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Scholem Aleichem: Anatewka - Kapitel 7
Quellenangabe
pfad/alejchem/anatewka/anatewka.xml
typefiction
authorScholem Alejchem
titleAnatewka
publisherInsel Verlag
seriesinsel taschenbuch
volume2392
printrunErste Auflage
year1999
translatorAlexander Eliasberg
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081021
projectid38da48ff
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VI. Sprinze

Euch gebührt ein großes und breites ›Friede sei mit Euch‹, Reb Scholem-Alejchem, Euch und Euren Kindern! Es ist schon wohl ein Schock Jahre her, daß wir uns nicht gesehen haben! Ach ja, wieviel Wasser ist seitdem ins Meer geflossen! Wieviel Ängste haben wir beide und ganz Israel in diesen Jahren überstanden: ein Kischinew, eine ›Konstitution‹ mit allen Pogromen, mit allen Plagen und himmlischen Strafen. Ach, du lieber Gott! ... Ich wundere mich nur über Euch, nehmt's mir nicht übel, daß Ihr Euch, unberufen, gar nicht verändert habt, wirklich nicht um ein Haar! Schaut aber mich an: ich bin noch keine sechzig Jahre alt, und doch ist Tewje schon ganz grau geworden. Ach, wie wahr ist doch das Wort von dem Kummer, den man von seinen Kindern hat! Und wer hat von diesem Kummer so viel erfahren wie ich? Nun habe ich eine neue Plage mit meiner Tochter Sprinze erlebt, und die Plage übertrifft alle Plagen, die ich bisher gehabt habe. Schaut mich aber an: ich lebe noch immer, wie es auch geschrieben steht: ›Ob du willst oder nicht, du bist verpflichtet zu leben.‹ Und wenn du auch, auf alle Feinde Zions sei es gesagt, zerspringst und dabei das Liedchen singst:

Was taugt mir mein Leben,
was taugt mir die Welt,
wenn ich habe kein Glück,
wenn ich habe kein Geld? ...

Kurz und gut, wie heißt es noch in den ›Sprüchen der Väter‹ –: ›Der Ewige, gepriesen sei er, wollte seinem Volke eine Gnade erweisen.‹ ... Gott wollte seinen Juden einen Gefallen tun und schickte ihnen darum ein Unglück, eine Plage: eine Konstitution! Nun kam eine Verwirrung über unsere Reichen, eine wilde Flucht aus Jehupez nach dem Auslande, angeblich in die Bäder, zu den Salzquellen. ... Und sobald die Leute aus Jehupez fortgezogen sind, ist Bojberik mit seiner Luft, mit seinem Wald, mit seinen Sommerwohnungen ganz ruiniert und ist tief in der Erde begraben, wie es auch im Gebete heißt: ›Der Herr erbarmt sich der Erde.‹ ... Was geschieht aber? Es gibt doch den großen Gott auf der Welt, der acht darauf gibt, daß seine armen Menschen, nebbich, sich noch ein wenig auf dieser Welt abquälen; also hatten wir einen Sommer wie noch nie. Nach Bojberik kamen alle Leute aus Odessa, und aus Rostow, und aus Jekaterinoslaw, und aus Mohilew, und aus Kischinew. Es kamen ungezählte Tausende reicher, mächtiger und vornehmer Herren! In jenen Städten scheint die Konstitution noch ärger gewütet zu haben als bei uns in Jehupez, denn die Leute kamen in Scharen her, und es wollte gar kein Ende nehmen. Wird man doch fragen: Was laufen die Leute ausgerechnet zu uns? Kann man darauf antworten: Was laufen die unserigen zu ihnen? Es ist, Gott sei Dank, auf der Welt schon einmal so eingerichtet: sobald man von Pogromen zu reden anfängt, fangen die Juden an, aus der einen Stadt in die andere zu rennen, wie es in der Schrift heißt: ›Und die ganze Gemeinde der Kinder Israel zog aus und lagerte sich.‹ ... Sie lagerte sich und zog aus. ... Das ist auf deutsch: ›Fahre du zu mir, so fahre ich zu dir.‹ ... Inzwischen ist Bojberik, Ihr mögt es mir glauben oder nicht, eine Großstadt geworden, vollgepfropft mit Menschen, mit Weibern und Kindern. Und die Kinder möchten essen, und man braucht für sie Milch, Butter und Käse. Und wo findet man bessere Milchwaren als bei Tewje? Was soll ich Euch viel erzählen, Tewje kam in die Mode, und man hörte von allen Seiten nichts als Tewje und Tewje: »Reb Tewje, kommt her!« – »Reb Tewje, zu mir!« Wenn Gott es einem beschert, so gibt es nichts Unmögliches!

Und eines Tages, es war kurz vor Schwuos, kam ich mit meiner Milch und Butter zu einer meiner Kundinnen, einer reichen jungen Witwe aus Jekaterinoslaw, die nach Jehupez mit ihrem Söhnchen – Arontschik hieß der Bursche – gekommen war. Es versteht sich doch von selbst, daß ich der erste Mensch war, den sie in Bojberik kennen lernte. »Man hat mir Euch empfohlen«, sagt mir die Witwe, »und man hat mir gesagt, daß Ihr die besten Milchwaren habt.« – »Wie wäre es auch anders möglich«, sage ich zu ihr, das heißt, zu der Witwe. »Nicht umsonst«, sage ich, »sagt König Salomo, daß ein guter Name wie eine Posaune durch die Welt schallt. Und wenn Ihr wollt«, sage ich, »will ich Euch erzählen, was dazu der Midrasch sagt.« Die Witwe unterbricht mich aber und sagt, daß sie eine Witwe sei und von diesen Sachen nichts verstehe; sie wisse damit nichts anzufangen. »Die Hauptsache«, sagt sie, »ist, daß die Butter frisch ist und daß der Käse gut schmeckt.« ... Da soll man noch viel mit einem Frauenzimmer reden! ...

Kurz und gut, ich kam von nun an zu der Witwe aus Jekaterinoslaw, Ihr mögt es mir glauben oder nicht, zweimal in der Woche ins Haus. Jeden Montag und Donnerstag, so pünktlich wie nach dem Kalender brachte ich ihr das bißchen Milch, Butter und Käse, ohne erst zu fragen, ob sie es brauchte oder nicht. Und so wurde ich bei ihr natürlich heimisch, begann ein wenig nach ihrem Haushalt zu sehen und meine Nase auch in ihre Küche zu stecken. Ich beanstandete auch einigemal Dinge, die zu beanstanden ich für nötig hielt. Das erste Mal hatte ich natürlich Unannehmlichkeiten mit der Dienstmagd, die mir sagte, ich solle mich in fremde Sachen nicht einmischen und in fremde Töpfe nicht hineingucken; das zweite Mal hörte sie schon auf meine Worte; und das dritte Mal fragte sie, das heißt die Witwe, mich um Rat, denn sie sah, was für ein Mensch Tewje ist. Und schließlich kam es so weit, daß sie mir ihre Herzenswunde, ihr größtes Unglück enthüllte, und das war – Arontschik! »Das ist doch unerhört«, sagt sie zu mir, »er ist schon einige und zwanzig Jahre alt, und kümmert sich nur um Pferde, um sein Fahrrad, um Fischefangen und sonst um nichts in der Welt! Von Geschäften«, sagt sie, »will er nichts hören, obwohl ihm von seinem Vater«, sagt sie, »eine recht hübsche Erbschaft geblieben ist, beinahe eine Million. Wenn er doch nur«, sagt sie, »einmal seine Nase hineinstecken wollte! Er versteht nur Geld auszugeben«, sagt sie, »denn er hat eine offene Hand!« – »Wo steckt er«, sage ich, »der Bursche? Gebt ihn nur mir her«, sage ich, »ich will mit ihm ein wenig sprechen, ihm ins Gewissen reden«, sage ich, »auch einige Bibeltexte bringen und den Midrasch anführen!« Fängt sie zu lachen an und sagt: »Wißt Ihr was?« sagt sie: »Bringt ihm lieber ein Pferd und keinen Midrasch!« ...

Und wie wir so reden, kommt gerade der Bursche, das heißt Arontschik, gegangen. Ein Bursche, stark und groß wie eine Fichte, ein kräftiger Kerl, wie Milch und Blut. Er trägt einen breiten Gürtel, mit Verlaub zu sagen, über der Hose, und im Gürtel steckt seine Uhr, und seine Ärmel sind bis über die Ellenbogen aufgekrempelt. »Wo bist du gewesen?« fragt ihn die Mutter. »Ich bin Boot gefahren«, sagt er, »und habe Fische gefangen...« – »Eine nette Arbeit«, sage ich, »für einen Burschen wie Ihr! Bei Euch zu Hause wird man allen die Knochen kaputtschlagen«, sage ich, »und Ihr werdet hier Fische fangen!« Ich schaue die Witwe an und sehe, daß sie rot geworden ist wie ein Krebs; sie erwartete wohl, daß ihr Sohn mich mit starker Hand am Kragen packt und mir zwei Zeichen und Wunder zeigt, das heißt, daß er mir zwei Ohrfeigen gibt und mich wie einen irdenen Topf hinauswirft. Unsinn! Tewje hat vor solchen Dingen keine Angst! Wenn ich etwas auf dem Herzen habe, so sage ich es!

Als der Bursche von mir solche Worte hörte, trat er etwas zurück, verschränkte die Arme, betrachtete mich vom Kopf bis zu den Füßen, stieß einen merkwürdigen Pfiff aus und fing plötzlich so zu lachen an, daß wir beide fürchteten, daß er plötzlich verrückt geworden sei. Was soll ich Euch sagen? Von nun an wurden wir die besten Freunde! Ich muß bemerken, daß der Bursche mir von Tag zu Tag immer besser gefiel, obwohl er ein Scharlatan und ein Verschwender war, eine etwas gar zu offene Hand hatte und noch dazu ein wenig närrisch war. Wenn er, zum Beispiel, einen armen Mann sah, steckte er die Hand in die Tasche und gab ihm ohne zu zählen, was er gerade erwischte. Wer tut so? ... Oder er zog seinen guten, neuen und ganzen Paletot aus und schenkte ihn dem Bettler. Ich sage ja, daß er närrisch war! ... Die Mutter tat mir natürlich sehr leid. Sie klagte mir oft: ›Was soll ich mit ihm tun?‹ Und sie bat mich immer, ich möchte mit ihm ein wenig reden. Tat ich ihr den Gefallen. Warum sollte ich es ihr verweigern? Kostete es mich denn Geld? Und ich setzte mich hin und hielt ihm lange Reden, brockte Sprüche, schüttete Bibeltexte und streute Stellen aus dem Midrasch hinein, wie es eben Tewje kann. Und er hörte mir gerne zu und fragte mich auch, wie ich lebe und was für ein Haus ich führe. »Ich hätte Lust«, sagte er einmal, »Euch zu besuchen, Reb Tewje!« Sage ich zu ihm: »Wenn man Lust hat, Tewje zu besuchen, so macht man sich«, sage ich, »auf und fährt zu ihm einmal hinaus nach seiner Meierei. Ihr habt doch«, sage ich, »genug Pferde und Fahrräder, und im Notfalle«, sage ich, »seid Ihr groß genug, um zu Fuß hinüberzugehen, denn es ist nicht weit«, sage ich, »man muß nur den Wald durchqueren...« – »Wann«, sagt er, »seid Ihr zu Hause?« – »Man kann mich«, sage ich, »nur am Sabbat oder am Feiertag zu Hause treffen. Wißt Ihr übrigens«, sage ich, »was? Wir haben ja, so Gott will, nächsten Freitag Schwuos. Wenn Ihr«, sage ich, »einen Spaziergang zu uns nach unserer Meierei machen wollt, so wird Euch mein Weib«, sage ich, »mit solchem Pfannkuchen traktieren, wie sie unsere Väter in Ägypten niemals gegessen haben!« Fragt er mich: »Was heißt das? Ihr wißt doch«, sagt er, »daß ich in der Bibel schwach bin ...« – »Ich weiß«, sage ich, »daß Ihr schwach seid. Wenn Ihr«, sage ich, »wie ich in einem Cheder gelernt hättet, so hättet Ihr Euch besser ausgekannt.« Lacht er und sagt zu mir: »Also gut, Ihr werdet mich als Gast haben. Ich komme zu Euch«, sagt er, »Reb Tewje, am ersten Tage Schwuos mit einigen Freunden zu den Pfannkuchen. Ihr sollt aber schauen, daß sie auch ordentlich heiß sind!« – »Wie die lodernde Flamme«, sage ich, »von der Pfanne direkt in den Mund!«

Ich komme also nach Hause und sage zu meiner Alten: »Golde«, sage ich, »wir bekommen zu Schwuos Besuch!« Sagt sie: »Ich gratuliere, wer kommt denn her?« Sage ich: »Das wirst du später erfahren. Bereit nur Eier vor«, sage ich, »Käse und Butter haben wir genügend im Haus. Du wirst Pfannkuchen machen«, sage ich, »für drei Personen, doch für solche drei Personen«, sage ich, »die viel vom Essen halten und keine Ahnung davon haben, was Raschi dazu sagt ...« – »Wahrscheinlich«, sagt sie, »hast du irgendeinen Unglücklichen aus dem Hungerlande aufgegabelt.« – »Bist ein Rindvieh«, sage ich, »Golde! Erstens«, sage ich, »wäre das auch kein Unglück, wenn wir am Schwuos einen armen Mann mit Pfannkuchen satt gemacht hätten. Und zweitens«, sage ich, »sollst du, meine teure Gemahlin, tugendsame und fromme Frau Golde (sie soll leben!), wissen, daß einer von unseren Schwuosgästen das Söhnchen der Witwe sein wird«, sage ich, »den man Arontschik nennt und von dem ich dir schon erzählt habe.« – »Wenn es sich so verhält«, sagt sie, »so ist die Sache anders.« ... Da seht Ihr wieder die Macht der Millionen! Selbst meine Golde wird ein ganz anderer Mensch, wenn sie Geld riecht. Die Welt ist schon einmal so geschaffen, was sollt Ihr Euch darüber den Kopf zerbrechen? Wie heißt es noch in den Psalmen? ›Silber und Gold sind das Werk von Menschenhänden‹ – Geld bringt den Menschen um.

Kurz und gut, – der helle und grüne Tag von Schwuos rückte heran. Wie schön, wie grün, wie hell und warm es bei mir auf meiner Meierei zu Schwuos ist, brauche ich Euch gar nicht zu sagen! Der reichste Mann bei Euch kann sich wünschen, einen so blauen Himmel und einen so grünen Wald mit so wohlriechenden Fichten und so herrlichem Gras zu haben; mit dem Gras, von dem meine Kühe leben, die da stehen und wiederkäuen und Euch in die Augen schauen, als ob sie sagen wollten: ›Gebt uns nur immer von solchem Gras, und wir werden mit unserer Milch niemals geizen!‹ ... Ihr könnt sagen, was Ihr wollt, Ihr könnt mir das schönste Geschäft anbieten, damit ich zu Euch in die Stadt ziehe, aber ich werde mit Euch niemals tauschen. Wo findet Ihr in der Stadt einen solchen Himmel? Wie heißt es noch im Hallel-Gebet: Der Himmel ist ein Himmel für Gott. Es ist wirklich der Himmel Gottes! ... Wenn Ihr in der Stadt den Kopf zurückwerft, was seht Ihr da? Eine Mauer, ein Dach, einen Kamin. Wo findet Ihr aber dort so einen Baum? Und wenn es bei Euch irgendwo ein Bäumchen gibt, so habt Ihr es mit einem Kaftan bekleidet! ...

Meine Gäste hörten gar nicht auf zu staunen, als sie zu mir am Schwuosfeste kamen. Alle vier Burschen kamen geritten, und auf lauter ausgezeichneten Pferden! Und das brauche ich wohl gar nicht zu sagen, daß Arontschik auf dem schönsten Pferde saß. Ich sage Euch, auf einem richtigen Wallach, wie man einen zweiten nicht so bald findet! Selbst um dreihundert Rubel werdet Ihr einen solchen nicht auftreiben! »Gesegnet sei, der da kommt, meine lieben Gäste!« sage ich zu ihnen. »Seid ihr vielleicht dem Schwuosfeste zu Ehren hoch zu Roß gekommen? Es macht nichts«, sage ich, »Tewje gehört selbst nicht zu den Frömmsten, und wenn man euch«, sage ich, »so Gott will, auf jener Welt dafür peitschen wird, so wird es mir nicht weh tun. ... He, Golde! Schau, daß die Pfannkuchen bald fertig werden und laß«, sage ich, »den Tisch ins Freie heraustragen, denn ich habe«, sage ich, »in der Stube nichts den Gästen zu zeigen. ... He, Sprinze! Teibel! Bejlke! Wo steckt ihr? Rührt euch!« ... So kommandiere ich meine Kinder, und sie bringen einen Tisch mit Stühlen, ein Tischtuch, Teller, Löffel, Gabeln, Salz – und bald darauf kommt Golde mit den Pfannkuchen. Die sind heiß, siedend, herrlich und fett wie Mannah! Und meine Gäste hören mit den Lobsprüchen auf meine Pfannkuchen gar nicht auf.

»Was stehst du da?« sage ich zu Golde: »Geh«, sage ich, »und wiederhole den Vers noch einmal. Heute ist doch«, sage ich, »Schwuos, also muß man«, sage ich, »den Vers ›Ojdcho‹ zweimal sagen!« Und meine Golde ist nicht faul und füllt die Schüssel noch einmal, und Sprinze bringt die Pfannkuchen zu Tisch. Plötzlich schaue ich meinen Arontschik an und sehe, daß er sich in meine Sprinze vergafft hat. Er wendet keinen Blick von ihr! Was hat er nur an ihr gefunden? ... »Eßt doch«, sage ich zu ihm, »warum eßt Ihr nicht?« ... Sagt er zu mir: »Was tue ich denn?« – »Ihr guckt«, sage ich, »auf meine Sprinze.« ... Fangen alle zu lachen an, und meine Sprinze lacht auch mit. Und allen ist es lustig zumute, alle freuen sich, es ist ein wahrer, guter Schwuostag! ... Nun soll einer ahnen, daß aus dieser Fröhlichkeit für mich ein Unglück, eine Plage, eine Strafe kommen wird! Wüst und finster wurde mir die Welt! ... Aber was! Der Mensch ist doch ein Narr! Ein gelehrter Mann darf es sich nicht so zu Herzen nehmen, er muß verstehen, daß alles so geschieht, wie es eben geschehen muß; denn wenn etwas anders hätte sein müssen, als es ist, so wäre es eben anders! Lesen wir doch in den Psalmen: ›Verlaß dich auf den Herrn‹, dann wird er es schon so einrichten, daß du tief in der Erde liegst, aus Lehm Beugel bäckst und dazu noch sagst: Auch dieses ist zum besten! Hört nur, was auf dieser Welt alles passieren kann. Hört aber mit Verstand zu, denn die eigentliche Geschichte fängt erst jetzt an.

Es kam der Abend und es kam der Morgen – wie ich eines Abends ganz gebraten von der Sonne des Tages und todmüde vom Herumlaufen von der einen Bojberiker Sommerwohnung zur anderen heimkomme, sehe ich draußen vor meinem Hause ein bekanntes Pferd angebunden. Ich könnte schwören, daß es Arontschiks Pferd ist, der Wallach, den ich damals auf dreihundert Rubel schätzte. Geh ich auf den Gaul zu, gebe ihm mit der einen Hand einen Klapps von hinten, kitzle ihn mit der anderen am Halse und streichle ihm die Mähne. »Lieber Freund«, sage ich zu ihm, »du schöner Bursche! Was tust du hier?« Wendet das Pferd seinen schönen Kopf nach mir um und schaut mich mit seinen klugen Augen an, als ob es sagen wollte: ›Was fragt Ihr mich? Fragt meinen Herrn.‹ ...

Ich gehe in die Stube und frage mein Weib: »Sage mir nur, Golde, meine Krone, was hat Arontschik hier zu suchen?« Antwortet sie mir: »Woher soll ich das wissen? Er gehört doch zu deinen Leuten!« – »Wo steckt er aber jetzt?« – »Er ist«, sagt sie mir, »mit den Kindern in den Wald spazieren gegangen...« – »Was ist das plötzlich für ein Spazierengehen?« sage ich zu meinem Weib und lasse mir Essen geben. Und wie ich gegessen habe, sage ich zu mir: »Tewje, warum bist du so aufgeregt? Wenn ein Mensch zu dir zu Gast kommt, mußt du da gleich böse werden? Im Gegenteil.« ... Und wie ich mir das sage, kommen schon meine Töchter mit dem jungen Mann aus dem Walde zurück und halten Blumen in der Hand. Vorne gehen die beiden Jüngeren, Teibel und Bejlke, und dann folgen Sprinze und Arontschik.

»Guten Abend!« – »Gutes Jahr!« Mein Arontschik steht so sonderbar da, streichelt sein Pferd, hält einen Grashalm zwischen den Zähnen und sagt plötzlich zu mir: »Reb Tewje! Ich will mit Euch ein Geschäft machen: Wollen wir unsere Pferde tauschen!« – »Wißt Ihr sonst niemand«, sage ich, »über den Ihr Euch lustig machen könnt?« Sagt er zu mir: »Nein, ich meine es ganz ernst.« – »So«, sage ich, »Ihr meint es ernst? Wieviel mag Euer Pferd kosten?« – »Wie teuer«, sagt er, »schätzt Ihr es ein?« – »Ich schätze es«, sage ich, »wenn ich nur nicht zu niedrig greife, auf dreihundert Rubel, und vielleicht noch mehr!« Fängt er zu lachen an und sagt, daß es mehr als dreimal soviel kostet. Und dann sagt er wieder: »Nun? Wollen wir tauschen?« Mir gefielen diese Worte gar nicht: will er denn wirklich seinen Gaul gegen meine Schindmähre tauschen?! ... Sage ich zu ihm, er möchte dieses Geschäft auf ein anderes Mal verschieben, und frage ihn im Scherz, ob er nur deswegen gekommen sei. »Wenn ja«, sage ich, »so ist es schade um die Mühe.« ... Antwortet er mir ganz ernst: »Ich bin zu Euch eigentlich wegen einer anderen Sache gekommen. Wenn Ihr nichts dagegen habt, wollen wir ein wenig spazieren gehen.« Was ist über ihn gekommen, daß er immer spazieren gehen will? – frage ich mich und gehe mit ihm zum Wald. Die Sonne ist schon längst untergegangen, das grüne Wäldchen sieht schon ganz dunkel aus, die Kröten im Sumpf quaken, und das Gras duftet herzerfrischend! Arontschik geht, und ich gehe auch. Er schweigt, und ich schweige auch. Plötzlich bleibt er stehen, hüstelt und sagt zu mir: »Reb Tewje! Was würdet Ihr sagen, wenn ich Euch sagen würde, daß ich Eure Sprinze liebe und mich mit ihr verloben möchte?« – »Was ich dazu sagen würde?« sage ich: »Ich würde sagen, daß man aus der Liste der Verrückten einen streichen und Euch hineinsetzen soll.« ... Gafft er mich an und sagt: »Was heißt das?« – Sage ich: »Das heißt, was ich sage! ...« – Sagt er: »Ich verstehe Euch nicht!« – Sage ich: »Dies beweist, daß Ihr nicht allzu klug seid, wie es auch in der Schrift heißt: ›Der Kluge hat seine Augen im Kopfe.‹ Das besagt, daß man einem Klugen etwas mit einem Wink weismachen kann, einem Dummen aber nur mit dem Stock.« ... Sagt er zu mir schon etwas beleidigt: »Ich rede zu Euch ganz einfach, und Ihr antwortet mir mit Witzen und Texten!« – Sage ich: »Jeder Chasen singt wie er kann, und jeder Prediger predigt von sich selbst. Wenn Ihr wissen wollt, was für ein Prediger Ihr seid, so redet zuerst mit Eurer Mutter. Sie wird Euch«, sage ich, »die Sache genau erklären ...« – »Ihr haltet mich wohl für einen kleinen Jungen«, sagt er zu mir, »der erst seine Mutter fragen muß? ...« – »Gewiß«, sage ich, »müßt Ihr Eure Mutter fragen, und die Mutter wird Euch sagen, daß Ihr närrisch seid, und sie wird recht haben ...« – »Und sie wird recht haben?« sagt er zu mir. – »Gewiß«, sage ich, »sie wird recht haben; denn was seid Ihr«, sage ich, »für eine Partie für meine Sprinze? Paßt denn meine Sprinze zu Euch? Und, vor allen Dingen«, sage ich, »passe ich denn zu Eurer Mutter, um mich mit ihr zu verschwägern? ...« – »Wenn Ihr's so meint«, sagt er zu mir, »so seid Ihr, Reb Tewje, in einem großen Irrtum! Ich bin kein Junge von achtzehn Jahren, ich suche keine Partie für meine Mutter, und ich weiß sehr gut, wer Ihr seid, und wer Eure Tochter ist, und sie gefällt mir, und so will ich, und so wird es sein! ...« – »Nehmt es mir nicht übel«, sage ich, »daß ich Euch unterbreche, aber ich sehe schon«, sage ich, »daß Ihr mit der einen Partei im reinen seid. Seid Ihr aber schon«, sage ich, »auch mit der Gegenpartei im reinen?« ... Sagt er zu mir: »Ich weiß nicht, was Ihr meint ...« – Sage ich: »Ich meine meine Tochter Sprinze. Habt Ihr mit ihr«, sage ich, »schon gesprochen, und was hat sie dazu gesagt?« Fühlt er sich beleidigt und sagt zu mir mit einem Lächeln: »Was ist das für eine Frage? Gewiß habe ich«, sagt er, »mit ihr gesprochen, und nicht nur einmal, sondern mehrere Male. Ich komme ja«, sagt er zu mir, »jeden Tag her.« ... Hört Ihr es? Er kommt alle Tage zu mir, und ich weiß nichts davon! ... Sage ich zu mir: ›Du Rindvieh in menschlicher Gestalt! Man sollte dir Stroh zum Kauen geben, Tewje! Wenn du dich so anführen läßt, so wird man dich kaufen und verkaufen, du Esel!‹ ... So sage ich zu mir und gehe mit Arontschik zurück. Er verabschiedet sich von meinen Leuten, springt auf seinen Gaul und marsch nach Hause, nach Bojberik. Nun wollen wir, wie es in Euren Geschichtenbüchern heißt, den Königssohn verlassen und uns zu der Königstochter wenden, das heißt zu Sprinze. ... »Sag mir, meine Tochter«, sage ich zu ihr, »erzähle mir nur«, sage ich, »was hat Arontschik mit dir von so einer Sache gesprochen«, sage ich, »ganz ohne mein Wissen?« Nun, antwortet ein Baum? Ebenso antwortet sie! Sie wird rot, schlägt die Augen nieder wie eine Braut und schweigt, als ob sie den Mund voll Wasser hätte ... ›So!‹ denke ich mir: ›Du willst jetzt nicht reden, also wirst du etwas später reden. ... Tewje ist kein Weib, Tewje hat Zeit!‹ Ich warte also einige Tage. Und wie ich wieder einmal mit ihr allein bin, sage ich zu ihr: »Sprinze, sage mir nur das eine: kennst du ihn wenigstens, diesen Arontschik?« Sagt sie: »Gewiß kenne ich ihn ...« – »Weißt du auch«, sage ich, »daß er ein Pfeifer ist?« Fragt sie mich: »Was heißt das, ein Pfeifer?« Sage ich ihr: »Eine hohle Nuß, auf der man pfeifen kann.« ... Sagt sie mir: »Du irrst, Arnold ist ein guter Mensch...« – »So«, sage ich, »er heißt bei dir plötzlich Arnold und nicht Arontschik, der Scharlatan?« Sagt sie: »Arnold ist kein Scharlatan. Arnold hat ein gutes Herz. Arnold«, sagt sie, »lebt in einer Umgebung von verdorbenen Menschen«, sagt sie, »die sich nur für Geld interessieren ...« – »So«, sage ich, »gehörst du auch schon zu den Aufgeklärten, Sprinze, und magst kein Geld leiden?« ...

Kurz und gut, ich sehe aus diesem Gespräch, daß sie schon recht weit gegangen sind, und daß es schon etwas zu spät ist umzukehren. Denn ich kenne meine Leute. So sind eben Tewjes Töchter beschaffen, wie ich es schon einmal gesagt habe: wenn sie sich an einen Menschen hängen, so mit dem ganzen Herzen, mit dem ganzen Leben und mit der ganzen Seele! Und ich sage mir: ›Narr! Warum willst du, Tewje, unbedingt klüger sein als die ganze Welt? Vielleicht ist es eine Fügung Gottes? Vielleicht ist es dir beschert, daß dir gerade durch diese stille Sprinze geholfen wird und du belohnt wirst für alle die Plagen und Schläge, die du bisher erlebt hast? Daß du ein gutes Alter erlebst und auch einmal etwas vom Leben hast? Vielleicht ist es dir beschert, eine Millionärin zur Tochter zu haben? Warum auch nicht? Paßt es dir etwa nicht? Wo steht es geschrieben, daß Tewje ewig ein Bettler bleiben muß, daß er sich ewig herumschleppen muß mit seinem Pferde, mit Käse und Butter, damit die reichen Leute von Jehupez etwas zu fressen haben? ... Wer weiß, vielleicht ist es im Himmel bestimmt, daß ich in meinen alten Tagen auf dieser Welt etwas erfülle, daß ich ein Wohltäter werde und Gastfreundschaft an armen Wanderern übe, oder daß ich mich gar mit einigen gelehrten Juden hinsetze und die Thora studiere?‹ ... Und es kommen mir viele ähnliche reiche, goldene Gedanken in den Sinn, wie es geschrieben steht: ›Viele Gedanken wohnen im Menschenherzen.‹ Oder wie ein Goj – er sei von uns wohl unterschieden! – sagt: ›Der Narr wird durch seine Gedanken reich!‹

Ich komme also in die Stube und nehme meine Alte vor. »Was würdest du zum Beispiel sagen«, sage ich, »wenn unsere Sprinze eine Millionärin werden würde?« ... Fragt sie mich: »Was heißt das, eine Millionärin?« Sage ich: »Eine Millionärin heißt, die Frau eines Millionärs.« ... Fragt sie: »Was heißt ein Millionär?« Sage ich ihr: »Ein Millionär heißt ein Mann, der eine Million hat.« ... Fragt sie mich: »Wieviel ist eine Million?« Sage ich: »Wenn du ein solches Rindvieh bist und nicht einmal weißt, was eine Million ist, was habe ich dann mit dir noch zu reden?« Sagt sie: »Wer bittet dich, mit mir zu reden?« Und sie hat ja auch wirklich recht.

Kurz und gut, es vergeht ein Tag, ich komme wieder nach Hause und frage: »War Arontschik da?« – »Nein, er war nicht da.« ... Es vergeht wieder ein Tag. »War der Bursche da?« – »Nein, er war nicht da.« ... Unter irgendeinem Vorwande zur Witwe zu gehen, paßt mir nicht. Ich will nicht, daß sie meint, daß Tewje sich um die Partie bemüht. Auch habe ich das Gefühl, daß ich dort ›wie eine Blume unter Dornen‹ sein werde, das heißt, wie ein fünftes Rad am Wagen, obwohl ich gar nicht einsehen kann, warum. Weil ich keine Million habe? Dafür bin ich ja mit einer Millionärin verschwägert! Und mit wem ist sie verschwägert? Mit einem armen Mann, einem Bettler, mit Tewje, dem Milchmann. Wer ist also vornehmer, ich oder sie? ... Ich will Euch die reine Wahrheit sagen: nun wollte ich auch schon selbst, daß die Partie zustande komme, eigentlich weniger wegen der Partie, als wegen der Siegesfreude. ›Der böse Geist mag in die Väter und die Mütter dieser reichen Leute von Jehupez fahren, sollen sie wissen, wer Tewje ist! ... Bisher hörte man nichts als Brod-skij, und wieder Brodskij, als ob die anderen gar keine Menschen wären!‹ ...

Das denke ich mir, wie ich aus Bojberik heimfahre. Und wie ich nach Hause komme, empfängt mich meine Alte mit großem Stolz: »Soeben war hier ein Bote, ein Goj, von der Witwe und sagte, du solltest um Gottes willen sofort zu ihr kommen, und selbst wenn es Nacht wäre. Du sollst dein Pferd anspannen und hinfahren, denn man braucht dich dort dringend! ...« – »Warum«, sage ich, »so dringend? Haben sie denn dort«, sage ich, »keine Zeit?« Und ich werfe einen Blick auf meine Sprinze: sie schweigt, nur ihre Augen sprechen. Ach, wie sie sprechen! Niemand versteht doch ihr Herz so wie ich. ... Ich habe die ganze Zeit Angst, ich weiß selbst nicht warum, daß aus der Sache vielleicht nichts wird. Darum schimpfe ich immer auf Arontschik und sage, er sei dies und er sei jenes. Wie ich aber sehe, daß es von ihr abprallt wie Erbsen von der Wand und daß meine Sprinze schmilzt wie eine brennende Kerze, spanne ich mein Pferd wieder vor den Wagen und fahre schon recht spät am Abend zurück nach Bojberik.

Im Fahren denke ich mir: ›Warum lassen sie mich so dringend rufen? Um meine Einwilligung zu hören? Um wegen des Verlobungsmahles zu sprechen? Da hätte er doch zu mir kommen können, denn ich bin ja der Brautvater!‹ Und ich fange selbst über diesen Gedanken zu lachen an: ›Wo hat man das schon je in der Welt gehört, daß der reiche Mann zum Bettler kommen soll? Höchstens, wenn die Welt untergeht, in Messias Zeiten, wie die jungen Leute, die dummen Jungen, mir einreden wollen, daß bald die Zeit kommt, wo der Reiche und der Arme ganz gleich sein werden: mein ist dein, und dein ist mein, und ähnlicher Unsinn! Wie kommen nur in diese kluge Welt solche Narren?... Ach ja!‹ ...

Mit solchen Gedanken komme ich nach Bojberik, fahre direkt zur Sommerwohnung der Witwe und lasse das Pferd halten. Wo ist aber die Witwe? Keine Witwe da! Wo ist der Bursche? Kein Bursche da! Wer hat mich dann kommen lassen? »Ich habe Euch kommen lassen«, sagt zu mir ein kleiner rundlicher Mann mit einem ausgezupften Bärtchen und einer dicken goldenen Uhrkette auf dem Bauche. »Und wer«, sage ich, »seid Ihr?« Sagt er: »Ich bin der Bruder der Witwe und Arontschiks Onkel. ... Man hat mich«, sagt er, »telegraphisch aus Jekaterinoslaw berufen, und ich bin soeben angekommen.« ... »Wenn's so ist«, sage ich, »so wünsche ich Euch Frieden!« Und mit diesen Worten setzte ich mich. Wie er sieht, daß ich schon sitze, sagt er zu mir: »Setzt Euch!« Sage ich: »Danke, ich sitze schon. Wie geht es Euch?« Sage ich: »Wie steht es bei Euch mit der Konstitution?« Antwortet er mir darauf gar nichts. Er lehnt sich in seinen Schaukelstuhl zurück, steckt die Hände in die Hosentaschen, bläht den dicken Bauch mit der goldenen Uhrkette auf und spricht zu mir folgende Worte: »Ich glaube, Ihr heißt Tewje?« – »Ja«, sage ich, »wenn man mich zu der Thora aufruft, so sagt man: ›Es erscheine Reb Tewje, der Sohn des Reb Schnejur-Salman ...‹« – »Hört nur«, sagt er zu mir, »Reb Tewje, was ich Euch sagen will. Was taugen uns lange Reden? Wollen wir lieber«, sagt er, »gleich von der Hauptsache sprechen, ich meine vom Geschäft ...«

»Ich habe nichts dagegen«, sage ich. »König Salomo hat schon längst gesagt: ›Ein jegliches hat seine Zeit.‹ ... Wenn man vom Geschäft reden soll, so redet man eben vom Geschäft. ... Ich bin«, sage ich, »ein Geschäftsmann ...« – »Das sieht man«, sagt er, »daß Ihr ein Geschäftsmann seid. Darum will ich mit Euch kaufmännisch sprechen. Ich will, daß Ihr mir ganz offen sagt, wieviel die ganze Sache kosten soll? ... Aber ganz offen!« ...

»Wenn ich offen sprechen soll, so weiß ich gar nicht, was Ihr meint...«

»Reb Tewje!« sagt er zu mir wieder, behält aber die Hände noch immer in den Hosentaschen. »Ich frage Euch«, sagt er, »wieviel soll uns die ganze Hochzeit kosten?« – »Es kommt darauf an«, sage ich, »was für eine Hochzeit Ihr meint! Wenn Ihr eine großartige Hochzeit meint, wie sie Euch geziemt, so bin ich«, sage ich, »gar nicht imstande ...« Starrt er mich an und sagt: »Entweder stellt Ihr Euch dumm oder Ihr seid wirklich dumm. ... Obwohl Ihr gar nicht so dumm zu sein scheint«, sagt er, »denn wenn Ihr dumm wäret, so hättet Ihr meinen Neffen nicht so beschwindelt: Ihr habt ihn zu Euch angeblich zu Pfannkuchen geladen, habt ihm ein schönes Mädel gezeigt, – ob es wirklich Eure Tochter ist oder nicht, das weiß ich nicht«, sagt er, »und er hat sich in sie verliebt, das heißt, sie hat ihm gefallen. Und daß er ihr gefallen hat«, sagt er, »das versteht sich doch von selbst, davon rede ich gar nicht. Es ist ja auch möglich«, sagt er, »daß es ein braves Mädel ist und es ernst meint. So weit will ich aber gar nicht gehen. ... Ihr sollt nicht vergessen«, sagt er, »wer Ihr seid und wer wir sind! Ihr seid doch«, sagt er, »ein gelehrter Mann! Wie könnt Ihr«, sagt er, »auch nur zugeben, daß Tewje, der Milchmann, der mit Käse und Butter hausiert, sich mit uns verschwägert? ... Werdet Ihr vielleicht sagen, daß sie einander das Wort gegeben haben? Nun, sie werden es eben zurücknehmen! Auch kein großes Unglück!« sagt er. »Und wenn es etwas kosten soll, daß sie ihm sein Wort zurückgibt, so haben wir nichts dagegen. Ein Mädel ist doch kein Bursche«, sagt er, »und ob sie Eure Tochter ist oder nicht«, sagt er, »das will ich gar nicht untersuchen.« ...

›Schöpfer der Welt!‹ denke ich mir: ›Was will der Jude von mir?‹ ... Er aber hört nicht auf zu reden: ich solle mir nur nicht einbilden, sagt er, daß es mir gelingen wird, einen Skandal zu machen und überall auszutrompeten, daß sein Neffe, sagt er, sich mit Tewjes, des Milchmannes, Tochter hat verloben wollen ... Ich soll es mir aus dem Kopf schlagen, sagt er, daß seine Schwester ein Mensch sei, der von sich Geld erpressen lasse. ... Mit Gutem, sagt er, kann man von ihr ein paar Rubel bekommen, sozusagen als Almosen. ... Man ist doch, sagt er, nur ein Mensch, der einmal auch seinem Mitmenschen helfen muß.

Kurz und gut, Ihr wollt wissen, was ich ihm darauf geantwortet habe? Ich habe ihm, ach und weh ist mir, gar nichts geantwortet! Die Zunge klebte mir, wie man sagt, am Gaumen! Ich stand auf, wandte mich mit dem Gesicht zur Türe und war schon weg! ... Es war mir, als ob ich mich vor einer Feuersbrunst oder aus einem Gefängnis gerettet hätte. Es summte mir im Kopfe, es flimmerte mir vor den Augen, und in den Ohren klangen mir noch die Worte jenes Juden: ›Aber ganz offen!‹ – ›Ob es Eure Tochter ist oder nicht ...‹ – ›Eine Witwe, von der man Geld erpressen kann ...‹ – Sozusagen als Almosen ...‹ Und ich ging hinaus zu meinem Pferd, drückte mein Gesicht in den Wagen und – Ihr werdet doch über mich nicht lachen? – und fing zu weinen an. ... Und als ich mich ausgeweint hatte, stieg ich auf den Bock und gab meinem Pferdchen, nebbich, soviel Peitschenschläge, wieviel es überhaupt fassen konnte. Dann erst wandte ich mich an Gott mit der gleichen Frage, die schon einmal Hiob gestellt hatte: ›Was für eine Missetat hast du, lieber Gott, am alten Hiob gesehen, daß du von ihm für keinen Augenblick abläßt? Gibt es denn wenig andere Juden auf der Welt?‹

Wie ich nach Hause komme, ist meine Familie, unberufen, lustig und guter Dinge. Alle sitzen beim Abendbrot, aber Sprinze fehlt. »Wo ist Sprinze?« frage ich. – »Was gibt's?« sagen sie zu mir. »Was hat man dich kommen lassen?« – Sage ich noch einmal: »Wo ist Sprinze?« ... Antworten sie mir noch einmal: »Was gibt's?« ... – Sage ich ihnen: »Gar nichts! Was soll es geben? Es ist, Gott sei Dank, ruhig, von Pogromen hört man nichts ...« In diesem Augenblick kommt Sprinze, blickt mir in die Augen und setzt sich zu Tisch, als ob die Rede gar nicht von ihr wäre. ... An ihrem Gesicht ist nichts zu erkennen, sie ist nur ungewöhnlich, ganz unnatürlich still. ... Ihr Benehmen gefiel mir gar nicht: sie saß so zerstreut da und tat alles, was man ihr sagte. Sagte man ihr: ›Setz dich!‹, so setzte sie sich. Sagte man: ›Iß!‹, so aß sie. Sagte man: ›Geh!‹, so ging sie. Und wenn man sie rief, so fuhr sie zusammen. ... Wie ich sie ansah, krampfte sich mir das Herz zusammen, und ein Zorn brannte in mir, ich wußte selbst nicht auf wen. ... Ach, du lieber Gott, Schöpfer der Welt! Wofür strafst du mich, für wessen Sünde?!

Kurz und gut, Ihr wollt wohl das Ende wissen? Ein solches Ende möchte ich selbst meinem schlimmsten Feinde nicht wünschen, und man darf so etwas gar nicht wünschen, denn der Fluch auf die Kinder ist der ärgste Fluch von allen Flüchen der Schrift! Wer weiß, vielleicht hat mich jemand so verflucht? Ihr glaubt nicht an solche Dinge? Was ist es denn? Gut, ich will hören, wie Ihr das erklärt. ... Aber was soll man da viel klügeln? Hört doch nur das Ende, das ich Euch erzählen will. Eines Abends fahre ich aus Bojberik heim und bin in der besten Laune: stellt Euch nur vor den Verdruß und die Schande und auch noch das Mitleid mit meinem Kinde! ... Ihr werdet vielleicht nach der Witwe fragen? Oder nach ihrem Sohn? Was geht mich die Witwe an, und was ihr Sohn? Weggefahren sind sie und haben nicht einmal Abschied genommen! Es ist eine Schande zu sagen, sie blieben mir sogar noch etwas Geld für Butter und Käse schuldig. ... Ich rede aber nicht von dem, sie haben es wahrscheinlich vergessen. Ich rede vom Abschiednehmen: sie sind weggefahren, ohne Abschied zu nehmen! ... Was mein Kind, nebbich, ausgestanden hat, das weiß keines Menschen Sohn außer mir: denn ich bin ja der Vater, und das Herz des Vaters fühlt ... Ihr meint vielleicht, daß sie mir auch nur ein halbes Wort gesagt hat? Daß sie sich beklagt hat? Oder daß sie geweint hat? Bewahre! Da kennt Ihr Tewjes Töchter schlecht! Sie ging ganz in sich und flackerte wie ein Licht! Ab und zu seufzte sie auf, es war aber ein Seufzen, das so große Stücke vom Herzen abreißt!

Ich fahre also mit meinem Pferdchen nach Hause und bin vertieft in meine traurigen Gedanken. Ich stelle Fragen an den Schöpfer der Welt und gebe mir selbst Antworten, und ich denke dabei weniger an Gott – mit Gott habe ich mich schon einigermaßen ausgesöhnt – als an die Menschen: Warum müssen die Menschen schlecht sein, wenn sie auch gut sein können? Warum müssen sie sich selbst und den anderen das Leben verbittern, wenn es in ihrer Macht ist, gut und glücklich zu leben? Ist es denn möglich, daß Gott den Menschen nur dazu erschaffen hat, damit er schon auf dieser Welt alle Strafen des Jenseits leidet? ... Wozu hätte es Gott nötig? ... Mit solchen Gedanken fahre ich heim nach meiner Meierei und sehe aus der Ferne, daß draußen am Flußdamm eine Menge Bauern zusammengelaufen ist, Bauern und Bäuerinnen, und Bauernmädchen und kleine Bauernjungen ohne Zahl. Was ist das? Natürlich ist es keine Feuersbrunst; also ist es ein Ertrunkener: jemand hat wohl im Flusse gebadet und dabei den Tod gefunden. Niemand weiß, wo ihn der Todesengel erwartet, wie wir es auch am Neujahrsfeste im Gebet ›Unessane Tojkef‹ sagen. ... Plötzlich sehe ich: auch meine Golde läuft zum Fluß, ihr Kopftuch ist aufgegangen, sie hat die Hände vor sich ausgestreckt, und vor ihr laufen meine Kinder Teibel und Bejlke. Und alle drei schreien und jammern: »Tochter! Schwester! Sprinze!« ... Ich sprang vom Wagen, ich weiß selbst nicht, wieso ich dabei nicht in Stücke zersprang, und als ich zum Flusse kam, da war es schon zu spät.

Was wollte ich Euch noch fragen? ... Ja! Habt Ihr einmal einen Ertrunkenen gesehen? Noch nie? ... Der Mensch stirbt gewöhnlich mit geschlossenen Augen ... Bei einem Ertrunkenen stehen aber die Augen offen; wißt Ihr nicht, woher das kommt? ... Nehmt es mir nicht übel, daß ich Euch so lange aufgehalten habe; ich habe ja auch selbst wenig Zeit: ich muß nach meinem Pferdchen schauen und das bißchen Ware verkaufen. Die Welt ist ja noch immer eine Welt, also muß man auch an den Rubel denken und das Gewesene vergessen. Das, was die Erde zugedeckt hat, das soll man, heißt es, vergessen, und wenn man selbst ein lebendiger Mensch ist, so kann man seine Seele nicht ausspeien. Da helfen keine Weisheiten, und ich komme immer auf den alten Vers zurück: ›So lange die Seele in dir ist‹, setze deinen Weg fort, Tewje! ... Bleibt mir gesund, und wenn Ihr meiner gedenkt, so in gutem Sinne.

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