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An diesem Dienstag

Wolfgang Borchert: An diesem Dienstag - Kapitel 15
Quellenangabe
typenarrative
authorWolfgang Borchert
titleAn diesem Dienstag
booktitleDas Gesamtwerk
publisherRowohlt Verlag
printrun77. Tausend aller Auflagen
year1959
firstpub1947
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20150602
projectid325d891c
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Unser kleiner Mozart

Von morgens halb fünf bis nachts um halb eins. Die Stadtbahn fuhr alle drei Minuten. Jedesmal rief eine Frauenstimme durch den Lautsprecher auf den Bahnsteig: Lehrter Straße. Lehrter Straße. Das wehte rüber bis nach uns. Von morgens halb fünf bis nachts um halb eins. Achthundertmal: Lehrter Straße. Lehrter Straße.

Am Fenster stand Liebig. Morgens schon. Mittags. Und nachmittags noch. Und die endlosen Abende: Lehrter Straße. Lehrter Straße.

Sieben Monate stand er nun schon am Fenster und sah nach der Frau. Da drüben mußte sie irgendwo sein. Mit ganz netten Beinen vielleicht. Mit Busen. Und Locken. Vorstellen konnte man sie sich. Und auch sonst noch. Liebig sah stundenlang rüber, wo sie sang. Durch sein Gehirn ging ein Rosenkranz. Bei jeder Perle betete Liebig: Lehrter Straße. Lehrter Straße. Von morgens halb fünf bis nachts um halb eins. Morgens schon. Mittags. Und nachmittags noch. Und die endlosen Abende: Lehrter Straße. Lehrter Straße. Achthundertmal jeden Tag. Und Liebig stand nun schon sieben Monate am Fenster und sah nach der Frau. Denn man konnte sie sich vorstellen. Mit ganz netten Beinen vielleicht. Mit Knien. Busen. Und mit viel Haar. Lang, endlos lang wie die endlosen Abende. Liebig sah nach ihr hin. Oder sah er nach Breslau? Aber Breslau war ein paar hundert Kilometer weit weg. Liebig war aus Breslau. Ob er abends nach Breslau sah? Oder betete er diese Frau an? Lehrter Straße. Lehrter Straße. Endloser Rosenkranz. Mit ganz netten Beinen. Lehrter Straße. Achthundertmal. Und mit Busen. Morgens schon. Und mit endlosem endlosem Abendhaar. Und das ging von der Lehrter Straße bis Breslau. Bis in den Traum rein. Bis Breslau. Bis Bres – – Breslauer Straße – – Breslauer Straße – – Alles aussteigen – – Aussteigen – – Alles aus – – Alles aus – – Alles – – Alles – – Bres – – lau – –

Aber Pauline saß krumm auf seinem Hocker und behauchte seine Fingernägel. Dann polierte er sie an der Hose. Das tat er immer. Monate schon. Und die Nägel waren schön rosig und blank. Pauline war homosexuell. Er war als Sanitäter an der Front gewesen. Er hätte sich an die Verwundeten rangemacht. Uns sagte er, er hätte ihnen bloß Pudding gekocht. Einfach bloß Pudding. Dafür hatte er dann zwei Jahre Zuchthaus gekriegt. Er hieß Paul. Für uns natürlich Pauline. Natürlich. Und allmählich protestierte er auch nicht mehr dagegen. Als er von der Verhandlung zurückkam, jammerte er: Mein scheenes Jespartes! Mein scheenes Jespartes. Das wär mir im Alter so prima zujute jekommen. So prima zujute. Aber dann vergaß er das alles. Er stellte sich um auf das Zuchthaus. Er wurde blöd. Und seitdem polierte er nur noch die Fingernägel. Das war das einzige, was er noch tat. Und von da ab ganz offen. Und nun schon monatelang. Und auch vielleicht noch weiter monatelang, bis im Zuchthaus ein Platz frei war. Eine Pritsche für Pauline. So lange polierte Pauline. Draußen, drüben hinter der Mauer, sang die Frau von der Stadtbahn das heroische Lied mit den achthundert Versen. Sang es von morgens halb fünf bis nachts um halb eins. Sang im Besitz von Locken und Busen. Sang in unsere Zelle hinein das idiotische Lied, das Mühle-Mahle-Alltagslied, das ewige Menschlied, das idiotische: Lehrter Straße, Lehrter Straße. Man konnte sie sich vorstellen. Die Singsangfrau. Vielleicht biß sie vor Tollheit beim Küssen. Vielleicht stöhnte sie tierhaft. (Vielleicht stammelte sie: Lehrter Straße, wenn ihr einer unter die Röcke ging?) Vielleicht riß sie die Augen groß und schwimmend auf, wenn man sie abends verführte. Vielleicht roch sie auch wie das nasse Gras morgens um vier: So kalt und so grün und so toll und so, ja, und so – – ach, das Weib sang achthundertmal jeden Tag: Lehrter Straße. Lehrter Straße. Und keiner kam und erwürgte sie. Keiner dachte an uns. Und keiner biß ihr die Kehle durch, diese verruchte. Aber nein, aber nie, denn sie sang, die Frau von der Stadtbahn, sang den sentimentalen Weltheimwehsong, dieses blödsinnige unaustilgbare Lied von der Lehrter Straße. Davon. Aber es gab auch schwindelfreie Tage. Fest- und Feier-, Sonntage einfach. Das waren die Montage. Denn montags durften wir uns rasieren. Das waren die männerbetonten Tage, die selbstbewußten, die erfrischenden. Einmal in der Woche durften wir das. Das war an den Montagen. Die Seife war schlecht und das Wasser war kalt und die Klingen waren jämmerlich stumpf. (Da kann man bis nach Breslau drauf reiten, fluchte Liebig. Er ritt immer nach Breslau. Auch auf der Frau von der Stadtbahn.) So stumpf waren die Klingen. Aber es waren Sonntage, diese Montage. Denn wir durften uns montags unter Aufsicht rasieren. Dann war unsere Zellentür auf und draußen saß Truttner mit der Uhr auf dem Schoß. Die Uhr war dick und laut und abgeschabt. Truttner war Unterfeldwebel, magenkrank, vierundfünfzig, Familienvater und Weltkriegsteilnehmer. Und grimmig. Seine Rolle in diesem Leben war grimmig. Mit seinen Kindern war er sicher nicht grimmig. Aber mit uns. Mit uns sogar sehr. Das war komisch. Und wenn wir uns montags rasierten, saß Truttner vor unserer Zelle mit der Uhr in der Hand und klappte mit seinen Absätzen (die waren benagelt, natürlich) einen preußischen Marsch. Davon schnitten wir uns dann. Denn er klopfte aus Ungeduld. Und weil er uns das Rasieren nicht gönnte. Denn frisch rasiert sein macht fröhlich. Deswegen ärgerte er sich, wenn wir uns rasierten. Und er sah dauernd auf seine widerlich laute Uhr. Und klappte die ungeduldigen Märsche dazu. Und obendrein hatte er noch die Pistolentasche offen. Er war Familienvater und hatte die Pistolentasche offen. Das war sehr komisch.

Einen Spiegel hatten wir natürlich nicht. Mit Spiegeln konnte man sich die Pulsadern aufschneiden. Das gönnten sie uns nicht. So einen harmlosen heimlichen Pulsadertod hatten wir nicht verdient. Dafür hatte man ein Stück blankes Blech an unser Schränkchen genagelt Da konnte man sich zur Not drin sehen. Erkennen nicht. Nur gerade eben sehen. Und das war ganz gut, daß man sich nicht erkannte. Man hätte sich doch nicht erkannt. Das Stück blankes Blech war an unser Schränkchen genagelt. Denn wir hatten ein Schränkchen. Da waren unsere vier Eßnäpfe drin. Die aus Aluminium. Verbeult. Bekritzelt. An Hofhunde erinnernd. Wie gemein, stand auf einem, und: Morgen noch siebzehn Monate. Auf dem anderen war ein Kalender mit vielen kleinen Kreuzen. Und Elisabeth stand da drauf. Sieben- oder achtmal. In meinem Eßnapf stand nur: Immerzu Suppe. Das war alles. Der hatte recht gehabt. Und in Paulines Napf hatte einer zwei Hängebrüste geritzt. Immer wenn Pauline seine Suppe aufgegessen hatte, grinsten ihn die riesigen Hängebrüste an. Wie die Augen des Schicksals. Arme Pauline. Er war doch gar nicht für sowas. Aber er hatte doch Pudding gekocht. Das war nun die Strafe. Vielleicht magerte er deswegen so ab. Vielleicht ekelte er sich so vor den Brüsten. Gestern abend hatte mir Mozart sein blaues Hemd hingeworfen. Ich brauch es jetzt nicht mehr, sagte er. Er hatte heute Verhandlung. Heute morgen hatten sie ihn geholt. Ich soll ein Radio geklaut haben, sagte Mozart. Und jetzt stand ich mit seinem blauen Hemd vor unserm Blechspiegel und spiegelte mich. Pauline sah zu. Ich freute mich über das Hemd. Denn meins war bei der Entlausung aus den Nähten gegangen. Jetzt hatte ich doch wieder ein Hemd. Und das Hellblau stand mir ganz gut. Pauline sagte das jedenfalls. Und ich fand das auch. Das Blau stand mir gut. Nur den Kragen kriegte ich nicht zu. Mozart war ein kleines zartes Kerlchen. Er hatte einen Hals wie ein Backfisch. Meiner war dicker. (Das mit dem Backfisch sagte Pauline immer.) Laß es offen, sagte Liebig vom Fenster her. Dann siehst du aus wie ein Sozialist.

Aber dann sieht man die Haare auf der Brust so, sagte Pauline. Das reizt, antwortete Liebig und starrte wieder nach der Lautsprecherstimme.

Mozart war wirklich unwahrscheinlich klein und zart. Er hatte einen Hals wie ein Backfisch. (Sagte Pauline immer.)

Dann kam unsere ungarische Suppe. Das war heißes Wasser mit Paprikaschoten. Das brannte im Bauch. Damit man sich satt fühlte. Und das war viel wert. Aber man mußte hundertmal auf den Kübel.

Beim Essen kam Mozart von der Verhandlung zurück. Er hatte Verhandlung gehabt. Vier Stunden. Er war etwas verlegen. Truttner schloß die Zellentür auf und ließ ihn rein. Aber er nahm ihm die Handschellen nicht ab. Wir wunderten uns. Na, was hast du gekriegt? fragten wir alle drei auf einmal und legten vor Spannung unsere Löffel wieder hin auf den Tisch. Halsschmerzen, sagte Mozart und war etwas verlegen dabei. Wir verstanden ihn nicht.

Der Unterfeldwebel hatte seine Pistolentasche offen. Er stand wie ein Riese in der Zellentür. Dabei war er höchstens einen Meter und siebzig. Los, packen Sie Ihre Sachen, Mozart. Mozart packte seine Sachen. Ein Stück Seife. Seinen Kamm. Das halbierte Handtuch. Zwei Briefe. Mehr hatte Mozart nicht. Er war sehr verlegen.

Erzählen Sie Ihren Kollegen mal, was Sie alles auf Ihrem Konto haben. Die interessiert das. Mozart erschrak. Truttner sah sehr gemein aus, als er das sagte. So gemein sah er zu Hause sicher nicht aus. Mozart war verlegen.

Ich habe Feldwebeluniform angehabt – fing Mozart sehr leise an.

Obgleich – half ihm Truttner.

Obgleich ich nur Oberschütze bin.

Weiter, Mozart, was noch.

Ich hab das Ritterkreuz getragen –

Obgleich, Mozart, obgleich –

Obgleich ich nur die Ostmedaille tragen darf.

Weiter, Mozart, immer munter.

Ich habe meinen Urlaub überschritten –

Nur ein paar Tage, nicht, Mozart, doch nur ein paar Tage?

Nein, Herr Unterfeldwebel.

Sondern, Mozart, sondern?

Neun Monate, Herr Unterfeldwebel.

Und wie heißt das, Mozart? Urlaub überschritten?

Nein.

Na wie denn?

Fahnenflucht, Herr Unterfeldwebel.

Richtig, Mozart, ganz richtig. Na, und was haben Sie sonst noch zu bieten?

Ich habe die Radios weggenommen.

Geklaut, Mozart.

Geklaut, Herr Unterfeldwebel.

Wieviel denn, mein kleiner Mozart, wieviel denn? Erzählen Sie doch. Ihre Kollegen interessiert das.

Sieben.

Und woher, Mozart?

Eingebrochen.

Siebenmal, Mozart?

Nein, Herr Unterfeldwebel. Elf.

Was elf, Mozart? Drücken Sie sich ruhig deutlich aus.

Elfmal eingebrochen.

Einen ganzen Satz, Mozart, nicht so schüchtern, reden Sie ruhig in ganzen Sätzen. Also?

Ich habe elfmal eingebrochen.

So ist schön, Mozart, so ist in Ordnung. Sonst war wohl nichts mehr, nicht, Mozart, das war wohl alles?

Nein, Herr Unterfeldwebel.

Ach, noch mehr, Mozart, noch mehr? Was denn noch?

Die alte Frau –

Was denn, Mozart, was war denn mit der?

Ich hab sie umgeschubst.

Umgeschubst, Mozart?

Gestoßen.

Ach so. Na, und da? Erzählen Sie Ihren Kollegen doch. Die interessiert das. Die sind schon ganz stumm geworden vor Spannung. Die sind schon ganz platt. Los, Mozartchen, was war denn mit der alten Oma?

Sie ist gestorben. Mozart sagte das ganz leise. Noch viel leiser. Beinahe nur: Ge-storben. Er war sehr verlegen. Dann sah er den Unterfeldwebel an. Der machte sich gerade. Haben Sie Ihre Klamotten?

Jawohl.

Wie heißt das?

Jawohl, Herr Unterfeldwebel.

Dann nehmen Sie Haltung an.

Mozart legte die Hände an die Hosennaht. Der Unterfeldwebel auch. Dann sagte er:

Ich mache Sie darauf aufmerksam, daß ich bei Fluchtversuch von der Schußwaffe Gebrauch machen muß. Seine Pistolentasche stand schon offen. Genau wie montags beim Rasieren. Los, kommandierte er. Mozart wollte uns die Hand geben. Aber dann war er doch zu verlegen. Er war eigentlich immer etwas verlegen gewesen. Er war auch nur ein kleines, zartes Kerlchen. Er hatte einen Hals wie ein Backfisch. Manchmal hatte er abends gesungen. Wenn es dunkel war. Wenn es hell war, war er zu verlegen. Er war Friseur. Er hatte Kinderhände. Er liebte Jazzmusik. Er machte stundenlang Jazzmusik mit unseren Löffeln auf seinem Eßnapf. Bis wir ihn Mozart nannten.

Er stand in der Zellentür. Er drehte sich noch um, obgleich er sehr verlegen war. Sein Backfischhals war ganz rot vor Verlegenheit.

Dein Hemd, sagte ich.

Mein Hemd? Er lächelte uns durch den Dunst unserer Paprikasuppe an. Ich hab doch Halsschmerzen, sagte er. Und dann machte er mit seinem Zeigefinger einen Halbkreis an seinem Uniformkragen entlang. Über den Kehlkopf. Von links nach rechts. Dann schloß Truttner die Tür ab.

Als wir abends unseren Abortkübel rausstellten, fand der Unterfeldwebel unser Mittagessen da drin. Das konnte er nicht begreifen.

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