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An diesem Dienstag

Wolfgang Borchert: An diesem Dienstag - Kapitel 18
Quellenangabe
typenarrative
authorWolfgang Borchert
titleAn diesem Dienstag
booktitleDas Gesamtwerk
publisherRowohlt Verlag
printrun77. Tausend aller Auflagen
year1959
firstpub1947
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20150602
projectid325d891c
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Er hatte auch viel Ärger mit den Kriegen

Damals hatte man seinen Vater. Wenn es dunkel wurde. Wenn man ihn auch schon nicht mehr sah in der violetten Dämmerung. Man hörte ihn doch. Wenn er hustete. Und wenn er durch die Wohnung ging und dabei hustete. Und man roch seinen Tabak. Und das genügte dann schon. Dann hielt man die violetten Abende aus.

Nachher hatte man dann schon die Mädchen, die beinah noch keine Brüste hatten. Aber es war doch schon irgendwie gut, sie in den violetten Dämmerungen bei sich zu haben. Am Bootssteg. Und unterm Balkon abends. Die hatten dann auch ganz heiße Hände. Das genügte dann schon. Dann hielt man die violetten Dunkelheiten aus.

Und in den russischen Häusern hatte man dann mal ein altes Frauengesicht, wenn die anderen schnarchten und wenn einen das violette Gebrüll der Kanonen noch wachhielt. So ein altes Frauengesicht, gelbledern wie das Tuch, das da rum war, das genügte dann schon, wenn es aus der andern Zimmerecke über die Schnarchenden rüberglomm wie ein Öllicht. Nur das Metall der schlanken Gewehre glummerte wie Haut von Reptilien: stumm und gefährlich und blank. Und die machten die Dämmerungen in den russischen Häusern nicht gut. Sie machten das weiche Abendviolett so eisig mit ihrem Stahl. Aber so ein ledernes Altfrauengesicht, kanonendurchzittert, das glimmt einem das Leben lang aus allen violetten Dunkelheiten entgegen. Blutübersprenkelt. Von Mündungsfeuer grell aufgerissen. Von Tränennächten dunkel. Ein Frauengesicht. Hinter Vorstadtgardinen sieht man es manchmal sehr blaß. In den Städten soviel. In den Abenden.

Diese Abende sind violett in den Straßen. In den engeren Straßen der Stadt jedenfalls. In unserer Stadt jedenfalls. Da, wo die kleinen Leute wohnen und die Straßen ganz eng sind. Die mit den großartigen Sehnsüchten. Die Büroangestellten mit den violetten Tintenflecken am Zeigefinger und am Ärmel. Und mit Gelbsucht manchmal. Die Tapezierer mit dem Ölfarbengeruch in der Haut. Und die Sielarbeiter, die noch einen Gashusten haben vom vorigen Krieg. Oder sonstwas. Die Maurer und die Briefträger, mit dem guten und etwas obeinigen Gang von Leuten, die viel gehen. Die Straßenbahnfeger mit ihrem gebürsteten Uniformstolz. Und mittendrin manchmal ein Kaffeehausgeiger und ein sozialistischer Dichter. Zigarettengrau, langhaarig, mit wüsten Gebärden. Ganz anders. Die wohnen in den engeren Straßen der Stadt, wo die Abende violett sind.

Violett und ganz weich werden abends die Kanten der Steine, die mausoleumskühlen Mäuler der Torwege, die würfeligen Mietblocks, die ergrauten Kasernen, die früher wohl heller waren, die Holzschuppen, die immer noch schief stehn. Und die Lichtmasten, die soldatisch korrekten, stehen sogar ganz verschlafen verloren in dem violetten Geschwimme des Abends. Und dann rascheln die seidenpapierenen Motten und Mücken und das andere strohige staubflügelige Nachtinsektengetier gegen das gelbe Geglimme der Lampen.

Eine Schüssel wird unterm Wasserhahn abgespült. Johannisbeeren waren drin. Kein Fett, denn die Schüssel ist schnell sauber. Man hört es. Sie wird in den Schrank gesetzt. Er knarrt. Er wird zugemacht. Er ist schon alt, denn er knarrt. Dann pischt es von vier Balkons, das Wasser, das über die Betunien gegossen wird. Es pischt von oben auf die Straße. Manchmal kommt auch ein Blütenblatt mit. Angewelkt. Von links nach rechts – von links nach rechts. Dann ist es unten. Morgen früh wird es zertreten. Vielleicht noch heut nacht. Und dann sagt Eine: Bist du jetzt still! Und ein Kind garrt gegenan wie ein Huhn im Halbschlaf. Halblaut. Und dann hört man, wie ein Aluminiumgefäß auf den Fußboden gestellt wird. Unters Bett womöglich. Der Nachttopf womöglich. Dann geht eine Tür asthmatisch zu. Das Kind, das ruft noch zweimal. Aber dann tutet ein sehr schöner Dampfer (er ist sicher sehr schön!) vom Hafen her. Und in der Wirtschaft bei Steenkamp, da grölen sie heut abend zum vierzehntenmal:

Düüüch – mein stülles Tool
grüüüß – üch tausend Mool – –

Und von all dem wird der Abend immer violetter.

Nun ist er schon so violett, daß man den Rauch, der aus der Pfeife von Herrn Lorenz kommt, gar nicht mehr sieht. Herr Lorenz steht nun vor der Tür. Er ist da eigentlich nur so hingetuscht und dabei etwas verwischt in diesem Abendviolett. Das kommt von seiner blauvioletten Uniform. Denn er ist bei der Straßenreinigung in Dienst, da haben sie die. Eigentlich bleibt von Herrn Lorenz nicht mehr viel übrig in Uniform. Er ist ganz aufgelöst darin. Sie hat ihn verschluckt mit ihrem satten Beamtenviolett. Mit diesem staatlich satten Violett. Und die Messingknöpfe hängen wie blanke Zehnpfennigstücke untereinander in der Haustür. Das ist der ganze Herr Lorenz. Darüber schwimmt ein hellgelber Käse. Das ist der Kopf von Herrn Lorenz. Und da ist manchmal ein rötlicher Punkt drin. Das ist die Pfeife von Herrn Lorenz. Aber nur wenn er zieht, ist da der rötliche Punkt Sonst ist der hellgelbe Käse allein in der Haustür. Und unter ihm schwimmen wie Zehnpfennigstücke die messingnen Knöpfe. Sechs. Immer drei untereinander. Das ist Herr Lorenz von der Straßenreinigung abends im violetten Hauseingang.

Und neben ihm noch was. Klein und verhutzelt und grau. Mit einer mehlblassen Scheibe darüber. Das ist Helene. Sie kriegt schwer Luft. Helene ist die Schwester von Herrn Lorenz. Alle drei Jahre kommt sie mal rein in die Stadt, um zu sehn, ob der Bruder noch lebt. Und der ist noch immer bei der Straßenreinigung. Nun stehn sie da beide im violetten Torwegmaul. Er in Uniform. Sie kriegt schwer Luft. Vorhin haben sie zum Himmel gesehn, ob Helene noch trocken nach Haus kommt. Wie Groschen, sagte Herr Lorenz, wie lauter Groschen. Er meinte die Sterne. Und dann sagte er plötzlich: Nee du, das mußt du nicht sagen. Das stimmt nicht. Schlecht ist unser Pflaster hier nicht. Das mußt du nicht sagen. Ich feg nun schon siebenunddreißig Jahr lang. Aber schlecht ist es nicht. Ich kenne hier fast jeden Stein. Die sitzen schon gut so. Die laß man.

Es macht aber müde, mein ich.

Gewohnheit, Helene, reine Gewohnheit.

Ich meins nicht direkt, weißt du. Ich meine das bildlich. Symbolisch, verstehst du?

Ach, symbolisch, meinst du, symbolisch?

Ja, übertragen, verstehst du?

Ah, ich weiß, was du meinst. Jetzt weiß ich, übertragen. Symbolisch. Symbolisch ist das Pflaster schlecht, willst du sagen? Ah.

Ja, siehst du. Bei uns draußen tritt man auf die Erde. Da weiß man doch immer, wo man ist. Und auch was man hat. Aber hier bei euch ist es glatt. Und wenn man ne Zeit unterwegs ist, dann wird man müde. Dann sieht man die rutschigen Stellen nicht mehr. Plötzlich, da liegt man. Und wo liegt man dann hier in der Stadt, Hermann, das frag ich dich, wo liegt man dann hier?

Du, sag das nicht, Helene, nee, sag das nicht. Sauber ist das Pflaster bei uns immer. Ich habe siebenunddreißig Jahre gefegt. Jeden Stein kenne ich. Wenn ich meine Tour rum hab, dann ist das aber wie geleckt, meine Gute. Wie ge-leckt!

Ich weiß wohl, Hermann, –

Umsonst haben sie mich nicht siebenunddreißig Jahre im Staatsdienst behalten. Wir sind alle solange dabei. Und umsonst nicht, Helene, das kannst du mir glauben. Wenn ich meine Tour rum hab, dann ist das aber wie geleckt, meine Gute. Wie ge-leckt! Das weiß ich doch, Hermann. Ich mein das doch nur übertragen, symbolisch, verstehst du?

Symbolisch meinetwegen. Aber meine Tour ist sauber, wenn ich rein bin. Aber wenn du das symbolisch meinst, dann magst du recht haben. Aber bei euch draußen ist auch nicht alles so sauber, Helene, das vergiß nicht. Auf dem Lande ist auch manchmal allerhand los, meine Gute.

Ich weiß wohl, Hermann, ich weiß wohl. Aber hier in der Stadt – Natürlich, hier in der Stadt –

Die beiden stehn lange im Torweg. Der Abend wird noch violetter. Der Abend wird langsam Nacht. Liebespaare schwimmen manchmal vorbei. Die ganze Stadt ist violett. Nur die Fenster sind manchmal gelb oder grün. Manchmal auch rot. Aber sonst ist alles ganz violett. Und von den Liebespaaren hört man nur mal ein Wort. Manchmal auch nichts. Das Violett hat sie ganz verschluckt. Das Violett hat alles verschluckt.

Da patscht Herr Lorenz sich gegen die Stirn. Die Mücken, sagt er, sowie man nicht raucht!

Ich will auch man gehn, sagt seine Schwester, es wird sonst zu spät.

Ja, sagt Herr Lorenz, dann denk man nicht soviel, hörst du? Er kommt wohl noch wieder. Hört man doch oft, daß ein Vermißter mitn mal wieder da ist. Wenn der Krieg längst vorbei ist, hört man das noch. Hört man doch ziemlich oft.

Ach, weißt du – –

Nein nein, Helene, unterkriegen lassen darfst du dich nicht. Eine Lorenz läßt sich nicht unterkriegen, Helene. Schon allein der Kinder wegen nicht. Die brauchen dich ja letztenendes. Schlappmachen darfst du nicht. Wart man, mitn mal ist er plötzlich wieder da.

Ach, Hermann – –

Durchhalten, Helene, durchhalten. Paß auf, sollst sehn, mitn mal kommt er wieder. Das gleicht sich alles wieder aus, Helene. Son Krieg macht viel Ärger. Aber das gleicht sich alles wieder aus. Ich hab auch meinen Ärger mit den Kriegen gehabt, das kann ich dir sagen. Einen ziemlichen Ärger. Aber das gleicht sich alles wieder aus, Helene, das kann ich dir sagen, das gleicht sich alles wieder aus. Ich hab auch n Berg Ärger mit den Kriegen gehabt. Damals mit dem. Und mit diesem erst. Das kann ich dir flüstern. Die ganzen Jahre das doppelte Revier zu fegen. Warn doch alle mit draußen von der Straßenreinigung. Bis auf die Kranken. Und die hierbliebn, die hatten n Berg Ärger, das kann ich dir sagen. Die ganzen Jahre das doppelte Revier. Bei dem Essen. Und dann wurden die Besen so schlecht. Und dann lagn die Straßen so voll. Wenn sie rausmachten von den Kasernen zum Bahnhof, die Jungens, dann konnten wir hinterher drei Tage lang fegen. Was meinst du, wie die Straßen aussahn von den Kasernen zum Bahnhof. Das kann ich dir sagen. Aber das gleicht sich alles wieder aus. Paß auf, Helene, er kommt noch wieder, was ich dir sage, er kommt noch wieder. Das gleicht sich alles sachte wieder aus. Bei uns war das auch so. Was hatten wir fürn Ärger. Und jetzt kommen sie wieder, die Jungs. Jetzt, wo es vorbei ist. Und jetzt sammeln sie alles auf, was sie bloß sehn. Nee, nicht nur die Landser. Alle. Jetzt liegt bald nichts mehr auf der Straße. Heut wirft kein Mensch mehr was weg, sag ich dir. Heut sammeln sie alle. Und was haben sie damals die Straßen versaut. Von den Kasernen zum Bahnhof. Mit Musik. Kinder Kinder. Da hatten wir hinterher ne Last mit, das kann ich dir sagen. Diese elenden Kriege.

Meinst du, fragte Helene.

Was? sagte Herr Lorenz.

Daß er noch kommen kann?

Aber klar doch, Helene, aber klar doch. Ich sag doch, das gleicht sich alles wieder aus. Denk an die Straßen. Wie die vollgesaut waren. Von den Kasernen bis runter zum Bahnhof – ein Dreck. Immer wenn son Schwung an die Front ging, hatten wir da die Last mit. Aber jetzt, wo es vorbei ist, jetzt sehn sie wie geleckt aus. Und das sind nicht nur die Soldaten, Helene. Alle sind es. Alle, Helene.

Das wär was.

Was sagst du?

Wenn er wiederkommt – –

Aber klar doch. Das gleicht sich alles wieder aus, Helene. Paß man auf. Das läuft sich alles wieder zurecht.

Das wär was. O ja. Das wär was.

Die Schwester von Herrn Lorenz sagt das noch mehreremal. Immer wieder: Das wär was. Dann klopft plötzlich was hölzernes.

Ach, du bist es, Hermann.

Ja, sie ist aus.

Er steckt seine Pfeife in die Tasche.

Ja, sagt er.

Ja, gute Nacht, Hermann.

Nacht, Helene, grüß die Kinder.

Ja, Hermann.

Komm bald mal wieder.

Ja, Hermann.

Oder schreib doch mal.

Ja, Hermann.

Sollst mal sehn, das gleicht sich alles wieder aus. Paß man auf. Da antwortet keiner mehr. Sie sieht sich noch um. Nur seine Messingknöpfe sind da. Sonst nichts. Wie Groschen, denkt sie. Dann sind die Groschen plötzlich weg.

Herr Lorenz macht sein Fenster zu. Lauter Groschen, denkt er. Herr Lorenz meint die Sterne damit. Und dann schläft er bald. Seine Uniform hängt überm Stuhl. Sie ist bläulich. Beinah noch mehr violett. Solche haben sie bei der Straßenreinigung. Herr Lorenz hat sie schon siebenunddreißig Jahre. Und zwei Kriege. Draußen geht eine ältere Frau durch die Vorstadt. Das wär was, sagt sie manchmal. Dabei sieht man sie nicht. Die Nacht ist zu violett. Alles verschluckt sie. Und die ältere Frau trägt Schwarz.

Aber manchmal sagt sie noch: Das wär was. Das wär was. In einem fremden Land gibt es ein Dorf. Es hat einen Acker. An einer Stelle ist die Erde etwas höher als anderswo. Ungefähr einen Meter achtzig lang und einen halben Meter breit. Aber die Schwester von Herrn Lorenz kennt das Land nicht. Das Dorf nicht. Den Acker nicht. Das ist gut.

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