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Scholem Aleichem: Anatewka - Kapitel 3
Quellenangabe
pfad/alejchem/anatewka/anatewka.xml
typefiction
authorScholem Alejchem
titleAnatewka
publisherInsel Verlag
seriesinsel taschenbuch
volume2392
printrunErste Auflage
year1999
translatorAlexander Eliasberg
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081021
projectid38da48ff
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II. Ein Hereinfall

›Viele Gedanken wohnen im Menschenherzen‹ – so heißt es, glaube ich, in unserer heiligen Thora. Ich brauche Euch diesen Vers wohl nicht zu übersetzen, Reb Scholem-Alejchem; aber er bedeutet dasselbe wie das jüdische Sprichwort: ›Das beste Pferd braucht eine Peitsche, und der klügste Mensch einen guten Rat.‹ Wen meine ich damit? Ich meine damit mich selbst: denn wäre ich damals zu einem guten Freund gegangen und hätte ihm die ganze Geschichte erzählt, so wäre ich gewiß nicht so übel hereingefallen! Aber – ›Tod und Leben steht in der Zunge Gewalt‹ – wenn Gott den Menschen strafen will, so nimmt er ihm den Verstand. Wie oft habe ich mir schon gesagt: Überlege es dir nur, Tewje, du Esel! Du bist ja, wie man sagt, kein Narr; wie läßt du dich so furchtbar anführen? Was könnte es dir schaden, wenn du neben deinem Verdienst an den Milchwaren, die in der ganzen Welt – in Bojberik und in Jehupez – und wo nicht? – so berühmt sind, auch noch etwas Bargeld hättest, das ganz still im Koffer versteckt wäre und von dem kein Mensch etwas wüßte? Denn wen geht es etwas an, ob Tewje Geld hat oder nicht? Ich meine es ganz ernst. Viel hat sich die Welt um Tewje gekümmert, als er, nicht auf heute sei es gesagt und auf keinen Juden sei es gesagt, neun Ellen tief in der Erde lag und mit Weib und Kindern dreimal am Tage vor Hunger starb! Erst als Gott sich seiner angenommen und ihn so ganz plötzlich beglückt hatte, als Tewje aufatmen konnte und etwas Geld auf die Seite zu legen begann, da fing sein Name an, in der ganzen Welt zu klingen, und Tewje wurde plötzlich zu einem Reb Tewje – ein Spaß! Es erschienen plötzlich viele gute Freunde, wie es auch geschrieben steht: ›Alle sind geliebt, alle sind auserwählt.‹ – Gibt Gott mit dem Löffel, so geben die Menschen mit dem Scheffel. Jeder kommt mit seinem Rate: der eine spricht von einem Schnittwarengeschäft, der andere von Kolonialwaren, der dritte von einem eigenen Häuschen und einem Grundstück, der vierte redet von Weizen, der fünfte von Wald, der sechste von Lieferungen – »Brüder«, sage ich, »laßt ab von mir! Ihr seid in großem Irrtum, denn ihr glaubt wohl, ich sei Brodskij! Ich wünsche uns allen soviel, wieviel mir zu dreihundert, und sogar zu zweihundert und selbst zu hundert Rubeln fehlt! Es ist leicht«, sage ich, »das Vermögen des anderen abzuschätzen: jeder glaubt, daß beim anderen eitel Gold leuchtet; kommt er aber näher heran, so sieht er nur einen Messingknopf!«

Kurz und gut – nicht gedacht soll ihrer werden –, ich meine unsere Juden! Denn ein böser Blick hat mich getroffen! Einen Verwandten hat mir Gott zugeschickt, einen ganz entfernten Verwandten, meines Pferdes Peitschenstiel, wie man das nennt. Menachem-Mendel hieß er, ein Windbeutel, ein Herumlaufer, ein Dreher, ein Garnichts war er, – auf keinem guten Ort möge er stehen! Er hat mich erwischt und mir den Kopf mit ganz unsinnigen Dingen verdreht. Werdet Ihr doch fragen: ›Wie komme ich, Tewje, zu diesem Menachem-Mendel?‹ Werde ich Euch darauf antworten: Knechte waren wir bei Pharao in Ägypten ... Es war mir so beschert! Hört nur die Geschichte.

Ich komme einmal anfangs Winter mit meinen Milchwaren nach Jehupez – mit einigen und zwanzig Pfund frischer Butter aus dem Butterland und einigen Laib Käse wie Gold und Silber –, ich wünsche uns beiden ein gutes Jahr! Es versteht sich doch von selbst, daß ich meine Ware im Nu verkaufte und nicht einmal Zeit hatte, alle meine Sommerkunden, die Bojberiker Sommerfrischler aufzusuchen, die auf mich wie auf den Messias warten. Denn die Jehupezer Kaufleute mögen soviel Plagen erleben, wie sie imstande sind, eine solche Ware zu liefern, wie Tewje sie liefert. Euch brauche ich es ja nicht zu erzählen! Wie sagt doch der Prophet: ›Laß dich von einem andern loben‹ – gute Ware lobt sich selbst ...

Kurz und gut, als ich meine Ware ausverkauft und dem Pferdchen etwas Heu gegeben hatte, ging ich in die Stadt. Der Mensch ist Staub, und man ist doch nur ein Mensch. Also hat man Lust, sich die Stadt anzuschauen, etwas Luft zu atmen und die schönen Dinge zu sehen, die Jehupez in seinen Fenstern ausstellt, als wollte es sagen: ›Mit den Augen darfst du schauen, soviel du willst, aber mit den Händen anrühren – daß du dich nicht unterstehst!‹ Stehe ich vor einem großen Schaufenster, in dem Halbe Imperiale, Silberrubel, Wertpapiere und einfache Banknoten ohne Zahl ausgestellt sind, und denke mir: ›Schöpfer der Welt! Hätte ich auch nur den zehnten Teil davon, was für Ansprüche hätte ich da noch auf Gott, und wer wäre mir gleich? Vor allen Dingen würde ich meine älteste Tochter verheiraten und ihr fünfhundert Rubel Mitgift geben außer den Brautgeschenken, Kleidern und Hochzeitskosten. Ich würde das Pferd, den Wagen und die Kühe verkaufen, sofort in die Stadt übersiedeln und mir einen Betplatz an der Ostwand An der Ostwand befinden sich die vornehmsten Betplätze. kaufen und meiner Frau, sie soll leben, etwas Perlenschmuck; für wohltätige Zwecke würde ich soviel geben, wie es einem reichen Manne geziemt. Jenkel Schejgez würde dann nicht lange mehr Vorstand in der Beerdigungsbrüderschaft bleiben: er hat schon genug auf Gemeindekosten Branntwein getrunken und Hühnermagen und Lebern gegessen!‹ ...

»Friede sei mit Euch, Reb Tewje!« sagt plötzlich jemand hinter meinem Rücken: »Wie geht es Euch?« Ich drehe mich um und sehe einen Mann, von dem ich schwören würde, daß ich ihn kenne. »Auch mit Euch sei Friede!« sage ich ihm. »Woher seid Ihr?« – »Woher ich bin? Aus Masepowka«, sagt er zu mir. »Ich bin ja Euer Freund, das heißt, wir sind Vettern, denn Euer Weib Golde«, sagt er, »und ich sind Geschwisterkinder dritten Grades.« – »Halt!« sage ich, »seid Ihr nicht Boruch-Hersch's Lee-Dwoßjes Schwiegersohn?« – »Beinahe erraten«, sagt er zu mir. »Ich bin der Schwiegersohn von Boruch-Hersch Lee-Dwoßjes, und mein Weib heißt Schejne-Schejndel Boruch-Hersch's Lee-Dwoßjes. Versteht Ihr es jetzt?« – »Halt!« sage ich: »Die Großmutter Eurer Schwiegermutter Ssore-Jente und meines Weibes Muhme Frume-Slate waren, glaube ich, Geschwisterkinder ersten Grades, und Ihr selbst seid, wenn ich nicht irre, der mittlere Schwiegersohn Boruch-Hersch's Lee-Dwoßjes? Aber Euren Namen habe ich vergessen, er ist mir aus dem Kopfe geflogen. Wie heißt Ihr also?« – »Ich heiße«, sagt er, »Menachem-Mendel Boruch-Hersch's Lee-Dwoßjes. So nennt man mich zu Hause in Masepowka.« – »Wenn es sich so verhält«, sage ich, »so gebührt dir, Menachem-Mendel, eine ganz andere Begrüßung! Sage mir nun, mein lieber Menachem-Mendel, was tust du hier, und was machen deine Schwiegereltern, sie sollen leben? Und wie geht es dir«, sage ich, »gesundheitlich, und wie steht es mit deinen Geschäften?« – »Ach«, sagt er, »was die Gesundheit betrifft, so kann ich zufrieden sein: man lebt. Die Geschäfte stehen aber heute nicht so glänzend ...« – »Gott wird helfen«, sage ich und werfe einen Blick auf seine Kleider: die Kleider sind, nebbich, an vielen Stellen durchgewetzt, und die Stiefel, mit Verlaub zu sagen, zerrissen. »Es macht nichts«, sage ich, »Gott wird helfen. Er wird gewiß deine Lage verbessern, wie es auch in der Schrift steht: ›Alles ist eitel.‹ Denn Geld«, sage ich, »ist rund; heute geht es so und morgen so. Die Hauptsache ist«, sage ich, »Gottvertrauen: der Jude muß hoffen. Und wenn er dabei zugrunde geht? Nun, dazu sind wir eben Juden auf der Welt! Es heißt ja auch: Bist du Soldat, so mußt du Pulver riechen. Es ist wie das Gleichnis vom zerbrochenen Topf. Die ganze Welt«, sage ich, »ist ein Traum ... Sage mir lieber, mein teurer Menachem-Mendel«, sage ich, »wie kommst du plötzlich nach Jehupez?« – »Was heißt«, sagt er, »wie ich herkomme? Ich wohne hier schon seit beinahe anderthalb Jahren.« – »So?« sage ich: »Dann bist du also ein Hiesiger und in Jehupez ansässig?« – »Pst!« sagt er zu mir und schaut sich nach allen Seiten um. »Nicht so laut, Reb Tewje! Ich wohne zwar hier«, sagt er, »aber es soll unter uns bleiben!« ... Ich schaue ihn an wie einen Verrückten. »Bist du ein Flüchtling«, sage ich, »daß du dich in Jehupez mitten auf dem Markte verbirgst?« – »Fragt mich nicht«, sagt er, »Reb Tewje, es ist schon recht! Ihr seid offenbar mit den Jehupezer Sitten und Gesetzen noch nicht bekannt ... Kommt«, sagt er, »ich will Euch alles erklären, und dann werdet Ihr verstehen, was es heißt, in Jehupez ansässig und zugleich nicht ansässig zu sein.« ... Und er erzählt mir eine lange Geschichte, wie er sich in Jehupez abplagen muß ... Und ich sage ihm: »Folge mir, Menachem-Mendel, und komm für einen Tag zu mir ins Dorf. Sollen deine Beine wenigstens etwas ausruhen! Du wirst unser Gast sein«, sage ich, »und zwar ein willkommener Gast! Meine Alte wird außer sich vor Freude sein!«

Kurz und gut, ich hatte ihn überredet. Wie wir beide zu mir nach Hause kamen, da gab es Freude und Jubel! Ein Gast! Ein Geschwisterkind dritten Grades, das ist doch wirklich keine Kleinigkeit! Ein Verwandter ist doch kein Fremder, wie man sagt. Und nun ging der Tanz los: »Was hört man in Masepowka? Was macht Onkel Boruch-Hersch? Was macht die Muhme Lee-Dwoßje? Und der Onkel Jossel-Menasche? Und die Muhme Dobrisch? Und wie geht es ihren Kindern? Wer ist gestorben? Wer hat sich verheiratet? Wer hat sich scheiden lassen? Wer ist niedergekommen, und wer muß niederkommen?« – »Was kümmern dich, mein Weib«, sage ich, »fremde Hochzeiten und fremde Beschneidungsfeiern? Schau lieber«, sage ich, »daß wir etwas zu essen bekommen! ›Wer da hungert, komme und esse‹, wie es in der Hagada steht. Kein Tanz«, sage ich, »geht vor dem Essen. Wenn du eine Rübensuppe hast«, sage ich, »so ist es gut. Und wenn du keine hast«, sage ich, »so nehmen wir auch mit Käsekuchen, oder Krapfen, oder Knödeln, oder gar Pfannkuchen fürlieb! Von mir aus«, sage ich, »darf es auch ein Gericht mehr sein, nur daß es schnell geht!«

Kurz und gut, wir wuschen uns die Hände und nahmen einen gar feinen Imbiß. ›Sie aßen‹, heißt es in der Schrift, und Raschi sagt: ›Wie Gott befohlen hat.‹ – »Iß nur, Menachem-Mendel«, sage ich zu ihm. »König David sagt ja: Alles ist eitel. Die Welt ist närrisch und falsch. Und meine Großmutter Nechame – ihr Andenken zum Segen –, eine kluge Frau war sie gewesen! – pflegte zu sagen: ›Gesundheit und Vergnügen soll man nur in der Schüssel suchen.‹« Meinem Gaste zitterten sogar, nebbich, die Hände, und er konnte das Werk meiner Frau gar nicht genug loben; er schwor bei allem Guten, daß er sich nicht mehr an die Zeit erinnere, wo er so wunderbare Milchspeisen, so herrliche Pasteten und Pfannkuchen gegessen habe. »Unsinn!« sage ich ihm: »Hättest du nur einen Nudelauflauf ihrer Arbeit versucht, Menachem-Mendel«, sage ich, »so wüßtest du erst, was ein Paradies auf Erden bedeutet!«

Kurz und gut, nachdem wir gegessen und das Tischgebet gesprochen hatten, kamen wir ins Gespräch. Ich sprach natürlich von meinen Geschäften und er von den seinen; dann sprach ich von dem und jenem und er wieder von seinen Geschäften; er erzählte mir Geschichten von Odessa und Jehupez, und wie er schon an die zehnmal, wie man sagt, auf dem Pferde und an die zehnmal unter dem Pferde war. Heute reich, morgen arm, und dann wieder reich und wieder ein Bettler. Er handelte mit gar sonderbaren Waren, von denen ich nie im Leben etwas gehört habe: ›Hausse‹ und ›Baisse‹, ›Aktien‹, ›Putilow‹, ›Malzew‹, Beliebte russische Spekulationspapiere. der Teufel soll sich da auskennen! Und er nannte ganz verrückte Zahlen: zehntausend, zwanzigtausend, Geld wie Holz!

»Ich will dir die Wahrheit sagen, Menachem-Mendel«, sage ich ihm, »was du da von deinen Geschäften erzählst, beweist deine Tüchtigkeit, denn man muß so etwas können! Aber eines verstehe ich nicht: wie ich deine Frau kenne«, sage ich, »muß ich mich wundern, daß sie dich so herumreisen läßt und nicht selbst zu dir kommt«, sage ich, »auf einem Besen geritten!« – »Ach«, sagt er und seufzt, »erinnert mich lieber nicht an sie, Reb Tewje! Denn ich habe von ihr«, sagt er, »auch so genug! Wenn Ihr nur wüßtet«, sagte er, »was sie mir für Briefe schreibt, würdet Ihr auch selbst sagen, daß ich ein Märtyrer bin. Aber das«, sagt er, »ist nicht so wichtig: dazu hat man ja auch ein Weib, daß sie einen umbringt. Es gibt«, sagt er, »etwas viel Schlimmeres: ich habe, versteht Ihr mich, eine Schwiegermutter! Ich brauche Euch von ihr nicht viel zu erzählen«, sagt er, »denn Ihr kennt sie selbst.« ... – »Du hast allerlei«, sage ich, »wie es von den Schafen Labans heißt: gesprenkelte, gefleckte und bunte; das heißt: auf der Wunde ist eine Wunde, und auf dieser Wunde ein Geschwür!« – »Ja«, sagt er, »Reb Tewje, das stimmt: die Wunde ist wirklich eine Wunde, aber das Geschwür, ach, das Geschwür, ist ärger als die Wunde!«

Kurz und gut, wir plauderten bis spät in die Nacht hinein; mir schwindelte sogar der Kopf vor seinen Geschichten und wilden Geschäften, den Tausenden, die nur so herumflogen, und den Vermögen, die nur ein Brodskij besitzen kann ... Ich träumte dann die ganze Nacht von Jehupez ... Halben Imperialen ... Brodskij ... Menachem-Mendel und seiner Schwiegermutter ... Erst am nächsten Morgen rückte er mit der Hauptsache heraus: »Da bei uns in Jehupez«, sagt er, »das Geld seit einiger Zeit sehr rar ist«, sagt er, »und die Ware im Preise gefallen ist, so ist Euch, Reb Tewje, die Möglichkeit geboten«, sagt er, »einige Rubel zu verdienen. Mich werdet Ihr aber damit am Leben erhalten, buchstäblich vom Tode erretten!«

»Du redest wie ein Kind«, sage ich zu ihm, »du meinst wohl, daß ich Jehupezer Gelder besitze. Halbe Imperialen? Närrchen«, sage ich, »was mir dazu fehlt, um so reich wie Brodskij zu sein«, sage ich, »das wünsche ich uns beiden bis Pessach zu verdienen.« – »Ja«, sagt er, »das weiß ich selbst. Aber Ihr glaubt wohl«, sagt er, »daß man dazu ein großes Kapital haben muß? Wenn Ihr mir jetzt einen Hunderter gebt«, sagt er, »mache ich Euch daraus in drei – vier Tagen zweihundert, dreihundert, sechshundert, siebenhundert und warum auch nicht gleich tausend?« – »Es ist alles wohl möglich«, sage ich, »wie es geschrieben steht: ›Es ist sicheres Geld, aber noch weit von der Tasche.‹ In welchem Falle«, sage ich, »gilt das? Doch nur, wenn ich den Hunderter habe. Und wenn ich ihn nicht habe, so ist es wie es in der Schrift steht: Ist er ohne Weib gekommen, so soll er auch ohne Weib ausgehen, oder wie Raschi es erklärt: ›Steckst du ins Geschäft Kränke, so bekommst du Hitzfieber heraus!‹«

»Ach«, sagt er, »Reb Tewje! Ein Hunderter wird sich bei Euch wohl noch finden«, sagt er. »Bei Eurem Geschäft und Eurem guten Namen, unberufen ...« – »Was habe ich«, sage ich, »von meinem guten Namen? Ein guter Name ist doch sicher viel wert, aber ich habe nur den Namen, und das Geld hat immer Brodskij ... Wenn du es genau wissen willst«, sage ich, »so besitze ich im ganzen kaum hundert Rubel; und mit diesem Gelde muß ich achtzehn Löcher verstopfen: erstens muß ich eine Tochter verheiraten ...« – »Das ist es ja«, sagt er, »was die Schrift meint: denn Ihr habt jetzt die Gelegenheit«, sagt er, »einen Hunderter ins Geschäft zu stecken und, mit Gottes Hilfe, soviel zu verdienen, daß es Euch«, sagt er, »reicht, um alle Töchter zu verheiraten, und noch etwas übrig bleibt!«

Und nun begann ein neues Kapitel. Drei Stunden lang versuchte er mir klarzumachen, wie er aus einem Rubel drei und aus drei Rubeln zehn macht: Vor allen Dingen, sagt er, zahlt man einen Hunderter ein und läßt sich, sagt er, zehn Stück kaufen. – Ich habe schon vergessen, wie die Dinger heißen, die man kaufen muß. – Dann wartet man einige Tage, bis sie im Preise steigen. Nun telegraphiert man irgendwohin, daß man sie schleunigst verkauft und für das Geld die doppelte Zahl kauft; dann steigen sie wieder, und man telegraphiert wieder, sagt er, und das so lange, bis aus einem Hunderter zwei werden, aus zwei – vier, aus vier – acht, aus acht – sechzehn ... Große Wunder erzählte er mir! »Es gibt«, sagt er, »in Jehupez Leute, die erst vor kurzem ohne Stiefel herumgelaufen sind, die erst gestern Makler, Lehrer und Diener waren und die heute eigene Häuser besitzen und deren Frauen bereits mit dem Magen zu tun haben und in die ausländischen Bäder reisen ... Und sie selbst fahren in den Jehupezer Straßen auf Gummirädern herum und erkennen keinen Menschen mehr!« ...

Kurz und gut, was soll ich Euch lange damit aufhalten? Ich bekam ordentlich Lust, die Sache zu riskieren. Vielleicht hat mir ihn Gott als einen guten Boten gesandt? Ich hörte ja oft, wie Menschen, die nichts als ihre zehn Finger hatten, in Jehupez steinreich geworden sind. Was bin ich ärger als sie? Er ist doch, so scheint es mir, kein Lügner und hat diese Geschichte nicht erfunden! Vielleicht wendet sich mein Schicksal, wie man sagt, nach rechts, und Tewje wird wenigstens auf seine alten Tage ein Mensch? Wie lange muß ich noch arbeiten und mich abplagen. Jeden Tag Pferd und Wagen, jeden Tag Käse und Butter. Es ist schon Zeit, sage ich mir, Tewje, daß du dich ausruhst, daß du ein Mensch unter Menschen wirst, daß du ab und zu ins Bejß-Hamidrosch kommst und in ein jüdisches Buch hineinschaust ... Und wenn die Sache, Gott behüte, nicht glückt, wenn ich hereinfalle und das Brot mit der Butterseite nach unten fällt? Warum soll ich aber nicht lieber an die andere Möglichkeit denken?

»Was meinst du?« sage ich zu meiner Alten. »Wie gefällt dir sein Plan, Golde?« – »Was soll ich«, sagt sie, »dazu sagen? Ich weiß«, sagt sie, »daß Menachem-Mendel nicht der erste beste ist und daß er dich nicht anschwindeln wird. Er stammt, Gott behüte, weder aus einer Schneider- noch einer Schusterfamilie! Sein Vater«, sagt sie, »ist ein sehr anständiger Mensch, und sein Großvater«, sagt sie, »war ein gar seltener Mensch: er war zwar blind, saß aber Tag und Nacht und studierte die Thora ... Auch die Großmutter Zeitel – es sei zwischen Lebenden und Toten wohl unterschieden! – war keine einfache Frau ...« – »Was hat damit die Chanuka-Lampe zu tun?« sage ich. »Ich rede vom Geschäft, und du kommst mit deiner Großmutter Zeitel, die Honigkuchen zu backen verstand, und deinem Großvater, der seinen Geist bei einem Glase Schnaps aufgab ... Ein Weibsbild bleibt doch immer ein Weibsbild! Nicht umsonst«, sage ich, »hat König Salomo die ganze Welt bereist und kein Weibsbild gefunden, das Grütze im Kopf hätte.« ...

Kurz und gut, es wurde beschlossen, ein Kompaniegeschäft zu machen: ich stecke Geld hinein und Menachem-Mendel seinen Verstand. Was wir aber gewinnen, wird geteilt. »Glaubt mir«, sagt er mir, »ich werde, so Gott will, das Geschäft ganz großartig machen und Euch mit Gottes Hilfe mit Geld überschütten!« – »Amen, auch dir wünsche ich dasselbe!« sage ich. »Deine Worte mögen direkt in Gottes Ohr kommen! Aber eines«, sage ich, »begreife ich nicht: wie kommt die Katze über das Wasser? Ich bin hier, und du bist dort! Geld«, sage ich, »ist ein edler Stoff! Nimm es mir nicht übel«, sage ich, »ich habe dabei keine Hintergedanken; ich will nur sagen, wie es bei unserem Vater Abraham geschrieben steht: ›Wer Tränen säet, wird Jubel ernten!‹ – es ist besser, sich die Sache hundertmal zu überlegen, als einmal bereuen ...« – »Ach!« sagt er zu mir. »Vielleicht meint Ihr eine schriftliche Abmachung? Mit dem größten Vergnügen!« – »Nein«, sage ich, »wenn man es sich so überlegt, so kommt es auf dasselbe hinaus: so oder so, wenn du mich schlachten willst, wird mir auch das Papier nicht nützen. ›Nicht die Maus ist der Dieb‹, heißt es im Talmud, ›sondern das Mauselochs.‹ Nicht der Wechsel zahlt, sondern der Mensch, und wenn ich schon an einem Fuß hänge, so will ich lieber gleich an beiden hängen!« – »Ihr könnt mir glauben«, sagt er, »Reb Tewje, ich schwöre Euch bei meinem heiligen Glauben, so wahr mir Gott helfe, daß ich gar nicht daran denke, Euch anzuschwindeln. Ich will mit Euch, so Gott will, alles ehrlich und anständig teilen, die Hälfte mir und die Hälfte Euch: mir hundert, Euch hundert: mir zweihundert, Euch zweihundert; mir dreihundert, Euch dreihundert; mir vierhundert, Euch vierhundert; mir tausend, Euch tausend.« ...

Kurz und gut, ich holte meine paar Rubel heraus, zählte sie dreimal mit zitternden Händen nach, rief meine Alte als Zeugin herbei, erklärte ihm, wieviel Schweiß und Blut mich das Geld kostete, nähte es ihm ins Unterfutter seines Rockes ein, damit man es ihm unterwegs nicht stehle, und machte mit ihm aus, daß er mir, so Gott will, nach Sabbat ausführlich schreibt, wie die Dinge stehen. Dann verabschiedeten wir uns voneinander gar freundlich mit einem Kuß, wie es Verwandten ziemt.

Wie ich allein geblieben bin, kommen mir allerlei süße Gedanken und Träume in den Sinn, und ich wünsche, daß sie ewig dauern und niemals aufhören sollen. Ich sehe vor mir ein großes mit Eisenblech gedecktes Haus mitten in der Stadt, mit Stallungen, Kammern, Kämmerchen und Vorratskammern, die mit allen guten Dingen angefüllt sind; eine Hausfrau mit einem Schlüsselbund in der Hand geht durch die Zimmer – das ist mein Weib Golde, aber ich kann sie kaum erkennen, denn sie hat ein ganz anderes Gesicht bekommen: das Gesicht einer vornehmen Frau mit einem fetten Kropf und einer Perlenschnur um den Hals; sie ist furchtbar aufgeblasen und schimpft wütend auf die Dienstboten; alle meine Kinder laufen in Sabbatkleidern herum und tun nichts; der Hof ist voller Hühner, Gänse und Enten; in der Stube glänzt es, im Ofen brennt ein Feuer, und auf dem Herde steht das Abendessen; der Samowar siedet und schnaubt wie ein Räuber! An der Spitze der Tafel sitzt der Hausherr selbst – das heißt Tewje –, in einem Schlafrock, mit einem Käppchen, und um ihn herum sitzen die vornehmsten Bürger der Stadt und schmeicheln ihm: »Verzeiht, Reb Tewje ... Nehmt es nicht übel, Reb Tewje« ... ›Ach‹, denke ich, ›soll der Teufel das Geld holen!‹ ...

»Wen soll der Teufel holen?« fragt mich meine Golde. – »Niemand«, sage ich, »ich habe geträumt ... Sage mir lieber, teure Golde«, sage ich, »weißt du nicht, womit er handelt, dein Verwandter, Menachem-Mendel meine ich?« – »Alle meine bösen Träume«, sagt sie, »von heute und von gestern und vom ganzen Jahr mögen meine Feinde treffen! Unerhört!« sagt sie. »Du sitzest mit einem Menschen einen Tag und eine ganze Nacht zusammen und redest, und redest, und redest, und jetzt hast du auf einmal vergessen, womit er handelt! Ihr habt doch«, sagt sie, »etwas abgemacht?« – »Ja«, sage ich, »wir haben etwas abgemacht, aber was wir abgemacht haben, das weiß ich nicht mehr, und wenn du mir auch den Kopf abschneidest! Ich kann mich auch auf das geringste nicht mehr besinnen! Aber es macht nichts«, sage ich, »du sollst unbesorgt sein, mein Weib! Mein Herz sagt mir, daß die Sache gut ausgehen wird! Wir werden, so Gott will, glaube ich, viel Geld verdienen! Sage also Amen und koche das Abendbrot!«

Kurz und gut, es vergeht eine Woche, es vergehen zwei Wochen, und drei Wochen – von meinem Kompagnon kommt keine Nachricht! Ich habe den Kopf verloren und weiß gar nicht, was ich mir denken soll. »Es kann doch nicht sein«, sage ich mir, »daß er einfach vergessen hat, mir zu schreiben; er weiß ja ganz gut, wie wir auf seinen Brief warten!« Und dann geht mir der Gedanke durch den Kopf: »Was kann ich tun, wenn er dort den ganzen Rahm abschöpft und mir hinterher sagt, er hätte nichts verdient? Nichts kann ich dagegen machen! Aber das kann nicht sein!« sage ich mir. »Ich habe ja den Menschen wie einen Verwandten behandelt, ich wünsche mir selbst alles, was ich ihm wünsche, und da soll er mir einen solchen Streich spielen?!« Und dann sage ich mir wieder: »Mein Gott, auf den Profit will ich gerne verzichten, – ›Hilfe und Errettung kommen den Juden‹, heißt es im Buch Esther; gebe Gott, daß das Grundkapital ganz bleibt!« Und es wird mir plötzlich heiß in allen Gliedern. »Alter Narr!« sage ich mir: »Zu früh hast du dir den Geldbeutel genäht, du Rindvieh in Gestalt eines Pferdes! Hättest du dir doch für den Hunderter ein paar ordentliche Pferde gekauft und deinen Wagen gegen einen besseren, einen auf Federn umgetauscht.« ...

»Tewje, warum denkst du nicht mehr an die Sache?« sagt zu mir mein Weib. – »Was heißt«, sage ich, »daß ich nicht mehr denke?« sage ich. »Der Kopf zerspringt mir vor lauter Denken, und da kommt sie her und sagt, daß ich nicht denke!« – »Ich kann es mir gar nicht anders erklären«, sagt sie zu mir, »als daß ihm unterwegs etwas zugestoßen ist. Entweder«, sagt sie, »haben ihn Räuber überfallen und ihm alles genommen, oder man hat ihn, Gott behüte, irgendwohin verschleppt, oder er ist, ich will es lieber gar nicht aussprechen, gestorben ...« – »Was du dir nicht alles ausdenken kannst«, sage ich »meine teure Seele! Was fallen dir plötzlich Räuber ein?!« Dabei denke ich aber: Kann man denn wirklich wissen, was einem Menschen unterwegs alles passieren kann? – »Du mußt«, sage ich zu ihr, »immer gleich an das Schlimmste denken!« – »Er ist«, sagt sie, »von der besten Familie: seine Mutter«, sagt sie, »sie möchte für mich eine Fürbitterin im Himmel sein! – ist vor nicht langer Zeit in jungen Jahren gestorben, und von seinen drei Schwestern«, sagt sie, »es sei zwischen Lebenden und Toten wohl unterschieden! – ist die eine als Mädchen gestorben; die zweite«, sagt sie, »hat geheiratet, hat sich aber dann im Bade erkältet und ist auch gestorben; und die dritte«, sagt sie, »ist bald nach dem ersten Kinde verrückt geworden, hat sich eine Zeitlang gequält und ist gleichfalls gestorben ...« – »Sie ruhen in Frieden!« sage ich. »Alle werden wir sterben, Golde! Denn der Mensch«, sage ich, »kann verglichen werden mit einem Schreiner: der Schreiner lebt so lange, bis er stirbt; so auch der Mensch!«

Kurz und gut, es wurde beschlossen, daß ich nach Jehupez hereinfahre. Inzwischen hatte sich bei mir ziemlich viel Ware angesammelt: Käse, Butter und Sahne, lauter prima Ware. Ich spanne mein Pferd an und fahre nach Jehupez. Wie ich so in düsterer Stimmung, wie Ihr Euch denken könnt, allein durch den Wald fahre, kommen mir allerlei Gedanken in den Sinn. Es wäre doch wirklich schön, sage ich mir, wenn ich mich nach meinem Kompagnon erkundigte und die Auskunft bekäme: ›Ihr fragt nach Menachem-Mendel? Der Mann steckt schon in den großen Federn! Er hat ein eigenes Haus und fährt in einer feinen Equipage, – man kann ihn kaum wiedererkennend Ich fasse mir ein Herz und gehe zu ihm ins Haus. »Halt!« sagt man mir vor seiner Türe und stößt mich mit dem Ellenbogen in die Brust: »Drängt Euch nicht so vor, Reb Vetter, hier darf man sich nicht drängen!« – »Ich bin«, sage ich, »sein Verwandter, er und mein Weib sind Geschwisterkinder dritten Grades!« – »Masel-tow!« sagt man mir: »Sehr angenehm! Aber trotzdem«, sagt man, »könnt Ihr ein wenig draußen warten, es wird Euch, Gott behüte, gar nicht schaden.« ... Nun komme ich auf den Gedanken, daß man in einem solchen Falle ein Trinkgeld geben muß, wie es in der Schrift heißt: ›Und sie stiegen auf und nieder‹: wenn man gut schmiert, so fährt man gut. Ich komme also zu ihm in die Stube. »Guten Morgen«, sage ich ihm, »Reb Menachem-Mendel!« Er erkennt mich aber gar nicht! »Was wollt Ihr von mir?« fragt er mich. Ich falle beinahe in Ohnmacht! – »Was heißt«, sage ich, »erkennt Ihr denn Euren Verwandten nicht mehr? Ich heiße Tewje!« – »So?« sagt er, »Ihr heißt Tewje? An den Namen kann ich mich wohl erinnern ...« – »Ihr könnt Euch an ihn erinnern?« sage ich zu ihm. »Vielleicht erinnert Ihr Euch auch an die Pfannkuchen meiner Frau, an ihre Käsekuchen, Pasteten und Knödel?« Und dann geht mir wieder ein ganz anderer Gedanke durch den Sinn: Ich komme zu Menachem-Mendel, und er begrüßt mich gar freundlich: »Willkommen! Willkommen! Setzt Euch, Reb Tewje! Wie geht es Euch? Was macht Euer Weib? Ich warte auf Euch mit Ungeduld, denn ich will mit Euch abrechnen.« Und mit diesen Worten schüttet er vor mir einen Haufen Halber Imperialen aus, einen ganzen Hut voll. »Das«, sagt er, »ist der Profit, und das Grundkapital«, sagt er, »bleibt im Geschäft. Auch das, was wir in Zukunft verdienen, wird geteilt, zu gleichen Teilen: mir hundert, Euch hundert; mir zweihundert, Euch zweihundert; mir dreihundert, Euch dreihundert; mir vierhundert, Euch vierhundert ...« Und wie ich mir das denke, schlummere ich ein und merke gar nicht, wie mein Gaul von der Landstraße abgeschwenkt ist. Der Wagen stieß an einen Baum an, und ich bekam einen solchen Stoß von hinten, daß mir Funken vor die Augen flogen. »Auch dies ist zum Besten!« sagte ich mir. »Gott sei Dank, daß die Achse nicht gebrochen ist!« ...

Kurz und gut, ich kam nach Jehupez, verkaufte sofort und so schnell wie immer meine Milchwaren und machte mich auf die Suche nach meinem Kompagnon. Ich gehe eine Stunde, zwei Stunden, drei Stunden durch alle Gassen, doch ›der Knabe ist nicht da‹ – ich sehe keine Spur von ihm! Nun spreche ich verschiedene Leute an und frage sie: »Habt Ihr etwas von einem Mann gehört oder gesehen, der mit seinem Namen Menachem-Mendel heißt?« – »Wenn er heißt Menachem-Mendel«, sagen sie mir, »so geht seine Zunge wie ein Pendel! Aber das genügt nicht«, sagen sie, »denn es gibt viele Menachem-Mendels auf der Welt« – »Ihr meint wohl«, sage ich, »seinen Familiennamen? Soll ich mit Euch zusammen soviel Böses erfahren, wie ich seinen Familiennamen weiß. Alles, was ich weiß«, sage ich, »ist, daß man ihn bei ihm zu Hause, das heißt in Masepowka, nach seiner Schwiegermutter nennt: Menachem-Mendel Lee-Dwoßjes. Aber was wollt Ihr mehr?« sage ich. »Sein Schwiegervater ist ja ein alter Mann und heißt gleichfalls nach seiner Frau: Boruch-Hersch Lee-Dwoßjes. Und sogar sie selbst, ich meine Lee-Dwoßje, heißt Lee-Dwoßje Gdalje-Hersch's Lee-Dwoßjes. Versteht Ihr es jetzt?« – »Wir verstehen es wohl«, sagen sie mir, »aber das genügt noch immer nicht! Was ist sein Geschäft? Was treibt Euer Menachem-Mendel?« – »Was er treibt?« sage ich. »Er handelt hier mit Halben Imperialen«, sage ich, »mit Hausse-Baisse und Putilow, er telegraphiert«, sage ich, »irgendwohin, nach Petersburg oder nach Warschau ...« – »Ach so!« ... sagen sie und kugeln sich vor Lachen: »Meint Ihr vielleicht jenen Menachem-Mendel, der mit Jaknhas handelt? Seid so gut«, sagen sie, »und bemüht Euch auf die andere Straßenseite hinüber: dort rennen viele Hasen umher, und der Eurige ist auch dabei...«

›Je länger man lebt, je mehr lernt man‹, denke ich mir. ›Da reden die Leute plötzlich von Hasen? Von Jaknhasen?‹ Ich gehe also auf die andere Straßenseite hinüber und sehe Juden ohne Zahl, unberufen, wie auf einem Jahrmarkt. Es ist ein solches Gedränge, daß ich mit Mühe vorwärtskomme. Man rennt wie verrückt, der eine hin, der andere her, man überrennt einander, es ist wie in der Hölle, man redet, man schreit, man fuchtelt mit den Händen: »Putilow ... Fest, fest! ... Beim Worte genommen ... Angezahlt ... Er wird sich schneiden! ... Ich bekomme dafür Courtage! ... Bist ein gemeiner Hund ... Gleich wird man dir den Kopf entzweispalten ... Spuck ihm ins Gesicht! ... Schau nur her, man hat ihm den Kaftan geschlachtet ... Ein netter Spekulant! ... Bankrotteur! Hausdiener! ... Der böse Geist fahre in deinen Vater ...« Man ist nahe daran, sich zu ohrfeigen... ›Und Jakob floh‹, sage ich zu mir: ›Entfliehe, Tewje, sonst kriegst du gleich auch eine Ohrfeige! Das muß ich sagen‹, denke ich mir, ›Gott ist ein Vater, Jehupez ist eine Stadt, und Menachem-Mendel ist ein Verdiener! Ist das der Ort‹, sage ich mir, ›wo man sein Glück macht, wo man Halbe Imperialen verdient? Das nennen die Leute Geschäft? Schön sehen dann deine Geschäfte aus, Tewje!‹ Kurz und gut, ich bleibe vor einem großen Schaufenster, in dem viele Hosen ausgestellt sind, stehen und sehe plötzlich in der Spiegelscheibe das Bild meines Brotgebers. Das Herz wollte mir zerspringen, als ich ihn sah! Wenn ich irgendwo einen Feind habe, und wenn Ihr irgendwo einen Feind habt, so wünsche ich uns beiden, ihn in einem solchen Zustande zu sehen, in dem ich Menachem-Mendel sah: So was nennt sich Rock? So was nennt sich Stiefel? Und das Gesicht! Leichen sehen schöner aus! ›Nun, Tewje‹, sage ich mir, verloren ist verloren! Du liegst schon im Grabe und kannst deinem Gelde Lebewohl sagen. Es ist, wie man sagt: Weder ein Bär noch ein Wald: Hin ist die Ware, hin ist das Geld, nur dein Unglück ist dir übriggeblieben!‹

Auch er schien sehr bestürzt. Wir standen beide wie angewurzelt einander gegenüber, konnten kein Wort sprechen und sahen einander wie zwei Hähne an, als ob jeder von uns sagen wollte: ›Wüst und finster ist uns beiden die Welt! Nun kann ein jeder von uns einen Sack nehmen und von Haus zu Haus betteln gehen!‹

»Reb Tewje!« sagt er zu mir ganz leise. Er bewegt kaum die Lippen, und Tränen rollen über seine Wangen. »Reb Tewje! Ohne Glück, hört Ihr mich?!« sagt er, »soll man lieber gar nicht geboren werden! Man hängt sich lieber gleich auf«, sagt er, »als daß man so lebt!« Und er kann kein Wort mehr aussprechen. – »Gewiß«, sage ich ihm, »Menachem-Mendel, du verdienst für diese Sache, daß man dich hier, mitten auf dem Markte von Jehupez, hinlegt und dir soviel hineinzimbelt, daß du die Großmutter Zeitel im Jenseits siehst! Bedenke doch selbst«, sage ich, »was du getan hast! Du hast«, sage ich, »eine Stube voller lebender Seelen, armer, unschuldiger Wesen, genommen und hast ihnen ohne Messer die Kehlen durchschnitten! Gewalt!« sage ich: »Womit werde ich jetzt nach Hause zu Weib und Kindern zurückkehren? Sage du es mir, du Schächter, du Räuber, du Mörder!« – »Ihr habt recht!« sagt er zu mir und lehnt sich an eine Mauer: »Ihr habt recht, Reb Tewje, so wahr mir Gott helfe! Besser als solch ein Leben«, sagt er, »besser als solch ein Leben, Reb Tewje ...« Und er läßt den Kopf sinken. Ich betrachte mir diesen Pechvogel, wie er so mit gesenktem Kopfe dasteht. Er lehnt sich an die Mauer, seine Mütze ist auf die Seite gerutscht, und jeder seiner Seufzer reißt mir ein Stück aus meinem Herzen heraus. »Tja«, sage ich, »wenn man ordentlich nachdenkt, so muß man sich sagen, daß du an der Sache vielleicht unschuldig bist: denn wenn ich mir alles genau überlege, so verstehe ich ganz gut, daß es dumm wäre, zu glauben, daß du es aus Schlechtigkeit getan hast. Denn du warst an dem Geschäft ebenso beteiligt wie ich, zu gleichen Teilen: ich habe mein Geld hineingesteckt, und du deinen Verstand – ach und weh ist mir! Deine Absicht war doch sicher, wie man sagt, auf Leben und nicht auf Tod gerichtet. Warum hat aber die Sache ein so übles Ende genommen? Nun, es war uns wohl nicht beschert! Wie es auch in den Sprüchen heißt: ›Rühme dich nicht des morgigen Tages.‹ Der Mensch trachtet, und Gott lacht. Was willst du mehr«, sage ich, »Närrchen? Schau zum Beispiel mein Geschäft an: es ist doch gewiß ein solides Geschäft! Und doch habe ich, nicht auf heute gedacht«, sage ich, »vorigen Herbst das Unglück gehabt, daß mir, nicht auf dich gedacht, eine Kuh einging – da war trefes Fleisch billig! Und gleich nach der Kuh ging ein rotes Kuhkalb ein, das ich auch für zwanzig Rubel nicht verkauft hätte! Nun, was hilft da alles Klügeln? Wenn man Pech hat«, sage ich, »so wird aus B und a – Mäh! Ich will dich gar nicht fragen«, sage ich, »wo mein Geld ist. Das kann ich mir auch selbst denken, wo mein mit Schweiß und Blut verdientes Geld hingekommen ist, ach und weh ist mir! Es liegt wohl an einer heiligen Stätte, in irgendeinem Jaknhas, im gestrigen Tag! Und wer hat schuld, wenn nicht ich selbst, der ich mir solchen Unsinn einreden ließ?! Geld«, sage ich, »will sauer erarbeitet werden, Bruder! Man muß sich abplagen und abrackern! Du verdienst Ohrfeigen, Tewje«, sage ich, »Ohrfeigen wie Holz! Was hilft mir aber jetzt das Geschrei? Wie es geschrieben steht: ›Und das Mädchen schrie‹ – schrei, bis du zerspringst! Zwei Dinge: Vernunft und Reue – kommen immer zu spät. Es ist nicht beschert«, sage ich, »daß Tewje ein reicher Mann wird, oder wie der Goj sagt: ›Mikita hat niemals einen Groschen gehabt und wird auch niemals einen haben!‹ So hat es wohl«, sage ich, »Gott bestimmt! Gott hat gegeben, Gott hat genommen, oder wie Raschi sagt: Komm, Bruder, nehmen wir einen Schluck Branntwein!« ...

So ist allen meinen Träumen der Boden gerissen, Reb Scholem-Alejchem! Ihr meint vielleicht, daß ich es mir sehr zum Herzen nehme, daß ich mein Geld verloren hatte? Soll ich nur so frei von allem Bösen sein! Wir wissen ja, was der Vers: ›Mein ist das Silber und mein ist das Gold‹ bedeutet: Geld ist nichts. Wichtig ist nur der Mensch, das heißt, daß der Mensch ein Mensch ist. Was hat mich aber so gekränkt? Nun, daß der Traum verflogen ist! Ach, hatte ich Lust, ein reicher Mann zu sein, und wenn auch nur für eine Weile! Aber was hilft da alles Klügeln? Wie steht es noch in den Sprüchen der Väter: ›Ob du willst oder nicht, – du bist verpflichtet zu leben!‹ – Du lebst mit Gewalt und zerreißt mit Gewalt deine Stiefel. ›Du darfst, Tewje‹, sagt Gott, ›nur an Käse und Butter denken und nicht an solche Träume!‹ Und Hoffnung? Gottvertrauen? Das ist es eben: je mehr Pech der Mensch hat, um so mehr Gottvertrauen muß er haben, und je ärmer er ist, um so mehr muß er hoffen ... Wollt Ihr einen Beweis? ... Mir scheint aber, ich habe mich ein wenig verplaudert. Es ist Zeit, weiterzufahren und an das Geschäft zu denken. Es steht ja geschrieben: ›Jeder Mensch ist ein Lügner‹: ein jeder hat seine Plage! Bleibt mir also gesund und laßt es Euch wohlgehen!

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