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An diesem Dienstag

Wolfgang Borchert: An diesem Dienstag - Kapitel 16
Quellenangabe
typenarrative
authorWolfgang Borchert
titleAn diesem Dienstag
booktitleDas Gesamtwerk
publisherRowohlt Verlag
printrun77. Tausend aller Auflagen
year1959
firstpub1947
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20150602
projectid325d891c
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Das Känguruh

Morgen. Die Posten dösten. Ihre Decken waren noch naß von der Nacht. Einer lag lang auf der Erde und schlug mit den Füßen den Takt:

Es war einmal ein Känguruh
das nähte sich den Beutel zu
mit einer Nagelfeile
aus lauter Langeweile
aus lauter Langeweile
aus lauter –

Sei mal still, sagte der andere. Er blieb plötzlich stehen.

– aus lauter Langeweile
aus lauter –

Sei doch mal still.

Was ist denn los? Der auf der Erde lag, drehte sich zu ihm um.

Da kommen welche.

Wer?

Weiß nicht. Man sieht ja nichts. Es wird heute überhaupt nicht hell.

Es war einmal ein Känguruh
das nähte – na, siehst du was?

Ja, sie kommen.

Wo? Ach, Weiber! – das nähte sich den Beutel zu –

Du, das sind die beiden, die heute nacht beim Alten waren.

Die gestern abend aus der Stadt gekommen sind?

Ja, die.

Na Mensch. Der Alte hat vielleicht einen Geschmack. Die Große ist ein ganz gewaltiger Besen, sag ich dir.

Find ich nicht. Sie sieht doch ganz ordentlich aus.

Nee, du. Weißt du, so – so. Nee. Kuck dir bloß die Beine an.

Vielleicht hat er die Kleine gehabt.

Nee. Die ist nur so mitgekommen. Er hat die Große gehabt.

Junge, die Beine.

Wieso! sind doch ganz ordentlich.

Nee. Du. So – so – nee!

Versteh ich nicht vom Alten.

Was? Besoffen war er. Was sonst. Kannst ihm ne alte Kuh hinstellen, wenn er besoffen ist. Kuck dir bloß die Beine an. Junge, ist das ein Besen. Muß der Alte wieder einen in der Krone gehabt haben, meine Güte. Na, und dann von gestern abend an.

Ich danke.

Ich auch.

Sie wickelten sich wieder in ihre Decken. Die waren noch naß von der Nacht. Der an der Erde lag, schlug mit den Füßen den Takt:

Es war einmal ein Känguruh
das nähte sich den Beutel zu
das nähte
das nähte –

Er hatte kalte Füße und schlug mit den Füßen den Takt:

das nähte
das nähte – – –

Abend. Die Decken waren schon naß. Von der Nacht. Sie dösten. Und der eine schlug mit den Füßen den Takt:

Es war einmal ein Känguruh
das nähte –

Du.

Hm?

Sei mal still.

Warum?

Sie kommen.

Sie kommen? Er stand auf. Die Decken fielen auf die Erde.

Ja, sie kommen. Sie tragen ihn.

Ja. Acht Mann.

Du.

Hm?

Sag mal, der Alte ist ja so klein. Oder kommt das, weil sie ihn tragen?

Nee, sie hat ihm doch den Kopf abgehauen.

Meinst du, deswegen ist er so klein?

Was sonst.

Begraben sie ihn nun so?

Wie?

So ohne Kopf.

Was sonst. Den hat sie doch mitgenommen.

Junge Junge. Das war aber auch eine. Muß der Alte einen in der Krone gehabt haben.

Na, laß ihn man.

Natürlich. Jetzt hat er ja doch nichts mehr davon.

Nee.

Sie wickelten sich wieder in die Decken.

Du.

Ja?

Meinst du, ob das ein richtiges Mädchen war?

Wegen dem Kopf?

Na ja.

Nee, du. Ein richtiges Mädchen? Nee.

Dann hat sie ihn auch noch mitgenommen.

Na Mensch.

Ob sie das nur wegen der Stadt getan hat?

Was sonst.

Junge Junge. Einfach so den Kopf.

Ich danke.

Ich auch, weißt du, ich auch.

Und er schlug wieder mit den Füßen den Takt:

Es war einmal ein Känguruh
das nähte sich den Beutel zu
den Beutel zu
den Beutel zu – – –

Als die beiden Mädchen durch die Stadt gingen, schrien alle. Die Große trug einen Kopf. Ihr Kleid hatte dunkle Flecke. Sie zeigte den Kopf.

Judith! schrien alle.

Sie hob ihr Kleid hoch und machte einen Beutel daraus vor der Brust.

Da lag der Kopf drin. Sie zeigte ihn.

Judith! schrien alle. Judith! Judith!

Sie trug den Kopf im Kleid vor sich hin. Wie ein Känguruh sah sie aus.

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