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Scholem Aleichem: Anatewka - Kapitel 5
Quellenangabe
pfad/alejchem/anatewka/anatewka.xml
typefiction
authorScholem Alejchem
titleAnatewka
publisherInsel Verlag
seriesinsel taschenbuch
volume2392
printrunErste Auflage
year1999
translatorAlexander Eliasberg
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081021
projectid38da48ff
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IV. Hodel

Ihr wundert Euch wohl, Reb Scholem-Alejchem, daß man Tewje letztens so selten sieht? Ihr sagt, daß er sich plötzlich verändert hat und mit einem Mal grau geworden ist? Ach ja! Wenn Ihr nur wüßtet, wieviel Kummer und Plagen Tewje zu tragen hat! Wie heißt es noch in unseren heiligen Büchern: ›Der Mensch kommt von Staub und endet in Staub‹ das bezieht sich doch nur auf mich! Wo es nur irgendeine Plage oder ein Unglück gibt, muß ich unbedingt dabei sein. Und wißt Ihr, woher das kommt? Vielleicht daher, weil ich von Natur aus so leichtgläubig bin und jedem Menschen blind vertraue ... Unsere Weisen haben schon oft davor gewarnt, aber was soll ich machen, wenn meine Natur einmal so ist? Ihr wißt ja, mein Gottvertrauen ist stark, und ich erhebe niemals Klage gegen den, der ewig lebt. Was Er tut, ist gut. Und wenn Ihr sogar einmal versucht zu klagen, so wird es Euch auch nichts helfen. In den Sliches heißt es ja: ›Die Seele gehört dem Herrn, und auch der Leib gehört dem Herrn‹; wie kann dann der Mensch überhaupt wissen, was der Schöpfer mit ihm tun will? Ich muß darüber immer mit meiner Alten streiten: »Golde«, sage ich, »du sündigst mit den Lippen; denn in einem Midrasch steht ...« – »Was geht mich der Midrasch an?« sagt sie. »Wir haben«, sagt sie, »eine Tochter, die man verheiraten muß; und nach dieser Tochter kommen, unberufen, zwei andere Töchter; und nach den zweien kommen noch drei, sie mögen stark und gesund sein!« – »Ach!« sage ich, »das ist wirklich nicht der Rede wert, Golde! Denn unsere Weisen haben auch das vorausgesehen, und in einem anderen Midrasch heißt es ...« Sie läßt mich aber nicht weiterreden und sagt: »Erwachsene Töchter sind der beste Midrasch ...« Nun rede einer mit einem Weibsbild!

Daraus könnt Ihr schon ersehen, daß ich von dieser Ware genug auf Lager habe, eine reiche Auswahl. Und es ist wirklich ausgesucht schöne Ware: die eine hübscher als die andere. Es ziemt sich zwar nicht, daß man seine eigenen Kinder lobt, doch alle Leute sagen, daß sie wirklich schöne Mädels sind. Und ganz besonders die zweite Tochter, Hodel, die nach Zeitel kommt, nach der ältesten, die sich, wenn Ihr Euch noch erinnert, in den Schneider verliebt hat; diese Hodel ist schön, wie es im heiligen Buche Esther heißt: ›Eine schöne und feine Dirne!‹ Sie strahlt wie ein Stück Gold. Und zu meinem Unglück hat sie obendrein auch einen scharfen Verstand; sie schreibt und liest jiddisch und russisch und verschlingt Bücher wie Knödel. Werdet Ihr doch fragen: wie kommt Tewjes Tochter zu Büchern, wenn ihr Vater mit Butter und Käse handelt? Nun, diese selbe Frage lege ich ja auch den feinen jungen Leuten vor, die, mit Verlaub zu sagen, keine Hosen haben, aber doch unbedingt studieren wollen. Versucht sie nur zu fragen: »Was studieren? Wozu studieren?« Sollen Ziegenböcke ebensoviel von fremden Gärten wissen, wie die wissen, was darauf zu antworten. Vor allen Dingen läßt man sie doch zum Studium überhaupt nicht zu!... Und doch hättet Ihr sehen sollen, mit welchem Fleiß, mit welcher Ausdauer sie lernen! Und wer sind sie? Kinder von Handwerkern, von Schneidern und Schustern, so wahr mir Gott helfe in allem, was ich beginne! Sie gehen nach Jehupez, oder nach Odessa, wohnen auf Dachböden, haben zu Mittag Plagen und Unglück und zum Nachtisch die Kränke. Monatelang bekommen sie kein Stückchen Fleisch zu sehen. Und wenn es ein Fest gibt, so kaufen sich sechs Personen zusammen eine Semmel und einen Hering.

Einer von solchen jungen Leuten tauchte einmal auch in unserem Winkel auf; er stammte aus unserer Gegend, und ich habe sogar einmal seinen Vater gekannt: ein Zigarettenarbeiter ist er gewesen und ein großer Bettler dazu. Nun, daraus mache ich ihm ja keinen Vorwurf: denn wenn es der große Tannaïte Rabbi Jojchenen nicht für unpassend hielt, Stiefel zu flicken, so ist es auch für den jungen Mann keine Schande, einen Zigarettendreher zum Vater zu haben. Aber eines habe ich gegen ihn doch einzuwenden: Warum braucht so ein Bettler zu studieren? Allerdings hat er gute Fähigkeiten. Pertschik heißt der Unglückliche, auf jüdisch ›Pfefferl‹. Er sieht auch wirklich wie ein Pfefferl aus: klein, schwarz und unansehnlich; doch den Mund nimmt er gerne voll, und aus seinem Mund kommt nichts als Pech und Schwefel heraus.

Eines Tages fahre ich heim aus Bojberik, wo ich ein wenig von meinen Waren – Käse, und Butter, und Rahm an die Sommerfrischler verkauft habe; ich sitze in meinem Wägelchen und denke, wie es schon meine Gewohnheit ist, über himmlische Dinge nach, und über die reichen Leute von Jehupez, denen es, unberufen, so gut geht, und über den Pechvogel Tewje, dem es so schlecht geht, und über mein Pferdchen und ähnliche Dinge. Es ist ein heißer Sommertag, die Sonne brennt, die Fliegen stechen, und die Welt um mich herum ist so erquickend groß und offen, daß man Lust bekommt, sich aufzuheben und davonzufliegen, oder sich auszuziehen und davonzuschwimmen!

Da sehe ich, wie ein Bursche zu Fuß durch den Sand marschiert. Er hält sein Päckchen unter dem Arm und schwitzt; scheint todmüde zu sein. »Du«, sage ich zu ihm, »setze dich auf meinen Wagen, ich will dich eine Strecke fahren, denn mein Wägelchen ist leer. Auch steht es in der Schrift: ›Wenn du deines Bruders Ochsen siehest irre gehen, so sollst du dich nicht von ihm entziehen, sondern sollst ihm helfen‹; und um so mehr einem Menschen!« Der Bursche lacht, läßt sich aber nicht lange bitten und klettert in den Wagen. »Woher kommst du, mein Junge?« frage ich ihn unterwegs. »Aus Jehupez«, sagt er mir. »Was hat«, frage ich ihn, »so ein Bursche wie du in Jehupez zu suchen?« – »So ein Bursche wie ich«, sagt er, »macht jetzt seine Prüfungen.« – »Was will«, frage ich, »so ein Bursche wie du werden?« – »So ein Bursche wie ich«, sagt er, »weiß noch selbst nicht, was er werden will.« – »Wenn er es nicht weiß«, sage ich, »warum quält er sich dann mit dem Studieren?« – »Seid unbesorgt, Reb Tewje«, sagt er, »so ein Bursche wie ich, weiß ganz gut, was er zu tun hat.« – »Wenn du weißt, wer ich bin«, sage ich, »so wirst du mir vielleicht sagen, wer du bist?« – »Wer bin ich?« sagt er: »Ich bin ein Mensch!« – »Ich sehe«, sage ich, »daß du ein Mensch und kein Pferd bist; ich möchte nur wissen, wessen Kind du bist.« – »Wessen Kind soll ich sein?« sagt er, »ich bin Gottes Kind.« – »Ich weiß«, sage ich, »daß du Gottes Geschöpf bist, denn es steht bei uns geschrieben: ›Jedes Tier und jedes Vieh gehört Gott‹; ich frage«, sage ich, »woher du stammst: bist du aus unserer Gegend oder aus Litauen?« – »Was die Abstammung betrifft«, sagt er, »so stamme ich von Adam; ich bin übrigens von hier.« – »Sag mir dann«, sage ich, »wer ist dein Vater?« – »Mein Vater«, sagt er, »hieß Pertschik.« – »Daß dich der Teufel!« sage ich: »Was machst du dann so lange Geschichten? Du bist also des Zigarettendrehers Pertschik Sohn und studierst am Gymnasium?« – »Ja, und ich studiere am Gymnasium.« – »Mir kann es recht sein!« sage ich, »aber sag mir nur das eine: wovon lebst du?« – »Ich lebe«, sagt er, »von dem, was ich esse.« – »Aha!« sage ich, »ich verstehe! Aber was ißt du?« – »Alles«, sagt er, »was man mir gibt.« – »Auch das verstehe ich«, sage ich, »bist wohl nicht wählerisch: wenn man dir etwas gibt, so ißt du, und wenn man dir nichts gibt, so beißt du dich in die Lippe und gehst hungrig zu Bett. Aber es lohnt sich wohl zu hungern«, sage ich, »wenn man es nur den reichen jungen Leuten aus Jehupez gleichtun und am Gymnasium studieren kann, denn auch in der Schrift heißt es: ›Alle sind auserwählt.‹« ... So spreche ich zu ihm und führe Texte aus der Schrift und aus dem Midrasch an. Er unterbricht mich aber und sagt: »Sie werden es nicht erleben«, sagt er, »die Reichen von Jehupez, daß ich ihnen gleichtue! – Krepieren«, sagt er, »sollen sie!« – »Du bist mir etwas zu scharf gegen die Reichen!« sage ich: »Ich fürchte, daß du mit ihnen Streitigkeiten hast wegen deines Vaters Erbschaft.« – »Was meint Ihr?« sagt er: »Ich kann Euch nur sagen, daß ich, und Ihr und wir alle von ihnen noch manchen Rubel zu bekommen haben.« – »Weißt du, was?« sage ich, »laß lieber deine Feinde für dich reden. Ich sehe«, sage ich, »nur das eine: du bist kein verlorener Mensch, und die Zunge braucht man dir nicht zu wetzen. Wenn du Zeit hast«, sage ich, »so kannst du heute abend zu mir hereinschauen. Wir wollen ein wenig reden, und bei dieser Gelegenheit kriegst du von mir auch ein Abendessen.«

Es versteht sich, daß der Bursche sich das nicht zweimal sagen ließ: er erschien am gleichen Abend, und zwar im richtigen Augenblick, als die Suppe auf dem Tische stand und die Butterkuchen im Ofen sich bräunten. »Geh«, sage ich, »wasch dir die Hände; und wenn du es nicht tun willst, so kannst du von mir aus auch mit ungewaschenen Händen essen: ich bin ja nicht Gottes Anwalt«, sage ich, »und mich wird man auf jener Welt dafür nicht peitschen.« So sage ich zu ihm, und ich fühle, daß mir etwas an diesem Menschen gefällt; was es ist, weiß ich nicht, aber es zieht mich stark zu ihm hin. Ich liebe, versteht Ihr mich, einen Menschen, mit dem man reden kann, über einen Text aus der Schrift, oder aus dem Midrasch, oder mit dem man so allgemeine Betrachtungen über himmlische Dinge anstellen kann. So ist eben Tewje beschaffen! Von jenem Abend an kam nun der Bursche fast jeden Tag zu Besuch: wie er nur mit seinen Stunden fertig war, kam er gleich zu mir, um auszuruhen und sich zu zerstreuen. Ihr müßt wissen, daß das Stundengeben bei uns wirklich kein Vergnügen ist: unsere reichsten Leute zahlen so einem Lehrer nicht mehr als drei Rubel die Woche; und dafür muß er ihnen noch Telegramme aufsetzen, Adressen schreiben und manchmal auch einen Gang besorgen. Warum auch nicht? Wenn du bezahlt wirst, so mußt du auch wissen, wofür! Es war noch sein Glück, daß er bei mir zu essen bekam. Dafür hat er meine Töchter unterrichtet: Auge für Auge! Und so wurde er bei mir mit der Zeit wie ein Sohn des Hauses. Die Töchter traktierten ihn mit Milch, und meine Alte pflegte aufzupassen, daß er ein ganzes Hemd am Leibe und ein Paar ganze Socken an den Füßen hatte. Und wir nannten ihn von nun an ›Pfefferl‹, das heißt wir übersetzten seinen Namen ›Pertschik‹ ins Jüdische. Und ich muß sagen, daß wir ihn alle gerne mochten, denn er war im Grunde genommen gar kein übler Mensch, ein einfacher, ehrlicher Bursche. ...

Aber eines wollte mir an ihm nicht gefallen: er hatte die Gewohnheit, manchmal ganz zu verschwinden. Oft stand er auf, ging weg, und man sah ihn tagelang nicht: ›Der Knabe ist nicht da‹, wie Ruben zu seinen Brüdern sagte – Pfefferl ist verschwunden. Und wenn er wieder erscheint, und ich ihn frage: »Wo bist du gewesen, mein Schatz?« schweigt er wie ein Fisch. ... Ich weiß nicht, ob Ihr das mögt, aber ich kann es nicht leiden, wenn ein Mensch Geheimnisse hat. Ich verlange von einem Menschen, daß er offen ist und alles sagt, was er auf dem Herzen hat. Er war also sehr verschlossen und doch, wenn er einmal ins Reden kam, war er gleich Feuer und Flamme. Aber ein Mundwerk hatte er – nicht gedacht soll seiner werden! Er räsonierte über Gott, und seinen Gesalbten, und über Gottes Lehre, – über die letztere – am allermeisten! Und seine Gedanken waren immer so wild, krumm und verworren! So suchte er mir, zum Beispiel, zu beweisen, daß der reiche Mann nichts taugt, und der Bettler ein gar wichtiger Mensch ist; und was den Arbeiter betrifft, so hielt er ihn für die vornehmste Person, die es gibt; denn das Wichtigste ist, sagte er, daß der Mensch von seiner Hände Arbeit lebt. »Ganz recht«, pflegte ich ihm darauf zu antworten, »aber bares Geld ist doch besser?« Wird er wütend und will mir beweisen, daß das Geld das größte Unglück für die Welt ist: »Vom Gelde«, sagt er, »kommt eben alle Lüge und jede Ungerechtigkeit, die es nur in der Welt gibt; denn alles, was auf der Welt geschieht, ist ungerecht.« Und er beweist es mir mit allerlei Beispielen und Gründen, die weder Sinn noch Zusammenhang haben ... »Aus deiner verrückten Lehre folgt also«, sage ich ihm, »daß es auch ungerecht ist, wenn ich meine Kühe melke und mit meinem Pferde fahre?« Und ich gebe ihm noch ähnliche schwere Fragen auf und unterbreche ihn bei jedem Wort; wie es Tewje eben kann! Aber auch mein Pfefferl versteht sich aufs Disputieren! Er kann das sogar viel zu gut, und es wäre für ihn besser, wenn er es nicht so gut könnte! Und er nimmt sich auch kein Blatt vor den Mund.

Wie wir eines Abends auf den Stufen vor dem Hause sitzen und über solcherlei Fragen philosophieren, sagt er plötzlich, der Pfefferl, zu mir: »Wißt Ihr was, Reb Tewje? Ihr habt doch sehr geratene Töchter!« – »Wirklich?« sage ich, »ich danke für die Neuigkeit. Es kann auch nicht anders sein«, sage ich, »wenn sie mir nachgeraten sind.« – »Und Eure älteste Tochter«, sagt er zu mir weiter, »die ist besonders klug, ein wirklich wertvoller Mensch!« – »Das weiß ich auch selbst«, sage ich, »denn der Apfel fällt nicht weit vom Baum.« So sage ich zu ihm und freue mich dabei; denn welcher Vater hört es nicht gerne, daß man seine Kinder lobt? Wer konnte es damals ahnen, daß aus diesem Lobe eine gar schreckliche Liebesgeschichte wurde?

Kurz und gut, ich fahre einmal wieder gegen Abend mit meinem Wägelchen durch Bojberik von einer Sommerwohnung zur anderen und verkaufe meine Milchwaren, als mich plötzlich jemand ruft. Ich sehe mich um: es ist Efroïm, der Schadchen. Wie er mich in Bojberik sieht, hält er mich an und sagt: »Entschuldigt«, sagt er, »Reb Tewje, ich muß mit Euch etwas besprechen.« – »Ich habe nichts dagegen«, sage ich, »wenn es nur etwas Gutes ist.« Und ich laß mein Pferd halten. »Ihr habt«, sagt er, »Reb Tewje, eine Tochter.« – »Ich habe«, sage ich, »sieben Töchter, sie mögen alle stark und gesund sein.« – »Ich weiß«, sagte er, »daß Ihr sieben Töchter habt; auch ich habe sieben Töchter.« – »Also haben wir zusammen vierzehn«, sage ich. – »Scherz beiseite«, sagte er, »die Sache ist nämlich die: ich bin ja, wie Ihr wißt, ein Schadchen, also habe ich eine Partie für Eure Tochter. Es ist aber eine ganz außergewöhnliche Partie, wirklich prima!« – »Laßt mich hören«, sage ich, »was Ihr eine prima Partie nennt! Wenn es ein Schneider ist, oder ein Schuster, oder ein Melamed, so soll er nur dort bleiben, wo er ist. Denn meinesgleichen werde ich auch anderswo finden können. Wie es auch im Midrasch ganz richtig heißt ...« – »Ach«, sagt er, »Reb Tewje, Ihr fangt schon wieder mit Eurem Midrasch an! Bevor man mit Euch redet«, sagt er, »muß man seinen Gürtel enger schnallen! Ihr überschüttet die ganze Welt mit Euren Texten. Hört doch besser, was für eine Partie Euch Efroïm, der Schadchen, vorzulegen imstande ist. Jetzt sollt Ihr«, sagt er, »hören und schweigen.« So sagt zu mir Efroïm, der Schadchen, und liest mir einen Zettel vor; was soll ich Euch sagen – die Sache klingt wirklich sonderbar. Erstens ist die Stadt, wo der junge Mann wohnt, eine sehr schöne Stadt. Und zweitens ist er auch von guter Familie, und darauf lege ich gerade großen Wert. Denn auch ich bin nicht der erste beste. In meiner Familie gibt es, wie unter den Schafen Labans allerlei: bunte, gefleckte und gesprenkelte; es gibt ganz einfache Menschen, und es gibt Handwerker, und es gibt Hausbesitzer. Außerdem ist der junge Mann gebildet, kennt sich in den kleinen Buchstaben aus. Und das halte ich nicht für gering: denn einen ungebildeten Juden hasse ich wie Schweinefleisch! Ein Ungebildeter ist für mich viel ärger als ein Trunkenbold. Ihr könnt von mir aus ohne Hut herumlaufen oder gar auf dem Kopfe stehen; wenn Ihr Euch nur im Raschi-Kommentar auskennt, gehört Ihr schon zu meinen Leuten. So ein Mensch ist eben Tewje! Und dann ist der junge Mann, sagt Efroïm, sehr reich, fährt in eigener Equipage mit feurigen Rossen. ... Mir kann es recht sein, denke ich, denn Reichtum gehört nicht zu den größten Fehlern, die ein Mensch haben kann. Wenn ich schon wählen soll, so ziehe ich immerhin einen Reichen einem Bettler vor. Es heißt zwar: ›Armut steht dem Volke Israel wohl an‹, doch Gott selbst mag keinen Bettler leiden: denn hätte Gott den Bettler lieb, so wäre der Bettler eben kein Bettler. – »Und was könnt Ihr mir noch sagen?« frage ich ihn. »Ich kann Euch noch sagen«, sagt er, »daß der junge Mann diese Partie unbedingt machen will, daß er nach Eurer Tochter verschmachtet, denn er will nur eine Schöne.« – »So!« sage ich, »von mir aus. Aber wer ist er? Ein Witwer? Ein Geschiedener? Oder was?« – »Er ist«, sagt er, »Junggeselle, wenn auch schon etwas in den Jahren, aber doch Junggeselle.« – »Und wie ist«, frage ich, »sein heiliger Name?« Den Namen will er mir nicht sagen, ich könnte ihn in Stücke schneiden. »Bringt Eure Tochter einmal mit nach Bojberik«, sagt er, »so werde ich Euch seinen Namen sagen.« »Was heißt«, sage ich, »daß ich sie bringen soll? Man bringt doch nur ein Pferd zum Jahrmarkt oder eine Kuh zum Verkauf.« ...

Aber Ihr wißt wohl selbst, daß ein Schadchen auch eine Wand überreden kann. Und so wurde beschlossen, daß ich sie, so Gott will, in der nächsten Woche nach Bojberik mitbringe. Und es kommen mir schon allerlei süße Gedanken in den Sinn. Ich stelle mir vor, wie meine Hodel in einer Equipage mit feurigen Rossen spazieren fährt, und wie die ganze Welt mich beneidet; weniger wegen der Equipage und der Rosse, als wegen der Wohltaten, die ich durch meine reiche Tochter der Welt erweise: Wie ich Armen mit Darlehen aushelfe, dem einen zwanzig, dem anderen fünfzig und dem dritten gar hundert Rubel gebe: denn der Arme ist ja auch ein Mensch. So denke ich mir, wie ich in der Dämmerung nach Hause fahre, und ich schlage mein Pferdchen und spreche mit ihm in der Pferdesprache: »Pferdchen«, sage ich zu ihm, »hui! Bewege doch etwas schneller deine Beine. Wenn du etwas schneller läufst«, sage ich, »so bekommst du deine Portion Hafer, denn es steht bei uns geschrieben: ›Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen‹, und wenn man nicht schmiert, so kann man nicht fahren.«

Und wie ich so mit meinem Pferdchen spreche, sehe ich, daß aus dem Walde zwei Menschen herauskommen, ein Männlein und ein Weiblein. Sie gehen hart nebeneinander her und sind in ein Gespräch vertieft. Wer kann das sein? frage ich mich und schaue durch die flammenden Sonnenstrahlen hin. Ich könnte schwören, daß der eine von den beiden Pfefferl ist! ... Doch mit wem geht der Bursche so spät? Ich halte mir die Hand vor die Augen, gegen die Sonnenstrahlen, und schaue ganz scharf hin. Wer ist das Weiblein, mit dem er geht? Herr Gott! Ist das nicht Hodel? Gewiß ist es Hodel! ... So! Darum haben sie mit solchem Eifer Grammatik gelernt und Bücher gelesen! Ach, Tewje, was für ein Narr du bist! So denke ich mir und lasse den Gaul halten und rufe die beiden zu mir heran: »Guten Abend!« sage ich. »Was hört man Neues vom japanischen Krieg? Wie kommt ihr«, sage ich, »plötzlich her? Was sucht ihr hier? Den gestrigen Tag?« Wie die Leutchen diesen Willkommengruß hören, bleiben sie stehen, wie man sagt, »zwischen Himmel und Erde«, etwas verlegen und mit roten Gesichtern. ... Sie stehen eine Minute schweigend da und blicken zu Boden, dann heben sie die Augen wieder auf und schauen mich an; ich schaue sie an, und dann schauen sie einander an.

»Nun?« sage ich. »Ihr seht mich so an, als ob ihr mich schon lange nicht gesehen hättet. Ich bin, glaube ich, noch immer der alte Tewje«, sage ich, »der ich immer war, und habe mich gar nicht verändert.« So sage ich zu ihnen halb im Scherz und halb ärgerlich. Nun wendet sich zu mir meine Tochter, das heißt Hodel, und errötet noch mehr. »Vater«, sagt sie, »du kannst uns gratulieren!« – »Ich gratuliere«, sage ich, »und wünsche viel Glück! Aber was ist eigentlich los? Habt ihr«, frage ich, »einen Schatz im Walde gefunden? Oder seid ihr soeben einer großen Gefahr entronnen?«

»Nein«, sagt Pfefferl, »aber wir sind Bräutigam und Braut.« – »Was heißt«, sage ich, »ihr seid Bräutigam und Braut?« – »Ihr wißt nicht«, sagt er, »was Bräutigam und Braut heißt? Es heißt, daß ich ihr Bräutigam bin und sie meine Braut ist.« So sagt Pfefferl zu mir und blickt mir gerade in die Augen. Aber auch ich blicke ihm gerade in die Augen und sage: »Wann war bei euch die Verlobungsfeier? Und warum habt ihr mich nicht zu der Feier geladen? Ich bin doch, glaube ich, ein Verwandter ...« So scherze ich, doch es ist mir dabei gar nicht so lustig zumute. Aber Tewje ist kein Frauenzimmer, Tewje will eine Sache bis zum Ende hören. ... Und ich sage ihnen: »Ich verstehe nicht: eine Verlobung ohne einen Schadchen und ohne ein Verlobungsmahl?« – »Was brauchen wir«, sagt Pfefferl, »einen Schadchen? Wir sind ja schon längst Bräutigam und Braut.« – »So!« sage ich. »Das sind Gottes Wunder! Warum habt ihr bisher davon geschwiegen?« – »Warum sollten wir davon sprechen? Wir hätten es Euch auch jetzt nicht erzählt; da wir uns aber bald voneinander trennen, haben wir beschlossen, zuvor die Chuppe zu stellen.« ...

Das war mir schon zuviel. Daß sie sich verlobt hatten, das konnte ich schließlich noch ertragen: er liebt sie, sie liebt ihn, – warum denn nicht. Aber gleich die Chuppe stellen – was hat das für einen Sinn? Der Bräutigam merkt wohl, daß ich etwas überrascht bin und sagt: »Versteht Ihr, Reb Tewje, die Sache ist nämlich die, daß ich bald von hier fortreise.« – »Wann gehst du fort?« – »Sehr bald.« – »Und wo willst du hin?« – »Das kann ich Euch«, sagt er, »nicht sagen, denn es ist«, sagt er, »ein Geheimnis.« Ihr hört? Es ist ein Geheimnis! Wie gefällt Euch das? Da kommt so ein kleines schwarzes Pfefferl daher, stellt sich als Bräutigam vor, will eine Chuppe stellen, ist im Begriff fortzureisen und sagt nicht, wohin! Soll da einem die Galle nicht heraus? »Gut«, sage ich zu ihm, »ein Geheimnis ist eben ein Geheimnis; bei dir ist alles Geheimnis. ... Erkläre mir aber, mein Lieber, folgendes: Du bist doch ein Mensch, der viel von Gerechtigkeit hält und vom Kopf bis zu den Füßen mit Menschlichkeit gesalbt ist. Wie reimt sich damit zusammen«, sage ich, »daß du dem alten Tewje eine Tochter wegnimmst, um sie gleich darauf als verlassene Frau sitzen zu lassen? Das heißt bei dir Gerechtigkeit? Menschlichkeit? Es ist noch ein Glück«, sage ich, »daß du mich nicht bestohlen und mein Haus nicht angezündet hast!«

»Vater!« sagt zu mir Hodel, »du weißt gar nicht, wie glücklich wir sind und wie wir uns beide freuen, daß wir dir unser Geheimnis erzählt haben. Es ist uns beiden«, sagt sie, »ein Stein vom Herzen gefallen. Komm her, laß dich umarmen!« Und ohne viel zu reden, fallen sie über mich her, er von der einen Seite, sie von der andern, und nun geht die Küsserei los: sie küssen mich und ich sie. Und sie machen das so stürmisch, daß sie, wohl aus Versehen, auch einander küssen! Es ist nicht zu beschreiben, das reinste Theater! »Ist es vielleicht schon genug?« sage ich. »Ich glaube, es ist Zeit, von ernsteren Dingen zu sprechen!« – »Von was für Dingen?« fragen sie mich. – »Nun«, sage ich, »von Mitgift, Aussteuer, Hochzeit ...« – »Wir brauchen«, sagen sie, »gar nichts, und wir wollen weder Mitgift noch Aussteuer.« »Was denn«, sage ich, »wollt ihr?« – »Wir wollen«, sagen sie, »nur die Chuppe und sonst nichts.« ... Wie gefällt Euch das?!

Kurz und gut, ich will Euch nicht lange aufhalten, es half mir nichts. Ich mußte ihnen die Chuppe stellen. Es war eine schöne Chuppe! Gar nicht nach Tewjes Geschmack. ... Eine stille Trauung. ... Und obendrein habe ich ja auch meine Alte, und die ist, wie man sagt, wie ein Geschwür auf meinen Wunden. Nun quält sie mich, daß ich ihr sage, warum die Sache so plötzlich und so eilig ist. Wie kann man so etwas einem Frauenzimmer erklären? Ich muß, um des lieben Friedens willen, eine gewaltige Lüge erfinden. Erzähle ihr eine Geschichte von einer Erbschaft und von einer reichen Tante in Jehupez, damit sie mich in Ruhe läßt. Und noch am gleichen Tag, das heißt einige Stunden nach der schönen Hochzeit, spanne ich mein Wägelchen ein, und wir fahren zu dritt, das heißt ich und er und sie nach Bojberik zum Bahnhof. Und wie ich mit ihnen fahre, schaue ich sie von der Seite an und denke mir: ›Was haben wir doch für einen großen Gott, und wie wunderlich ist seine Welt! Und was für merkwürdige Geschöpfe hat er erschaffen! Da sitzt ein junges Paar, frisch aus dem Backofen, und er fährt weg, Gott weiß wohin, und sie bleibt da, und keiner von den beiden läßt auch nur des Anstandes wegen eine Träne fallen! Aber Tewje ist kein Frauenzimmer, Tewje hat Zeit, er sieht zu und schweigt und wartet, was daraus werden soll.‹ ...

Auf dem Bahnhofe sehe ich einige junge Burschen in ausgetretenen Stiefeln: sie sind gekommen, um meinem Schwiegersohn das Geleit zu geben. Einer von ihnen sieht ganz wie ein Bauernbursche aus: das Hemd hängt ihm, mit Verlaub zu sagen, über den Hosen heraus. Er flüstert die ganze Zeit mit den Meinigen. ›Paß auf, Tewje‹, denke ich mir, ›ob du nicht in eine Gesellschaft von Pferdedieben oder Einbrechern oder Falschmünzern hineingeraten bist.‹ ...

Wie ich mit meiner Hodel aus Bojberik nach Hause fahre, muß ich diese Befürchtung ganz offen aussprechen. Fängt sie zu lachen an und will mir einreden, daß es lauter feine Menschen sind, ehrliche, durchaus ehrliche junge Leute, die nur für ihre Mitmenschen leben und an ihr eigen Wohl überhaupt nicht denken. ... »Und der Bursche mit dem Hemd«, sagt sie, »der ist gar ein Sohn reicher Eltern. Er hat«, erzählt sie mir, »seine Eltern in Jehupez verlassen und will von ihnen keinen Pfennig nehmen.« – »So?« sage ich, »Gottes Wunder! Er scheint wirklich ein ganz feiner Bursche zu sein: zu seinen langen Haaren und zu dem Hemd, das über den Hosen hinaushängt, fehlt ihm nur noch eine Ziehharmonika in der Hand, und daß ihm ein Hund nachläuft: dann würde er ganz herrlich aussehen!«

So rechne ich mit ihr ab, eigentlich auch für ihn, und lasse meine ganze Erbitterung an ihr aus. Und sie? Es rührt sie nicht. ›Und Esther sagte nichts.‹ Sie stellt sich einfältig. Ich sage ihr: »Dein Pfefferl!« Und sie spricht vom allgemeinen Wohl, Arbeitern und ähnlichem Unsinn. ... »Was taugt mir«, sage ich, »euer allgemeines Wohl und eure ganze Arbeit, wenn alles so geheim zugeht? Es gibt«, sage ich, »ein Sprichwort: Wo ein Geheimnis ist, dort ist Diebstahl. ... Sag mir lieber gleich, wohin dein Pfefferl weggefahren ist und wozu?...« – »Kannst mich um alles andere bitten«, sagt sie, »aber das kann ich dir nicht sagen, nur das nicht! Frage lieber nicht danach! Glaube mir«, sagt sie, »du wirst mit der Zeit selbst alles erfahren, wirst, so Gott will, recht bald viel Neues und Gutes hören!« – »Amen!« sage ich. »Deine Worte mögen gleich in Gottes Ohr kommen. Aber unsere Feinde«, sage ich, »sollen so wissen, was Gesundheit ist, wie ich weiß, was bei euch da vorgeht, und wie ich verstehe, was das ganze Spiel bedeutet.« – »Das ist eben das Unglück«, sagt sie, »daß du das gar nicht verstehen kannst.« – »Ist es denn so tief? Ich glaube«, sage ich, »daß ich mit Gottes Hilfe auch schwierigere Sachen verstehe!« – »So etwas«, sagt sie, »kann man mit der Vernunft allein nicht erfassen, das kann man nur mit dem Herzen fühlen.« ... So spricht zu mir Hodel, meine Tochter, und wie sie das sagt, ist ihr Gesicht rot wie Feuer und ihre Augen brennen. So sind einmal meine Töchter, nicht gedacht soll ihrer werden! Wenn sie sich an etwas hängen, dann schon mit Herz und Leben, mit Leib und Seele! ...

Kurz und gut, – es vergeht eine Woche, es vergehen zwei Wochen, drei, vier und fünf und sechs und sieben Wochen – es kommt von ihm weder ein Brief noch sonst eine Nachricht. ›Pfefferl ist verschwunden‹, denke ich mir. Und wie ich meine Hodel anschaue, sehe ich, daß sie keinen Tropfen Blut im Gesicht hat. Sie sucht sich immer die schwerste Arbeit im Hause aus, um ihren Kummer zu vergessen; und sie spricht kein Wort. Als ob es überhaupt kein Pfefferl in der Welt gegeben hätte!

Wie ich aber einmal nach Hause komme, sehe ich, daß Hodel geweint hat: ihre Augen sind rot und angeschwollen. Ich frage nach und höre, daß ein Bursche dagewesen ist mit langem Haar, und daß er mit Hodel lange getuschelt hat. ›Aha!‹ sage ich mir, ›das wird wohl jener Kerl sein, der seine reichen Eltern verlassen hat und das Hemd über den Hosen trägt!‹ ... Und ohne es mir lange zu überlegen, rufe ich Hodel aus der Stube in den Hof heraus und nehme sie ins Gebet: »Sag mir, meine Tochter, hast du schon von ihm einen Gruß?« – »Ja.« – »Wo befindet sich jetzt dein Gemahl?« – »Sehr weit von hier« sagt sie. – »Was tut er dort?« – »Er sitzt.« – »Er sitzt?« – »Ja, er sitzt ...« – »Wo sitzt er? Wofür sitzt er?« Sie gibt keine Antwort. Sie sieht mir in die Augen und schweigt. »Sage mir nur das eine«, sage ich: »Soviel ich verstehe, hat er keinen Diebstahl begangen; und sobald er kein Dieb und kein Schwindler ist, wofür sitzt er dann, für was für gute Werke?« Sie schweigt: und Esther sagt nichts. ... Denke ich mir: Du willst nichts sagen, gut; ich bestehe nicht darauf: er ist doch dein Mann und nicht mein Mann! ... Doch tief im Herzen spüre ich einen Schmerz: ich bin ja immerhin der Vater, und wir sagen auch im Morgengebet: ›Der Vater erbarmt sich seiner Kinder.‹ ... Ein Vater ist eben ein Vater.

Das war in der Zeit um Hojschano-Rabo. In den Feiertagen pflege ich mich auszuruhen, und auch mein Pferdchen ruht sich aus, wie es in der Schrift heißt: ›Da sollst du kein Werk tun, noch dein Knecht, noch dein Vieh.‹ ... Außerdem gibt es in Bojberik um diese Jahreszeit nichts mehr zu tun: sobald der erste Posaunenstoß des Monats Elul erschallt, laufen alle Sommerfrischler davon, wie die Mäuse zur Hungerszeit, und Bojberik wird eine Wüste. In solchen Tagen liebe ich es, auf den Stufen vor meinem Häuschen zu sitzen. Es ist meine liebste Jahreszeit. Es sind gesegnete Tage: die Sonne brennt nicht mehr wie ein Kalkofen, sondern streichelt weich und mild die Seele. Der Wald ist noch immer grün, die Tannen duften noch immer nach Harz, und es scheint mir, daß der Wald Gottes Laubhütte ist. Hier im Walde, denke ich mir, feiert Gott Ssukkos; hier und nicht in der Stadt, wo solcher Lärm ist, und die Menschen herumrennen, um ein Stückchen Brot zu erhaschen, und von nichts anderem als von Geld sprechen! ... Und die Abende, wie zum Beispiel der Vorabend von Hojschano-Rabo, – sind wirklich wie im Paradiese: der Himmel ist blau, und die Sterne funkeln, strahlen, wechseln die Farben und zwinkern einem zu – es sei zwischen Himmlischem und Irdischem wohl unterschieden! – wie die Augen des Menschen. Und manchmal fliegt ein Sternchen wie ein Pfeil aus dem Bogen und läßt für einen kurzen Augenblick eine grünleuchtende Spur zurück – das ist eine Sternschnuppe, da ist jemands Schicksalsstern herabgefallen! Denn so viel Sterne, so viel Schicksale gibt es, jüdische Schicksale. ... »Daß es nur nicht mein Stern ist!« sage ich mir. Und ich muß plötzlich an Hodel denken. Seit einigen Tagen ist sie ganz verändert: ist lebhafter geworden und sieht viel besser aus; jemand hat ihr einen Brief gebracht, wohl eine Nachricht von ihm. Ich möchte gar zu gerne wissen, was er ihr schreibt, doch ich will sie nicht fragen. Sie schweigt, also schweige ich auch: Tewje ist kein Frauenzimmer, Tewje kann warten ...

Und wie ich so an sie denke, kommt sie plötzlich selbst heraus, setzt sich zu mir auf die Stufen, sieht sich um, ob niemand zuhört, und sagt ganz leise: »Weißt du was, Vater? Ich muß dir etwas sagen. ... Heute nehme ich Abschied von dir ... für immer.«

Sie sagt das so leise, daß ich es kaum hören kann, und sieht mich dabei so sonderbar an ... Niemals werde ich vergessen, wie sie mich ansah! Und es geht mir der Gedanke durch den Kopf: Sie will ins Wasser! Warum fällt mir gerade das ein? Nun, weil sich bei uns vor kurzem eine Geschichte zugetragen hat: ein Mädel verliebte sich in einen Burschen aus dem Dorfe und hat mit diesem Burschen ... Ihr könnt Euch selbst denken, was sie getan hat ... Ihre Mutter wurde vor Kummer krank und starb, der Vater kam ganz herunter und wurde ein Bettler, und der Bursche überlegte sich die Sache und nahm eine andere. ... Da ging das Mädel zum Fluß und sprang hinein und ertrank.

»Du nimmst von mir für immer Abschied? Was heißt das?« so frage ich sie und schaue zu Boden, damit sie nicht sieht, wie blaß ich geworden bin. »Das heißt«, sagt sie, »daß ich fortgehe. ... Schon morgen«, sagt sie, »in aller Frühe. ... Wir werden uns niemals wiedersehen ... niemals!« ...

Wie ich diese Worte höre, spüre ich schon eine Erleichterung. Gelobt sei Gott, daß sie nichts anderes vorhat! Es hätte ja schlimmer sein können; und für ›besser‹ – gibt es ja überhaupt keine Grenzen! »Darf ich wissen«, frage ich, »wohin du gehst?« – »Ich fahre«, sagt sie, »zu ihm.« – »Zu ihm?« sage ich. »Und wo ist er jetzt?« – »Vorläufig«, sagt sie, »sitzt er noch; doch bald schickt man ihn fort.« – Ich stelle mich einfältig und frage: »Du fährst also, um dich von ihm zu verabschieden?« – »Nein«, sagt sie, »ich will ihm dorthin folgen.« – »Dorthin?« frage ich. »Was bedeutet dorthin? Wie heißt der Ort?« – »Man weiß noch nicht genau, wohin er kommt«, sagt sie, »doch es ist sehr weit von hier, und es ist eine lange und gefahrvolle Reise.« ...

So sagt zu mir meine Tochter Hodel, und es kommt mir vor, daß sie das mit solchem Stolz sagt, als ob er etwas so Großes angestellt hätte, daß man ihn dafür mit einer zentnerschweren Medaille aus Eisen belohnen sollte! ... Was sollte ich ihr darauf sagen? Ein Vater schimpft in einem solchen Falle sein Kind ordentlich aus, oder gibt ihm ein paar Ohrfeigen, oder beutelt es so durch, daß ihm alle solche Einfälle aus dem Kopfe herausfliegen. Aber Tewje ist kein Frauenzimmer. Ich halte Zorn für Sünde. Und ich führe ihr, wie es meine Gewohnheit ist, einen passenden Text an. »Ich sehe«, sage ich, »meine Tochter, daß du nach den Worten der Schrift handelst: ›Wie der Mann Vater und Mutter verläßt und sich an sein Weib hängt‹«, sage ich, »so verläßt auch du Vater und Mutter und hängst dich an dein Pfefferl und fährst mit ihm an einen Ort, den niemand kennt, der irgendwo in weiten Wüsten liegt, oder auf einem Eismeer, wohl in jenem Land«, sage ich, »wo sich Alexander von Mazedonien zwischen wilden Menschen verirrt hat, wie ich es neulich in einem Büchlein gelesen habe.« ...

So spreche ich zu ihr, halb im Scherz und halb im Zorn, doch mein Herz weint. Aber Tewje ist kein Frauenzimmer, Tewje kann sich beherrschen. Und auch Hodel kommt nicht aus der Fassung, gibt mir auf jede Frage Antwort, ruhig, vernünftig, ohne Übereilung; Tewjes Töchter verstehen eben zu reden!

Und obwohl ich den Kopf gesenkt und die Augen geschlossen halte, ist es mir, als ob ich sie sähe, als ob ich ihr Gesicht sähe, und es ist blaß und matt wie der Mond, und ihre Stimme klingt so merkwürdig dumpf und zitternd. ... Soll ich ihr um den Hals fallen, soll ich sie bitten, sie anflehen, daß sie nicht fahre? Ich weiß aber, daß es ganz umsonst wäre: meine Töchter, nicht gedacht soll ihrer werden, sind einmal so: wenn sie sich an etwas hängen, dann immer mit Leib und Seele, Herz und Leben. ...

Kurz und gut, so saßen wir beide auf den Stufen eine recht lange Zeit, wollen wir sagen – die ganze Nacht. Wir schwiegen mehr als wir redeten, und was wir redeten, war auch wie nicht geredet. ... Es waren halbe Worte. ... Ich wollte von ihr nur das eine wissen: wo hat man das gehört und gesehen, daß ein Mädel einen Burschen heiratet, nur um mit ihm irgendwohin ans Ende der Welt zu allen Teufeln gehen zu können? Und sie antwortet darauf, daß sie gerne auch ans Ende der Welt und zu allen Teufeln gehen will, wenn er mitgeht. ... Ich versuche ihr mit Gründen der Vernunft zu beweisen, wie dumm das ist. Und sie erklärt mir mit ihren Gründen, daß ich das gar nicht verstehen kann. Nun erzähle ich ihr die Parabel von der Glucke, die Enteneier ausgebrütet hat: die Entchen gingen zum Wasser und schwammen davon, und die Glucke stand dabei und gluckte. »Was wirst du dazu sagen. Töchterchen?« – »Was kann ich«, sagt sie, »dazu sagen? Es ist natürlich ein großer Jammer mit der Glucke; aber deswegen, daß die Glucke gluckt, sollen die Entchen vielleicht nicht schwimmen?« Versteht Ihr das? Tewjes Töchter reden eben immer etwas sonderbar.

Doch die Zeit steht nicht, und der Tag beginnt schon zu dämmern. Meine Alte im Hause brummt: sie hat mir einigemal durch die Kinder sagen lassen, daß es Zeit sei, zu Bett zu gehen. Doch wie sie sieht, daß das nichts nützt, steckt sie selbst den Kopf zum Fenster hinaus und sagt: »Tewje! Was denkst du dir eigentlich?« – »Sei still, Golde!« sage ich ihr. »Du hast wohl vergessen, daß heute die Nacht auf Hojschano-Rabo ist? In dieser Nacht«, sage ich, »werden im Himmel unsere Schicksale für das kommende Jahr beschlossen. In dieser Nacht muß man aufbleiben. Folge mir, Golde«, sage ich, »und sei so gut, bereite den Samowar, damit wir Tee trinken können. Ich werde inzwischen den Wagen anspannen, denn ich muß mit Hodel zur Bahn fahren.« Und ich erzähle ihr eine nagelneue Lüge, daß Hodel nach Jehupez muß, und von dort noch weiter, immer in derselben Erbschaftssache, und daß es sogar möglich ist, daß sie den ganzen Winter wegbleibt. »Darum«, sage ich, »solltest du ihr etwas Wegzehrung mitgeben; auch ein wenig Wäsche zusammenpacken, und ein Kleid, ein paar Kissen und Kissenüberzüge und ähnliche Kleinigkeiten.«

So kommandiere ich und sage an, daß niemand weinen soll: Es ist ja Hojschano-Rabo, und an diesem Tage, sage ich, darf man nicht weinen! Das ist im Gesetz ausdrücklich verboten! Aber man hört mich wie die Katz, und wie es zum Abschied kommt, fangen alle zu weinen an: die Mutter, die Kinder, und auch sie selbst, Hodel. ... Und wie sie sich von ihrer älteren Schwester, von Zeitel, verabschiedet (Zeitel pflegt nämlich die Feiertage mit ihrem Manne, dem Schneider, bei mir zu verbringen), fallen sich beide Schwestern um den Hals, so daß man sie nur mit Mühe voneinander losreißen kann. ...

Nur ich allein hielt mich stark wie Stahl und Eisen; das heißt: es sah nur so aus wie Stahl und Eisen; denn in meinem Inneren kochte es wie in einem Samowar. Aber daß ich es den anderen zeige, das gibts bei mir nicht! Tewje ist kein Frauenzimmer.

Den ganzen Weg bis Bojberik schwiegen wir. Und als wir schon nahe am Bahnhofe waren, frage ich sie zum letzten Male: »Was hat dein Pfefferl eigentlich angestellt? ... Jede Sache«, sage ich, »muß doch einen Grund haben ...« Gerät sie in Feuer und schwört mir mit allen Schwüren, die es nur in der Welt gibt, daß er unschuldig ist und rein wie Gold. »Er ist ein Mensch«, sagt sie, »der sich um sich selbst gar nicht kümmert. Sein ganzes Tun«, sagt sie, »ist nur auf das Wohl der anderen Menschen und der ganzen Welt gerichtet, und in der Hauptsache auf das Wohl derjenigen, die von ihrer Hände Arbeit leben, das heißt, der Arbeiter.« ... Versteht Ihr vielleicht, was das bedeuten soll? »Er sorgt«, sage ich ihr, »für die Welt? Warum sorgt die Welt nicht für ihn, wenn er schon ein so vortrefflicher Mensch ist? Grüße ihn wenigstens von mir«, sage ich, »deinen Alexander von Mazedonien, und sage ihm«, sage ich, »daß ich mich auf seinen gerechten Sinn verlasse, denn er ist ja ein Mensch, der nur aus Gerechtigkeit besteht. Und ich erwarte von ihm, daß er meine Tochter nicht verführt und sie nicht davon abhält, ihrem alten Vater einmal einen Brief zu schreiben.« ...

Und wie ich ihr das sage, fällt sie mir plötzlich um den Hals, ohne eine einzige Träne in den Augen, und sagt: »Wollen wir nun Abschied nehmen, Vater!« sagt sie. »Bleibe gesund, Gott weiß, wann wir uns wiedersehen!« ... Das war zuviel, ich konnte mich nicht mehr halten. ... Ich mußte, versteht Ihr mich, ich mußte an dieselbe Hodel denken, wie sie noch ein kleines Kind war ... und ich sie auf den Armen herumtrug ... auf meinen Armen. ... Nehmt es mir nicht übel, Herr ... daß ich jetzt ... wie ein Frauenzimmer. ... Wenn Ihr nur wüßtet, was das für eine Hodel ist! ... Ihr hättet nur die Briefe lesen sollen, die sie mir schreibt. ... Sie ist bei mir da drin ... ganz tief, tief ... ich kann es gar nicht aussprechen.

Wißt Ihr was, Reb Scholem-Alejchem? Wollen wir doch besser von etwas Lustigerem reden: was hört man Neues vom Japankrieg? ...

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