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An den Ufern des Araxes

Kurt Aram: An den Ufern des Araxes - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorKurt Aram
titleAn den Ufern des Araxes
publisherPeter J. Oestergaard-Verlag
addressBerlin-Schöneberg
year
firstpub1928
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
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IV.

Vierzehn Tage waren seit jenem Angriff auf das Christenviertel vergangen. Der Fürst von Karadagh hatte noch am selben Tag, da der Angriff geschehen, die angeblichen Armenier, die den Überfall unternommen und dann in seinem Haus gefangen wurden, vor Amenisam führen lassen, der es sehr eilig mit der Untersuchung hatte und sie persönlich leitete, um den Kosaken der Russen zuvorzukommen. Es stellte sich heraus, daß die angeblichen Armenier Türken und verarmte Perser gewesen, die »man« – Amenisam nannte öfter den Namen des türkischen Konsuls – durch Geld für den Plan gewonnen hatte. Andere Perser aber hatten sich beteiligt, weil man ihnen den Leichnam eines Mohammedaners gezeigt, der in der Nacht vorher im Bazar von Christen ermordet worden sein sollte. Das war jener Mensch – in der Tat ein Perser – dessen letzten Schrei Viktor von Gandern und Hoijer gehört, als sie glücklich der Finsternis des Bazars entronnen. Wer die Mörder gewesen, ließ sich nicht eruieren, daß es Christen gewesen, war jedenfalls nur eine Behauptung, denn die Räuber konnten gerade so gut Mohammedaner sein. Amenisam machte kurzen Prozeß und ließ die Verkleideten allesamt aufhängen, und zwar an alle vier Stadttore, als warnendes Exempel. Da wagte niemand mehr einen Angriff auf das Christenviertel, die Russen aber hatten das Nachsehen, die Kosaken mußten jenseits des Araxes bleiben und auf einen besseren Vorwand warten.

Nicht ohne leichtes Grauen dachte Manja an jenen Tag zurück, und es war gerade jetzt ein besonderer Anlaß dazu, weil im ganzen Salmasdistrikt seit Tagen das Gerücht umging, es stehe ein Überfall durch Hamidiekurden bevor, für die es ein leichtes war, über die türkische Grenze auf persisches Gebiet vorzudringen. Und zwar erzählte man sich in Kalassar, wo sich Manja gerade aufhielt, das sei die Rache dafür, daß jener Putsch in Täbris nicht geglückt. So erzeugte in diesem Lande eine Unruhe, ein Aufruhr immer den andern, ohne daß ein Ende all dieses Streitens und Mordens abzusehen war.

Manja seufzte und sah trüb vor sich hin. Seit einiger Zeit war sie überhaupt sehr nachdenklich gestimmt und konnte sich nicht recht zu der alten Energie, die sie früher fast immer beseelt, zurückfinden. Sie erhob sich vom Rande des Flußbettes, das sie trockenen Fußes durchschritten, da diese kleinen persischen Gewässer erst am Abend wieder lebendig werden, wenn der tagsüber unter dem Brand der Sonne schmelzende Schnee im Hochgebirge ins Tal, in die Ebene gelangt. Müde, matt bewegte sie sich durch den kleinen Buchenbestand, der sich im Westen von Kalassar befand. Ach, schwer wie ihre Seele waren auch die Glieder. Ihre Freunde baten sie zwar immer wieder, sich nicht allzuweit von den Häusern zu entfernen, aber sie hatte so einen Drang zur Einsamkeit, sie konnte dieser Bitte nicht nachkommen. Und was sollte ihr auch zustoßen? Sie ging ja nie ohne Revolver aus.

Wieder setzte sie sich müde auf einen vom Blitz gefällten Buchenstamm. Wie wunderbar still und einsam es hier war. Nur Mücken summten und tanzten in den schmalen Sonnenstreifen, die sehr schräg schon durch das Laub drangen. Sie träumte vor sich hin, dachte an zu Hause, nicht ohne ein leichtes Heimweh, wenn sie sich auch das nicht gestehen wollte. Warum mußte sie nur so anders sein wie die andern? Olga fiel ihr ein. Wie gut sie es hatte. Doch nein, das war gar nicht wahr, die Ärmste hatte ja ihre liebe Not um den Rohden. Und ihre Mutter? Sie trauerte immer noch um Manjas Vater ein wenig, und jetzt wohl auch um Manja selbst. Aber mein Gott, Olga wird schließlich den Rohden doch noch heiraten, die Mutter wird sich auch beruhigen. Sie sah das alles ganz deutlich kommen. Ein paar unruhige Jahre hatte sie in ihr Elternhaus gebracht, sie gingen vorüber, und wenn sie erst vorüber waren, war die Unruhe vergessen, herrschte wieder das angenehme, behagliche Leben, das sie so gut kannte, weil sie selbst so viele Jahre in ihm gestanden. Was würde aber inzwischen aus ihr geworden sein? Sie würde weiter kämpfen, eines schönen Tages, ob ein wenig früher oder später, ändert nichts an der Sache, von der Polizei aufgegriffen, verbannt werden und in Unruhe sterben, wie sie in Unruhe gelebt. Eine leichte Bitterkeit stieg in ihr auf. So allein, so grenzenlos verlassen kam sie sich vor. Und wenn sie im Elend gestorben? Es kamen andere, denen würde es ähnlich gehen. Sie würden sich plagen um die Freiheit, während es die meisten, die Masse, sich einfach wohl sein ließen, ihrem engen Glück, dem Erreichbaren lebten. Manja sprang hastig auf, als wolle sie solchen Gedanken entfliehen. Mir will scheinen, ich werde krank in diesem Land, dachte sie. Selbst die Einheimischen können zum großen Teil das Klima nicht vertragen, die Malaria befällt sie, und sie siechen so durchs Leben. Wenn sie nun auch malariakrank würde? Der Gedanke war entsetzlich, denn Krankheit war ihr überhaupt etwas Grauenhaftes, das einzige fast, wovor sie sich zuweilen fürchten konnte wie vor einem Feinde, den man selbst nur vom Hörensagen kennt, dessen Macht man aber rings um sich her tagtäglich erkennen muß. Und gerade hier, wo es keinen Arzt, keine Medikamente, keine Pflege, nichts, gar nichts gab, um dem Kranken seine Lage zu erleichtern. Am Ende gar hier in Persien verscharrt werden!

Manja raffte sich auf. Das ist Torheit, das ist Schwäche, elende, nichtsnutzige Schwachheit, flüsterte sie! Sie reckte sich. Ich habe meine Aufgabe, die ich ausführe, weil ich sie mir nun einmal gestellt, weil ich sie für wertvoll halte, das ist die Hauptsache. In acht Tagen habe ich auch bei dem armenischen Komitee in Kalassar erreicht, was ich gewollt, dann geht's zurück nach Rußland, und dann bin ich hoffentlich auch endgültig diesen Menschen, diesen Gandern los, dem ich hier nicht ausweichen kann. In Moskau wird er mich nicht wiedersehen.

Ärgerlich brach sich Manja einen Zweig ab und schwang ihn. Als müsse sie eine Stimme in sich selbst übertönen, rief sie: »Ja, ja, ich weiß ja, er ist klug und tapfer. Er hat mir durch Geistesgegenwart damals in Moskau geholfen, er hat durch seine Wachsamkeit in Täbris mich und viele, viele vor einem gräßlichen Untergang bewahrt, aber ich will nicht, ich will nicht! Es ist zu anmaßend, wie er sich benimmt!«

Da die Sonne untergegangen, beeilte sich Manja nun doch, wieder nach Kalassar zu kommen. Aber als sie an das Flußbett kam, stand sie ratlos, denn in ihm schäumte und gurgelte jetzt in rascher Eile ein schmutziges Gewässer. Wie sollte sie da hinüberkommen? Und hinüber mußte sie, um wieder in das Dorf zu gelangen. Sie maß mit ihrer Gerte die Tiefe des Wassers. Es war schon zu tief. Einen Augenblick stand sie ziemlich ratlos, dann fiel ihr ein, daß es seichtere Stellen gab. Eine solche mußte sie eben finden.

So schritt sie denn langsam flußaufwärts, immer wieder von Zeit zu Zeit das Wasser messend. Bald mußte sie sich bis zum Wasserspiegel beugen, denn die Sonne war untergegangen, und es wurde finster. Nur wenn sie sich weit hinabbeugte, konnte sie erkennen, wie hoch die Feuchtigkeit an dem Stock reichte. Bald konnte sie auch das nicht mehr sehen, wohl aber merkte sie an dem immer mehr anschwellenden Tosen und Rauschen der Wellen, daß die Wasser immer noch stiegen und so die Aussicht für sie immer geringer wurde, noch über den Fluß zu kommen.

Was sollte sie tun? Rufen? Wer weiß, wer den Ruf hörte. Es konnte ein streifender Kurde, ein Perser sein. Ziemlich ratlos ließ sie sich wieder nieder. So werde ich halt hier nächtigen müssen und schlimmstenfalls morgen früh mit einem Schnupfen nach Kalassar kommen. Am Ende war auch schon ihre Abwesenheit aufgefallen, und man suchte sie. Aber sie hatte ja niemandem gesagt, wohin sie gegangen. Es gab ja vier Himmelsrichtungen. Nur ein Zufall konnte ihr noch heute nacht von hier forthelfen.

Sie saß und lauschte. Unheimlich gurgelten die Wellen, Äste knackten, gerade als nähere sich jemand. Ein Tier? Ein Mensch? Ein Perser? Ein Christ? Sie hielt den Atem an. In der Ferne heulten Hunde. Tappte dort nicht etwas, schwerfällig, langsam, wie ein Büffel? Gefährlich sind sie ja für gewöhnlich nicht, redete sich Manja eifrig selbst zu, denn sie fühlte, wie sie allmählich unruhig wurde, so verlassen, allein in dieser schwarzen Nacht.

Plötzlich zog sie den rechten Fuß höher. Es war ihr gerade, als sei ein Tier darüber gekrochen. Sie sprang auf. Um Gottes willen, nur keine Schlangen! Vor ihnen fürchtete sie sich wirklich. Sie war ja allein und brauchte niemandem etwas vorzumachen. Aber Schlangen, das war schrecklich. Selbst eine Blindschleiche konnte ihr Furcht einjagen. Mit großer Vorsicht setzte sie die Füße und näherte sich aufs neue dem Fluß. Was war das? Drang nicht auf einmal Wasser durch ihre Schuhe? In der Tat. Vielleicht eine Pfütze? Aber nein, das gibt es hier ja nicht. Es mußte Flußwasser sein. Das hieß, der Fluß trat schon über die Ufer. Jetzt erinnerte sie sich, daß es ja heute gegen Mittag am Gebirg geblitzt hatte, daß sie Donner gehört. Offenbar waren in den Bergen schwere Gewitter niedergegangen. Nun wurde sie aber doch sehr unruhig. Sie kannte die Gegend zu wenig, ja sie wußte im Augenblick nicht einmal, wo sie sich eigentlich befand, ob nahe an Kalassar oder weit weg. Sie wußte also auch nicht, wo in der Nähe ein Hügel war und ob überhaupt. So ... so konnte sie zum mindesten, wenn der Fluß noch weiter stieg, recht naß werden. Und stieg das Wasser noch sehr und fand sie keinen Hügel, bei der Wucht, mit der der Strom zu Tal raste, wer weiß... Ihr Herz begann schneller zu klopfen, während sie sich mit bebenden Füßen möglichst vom Ufer entfernte. Sie stieß an einen Baum, daß ihr die Stirn schmerzte und die Tränen in die Augen schossen ... Wenn doch nur erst die Sterne kämen, daß man wieder etwas erkennen konnte. So hörte sie nur ringsum das Rieseln des Wassers und spürte ganz deutlich an den Füßen, wie es stieg und stieg. Plötzlich stieß sie einen Schreckensruf aus, denn sie hatte in ihrer Aufregung jede Richtung verloren, sie wußte nicht mehr, wo der Fluß eigentlich lag. Und kaum kam ihr das zum Bewußtsein, so schien es ihr auch schon in der schwarzen Nacht, als rausche es rings um sie her. Sie atmete schwer und hatte Mühe, nicht ganz verwirrt zu werden, nicht womöglich in den Fluß hineinzurennen, statt sich von ihm zu entfernen. Mit aller Willensenergie zwang sie sich, stehen zu bleiben, denn noch war sie nicht nahe am Ufer, das wußte sie, also gebot die Klugheit, da sie sich nicht zu orientieren vermochte, wenigstens an demselben Fleck zu bleiben, bis sie wieder ruhig war.

Das Wasser stieg. Langsam, sicher stieg es. Sie brauchte keinen Stock mehr, um das festzustellen, sie fühlte es deutlich an ihren Füßen, über die es feucht und eilig von allen Seiten rann. Ihre Unruhe wuchs, denn nun konnte sie nichts aus dieser höchst unangenehmen Situation befreien als ein glücklicher Zufall. Sie fröstelte. Vielleicht suchte man doch nach ihr? Sie lauschte. Aber die Wasser rauschten so laut, daß sie niemand hören konnte. Es war nicht das Wasser allein, auch ihr Blut rauschte so laut in den Ohren, daß sie gegen jedes andere Geräusch wie taub waren.

Wenn doch nur erst die Sterne kämen! Wie ewig lange das dauerte. Zwei Stunden nach Sonnenuntergang pflegte sich der Himmel wieder aufzuhellen. Ihr schien es, als stände sie schon viele, viele Stunden hier. Wurde dort drüben nicht ein Licht sichtbar? Bewegte es sich nicht wie suchend hin und her? Sie atmete erleichtert auf. Dann aber sank wieder ihr Mut. Sie mußte sich getäuscht haben. Das Licht stand still, es brannte wohl einfach in einem der kleinen Häuser, ohne sich um sie und ihre Not zu kümmern. Ein neues Licht tauchte auf, wieder eins. Nein, sie täuschte sich nicht. Man sah es ihnen trotz der Entfernung an, sie wurden von Leuten getragen, die suchten. Unwillkürlich fing sie an zu winken und zu rufen. Aber ihr Rufen konnte man nicht hören und ihr Winken nicht sehen. Sie mußte sich schon gedulden und warten, ob sie hierher fanden. Bellte da nicht ein Hund? War das nicht ihre Dogge? Man hatte sie mitgenommen, um auf die rechte Spur zu helfen, ein guter Gedanke. Das Bellen kam näher, wurde lauter. Es war ihre Dogge, die sie erst vor vierzehn Tagen in Täbris erstanden. Sie stand jetzt offenbar am Fluß, konnte nicht hinüber, heulte, bellte, winselte. Manja rief, auch von drüben rief man. Sie verstand zwar keine Worte, wohl aber Töne. Sie erkannte Viktors Stimme. So würde er denn wohl auch ihre erkannt haben. Die Lichter hielten eine Weile an. Man schien zu beratschlagen. Dann bewegten sich einige wieder weiter. Vielleicht sucht man eine Furt, um zu mir zu gelangen, dachte Manja. So war es. Eine Viertelstunde verging, dann hörte sie wieder das Bellen der Dogge, und bald darauf sprang das Tier an ihr in die Höhe und warf sie fast um vor Freude. Nun hörte sie auch Viktor rufen: »Manja! Manja!« Es berührte sie eigentümlich, aus seinem Mund so laut ihren Vornamen rufen zu hören. Laut antwortete sie: »Hier! Hier!«

»Gott sei Dank!« hörte sie Viktor antworten. Da war er schon bei ihr.

»Eine nette Unbequemlichkeit, Herr Baron, die ich Ihnen da bereitet habe.«

»Ich bin nur froh, daß wir Sie gefunden haben, gnädiges Fräulein.«

Wie lächerlich diese feierliche Verkehrsform ist in diesem Augenblick, wie lächerlich diese steifen Anreden, ging es Manja durch den Kopf. Gleichzeitig aber trat sie einen Schritt zurück, als er ihr seinen Arm reichen wollte. Stumm gingen sie langsam nebeneinander her. Nur die Dogge durfte ihrer Freude Ausdruck geben.

Viktor hielt an, und es klang etwas sarkastisch, als er sagte: »Gleich werden Sie mir schon gestatten müssen, Sie durch die Furt zu tragen, wenn Sie nicht besonderen Wert darauf legen, über und über naß zu werden.«

Manja erschrak ein wenig. Daran hatte sie nicht gedacht. »Ich denke, es wird auch ohne das gehen. Naß bin ich ja sowieso. Auf etwas mehr oder weniger kommt es da nicht mehr an.«

»Ganz wie Sie wünschen.«

Wenige Minuten später stand man an der Furt, und Viktor meinte: »Die Hand werden Sie mir nun doch reichen müssen, denn der Strom ist ziemlich stark, und ich möchte immerhin nicht gerne, daß er Sie mitrisse und wir dann endgültig das Nachsehen hätten.«

Wie häßlich von ihm, so zu sprechen, dachte Manja und wurde rot vor Ärger. Tapfer setzte sie den Fuß über die Böschung. Aber sie fühlte sich auf einmal so unsicher, ihre Knie zitterten von all der Aufregung der letzten Stunden, daß sie jetzt unwillkürlich doch nach ihres Begleiters Hand griff. Langsam tasteten sich ihre Füße weiter, tiefer ins Wasser. Sie blieb stehen. »Es geht wirklich nicht«, sagte sie leise. »Ich bin so müde und matt, daß ich mich nicht getraue, heil durch den Strom zu kommen.« Wie sie sich schämte, das eingestehen zu müssen. Wenn er jetzt nur keine sarkastische Bemerkung machte. Lieber spränge sie direkt in den Fluß, als dann noch weiter seine Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Aber Viktor schwieg, führte Manja nur stumm wieder ganz ans Ufer zurück und sagte: »Ich werde Sie tragen. Sie müssen es schon gestatten.« Ehe sie sich dessen versah, hatte er sie auf seine Arme gehoben und schritt langsam, vorsichtig mit ihr aufs neue die Böschung abwärts. Regungslos lag sie an seiner Brust. Gott sei Dank, daß es noch finster war, daß er nicht sehen konnte, wie ihr das Blut in die Wangen stieg. Mitten im Fluß mußte er haltmachen. »Schlingen Sie Ihre Arme fest um meinen Hals, sonst kommen wir nicht weiter in der rasenden Strömung!« Wie kurz und befehlend das klang. Aber sie tat es. Und wieder ging es weiter, langsam, Schritt für Schritt. Sein Atem strich über ihr Haar. Sie fühlte sein Herz an ihrer Brust klopfen. Nur wegen der körperlichen Anstrengung? mußte sie auf einmal denken, und sie schämte sich dieses Gedankens. Wie stark er war, wie sicher sie so ruhte. Sie schloß unwillkürlich die Augen, und leise, leise, ihr selbst fast unbewußt, lehnte sich ihre Wange an seine Schulter.

Endlich waren sie am andern Ufer, und vorsichtig glitt sie wieder zur Erde. Beide sprachen kein Wort, denn sie waren beide befangen und ein wenig wie verträumt. Da kamen die andern Leute, und der Bann war gebrochen. Manja mußte berichten, wie sie sich verirrt hatte, und verdolmetschte es den Armeniern. Viktor ging schweigend an ihrer Seite.

Als sie dann in ihr Haus kamen, wo ihnen gemeldet wurde, daß der Sarparas aus Choi sich angesagt, entledigte sich Viktor nur ungern seines Rockes, an dem sie gelehnt. Und er sah ihn eine ganze Weile verträumt an, als wäre noch etwas von ihr an ihm sichtbar, spürbar.

Bald wurde er aufgeschreckt durch Pferdegetrappel im Hof. Der Sarparas war angekommen. Es galt, sich zu beeilen und ihn zu begrüßen.

Viktor hatte seine liebe Not, höflich und aufmerksam zu sein, denn seine Gedanken schweiften immer wieder ab, während er in der Halle auf dem Hof neben seinem Gast saß, der mit großer Neugier ihn wie ein Kind nach Europa ausfragte und sich vor allen Dingen nach Berliner Tanzlokalen und dergleichen sehr fleißig erkundigte. Es hieß nämlich, daß der Schah wieder eine Reise nach dem Westen plane. Der Sarparas wollte ihn begleiten und bei der Gelegenheit vor allem Berlin gründlich kennenlernen.

Immer wieder schweiften Viktors Augen zu den verhängten Fenstern dort oben, hinter denen Manja weilte, die mit Rücksicht auf die persische Sitte nicht in den Hof kam, solange der Sarparas dort sich aufhielt.

Endlich, nach einer Stunde, empfahl sich der vornehme Perser unter vielen Verbeugungen, indem er seinem Mirza (Schreiber) vorsichtig das Papier abnahm und es in seine eigene Tasche schob, auf das er all die Berliner Vergnügungslokale hatte aufschreiben müssen, die Viktor gerade eingefallen waren.

Als der Perser fort war, mußte Viktor doch lächeln. Der Gegensatz zwischen seinen innersten Empfindungen und den Orten und Lokalitäten, die sein Mund eben aufgezählt, war zu groß, zu komisch.

Als Manja herunterkam, sah er sie verstohlen an. Aber sie sah drein wie immer. Kurz, gemessen, fast an der Grenze der Höflichkeit, wie sie die ganzen Wochen seit Täbris gegen Viktor gewesen, benahm sie sich auch jetzt. Wie ein schöner Traum waren jene kurzen Augenblicke verweht, da er sie durch die Fluten getragen.

Schweigend saßen sie in der Halle und aßen, was der Diener ihnen auftrug. Hammel und immer wieder Hammel, Hammel in allen nur denkbaren Variationen, – gekocht, gebraten, in großen Stücken, klein gehackt. Es ging beiden schwer von der Gabel zum Mund. Manja begann während der Mahlzeit ein Gespräch über ihre Pläne für die nächsten Tage, und wie sie in acht Tagen wieder nach Rußland aufzubrechen gedenke. »Ich begreife nur nicht recht, wie ist das? Herr von Rohden, ich dachte eigentlich, er würde mir nachkommen, denn er weicht ja sonst nicht von meiner Seite.« Sie sah fragend auf Viktor, als müsse er etwas Genaueres darüber wissen. Es war das erste Mal, daß sie direkt danach fragte. Bitter stieg es in Viktor auf. Also dachte sie doch an ihn, nur an ihn. Bis jetzt hatte er über ihn geschwiegen, er wollte abwarten, bis Manja darauf die Rede brachte. Einige Zeit schwieg er auch jetzt. Dann aber fühlte er, wie es ihm wohltun würde, ihr zu erzählen, was er von Rohden wußte, weil es sie wahrscheinlich schmerzen würde.

»Er wollte mit mir nach Täbris reisen«, begann er leise, aber unausgesetzt sie von der Seite scharf beobachtend. »Wir waren schon auf der Bahn. Gerade als wir einsteigen wollten, verhaftete ihn die Polizei.« Er sah wohl, wie Manja zusammenzuckte. »Er rief mir noch zu, ich solle nur abfahren, aber in Tiflis auf ihn warten. Sowie er frei sei, würde er nachkommen.« Viktor sah Manja voll an. »Er dachte vermutlich, schon mit dem nächsten Zug nachzukommen, wenigstens verstand sie ihn so. Auch wollte er mir sofort nach Tiflis telegraphieren.« Wie sie das erregte! Wie bleich sie geworden war!

»Er hat Ihnen nicht telegraphiert? Sie haben nichts wieder von ihm gehört?«

Viktor verneinte.

»Wie erklären Sie sich das?«

»Die Polizei wird ihn nicht mehr freigegeben haben,« sagte Viktor, »sie wird ihn noch festhalten.«

»Fast fürchte ich das auch.« Manja starrte vor sich hin. Dann entfuhr es ihr: »Das wäre entsetzlich. Denn er ist ja unschuldig, er billigt ja gar nicht meine Ideen.«

»Unschuldige müssen oft statt der Schuldigen leiden, gnädiges Fräulein.«

»Aber hätten Sie mir das doch früher gesagt! Ich hätte mich beeilt, wieder nach Moskau zu kommen.«

»Ich dachte nicht daran. Auch fragten Sie nicht. Ich wußte zudem nicht, ob Sie das so interessieren würde.«

Wie sie ihn anblitzte voll Zorn. Wie gut ihr das stand. Schon öffnete sie ihre Lippen. Dann schloß sie sie wieder und schwieg. Auch Viktor sagte nichts. Jeder hatte genug damit zu tun, sein bitteres Gefühl gegen den andern nicht laut werden zu lassen.

Plötzlich zuckten beide zusammen, denn wieder pochte es laut draußen ans Tor. Viktor zog die Uhr. Es ging schon auf elf. Wer jetzt noch störte, mußte es eilig haben. »Vielleicht ist es Hoijer«, meinte Viktor. »Er klopft anders«, erwiderte Manja und erhob sich erwartungsvoll. »Vielleicht ist es Herr von Rohden?« entfuhr es Viktor. Wie freudig sie erschrak. »Meinen Sie? O, welche Beruhigung das für mich wäre. Sie können es sich gar nicht denken!«

»Und ob ich es mir denken kann«, dachte Viktor. »Wie sie an ihn denken muß, daß sie auch nur einen Augenblick glauben kann, es könne Rohden sein. Woher sollte der denn wissen, daß sie gerade hier waren, einmal angenommen, daß er wirklich der Moskauer Polizei glücklich entkommen.«

Aber auch Viktor hatte sich erhoben und verließ die Halle. Trotzdem er es nicht für möglich hielt, am Ende, wer konnte es wissen, vielleicht war es doch Rohden, der da plötzlich an das Tor pochte.

Wie enttäuscht Manja dreinsah, als der Mensch, der Einlaß begehrt hatte, nun vor ihnen stand. Es war ein verlumpter Armenier, der Viktor einen mit Bleistift beschriebenen Papierfetzen hinhielt.

Mühsam entzifferte er die krausen, ungelenken Buchstaben. »Hoher Herr! Ich habe gehört, daß Ihr aus Deutschland seid. Ich bitte, erbarmt Euch einer Deutschen, die Jussuf ben Ibrahim, mein Mann, entführt hat vor zwei Jahren aus Tiflis, wo ich Dienstmädchen war, weil er mir gesagt, er sei Syrer und nicht Mohammedaner, was eine Lüge war. Auch ist er nicht reich, wie er mir gesagt, sondern arm und schlecht. Er ist gerade auf einer Bettelreise, und wenn Ihr mich nicht befreit, bin ich verloren, weil er mich schon so lange gefangenhält und er sagt, nun sei ich Mohammedanerin, weil ich schon zwei Jahre bei ihm bin, ohne Widerstand zu leisten, was eine Lüge ist. Aber ich kann nicht fort, denn er bewacht mich, und seine Mutter auch, wenn er nicht da ist. Aber wenn Ihr mir helfen wollt, so fliehe ich noch morgen nacht. Gebt mir nur ein Zeichen. Minchen Schmidt.«

Viktor reichte Manja den Brief, den er nicht recht verstand. Auch Manja war nicht gleich klar darüber. »Wenn nur Herr Hoijer hier wäre!« meinte sie. »Der wüßte gleich, was zu tun ist.«

»Offenbar ist es eine Deutsche, die von dem Mohammedaner entführt wurde und sich nun mit der Bitte an uns wendet, wir möchten sie aus seiner Macht befreien«, meinte Viktor.

»So verstehe ich den Brief auch. Aber was sollen wir antworten?«

»Natürlich, daß wir ihr helfen werden.«

»Das ist aber eine gefährliche Geschichte«, warf Manja ein.

»Um so besser!« erwiderte Viktor.

Manja lächelte. »Jedenfalls warten wir am besten Herrn Hoijer ab, der das Klügste raten kann, weil er hier die Gebräuche und Sitten am besten kennt. Gelingt es uns, die Frau zu befreien, so wird jeder auf uns raten, da sie eine Deutsche ist. Die ganze Wut der mohammedanischen Bevölkerung, namentlich der mohammedanischen Priester, wird sich gegen uns richten, weil wir sie um eine Seele gebracht haben, die sie schon für ihr Paradies gewonnen glaubten.«

»Genau wie bei den Priestern anderer Religionen.«

»Nur mit dem Unterschied, daß sie hier mehr Macht und Einfluß besitzen als wo anders und daß wir uns so vielleicht ganz überflüssigerweise einer Gefahr aussetzen. Denn daß wir den Mohammedanern sowieso schon verdächtig genug sind, daran zweifle ich nicht.«

»Wie kalt Sie sind«, sagte Viktor erbittert. »Es handelt sich doch um eine Genossin Ihres Geschlechts. Ich dachte nicht, daß Sie da erst lange überlegen würden.«

Manja entgegnete gereizt: »Wenn Sie mich deshalb, weil ich überlege, kalt nennen, so mißverstehen Sie mich völlig. Ich will das Mädchen gewiß gerade so gerne aus der Hand des Mohammedaners befreien wie Sie. Nur, ich folge nicht bloß dem ersten Impuls und ihm nicht sofort, sondern ich überlege zugleich auch, was es für uns, das heißt für mich und meine besonderen Pläne, die mich hierher geführt haben, bedeutet.«

Es wäre, wie schon so oft, wieder zu einer scharfen Auseinandersetzung zwischen den beiden gekommen, hätte man nicht schon von weitem Hoijers Lachen gehört. Wie sie immer ihren Streit abbrachen, wenn ein Dritter dazukam, so auch jetzt.

Hoijer war gleich Feuer und Flamme. Natürlich müsse man die Frau befreien, schon um die mohammedanischen Pfaffen zu ärgern, und überhaupt sei es ja seine spezielle Passion und Lebensaufgabe, Menschen aus unangenehmen Lagen zu befreien.

Er beschied den verlumpten Armenier in diesem Sinn, und Manja begab sich bald darauf auf ihr Zimmer.

Beide schwiegen und lauschten. Von den Dächern der umliegenden Häuser klang leise ein sanfter Gesang herüber. Armenische Frauen und Mädchen stimmten, wie seit einiger Zeit fast jede Nacht, ihre melancholischen weichen Lieder an, die ergreifend anzuhören waren. Der Rhythmus gab so stark die Trauer und den Jammer um all das Elend kund, das nun schon solange über Armenien lag, daß Viktor es mitfühlte, trotzdem er die Worte nicht verstand. Er wußte nur, was sie eben sangen,das war das vielgesungene armenische Lied: »Die Tränen des Araxes«, worin ein armenischer Dichter den berühmten Fluß klagen und weinen läßt über das Unglück Armeniens. Und dann sangen die Frauen ein altes Klagelied auf Ani, die Trümmerstadt, die einst unter armenischer Herrschaft so stolz und mächtig dagestanden, wie für die Ewigkeit gebaut. Jetzt zeugten nur noch endlose Ruinen von einstiger Pracht. Nicht ein freudiger Ton kam von den Lippen der Frauen. Nur Klage und wieder Klage.

Es ist auch kein Wunder, sagte sich Viktor, der die Verhältnisse inzwischen ein wenig kennengelernt hatte. Welch furchtbaren Jammer hatte er überall geschaut. Die große Armut erschien ihm noch als das kleinste Übel, obwohl es arg genug war, denn fast jede Familie beherbergte jetzt nun schon viele Monate drei, vier, manche noch viel mehr, aus der Türkei Geflüchtete, die nichts mitbrachten als Tränen und Herzeleid. Aller Mittel entblößt, unterwegs durch den Wanbezirk von Kurden verfolgt und geängstet, bis zur persischen Grenze stets in Lebensgefahr, so waren sie angekommen. Hilflose Greise, alte Mütterchen und nur wenige Männer, aber fast gar keine junge Mädchen. Die meisten Männer waren getötet, die Mädchen von den Kurden geraubt worden für die Sklavenmärkte, die zwar offiziell abgeschafft, in Wirklichkeit aber immer noch existierten. Kleine hilflose Kinder führten die Alten mit sich. Und all diese Menschen lasteten auf der hiesigen armen eingeborenen armenischen Bevölkerung, kleinen Bauern, geringen Handwerkern, die so schon ihre liebe Not hatten, sich und ihre Familie durchs Leben zu bringen, denn sie ernteten kaum so viel, als sie für sich brauchten. Auch konnten sie nichts verkaufen, denn ihre Stammesgenossen waren meist selbst arm, die Mohammedaner aber hätten sich verunreinigt, wenn sie etwas von den Christen gekauft hätten.

Manchmal entsetzte sich Viktor über die Ruhe, mit der die Leute alles trugen, manchmal bewunderte er sie. Nur ein Volk, das seit Jahrhunderten das Schlimmste gewöhnt war, konnte das immer noch aushalten. Und die Frauen sangen und klagten, ihre Lieder tönten zum Himmel empor, der Nacht wie Nacht sternenübersät, gleichmütig über dem Jammer lag.

»Es ist etwas Schreckliches um diese Gesänge«, unterbrach Hoijer das Schweigen. »Sie entnerven einen förmlich, ziehen einem den Mut, das Leben aus der Brust.«

»Sie haben nicht so unrecht«, meint Viktor. »Ich empfinde es auch so.«

»Aber auf die Armenier selbst wirkt es ganz anders. Ihr glaubt gar nicht, wie sie das anfeuert.« Der Gesang verstummte einen Augenblick. Aber wie aus weiter Ferne, wie ein Echo hörte man dieselben Gesänge. Wenn wir aufs Dach stiegen«, sagte Hoijer, »würden wir deutlich hören, daß in all den armenischen Dörfern ringsum die Frauen einander diese Lieder zusingen. Das breitet sich für unsere Ohren wie eine traurige Klage über den ganzen Distrikt. In Wahrheit aber ist es den Singenden ein Trost, eine Aufmunterung, insbesondere jenen fünfzig jungen Leuten, die morgen nacht ausziehen werden nach der Türkei.«

»Also morgen nacht?«

»Dr. Ohanian, der Arzt, sagte es mir heute ... Und was wird der Erfolg sein? Sie werden zerrieben werden von den Türken und Kurden, nichts wird von ihnen übrig bleiben. Verweht wie ein Sandkorn im Meer.«

»Aber warum opfern sie so nutzlos ihre paar jungen Leute?«

»Das ist sehr einfach zu erklären. Denkt Euch ein paar tausend junger Männer, und so viel sind es ja immer noch, die warten und warten, daß ihr Volk sich endlich erhebt, endlich das Joch abwirft, und die doch wissen, daß dies Volk nach so langer Zeit der Knechtschaft gar nicht dazu imstande ist. Von einer bis aufs Blut ausgesogenen Nation kann man nicht verlangen, daß sie auf einmal, sozusagen über Nacht, ein Held wird. Diese jungen Leute wissen das ganz genau. Sie wissen, es bedarf erst langer Aufklärung, langer Erziehung und Bildung, bis die Nation als Nation sich wieder aufrafft. Ihr dürft auch nicht vergessen, es ist ein Bauernvolk im großen und ganzen. Und ein Bauernvolk hat den Sperling in der Hand, und wenn er noch so mager ist, immer lieber, als alle Seligkeit der Zukunft, die nicht gewiß ist. Was sollen nun diese paar tausend fortgeschrittenen jungen Leute anfangen? Nur arbeiten, langsam arbeiten für die Zukunft? Gewiß, das tun sie auch, aber sie sind jung, ihnen rollt das Blut noch schnell durch die Adern. Nun, so brauchen sie eben, um nicht in dem Jammer zu ersticken, ab und zu einen kleinen Aderlaß. Den haben sie in diesen kleinen Feldzügen, und zugleich beweisen sie sich damit selbst, daß sie Mut haben, daß sie nicht Feiglinge sind. Das tut ihnen wohl, das hilft dann wieder, daß sie einige Zeit aufs neue warten können, stille sitzen und nichts weiter tun, als das Volk lehren, langsam wieder zum Bewußtsein seiner selbst bringen.«

Hoijer seufzte traurig. »Alles stände viel besser, wenn die Armenier nicht auch an der Sünde aller Arier litten, die Zerstückelung, Zerspaltung in alle möglichen Parteien und Parteichen, von denen jedes behauptet, es allein besitze das wahre Mittel zur Rettung. Diese Parteichen bekämpfen sich gegenseitig aufs heftigste, und der Türke hat den Vorteil davon. Es ist gerade wie bei den alten Germanen, wo auch ein Stamm den andern auffraß, die eine Parteiung der andern das Leben nicht gönnte. Und wer hatte den Nutzen davon? Die Römer.«

»Ich denke, die Armenier sind Semiten?«

»Aber keine Spur. Sie sind Arier wie wir, die einzigen, die noch im Orient leben.«

Und wieder klang das Klagelied über Ani, die Ruinenstadt, zu ihnen, von allen Dächern.

»Gehen wir, legen wir uns schlafen«, fuhr Viktor auf. »Drinnen hört man es nicht so. Man könnte krank werden, hört man das Singen lange an.«

»Und wie ist es? Werden die Leute morgen abend in unsere Gärten zum Abschiednehmen kommen?«

Viktor nickte. »Aber selbstverständlich.« Er warf einen langen Blick zu den Fenstern gegenüber. »Wir sprachen schon gestern davon. Und ich denke, wir werden wenigstens dabei sein dürfen, wenn sie von den Ihren Abschied nehmen.«

»Die jungen Leute werden Euch sehr dankbar sein und uns gewiß einladen.«

Und so geschah es auch. Am folgenden Morgen schon in der Frühe erschienen Dr. Ohanian, der Arzt und Führer der Expedition, Dr. Spondarian, der Waffen und Munition beschafft hatte, der armenische Fürst Djanian, den man schon von Täbris her kannte, der die zehn Reiter und die zehn Pferde gestellt hatte, welche für die Fünfzig Kundschafterdienste tun sollten, und ein armenischer Geistlicher, um sich zu bedanken, daß man ihnen für den Abend den großen Garten dieses Hauses zur Verfügung stellte, und zugleich, um zu bitten, daß man an der Abschiedsfeier teilnähme.

Man saß in der Halle, trank Tee, rauchte Galian und unterhielt sich, denn alle sprachen französisch, Dr. Spondarian sogar ausgezeichnet deutsch, denn er hatte in Heidelberg studiert.

Wie sonderbar das ist; dachte Viktor. Da sitzen wir nun in Persien, mitten unter Wilden sozusagen, und wie viel haben wir gemeinsam, wie wenig trennt uns, was Bildung angeht. Dr. Ohanian hatte in Paris studiert, der Archimandrit in Berlin. Nur der Fürst war nicht über Rußland hinausgekommen, aber auch er sprach französisch. Und so gibt es Hunderte und Aberhunderte, die europäische Bildung genossen, es in irgend einer Wissenschaft oder Technik zu etwas gebracht. Die sich in den so empfänglichen Jahren des Jünglingsalters an europäische Bequemlichkeiten und Annehmlichkeiten gewöhnt. Dr. Ohanian hätte mit Leichtigkeit in Paris ein gesuchter Arzt werden können, Dr. Spondarian hätte es zum Beispiel bei Siemens & Halske gewiß zu etwas gebracht. Aber sie alle kehrten in ihre Heimat zurück, ließen alle Bequemlichkeit, alle Kultur hinter sich für ihr Volk. Nein, ein Volk, das zu Hunderten solche Leute hervorbrachte, das durfte man nicht aufgeben, das war wert, wieder eine Rolle zu spielen unter den Völkern. Was gäbe das für ein Kulturelement im Orient, diesem schlafenden wie ertöteten Koloß. Was für ein Sauerteig für dies ganze Land, namentlich für Kleinasien, diese einstige Kornkammer der Welt, – und jetzt ein elendes, verkommenes Hungerland.

Viktor unterhielt sich hauptsächlich mit dem deutsch sprechenden Dr. Spondarian. Er machte ihm ein Kompliment, daß er immer noch so perfekt deutsch spräche, als sei er eben aus Heidelberg hierher gekommen.

Dr. Spondarian meinte lächelnd, er liebe Deutschland sehr, das Deutschland Goethes und Schillers und Kants und Fichtes. »Habe ich doch, als ich in Deutschland war, das letzte Jahr sogar nur deutsch geträumt. Denken Sie, was das heißt, in einer fremden Sprache sogar träumen! Auch jetzt noch habe ich gerade deutsch gelesen, zum Beispiel Goethes ›Iphigenie‹, das schönste Deutsch, glaube ich, was es gibt, überhaupt die schönste Sprache, die ›Iphigenie‹ meine ich, träume ich in deutscher Sprache.« Und nun sang er ein Loblied auf Deutschland.

»Verzeihen Sie, ich muß mich wirklich an die Stirn greifen«, unterbrach ihn Viktor. »Wo bin ich denn? Bin ich wirklich in Persien?«

»Waren Sie in Etschmiadzin?« fragte Dr. Spondarian eifrig.

»Allerdings, aber nur wenige Stunden, da der Katholikos verreist war.«

»Auf dem Rückweg müssen Sie hin. Da finden Sie überall deutsche Zeitschriften, deutsche Zeitungen. Da unterrichtet man in der Schule auch deutsch, obwohl es die Russen ungern sehen und es nicht wollen.« Dr. Spondarian seufzte. »Keinem Volk verdanken wir so viel wie den Deutschen, von keinem haben wir so viel Kultur angenommen, aber keins kümmert sich so wenig um uns wie es ... Wir haben eben Unglück, in allem Unglück, es ist immer noch unser Schicksal so.«

Als die Sonne untergegangen, im Schutz der Finsternis, erschienen die jungen Männer mit ihren Anverwandten und Bekannten aus den sieben armenischen Dörfern ringsum, wo sie sich bis jetzt versteckt gehalten, und sammelten sich in dem großen Garten, der zu dem Hause gehörte, das Manja für die Zeit ihres hiesigen Aufenthaltes gemietet hatte. Der Garten war von dem Hof durch eine hohe Mauer getrennt, und da Dr. Ohanian Manja, Viktor und Hoijer gebeten, sie möchten nicht eher in den Garten kommen, als bis alles zu der Feierlichkeit vorbereitet, so hatten sich die drei auch weiter nicht darum gekümmert. Nur wenn einer kam, um Sitzgelegenheiten bat oder um Salz, um Gläser, um Pfeifen und dergleichen, hatte man das Nötige herbeigeschafft, und es den Leuten willig überlassen.

Als nun endlich, gegen zehn Uhr, Dr. Spondarian erschien und die drei hinüberbat, waren namentlich Manja und Viktor von Gandern direkt aufgeregt, denn den ganzen Tag über waren sie immerzu daran erinnert worden, daß fünfzig junge, gesunde Menschen sich zu einem Todesgang rüsteten. Schon im voraus durchlebten sie diese Nachtstunden, in denen die Verwandten von ihnen Abschied nehmen würden. Wie mancher einzige Sohn mochte darunter sein, die einzige Stütze alter, müder Eltern. Auch manche Braut würde nun wohl weinen lernen um den Bräutigam, den sie voraussichtlich nicht wiedersah.

Mit laut pochenden Herzen traten sie durch die schmale Pforte, die vom Hof in den Garten führte, bedrückt von der inneren Schwere, von dem Ernst dieser Stunden. Aber wie anders fanden sie es, als wie sie erwartet hatten. An allen Bäumen hingen Lampions in allen Farben. Mehr wie ein Hochzeitsfest sah das aus, als wie eine Abschiedsfeierlichkeit. Die Bäume selbst waren geschmückt mit Bändern und kleinen Fähnchen in den armenischen Farben.

Kaum waren die drei auf den kleinen freien Platz getreten, der sich mitten im Baumgarten befand, hielt Dr. Ohanian eine kleine Ansprache, in der er die Leute aufforderte, die Gastgeber, die so freundlich ihren Garten zur Verfügung gestellt, woran sie, die Armenier, sehen könnten, daß es in Europa noch Leute gäbe, die es gut mit ihnen meinten, hochleben zu lassen. Manja, Viktor und Hoijer erschraken nicht wenig, als nun ein brausendes Hoch auf sie zu den Wipfeln klang. Ein Gefühl der Scham beschlich sie zugleich. Mein Gott, was hatten sie denn getan? Eine Kleinigkeit! Und dafür solche Dankbarkeit. Wie wenig Freundlichkeit mußten sie von den Europäern gewöhnt sein, daß sie dies so enthusiastisch aufnahmen.

Dann wandte sich Dr. Spondarian mit der Bitte an Manja, ob sie gestatte, daß die Leute nun ihre Tänze aufführten. »Tänze?« fragte Manja etwas verwundert. Dr. Spondarian lächelte. Er kannte ja Europa gut genug, um Manjas Verwunderung zu begreifen, daß man hier eine so gefährliche Sache, wie den Zug der jungen Leute nach der Türkei, mit Tänzen einleitete.

»Wir sind nicht in Europa, gnädiges Fräulein, das dürfen Sie nicht vergessen. Bei uns war es von alters her Brauch, unter Tänzen zum Krieg zu ziehen. Es hat auch wirklich sein Gutes, es feuert die Leute an.«

Nun bildeten die jungen Krieger mit ihren Anverwandten einen Kreis, in den zunächst Djanian, der Fürst von Karabach, trat und unter dem leichten Gesang der Verwandten und Freunde, während die anderen Krieger den Rhythmus mit den Händen klatschten, einen wilden, aber zugleich sehr graziösen Tanz aufführte. Bald traten andere, sozusagen angesteckt von dem Tanz, in den Kreis und wetteiferten mit dem Fürsten.

Manja sah Viktor an, und beide dachten in diesem Augenblick nicht ohne leichten Schmerz: »Wie fern sind wir doch diesen Menschen, trotzdem wir nun schon Wochen mit ihnen beisammen sind.« Dieser wilde Kriegstanz brachte ihnen auf einmal zum Bewußtsein, welche Kluft trotz aller Sympathien zwischen ihnen und diesem Volk gähnte.

Immer wilder wurde der Tanz, immer schneller der Rhythmus der klatschenden Hände, immer hastiger der Gesang aus all den Kehlen. Es ging ins Blut, das fühlten auch Manja und Viktor. Die Glieder strafften sich, der Körper empfand diesen rasenden, wilden, aufreizenden Rhythmus in allen Poren mit.

Plötzlich brach der Gesang, das Händeklatschen ab, jäh, unerwartet, und jeder der Tanzenden verharrte wohl eine halbe Minute in der Stellung, die er gerade eingenommen in dem Augenblick, da es still wurde. Etwas Schmerzhaftes lag in diesem plötzlichen Anhalten, es gab einen Ruck durch alle Glieder. Kaum aber war die halbe Minute vergangen, hub das Klatschen, Singen und Tanzen wieder an. Raffiniert war dies Einhalten, denn nun riß der Gesang, das Klatschen die Tanzenden, die Zuschauenden erst recht mit.

Hoijer konnte sich nicht länger halten, sprang auch in den Kreis und tanzte mit, was große Begeisterung hervorrief. Und wieder verstummte plötzlich alles, stand starr, wie aus Blei gegossen und doch in jeder Fiber schäumend. Aufs neue bewegten sich die Hände, die Kehlen, die Füße. Langsam, erst fast unmerklich, verlangsamten sich all diese Bewegungen, ebbten ab. Der Tanz war zu Ende. Ein großer Jubel erhob sich, einige ergriffen den Fürsten Djanian und trugen ihn auf ihren Schultern umher.

Eine ganze Weile standen die drei Europäer allein in der Lichtung. Dann bot Viktor Manja seinen Arm, den sie auch willig nahm, und sie gingen mit Hoijer der Richtung nach, von der her die Stimmen der Männer zu ihnen drangen.

Diesmal hatten sich alle um Dr. Ohanian geschart.

»Schneller, schneller!« flüsterte Hoijer. »Er hält eine Rede.«

Man beeilte sich und stellte sich zu den andern. Als Dr. Ohanian sie erblickte, verbeugte er sich leicht und fuhr in französischer Sprache fort, während Dr. Spondarian, der auf einen Wink von Djanian zu ihm getreten war, das folgende ins Armenische übersetzte. »Aber wir sind keine Barbaren,« fuhr Ohanian fort, »wir sind keine Heiden wir jene Kurden. Und das wollen wir beweisen. Wir werden unsere Feinde nicht martern und quälen, nicht durch List und Verräterei ihnen Fallen stellen. Wir werden offen kämpfen und keinem Gefangenen, keinem Weib, keinem Alten ein Leid zufügen, denn wir sind Christen!«

Laute Beifallsrufe unterbrachen den Sprecher. Als er geendet, vernahm man aber deutlich einen, der offenbar murrte. Ohanian errötete vor Zorn und rief: »Da ist einer, der nicht einverstanden ist mit meinen Worten. Er trete vor und sage es laut. Ich bin euer Führer, von euch selbst gewählt, mir habt ihr zu gehorchen, solange der Zug dauert. Mache ich Fehler, so zieht mich nachher zur Rechenschaft, aber solange der Zug dauert, verlange ich strikten Gehorsam. Wer schon jetzt nicht gehorchen will, der trete zurück von unserm Vorhaben, denn wenn wir diesen Garten erst verlassen haben, ist es zu spät, wird jeder, aber jeder, der mir nicht aufs Wort folgt, aufs schwerste bestraft, und gefährdet er dadurch unsere Sache oder unsere Ehre als christliche Nation, die auch im Feind den Menschen nicht vergißt, so wird er erschossen.«

Eine tiefe Stille herrschte. Langsam aber drängte sich aus den Reihen ein Mann hervor – es war derselbe, der vorhin gemurrt hatte – und trat dicht zu Djanian. Düster blickte sein Auge, das zugleich in wildem Feuer glühte, seine Fäuste umkrampften das Gewehr, das er keinen Augenblick von sich gelassen, während die Gewehre der andern in der Nähe der Pforte, die in den Garten führte, lagerten. Der Mann war nicht mehr jung, wohl der älteste unter denen, die bereit waren, auszuziehen. Finster blickte er auf seine Kameraden, auf Ohanian. Dann sagte er mit grollender Stimme: »Neun haben sie mir erschlagen, meinen Vater, meine Mutter, meine Frau, meinen einzigen Neffen, sein Kind und meine vier Kinder. Neun werde ich erschlagen. Wie sie mir taten, tue ich ihnen. Auge um Auge, Zahn um Zahn.«

Ohanian sah ihn eine Weile stumm an, als wolle er dem Mann Zeit geben, sich auf sich selbst zu besinnen. Aber düsteres Feuer loderte in den Augen des Mannes, der wieder anhob: »Neun waren es. Neun Leben fordere ich von ihnen. Es waren Frauen und Kinder darunter. Auch ich werde Frauen und Kinder nicht schonen, wenn es so sein soll.«

»Du wirst nicht mitziehen«, erwiderte Ohanian nun ruhig. »Du bist nicht würdig, mitzuziehen, denn nicht gemeiner Rache gilt unser Kampf.«

Alle schwiegen.

»So werde ich allein gehen,« entgegnete der Mann düster nach einer Weile, »und mich allein rächen. Neun erschlugen sie mir, neun der Ihren werde ich erschlagen und nicht eher ruhen. Dann habe ich meine Schuldigkeit getan und werde nach Hause gehen, zu sterben.« Wieder sah er von einem zum andern. Aber keiner sprach ein Wort. Da drückte der Mann sein Gewehr fester an sich und verließ stumm den Garten.

»Gelobt mir bei Ani, unserer heiligen Stadt, daß ihr wie Christen kämpfen werdet und nicht wie Barbaren und Heiden!« rief Ohanian laut.

Die Männer gelobten es, und aus ihrer Mitte trat der Priester, der gestern abend bei Manja mit zu Tisch gewesen, den sie bis jetzt nicht erblickt hatte, und sagte langsam: »Es ist alles bereit.«

Langsam begaben sich alle an das andere Ende des Gartens. Manja, Viktor und Hoijer folgten.

An der Gartenmauer war ein Altar errichtet worden. Mitten auf ihm lag eine alte große Bibel, daneben stand ein großes, geschlossenes silbernes Gefäß, es sah aus wie eine Büchse. Diese beiden Gegenstände waren flankiert von Dolchen und Schwertern. An den vier Enden des Altars brannten vier große Kerzen. Von ihm zu Boden hing eine große Fahne, in die das armenische Wappen gestickt war.

»Also auch hier diese unheimliche Verbindung von Mordinstrumenten und Kirche«, flüsterte Viktor unwillkürlich halblaut.

Alle bekreuzigten sich, als nun der Priester vor den Altar trat und ein Kapitel aus der Bibel vorlas.

»Er liest den 35. Psalm!« erläuterte Hoijer. »Herr, hadere mit meinen Haderern, streite wider meine Bestreiter, ergreife den Schild und Waffen und mache dich auf, mir zu helfen. So fängt dieser Psalm an, mit dem von alters her die armenischen Könige in den Krieg zogen.«

Feierlich klang die Stimme des Priesters, und als er geendet hatte, öffnete er die große silberne Büchse. Einzeln traten die jungen Leute mit ihren Anverwandten herzu, küßten die Bibel, die ihnen der Priester hinhielt, und nahmen dann aus seiner Hand eine kleines, befeuchtetes Stück Brot.

»Eine Abendmahlsfeier?« Hoijer nickte. »Aber es ist noch etwas Besonderes, Ergreifendes bei dieser Handlung. Sie erhalten nicht Brot und Wein getrennt, sondern jeder ein Stückchen im Wein angefeuchtetes Brot. In dieser Form pflegt man in der armenischen Kirche den Sterbenden das Abendmahl zu reichen.«

»Ein ergreifendes Symbol«, flüsterte Manja bewegt und sah starr auf die Leute, die fünfzig jungen Männer, die Väter, Mütter, Bräute und Geschwister, die mit ihnen dies Mahl der Sterbenden nahmen.

Totenstille herrschte während dieses Vorganges. Alle standen sichtlich unter dem Eindruck dieser so ernsten Handlung. Feierlich brannten die vier Kerzen an den Enden des Altars, ohne sich zu bewegen in der windstillen Nacht. Dann ging es ans Abschiednehmen. Wie die Hände der Greisin dort zitterten, als sie ihrem Sohn den Patronengürtel zurechtschob. Wie sorgsam jener alte Vater nach dem Brotbeutel seines Einzigen tastete, ob er auch gut gefüllt sei und nichts fehle. Hand in Hand zogen sich junge Eheleute, junge Brautleute zum letzten Abschied ein wenig aus dem Bereich der Kerzen zurück, um noch einen Kuß zu tauschen. Kein Wort wurde gesprochen, kein Seufzer wurde laut, kein Weinen ertönte. Nur die Augen waren feucht, die Hände zitterten ein wenig, wenn sie die Wangen, die Schultern liebkosten.

Da griff Dr. Ohanian zu einer kleinen Pfeife, die ihm neben dem Dolch hing. Schrill klang es durch den Garten, und sofort sammelten sich die jungen Männer. Er erteilte einen Befehl. Sie eilten zu der Pforte, wo ihre Gewehre lagen. Wieder ein schriller Pfiff, und sie standen in Reih und Glied. Leise, ohne daß noch ein Wort gesprochen wurde, verließen sie dann, immer je zehn auf einmal, den Garten. Mit dem letzten Zuge verabschiedeten sich auch Ohanian, Spondarian und Djanian von Manja, Viktor und Hoijer. Langsam, leise verließen nun auch die Verwandten und Freunde den Garten, indem sie sich tief vor Manja verneigten, die ihnen ja dies letzte Zusammensein möglich gemacht, denn nur in diesem Dorf Kalassar und nur unter dem Schutz eines von Europäern bewohnten Hauses war eine solche Feier möglich gewesen. An jedem anderen Orte hätte man stets befürchten müssen, von Persern überrascht zu werden.

Auch Manja, Viktor und Hoijer verließen jetzt den Garten, in dem schon hier und da die Lampions erloschen. Ohne daß sie sich verabredet hätten, begaben sie sich alle drei auf das Dach ihres Hauses. Vielleicht, daß man von da die Abziehenden noch einmal sehen konnte.

Lange standen sie dort oben stumm nebeneinander und spähten übers Land, das jetzt nicht mehr finster dalag. Der Himmel war wieder voller Sterne, die leuchteten. Aber man sah niemanden. Wie vom Erdboden waren die jungen Leute verschwunden. »Sie benutzten die zahlreichen kleinen Gebüsche, um unbemerkt fortzukommen«, meinte Hoijer. »Sie müssen auch vorsichtig sein, denn es lagern fünftausend Perser in der Nähe, die von diesem Zug natürlich nichts wissen dürfen.«

Die drei bemerkten, wie auch auf den andern Dächern ringsum Leute standen und Ausschau hielten. Kleine Feuer leuchteten nun auf den Dächern auf, um die sich die Hinterbliebenen und Freunde der Krieger niederließen. Jetzt sah man auch in der Ferne auf den Dächern der andern armenischen Dörfer diese Feuer. Alles wachte, sah den jungen Männern nach und gedachte ihrer und ihres Schicksals.

Plötzlich, ganz in der Nähe der drei, fingen die Frauen und Mädchen auf den Dächern leise an zu singen. Die Leute auf den andern Dächern fielen ein. Auch aus der Ferne vernahm man Gesang. Von Dorf zu Dorf ging er weiter. Auf allen Dächern der sieben armenischen Dörfer im Umkreis saßen die Übriggebliebenen um die kleinen Feuer und sangen, sangen das Lied von Ani, der alten Königsstadt, erfüllten die ganze Ebene unter dem strahlenden, funkelnden Himmel mit diesem Lied.

Manja stand und schluchzte. Helle Tränen liefen ihr bald über die Wangen. Es war erschütternd, dies Lied anzuhören. Wie ein Totengesang zog es langsam, feierlich klagend über das Land, erfüllte die ganze Luft, jede Pore mit seinem wehmütigen Schmerz.

Laut und eilig klopfte es auf einmal unten am Tor. Die drei sahen sich erschrocken an. Wer könnte das sein? Pochte ein Unglück an?

Leise verließen sie das Dach. Manja ging auf ihr Zimmer, Viktor und Hoijer aber begaben sich in die Halle auf dem Hof. Wieder pochte es. Lauter, noch eiliger. Hoijer ging selbst öffnen. Vor dem Tor stand, tief vermummt, eine weibliche Gestalt, die sich hastig durch den Torspalt in den Hof drängte und erleichtert aufatmete, als sie sah, wie Hoijer das Tor schnell wieder schloß.

Es war Minchen Schmidt, die aus dem Harem ihres Mannes entflohen war und nun hier Schutz suchte. Hoijer lachte laut, als all die Hüllen fielen und eine noch junge, frische Person mit strohblondem Haar errötend vor ihm stand. Er führte sie schleunigst zu Viktor, der, nachdem er sie begrüßt, meinte, ob sie nicht einfach hier bleiben wolle und Manja bedienen, bis sie alle nach Rußland zurückkehrten? Sie wollte schon, aber Hoijer machte ein bedenkliches Gesicht, und als er die junge Person in die Küche gebracht hatte, meinte er: »Ich halte Euern Vorschlag für gefährlich. Jeder Perser wird, wenn er von der Flucht erfährt, darauf raten, daß sie zu uns geflohen. Wir werden sowieso noch genug Schererei davon haben. Es braucht nur bekanntzuwerden, daß die Frau nach persischem Gesetz Mohammedanerin ist, der Mann braucht nur bald wiederzukommen und Lärm zu schlagen, und wir sitzen in einer höchst unangenehmen Situation.«

»Aber wir werden ja sowieso nicht mehr lange hier bleiben, nur noch ein paar Tage.«

»Immer noch lange genug, um große Unannehmlichkeiten zu erleben, größere, als Ihr es Euch träumen laßt. Am besten ist es, wir lassen Fräulein Manja herunterbitten.«

»Aber sie schläft vielleicht schon? Soll man sie deshalb stören?«

»Besser, sie schläft eine halbe Stunde weniger, als sie muß es in wenigen Tagen bitter bereuen, geschlafen zu haben.«

Da war sie wieder, diese in Viktors Augen fast unbegreifliche Vorsicht. Er begriff diese Ängstlichkeit einfach nicht, hatte er doch noch keine schlimmen Erfahrungen mit den Persern gemacht. Er hielt sie für feig und recht harmlos. »Was sollen sie uns denn tun?« meinte er. »Wir stehen unter dem Schutz unserer Gesandtschaften.«

»Das ist sehr schön und gut in einem zivilisierten Land. Aber hier, wenn die Bevölkerung erst einmal aufgehetzt ist, nützen uns wahrscheinlich zehn Gesandtschaften nichts, denn bis die mobil machen, sind wir längst massakriert.«

»Na, na, na!« beschwichtigte Viktor.

Aber Hoijer ruhte nicht eher, als bis Manja wieder erschien. Manja hatte die Sache schon früher nicht leicht genommen, sie hatte schon damals nicht zugeraten, irgend etwas zu tun, was ihre Lage hier gefährden konnte. Und wenn sie auch beschlossen hatte, sofort wieder nach Rußland zurückzukehren, sowie sie etwas Sicheres über den Ausgang des Zuges der Fünfzig gegen die Kurden wußte, so konnte das doch noch eine Woche dauern, und das war auch in ihren Augen eine lange Zeit.

»Mir macht es gewiß Spaß, den Persern ein Schnippchen zu schlagen«, warf Hoijer ein. »Ich bin auch sehr dafür, der jungen Person, zumal sie nun einmal bei uns ist, zu helfen. Aber ich rate dringend, sie möglichst schnell nach Tiflis schaffen zu lassen. Bleibt sie bei uns, ist die Gefahr immer da, daß sie bei uns entdeckt wird, und wir haben auch ohne sie genug auf dem Kerbholz.«

Man ließ den armenischen Koch rufen, der auch zuriet, möglichst schnell die Frau abschieben zu lassen. »Und zwar ist es am besten,« erklärte Hoijer, »sie geht als Mohammedanerin unter dem Schutz eines Mohammedaners. Er darf sie nicht fragen, nicht ansehen, er wird sie sicher über die Grenze bringen, ohne zu wissen, was eigentlich mit ihr los ist. Und zieht er, ein Mohammedaner, mit ihr, einer Mohammedanerin, durchs Land, so hat niemand darauf acht, vermutet niemand etwas dahinter. Sind sie erst unterwegs und schlägt dann ihr Mann Lärm, so können wir die Perser ruhig herkommen und alles durchsuchen lassen. Der Wahrheit gemäß können wir erklären: sie ist nicht bei uns.«

Der Koch kannte einen zuverlässigen Perser, der sowieso in den nächsten Tagen nach Eriwan wollte. So beschloß man denn, ihm die Frau mitzugeben.

Hoijer begleitete den Koch in die Küche. »Du sagst dem Perser, sie sei für den Harem des reichen persischen Kaufmanns Jussuf ben Raschid in Eriwan bestimmt, sie wisse aber selbst noch nichts von dieser Bestimmung. Er wird dann schon auf der Hut sein, schon weil er reichlichen Lohn erwartet, wenn er die Frau glücklich abliefert. Ist sie aber erst einmal auf russischem Gebiet, wird es ihr ein leichtes sein, sich zu retten, sie braucht nur zum ersten besten russischen Popen zu gehen. Unser Perser hat das Nachsehen und muß das Maul halten, damit er nicht noch Unannehmlichkeiten hat.« Der Koch nickte verständnisinnig. »Daß du davon aber nichts der Herrin oder dem jungen Herrn sagst!« fuhr Hoijer fort. »Sie würden das nicht zugeben, sie sind noch nicht lange genug hier, um das zu verstehen.« Der Koch nickte und schmunzelte befriedigt, daß er ins Vertrauen gezogen wurde.

»Ich verlasse mich also auf dich!« wiederholte Hoijer nochmals. »Machst du deine Sache schlecht, du weißt, ich brauche nur ein Wort mit Dr. Ohanian oder einem von seiner Partei zu reden.« Der Koch nickte eifrig. Er wußte, wie gut Herr Hoijer mit den Hendschakisten, dieser Gruppe der Jungarmenier, stand, und wie die wenig Federlesens mit ihm machen würden, wenn diesen Europäern durch seine Schuld ein Unglück zustieß. Derweil saßen Manja und Viktor in der Halle, und weil sie sich immer beengt fühlten, wenn sie allein zusammen waren, so wußten sie auch jetzt nicht recht, worüber sie reden sollten. Und doch hätte Viktor so viel zu sagen gehabt, und es brannte ihm auf der Seele, ihr sein Herz auszuschütten. Aber immer wieder schreckte er davor zurück.

Manja fühlte deutlich, was in Viktor vorging. Nur das nicht! Sie marterte ihr Gehirn, aber es wollte ihr absolut nichts Harmloses, Unverfängliches einfallen.

»Ich, ich muß Ihnen ...«

»Sehen Sie nur, wie schön die Sterne sind«, fiel Manja hastig ein.

»Ja. Und ich, Manja, ich ...«

»Wie viel wird man bei Ihnen zu Hause an Sie denken, wie wird sich Ihre Mutter sorgen, wenn sie erfährt, wo Sie sind.«

»Aber sie wird mich verstehen, wenn sie erfährt, weshalb ich ... Manja!« rief Viktor. »Sie dürfen mir nicht länger ausweichen, Sie müssen längst gesehen haben, weshalb ich hierher kam.« Er brach ab, weil ihm das Herz so heftig klopfte. Aber da er sah, daß Manja ihn unterbrechen würde, wieder auf etwas anderes kommen würde, fing er hastig wieder an. »Manja, sagen Sie mir, lieben Sie Herrn von Rohden? Ich beschwöre Sie, sagen Sie mir das!«

Manja sah ihn einen Moment lächelnd an. Dann erwiderte sie: »Das will ich Ihnen gerne sagen. Nein.«

»Nein? Nein!« jubelte Viktor.

»Ich liebe überhaupt niemanden.« Viktor sank auf seinen Stuhl zurück, von dem er schon halb aufgesprungen war. »Nur meine Aufgabe, die ich mir gestellt, die liebe ich in dem Sinne, wie Sie es meinen.'' Es sollte sehr kühl und scharf klingen. Aber es klang ganz anders. Es zitterte etwas dabei in ihrer Stimme, es klang unsicher. Und wie rot sie plötzlich geworden war.

Wieder sprang Victor auf. »Nein, nein, es kann nicht sein, Ihre eigene Stimme widerspricht Ihren Worten!«

»Es ist alles in Ordnung, der Koch macht heute noch den Perser ausfindig, der die junge Person über die Grenze bringt«, rief Hoijer vom Hof den beiden zu. »Hol's der Teufel!« entfuhr es Viktor. Daß er auch gerade jetzt stören mußte. Kaum aber hatte Manja Hoijers Stimme gehört, war sie wieder ganz gefaßt.

»So sprechen Sie nicht wieder zu mir, Herr von Gandern. Ich bitte ernstlich darum. Sie würden mich sonst zwingen, dies Haus zu verlassen. Ich, ich mag die Männer nicht, die mich lieben! Ich, ich bin sie leid, satt, sie sind mir unerträglich. Seit Jahren verfolgen sie mich, stören mich, ärgern mich, behindern mich!« Zitternd stand sie vor ihm, ihre Stimme bebte vor Erregung.

Viktor wurde auf einmal merkwürdig ruhig. Weshalb war sie so aufgeregt? Wenn es sich wirklich so verhielt, brauchte sie sich ja nicht zu erregen, so außer sich zu geraten. Er war auch aufgestanden, er wollte gerade näher auf sie zutreten, da tauchte Hoijer in der Halle auf. Hastig erregt flüsterte er Manja zu: »Ich glaube Ihnen nicht!«

»Wie können Sie?«

»Ich glaube Ihnen nicht, nein, nein!«

Manja wandte sich ab und verließ die Halle. Hoijer sah ihr einen Moment nach. »Was ist denn geschehen?« Er blickte auf Viktor, der bleich, erregt, kaum seiner selbst Herr, dastand. »Ich habe wohl gestört?« fragte Hoijer leise, vorsichtig, und blinzelte mit den klugen Fuchsaugen.

»Ich bitte Sie, ignorieren Sie das. Es ist nichts geschehen«, erwiderte Viktor und ließ sich wieder auf den Sessel fallen, indem er sein Gesicht etwas abkehrte, so daß der Lichtschein es nicht mehr traf.

Hoijer setzte sich hin und erklärte ausführlich, um Viktor Zeit zu lassen, sich wieder völlig zu beruhigen, und umständlich, wie Minchen Schmidt, wenn alles gut ginge, schon morgen früh unterwegs sein könnte.

Er ist wirklich ein anständiger Kerl, dachte Viktor, daß er mir so über die vertrackte Situation weghilft. Er streckte ihm schließlich die Hand hin. »Ich danke Ihnen. Aber jetzt denke ich, gehen wir auch schlafen.«

Hoijer erhob sich bereitwillig. Als die beiden durch den Hof gingen, wo es dunkel war, legte Hoijer plötzlich eine Hand auf Viktors Schulter und sagte: »Baron, ich bin so viel älter als Sie, auch habe ich die europäischen Sitten und Unsitten abgetan, deshalb sage ich Ihnen jetzt doch noch etwas. Ich weiß, daß sie eine Zuneigung zu Euch gefaßt hat, denn sie ist stets unruhig, wenn Ihr abwesend seit, und macht sich Sorge, es könnte Euch etwas zustoßen. Ihr sonst so strenges Gesicht wird weich und ängstlich. Ich habe es oft genug beobachtet. Erst wenn Ihr wieder da seid, tut sie, als ginget Ihr sie gar nichts an. Sie weiß es wahrscheinlich selbst nicht, wieviel sie an Euch denkt. Jedenfalls gesteht sie es sich noch nicht ein, kämpft sie dagegen, denn sie ist stolz, sehr stolz.« Hoijer seufzte leicht. »Ihr gehört zusammen, das kann ein Blinder sehen. Aber laßt ihr noch Zeit, verderbt nichts durch Voreiligkeit, und jedenfalls, Ihr könnt Eurer Sache sicher sein. Ein alter Fuchs wie ich hat Augen.«

Die Hand glitt von Viktors Schultern, und ehe er etwas erwidern konnte, war Hoijer auch schon wieder verschwunden.

Als Manja am andern Morgen in den Hof trat, nachdem sie erst von ihrem Fenster nach allen Seiten ausgespäht, ob Viktor auch nicht in der Nähe, war Minchen Schmidt schon unterwegs nach Tiflis mit ihrem Perser. In der Halle aber saßen neben Hoijer zwei Menschen, Europäer, ziemlich abgerissen, aber entschieden Europäer, die sie aber nicht kannte. Wo kommen die denn her? fragte sie sich und näherte sich verwundert der Halle. Sofort sprangen die beiden auf, rissen die Mützen vom Kopf und verbeugten sich. »Ich heiße Sie nämlich Bimmrig mit'n weichen B und stamme aus Dräsden in Sachsen«, stellte sich der eine, ein kleiner dürrer Herr mit einem mageren Ziegenbärtchen vor. »Un ich stamme aus Jäna«, fiel der andere, ein runder kleiner Herr mit einer goldenen Brille, ein. Manja lächelte, setzte sich und bat die Herren, wieder Platz zu nehmen. »Wir sin so frei«, sagte Herr Bimmrig für seinen Freund, der Zwieback hieß, was er in der Eile vergessen hatte zu sagen.

Nun erschien auch Viktor. Wieder sprangen die beiden Sachsen auf, schwangen die Mützen und stellten sich vor. Viktor mußte laut lachen. »Ja, wo kommen Sie denn her?«

»Wir gommen Sie nämlich aus Indijen«, versetzte Herr Bimmrig.

»Was, aus Indien?«

»No freilich. Wir sin nämlich Inschenjäre«, erklärte Herr Zwieback. »Wir haben in Indijen eene Bahn chebaut.«

»Und als wir fert'ch warn, sage ich zu meinem Freind Zwieback, Zwieback, sage ich, gehn wer een Haus weit'r. Ei Herrjäses, sagt mein Freind Zwieback, wohin denn? Nu, sage ich, ich habe chehört, in Konja in der Derkei, da baun se.«

»Nu härn Se,« unterbricht ihn Herr Zwieback, indem er seine Teetasse niedersetzt, aus der er eben einen großen Schluck genommen, während Herr Bimmrig die Gelegenheit benutzt, ein mächtiges Stück Käse in den Mund zu schieben, »ich sage also zu mein Freind Bimmrig, Bimmrig sage ich, goofen wer uns eenen Mauläsel. Das ist billig und hat Platz genug fir uns, reiten mer durch Persijen nach Konja.«

»Nu äben«, ergreift wieder Herr Bimmrig das Wort. »So reiten wir denn nu los. Un als wir nach Däbris gommen, sagt der Konsul: Härn Se, in Kalassar sind Deitsche. Nu, sage ich, wir wer'n se nicht verfählen.«

»Un so gommen wir auf unsern Mauläsel hierher«, fuhr Herr Bimmrig fort.

Manja lachte, Viktor lachte, Hoijer lachte. Die beiden Sachsen schmunzelten und ließen es sich schmecken.

»Und ganz ohne Waffe?« fragte Hoijer.

»Nu äben! So dhut eenen niemand was.«

»Aber Ihr Geld?«

Herr Zwieback schmunzelte »Das liegt auf der englischen Bank. Wir werden doch keen Geld durch Persijen mitnehmen? Een Mauläsel find't überall was.«

»Un 'ne Bemme un een Stick Hammel gäben de Leite gerne«, meinte Herr Bimmrig. Und wieder aßen und tranken sie und ließen sich's wohl sein, daß die Gastgeber aus der Heiterkeit über die beiden nicht herauskamen.

»Härn Se, ha'm Sie aber een Gäse«, rief plötzlich Herr Bimmrig aus und hob enthusiastisch auf seinem Messer ein großes Stück Schafkäse in die Höhe.

»Gott verdamm'ch! Der Guhgäse bei uns in Sachsen kann nicht besser sein.«

Als sie gegessen und noch ein wenig geplaudert hatten, bedankten sie sich und bestiegen wieder ihren Maulesel, denn sie hatten es eilig, daß sie nur ja nicht zu spät kämen nach Konia zum Bahnbau.

Lange sahen die drei den beiden nach. Dann mußte Hoijer wieder laut lachen, schlug sich auf die Knie und meinte: »Nein, die Deutschen, die Deutschen! Ein zu sonderbares Volk! Sollte man es für möglich halten? Diese zwei Sachsen, da reisen sie seelenvergnügt durch Persien, als wäre es nichts, reden ihr Sächsisch, als kämen sie direkt aus Leipzig oder so, freuen sich einfach ihres Lebens, so lange es dauert.«

»Und bleiben helle Sachsen ihr Leben lang«, fiel Viktor ein.

Kaum hatten sie sich wieder ins Haus begeben, stürzte unter großer Aufregung der armenische Koch zu Herrn Hoijer und berichtete ganz atemlos, daß er eben auf dem Bazar erfahren, Minchen Schmidt sei nicht mehr auf dem Weg nach Rußland, sondern der Perser, ihr Begleiter, habe sie erkannt, denn er war unglückseligerweise der beste Freund ihres Mannes, der einzige Perser, der sie je gesehen. Er habe ein großes Geschrei erhoben und die Frau nach Choi, der mohammedanischen Hauptstadt des Bezirks gebracht, und zwar gleich in das Haus des obersten Molla, der sie in den Tempel gesperrt, woraus sie niemand rauben dürfe, da der Tempel ein heiliger Ort ist.

»Da haben wir die Bescherung!« schimpfte Hoijer.

Der Koch war ganz außer sich vor Aufregung und Angst. Der Perser habe dem Molla alles erzählt, die ganze mohammedanische Stadt sei in Erregung, weil diese Hunde, die Christen, eine Mohammedanerin gestohlen.

»Da haben wir die Bescherung!« wiederholte Hoijer, grimmig auflachend. »Das kann nett werden!«

Er eilte sofort zu Manja, ließ auch Viktor rufen und erzählte, was vorgegangen.

»Hier kann uns nur eins vor größeren Unannehmlichkeiten bewahren,« meinte Hoijer, »nämlich Unverschämtheit. Wir müssen den Persern zuvorkommen, den Spieß umdrehen, auf der Stelle die Freigabe der Person verlangen, die widerrechtlich gefangen gehalten. Frech, frech, das ist das einzige, was jetzt nottut. Wir reiten gleich nach Choi mitten unter die Gesellschaft, begeben uns zum Statthalter, es ist ein durchtriebener aber feiger Mensch, weil er viel auf dem Gewissen hat, wir verklagen ihn vor ihm selber und erklären, daß es ihm den Kopf kostet, wenn er die Frau dem Molla nicht entreißt, uns wieder verschafft.« Hoijer lachte, lachte wie ein Kind vor Vergnügen. Jetzt, wo die Gefahr da war, hatte er gar keine Angst mehr, sprudelte er nur so vor Eifer und Begierde, an den Feind, nach Choi, zu dem Statthalter, zu kommen.

»Ist es nicht doch zu gewagt?« warf Manja ein.

»Lassen wir die Mohammedaner nur noch einen Tag lang von ihren Mollas aufgehetzt werden, nur noch vierundzwanzig Stunden lang, dann können wir etwas erleben. Ich garantiere für nichts, denn wenn etwas gefährlich ist in Persien, so sind es die Priester, die Mollas. Und vergessen wir nicht, hier in nächster Nähe liegen fünftausend persische Soldaten. Auch das will in Betracht gezogen werden. Auch sie lassen sich zur Not für einen Kreuzzug gegen die Christen begeistern.«

»Telegraphieren wir an den deutschen Gesandten nach Teheran«, meinte Viktor.

Hoijer lachte laut. »Was hilft das? Bestenfalls schickt er ein Telegramm an den Statthalter, er hafte mit seinem Kopf für uns. Aber der hat inzwischen längst seinen Kopf verloren, ich meine das natürlich bildlich. Er wird nichts machen können, er ist wehrlos gegen die Mollas. Und in deren Augen gibt es kein schwereres Verbrechen als das, was wir angeblich begangen haben, indem wir Minchen Schmidt zur Flucht verhalfen.«

»Hätten wir uns doch nicht darauf eingelassen«, seufzte Manja. Aber sofort schämte sie sich dieses Seufzers. »Verzeihen Sie«, wandte sie sich an Hoijer, »es war nicht so wörtlich gemeint. Ich meine nur, ich wäre froh, dies hätte vermieden werden können. Selbstverständlich hätte ich mich ebenso wie Sie einer so armen Person angenommen, wenn sie mich um Hilfe bittet.« Aber Manja seufzte wieder und sah heimlich und voll Sorge auf Viktor.

»Also gehen wir!« sagte Viktor und stand auf.

»Genügt es nicht, wenn Sie zunächst allein gehen?« meinte Manja zu Hoijer.

Hoijer konnte ein leichtes Lächeln nicht ganz unterdrücken. »Leider nützt das nichts. Sehen Sie doch nur Herrn von Gandern an. Er ist noch einhalbmal so lang wie ich. Das imponiert den Persern, die den Menschen, namentlich den Europäer, nach dem Gewicht beurteilen. Auch wissen Sie selbst, daß Herr von Gandern ein ganz anderes, viel vornehmeres Auftreten hat als ich alter, verorientalisierter Schwede, der selbst schon halb zum Kurden geworden.«

Manja lächelte leicht, halb verlegen, indem sie ihre Augen über Viktors Gestalt gleiten ließ. Sie sah nicht, was für ein Gesicht Hoijer dabei machte.

»Dann also vorwärts!« sagte Viktor und erhob sich.

»Ganz so einfach ist die Geschichte freilich nicht«, warf nun wieder Hoijer ein. »Vor allem müssen wir möglichst imponierend auftreten. Und dazu gehört Dienerschaft. Je mehr Diener, um so vornehmer. Vier müssen wir mindestens haben.«

»Ja, aber woher nehmen?«

»Das ist sehr einfach, der Koch und ein paar andere Armenier müssen mit. Die Frau des Kochs aber muß schleunigst große Knöpfe auf vier Röcke nähen und auf die Achseln ein paar Schnüre, und die Livree ist fertig.«

Viktor lachte. »Das ist ja der reine Karnevalsscherz!«

»Für Eure Augen vielleicht, aber nicht für persische.«

So wurden denn also die Frau des Kochs und noch eine Frau zur Arbeit gerufen, derweil Hoijer in die Nachbarschaft ging, sich ein paar Leute auszuborgen, die auch sofort bereit waren, schon aus Dankbarkeit gegen die Europäer, die ihnen so manche Freundlichkeit und Wohltat erwiesen. Selbst Manja griff, als Hoijer drängte, mit zu, und in zwei Stunden prangten vier Leute in Livree. »Wenigstens kann man sie hier in Persien dafür halten!!« warf Hoijer ein, als Viktor ein kritisches Gesicht dazu machte.

»Und Ihr,« wandte sich Hoijer an Viktor, »Ihr schnallt Euch den größten Patronengürtel um, auch einen Säbel, steckt recht sichtbar einige Pistolen in den Gürtel, zieht Eure höchsten Stiefel an, und in die Hand nehmt Ihr die schwerste Reitpeitsche, mit der Ihr getrost deutlich und ungeduldig, herrisch Euch wider die Reitstiefel klopft, wenn der Statthalter Ausflüchte macht. Ihr seid überhaupt ein großer, mächtiger Herr für heute, den wir alle nicht wenig fürchten, versteht Ihr?«

»Eine nette Rolle habt Ihr mir da zugedacht!«

»Denkt nur immer daran, es gilt den Spieß umzukehren, den Statthalter zu verblüffen und in Schrecken zu jagen.«

Währenddessen ritten die sechs rüstig fürbaß, und Hoijer war so guter Dinge, sprudelte von Scherzen und amüsanten Erzählungen aus seinem langen orientalischen Leben, daß es weder Viktor noch den vier Armeniern zum Bewußtsein kam, wie diese Reise doch einen recht ernsten Hintergrund hatte, nicht ein Vergnügungsausflug war.

Nach zwei Stunden näherte man sich den Toren von Choi. »So,« sagte Hoijer und wurde ernst, »nun bitte, ganz so verfahren, wie ich es sage, denn nun wollen wir nicht vergessen, daß unsere Aufgabe doch nicht so ganz einfach ist, daß nur Geistesgegenwart und Dreistigkeit uns helfen kann.« Er wandte sich an die Armenier: »Ihr und ich, wir haben fortan nichts zu tun, als die größte Ehrfurcht vor dem Herrn zu zeigen. Schon dadurch muß er dem Statthalter imponieren. Und wenn wir die nächsten zehn Minuten hinter uns haben, also dem Stadttor ziemlich nahe sind, dann in kurzem Galopp vorwärts und nicht rechts und links schauen, bis wir vor der Statthalterei angelangt sind, und ja alles beiseitestoßen, was uns in den Weg kommt. Das ist Sitte bei vornehmen Leuten. Ihr zwei reitet dem Herrn zur Rechten und Linken, ich reite ihm voran, ich weiß den Weg zur Statthalterei, und ihr beiden andern, ihr haltet euch hinter dem Herrn. So, und nun los!«

Hoijer setzte sein Pferd in kurzen Galopp, die andern folgten, und die fünf begannen, als sie dem Stadttor nahe waren, wie auf Kommando zu schreien: »Abbadah! Abbadah! Es kommt ein großer Herr, Platz, Platz!«

Am Stadttor liefen die Leute zusammen, aber rücksichtslos stießen die Diener sie beiseite. Ein Torwächter sprang vor, aber Hoijer hieb ihm mit der Reitpeitsche über den Arm und schrie ihn an: »Abbadah! Abbadah! Es kommt ein großer Herr!« Die vier andern schrien sofort mit. Und weiter ging es in kurzem Galopp. »Seht Ihr den da springen?« wandte sich Hoijer an Viktor, der seine Not hatte, ernst zu bleiben. »Er springt schon eiligst zum Statthalter, um ihm den großen Herrn zu melden.« Man kam an den Bazar, und wenn man nicht alles einfach über den Haufen reiten wollte, so voll war es, mußte man schon in Schritt fallen. »Dumm, zu dumm!« rief Hoijer Viktor zu. »Daß es auch gerade so voll hier sein muß, daß es keinen andern Weg gibt für uns. Aber nur nicht langsam, immer die Gäule anhalten, daß sie schnell weiterkommen.«

»Abbadah! Abbadah!« schrien wieder die fünf und stießen alles aus dem Weg. Wütende Schimpfworte folgten ihnen, aber man sprang instinktiv zur Seite. Allah mochte wissen, wer diese Fremden waren, die da so groß taten. Möchten sie alle, all diese Fremden bald in der Hölle brennen!

Kaum war man durch die Bazargasse, trieb Hoijer wieder sein Pferd an, und wieder ging es in kurzem, scharfem Galopp durch die mohammedanische Stadt, bis man endlich sich vor der Statthalterei befand. Hoijer sprang aus dem Sattel, die vier Armenier ebenfalls, alle fünf verneigten sich tief, während Viktor zur Erde sprang. »Daß Ihr mir ernst bleibt!« flüsterte Hoijer ihm zu. »Jetzt gilt's!« Plötzlich sprang er einen Schritt zurück, ergriff einen jungen Perser und schlug ihn um die Ohren, daß es nur so klatschte. Er hatte den Menschen schon seit einigen Sekunden im Auge und bemerkt, wie giftig er Viktor musterte. Gerade als er sich bückte, einen Stein aufzuheben, um ihn gegen Viktor zu schleudern, sprang Hoijer herzu, packte ihn an der Gurgel und ohrfeigte ihn. Sofort waren auch die vier Armenier zur Hand, hielten den Perser fest und machten Miene, ihn mitzuschleppen in die Statthalterei. Als das der Perser sah, fing er kläglich zu wimmern an, bat und flehte, man möge ihn loslassen, er habe gar nicht den Stein schleudern wollen, es hätte nur so ausgesehen, es sei der reine Zufall, daß er sich gebückt habe. Hoijer gab ihm noch einen Puff. Kaum fühlte der Perser, daß man ihn losließ, sprang er eiligst von dannen und verschwand. Die beiden Soldaten aber, die am Eingang des Tores standen, das zum Hof der Statthalterei führte, verbeugten sich tief vor Viktor, als er sich, umgeben von seinen fünf Dienern, ihnen näherte. »Seht Ihr, wie Euch das Respekt verschafft? Ihr haltet mich wahrscheinlich für roh, daß ich so grob mit dem persischen Bengel verfahren bin, aber es geht nicht anders«, flüsterte Hoijer und trat auf den einen Soldaten zu, um ihn zu fragen, wo der Statthalter sei, den sein Herr sofort sprechen müsse. Der Soldat antwortete, der Erhabene befinde sich im Weingarten und spreche Recht. Er wies dabei mit der Hand zu einem andern Tor, das in den Weingarten führte. »Ich werde Euch anmelden, Ihr wartet hier solange mit den vieren«, erklärte Hoijer und entfernte sich in der genannten Richtung. Während er fort war, sah Viktor, wie sich am äußeren Tor immer mehr persisches Volk ansammelte und ihn neugierig anstarrte. Es mußte wohl ein sehr großer Herr sein, daß er es wagen durfte, dem Erhabenen so einfach ins Haus zu fallen, dachten sie und rieten hin und her, wer es wohl sein könne. Aber in den Blicken, die ihn musterten, lag nicht nur Neugier, sondern auch verhaltene Wut darüber, daß ein Fremder, ein Christ, hier so auftreten durfte. Verschlagen, spitzbübisch waren die Gesichter, verzerrt von Leidenschaft und Haß gegen die Fremden. Mit denen mehr zu tun zu haben, in deren Hände zu fallen ... Viktor schüttelte sich leicht. Ein unangenehmes Gefühl beschlich ihn bei ihrem Anblick. In den Augen dieser Leute funkelte manchmal etwas von der Feigheit und gefährlichen Hinterlistigkeit der gefräßigen, häßlichen Hyänen.

Hoijer erschien wieder und geleitete Viktor durch das zweite Tor, in dem einige Soldaten lagerten. Kaum hatte Viktor, Hoijer vor sich, die vier Armenier hinter sich, das Tor passiert, erblickte er einen ganzen Trupp Soldaten, die eine Reihe abgerissener Menschen umzingelten. »Die, die gerichtet werden sollen«, erklärte Hoijer. »Leider ist der Statthalter nicht allein, sondern der türkische Konsul von Choi ist bei ihm, ein Fuchs, wir müssen nun doppelt auf der Hut sein.«

Nach wenigen Schritten erblickte Viktor einen kleinen Tisch, um den zwei Leute saßen, während sich hinter ihnen, zwischen den Weinstöcken, Soldaten niedergelassen hatten. Es waren der Statthalter und der türkische Konsul. Beide Herren erhoben sich jetzt. Der Statthalter verneigte sich leicht und lud Viktor mit einer Handbewegung ein, Platz zu nehmen an dem Tischchen, während der türkische Konsul rasch auf Viktor zusprang, ihm die Hand schüttelte und in mäßigem Französisch seiner Freude Ausdruck gab, daß es ihm vergönnt sei, heute noch einen Europäer begrüßen zu dürfen. Viktor dankte. Es fiel ihm aber auf, wie der Gesichtsausdruck des persischen Statthalters, der kein Französisch verstand, mißtrauisch wurde, und wie seine Augen unruhig zwischen dem Türken und Viktor bin und her gingen, als wittere er eine Beziehung zwischen den beiden. »Ich bitte Euch, ignoriert den Türken möglichst,« sagte Hoijer deutsch, »er geht uns nichts an, ist eine Kanaille, und es verdirbt nur unsere Situation, wenn Ihr mit ihm viel redet, denn der Perser, mißtrauisch, wie sie alle, wittert sofort einen türkischen Verrat dahinter.«

»O' spreken deutsch?« rief der Türke und sah verzückt gen Himmel. »Wir lieben deutsch, Deutsche sehr gutt für uns.« Er lachte behaglich. »Türkische Armee deutsch, ganz deutsch.«

»Laßt den Schwätzer!« tuschelte Hoijer. Viktor wandte sich an den persischen Statthalter und ignorierte den Türken nach Kräften, trotz der Anstrengungen, die dieser machte, den Fremden für sich zu interessieren und an seine Gespräche zu fesseln.

»Sagt dem Statthalter, ich freue mich in der Tat sehr, ihn so kurz vor meiner Abreise kennenzulernen«, bat Viktor Hoijer.

»Das werde ich schon sagen, aber auf persische Manier, denn wenn ich es einfach übersetzte, würde der Perser über Eure Unhöflichkeit sofort vom Stuhl fallen.«

Der türkische Konsul hörte sehr aufmerksam zu, was Viktor auffiel, als Hoijer nun eine lange Rede vom Stapel ließ, mindestens zwanzigmal so lang als die Worte, die Viktor ihm gesagt hatte.

Der Perser lächelte höflich, verneigte sich gegen Viktor und erwiderte ebenso lange. »Er läßt sich bedanken,« übersetzte Hoijer kurz, »auch er freut sich.«

»Ich finde es wunderschön hier«, meinte Viktor. Wieder hielt Hoijer eine lange Rede, die dem Statthalter sichtlich schmeichelte.

Während ein Diener Tee brachte und Zigaretten anbot, meinte Viktor: »Nun möchte ich eigentlich zur Sache kommen.«

»Um Gotteswillen, wo denkt Ihr hin. So schnell geht das nicht!« sagte Hoijer. »Solange der Türke hier ist, reden wir überhaupt nicht davon. Inzwischen werde ich ihm aber einiges vorreden, wie mächtig und groß und erhaben und reich und eine wie wichtige Persönlichkeit Ihr in Europa seid.«

»Das ist ja gar nicht wahr, Ihr dürft doch nicht so lügen.«

»Schadet nichts. Ihr müßt jetzt mächtig und erhaben sein, also seid Ihr's.«

Viktor konnte sich eines Lächelns nicht enthalten, während Hoijer wieder zu reden anfing. Was war er denn wirklich? Ein Dragonerleutnant auf Urlaub. Nichts weiter, verflucht wenig im Grunde gegenüber diesem Perser, selbst gegenüber diesem Türken.

»Vor allen Dingen seid Ihr Europäer«, sagte Hoijer, seine Rede an den Perser unterbrechend, als hätte er Viktors Gedanken erraten. »Und Ihr könnt mir glauben, der simpelste Europäer ist so viel mehr als der hochgestellteste Orientale, wie Ihr es Euch gar nicht vorstellen könnt.«

Während Hoijer wieder zu dem Perser sprach, hatte Viktor Gelegenheit, die beiden Mohammedaner etwas genauer zu mustern. Wie verschieden sie waren. Der Türke untersetzt, dick, brutal, ordinär in seinem ganzen Habitus. Er gab sich zugleich aber so offen, lachte so viel, war gefällig, daß Viktor dennoch eine gewisse Sympathie für ihn empfand. Ganz anders der Perser. Auch nicht viel über Mittelgröße, aber schlank, schmal, zurückhaltend in allen Gesten und im Gebärdenspiel. Aber vornehm, überaus vornehm in allem. So recht der Sproß einer alten Kultur. Am meisten bewunderte Viktor seine Hände, die so überaus wohlgepflegt und zart waren, wie Frauenhände fast. Der Türke, das war der aufstrebende, ordinäre Barbare neben dem letzten Sprößling einer absterbenden, alten Rasse. Endlich empfahl sich der türkische Konsul, nachdem er vorher noch Viktor dringend gebeten, ihn doch auch einmal zu besuchen. Er blinzelte dabei vielversprechend mit den Augen. »Elles sont très belles, mes bonnes camarades!« Da der persische Statthalter ihn ein paar Schritte begleitete, hatte Hoijer Zeit, Viktor zu erklären, daß es jetzt aus einer andern Tonart gehen würde, daß er bis jetzt nur deshalb so freundlich und liebenswürdig gewesen, um den Perser nicht vor dem Türken herabzusetzen, was eine Dummheit gewesen und ihrer Sache nur geschadet hätte.

Kaum hatte der Perser wieder Platz genommen, ging Hoijer direkt auf sein Ziel los und erklärte, weshalb sein erhabener Herr hierher gekommen. Es sei ein Verbrechen, daß ein Mohammedaner eine Christin, noch dazu eine russische Untertanin, gestohlen.

»Was? Russin?« Der Statthalter tat sehr erstaunt.

»Jawohl, Russin.« Es sei ein Verbrechen, daß sie der Perser so lange gegen ihren Willen bei sich behalten. Das dritte und größte Verbrechen aber wäre, daß man sie seinem Herrn, der ein sehr großer Herr sei, wie man ihm wohl ansehe, wieder geraubt, als er sie nach Rußland zurückführen lassen wollte, wohin sie gehöre als Russin.

Hoijer unterbrach sich in seiner Rede und fragte Viktor: »Sagt, kennt Ihr irgend jemand, der dem russischen Hof nahesteht?«

»Warum denn?«

»Weil es wichtig ist.«

»Ich wüßte niemand«, erwiderte Viktor. »Freilich«, als wir klein waren, haben wir manchmal in Darmstadt zusammen gespielt ...«

»Wer?« fragte Hoijer interessiert.

»Die Kaiserin und ich.«

»Was? Das ist ja prächtig! Und das habt Ihr mir nicht gleich gesagt? Jetzt sollt Ihr einmal sehen, wie der Perser klein werden wird, denn vor Rußland haben sie einen Heidenrespekt.«

Hoijer wandte sich wieder dem Statthalter zu, der aufmerksam von einem zum andern geblickt. Er hätte etwas darum gegeben, wenn er verstanden, was diese beiden miteinander redeten.

»Mein Herr sagt mir soeben,« hub Hoijer wieder an, »daß, wenn die Frau nicht bis morgen wieder bei ihm wäre, er an die russische Kaiserin depeschieren würde, die mit ihm von Jugend an befreundet ist.«

Der Perser wäre fast aufgesprungen vor Schreck. Aber er beherrschte sich und fragte nur nochmals, als hätte er nicht richtig verstanden: »Der Hohe und Erhabene kennt die Kaiserin?«

»Sie sind Freunde von Jugend an. Ich habe sie oft genug in Petersburg, in Moskau zusammen gesehen.«

»Mir scheint, Ihr lügt da irgend etwas. Ihr redet von Petersburg, der Kaiserin und mir«, warf Viktor ein. »Ich war nie in Petersburg und habe die Kaiserin seit den Tagen, da sie eine kleine hessische Prinzessin war, nie wieder gesehen.«

Ein Glück, daß der Perser nicht deutsch versteht, dachte Hoijer, laut aber sagte er: »Macht lieber ein böses, ungeduldiges Gesicht und klopft Euch mit der Peitsche auf die Stiefel, daß es klatscht.«

Viktor machte einen schwachen Versuch, zu tun, was Hoijer riet. Aber es fiel nicht allzu arg aus.

Der Statthalter winkte hastig einen Diener herbei, der neu einschenken mußte. Dann schickte er zwei andere fort, nachdem er ihnen einen Auftrag gegeben.

»Läßt er sie schon holen?« fragte Viktor. Fast hätte ihn Hoijer laut ausgelacht, er besann sich aber noch rechtzeitig daß sich das in seiner Stellung nicht schicke. »Jetzt tut mir einen Gefallen«, sagte er dann zu Viktor. »Was der Statthalter Euch auch immer anbieten mag, weist es ab und macht ein böses Gesicht dazu. Das müßt Ihr zustandebringen.«

Viktor lehnte den Tee ab. Der Perser sah ihn bestürzt an und befahl, Kaffee zu bringen. Viktor lehnte auch den Kaffee ab. Aus Versehen stieß er dabei an die kleine, zierliche Tasse, daß sie auf die Erde fiel. »Halt, nicht mucksen, das habt Ihr gut gemacht!« rief Hoijer. Der Statthalter wurde unruhig und ließ aufs neue Zigaretten herumreichen. Viktor lehnte auch sie ab. Der Statthalter wurde bleich. Das war die schwerste Beleidigung, die man ihm antun konnte.

»Warum will der Erhabene nicht mein Gast sein?« fragte er mit mühsam verhaltenem Zorn Hoijer.

»Mein Herr sagt, daß er von einem Feind der Kaiserin nichts annehmen kann.«

Der Perser erschrak und beteuerte unzähligemal, daß er ein Freund der Kaiserin sei, daß er sich glücklich schätze, ihr dienen zu können, daß es ihm eine Ehre sei, eine große Ehre, die er nicht vergessen werde, bis der Tod ihn treffe, daß der Erhabene unter seinem Dache weile, aber die Frau könne er nicht so schnell loskriegen, sie sei ja in der Moschee, unter dem Schutz des obersten Mollas.

»Und der ist mächtiger als Ihr?« fragte Hoijer ganz naiv. »Wir dachten, Ihr seid der Herr hier. Sonst hätten wir uns gleich an den Molla gewandt.«

Das saß. Man sah es dem Perser an, wie ihn das kränkte.

Man solle ihm Zeit lassen, er müsse erst mit sich zu Rate gehen, auch mit den Mollas sprechen. Sobald als möglich würde er dem Erhabenen Bescheid geben. Er diene ihm gern und ganz und gar, er könne sich darauf verlassen, daß er alles tun werde, seinen Wunsch zu erfüllen.

»Gut«, sagte Hoijer. »Mein Herr wird bis übermorgen warten. Ist aber übermorgen, bis die Sonne untergeht, die Frau nicht in seinem Haus, telegraphiert er sofort der Kaiserin, und was dann geschehen wird? Bedenkt, sie ist Russin. Alle Folgen auf Euer Haupt. Übrigens, im Vertrauen, Ihr wißt doch, daß am Araxes zwei Regimenter Kosaken nur auf den Befehl warten, um über den Strom zu setzen?«

Hei, wie der grüne Haß in den Augen des Persers aufschoß. Schnell schloß er einen Augenblick die verräterischen Augen, dann erwiderte er: »Sagt dem Erhabenen, ich stehe ihm zu Diensten.« Hoijer erhob sich, doch der Statthalter bat, doch wenigstens noch eine Zigarette anzunehmen, rief einem Soldaten zu, der sofort mit einer silbernen Dose her ansprang und sie Viktor hinhielt. »Ihr nehmt wohl erst selbst eine«, sagte Hoijer zu dem Statthalter und winkte dem Soldaten zu. Der Perser lächelte dünn und meinte zu Hoijer: »Ihr seid wohl schon lange in Persien?«

»Lange genug, um diese Bitte auszusprechen.« Erst nachdem der Statthalter die Zigarette angezündet und einige Züge getan, ließ Hoijer zu, daß Viktor sich ebenfalls eine anzündete.

»Weshalb das?« fragte Viktor.

»Weil sie geradeso hätten vergiftet sein können«, erwiderte Hoijer ruhig. »Man kann das nie wissen. Im Giftmischen sind sie seit Jahrtausenden Meister. Uns aber wäre er so auf die bequemste Art losgeworden.«

Wieder wandte er sich an den Statthalter und bat darum, er möge ihnen einen oder zwei Soldaten zur Begleitung durch die Stadt mitgeben.

Der Stadthalter nickte bereitwillig und erteilte einen Befehl. Als sich Viktor von ihm verabschiedet hatte, erwartete ihn draußen am ersten Tor ein junger Mensch auf einem wundervollen Hengst. Hoijer pfiff wohlgefällig durch die Zähne. »Er hat wirklich Respekt vor dem Freund der Kaiserin. Er gibt uns seinen Leibdiener mit, der für gewöhnlich nur vor ihm selbst herreitet. Das ist ein gutes Zeichen, Ihr habt ihm wirklich imponiert.«

»Weiß der Himmel, was Ihr dem Mann alles vorgelogen habt«, entgegnete Viktor ärgerlich. Hoijer lächelte nur leicht und sprach sofort von etwas anderem. »Seht nur, wie die Mohammedaner katzbuckeln vor uns. Wie unterwürfig sie sich verneigen. Das macht alles der Leibdiener des Statthalters.«

Es war richtig. Alle, die dem kleinen Zug begegneten, verneigten sich tief.

»Doch laßt Euch dadurch nicht täuschen über ihre wahre Gesinnung, seht Euch nur einmal um, blickt denen nach, die sich eben erst tief verneigt, was sie hinter Eurem Rücken für Gesichter machen.«

Viktor sah sich um und erschrak direkt vor dem Ausdruck des Hasses, der in all den Augen lag, die eben noch so unterwürfig gesenkt gewesen.

»Choi ist das fanatischste mohammedanische Nest in ganz Nordpersien«, erklärte Hoijer. »Wir können Gott danken, daß es so gnädig abgelaufen ist. Und jedenfalls hat unser Besuch das erreicht, daß der Statthalter mit den Mollas reden wird, daß er ihnen sagen wird, wie nahe wir der russischen Kaiserin stehen. Das wird wenigstens zur Folge haben, daß man es sich noch eine Weile überlegt, bis man gegen uns hetzt. Und Zeit gewonnen, ist für uns jetzt die Hauptsache.«

»Also glaubt Ihr selbst nicht, daß man uns die Frau herausgibt?«

»Ich weiß nicht. Bei Allah ist kein Ding unmöglich.«

Als man wieder nach Kalassar kam, stand Manja schon wartend am Tor und atmete sichtlich erleichtert auf, als sie die Leute heil und ohne Schaden nahen sah. Hoijer lächelte, als er sie erblickte. »Wißt Ihr noch, was ich gestern nacht Euch sagte?« Er gab seinem Hengst die Sporen und sauste mit Hurrageschrei, ehe Viktor erwidern konnte, an Manja vorbei durchs Tor.

Manja reichte Viktor die Hand, als er vom Pferd stieg. Das war sonst nicht ihre Sitte. Als sie sah, daß Viktor sich darüber wunderte, errötete sie ein wenig und sagte: »Ich hörte die ganze Zeit in der Ferne schießen und war schon in Sorge, es könnte Ihnen und den andern ein Unglück zugestoßen sein.«

»Und wäre Ihnen das wirklich unangenehm gewesen?«

»Gewiß!«

Viktors Gesicht wurde ganz hell vor Freude. Darin lag doch eine Art Zugeständnis, daß er ihr nicht so ganz gleichgültig war, wie sie ihn glauben machen wollte.

»Was sollte aus mir hier werden, wenn keiner von Ihnen zurückgekommen wäre?« fügte sie schnell ihren früheren Worten hinzu.

Er wollte erwidern, schwieg aber betroffen, denn nun hörte er auf einmal auch in nicht allzu großer Entfernung Schüsse.

»Was bedeutet das? Sollten die Armenier, die fünfzig, schon zurück sein?«

Aber das war ja gar nicht möglich. Frühestens morgen konnte man von ihnen hören, und dann würden sie sich auch wohl hüten, selbst wenn ihr Zug gelungen, das hier, mitten in persischem Land, nicht weit von einem persischen Heer, durch Flintenschüsse anzukündigen.

»Hallo, hallo!« rief Hoijer vom Dach herunter. »Das Tor verriegelt, alle Mann an die Schießscharten, auf die Dächer. Ich sehe Staubwolken in der Ferne.«

Eilig wurden die Tore geschlossen und verrammelt. Dann eilten auch Manja und Viktor auf das Dach.

»Was glauben Sie?« wandte sich Manja an Hoijer, und ihre Stimme zitterte leise, wie sie selbst nicht ohne Schrecken merkte. Mein Gott, was war denn mit ihr geschehen? Sie fürchtete sich doch sonst nicht. War sie so nervös geworden, so weibisch in den letzten Tagen?

Hoijer hatte einen Feldstecher, den er fast immer mit sich führte, aus dem Gürtel gezogen und beschaute eifrig, aufmerksam das Feld weit da draußen, von dem immer dichtere Staubwolken aufstiegen.

Auch auf den andern Dächern ringsum tauchten jetzt Menschen auf, die aufmerksam ins Weite schauten. Plötzlich, wie es gekommen, wußte niemand, pflanzte sich von einem Dach zum andern der Ruf fort: »Die Kurden kommen, die Kurden kommen!« Weiber schrien entsetzt auf, Kinder fingen laut an zu weinen. Die Männer liefen hastig hin und her. Ein Augenblick vollständiger Verwirrung verbreitete sich über all die Menschen auf den Dächern. »Die Tore schließen!« schrie Hoijer hinüber. Das brachte sie wieder zur Besinnung. Man sah, wie einige die Dächer verließen, man hörte, wie schwere Pflöcke und Riegel geschoben wurden. Dann stand wieder alles auf den Dächern beisammen und spähte auf die Staubwolken, die näher kamen.

»Glauben Sie, daß es die fünfzig sind, verfolgt von den Kurden?« fragte Manja leise, und sie erschauerte.

Hoijer erbleichte einen Augenblick. Das wäre schlimm, schoß es ihm durch den Kopf, denn der Verfolger sind viele, und sind es Armenier, die von den Kurden verfolgt werden, geht die Jagd auf Kalassar zu; und dann, na ja, dann wird die Situation kitzlich.

Er antwortete Manja auf ihre Frage nicht, sondern griff wieder zum Feldstecher und bestrich die Ebene. Leider konnte man vor lauter Staub so gut wie nichts erkennen. Nur so viel sah er, daß die Staubwolken ihre Richtung nach Kalassar hin nahmen. Als er den Feldstecher abgesetzt, blickten seine Augen sehr ernst von Manja zu Viktor. Er räusperte sich leicht, weil ihm plötzlich etwas die Kehle einschnürte, und sagte dann zu Manja, ohne sie aber anzusehen: »Mir scheint fast, Sie haben recht. Unsere Freunde haben Unglück gehabt, denn man sieht ganz deutlich, die Flucht geht hierher, und wer sollte anders hierher fliehen, hierher, in ein armenisches Dorf, als Armenier?«

»Und was wird nun geschehen?« fragte Manja besorgt.

Ein grimmiges Lächeln glitt über Hoijers Gesicht. Einen Augenblick zögerte er mit der Antwort. Aber das war ja Torheit, es war viel besser, gleich die Wahrheit zu sagen. Ruhig antwortete er: »Sind es wirklich die fünfzig, respektive ihre Überreste, die da von den Kurden gejagt werden, dann werden sie hier Deckung und Schutz suchen, dann wird der Kampf hier weitergehen.«

»Und ist die Bevölkerung darauf vorbereitet, ich meine, ist sie gut bewaffnet, versteht sie sich auf den Kampf?« fiel Viktor ein.

Hoijer zuckte die Achseln. »Schaut über die Dächer und antwortet Euch selbst. Viel Jugend, viel Kraft ist nicht mehr da. Die besten sind bei denen da draußen. Und die Waffen? Mein Gott, es ist ja den Christen verboten, Waffen zu führen. Sie haben zwar trotzdem welche, aber eingeschossen sind sie nicht. Knallen werden sie schon, aber ob sie treffen, ist eine andere Frage.«

Die drei standen dicht nebeneinander und schauten atemlos, beklommen auf die näherkommenden Staubwolken. Es schien ihnen sogar zuweilen, als könne man schon Stimmen, Wehklagen, Geschrei, Gebrüll aus ihnen vernehmen.

Manja setzte sich nieder, denn ihre Knie trugen sie nicht mehr, sie zitterten zu sehr. »Ich bin nicht feig«, stammelte sie, als Viktor und Hoijer besorgt auf sie sahen. »Nur, daß ich vielleicht an Ihrem Untergang schuld bin, das ist schrecklich, das drückt mich zu Boden.« Ihre Blicke flogen von einem zum andern, sie blieben auf Viktor haften, umkreisten ihn ängstlich, zitternd. Aber keiner der beiden machte ihr einen Vorwurf. Und doch, sagte sie sich, während sie ihr Haupt auf ihre Knie senkte: wenn sie es auch nicht zeigen, ich bin schuld, ich allein, wenn sie jetzt sterben müssen. Ich habe sie hierher gebracht. Hastig sah sie wieder auf. Man hörte jetzt schon ganz deutlich Schreien und das wilde Klappern der Pferdehufe auf dem durch vielstündigen Sonnenbrand gehärteten Boden.

Während sie so lauschten, vernahmen sie plötzlich leises Weinen aus dem Hof zu ihnen näher kommen, und nach einer Weile erschien Ter, im Arm Ina, die Manja bediente, seitdem sie hier war. Leise weinend, eng aneinander geschmiegt, kamen die Kinder näher. »Die Kurden, die Kurden!« murmelte immerzu der Mund des Mädchens, und Schauer über Schauer jagte ihr durch den Körper. »Die Kurden, die Kurden!« Das waren ja die, die all die Männer und Frauen, all die Kinder getötet, gemartert, verkauft hatten, um die alle die Flüchtlinge rings in den Dörfern weinten. Wieviel Tränen, wieviel Wehklagen hatte Ina in diesen Wochen erlebt. »Die Kurden, die Kurden!« Nun kamen sie auch hierher. Leise weinend ließen sich die beiden dicht neben Manja nieder. Sie hatte ihnen ja geholfen, daß sie noch nicht heiraten mußten, ihr verdankten sie ihre Freiheit. Ach, wie froh waren sie die ganze Zeit darüber gewesen, wie gute Kameraden waren sie geworden, nun die Angst von ihnen genommen, daß sie sofort heiraten mußten. Ja, wie gern hatten sie sich seitdem. Und nun? »Die Kurden, die Kurden!« Manja hätte laut aufweinen mögen, als sie die Kinder sah, die seither so froh, so glücklich gewesen.

»Nicht schießen, erst noch warten!« schrie Hoijer plötzlich über die Dächer, und in demselben Augenblick schloß Manja vor Entsetzen die Augen und drückte einen Augenblick die Hände unwillkürlich an die Ohren. Da war es, dies sonderbare, wilde Geschnatter, das sie vor wenigen Tagen noch in ihrem Garten gehört. Damals war es Scherz gewesen, jetzt war es Ernst. Wie gräßlich es klang. Sie zuckte zusammen, denn ein Schuß pfiff, surrte, es schien ihr, als flöge die Kugel dicht an ihren Ohren vorbei.

Plötzlich fuhr sie hoch auf. War Hoijer irrsinnig geworden? Sie starrte ihn an. Lachte er nicht, daß ihm der Atem ausging? Klatschte er nicht auf seine Knie, wie er es sonst nur tat, wenn er eine amüsante Geschichte erzählte?

»Aber, aber ... daß ich nicht gleich daran dachte! Das sind ja gar nicht die Armenier, das sind ja Perser, die von den Kurden verfolgt werden, die Fünftausend, die gegen fünfzig zu Felde lagen samt einer Kanone!«

Hoijer klatschte sich wieder die Knie, während drunten in der Gasse mit Geschrei, Geschnatter, Hufegestampf, Geheul Perser und Kurden jagten.

Manja war aufgesprungen und unwillkürlich an die Mauer getreten, um hinunterzuschauen. Aber sofort riß sie Viktor zurück. »Was denken Sie? Wollen Sie sich leichtsinnig der Gefahr aussetzen, bemerkt zu werden?«

Manja setzte sich wieder, und als sie fühlte, wie Ter und Ina sich fester an sie schmiegten, brach sie in heißes Schluchzen aus. Diese kurzen Minuten waren zu gräßlich gewesen.

Schon lagen die Straßen wieder stumm. Das wilde Heer der Verfolger und Verfolgten war weitergestürmt, befand sich schon jenseits des Dorfes, wie man deutlich sehen konnte an den Staubwolken, die jetzt dort aufstiegen.

Da trat Manja leise zu Hoijer und fragte, während ihr das Herz im Halse schlug: »Werden sie wieder zurückkommen? «

Hoijer zuckte die Achseln. »Jedenfalls müssen wir auf der Hut sein. Sicher ist es jetzt an der Zeit, mit den übrigen Männern Kalassars Rat zu pflegen, wie wir sie empfangen, wenn sie zurückkommen sollten.«

Es gab eine aufregende Nacht und einen bewegten Tag. Ständig mußte man darauf gefaßt sein, daß die Kurden wiederkämen; und, da sie nun einmal Blut geleckt, reichlich Beute gemacht und Sieger geblieben waren, noch mehr Appetit zeigten, auch auf die armenischen Dörfer Überfälle planten.

In den armenischen Dörfern blieb diese Nacht alles wach, denn zu der Sorge, die Kurden könnten einen neuen Angriff wagen, gesellte sich noch die Sorge um die eigenen jungen Leute, die nun wohl auch im Kampf lagen. Wer weiß, wie es ihnen erging? Unwillkürlich nahm der Sieg der Kurden über das große persische Heer gar manchem, der bisher sehr hoffnungsvoll gewesen in bezug auf den Zug der eigenen Volksgenossen in den Wanbezirk, die Hoffnung, erschütterte den Glauben an den Sieg der guten Sache.

Auch der Statthalter in Choi hatte nichts mehr von sich hören lassen, trotzdem der Termin, den ihm Viktor und Hoijer gestellt hatten, ablief.

»Wenn wir doch nur bald Nachricht erhielten von unsern armenischen Freunden im Wanbezirk«, seufzte Hoijer heimlich gar manchesmal in diesen Tagen und gebrauchte gar häufig seinen Feldstecher. »Daß wir von hier fortkämen! Weiß der Himmel, ich wittre Unrat gegen uns, ich werde nervös. Und wenn der Statthalter nicht bald von sich hören läßt, spinnt er auch irgend eine Schlechtigkeit gegen uns.«

Endlich brachte ein Bote einen Brief des Statthalters, den Hoijer hastig erbrach, las, worauf er grimmig auflachte und dann Manja und Viktor aus ihren Zimmern rief. »Hört, was uns der Statthalter schreibt!« Er las vor: »Gnädigster, Liebster und Hocherhabener!«

»An wen geht denn das?« fragte Viktor verwundert.

»An Euch«, erwiderte Hoijer.

»Das fängt ja gut an!« lachte Viktor. »Gnädiger, Liebster, Hocherhabener!«

»Schlecht fängt's an!« grollte Hoijer. »Je katzenfreundlicher sie sich gebärden, um so mehr muß man auf der Hut vor ihnen sein. Doch hört weiter: »Wegen des Besuchs des Hochgeehrten und Erhabenen und in der Sache der bewußten Frau schreibe ich: sie befindet sich in dem Hause des Herrnherrn, des Allerheiligsten, des Hohenpriesters, den zu ehren notwendig ist und allen Gläubigen eine liebe Pflicht. Ich habe mich an den Heiligen, den Hohenpriester, gewendet. Wir bitten um Entschuldigung. Mit aller Achtung, Demut und Verehrung gebe ich Ihnen dies zur Antwort: Die Frau wird bald frei sein. Was immer Sie befehlen, ich gehorche dem gnädigen und hocherhabenen Herrn.«

Einen Augenblick schwiegen die drei zu diesem Brief, den sie der vielen Floskeln wegen nicht gleich verstanden.

»Er schickt uns also die Frau?« meinte Viktor schließlich befriedigt.

»Er sagt es wenigstens«, erwiderte Hoijer. »Ich glaube aber seiner Versicherung nicht, weil sie selbst für persische Verhältnisse etwas gar zu höflich gehalten ist, und dann, weil er keinen Termin nennt, keine Zeit angibt, wann die Frau bei uns sein wird.«

»Sie glauben also?« warf Man ja ein.

»Ich glaube,« unterbrach sie Hoijer, »daß er nur Zeit gewinnen will und uns deshalb mit solchen Briefen abspeist.«

»Sie malen uns da nette Aussichten an die Wand«, sagte Viktor, betroffen über den Ernst, mit dem Hoijer sprach.

»Und was sollen wir dem Statthalter antworten? Sein Bote wartet ja auf Antwort«, fragte Manja unruhig.

»Wir danken ihm, nehmen den Brief wörtlich und sagen, daß wir Minchen Schmidt morgen abend hier erwarten.« Hoijer entfernte sich ins Haus, um diese Zeilen für den Boten niederzuschreiben.

»Wenn ich Hoijer recht verstehe und nicht annehme, daß er zu schwarz sieht, wozu kein Grund vorliegt, da er bisher immer richtig gesehen,« meinte Viktor, »so wäre es gewiß am besten, wir suchten so bald wie möglich fortzukommen aus diesem Land.« Er sah Manja erwartungsvoll an.

Langsam, jedes Wort betonend, erwiderte sie: »Ich muß Dr. Ohanian noch einmal sprechen. Ich kam zu keiner glücklichen Stunde hierher, denn er wie die andern Führer waren zu sehr mit ihrem Zug beschäftigt. Sie versprachen mir aber, wenn ihr Einfall in den Wanbezirk gut abliefe, sähen sie das als ein günstiges Omen an, dann wollten sie auf meine Pläne eingehen, sich mit uns verbünden, von weiteren Einfällen nach der Türkei, zunächst auf drei Jahre, abstehen und in dieser Zeit nach der Art unseres Komitees arbeiten, das heißt friedlich Propaganda machen unter ihrem Volk für die Ideen der Freiheit und Brüderlichkeit.«

»Ich verstehe.«

»Warte ich nicht, bis sie zurückkommen, war diese ganze Reise fast nutzlos. Daß sie erfolgreich ist für mich, für uns alle in Moskau, ist deshalb so wichtig, weil, stimmen diese Armenier uns zu, wir damit eine starke Waffe gegen alle terroristischen Bewegungen daheim in der Hand haben. Denn halten die Armenier still, billigen sie unsern Plan, unsere Art des Vorgehens, so muß das auf unsere Moskauer Heißsporne den größten Eindruck machen, denn sie wissen, daß es zur Zeit den Armeniern am allerschlechtesten geht, daß sie am meisten Ursache hätten, Gewalt zu gebrauchen.«

»Und wenn Dr. Ohanian nicht zurückkehrt?« fragte Viktor leise.

Manja sah ihn einen Augenblick ganz entsetzt an. Dann flüsterte sie: »Das wäre freilich das Allerschlimmste, denn niemand hat solchen Einfluß wie er, auch Dr. Spondarian nicht.«

»Es wäre aber doch immerhin möglich, daß Ohanian ...«

»Nein, nein!« unterbrach ihn Manja leidenschaftlich. »Das darf nicht sein!«

»An wie dünnen Fäden hängen doch all diese Pläne«, seufzte Viktor.

»Aber ich bitte Sie, bitte Sie inständig, gehen Sie, bleiben Sie nicht länger hier! Wenn uns wirklich Gefahr droht, daß ich dann nicht auch noch für Sie verantwortlich bin!«

»Und ich soll Sie allein in der Gefahr lassen?« sagte Viktor bitter, nun auch erregt werdend.

»Ja, ja. Gehen Sie, fliehen Sie, ehe es zu spät ist!«

»Nein. Solange Sie hier sind, bleibe ich auch hier.«

»Sie dürfen nicht!«

»Ich muß!«

»Das ist nicht wahr!«

»Ich muß, weil ich Sie liebe, Manja, weil mir ein Leben ohne Sie kein Leben mehr ist, weil ich lieber mit Ihnen sterben will, als ohne Sie weiterleben.«

»Lassen Sie, lassen Sie!«

Viktor war aufgesprungen, um auf Manja zuzueilen.

»Sie sollen das nicht sagen, ich will es nicht hören!«

Tief erschrocken stand er, denn Manja hatte plötzlich ihre Hände vors Gesicht geschlagen, sich fast bis auf ihre Knie herabgebeugt und weinte.

Als er wieder zu reden anfangen wollte, sah sie so tief unglücklich und außer sich in die Höhe, daß er schwieg.

Sie erhob sich, sah ihn an, der nicht wußte, was er von ihrem Gebahren halten sollte, und verschwand dann eilig auf ihr Zimmer, auf dem sie blieb, aus dem sie nicht mehr herunterkam, auch zu der Mahlzeit nicht. Sie habe Kopfschmerzen, ließ sie sagen, man solle nicht auf sie warten. Sie fühle sich überhaupt nicht recht wohl seit einigen Tagen und wolle lieber einmal ganz in ihrem Zimmer bleiben, damit sie wohlauf sei, wenn der Augenblick gekommen, wieder abzureisen.

Recht trübselig saßen die beiden Männer in der Halle und nahmen ohne rechte Lust widerwillig ihr Mahl ein: Hammel, Hammel und ein wenig Obst und Büffelmilch.

Wie öde es war ohne Manja. Selbst Hoijer empfand das und meinte: »Das fehlte gerade noch, daß noch einer von uns krank wird. Das heißt, eigentlich ist es selbstverständlich. Ein Unglück kommt ja selten allein.«

Auch am folgenden Tag blieb Manja auf ihrem Zimmer. Sie weigerte sich sogar, einen der Herren zu empfangen. Sie müsse das Bett hüten, ließ sie sagen. Aber die Herren sollten sich keine Sorge machen. Sie würde schon wieder wohlauf sein, wenn es gälte.

Hoijer schüttelte bedenklich den Kopf. »Wenn es nur nicht der Anfang der Malaria ist!«

Viktor schwieg dazu, was Hoijer wunderte. Haben sie sich vielleicht wieder gezankt? dachte er. Aber Viktor schwieg, weil er ganz genau zu wissen glaubte, weshalb sie nicht mehr herunterkam. Sie wollte das Zusammensein mit ihm vermeiden. Das war allein der Grund. Aber er ging nicht weg. Um keinen Preis. Er blieb und wachte über sie. An ihm sollte es nicht fehlen, er wollte wenigstens dafür sorgen, daß sie wohlbehalten wieder nach Moskau kam. Und dann? Ja, was dann? Dann war sein schöner Traum vielleicht ausgeträumt. Er konnte gehen. Er suchte, an etwas anderes zu denken, an zu Hause, an seine Kameraden dort. Aber kaum hatte er seine Gedanken in diese Richtung hineingezwungen, entschlüpften sie seinem Willen schon wieder, und ehe er sich dessen versah, gingen sie aufs neue, wie nun schon seit Wochen, den einen Pfad, dem einen Ziel zu, für das er allein lebte: Manja.

Er machte sich ernstlich Sorge um sie, als sie den ganzen Tag nicht sichtbar wurde. Immer wieder flog sein Blick zu ihrem Zimmer im ersten Stock des einstöckigen Hauses. Dies Zimmer hatte zwei Fenster nach dem Hof zu, die unvergittert und, wie in allen orientalischen Häusern, ohne Glas waren. Zum Schutz gegen die Witterung, gegen Regen und Sturm, wie gegen unbefugte Blicke, hingen dichte Teppiche vor ihnen. Das eine Fenster lag dem Dach ganz nahe, das rings um den Hof ging. Wenn man sich bückte oder gar auf dem Dach sich niederlegte, konnte man mit der Hand das Fenster erreichen. Viktor fiel das heute zum erstenmal auf. Eigentlich ist es gefährlich, dachte er. Vom Dach aus würde es keine großen Schwierigkeiten bereiten, in Manjas Zimmer zu gelangen. Für einen Dieb oder dergleichen war es eine Kleinigkeit. Diese Wahrnehmung beunruhigte Viktor mit einemmal. Schließlich teilte er sie Hoijer mit.

Hoijer hatte auch noch nicht daran gedacht. Jetzt fiel es ihm freilich auch auf. Aber er meinte, die Gefahr bestehe nur in ihrer Einbildung, denn aufs Dach könne so leicht niemand gelangen.

»Aber vom Nachbardach aus?« fragte Viktor.

»Das wäre allerdings möglich. Aber im Nachbarhaus wohnen ja Armenier. Von denen haben wir nichts zu befürchten.«

»Gewiß nicht. Wenn aber ein Dieb oder ein Räuber erst einmal dort sei, könne er jedenfalls auch leicht auf dies Dach und dann bis zu diesem Fenster gelangen.«

Hoijer lächelte. »Man meint, Sie hätten Praxis in dergleichen, so gut setzen Sie das auseinander. Aber wir brauchen keine Angst zu haben, denn die Voraussetzung trifft nicht zu. Es gibt hier nämlich keine Diebe.«

Viktor mochte nicht weiter davon reden, weil er nicht noch deutlicher zeigen wollte, wie ihn das beunruhigte. Ich werde auch gar zu nervös, schalt er sich selbst. Ängstlich wie ein altes Weib. Als es aber Abend wurde, hatte er beschlossen, wenn alles zur Ruhe gegangen, sich dort oben aufs Dach zu legen und dort zu schlafen. Ist es auch eine fixe Idee von mir, daß ihr von da eine Gefahr drohe, glaube ich auch selbst nicht ernstlich daran, so habe ich nun einmal diese Idee; und so werde ich sie am leichtesten los.

Als man sich zur Ruhe begeben wollte, kam wieder ein Bote vom Statthalter und meldete, die Frau sei da. Hoijer und Viktor blickten sich an, dann mußten sie beide lächeln. »Na, Gott sei Dank!« sagte Hoijer, »ich sehe doch immer schwärzer, als nötig ist.«

»Was sollen wir nun mit ihr anfangen?« fragte Viktor.

»Schicken wir sie gleich schlafen«, meinte Hoijer. »Es ist am besten. Morgen werden wir sie dann, damit nicht wieder etwas in die Quere kommt, mit einem sicheren Armenier zur Grenze schicken.« Hoijer ging in die Küche, rief der Frau des Kochs, daß sie sich der Angekommenen annehmen solle, die sie ja schon kenne. Er sah, wie die beiden Frauen bald darauf durch den dunklen Hof zur Küche schritten, und suchte befriedigt sein Lager auf, während Viktor sich etwas abseits hielt und dann vorsichtig aufs Dach schlich, um sich in der Nähe von Manjas Fenster niederzulegen.

Wieder mußte er lächeln. Nein, dieser Hoijer, er war doch schon selbst ein halber Orientale, mit seiner Riesenphantasie. Dann aber schämte er sich seines Lächelns. Was war es denn Besseres, was ihn hier an dieser Stelle nächtigen ließ statt in seinem Zimmer? War das nicht auch eine ins Orientalische vergrößerte, verzerrte Angst? Er lauschte, aber er vernahm keinen Laut aus Manjas Zimmer.

Viktor streckte sich. Wie müde er war, unsagbar müde. Fast gar nicht hatte er die letzten Nächte schlafen können. Zuviel und vielerlei Aufregungen hatten ihn wachgehalten. Aber jetzt, jetzt gedachte er einen tüchtigen Schlaf zu tun. Und schon halb im Einschlafen mußte er wieder lächeln, weil er hier so dicht neben dem Fenster der Geliebten schlief. Nur, daß er morgen nicht zu lange schlief, daß man ihn hier nicht entdeckte! Hoijers Gesicht wolle er lieber nicht sehen, wenn er erführe, wo er diese Nacht zugebracht. Er würde schon wach werden durch die kühlen Winde, die morgens von den Bergen her wehten. Auch die Sonne würde ihm schon rechtzeitig in die Augen stechen, dessen war er sicher.

Bewegte sich nicht etwas in der Nähe? Wohl eine Katze, die zum Mausen schlich. Er lächelte wieder. Nein, bange machen ließ er sich nicht. Um einer Katze willen die Augen wieder zu öffnen, das lohnte sich wirklich nicht. Haha, der Hoijer, wie er sich geirrt hatte, mit seinem Schwarzsehen. Auf einmal verzog Viktor im Halbschlaf ärgerlich das Gesicht. Zu dumm, daß er auch gerade das träumen mußte, zu dumm! Da war eine Mauer, und über die Mauer sahen ein paar Köpfe nach ihm. Häßlich waren sie, abscheulich häßlich, Kurdenköpfe! Zu dumm, dieser Traum! Er wird sein Gehirn zwingen, etwas anderes, Hübscheres zu träumen. Zum Beispiel von seiner Heimat. Jetzt wurde wohl schon der Klee gemäht daheim. Er sah seinen Vater, wie er durch die Felder ging. Aber auf einmal ging er gar nicht mehr, sondern duckte sich zusammen, so wie man sich zusammenduckt, wenn man Feldhühner beschleicht. Wie sonderbar sein alter Herr jetzt aussah. Das war ja gar nicht mehr sein Vater. Ein Kurde war er geworden. Gräßlich, daß sein Gehirn nicht parieren wollte, ihm selbst im Traume nichts Erfreuliches mehr gönnte! Jetzt waren es sogar mehrere Kurden. Er blickte scharf hin, denn es war dunkel, so daß er sie nicht deutlich sehen konnte. Und da er zugleich fühlte, wie sein Herz anfing, erregt zu klopfen, schaute er erst recht kaltblütig nach den Kurden aus. Eins, zwei, drei, vier. Vier waren es. Geduckt schlichen sie daher. Wie sonderbar, vier Kurden auf einmal am Rand eines deutschen Kleeackers. Diese Halunken! Wenn er nur nicht so schrecklich müde wäre! Er wollte es ihnen schon zeigen. Aber das war ja auf einmal gar kein Kleefeld mehr, das war ja hier das Haus in Kalassar, das Dach, auf dem er lag. O, wenn er doch nicht so müde wäre, so todmüde! Was die Kerle für grausige Gesichter machten! Wie blutgierig und auf Beute lüstern. Und sein Herz, sein Herz, wie das klopfte. Viktor fuhr mit einem leisen Schrei auf, bebend an allen Gliedern. Was? Wahrhaftig, da! Wachte er, träumte er noch? Da waren sie ja. Er wollte aufspringen, sank aber plötzlich mit leichtem Stöhnen zurück. Ein dumpfer Schlag hatte ihn am Hinterkopf getroffen. Das war das letzte, was ihm noch im Bewußtsein blieb.

Als Viktor wieder zu sich kam, dämmerte schon der Morgen. Er stöhnte, er ächzte. Wie ihn der Hinterkopf schmerzte, so dumpf! Mühsam erhob er sich auf die Knie und starrte zu Manjas Fenster. Wie war das doch nur gewesen? Wenn ihn doch nur der Kopf nicht so furchtbar schmerzte! Ach so, ja, da war ja das Fenster, das Fenster zu Manjas Zimmer, wo sie schlief. War er denn wirklich wach? Wie sah denn das Fenster aus? Er rieb sich die Augen, er kniff sich in den Arm, wach war er, unzweifelhaft. Aber was war denn nur geschehen? Der Vorhang war ja heruntergerissen von dem Fenster. Er stand plötzlich auf beiden Füßen. Obwohl es erst dämmerte, sah er durch das Fenster, wie in dem Zimmer alles in Unordnung war, alles durcheinander geworfen. Und auf einmal fiel ihm sein Traum ein von dieser Nacht. War das gar kein Traum gewesen? Die vier Kurden! Vier Kurden hatte er gesehen!

Laut auf schrie Viktor, sprang vom Dach mit einem Riesensatz durch das Fenster in Manjas Zimmer. Es war leer. Aber man sah deutlich, hier waren Menschen gewesen, hatten alles hastig durchsucht. Hastig stürmte Viktor aus dem Zimmer auf den Gang. »Manja! Manja! Manja!« Niemand antwortete. Doch, nun wurde es lebendig. War das nicht Hoijers Stimme, da unten auf dem Hof? Eilig sprang er die Stufen hinunter. »Kurden waren hier diese Nacht!« schrie er. »Wo ist Manja? Manja! ...«

Nun wurde es lebendig im Hause. Alle eilten herbei. »Wo ist Manja?« Niemand wußte es. »Sie haben sie geraubt, sie sind mit ihr über die Grenze geflohen!« rief Viktor, und ohne sich um die andern zu kümmern, eilte er zu den Ställen, Hoijer hinter ihm drein, dem er in Hast seinen Traum erzählte, der in Wahrheit gar kein Traum gewesen, sondern Wirklichkeit. Nur, daß er zu müde gewesen, zu todmüde, um es zu merken.

In fliegender Eile zog Viktor seinen Hengst aus dem Stall und begann ihn zu satteln.

»Was soll das, was wollt Ihr?« fragte Hoijer, noch ganz verwirrt, noch ganz im unklaren über das, was wirklich geschehen, denn Viktor kam ihm wie ein Schwerkranker vor. Auch sah er jetzt, wie am Haar geronnenes Blut klebte.

»Ihnen nach, ihnen nach!« rief Viktor. »Wir müssen sie erreichen, ihnen die Beute wieder abjagen. Nur schnell, nur schnell!«

Hoijer zog auch sein Pferd aus dem Stall.

Da tönte lautes Geschrei vom Hofe her, und kurz darauf stürzte die Frau des Kochs atemlos herbei und rief: »Es ist gar nicht Eure Landsmännin, die der Statthalter geschickt, es ist eine Mohammedanerin, eine wirkliche Mohammedanerin!« Hoijer wandte sich um. In der Tat, die Person, die die Frau des Kochs am Arm festhielt, die gestern in der Nacht vom Statthalter geschickt worden war, das war nicht Minchen Schmidt. Der Statthalter hatte sie hinters Licht geführt, hatte sie betrogen, ihnen irgendeine Sklavin geschickt, um sie hinzuhalten.

Doch Viktor stand mit seinem Hengst schon am Tor und schob die Riegel zurück. Was lag ihm an dem Betrug des Statthalters in diesem Augenblick. Nur schnell, schnell den Kurden nach, daß man sie bald erreichte, ihnen Manja wieder abjagte.

Und auch Hoijer erkannte, daß das jetzt am nötigsten sei, wenn er auch keine Ahnung hatte, in welcher Richtung die Kurden geflohen sein konnten. Er befahl der Frau des Kochs, auf die Mohammedanerin wohl acht zu haben, bis er zurück sei, sie nicht aus dem Auge zu lassen, daß sie nicht entwische, und sprengte dann eiligst Viktor nach, der schon draußen war.

Als sie nebeneinander galoppierten, fragte er: »Wohin wollt Ihr denn? Oder wißt Ihr, habt Ihr gesehen, wohin sich die Kurden wandten?«

»Nein«, entgegnete Viktor. »Aber ich weiß es, woher, weiß ich nicht, ich weiß es, dort hinaus sind sie geritten, nach der Grenze zu. Schnell, nur schnell!« Frisch war der Morgen, die Sonne kaum aufgegangen, die Pferde munter. So ging es denn im eiligsten Galopp vorwärts.

Ab und zu zuckte Viktor leicht zusammen und griff nach seinem Kopf, der dumpf schmerzte. Aber nur weiter, nur weiter, nur keine Minute länger verlieren!

Viktor erzählte wieder, diesmal im Zusammenhang, die Vorgänge der Nacht, wie er sie sich aus Traum und Wirklichkeit zusammenreimte, bis zu dem Augenblick, da ein dumpfer Schlag auf den Hinterkopf ihn um die Besinnung gebracht hatte.

»Die Halunken! Ich kenne dies Mittel, das hier gern benutzt wird, einen Gegner unschädlich zu machen. Mit einem kleinen Säckchen voll feuchtem Sand haben sie Euch unschädlich gemacht. Das ist probat.«

Viktor wankte leicht. »Wir müssen einen Augenblick rasten,« riet Hoijer, »sonst kommt Ihr nicht mehr weit.«

Aber Viktor schüttelte heftig abweisend den Kopf. Nur weiter, nur weiter! Die Sonne stieg höher am Firmament, die Pferde wurden warm, aber Viktor trieb sie vorwärts, immer vorwärts. Hoijer, der sich schon lange wunderte, daß Viktor immer eine bestimmte Richtung einhielt, fragte schließlich aufs neue: »Ja, wißt Ihr denn wirklich, wohin sie sich wandten?«

Viktor schüttelte den Kopf. »Nein, nein. Aber so viel weiß ich, fühl' ich, auf dem nächsten Wege strebten sie der Grenze zu.«

»Auf dem befinden wir uns auch«, sagte Hoijer, verwundert über Viktor, denn er kannte diesen Weg ja gar nicht und hielt trotzdem die rechte Richtung.

Es wurde Mittag, die Pferde strauchelten, denn sie waren seit vielen Stunden nicht aus dem Galopp gekommen. Verzweifelt hieb Viktor auf sein Tier ein, das zu bocken und zu steigen anfing, denn es wurde ihm zu viel. Eine halbe Stunde mußte es Ruhe haben, dann wollte es ja gerne wieder weiter rasen, solange die Lunge es aushielt.

Da fiel Hoijer Viktor einfach in die Zügel, denn so konnte es nicht weitergehen. Die Pferde standen, und Viktor glitt ohnmächtig aus dem Sattel zur Erde.

Hoijer sah sich nach Wasser um. Aber es war kein Quell, kein Bach in der Nähe. So bettete er denn den Ohnmächtigen möglichst bequem, öffnete die Oberkleider und setzte sich neben ihn, während sein Pferd eine Weile mit bebenden Flanken dastand und dann zu grasen anfing. Viktors Pferd aber wich dem Ohnmächtigen nicht von der Seite. Immer wieder beschnupperte es ihn, griff einen Augenblick mit spitzigen Zähnen und schlabbernden Lippen nach ein paar Grashalmen und wandte sich dann wieder Viktor zu. Als er immer noch still, starr dalag, wieherte es leise, scharrte mit den Hufen und rieb schließlich energisch seinen Kopf an Viktors Schulter. Hoijer jagte das gute Tier beiseite. »Stör' ihn doch nicht«, sprach er unwillkürlich zu dem Hengst, der unruhig zu ihm hinsah. »Gönn' ihm doch diese Bewußtlosigkeit, in der ihm wohler ist als vorher.«

Mitleidig blickte Hoijer auf seinen Gefährten. O, die Frauen, die Frauen! Auch hieran waren nur die Frauen, war nur die Liebe schuld. Auch ihn bewegte es tief, wenn er sich vorstellte, was Manja inzwischen schon alles zugestoßen sein konnte, wenn es das Schicksal so wollte. Und war es nicht der helle Wahnsinn, so ins Blaue hinein ihren Räubern nachzusetzen? Und doch, immer noch besser, als untätig, verzweifelt zu Hause hocken und warten, was das Kismet weiter verhängt. Da hatten sich nun die beiden mit ihrer Liebe abgequält, keins dem andern offen gestanden, wie es um ihm stand. Und jetzt? Schade, schade, es waren beide so prächtige Menschen. Er hätte ihnen ein besseres Los gegönnt. Grausam, grausam ist das Leben! Wer weiß, wo Manja jetzt schon war, vielleicht schon auf dem Wege zum nächsten Sklavenmarkt.

Viktor bewegte sich und stöhnte. »Schlafe du nur, schlafe noch eine Weile«, murmelte Hoijer. Viktors Rechte fuhr wieder nach dem Hinterkopf. Offenbar schmerzte er sehr. »Die Schurken«, murmelte Hoijer. »Hätten sie fester zugeschlagen! Das Leben wird ihm nicht mehr viel Freude machen.« Er seufzte schwer und sah ins Weite. Er dachte an sein eigenes Leben, seine eigene Vergangenheit. Er hatte sich zwar leidlich wieder zurechtgefunden. Aber lange hatte es gedauert, viel hatte es ihn gekostet. Und ohne das aufregende Leben im Orient? Wer weiß, ob er es überhaupt ausgehalten. Diese täglichen Gefahren, das war für ihn dasselbe wie für manchen in Europa das Trinken. Der Jammer ließ sich betäuben, auf Tage, ja Wochen vergessen, aber ... er tauchte doch wieder auf, immer wieder.

Hoijer sprang auf. »Dummes Zeug!« knurrte er sich selbst an. Kopf hoch, die Zähne aufeinandergebissen und weiter durchs Leben, solange das Schicksal es will.

Tauchten dort drüben zwischen den Bäumen nicht Menschen auf? Gott sei Dank, eine Ablenkung! Lieber jetzt eine ernstliche Gefahr als diese mißmutigen, entnervenden Gedanken und Erinnerungen. Er pfiff leise seinem Gaul, der auch sofort näherkam, und entnahm der Satteltasche einen sechsläufigen Revolver. Teuer wollte er wenigstens ihrer beider Leben verkaufen, wenn denn die Stunde gekommen war, es zu verlieren.

Scharf äugte er aus. Unzweifelhaft war es ein Trupp Menschen, der sich langsam, vorsichtig näherte. Ob man ihn schon bemerkt hatte? Schwerlich, denn sie befanden sich zu nahe der Erde, als daß die Leute dort drüben sie jetzt schon hätten sehen können. Jedoch, weshalb bewegten sie sich so vorsichtig, so langsam? Sie führten offenbar nichts Gutes im Schilde, sonst wären sie frank und frei drauflosgeschritten. Auch die beiden Pferde wurden jetzt aufmerksam. Sie standen dicht nebeneinander, reckten die Hälse hoch in die Höhe und schnupperten mit geblähten Nüstern in die Luft. Nach kurzer Zeit beugten sie die Hälse wieder und begannen aufs neue zu grasen. Sie scheinen die Sache nicht für gefährlich zu halten, dachte Hoijer, der die Gäule aufmerksam beobachtet hatte, denn hierzulande waren sie auf Gefahren dressiert, wie anderswo die Jagdhunde auf Wild.

Langsam, langsam kamen die Leute näher. Zehn zählte er, sie gruppierten sich um einen größeren Gegenstand, der sich in ihrer Mitte befand. Was das war, konnte Hoijer noch nicht erkennen.

Plötzlich sprang Hoijer hoch auf. Waren es nicht Armenier? Fast schien es ihm so.

Nach einer Weile schien es ihm, als sei das in ihrer Mitte eine Art Tragbahre. Natürlich, das war es auch, und die Männer, die sie geleiteten, unzweifelhaft, es waren Armenier.

Hoijer schwang sich in den Sattel und ritt ihnen entgegen. Was haben die Leute nur, sie kommen so erschöpft, so traurig näher? dachte er im Weiterreiten und trieb seinen Hengst an.

Nun machte der Trupp halt und erwartete ihn. Was, war da nicht Djanian? War das am Ende der schon seit gestern erwartete Rest der fünfzig, die gen Wan gezogen?

Sie waren es, und auf der Tragbahre führten sie Manja mit sich, die sie den Kurden abgejagt hatten. Er sah es deutlich, sie lebte, es war ihr weiter nichts geschehen, sie war nur erschöpft. Hoijer sah unwillkürlich hinter sich, während er zugleich mit einer Hand dem Trupp zuwinkte. »Glück, Glück hat der Deutsche, unmenschliches Glück!«

Manja fuhr in die Höhe auf ihrem improvisierten Lager, als sie Hoijer jetzt auch erkannte. »Wo ist Viktor?« rief sie schon von weitem angstvoll. Hoijer lächelte, reichte ihr vom Pferd herab die Hand und sagte: »Dort drüben ruht er und wartet nur auf Sie.«

In einem Nu stand Manja auf ihren Füßen. »Soll ich zu ihm?« Hoijer nickte. »Aber erschrecken Sie nicht, er ist ohnmächtig geworden. Doch zweifle ich nicht, Sie werden ihn am schnellsten wieder zum Leben erwecken.«

Er hatte noch nicht ausgesprochen, da eilte sie schon mit bebenden Füßen, aber schnell, schnell dahin zu der Stelle, wo Viktor lag und sein Pferd graste.

Der Trupp Armenier blieb halten. Djanian trat vor und reichte Hoijer stumm die Hand.

»Sind das alle?« fragte Hoijer leise, zögernd.

Djanian nickte. »Es sind alle. Die andern liegen bei Achbag im Wanbezirk. Aber wir haben die Kurden besiegt. Kaum einer blieb von den zweihundert am Leben. Einige ließ ich absichtlich laufen. Es wäre doch schade, wenn man in Konstantinopel nicht so bald als möglich erführe, daß der gefürchtetste der Hamidiekurden, der kürzlich erst Pascha wurde für seine Verdienste um die armenischen Massakers, daß Scharef Pascha samt seiner Garde tot am Wansee liegt und das Aufstehen für immer vergessen hat.« Djanian, der Fürst von Karabach, schlug die Decken zurück, auf denen Manja geruht. Unter ihnen lag der Fez, der Säbel, die Orden, der Firman, die Ernennungsurkunde Scharef Paschas, die einzige Beute, welche die Armenier mitgenommen.

»Und wie glückte es euch, die Dame zu befreien?« fragte Hoijer, indem er Manja nachsah, die über die Ebene eilte.

»Gegen Morgen, als wir ins Todestal einzogen, das früher das Tal des Paradieses hieß, hörten wir von weitem Wehklagen und Weinen. Dem gingen wir nach. So befreiten wir sie ... Bis dahin waren wir noch zwölf, zwei fielen bei der Gelegenheit. Aber ich bitte Euch, sagt es ihr nicht, daß sie sich nicht auch darum noch Kummer macht«, setzte Djanian eindringlich hinzu.

Hoijer nickte, und indem er wieder über das kleine, zu Tode erschöpfte Häuflein blickte, entfuhr es ihm: »Und Ohanian?«

»Tot.«

»Und Spondarian?«

»Tot.«

»Und alle andern auch?«

Djanian nickte. Dann verzog sich sein Gesicht in wildem Grimm. »Nur für mich gab es keine Kugel.«

»Alle gefallen?!«

»Bedenkt, wir waren noch nicht sechzig,« sagte Djanian, »die Reiter mit eingerechnet. Und die um Scharef waren zweihundert. An einem Fluß lagerten sie, er floß in ihrem Rücken. Die Sonne war noch nicht aufgegangen, da standen wir ihnen gegenüber.«

»Da hattet ihr Glück«, meinte Hoijer. »Sie schliefen also noch, und ihr natürlich, hast du nicht gesehen, wie der Wind über sie her, ehe sie sich noch den Schlaf aus den Augen gerieben.«

»Nein, wir weckten sie erst durch Flintenschüsse.«

»Dumm!« entfuhr es Hoijer.

»Wir sind keine Mörder«, entgegnete Djanian ruhig. »Um offenen Kampf war es uns zu tun. Wissen sollten sie, was ihnen bevorstand, und so in den Tod gehen. Sie verloren bald den Kopf, viele sprangen ins Wasser und ertranken. Aber es blieben noch genug übrig ... Es war ein hartes Stück Arbeit. Gräßlich!«

»Und so viele fielen von euch?«

Djanian wurde noch bleicher, dann sagte er leise: »Nein, die meisten wurden nur verwundet. Erst auf dem Rückzuge starben sie, als die Türken, durch das Schießen aufmerksam geworden, ihre kleinen Festungen verließen und sich aufmachten, uns zu verfolgen. Hunderte waren uns bald auf den Fersen.«

»Da fielen sie?«

»Durch unsere Hand.«

Hoijer sah ihn erschreckt an.

»Jawohl, durch unsere Hand, auf ihren Wunsch. Sie konnten sich nicht mehr weiterschleppen. Und sollten wir sie in die Hände der Türken fallen lassen, lebendig allen Martern ausgesetzt? Sie flehten so lange, bis wir ihnen den Gefallen taten. Wer sich nicht mehr weiterschleppen konnte, dem gaben wir auf seinen Wunsch selbst den Rest durch eine gnädige Kugel.«

Hoijer schwieg erschüttert. In welchem Tone Djanian das sagte!

Djanian ballte plötzlich seine Fäuste gen Westen und rief: »Jetzt sollen die da drüben in Europa noch einmal sagen, wir seien feig, wir ließen uns abschlachten wie die Lämmer!«

Ein bitteres Gefühl stieg in Hoijer auf. »Wenn sie in Europa davon erfahren, was ich noch nicht glaube, denn ihre Presse schweigt über euch. Aber wenn sie erfahren, daß fünfzig Armenier zweihundert der tapfersten Kurden gefällt, wißt ihr, was sie sagen? ... Ihr hättet sie hinterlistig überfallen, im Schlafe gemordet. Das werden sie sagen.«

»Aber es ist nicht wahr!« schrie Djanian.

»Aber es ist ihnen bequemer, das zu glauben, sie können ruhiger dabei schlafen, ihr Gewissen tut ihnen nicht weh, daß sie so schlecht die Verträge euch gegenüber halten.«

»So werden wir eben weiterkämpfen, bis sie einsehen, daß unsere Sache die gute, die gerechte«, erwiderte Djanian ruhig, entschlossen. –

»Viktor!« rief Manja und sank neben Viktor nieder, ihn mit Küssen bedeckend.

Kaum drang diese Stimme Viktor von Gandern zu Herzen, der sich immer noch nicht wieder aufgerafft hatte, sondern bis zu diesem Augenblick dumpf, halb bewußtlos dagelegen, hob er hastig den Kopf und riß die Augen weit auf. Träumte er? Damals hatte er geglaubt zu träumen, damals, als er auf dem Dache lag. Und jetzt? Jetzt glaubte er zu wachen, und ... sicher träumte er. Aber nein, er mußte ja wachen, er hörte ja ihre Stimme, er fühlte ja ihre Küsse, ihre Tränen. Er breitete plötzlich die Arme aus und umschlang sie. »Manja!« Er war aufgesprungen, sie hielten sich umschlungen.

Was war das nur, das immer wieder seine Schulter berührte? Endlich wandte er sich um, nach dem Störenfried zu sehen. Da sah er seinem Hengst in die feuchten, klugen Augen. Kaum merkte das Tier, daß man endlich aufmerksam geworden, wieherte es leise und schob einfach seinen langen Kopf zwischen beide. Manja errötete. Diese Augen sahen sie an, wie kluge Menschenaugen. Da erst kam es ihr zum Bewußtsein, wozu sie sich hatte hinreißen lassen, sie, die sich noch vor wenigen Tagen gelobt, auf eigenes Glück zu verzichten, nur ihrer Aufgabe zu leben. Mein Gott, wie kahl, wie nüchtern ihr in diesem Augenblick das Wort »Aufgabe« in den Ohren lag. Aber Viktor, was mußte er von ihr denken, daß sie sich ihm so einfach in die Arme geworfen?

Viktor gab seinem Pferd einen Klaps auf den Hals, schob den Kopf fort und umschlang sie wieder.

Und Manja widerstrebte nicht, ihm ihre Liebe zu zeigen. Zu Furchtbares hatte sie durchgemacht seit jenem Augenblick, da die Augen der Kurden über ihr gefunkelt, da eine Kurdenhand ihr den Mund zugehalten, sie gefesselt, und vier starke Arme die Widerstrebende fortgeschleppt. Sie schloß die Augen und zitterte aufs neue heftig.

Sie schlang die Arme um seinen Hals und flüsterte: »Fort, fort, aus diesem schrecklichen Land, fort, fort!«

Plötzlich fuhren sie auseinander, die Armenier näherten sich. Viktor geleitete Manja wieder zu der Tragbahre und erfuhr jetzt erst, was sich zugetragen. Djanian erzählte, und aufs tiefste ergriffen hörte Viktor zu. Er sah auf Manja, sie sah auf ihn. Sie verstanden sich sofort. Sie wollten ihnen nicht zeigen, welche Freude für zwei Menschen mitten unter diesen Greueln aufgegangen. Der Kontrast war zu groß.

Langsam setzte sich der Zug wieder in Bewegung auf Kalassar zu. Manja hatte sich wieder niedergelegt und die Augen geschlossen. Nun, wo sie sich auf einmal so sicher, so wohl und geborgen fühlte, empfand sie erst, wie abgespannt, wie erschöpft sie war.

Hoijer, der natürlich gesehen, wie es um die beiden stand, redete mit Absicht nur auf Djanian ein, aber sein Blick flog dabei immer wieder von Manja zu Viktor, von Viktor zu Manja. Welch ein heller Schein auf den beiden Gesichtern liegt, trotzdem sie noch bleich und erschöpft sind von allen Schrecken dieser letzten vierundzwanzig Stunden. Namentlich Manjas bisher so herbes Antlitz hatte etwas Weiches, Mildes bekommen.

Die Sonne neigte sich wieder ihrem Untergang zu, als man sich Kalassar näherte. Auf Djanians Wunsch hielt man an, denn ihm schien, als herrsche eine große Unruhe in und um Kalassar, was ihn stutzig machte. Man mußte auf seiner Hut sein. Drang erst die Kunde von dem Sieg der Armenier über die Kurden nach Persien, war der Überlebenden Bleiben hier überhaupt wohl kaum noch möglich, denn wenn auch die Perser ihre heimliche Freude hatten an allem, was die Türken ärgerte, wenn die Türkei in Teheran vorstellig wurde und Klage führte, daß Persien absichtlich die Armenier schone, um den Türken zu schaden, was würde dann Persien tun? Es war ja viel zu schwach zu irgendeiner selbständigen Tat, es lebte ja nur von der Eifersucht der Russen und Engländer. Wenn der Türke ernstlich Beschwerde führte und Bestrafung der Armenier verlangte, mußte Persien darauf eingehen, das war sicher, ob es wollte oder nicht.

Auch Hoijer wurde stutzig, als er durch sein Glas sah. In Kalassar herrschte Aufregung, Bewegung.

Auf Djanians Wunsch blieb man halten und schickte einen Armenier voraus, der auskundschaftete, was dort vor sich gehe.

»Wären wir doch erst aus diesem Land!« seufzte Manja erregt, geängstigt. Mit ihrer Selbstbeherrschung war es schlecht bestellt, seitdem sie in Kurdenhänden gewesen.

Endlich erschien der Armenier wieder und mit ihm Ter und Ina. Sie berichteten, daß sie heimlich sich davongemacht, um Herrn von Gandern zu warnen. Es war nämlich ein starker Trupp aufgeregter Mohammedaner in Kalassar eingebrochen und verlangte, aufgehetzt durch die Mollas von Ghoi, die Auslieferung der Europäer, die sich erdreistet hatten, eine Rechtgläubige zu entführen. Die Mohammedanerin, die gestern abend angekommen, die Hoijer erst für Minchen Schmidt gehalten, hatte sogar in einem unbewachten Augenblick die Riegel von dem Tor zurückgeschoben und den Trupp Mohammedaner in den Hof gelassen, wo sie alles durchstöberten und, da sie niemand fanden, sich häuslich niederließen, um die Rückkunft der Europäer zu erwarten.

»Wir werden uns hüten«, knurrte Hoijer. Auch Manja und Viktor waren nicht dafür, nach Kalassar jetzt zurückzukehren.

»Ich weiß einen Ausweg«, erklärte Djanian nach kurzem Sinnen. »Reisen wir gleich weiter, und zwar an der Grenze her durch Maku zum Araxes, nach Rußland.«

»Den Fürsten von Maku kenne ich«, erwiderte Hoijer. »Er ist zwar ein Kurde der Abstammung nach, liebt aber die Armenier.«

»Viele unserer Flüchtlinge sind bei ihm und haben es gut«, bestätigte Djanian.

»Aber immerhin ein Kurde!« bemerkte Viktor bedenklich.

Hoijer konnte sich eines leichten Lächelns nicht enthalten. Wie sich Viktor verändert hatte! Früher belächelte er ihn, wenn Hoijer Bedenken geltend machte, jetzt ... jetzt war er der Bedenkliche. Na ja, wenn man eine Braut hat ... Aber Hoijer sagte nichts. Es war auch nicht nötig, es blieb ihnen allen einfach gar nichts anderes übrig, wollten sie neue Unruhen und Schwierigkeiten vermeiden. Und das wollten sie alle. Die Armenier, weil sie zu Tode erschöpft waren, Manja und Viktor, weil sie nach Ruhe und geordneten Verhältnissen sich sehnten, und Hoijer? Er war auch froh, wenn er die beiden erst jenseits der persischen Grenze wußte. Auch Ter und Ina wurden mitgenommen. Sie gingen gerne mit, denn es wäre jedem von den beiden schwer geworden, den andern zurückzulassen. Und heiraten brauchten sie ja noch nicht, das hatte ihnen die Herrin Manja ja fest versprochen.

»Ihr seht bei dieser Gelegenheit auch noch ein besonders interessantes Stück Menschheit«, tröstete Hoijer Viktor, »denn Maku ist das einzige Land in Nordpersien, wo es noch Sonnen- und Feueranbeter gibt. Sogar Teufelsanbeter leben da.«

Viktor lächelte etwas gezwungen. Was lag ihm jetzt daran, derlei interessierte ihn für den Augenblick durchaus nicht. Wenn man nur erst wieder in Moskau wäre.

Da zog Ter plötzlich einen Brief aus der Tasche und überreichte ihn Manja. »Kam heute,« sagte er, »hab' ich bis jetzt vergessen, ihn dir zu geben.«

Hastig erbrach Manja das Kuvert. Der Brief war von Rohden. Sie durchflog ihn und reichte ihn dann Viktor. Rohden schrieb, daß er aus dem Gefängnis glücklich entlassen, daß er aber noch nicht nach Persien gereist, weil er in Moskau zu viel Arbeit gefunden, da die Terroristen seit Manjas Fortgang wieder eifrig agitierten. »Hoffentlich kommen Sie bald wieder. Jedenfalls, wenn diese Zeilen Sie erreichen, sputen Sie sich, sonst stehe ich für nichts. Bleiben Sie noch lange, kann es Ihnen blühen, daß Sie in Moskau eintreffen, gerade wenn ein neues Attentat vor sich gegangen, denn ich fürchte, ich fürchte sehr, man entreißt den Gemäßigten in Kürze wieder die Zügel.«

Viktor gab Manja schweigend den Brief zurück.

»Ist es ein großer Umweg, wenn wir über Maku an die Grenze zu gelangen trachten?« fragte Manja.

»Keineswegs, im Gegenteil, es ist sogar näher als der Weg, den wir einschlugen. Nur es geht durch Gebirge, es ist ziemlich strapaziös, deshalb wählt man diesen Weg nicht. Außerdem ist er nicht geheuer, wenn man nicht gut Freund mit dem Fürsten von Maku ist. In seinem Lande leben die gefährlichsten Räubers und das will etwas sagen. Aber wir können getrost reisen. Erstens sind wir ja jetzt eine große Karawane, wohl bewaffnet. Dem gehen die Räuber überall gern aus dem Wege. Und dann, wie gesagt, ich kenne den Fürsten. Auf ihn kann ich mich jederzeit berufen, und er führt ein scharfes Regiment in seinem Lande. Es genügt, daß ich mich seinen Freund nenne, und so leicht wird keiner mit uns anbinden.«

»Also auf nach Maku!« ermunterte Djanian. Und so müde und ruhebedürftig sie waren, setzte man sich wieder in Bewegung, zumal die hereinbrechende Dunkelheit ihrem Vorhaben besonders günstig war.

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