ihn beinahe getroffen, der sie zur Frau nahm, wie sie stand und ging, der sie von oben bis unten mit Geschenken überhäufte, mit Diamanten und Brillanten – so ein Glück, sollte man meinen, nicht wahr? Ist nicht tatsächlich das ganze Glück zu Wasser geworden? Und was für ein Wasser! Ein Morast, daß der Herrgott einen schützen und bewahren möge! Denn wenn Gott befiehlt, das Rad soll sich nach rückwärts drehen, dann fällt das Brot mit der Butter nach unten, wie wir in Hallel sagen: Da meint man schon, eben war's ›er richtet den Geringen auf aus dem Staube‹, und ehe man sich's versieht, ist's schon Krach: ›Der herabblickt auf den Himmel und auf die Erde‹ – in die Erde mit dem Glück ... Gott liebt es, mit dem Menschen zu spielen. Ach, liebt er es zu spielen! Wie oft hat er mit Tewje gespielt – ›die hinauf- und herabstiegen‹ – hinauf und herab! Und so war es auch mit meinem Kriegslieferanten, mit Pedozur. Sicherlich erinnern Sie sich doch noch an seinen Hochmut mit dem Haus, mit den dreizehn Dienstmädchen, mit den Spiegeln und mit den Uhren und mit dem ganzen Krimskrams in Jehupez? Pi-pu-pa! Erinnern Sie sich, ich glaube, ich erzählte Ihnen, wie ich damals meiner Bejlke zuredete, sie anflehte, sie möge zusehen, daß er das Haus auf ihren Namen kaufe, unbedingt auf ihren Namen? Nun, hörte man auf mich doch, wie Haman den Grager hört – was versteht schon ein Vater? Ein Vater versteht gar nichts! Also, was glauben Sie, war das Ende? Das Ende war möge es allen Euren Feinden passieren – nicht nur, daß der ganze Krach ihn erledigte, er verschuldet blieb, alle Spiegel, alle Uhren und die Diamanten und Brillanten der Frau verkaufte, hat er sich noch so schrecklich beschmutzt, daß er, auf keinen Juden sei's gesagt, durchbrennen mußte, einen Abgang vorführte und wegfuhr, dorthin, wohin der liebe, heilige Sabbat verschwindet – nach Amerika, mein ich. Dorthin fahren doch alle, die ein schweres Herz haben; sind sie auch dorthin gefahren, am Anfang dort elendiglich gelebt, auf den Hund gekommen, das bißchen Bargeld, was noch da war, aufgebraucht, und als sie nichts mehr zum Beißen hatten, mußten sie, nebbich, auf Arbeit gehen, alle schweren Arbeiten verrichten wie die Juden in Ägypten. Alle beide, sowohl er als auch sie. Jetzt schreiben sie, es gehe ihnen schon, gelobt sei Gott, nicht übel. Sie stricken Socken auf einer Maschine und »machen ein Leben« ... So spricht man dort in Amerika. In unserer Sprache würde das heißen: Das Stückchen Brot schleppt sich ...

Das einzige Glück noch, schreibt sie, daß sie nur zwei Personen sind, ohne Kind, ohne Rind, auch das ist zum Guten! Nun frag ich Sie: Soll nicht der Teufel in seines Vaters Muhme hineinfahren, Efroïm, den Heiratsvermittler, mein ich, für die schöne Partie, die er mir vermittelt hat, und für den Morast, in den er mich hineinführte! Wäre ihr denn so bitter gewesen, wenn sie zum Beispiel einen Handwerker geheiratet hätte wie Zeitel oder einen Lehrer wie Hodel? Obwohl die zwar auch von keinem Glück reden können, die eine ist eine junge Witwe geblieben und die andere irgendwo, auf alle guten Jahre, in die Verbannung verschickt? Das aber kommt doch von Gott, was für Vorsorge kann da ein Mensch schon treffen? ... Sehen Sie, klug war da doch tatsächlich meine Frau, Golde, Gott hab sie selig, schon allein damit, daß sie sich beizeiten umgesehen hat, sich von der närrischen Welt verabschiedet hat und ins ewige Leben eingekehrt ist. Denn sagen Sie schon selber, ehe man solch eine ›Qual, Söhne aufzuziehen‹ von Töchtern hat, wie sie Tewje hat, ist es da nicht tausendmal besser, in der Erde zu liegen und Beugel zu backen? ... Doch wie heißt es in den Sprüchen der Väter: ›Gegen deinen Willen lebst du‹ – ein Mensch kann sich nicht allein nehmen, und nimmt man, haut man über die Finger, wie Sie sagen ... Inzwischen sind wir vom Wege abgeirrt, deshalb ›laßt uns zum ersten Thema zurückkehren‹. Hier verlassen wir, wie es in Euren Büchern heißt, den Königssohn und kehren zur Königstochter zurück. Also, wo waren wir? Beim Abschnitt »Zieh fort«. Da muß ich Sie aber erst bitten, seien Sie so gut, und verweilen Sie mit mir erst ein wenig beim Abschnitt »Bulok«. Zwar ist es Brauch seit Anbeginn der Welt, daß man zuerst »zieh fort« lernt und erst nachher »Bulok«. Bei mir aber war es umgekehrt. Erst hat man mich »Bulok« gelehrt und nachher »zieh fort«. So schön hat man mich Bulok gelehrt, daß es sich lohnt, das anzuhören, es kann Ihnen noch einmal zunutze kommen.

Kurz und gut, es ist schon lange her, kurz nach dem Kriege, in der ganzen Hitze der Konstitutionen, als die ›Hilfe und der Trost‹ für Juden begann, zuerst in den großen Städten, dann in den kleinen Städtchen, bloß bis zu mir ist das nicht herangekommen, und es hat auch auf keinen Fall herankommen können. Warum? Ganz einfach! Hat man so eine lange Zeit zwischen Gojim gewohnt, mit Esau selber, ist man verbunden mit allen Einwohnern des Dorfes. ›Herzensfreund, erbarmungsvoller Vater‹ – »Onkelchen Tewje« gilt bei ihnen als höchste Autorität, worum immer es sich handelt. Braucht man Rat – dann gilt, »was Tewelchen sagen wird«. Ein Mittel gegen Fieber? Dann »geh zu Tewel«. Eine Anleihe? Auch bei Tewje. Nun, hätte ich mir da Gedanken machen sollen über solche Dinge wie Pogrome? Dummheiten! Wenn die Gojim selber mir oft genug gesagt haben, ich soll grundsätzlich keine Angst haben, sie würden's nicht zulassen! ... Und so war's auch – Sie werden etwas Schönes hören.

Kurz und gut, einmal komm ich nach Hause gefahren aus Bojberik – ich bin damals noch voller Stolz gewesen, noch im Schmalztopf, wie Sie's nennen, noch mit Milchwaren gehandelt, mit Käse und Butter und »anderem Grünzeug«. Ich spannte das Pferd aus, setzte ihm Heu und Hafer vor, ich hatte nicht einmal Zeit gehabt, mir vor dem Essen die Hände zu waschen, ich blick mich um, der ganze Hof ist voller Gojim, die ganze Dorfgemeinde, alle vornehmsten Herrschaften, vom Bürgermeister Iwan Poperile bis zum geringsten Goj, dem Hirten Trochim, sind da. Und alle scheinen mir merkwürdig auszusehen, so feiertäglich! ... Anfangs gab's mir zwar einen Stich ins Herz: Was ist das für ein Feiertag, mittendrin? Sind sie nicht gekommen, mich Bulok zu lehren? Dann verwarf ich aber den Gedanken; umgekehrt, sagte ich mir: Pfui, Tewje, kannst dich vor dir selber schämen: Alle deine Tage sitzt du, der einzige Jude – es möge unterschieden sein –, zwischen soviel Gojim in Ruhe und Frieden, und man hat dir nicht, ich soll Ihnen sagen, ein Haar gekrümmt. Ich gehe also hinaus zu ihnen mit einem breiten Friede-mit-Euch! »Ein Willkommen den Gästen!« sag ich ihnen, »was führt euch her, meine lieben Herrschaften? Was habt ihr Gutes zu berichten, und was für Neuigkeiten bringt ihr?« Da tritt der Bürgermeister, Iwan Poperile mein ich, hervor, wendet sich an mich und spricht ganz offen und ohne jede Einleitung: »Wir sind gekommen«, sagt er, »zu dir, Tewje, wir wollen dich hauen«. Was sagen Sie zu dieser Ausdrucksweise? Bei uns nennt man das »Blindensprache«, in verhüllten Worten gesprochen, mein ich ... Nun, wie's mir ums Herz wurde, können Sie sich ja ausmalen. Aber mir's anmerken lassen – pfui! Jetzt gerade nicht, gerade! Tewje ist kein Jüngelchen ... Ich antwortete ihnen also ganz lebhaft: »Ich beglückwünsche euch«, sag ich, »aber warum habt ihr euch, Kinder, erst so spät besonnen? In anderen Ortschaften«, sag ich, »hat man das schon beinahe vergessen!« Da sagt mir Iwan Poperile, der Bürgermeister mein ich, diesmal schon ganz ernst: »Versteh mich recht, Tewje«, sagt er, »wir haben uns«, sagt er, »hin und her überlegt, ob wir dich verprügeln sollen oder nicht verprügeln sollen. Überall, in allen Ortschaften, prügelt man euch. Warum«, sagt er, »sollen wir dich verschonen? ... Da hat die Gemeinde beschlossen«, sagt er, »daß wir dich verprügeln sollen ... Aber jetzt kommt der Haken! Wir wissen noch selber nicht, was wir mit dir machen sollen, Tewje: ob wir dir nur die Scheiben einschlagen sollen«, sagt er, »und die Federbetten und die Polster zerreißen und die Federn ausschütten oder ob wir verbrennen sollen«, sagt er, »deine Kate und den Stall und deinen ganzen Hausrat.«

Da hat's mir schön das Herz geklemmt. Und ich betrachte meine Leute, wie sie auf die langen Stöcke gestützt stehen, wie man sich geheimnisvoll zutuschelt. Es hört sich an, mein ich, daß sie nicht zum Scherzen hier sind. Wenn das so ist, denk ich mir, ist es doch, wie man in den Psalmen sagt, ›das Wasser geht bis an den Mund‹ – sie haben dich doch, Tewje, gut in der Arbeit! Denn vielleicht ›man soll dem Satan keine Handhabe geben‹ – was ist bei ihnen nicht alles möglich? Nun, Tewje, denk ich mir, mit dem Todesengel darf man nicht spielen, man muß ihnen etwas sagen! Was soll ich Ihnen lange Umschweife machen, lieber Freund, es sieht aus, daß mir ein Wunder beschieden war, da hat mir der Herrgott den Gedanken eingegeben, ich soll nicht den Mut verlieren. Ich nehm mich zusammen und sag ihnen herzhaft, den Gojim mein ich, gerade in guter Stimmung: »Hört, meine Herren«, sag ich, »hört mich an«, sag ich, »meine lieben Herrschaften, wenn nun«, sag ich, »die Gemeinde so beschlossen hat, ist es doch so«, sag ich, »sicherlich wißt ihr«, sag ich, »besser, daß Tewje es um euch verdient hat«, sag ich, »ihr sollt ruinieren seinen Hausrat und sein ganzes Vermögen ... Aber jetzt kommt der Haken«, sag ich, »ihr wißt doch«, sag ich, »daß es noch etwas Höheres als eure Gemeinde gibt? Wißt ihr«, sag ich, »daß es einen Gott auf der Welt gibt? Ich sag nicht«, sag ich, »mein Gott, euer Gott, ich spreche von jenem Gott«, sag ich, »von unser aller Gott, der da sitzt«, sag ich, »dort oben und alle Gemeinheiten sieht«, sag ich, »die hier unten geschehen ... Mag sein«, sag ich, »daß er selber es mir vorbestimmt hat, ich soll durch euch bestraft werden, durch meine besten Freunde, für nichts und wieder nichts. Es kann aber auch sein«, sag ich, »gerade umgekehrt, daß er auf keinen, aber auf gar keinen Fall will, daß Tewje etwas Schlechtes zugefügt wird. Also wer«, sag ich, »kann wissen, was Gott will? Bitte sehr«, sag ich, »vielleicht findet sich jemand unter euch, der es übernimmt, dies zu entscheiden?«

Kurz und gut, sie haben wohl gemerkt, daß sie mit Tewje nicht fertig werden. Da sagt der Bürgermeister, Iwan Poperile mein ich, zu mir, mit diesen Worten: »Die Sache«, sagt er, »ist die. Eigentlich haben wir gegen dich, Tewje, überhaupt nichts. Du bist«, sagt er, »zwar ein Jude, aber kein schlechter Mensch. Aber das eine hat«, sagt er, »mit dem anderen nichts zu tun. Verprügeln muß man dich; die Gemeinde hat das so beschlossen, da kann man nichts machen! Wir werden dir«, sagt er, »wenigstens die Fenster einschlagen. Das«, sagt er, »müssen wir. Denn vielleicht«, sagt er, »fährt jemand vorbei, dann soll er«, sagt er, »sehen, daß man dich verprügelt hat. Sonst«, sagt er, »wird man uns noch bestrafen ...« Genau die Worte und die Ausdrücke, wie ich es Ihnen erzähle, so möge mir Gott helfen in allem, was ich unternehme! Nun frag ich Sie jetzt, Herr Scholem-Alejchem, Sie sind doch ein Mann, ein Weltreisender, hat Tewje nicht recht, wenn er sagt, daß wir einen starken Gott haben?

Ich meine, ich habe den Abschnitt »Bulok« schon abgetan. Jetzt wollen wir zum Abschnitt »Zieh fort« zurückkehren. Diesen Abschnitt hat man mich eben, erst vor kurzem, gelehrt. Aber wirklich und wahrhaftig gelehrt. Wissen Sie, da haben schon keine schönen Worte geholfen, kein Ins-Gewissen-Reden, und wie sich die Geschichte zugetragen hat, so hat sie sich zugetragen. Man muß sie Ihnen genau, mit allen Einzelheiten berichten, ›wie ich es liebte‹ – wie Sie es lieben.

Und es war in den Tagen Mendl Beilis, das war akkurat in jener Zeit, als Mendl Beilis, unser Kapure Huhn, die Qual des Chibut Hakeiwer durchgemacht hat, wo seine Seele geläutert wurde um fremder Sünden willen und die Welt sich wie ein Ringelspiel drehte, als ich eines Tages auf der Veranda vor meiner Wohnung saß, in Gedanken versunken. Sommer, Leben. Die Sonne bäckt, und im Kopf bohrt's: Was soll das heißen, was soll das heißen, gehört sich das? In unserer Zeit! So eine kluge Welt! Solche bedeutende Menschen! Und wo ist Gott? Der alte jüdische Gott? Warum schweigt er? Warum läßt er so etwas zu? Was soll das heißen und nochmals, was soll das heißen! Und wenn man schon so über Gott nachdenkt, vertieft man sich auch in himmlische Angelegenheiten, und man verfällt aufs Philosophieren: Was ist das Diesseits? Und was ist das Jenseits? Und warum kommt der Messias nicht? »Ach«, denk ich, »würd er nicht wie ein Weiser handeln, der Messias, mein ich, wenn er jetzt bei uns auftauchte, auf seinem weißen Pferde reitend! Wäre das etwas Herrliches! Noch nie, scheint mir, war er so nötig für unsere Brüder, die Kinder Israel, wie jetzt! Ich weiß nicht, wie die Millionäre darüber denken, zum Beispiel die Brodskijs in Jehupez oder die Rothschilds in Paris? Mag sein, daß sie an ihn mit der linken Seitenlocke denken; aber wir, die armen Juden von Kasri-lewke, und von Masepewke, und von Slodejewke, und sogar aus Jehupez, und sogar aus Odessa, schauen nach ihm aus, ach, schauen wir nach ihm aus! Die Augen kriechen uns schier aus dem Kopf! Unsere ganze Hoffnung jetzt ist doch nur, vielleicht wird Gott ein Wunder beweisen, und der Messias wird kommen! ...

Inzwischen, während ich so in diese Gedanken versonnen sitze, blick ich auf – ein weißes Pferd, und jemand reitet darauf, direkt aufs Tor meines Hauses zu! Brrr – stoppte er es, stieg ab, band das Pferd am Tore fest und gleich zu mir herein: »Guten Tag, Tewje!«

»Guten Tag, guten Tag, Euer Wohlgeboren«, antworte ich sehr freundlich, und im Herzen denke ich ›Haman naht‹ – erklärt Raschi: Wenn man nach dem Messias ausschaut, kommt der Milizionär. Und ich erhebe mich für ihn, für den Milizionär mein ich. »Willkommen, mein Gast!« sag ich, »was gibt es Neues in der großen Welt, und was hast du«, sag ich, »mir Gutes mitzuteilen, mein vornehmer Herr?« Und das Herz fällt mir schier heraus, denn ich möchte schon wissen was und wie? Aber er, der Milizionär mein ich, hat Zeit, zündet sich gemächlich eine Zigarette an, bläst den Rauch von sich, spuckt aus und sagt zu mir: »Wieviel Zeit, zum Beispiel, brauchst du, Tewje, um deine Kate und alle deine Siebensachen zu verkaufen?« Ich seh ihn an. »Wozu«, sag ich, »soll ich meine Kate«, sag ich, »verkaufen? Wem, zum Beispiel«, sag ich, »steht sie im Wege?« – »Im Wege«, sagt er, »steht sie niemandem. Aber ich bin gekommen«, sagt er, »dir zu sagen, daß du aus dem Dorf fort mußt.« – »Ist das alles«, sag ich, »sonst nichts? Für welche guten Taten? Womit«, sag ich, »habe ich bei dir so eine Ehre verdient?« – »Es liegt nicht an mir«, sagt er, »daß du fort mußt, das Gouvernement verlangt es.« – »Das Gouvernement?« sag ich, »was hat es so Außergewöhnliches an mir entdeckt?« – »Nicht nur du allein«, sagt er, »und nicht nur von hier, sondern aus allen umliegenden Dörfern, aus Slodejewke«, sagt er, »und aus Rabilewke und aus Kostolomewke und sogar«, sagt er, »Anatewka, das bis jetzt ein Städtchen war, wird jetzt auch«, sagt er, »ein Dorf, und man wird von dort«, sagt er, »alle die Eurigen davonjagen, alle.« – »Sogar Lejser-Wolf, den Fleischhauer«, sag ich, »den auch? Und Naftuli Gerschn, den Krüppel, auch? Und den Schächter von dort? Und den Rabbiner?« – »Alle! Alle!« sagt er und macht eine Geste mit der Hand, als würde er etwas mit einem Messer abschneiden. Das hat mich zwar etwas erleichtert. Wie sagen Sie: Wenn das Unglück viele trifft, ist's ein halber Trost. Aber verdrossen hat es mich doch, wie ein Feuer brannte es in mir, ich überleg nicht lange und sag ihm, dem Milizionär mein ich: »Sag mir«, sag ich, »Euer Wohlgeboren«, sag ich, »weißt du wenigstens, daß ich in diesem Dorfe schon viel länger wohne als du? Weißt du«, sag ich, »daß auf diesem Flecken noch mein Vater, Gott hab ihn selig«, sag ich, »wohnte? Und mein Großvater, Gott hab ihn selig, und meine Großmutter, Gott hab sie selig?« Und ich bin nicht faul und zähl ihm die ganze Familie mit Namen auf, wer wo gewohnt hat und wer wo gestorben ist. Er hört mich zwar an, der Milizionär mein ich, und als ich fertig geredet habe, sagt er: »Du bist ein merkwürdiger Jude«, sagt er, »Tewje, und redest mehr als ein Weib. Was nützen mir deine Geschichten«, sagt er, »von deiner Großmutter und deinem Großvater? Mögen sie«, sagt er, »im strahlenden Paradiese sein! Und du, Tewje, pack«, sagt er, »deine Siebensachen, und fahr, fahr nach Berditschew!« Das hat mich noch mehr verdrossen: Nicht genug, du Esau, hast mir so eine gute Nachricht gebracht, verhöhnst du mich noch: Fahr, fahr nach Berditschew! Da will ich es ihm wenigstens hineinsagen. Und ich sag ihm: »Euer Wohlgeboren! Wie lange«, sag ich, »bist du hier schon der große Herr? Wie oft«, sag ich, »hast du schon gehört, jemand von meinen Nachbarn soll sich über mich beklagen, daß ihn Tewje bestohlen hat oder ausgeraubt hat oder beschwindelt hat oder was weggenommen hat? Frag doch nach«, sag ich, »bei den Einwohnern, ob ich nicht viel besser«, sag ich, »mit ihnen ausgekommen bin wie der beste Einwohner? Bin ich denn nicht«, sag ich, »mein vornehmer Herr, oft genug«, sag ich, »bei dir selber gewesen, um für die Gojim zu bitten, du sollst ihnen kein Unrecht zufügen?« Das wird ihm wohl schon nicht geschmeckt haben! Er erhebt sich, der Milizionär, drückt mit den Fingern die Zigarette aus, wirft sie weg und sagt: »Ich hab«, sagt er, »keine Zeit, mit dir nutzlose Reden zu führen. Man hat mir zugeschickt«, sagt er, »ein Papier – und alles andere interessiert mich nicht! Komm«, sagt er, »wirst du«, sagt er, »das Papier unterschreiben, und man gibt dir«, sagt er, »drei Tage Zeit bis zur Abreise, damit du«, sagt er, »alles verkaufen kannst und dich auf die Reise vorbereiten.« Seh ich doch, daß es schlecht steht, da sag ich ihm: »Drei Tage«, sag ich, »gibst du mir? Möge Gott dir«, sag ich, »geben, daß du dafür drei Jahre lang«, sag ich, »in Reichtum und Ehren leben sollst. Möge es Gott dir«, sag ich, »doppelt und dreifach vergelten«, sag ich, »für die gute Botschaft, die du mir ins Haus gebracht hast.« Jetzt hab ich's ihm richtig gegeben, wie Tewje das kann! Ich hab mir's so überlegt: Wenn schon, denn schon, sowieso ist man der aussätzige Jude, was hab ich da noch zu verlieren? Wäre ich wenigstens zwanzig Jahre jünger gewesen und hätte mir meine Golde, Gott hab sie selig, noch gelebt und wäre ich noch derselbe Tewje, der Milchmann gewesen wie einst, in den früheren Jahren, oho! die hätten mich nicht so leicht untergekriegt! Ich hätte gekämpft, gerauft bis aufs Blut! Aber so? ›Was sind wir, was unser Leben‹ – was bin ich heute, und wer bin ich? Ein halber Körper, ein brüchiges Gefäß, ein zerbrochener Scherben. »Ach du, Schöpfer der Welt, Gott«, denk ich mir, »warum hast du dich ausgerechnet auf Tewje verlegt? Warum treibst du dein Spielchen nicht einmal zum Beispiel mit einem Brodskij oder mit einem Rothschild? Warum lehrst du sie nicht den Abschnitt ›Zieh fort‹? Stünde es ihnen nicht besser an? Erstens würden sie doch den wahren Geschmack spüren, was es bedeutet, ein Jude zu sein, und zum zweiten sollen auch sie wissen, daß wir einen starken Gott haben.« Kurz und gut, das alles sind leere Worte. Mit Gott kann man nicht diskutieren, und Ratschläge, wie er die Welt zu führen hat, gibt man ihm nicht. Wenn er sagt: ›Mein ist der Himmel und mein die Erde‹, dann ergibt sich, daß er der Hausherr ist, und wir müssen ihm gehorchen. Was er sagt, ist gesagt! Ich geh also ins Zimmer und sag meiner Tochter, der Witwe: »Zeitel«, sag ich, »wir bereiten uns vor«, sag ich, »von hier fortzufahren, in irgendeine Stadt. Lange genug schon im Dorfe gewohnt«, sag ich, »wer den Ort wechselt, wendet das Glück! Nun denn, sieh zu«, sag ich, »daß du rechtzeitig fertig wirst mit dem Bettzeug, mit dem Samowar und mit dem ›übrigen Grünzeugs‹ und ich werde«, sag ich, »die Kate verkaufen gehen. Es ist«, sag ich, »ein Papier gekommen, daß wir die Ortschaft«, sag ich, »verlassen, und in drei Tagen soll kein Hauch von uns mehr hier sein.« Als sie diese Botschaft von mir erfuhr, brach sie in Tränen aus, meine Witwe, und ihre Kinder, als sie das sahen, stimmten ein, und es wurde, was soll ich Ihnen sagen, Tischebow bei uns in der Wohnung! Da kommt mich schon die Wut an, und ich lasse mein ganzes bitteres Herz auf meine Tochter, nebbich, los: »Was habt ihr euch«, sag ich, »auf mein Leben verlegt? Was habt ihr«, sag ich, »plötzlich mittendrin mit einem Gejammer begonnen wie ein alter Kantor bei den ersten Sliches? Bin ich denn etwa«, sag ich, »ein einziger Sohn bei Gott? Ein behüteter? Mangelt's denn an Juden«, sag ich, »die jetzt aus den Dörfern verjagt werden? Hör dir mal an«, sag ich, »was der Milizionär alles zu erzählen hat! Es heißt sogar«, sag ich, »daß dein Anatewka, das bis jetzt ein Städtchen war, wird auch schon«, sag ich, »mit Gottes Hilfe ein Dorf, den Anatewker Juden zuliebe«, sag ich, »damit man sie alle hinausjagen kann. Wenn dem so ist«, sag ich, »womit«, sag ich, »bin ich dann ärger dran als alle Juden?« Sehen Sie, so erleichtere ich ihr das Herz, meiner Tochter. Sie ist doch aber ein Frauenzimmer, so sagt sie mir: »Wohin«, sagt sie, »werden wir uns plötzlich mittendrin wenden? Wo werden wir«, sagt sie, »Städte suchen gehen?« – »Dummkopf«, sag ich, »als Gott zu unserem Ururgroßvater kam, zu unserem Erzvater Abraham, und ihm sagte«, sag ich, »›ziehe fort aus deinem Lande‹, fragte ihn da«, sag ich, »Abraham auch nur ein Wort, wohin? Gott sagte ihm«, sag ich, »›in das Land, das ich dir zeigen werde‹, das bedeutet: nach allen vier Richtungen. Wir werden gehen«, sag ich, »wohin uns die Augen führen, wohin alle Juden gehen! Was passieren wird«, sag ich, »mit allen Juden, wird passieren mit dem Herrn Juden. Und womit«, sag ich, »bist du vornehmer als deine Schwester Bejlke, die Millionärin? Wenn es ihr paßt, jetzt mit ihrem Pedozur in Amerika zu sein und ›ein Leben zu machen‹ dann soll's dir auch«, sag ich, »passen. Ein Dank dem Herrn, gelobt sei er«, sag ich, »daß wir wenigstens etwas haben, womit wir uns rühren können. Ein bißchen«, sag ich, »ist noch von früher da, und ein bißchen von dem Hausrat, den wir verkauft haben. Und ein bißchen wird die Kate einbringen. Noch ein bißl und noch ein bißl«, sag ich, »macht voll die Schüssel – und auch das ist zum Guten! Und sogar wenn wir«, sag ich, »Gott behüte, gar nichts hätten, wären wir«, sag ich, »noch immer besser dran als Mendl Beilis!«

Kurz und gut, ich hab bei ihr immerhin erreicht, sie soll kein Starrkopf sein. Ich hab ihr logisch erklärt, daß der Milizionär kommt und ein Papier bringt und daß man, wenn man sagt: Geh! kein Schwein sein darf, sondern zu gehen hat. Ich selber bin auch weg ins Dorf, um wegen der Kate ins reine zu kommen, und gleich geh ich zu Iwan Poperile, den Bürgermeister mein ich, er ist ein Goj, ein beleibter, und er krepiert nach meiner Wohnung! Als ich zu Iwan kam, erzählte ich ihm weder von der Traumdeutung noch vom Traum. Und ich sag ihm: »Hiermit tu ich dir kund«, sag ich, »Herzensfreund Iwan, daß ich euch verlasse.« Darauf er: »Warum denn?« Darauf ich: »Ich übersiedle«, sag ich, »in die Stadt. Ich will«, sag ich, »zwischen Juden wohnen. Ich bin kein junger Mann mehr«, sag ich, »kann doch passieren, Gott behüte, man stirbt?« Darauf sagt mir Iwan: »Warum sollst du dann nicht hier sterben? Wer läßt dich nicht?« Ich bedanke mich sehr bei ihm und sag: »Hier sterben sollst du lieber. Dir steht es besser an als mir«, sag ich, »und ich will lieber sterben gehen«, sag ich, »im Kreis der Meinen. Kauf mir ab, Iwan«, sag ich, »meine Kate und den Garten. Einem anderen«, sag ich, »werde ich sie nicht verkaufen, dir – ja.« – »Wieviel«, fragt er, »willst du für deine Kate?« – »Wieviel«, frag ich, »gibst du?« Und so hin und her. Er zu mir: »Wieviel willst du?« Ich zu ihm: »Wieviel gibst du?« Man hat zu feilschen begonnen, die Hände zusammenzuschlagen, so lange gefeilscht und die Hände zusammengeschlagen, einen Rubel herauf, einen Rubel herunter, bis man handelseinig geworden ist. Und natürlich habe ich sofort eine gute Anzahlung in die Hand genommen, damit er's nicht, Gott behüte, rückgängig macht. Und so hab ich an einem Tag, halb umsonst gewöhnlich, das ganze große Vermögen ausverkauft, alles zu Gold gemacht und hab mich auf den Weg gemacht, eine Fuhre zu mieten, um das übriggebliebene bißchen Armut zu verladen. Jetzt werden Sie noch etwas Schönes hören, was sich zu Tewje verirren kann! Hören Sie nur aufmerksam zu, mit Verstand, ich werde Sie schon nicht lange aufhalten, es Ihnen erzählen, wie sagen Sie »mit drei Wörtern« – mit zwei Worten.

Kurz und gut, vor dem Wegfahren komme ich nach Hause und treffe schon keine Wohnung an, sondern eine Ruine. Die Wände sind nackt, sie weinen wahrhaftig Tränen! Auf dem Fußboden – Bündel und Bündel und Bündel. Auf dem Kamin sitzt die Katze, nebbich, traurig, wie eine Waise. Es hat mir direkt die Kehle zugeschnürt, und Tränen sind mir in die Augen getreten. Hätte ich mich nicht vor meiner Tochter geniert, hätte ich mich gut und gründlich ausgeweint. Wie sagen Sie doch, Vaters Erbteil, hier groß geworden, hier sich sein ganzes Leben lang abgerackert, und plötzlich, mittendrin, ›zieh fort‹! Sie können sagen, was Sie wollen, 's ist eine verdrießliche Sache! Tewje ist doch aber kein Frauenzimmer, so halt ich mich zurück, geb meiner Stimme einen munteren Klang und rufe meiner Tochter, der Witwe, zu: »Komm doch her«, ruf ich, »Zeitel. Wo bis du denn?« Sie kommt, Zeitel mein ich, aus dem anderen Zimmer heraus mit geröteten Augen, die Nase geschwollen. Aha, denk ich mir, meine Tochter hat schon wieder ein bißchen gejammert wie Frauen beim Unessane Tojkef! Diese Frauen, sag ich Ihnen, sind euch nicht faul. Wie's nur etwas gibt, wird geweint. Tränen sind wohlfeil bei ihnen. »Dummkopf«, sag ich ihr, »warum weinst du schon wieder? Bist du nicht ein Narr?« sag ich, »überleg dir doch«, sag ich, »den Unterschied zwischen dir und Mendl Beilis.« Aber sie will nicht hören und sagt mir: »Vater«, sagt sie, »du weißt nicht, warum ich wein.« – »Ich weiß ganz gut«, sag ich, »warum soll ich nicht wissen? Du weinst«, sag ich, »weil dir's ums Zuhause leid tut. Hier bist du«, sag ich, »geboren und groß geworden, verdrießt dich das? Glaub mir«, sag ich, »wäre ich nicht Tewje, wäre ich ein anderer, hätte ich selber auch«, sag ich, »die nackten Wände geküßt und die leeren Regale. Ich selber würde mich auch«, sag ich, »auf diese Erde werfen! Ebenso wie dir tut's mir leid«, sag ich, »um jedes Bröckchen. Närrchen! Sogar die Katze hier«, sag ich, »siehst du, wie sie dort sitzt, verwaist auf dem Kamin? Ein stummes Geschöpf, ein Tier«, sag ich, »dennoch, 's ist zum Erbarmen, sie bleibt allein, ohne eine Herrschaft; eine Tierquälerei.« – Stell dir vor«, sagt sie, »es gibt ein größeres Erbarmen.« – »Was zum Beispiel?« – »Zum Beispiel, siehst du, wir fahren weg«, sagt sie, »und lassen hier einen Menschen zurück, allein, einsam wie ein Stein.« Ich verstehe nicht, was sie meint, und sag ihr: »Was faselst du«, sag ich, »was für Pflaumen? Was für Mensch? Was für Stein?« Da erwidert sie: »Vater, ich rede nicht wirr. Ich rede«, sagt sie, »von unserer Chawe« ... Und als sie diesen Namen aussprach, war mir, ich schwör es Ihnen, wie wenn man mich mit kochendem Wasser übergossen hätte oder mit einem Holzscheit eins über den Schädel versetzt hätte! Ich falle über meine Tochter her und mach ihr eine wüste Szene: »Wie kommt plötzlich mittendrin Chawe daher«, sag ich, »wie oft hab ich angeordnet«, sag ich, »Chawe ›es soll ihrer nicht gedacht und nicht erinnert werden!«‹ Glauben Sie, das hat sie erschreckt? Aber gar nicht! Tewjes Töchter haben schon eine Kraft in sich! »Vater«, sagt sie zu mir, »reg dich nicht auf, und erinnere dich lieber, was du allein«, sagt sie, »uns oft genug gesagt hast, daß geschrieben steht, ein Mensch muß Mitleid mit Menschen haben wie ein Vater mit einem Kind.« Was halten Sie von solcher Rede? Beginnt es in mir doch noch mehr zu kochen, und ich reich ihr eine Gabe, wie Sie's verdient hat: »Von Mitleid«, sag ich, »redst du mir? Wo war ihr Mitleid«, sag ich, »als ich wie ein Hund vor dem Popen lag, sein Name möge ausgelöscht werden, ihm die Füße küßte, und sie war vielleicht«, sag ich, »im Nebenzimmer und hörte jedes Wort? Oder wo war«, sag ich, »ihr Mitleid, als die Mutter, Gott hab sie selig«, sag ich, »auf der Erde hier lag, nicht auf dich sei's gedacht, schwarz überdeckt? Wo war sie damals? ... Und meine schlaflosen Nächte?« sag ich, »und die Kränkung«, sag ich, »die mich die ganze Zeit bis zum heutigen Tag aufgezehrt hat, wenn ich mich erinnere«, sag ich, »was sie mir angetan hat, für wen sie uns eingetauscht hat? Wo ist«, sag ich, »das Mitleid mit mir?« Und es klemmt mir das Herz, und ich kann nicht mehr reden. Werden Sie doch sicher glauben, daß Tewjes Tochter keine Worte fand, mir darauf zu antworten? »Du selber, Vater, hast gesagt«, sagt sie, »daß ein Mensch, der bereut, daß ihm sogar Gott allein auch vergibt.« – »Bereuen?«, sag ich, »zu spät! Der Zweig«, sag ich, »der sich einmal vom Baume losgerissen hat, muß«, sag ich, »verdorren! Das Blatt«, sag ich, »das abgefallen ist, muß verwelken! Und mehr«, sag ich, »sollst du mir nicht davon reden! ›Bis hierher und nicht weiter.‹«

Kurz und gut, als sie sah, daß sie mit Worten nichts ausrichten kann, Tewje ist nicht ein Mensch, den man überredet, fällt sie schon gar über mich her und küßt mir die Hände und sagt mir: »Vater«, sagt sie, »möge mich alles Schlechte treffen, möge ich sterben, hier auf der Stelle, wenn du sie diesmal verstoßen wirst«, sagt sie, »wie du sie verstoßen hast damals im Walde, als sie vor dir«, sagt sie, »hinfiel, und du hast«, sagt sie, »das Pferd angetrieben und bist entflohn.« – »Was ist das für ein Unglück«, sag ich, »auf mein Haupt, was für eine Bescherung?! Was hast du dich«, sag ich, »auf mein Leben verlegt?!« Aber sie läßt mich nicht los, hält mich an den Armen fest und bleibt bei ihrer Version: »Möge mir das Schlechte zustoßen«, sagt sie, »möge ich sterben«, sagt sie, »wenn du ihr nicht vergeben wirst. Denn«, sagt sie, »sie ist deine Tochter«, sagt sie, »geradeso wie ich!« – »Was willst du«, sag ich, »von meinem Leben? Sie ist nicht mehr meine Tochter. Sie ist«, sag ich, »schon lange gestorben!« »Nein«, sagt sie, »sie ist nicht gestorben, und sie ist schon wieder deine Tochter«, sagt sie, »wie sie's war. Denn vom ersten Moment«, sagt sie, »als sie erfuhr, daß man uns vertreibt, da hat sie sich gesagt, daß man uns alle verjagt, sie auch. Dort, wo wir sind, das hat mir Chawe selber gesagt, dort ist auch sie. Unsere Verbannung ist auch ihre Verbannung. Der Beweis«, sagt sie, »Vater, ist, sieh, dort ist auch ihr Bündel.« So sagt mir meine Tochter, Zeitel mein ich, in einem Atemzug, wie die zehn Söhne Hamans in der Megille, und läßt mich nicht einmal ein Wort dazwischenwerfen und zeigt mir irgendein Bündel, das in einem roten Halstuch eingewickelt ist, und sofort natürlich öffnet sie die Tür zum anderen Zimmer und ruft aus: »Chawe!« Wie ich hier als Jude vor Ihnen stehe! ... Und was soll ich Ihnen sagen, lieber Freund? Genauso, wie es in Ihren Büchern beschrieben wird, erscheint sie, Chawe mein ich, aus dem Zimmer kommend, gesund, faltenlos, schön wie eh und jeh, nicht um ein Haar geringer, nur das Gesicht ein wenig bekümmert, besonders die Augen, aber den Kopf trägt sie aufrecht, stolz, bleibt eine Weile stehen, blickt mich an, ich – sie. Dann streckt sie mir beide Arme entgegen, und nur ein Wort kann sie herausreden, ein einziges Wort, nur leise: »Va-ter ...«

Sie dürfen mir's nicht verübeln, wenn ich mich erinnere, treten mir noch jetzt Tränen in die Augen. Aber nichtsdestoweniger, Sie dürfen nicht glauben, daß Tewje, Gott behüte, auch nur eine Träne fallen ließ oder sich etwas anmerken ließ, wie sagen Sie, aus bedrängtem Herzen. Unsinn! ... Das heißt, was ich dabei innerlich fühlte, im Herzen, das ist was anderes. Sie selber sind doch ein Vater von Kindern, und Sie wissen ja auch, genauso wie ich, die Bedeutung des Verses: ›Wie sich ein Vater der Kinder erbarmt.‹ Und wie das schmeckt, wenn ein Kind, es mag sich noch so sehr versündigt haben, euch direkt in die Seele blickt und »Vater« sagt. Nun, bitte sehr, bringen Sie das fertig und jagen es davon! Und umgekehrt aber, die Sinne des Menschen arbeiten, und ich sehe wieder vor mir den bösen Streich, den sie mir spielte ... Chwejko Galagan, einsinken soll er ... und der Pope, sein Name möge ausgelöscht werden... Und meine Tränen... Und Goldes Tod, der Himmel hab sie selig... Nein! Sagen Sie doch selber, wie kann man das vergessen, wie kann man das vergessen? Und wieder umgekehrt, was heißt! Doch ein Kind ... Wie ein Vater sich der Kinder erbarmt ... Wie kann ein Mensch so grausam sein, wenn Gott selber über sich sagt, daß er ein Gott des Langmuts ist! ... Überhaupt, sie bereut doch und will zurückkehren zu ihrem Vater und zu ihrem Gott!... Was sagen Sie, Herr Scholem-Alejchem? Sie sind doch ein Mensch, der Bücher verfaßt, und Sie geben der ganzen Welt Ratschläge, sagen Sie schon selber, was hätte Tewje tun sollen? Sie umarmen wie eine eigene, sie küssen und kosen und ihr sagen, wie wir Jom-Kipper zu Kol Nidre sagen: ›Ich habe vergeben, wie deine Worte es baten‹, komm zu mir, du bist mein Kind? Oder vielleicht den Zügel ergreifen wie damals und ihr sagen: »Geh fort«, gehe mit Gesundheit, woher du gekommen bist? ... Nein, stellen Sie sich vor, zum Beispiel, Sie sind an Tewjes Stelle, und sagen Sie mir, auf mein Wort, aber offen, wie einem wahrhaft guten Freund: Wie hätten Sie's gehalten? ... Und wenn Sie es mir nicht gleich sagen können, laß ich Ihnen Zeit, damit Sie's sich überlegen ... Derweil muß man aber gehen, die Enkel warten schon auf mich, schauen heraus auf den Großvater. Sie müssen wissen, daß Enkel noch tausendmal teurer sind und ans Herz gewachsen sind als Kinder. ›Kinder und Kindeskinder‹ – eine Kleinigkeit? Bleiben Sie gesund, und nehmen Sie mir's nicht übel, daß ich Ihnen den Kopf vollgestopft habe. Dafür werden Sie schon was zum Schreiben haben ... Wenn Gott es befiehlt, werden wir uns sicherlich noch treffen. Einen guten Tag! Anhang

 << Kapitel 8  Kapitel 10 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.