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Scholem Aleichem: Anatewka - Kapitel 6
Quellenangabe
pfad/alejchem/anatewka/anatewka.xml
typefiction
authorScholem Alejchem
titleAnatewka
publisherInsel Verlag
seriesinsel taschenbuch
volume2392
printrunErste Auflage
year1999
translatorAlexander Eliasberg
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081021
projectid38da48ff
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V. Chawe

›Danket dem Herrn, denn er ist freundlich‹ – heißt es im Psalm; was Gott tut, ist gut; das heißt, es muß gut sein, versucht nur einmal, Eure ganze Weisheit zusammenzunehmen, um es besser zu machen. So habe auch ich einmal den Klugen spielen wollen, hab den Psalmvers hin- und hergedreht; doch als ich sah, daß es nichts hilft, gab ich es auf und sagte mir: Bist ein Narr, Tewje! Kannst den Gang der Welt nicht ändern. Der Herr hat einmal bestimmt, daß wir unsere Kinder großziehen müssen, daß wir von ihnen Sorge und Kummer haben; also müssen wir auch das mit Liebe und Demut tragen. Da hat sich zum Beispiel meine älteste Tochter – Zeitel heißt sie – in Motel Kamisol, den Schneider, verliebt. Hab ich denn etwas gegen ihn? Er ist allerdings ein einfacher und unwissender Bursche, kennt sich kaum in den kleinen Buchstaben aus; aber was soll man tun? Alle können doch nicht gebildet sein! Dafür ist er ein anständiger Kerl und arbeitet im Schweiße seines Angesichts. Meine Tochter hat bereits – unberufen! – die Stube voller Kinder, und sie beide zehren sich auf in Arbeit und Elend. Und wenn Ihr mit ihr sprecht, so sagt sie Euch, daß sie es unberufen sehr gut hat und daß es ihr überhaupt gar nicht besser gehen kann. Es fehlt nur eine Kleinigkeit: nämlich Brot. ... Das ist Nummer eins. Und von meiner zweiten Tochter, von Hodel, brauche ich Euch nicht zu erzählen; Ihr kennt die Geschichte. Sie habe ich verspielt, auf ewig verloren. Wer weiß, ob meine Augen sie je wiedersehen werden. ... Höchstens auf der anderen Welt, nach hundertundzwanzig Jahren ... Spreche ich von ihr, ich meine von Hodel, so kann ich auch heute noch nicht zur Besinnung kommen. Ihr sagt, ich soll sie vergessen? Wie kann man einen lebendigen Menschen vergessen? Und um so mehr so ein Kind wie Hodel? Ihr hättet nur die Briefe lesen sollen, die sie mir aus Sibirien schreibt: es schmilzt einem dabei wirklich das Herz im Leibe! Es geht ihr dort, schreibt sie, sehr gut. Er sitzt, und sie arbeitet, wäscht Wäsche und liest Bücher, und darf ihn jede Woche einmal im Gefängnis besuchen. Und sie hofft, schreibt sie, daß es hier bei uns so lange kochen wird, bis die Sonne aufgeht und der lichte Tag anbricht; dann wird man ihn und noch viele andere Leute von derselben Art befreien und heimschicken, und dann werden sie erst mit der richtigen Arbeit beginnen und die Welt auf den Kopf stellen. Wie gefällt Euch das? Was? Was tut aber der Herr? Er ist doch, wie Ihr sagt, ein barmherziger und gnädiger Gott. Also sagt er zu mir: »Wart noch ein wenig, Tewje: ich will es so machen, daß du diesen ganzen Kummer vergißt!« ... Und so geschah es auch. Hört nur, was ich Euch erzählen werde. Einem anderen würde ich es gar nicht erzählen, denn der Schmerz ist groß, und die Schande noch größer! Doch wie heißt es in unserer Heiligen Schrift: ›Wie kann ich es vor Abraham verbergen?‹ Hab ich denn vor Euch Geheimnisse? Was ich auf dem Herzen habe, erzähle ich Euch. Also was denn noch? Um eines will ich Euch bitten: es soll unter uns bleiben. Denn ich sage es wieder: Der Schmerz ist groß, doch die Schande, die Schande ist noch größer!

Kurz und gut – wie steht es in den ›Sprüchen der Väter‹: ›Der Herr, gelobt sei sein Name, wollte sein Volk Israel glücklich machen und gab ihm darum Lehren und Gebote!‹ Der Herr wollte Tewje einen Gefallen erweisen und segnete ihn darum mit sieben Kindern weiblichen Geschlechts, das heißt mit sieben Töchtern. Und alle sieben sind geraten, klug und schön, frisch und gesund – ich sage Euch –, wie die sieben Tannen! Ach wären sie doch lieber häßlich und mißgestaltet: das wäre vielleicht für sie besser und für mich gesünder. Denn was taugt ein gutes Pferd, wenn es im Stalle stehen muß? Was hat man von schönen Töchtern, wenn man in einer Einöde wohnt, wo man keinen Menschen zu Gesicht bekommt, außer dem christlichen Dorfschulzen Anton Poperilo, dem Dorfschreiber Chwedjko Galagan, einem großen Kerl mit langen Locken und Schaftstiefeln, und dem Popen, ausgelöscht sei sein Name und sein Gedächtnis! Seinen Namen will ich nicht mehr hören! Nicht etwa weil ich Jude bin und er ein Pope ist: Wir sind sogar seit vielen Jahren gut miteinander bekannt; das heißt, zu Familienfesten besuchen wir einander nicht und zu den hohen Feiertagen erst recht nicht. Wenn wir uns begegnen, sagt einer dem andern: Guten Tag! Wie geht's? Was hört man auf der Welt? Ich mag mich aber mit ihm nicht in lange Gespräche einlassen, denn gleich kommt er mir mit der alten Geschichte: Euer Gott, unser Gott usw. Ich gehe darauf nicht ein und unterbreche ihn gewöhnlich mit einem Scherzwort und will ihm irgendeinen Vers aus der Schrift anführen; nun unterbricht er mich und sagt, daß er die Schrift ebenso gut kennt wie ich und vielleicht noch besser, und fängt an aus dem Kopfe Bibelverse aufzusagen, doch mit einer Aussprache, wie sie nur ein Goj fertig bringt: »Beresith bara ...« Jedesmal, wirklich jedesmal dieselbe Geschichte! Nun unterbreche ich ihn und will eine Stelle aus einem Midrasch anführen. Er läßt mich aber nicht zu Worte kommen und sagt, daß der Midrasch schon zum Talmud gehört; den mag er aber nicht, denn der Talmud ist lauter Schwindel. Nun gerate ich in Zorn und sage ihm alles, was mir gerade auf die Zunge kommt. Ihr meint, daß es auf ihn Eindruck macht? Nicht den geringsten! Er schaut mich an und lacht und glättet sich dabei seinen langen Bart. Es gibt nichts Ärgeres auf der Welt, als wenn Ihr einen Menschen beschimpft, und er schweigt! Euch fließt die Galle über, und er lächelt! Damals verstand ich es nicht, aber heute weiß ich, was jenes Lächeln zu bedeuten hatte.

Kurz und gut, wie ich eines Abends heimkomme, sehe ich, wie der Schreiber Chwedjko vor dem Hause mit meiner Chawe steht; mit meiner dritten Tochter, die gleich nach Hodel kommt. Wie der Bursche mich sieht, zieht er vor mir die Mütze, dreht sich um und geht fort. Nun nehme ich Chawe ins Gebet: »Was tut hier Chwedjko?« Sie sagt: »Gar nichts.« Frage ich: »Was heißt gar nichts? ...« Sagt sie: »Wir haben nur etwas geplaudert.« Sage ich: »Was ist Chwedjko für dich für eine Gesellschaft?« Sagt sie: »Wir kennen uns ja schon seit langem.« Sage ich: »Ich gratuliere zu dieser Bekanntschaft! Ein netter Bursche, dieser Chwedjko!« Sagt sie mir: »Kennst du ihn denn überhaupt? Weißt du, was er für ein Mensch ist?« Sage ich: »Was für ein Mensch er ist, weiß ich nicht, denn seinen Adelsbrief habe ich nicht gesehen; aber ich nehme an, daß er von der besten Abstammung ist: sein Vater war wohl entweder Schweinehirt oder Nachtwächter oder sonst irgendein Trunkenbold ...« Nun antwortet sie, Chawe, mir darauf: »Wer sein Vater gewesen ist, weiß ich nicht und will es gar nicht wissen. Für mich sind alle Menschen gleich. Doch, daß er selbst kein gewöhnlicher Mensch ist, das weiß ich ganz sicher.« Ich darauf: »Gut, laß mich hören: Was ist er also für ein Mensch?« Und sie sagt: »Ich würde es dir sagen, aber du wirst es nicht verstehen. Chwedjko«, sagt sie, »ist ein zweiter Gorkij ...« Frage ich sie: »Und wer war der erste Gorkij?« – »Gorkij«, sagt sie mir, »ist heute beinahe der wichtigste Mensch in der Welt.« – »Wo wohnt er«, frag ich, »dieser große Mann, was ist sein Geschäft, und was für Weisheiten hat er verkündet?« Antwortet sie: »Gorkij ist ein berühmter Schreiber, ein Schriftsteller, ein Mensch, der Bücher macht, ein wertvoller, seltener, ehrlicher Mensch; er stammt aus dem einfachen Stande, hat nirgends studiert, hat alles ganz allein gelernt. Und hier ist sein Bild.« Und sie holt aus der Tasche ein Bild und zeigt es mir. »Das ist also«, sag ich, »dein Zaddik Reb Gorkij. Ich möchte schwören, daß ich ihn schon einmal gesehen hab: entweder bei der Bahn Säcke tragen, oder im Walde – Baumstämme schleppen ...« – »Ist es denn bei dir ein Fehler«, sagt sie, »wenn ein Mensch arbeitet? Arbeitest denn du selbst nicht? Arbeiten wir denn alle nicht?« – »Ja, ja«, sag ich, »du hast recht, und es heißt auch ausdrücklich in der Schrift: ›Von deiner Hände Arbeit sollst du dich ernähren.‹ Doch ich verstehe nicht, was das alles mit dem Chwedjko zu tun hat. Es wäre mir viel lieber, wenn du ihn nur aus der Ferne kennen würdest. Du sollst nicht vergessen, wer du bist, und wer er ist.« Sagt sie: »Gott hat alle Menschen gleich erschaffen.« – »Ja, ja«, sage ich, »Gott hat Adam nach seinem Ebenbilde erschaffen. Man darf aber nicht vergessen, daß jeder Mensch sich nur zu seinesgleichen gesellen muß, wie es auch in Schrift heißt: ›Ein jeder nach seinem Vermögen ...‹« – »Großartig!« sagt sie drauf: »Für jedes Ding weißt du eine Stelle aus der Schrift! Vielleicht gibt es auch eine Stelle«, sagt sie, »wo es erklärt wird, warum sich die Menschen selbst eingeteilt haben in Juden und Christen, Herren und Knechte, Reiche und Arme? ...« – »Halt«, sag ich ihr, »halt! Du gehst zu weit!« Und ich versuche ihr zu erklären, daß alles schon seit den sechs Tagen der Schöpfung so eingerichtet ist. Fragt sie mich: »Warum ist es so eingerichtet?« Sage ich ihr: »Weil Gott die Welt einmal so geschaffen hat.« Und sie: »Warum hat Gott die Welt so geschaffen?« Sag ich: »Hör auf! Wenn wir anfangen zu fragen, warum dies und warum das, so nimmt es doch überhaupt kein Ende.« Sagt sie mir: »Dazu gab uns ja Gott die Vernunft, damit wir fragen können ...« – »Bei uns ist es Sitte«, sag ich, »daß, wenn ein Huhn zu krähen anfängt wie ein Hahn, man es sofort zum Schächter trägt, wie es auch im Morgengebet heißt: ›Der du dem Hahn Verstand gegeben hast.‹ ...« Da mischt sich mein Weib Golde ins Gespräch ein. »Ist es noch nicht genug geredet?« ruft sie aus dem Fenster: »Die Suppe steht schon seit einer Stunde auf dem Tisch, und er predigt noch immer!« – »Jetzt kommt die auch noch!« sag ich. »Nicht umsonst sagen unsere Weisen, daß eine Frau neun Maß Beredsamkeit in sich hat. Wir sprechen hier von den höchsten Dingen, und sie kommt mit ihrer Suppe!« Antwortet mir Golde: »Die Suppe ist vielleicht ebenso wichtig, wie alle deine höchsten Dinge ...« – »Gott sei Dank!« sag ich: »Da haben wir einen neuen Philosophen! Es genügt wohl nicht, daß Tewjes Töchter aufgeklärte Köpfe sind, nun will auch sein Weib durch den Schornstein in den Himmel fliegen!« – »Da du schon gerade vom Himmel sprichst«, sagt sie, »so kannst du von mir aus in der Erde liegen!« Wie gefällt Euch so ein Willkommensgruß, wenn man mit hungrigem Magen nach Hause kommt? ...

»Wollen wir jetzt aber, wie es in den Märchen heißt, den König lassen und zur Königstochter zurückkehren; ich meine zum Popen – ausgelöscht sei sein Name und Gedächtnis! Wie ich einmal gegen Abend mit den leeren Milchkannen nach Hause fahre und gerade ins Dorf einbiege, kommt er mir auf seinem eisenbeschlagenen Wägelchen entgegen; er treibt in eigener Person die Pferde an, und sein langer Bart flattert im Winde. ›Der fehlt mir noch gerade!‹ denke ich mir: ›Eine schöne Bescherung!‹ – »Guten Abend!« sagt er mir: »Erkennst du mich denn nicht?« sagt er, »oder was?« – »Es heißt ja«, antworte ich, »daß, wenn man einen nicht erkennt, er sehr bald reich werden wird!« Ich ziehe den Hut und will weiterfahren. – »Wart eine Weile, Tewje«, sagt er mir, »hast du denn keine Zeit? Ich habe dir etwas zu sagen!« – »Wenn es etwas Gutes ist«, sag ich, »so hab ich nichts dagegen; wenn es aber nichts Gutes ist, so wollen wir es doch lieber auf ein anderes Mal verschieben.« – »Was heißt bei dir«, fragt er mich, »ein anderes Mal?« – »Ein anderes Mal«, sag ich, »heißt, wenn Messias kommt.« »Messias«, antwortet er, »ist ja schon längst gekommen.« – »Das habe ich von dir schon mehr als einmal gehört«, sag ich, »sage mir doch lieber, ehrwürdiger Vater, etwas Neues!« – »Das will ich ja eben«, sagt er, »ich will dir etwas sagen, was dich selbst betrifft, oder eigentlich deine Tochter ...« Da steht mir das Herz still: was hat der mit meiner Tochter zu tun? Und ich sage ihm: »Meine Töchter sind Gott sei Dank nicht so beschaffen, daß wer anderer für sie reden muß; sie können«, sag ich, »ganz gut für sich selbst reden.« – »Das ist aber«, sagt er, »eine solche Sache, daß sie selbst davon nicht sprechen kann und ein anderer vermitteln muß; denn es ist«, sagt er, »eine sehr wichtige Sache: es handelt sich um ihr Glück ...« – »Wen geht das Glück meiner Tochter etwas an?« sage ich: »Bin ich denn nicht der Vater meines Kindes? Ja oder nein?« – »Es ist wahr«, sagt er, »daß du ihr Vater bist; du bist aber blind und siehst nicht, daß deine Tochter sich hinaussehnt, daß sie nach einer anderen Welt verschmachtet; und du verstehst es nicht, oder willst es nicht verstehen ...« – »Ob ich sie nicht verstehe«, sage ich, »oder sie nicht verstehen will, das ist wieder eine andere Frage, und darüber kann man ja auch sprechen; aber was geht das alles dich an, ehrwürdiger Vater?« – »Es geht mich sogar sehr an«, antwortet er, »denn sie ist jetzt unter meiner Obhut ...« – »Was heißt«, frage ich, »unter deiner Obhut?« – »Das heißt«, sagt er, »unter meiner Aufsicht.« Dabei sieht er mir gerade in die Augen und streichelt seinen schönen Bart. Natürlich fahre ich auf. »Was?« schreie ich, »mein Kind unter deiner Aufsicht? Mit welchem Recht?« Und ich fühle, wie ich in Zorn gerate. Da sagt er mir ganz kaltblütig mit einem Lächeln: »Nur nicht so hitzig, Tewje! Gemach, wir wollen uns die Sache überlegen. Du weißt«, sagt er, »daß ich dir, Gott behüte, nicht feind bin, obwohl du Jude bist. Du weißt, daß ich von Juden viel halte und daß mir das Herz weh tut, wenn ich sehe, wie eigensinnig und verblendet sie sind und nicht begreifen wollen, daß man ihnen nur Gutes will.« – »Von diesem Guten«, sage ich, »sollst du mit mir jetzt lieber nicht sprechen, denn jedes Wort, das du sagst, ist mir wie ein Tropfen Gift und wie ein Dolchstoß ins Herz. Und wenn du mir wirklich ein so guter Freund bist, wie du sagst, so bitte ich dich nur um den einen Gefallen: Laß meine Tochter in Ruh!« – »Bist ein närrischer Mensch«, antwortet er mir. »Deiner Tochter wird nichts Böses geschehen. Ein großes Glück steht ihr bevor«, sagt er, »denn sie ist jetzt Braut, so wahr ich lebe!« – »Amen!« sage ich lächelnd, doch in meinem Herzen brennt eine Hölle. »Und wer ist«, frage ich, »ihr Bräutigam? Vielleicht darf ich danach fragen?« – »Du wirst ihn wohl kennen«, antwortet er. »Er ist ein sehr braver und anständiger Bursche, sehr gebildet; hat alles ganz allein gelernt; er liebt deine Tochter und will sie heiraten, kann es aber nicht, denn er ist kein Jude.« – ›Es ist Chwedjko!‹ denke ich mir, und es wird mir ganz heiß im Kopf, und kalter Schweiß läuft mir den Rücken herunter. Es ist mir schwer, ruhig im Wagen sitzen zu bleiben. Doch ihm zeigen, wie erregt ich bin, – nein, das erlebt er nicht! Also ziehe ich die Zügel an, gebe meinem Pferde eins mit der Peitsche und fahre ohne ein Abschiedswort nach Hause.

Ich komme nach Hause – da ist die Hölle los! Die Kinder drücken die Gesichter in die Kissen und weinen, Golde ist mehr tot als lebendig. Und wo ist Chawe? Chawe ist nicht da! Fragen, wo sie ist, will ich nicht. Ich brauche auch gar nicht zu fragen, denn es ist mir so weh ums Herz, ich leide alle Höllenqualen, und in mir brennt ein Zorn, ich weiß selbst nicht, gegen wen. Ich wäre imstande, mir selbst ein paar Ohrfeigen zu geben; ich schreie aber auf die Kinder und lasse meine Erbitterung an meinem Weibe aus. ... Ich kann mir keinen Platz finden und gehe in den Stall, dem Pferd sein Futter geben. ... Aber ich nehme einen Stock und fange das Pferd wütend zu schlagen an. »Verrecken sollst du, mein Unglück bist du! Sollst so leben, wie ich für dich auch nur ein Körnchen Hafer habe! Von meinem Unglück, wenn du willst, kann ich dir geben, von meiner Angst und meiner Pein, von meinem Pech und von meinen Wunden!«

So spreche ich zu meinem Pferd, besinne mich aber bald, daß es ja ganz unschuldig ist. Was will ich nur von ihm? Ich geb ihm ein wenig gehacktes Stroh und verspreche ihm, daß es am Sabbat, so Gott will, Heu bekommt. Und ich gehe wieder ins Haus und leg mich zu Bett. So liege ich in meinem Unglück da, und der Kopf, der Kopf will mir zerspringen, denn ich denke, und grüble, und studiere: was hat das zu bedeuten? ›Was ist meine Sünde, und was ist mein Vergehen? Womit habe ich, Tewje, mehr gesündigt als alle anderen Menschen, und warum werde ich härter als alle anderen Juden bestraft? Ach Gott im Himmel, barmherziger Gott! Was bedeute ich vor dir, daß du immer an mich denkst und mich nie vergißt, wenn es irgendwo eine Plage oder ein Unglück gibt?‹

Ich liege so wie auf heißen Kohlen und höre, wie mein Weib an meiner Seite seufzt, aus tiefstem Herzen stöhnt. »Golde«, frage ich, »du schläfst?« »Nein«, sagt sie, »was willst du denn?« – »Nichts will ich«, sag ich. »Wir sitzen schön tief im Unglück. Vielleicht weißt du doch einen Rat, was man tun soll?« – »Du fragst mich um Rat«, sagt sie, »wo es mir selbst so weh ums Herz ist? Ein Kind steht morgens auf, ein gesundes, starkes Kind, kleidet sich an, fällt mir um den Hals, küßt und kost mich und sagt kein Wort, was los ist! Ich glaubte«, sagt sie, »sie sei von Sinnen! Frag ich sie: ›Was hast du, Tochter?‹ Sie sagt darauf nichts, läuft in den Stall zu den Kühen, und seit dem Augenblick ist sie verschwunden. Ich warte eine Stunde, zwei Stunden, drei Stunden – wo ist Chawe? Chawe ist fort! Sage ich zu den Kindern: ›Springt einmal hinüber zum Popen.‹... « – »Woher«, frage ich, »hast du gewußt, daß sie beim Popen ist?« – »Woher ich das gewußt habe?« sagt sie: »Hab ich denn keine Augen? Bin ich denn nicht ihre Mutter?« – »Wenn du Augen hast«, sage ich, »und ihre Mutter bist, warum hast du früher geschwiegen und mir nichts gesagt?« – »Dir sollte ich es sagen?« sagt sie. »Wann bist du denn zu Hause? Und wenn ich dir etwas sage, hörst du denn auf mich? Wenn man dir etwas sagt«, sagt sie, »antwortest du mit einem Bibelvers, machst mir mit deinen Texten den Kopf voll und wirst mich so los ...«

So spricht zu mir Golde, mein Weib, und ich höre, wie sie im Finstern weint. ... Sie hat nicht so unrecht, denk ich mir, denn was versteht so eine Frau? Das Herz tut mir weh, und ich kann nicht hören, wie sie weint und stöhnt. Und ich sage ihr: »Siehst du, Golde«, sag ich, »du bist mir böse, daß ich für jedes Ding einen Bibeltext habe; ich muß dir auch darauf mit einem Vers antworten; es steht bei uns geschrieben: ›Der Vater erbarmt sich seiner Kinder.‹ Warum steht nicht geschrieben: Die Mutter erbarmt sich ihrer Kinder? Weil die Mutter was anderes ist als der Vater! Ein Vater«, sage ich, »kann eben anders mit dem Kinde reden! So Gott will, wenn ich sie morgen sehe und mit ihr spreche ...« – »Wenn das nur ginge«, sagt sie. »Wenn du sie nur sehen könntest und ihn auch. Denn er ist kein schlechter Mensch, wenn auch ein Pope. ... Doch er hat«, sagt sie, »mit jedem Menschen Mitleid. Wenn du ihn bittest und ihm zu Füßen fällst, wird er vielleicht ein Einsehen haben ...« – »Wen werde ich bitten?« sage ich. »Den Götzenpriester? Ausgelöscht sei sein Name! Ich soll mich vor dem Popen bücken? Bist du verrückt«, sag ich, »oder närrisch? Meine Feinde werden das nicht erleben! Denn es steht geschrieben ...« – »Aha!« sagt sie: »Da fängst du schon wieder an!« – »Was denn hast du geglaubt? Daß ich mich von einer Frau führen lasse?« sag ich: »Daß ich nach deinem Weiberverstand lebe?« In derlei Gesprächen verging bei uns die ganze Nacht. Beim ersten Hahnenschrei spring ich auf, bete das Morgengebet, nehme die Peitsche und gehe, versteht sich, zum Popen. Ihr werdet einwenden, daß ich mich doch der Frau gefügt habe? Wohin habe ich aber denn sonst gehen sollen? Ins Grab?

Kurz und gut, wie ich zum Popen auf den Hof komme, empfangen mich seine Hunde mit einem schönen Guten Morgen. Sie wollen mir meinen Rock zurechtmachen und versuchen, ob die Waden meiner jüdischen Beine für ihre Hundezähne gut sind. Es war ein Glück, daß ich meine Peitsche bei mir hatte! Nun erklärte ich ihnen mit der Peitsche den Vers: ›Bei allen Kindern Israel soll nicht ein Hund mucken.‹ Auf ihr Gebell und auf mein Peitschenknallen lief der Pope mit der Popenfrau heraus. Sie trieben mit Mühe die lustige Hundegesellschaft auseinander, luden mich ins Haus, empfingen mich wie einen Ehrengast und wollten sogar den Samowar bereiten. Sag ich dem Popen, daß ich auf den Samowar verzichte; ich will mit ihm unter vier Augen sprechen. Der Götzendiener hat wohl gleich verstanden, um was es sich handelt, und gab seiner Frau einen Wink, daß sie so freundlich sei und die Tür von außen zumache. Und ich beginne ganz ohne Vorrede und frage ihn, ob er an Gott glaubt. Und dann soll er mir sagen, ob er weiß, was es bedeutet, wenn man einem Vater sein Kind wegnimmt, das er lieb hat. Und dann soll er mir sagen, was nach seinem Verstand ein gutes Werk ist und was eine Sünde. Und dann möchte ich wissen, was er von einem Menschen hält, der sich zu einem andern ins Haus stiehlt und alles durcheinanderbringt, Bänke, Tische und Betten umkehrt und umstellt?!!!

Er ist, versteht sich, ganz verblüfft und sagt mir: »Du bist doch ein verständiger Mensch, Tewje«, sagt er mir, »und doch stellst du mir so viel Fragen auf einmal und willst, daß ich sie dir alle auf der Stelle beantworte. Laß mir Zeit, und ich werde dir eine nach der andern beantworten ...« – »Nein«, sag ich ihm, »du wirst mir keine einzige beantworten können, ehrwürdiger Vater! Weißt du warum? Weil ich alle deine Gedanken im voraus kenne. Antworte mir lieber«, sag ich, »nur auf folgendes: Habe ich noch Hoffnung, meine Tochter wiederzusehen oder nicht?« – Er fährt auf: »Was heißt wiedersehen?« sagt er: »Deiner Tochter wird doch nichts Böses geschehen! Sogar im Gegenteil ...« – »Ich weiß«, sage ich, »ich weiß, Ihr wollt sie ja glücklich machen! Ich rede nicht davon«, sage ich, »ich will nur das eine wissen, wo meine Tochter jetzt ist und ob ich sie sehen kann?« – »Alles andere, nur nicht das ...« sagt er. »Das ist alles«, sage ich, »was ich wissen wollte. Kurz und bündig. Also leb wohl«, sage ich, »und möge es dir Gott hundertfältig vergelten!«

Ich komme nach Hause zurück und sehe, mein Weib Golde liegt wie ein schwarzer Knäuel auf dem Bett und weint nicht mehr. Ich sage ihr: »Steh auf, mein Weib«, sag ich, »zieh deine Schuhe aus, und wollen wir uns hinsetzen auf niedre Schemel, zum Zeichen der Trauer, wie es uns Gott geboten hat. ›Der Herr hat gegeben, der Herr hat genommen‹ ... Wir sind nicht die ersten und nicht die letzten, denen so etwas geschieht. Denken wir uns«, sage ich, »daß wir überhaupt niemals eine Tochter Chawe gehabt haben, oder daß wir sie wie Hodel, die von uns weg ist und jetzt irgendwo in den Bergen der ewigen Finsternis lebt, niemals wiedersehen. ... Der Herr«, sag ich, »ist ein gnädiger und barmherziger Gott, und er weiß, was er tut!...«

Mit solchen Worten will ich mir das Herz erleichtern, doch ich fühle, wie die Tränen mich würgen, wie sie mir wie ein verschlucktes Bein in der Kehle stecken. Aber Tewje ist kein Weib, Tewje kann sich beherrschen! Das sind natürlich nur leere Worte; denn erstens – die Schande! Und zweitens – wie kann man sich beherrschen, wenn man ein lebendiges Kind verliert, und dazu noch eine solche Perle, die mir so tief im Herzen lag, und auch der Mutter im Herzen, die wir beinahe mehr als alle anderen Kinder liebten; ich weiß nicht warum; vielleicht weil sie als Kind so oft krank gewesen ist, und wir an ihrem Bettchen viele Nächte durchwacht haben, sie mehr als einmal mit unserem Schreien dem Tode entrissen, mit unserer Pflege und Sorge wie ein kleines, zertretenes Hühnchen zum Leben wiedererweckt haben; denn wenn Gott will, macht er Tote lebendig, wie es auch in den Psalmen heißt: ›Ich werde nicht sterben, sondern leben!‹ – Wem der Tod nicht beschert ist, stirbt eben nicht! ... Und vielleicht auch darum, weil sie ein gutes Kind war, ein treues Kind und an uns beiden immer mit ihrer ganzen Seele hing. Kann man doch fragen: Wenn so, warum hat sie uns das angetan? Nun, es war uns eben so beschert; ich weiß nicht, ob Ihr daran glaubt, aber ich glaube sehr stark an die himmlische Vorausbestimmung. Und zweitens war hier eine böse Macht im Spiele, eine Art Zauberei! Ihr könnt über mich lachen, doch ich versichere Euch, ich bin gar nicht so dumm, daß ich an Teufel, Dämonen oder ähnlichen Unsinn glauben soll; doch an Zauberei, seht Ihr, glaube ich. Was ist es denn anderes gewesen als Zauberei? Wenn Ihr mich weiter anhört, werdet Ihr auch dasselbe sagen.

Kurz und gut – wenn es in den heiligen Büchern geschrieben steht: ›ob du willst oder nicht, du bist verpflichtet zu leben‹, das heißt: ein Mensch nimmt sich nicht selbst das Leben, so ist es nicht umsonst. Es gibt keine solche Wunde in der Welt, die mit der Zeit nicht verheilt; es gibt kein solches Unglück, das man nicht vergißt. Das heißt, man vergißt es eigentlich nicht, doch was soll man tun? In den Psalmen heißt es: ›Der Mensch gleicht dem Vieh.‹" Der Mensch muß also arbeiten, sich abrackern und plagen wegen des Stückchens Brot. Also machen wir uns alle an die Arbeit: mein Weib und die Kinder – an die Milchkrüge, und ich – an das Pferd und das Wägelchen, und die Welt geht wieder ihren Lauf. Ich habe meinen Leuten erklärt, daß Chawes Namen überhaupt nicht mehr genannt werden darf – es gibt keine Chawe mehr! Ausgelöscht – und fertig! Und ich lade auf mein Wägelchen etwas Milch, Butter, Käse – lauter frische Ware – und fahre nach Bojberik zu meinen alten Kunden.

In Bojberik empfängt man mich mit großen Freuden: »Wie geht es, Tewje? Warum sieht man Euch nicht? Was macht Ihr?« – »Was soll ich machen?« antworte ich: »Im Klageliede Jeremias steht: ›Verneue unsere Tage wie vor alters‹, und ich bin derselbe Pechvogel wie vor alters. Eine Kuh ist mir wieder eingegangen.« – »Wie kommt das«, sagen die Leute, »daß alle solche Wunder gerade Euch geschehen?« Und die Leute fragen mich aus, jeder einzelne kommt mit denselben Fragen: ›Welche Kuh ist bei mir eingegangen? Und wieviel hat sie gekostet? Und wieviele Kühe sind mir noch geblieben?‹ Und man lacht und ist lustig; die reichen Leute lachen gerne über einen armen Teufel, wenn sie eben zu Mittag gegessen haben und gut aufgelegt sind, und es draußen schön und grün ist, und man etwas schläfrig wird. ... Tewje ist aber kein Mensch, der mit sich Scherz treiben läßt. So leicht erfährt man nicht, was bei mir im Herzen vorgeht. Und wie ich mit allen Kunden fertig bin, fahre ich heim. Ich fahre durch den Wald und lasse mein Pferdchen langsam gehen und unterwegs etwas Gras rupfen, und ich selbst vertiefe mich in meine Gedanken und grüble über alles Mögliche: über Leben und Tod, über diese Welt und jene Welt, und was die Welt eigentlich ist, und wozu der Mensch lebt; und ich überlege mir tausend ähnliche Dinge, um meine Gedanken zu zerstreuen und an sie, an Chawe, nicht zu denken. Doch wie zum Trotz kommt sie mir immer wieder in den Sinn: ich denke nur an sie und sehe nur sie und ihre Gestalt, schlank und schön und frisch wie eine junge Tanne. Oder ich sehe sie gar als kleines Kind, als armseliges krankes Vögelchen, wie ich sie auf den Händen trage und sie ihr Köpfchen an meine Schulter lehnt: ›Was willst du, Chawele? Willst du Milch? Soll ich dir was Süßes geben?‹ ... Und ich vergesse für eine Weile, was sie uns angetan hat, und mein Herz sehnt sich nach ihr, und meine Seele schreit nach ihr. ... Doch erinnere ich mich wieder an alles, was geschehen, so kocht in mir wieder das Blut, und ein Zorn brennt mir im Herzen auf sie, und auf ihn, und auf die ganze Welt, und auf mich selbst, weil ich sie für keinen Augenblick vergessen kann, weil ich sie nicht auslöschen, sie mir nicht aus dem Herzen reißen kann. Und wirklich: hat sie es denn nicht verdient? Dazu rackert sich Tewje sein ganzes Leben ab, dazu arbeitet er und plagt sich und zieht Kinder groß, damit sie sich von ihm gewaltsam losreißen, von ihm abfallen wie Tannenzapfen von der Tanne und sich vom Winde treiben lassen? ... Da wächst sage ich mir – zum Beispiel ein Baum, eine Eiche im Walde. Und es kommt ein Mensch mit einer Axt und hackt einen Ast ab, und noch einen Ast, und noch einen Ast – was für einen Wert hat dann der Baum ohne Äste? Nimm schon lieber, du Mensch, deine Axt und fälle den ganzen Baum, damit es ein Ende hat. Denn was taugt noch der astlose, nackte Baum im Walde? ...

Und wie ich mir solches denke, merke ich plötzlich, daß mein Pferdchen stehengeblieben ist. Was ist los? Ich hebe meinen Kopf und sehe – Chawe! Es ist dieselbe Chawe wie früher, hat sich um kein Haar verändert, hat sogar noch dieselben Kleider an! ... Im ersten Augenblick will ich aus dem Wagen springen und sie umarmen und küssen. ... Doch gleich sage ich mir: ›Tewje! Bist doch kein Weib!‹ Und ich treibe das Pferd an. Doch wie ich nach rechts will, steht sie auch schon rechts und winkt mit der Hand, als ob sie sagen wollte: ›Halt eine Weile, ich muß dir etwas sagen!‹ Und es zuckt mir etwas im Herzen, und ich stecke schon einen Fuß aus dem Wagen: noch einen Augenblick, und ich springe heraus! Doch ich beherrsche mich, ziehe die Zügel an und will nach links. Und schon steht auch sie links, blickt mich so merkwürdig an, und ihr Gesicht ist leichenblaß. ... ›Was soll ich tun?‹ frage ich mich. ›Soll ich halten, soll ich weiterfahren?‹ Und ehe ich mich umsehe, hält sie schon das Pferd am Zaume fest und sagt mir: »Vater! Ich sterbe, wenn du dich von der Stelle rührst! Willst du, daß ich sterbe? Vater, höre mich an!« – »So«, sage ich mir, »du willst mich mit Gewalt zwingen? Nein, meine Liebe, das gibts nicht! Du kennst wohl deinen Vater schlecht.« ... Und ich haue auf mein Pferd ein, was es Platz hat. Der Gaul gehorcht, zieht an, läuft im Galopp, wendet aber immer den Kopf zurück und bewegt die Ohren, »Hui!« sag ich ihm: »Schiele nicht, Freundchen, dorthin, wohin man nicht schauen darf!« ... Glaubt Ihr vielleicht, ich selbst hatte keine Lust, den Kopf zu wenden und einen Blick, nur einen einzigen Blick dorthin zu werfen, wo sie gestanden hatte?! Aber Tewje ist kein Weib, Tewje weiß, wie man mit dem Blendwerk des Teufels umgehen muß! Kurz und gut – ich will Euch Eure Zeit nicht rauben. Wenn mir Strafen auf jener Welt bestimmt sind, so habe ich sie doch gewiß schon hier abgebüßt; und wenn Ihr etwas über die Hölle und ihre Schrecken wissen wollt, so fragt nur mich: ich kann Euch alles genau sagen. Und während der ganzen Fahrt bis nach Hause schien es mir, daß sie mir nachläuft und ruft: ›Vater, hör mich an!‹ Und es geht mir durch den Kopf der Gedanke: ›Tewje! Du nimmst auf dich zu viel! Was wird es dir schaden, wenn du eine Weile hältst und sie anhörst? Vielleicht hat sie dir etwas zu sagen, was du wissen mußt: Vielleicht hat sie gar Reue und will zurückkehren? Vielleicht hat sie es bei ihm schlecht und will, daß du sie aus der Hölle rettest?‹ ... ›Vielleicht‹ und ›vielleicht‹, und noch viele solche ›Vielleicht‹ gehen mir durch den Kopf, und ich sehe sie vor mir wieder als kleines Kind, und ich denke wieder an den Vers: ›Der Vater erbarmt sich seiner Kinder‹; für den Vater ist kein Kind zu schlecht; und ich quäle mich und sage mir, daß ich selbst keine Gnade verdiene, daß ich nicht wert bin, daß mich die Erde noch trägt. Was hast du nur? Was regst du dich so auf, du verrückter Starrkopf? Was wütest du? Wende um, du böser Mensch, den Wagen, fahre zurück und versöhne dich mit ihr! Denn sie ist ja dein Kind, und du bist ihr Vater! ... Und es kommen mir in den Kopf so wilde Gedanken und Fragen: Was bedeutet Jude und Nichtjude? Und warum hat Gott Juden und Nichtjuden erschaffen? Und wenn der gleiche Gott sie erschaffen hat, warum sondern sie sich voneinander ab und wollen einander nicht einmal anschauen, so, als ob Gott nur die einen, die anderen aber wer anderer erschaffen hätte? ... Und es verdrießt mich, daß ich mich nicht so gut wie andere Leute in den heiligen Büchern auskenne, um gleich alle Gründe, Einwände und Beweise zur Hand zu haben. ... Und um meine Gedanken zu zerstreuen, stimme ich laut den Psalm an: ›Wohl denen, die in deinem Hause wohnen; die loben dich immerdar!‹ Ich spreche also das Nachmittagsgebet, laut und inbrünstig, wie Gott es geboten hat. Doch was kann aus solchem Beten herauskommen, wenn mir tief im Herzen ganz andere Worte klingen: ›Cha-we! Cha-we!‹? Und je lauter ich den Psalm aufsage, desto lauter klingt in meinem Innersten das eine Wort ›Chawe!‹ Und je mehr ich mir Mühe gebe, sie zu vergessen, desto deutlicher sehe ich sie, wie sie vor mir steht und mir ruft: »Höre mich an, Vater ...« Und ich verstopfe mir die Ohren, um sie nicht zu hören, und schließe die Augen, um sie nicht zu sehen. Und ich spreche das Gebet der Achtzehn Segenssprüche und weiß nicht, was ich spreche; und ich sage das Bußgebet auf und schlage mich in die Brust, und weiß nicht wofür. Und mein Leben ist verwirrt, und auch ich selbst bin verwirrt, und ich sage keinem Menschen etwas von der Begegnung, und ich spreche mit niemandem über sie, und erkundige mich niemals nach ihr; obwohl ich weiß, ganz genau weiß, wo sie ist, und wo er ist, und was sie treiben; doch das erfährt von mir niemand! Meine Feinde werden es nicht erleben, daß ich mich auch nur einmal beklage: so ein Mensch ist Tewje! ...

Ich möchte wirklich gerne wissen, ob alle Männer so sind, oder ob ich allein so verrückt bin?! Denn es kommt zum Beispiel vor ... Ihr werdet wohl über mich lachen? Ich fürchte, daß Ihr schon lacht! – Es kommt vor, daß ich meinen Sabbatrock anziehe, zum Bahnhof gehe und schon bereit bin, hinzufahren: ich weiß ja ganz gut, wo sie sich aufhalten. ... Und ich gehe zum Schalter und verlange eine Fahrkarte. Fragt mich der Beamte: »Wohin?« Sage ich: »Nach Jehupez!« Sagt er: »Eine solche Stadt gibts bei mir nicht.« Sage ich: »Dafür kann ich nichts.« Und ich gehe wieder nach Hause, ziehe den Sabbatrock aus und gehe wieder an meine Arbeit, schaue nach der Milchwirtschaft und nach meinem Pferde.... Wie es in der Schrift heißt: ›Jedermann an seine Arbeit, und jeder Mensch an sein Werk.‹ ... Ihr lacht doch über mich? Habe ich es nicht vorher gesagt? Ich weiß sogar, was Ihr Euch denkt: ›Dieser Tewje ist doch wirklich ein Narr!‹ Darum sage ich: Schluß! Genug für heute. Bleibt mir gesund und stark und laßt von Euch einmal was hören. Doch vergeßt um Gottes willen nicht, um was ich Euch gebeten habe: Ihr sollt schweigen, ich meine, daraus, was ich Euch erzählt habe, kein Buch machen; und wenn es sich schon mal treffen soll, daß Ihr ein Buch schreibt, so schreibt über wen anderen und nicht über mich. An mich sollt Ihr nicht mehr denken, wie es auch in der Schrift steht: ›Ihr sollt ihn vergessen – es ist aus mit Tewje, dem Milchmann!

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