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Anasthase und das Untier Richard Wagner

Walter Seidl: Anasthase und das Untier Richard Wagner - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
booktitleAnasthase und das Untier Richard Wagner
authorWalter Seidl
year1930
firstpub1930
publisherAmalthea Verlag
addressZürich - Leipzig - Wien
titleAnasthase und das Untier Richard Wagner
pages148
created20080714
sendergerd.bouillon@t-online.de
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5 1.

Irgendwo an den Ufern der Saône ist die Heimat des jungen Anasthase Alfaric: »son vieux pays«, wie er sie mit leichter Wehmut gern bezeichnete, später, als er schon glaubte, das deutsche Musikingenium in sich aufgenommen zu haben. –

Auch ohne die Geschichte der Kindheit erzählen zu wollen, die der kleine Anasthase in dem Ländchen verspielte und vergrübelte, triebe es mich, die Melancholie dieser Landschaft zu malen. Die Melancholie einer Landschaft, die zum Träumen stimmt und tröstet. Als wäre zu allen Jahreszeiten Herbst in ihr. Ich möchte all das mitteilen können, was sie verworren sagt – was sie vermutlich auch dem jungen Alfaric zuflüsterte, wenn er sich spät am Abend noch vom Hause fortstahl, um in den Feldern die Nacht zu sehen – und ich rase über meine Unfähigkeit!

Still und blau ist dort alles; die Saône, der Himmel, die Hügel – – Und manchmal fällt davon ein blauer Schimmer auch auf ein altes graues Haus fast am Ende der Straße, das von großen Bäumen umgeben ist und bedeckt von Glyzinien. Abends brennt eine Laterne davor, müde, ihr gelbes Licht. Gleichsam als wäre sie Ausdruck einer Einsamkeit, die gar nie über sich hinaus will . . .

Dies nur nebenher. Ein Anderes aber ist sicher: 6 Bestimmend dafür, daß Anasthase entstand und als was er entstand, war – Kammermusik. Und das kam so:

Sein Erzeuger, ein stiller, feiner Gelehrter, der von einer unüberwindlichen Schüchternheit gehemmt war, verbrachte sein ganzes Leben eigentlich damit, daß er an einem Werke über Chateaubriand schrieb. Einmal nur hatte diese Arbeit Unterbrechung erfahren: als ihn auf einer Studienreise durch Deutschland Mathilde Schünemann alles andere vergessen machte; jung und durchaus militärischer Abstammung, heiratete sie ihn entschlossen und folgte ihm in das Städtchen an der Saöne, wo er am Lycée unterrichtete. Mit der ganzen Nachsichtigkeit einer mütterlich verständigen Freundin liebte sie ihn und diese Liebe verzieh seine Ungewandtheit und all seine sonderbaren Verschämtheiten. Auch über die Enttäuschung, daß ein bergeversetzendes Gefühl ausgeblieben, war sie fraulich milde schon nahezu hinweggekommen. Und einige Jahre war es, daß das Paar in gewolltem Verzicht auf Kinder in dem grauen Häuschen miteinander lebte, als eine Nacht voll von ungekannten Glückschauern Frau Mathilde das unklar vermißte Erlebnis nachbrachte. – Herr Alfaric war am Abend nämlich in dem Konzert eines Streichquartettes aus der Hauptstadt gewesen. Als Letztes hatten die Künstler dann etwas ganz Neues gespielt, etwas Erstaunliches, Verwirrendes und doch wieder Lösendes: ein Streichquartett von Debussy. Diese Musik hat Herrn Alfaric in einen seltsamen, süßbangen sinnlichen Taumel versetzt, in welchem alle Schüchternheit seines Wesens sich in eine glutvolle Schwelgerei wandelte, mit der er, als er heimkam, Frau Mathilde aus dem Schlafe riß. Sie kostete aus dem Strom der auf sie niederbrechenden 7 Zärtlichkeiten den Reiz eines ihr so fremden oder ihr nur aus Ahnungen bekannten Wesens, daß sie auffuhr und ganz in den Armen ihres Mannes vor diesem Bruch all ihrer bisherigen Ehe erschrak . . .

Einige Zeit darauf lag dann Anasthase Alfaric – es geht doch kaum an, ihn Anasthase Debussy zu nennen! – in der Welt.

Mathildes Familie, welche deren Verbindung mit Monsieur Alfaric seinerzeit scharf mißbilligt und die ganze Zeit über nur zu den Hauptfeiertagen des Jahres Kartengrüße an das junge Paar gesandt hatte, fand sich unter der Nachricht von der Geburt eines Sohnes jetzt gerührt und zu einer Aussöhnung – freilich noch in gewissen Grenzen – gestimmt. Und zwar war es Mathildes Oheim, ein Militär hohen Ranges, das unbestrittene soziale und geistige Haupt der ganzen Verwandtschaft, aber auch Mitarbeiter der »Bayreuther Blätter«, von dem dieser Gesinnungsumschwung ausging. Seit dem Verlust seines eigenen Sohnes, welcher der einzige männliche Sproß der Familie gewesen, pflegte er nämlich spiritistische und theosophische Kreise aufzusuchen und da war ihm denn von dem herbeigerufenen Geiste Scharnhorsts – oder war es der Gneisenaus? – verkündet worden, daß in der Person dieses Söhnleins seiner Nichte die Seele seines eigenen verstorbenen Sohnes wiedererstanden sei. –

Die glücklichen Eltern Alfaric waren gerade übereingekommen, dem Kleinen – wahrscheinlich aus Dankbarkeit gegen den großen und fernen Urheber ihrer späten Brautnacht – den Namen Claude zu geben, als ein Expreßbrief des Oheims eintraf. Er bat, man möchte das Knäblein doch nach seinem in Gott ruhenden Sohn 8 Friedrich Wilhelm nennen. Und bei dieser Gelegenheit möchte er ferner gleich an das völkische Mutterbewußtsein seiner Nichte appellieren; sie möge bei der Erziehung immerdar ihrer hehren Aufgabe eingedenk sein, daß der Junge, wiewohl in romanischen Landen erwachsend, deutschen Sprach- und Kulturgutes dennoch nicht verlustig gehe!

Der Brief stürzte Herrn und Frau Alfaric in tagelange Ratlosigkeit. Schließlich antwortete Mathilde mit möglichster Schonung der Empfindungen ihres Onkels: Sie werde gewiß immer bestrebt sein, alles, was Gutes am deutschen Wesen ist, in die Seele ihres Kindes zu pflanzen; worin ihr Gatte sie übrigens aus innerster Überzeugtheit unterstützen werde. Doch ginge es – nur im Interesse des Kleinen selbst! – leider nicht an, ihm einen so ausgesprochen deutschen Namen zu geben; denn er würde, in der Schule und auch sonst in vielem, darunter sehr zu leiden haben. –

Kurz darauf kam ein neuer, in sehr gekränktem Ton gehaltener Brief des Oheims: So beuge er denn seinen Willen unter die Rücksicht auf gallische Unduldsamkeit. Doch nur deshalb, weil das Wohl des unschuldigen Kindleins sie ihm auferlege! Hingegen müsse er mit allem Nachdruck darauf bestehen, daß das Knäblein dann wenigstens nach seiner verblichenen Lieblingsschwester Anasthasia Freifrau von Marklohe, deren Andenken ihm besonders teuer sei – daß der Knabe nach ihr heiße. – Am Fuße des Briefes hatte die Tante noch einige Zeilen beigefügt: Sie habe sich bei einem Sprachlehrer bereits erkundigt; Anasthase sei ein wohl nicht gebräuchlicher, indes durchaus zu rechtfertigender Name. Ein Name, der überdies den Vorteil habe, daß er nicht unbedingt 9 französisch klingt. Der geheime Wunsch ihres Mannes – den zu verstimmen man sich überlegen müsse, da sein Einfluß ständig wachse – sein Wunsch sei es, Mathilde möge sich energisch dafür verwenden, daß wenigstens im amtlichen Taufschein dieser Name ohne das französische Schluß-E geschrieben werde. Und da dieses E in der französischen Aussprache doch ohnehin stumm bleibt, würde das gewiß auch leicht zu erreichen sein. Im alleräußersten Falle müßte Mathilde halt mit einem kleinen Trinkgeld nachhelfen; diese Auslage wolle der Oheim gerne auf sich nehmen. Es sei bekannt, schrieb sie noch, daß bei französischen Ämtern durch Trinkgelder alles zu erreichen sei. –

So unpassend für die Frucht ihrer großen Nacht der vorgeschlagene Name Herrn und Frau Alfaric auch klang, den völligen Bruch mit den Verwandten herbeizuführen, schien ihnen die Wahl des Namens doch nicht bedeutend genug; und so kam es, daß das Kind auf den Namen Anasthase getauft wurde. In seinem Taufschein steht freilich das verpönte Schluß-E, denn der Beamte weigerte sich hart, es zu unterdrücken.

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