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Amor und Psyche

Apuleius: Amor und Psyche - Kapitel 6
Quellenangabe
typefairy
booktitleAmor und Psyche
authorApulejus
rtanslatorApulejus
year1902
publisherHermann Seemann Nachfolger
addressLeipzig
titleAmor und Psyche
pages63
created20110812
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Fünftes Kapitel
Die Wanderungen Psyches

Unterdessen irrte Psyche ohne Ruhe und Rast umher, Tag und Nacht auf der Suche nach dem Geliebten, fest entschlossen, sei's durch schmeichelnde Liebkosungen, sei's durch demütige Bitten seine Verzeihung zu gewinnen. Da sah sie von fern einen Tempel auf ragender Bergspitze: »Wer weiss, sprach sie zu sich selbst, ob da nicht mein Herr und Gebieter weilt.« Flugs lenkte sie dorthin ihren todmüden Schritt, den Hoffnung und Sehnsucht beschwingten. Sie arbeitete sich den steilen Abhang tapfer hinan und trat ins Allerheiligste. Da sah sie Weizen- und Gerstenähren teils in Haufen, teils zu Kränzen gewunden. Auch Sicheln waren da und allerlei sonstige Erntegeräte, aber alles lag unordentlich durcheinander, wie die Arbeiter es in der Mittagshitze grade aus den Händen geworfen hatten. Psyche legte alles sorgfältig auseinander und ordnete das Zusammengehörige; denn sie glaubte keiner Götter Heiligtümer und Kulte vernachlässigen, sondern ihrer aller Gnade und Barmherzigkeit in Demut erflehen zu sollen. In diese Arbeit vertieft, traf Ceres sie, die gnadenreiche Göttin, und rief ihr schon aus der Ferne zu: »Ist's möglich, arme Psyche? Venus verfolgt deine Spur über die ganze Erde und wendet all ihre Kraft daran, sich an dir grimmig zu rächen, und du mühst dich in meinem Dienst und 40 denkst an etwas andres als an deine Sicherheit?« Da warf sich Psyche vor ihr auf die Kniee, dass ihre strömenden Zähren die Füsse der Göttin netzten und ihr Haar den Staub am Boden kehrte. So betete sie inständigst um Gnade: »Bei deiner früchtereichen Hand fleh' ich zu dir und bei den frohen Erntefeiern dir zu Ehren, bei der Mysterien heiligem Symbol und bei den Flügeldrachen, die dir dienen, und bei Siciliens segensschweren Furchen, beim Raub Proserpinas, mit der als seinem Weibe der Fürst der Finsternis zum Hades niederfuhr, bei ihrer Lösung von dem Bann der Tiefe durch deiner Fackel Licht, bei allem, was Eleusis sonst noch deckt mit heiligem Schweigen: o hilf der armen Seele, die hier in Demut vor dir kniet! Lass mich zwischen diesen Haufen von Aehren ein Versteck, wenn auch nur für ein paar Tage, finden, bis der Zorn der grossen Göttin sich gelegt oder doch meine von der langen Mühsal erschöpften Kräfte sich wieder gesammelt haben.« Ihr erwiderte Ceres: »Zwar rühren deine Thränen und Bitten mir das Herz und gern würde ich dir helfen; aber damit erwiese ich meiner lieben alten Freundin und Verwandten einen schlechten Dienst. Entferne dich daher sogleich aus diesem Tempel, und sei 41 zufrieden, dass ich dich nicht festhalte und gefangen setze.« So nahm Psyche, wider ihre Hoffnung abgewiesen, doppelt traurig ihren Weg wieder auf. Da sah sie tief im Thal durch die Lichtung eines Hains einen anderen, kunstreich gebauten Tempel. Entschlossen, kein noch so ungewisses Mittel zu ihrer Rettung unversucht zu lassen, sondern jeglichen Gott um Gnade anzugehen, nahte sie sich der heiligen Pforte. An den Zweigen der Bäume und an den Thürpfosten sah sie kostbare Geschenke und Gewänder aufgehängt, deren goldgestickte Inschriften verkündeten, welcher Göttin und zum Dank wofür sie geweiht waren. Da sank sie in die Kniee, trocknete sich die Thränen und sprach, den noch lauen Altar berührend, dies Gebet: »Des Himmelsvaters Schwester und Gemahlin, magst du im alten Heiligtum von Samos weilen, das dich zu schau'n begnadet ward, als du geboren wurdest, in den Windeln lagst und an der Mutterbrust; magst du auf deinem Sternensitze thronen, den dir Karthago einst geweiht, als dich, die Himmelsjungfrau, von der Burg der Stadt ein Löwenwagen zu den Sternen trug; magst du an Inachus' Gestade, das dich als Himmelskönigin, des grossen Donnerers Gattin, kennt, in Argos' sangberühmten Burgen walten; 42 du Hehre, die das ganze Morgenland als Ehestifterin verehrt, das Abendland als Göttin der Geburten: erweise dich auch mir in meiner Angst als Heiland, Juno; erbarme dich, du gnadenreiche Helferin der Frau'n in ihrer schweren Not, auch meiner, und lass mich Müde Ruhe finden nach soviel Not und Qual.« Auf dieses Gebet erschien ihr sogleich Juno in ihrer vollen Himmelsmajestät: »Wie gerne, sprach sie, würde ich mein Haupt zu deinem Flehen neigen! Aber Venus ist meine Schwiegertochter, die ich stets wie eine eigne Tochter liebte, und aus Rücksicht auf sie darf ich dir, ihrer entlaufenen Sklavin, ohne ihre Genehmigung nicht helfen.« So erlitt auch diese Hoffnung Psyches Schiffbruch. Ganz verängstigt und ausser stande, ihres geflügelten Geliebten habhaft zu werden, ging sie in ihrer Verzweiflung mit ihren eignen Gedanken zu Rate. »Welche Hilfe könnte ich in meinem Leid jetzt wohl noch suchen oder finden, wo nicht einmal Göttinnen, obwohl sie es gern gethan hätten, sich für mich verwenden konnten? Unter welchem Dach soll ich mich im Dunkel verstecken, um der grossen Venus allsehenden Augen und ihren Schlingen mich zu entziehen? Sei mutig und tapfer, Psyche; stelle dich, da der letzte Hoffnungsschimmer schwand, freiwillig deiner Herrin und suche mit demütigem Sinn noch jetzt ihren grimmigen Zorn zu besänftigen! Wer weiss, vielleicht findest du auch den lang Gesuchten im Haus seiner Mutter wieder!« So ging sie, entschlossen sich zu unterwerfen, mit sehenden Augen in ihr Verderben, und überlegte, mit welchen Worten sie ihre Bitte um Gnade beginnen solle. 43

 

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