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Amor und Psyche

Apuleius: Amor und Psyche - Kapitel 3
Quellenangabe
typefairy
booktitleAmor und Psyche
authorApulejus
rtanslatorApulejus
year1902
publisherHermann Seemann Nachfolger
addressLeipzig
titleAmor und Psyche
pages63
created20110812
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zweites Kapitel
Die bösen Schwestern

Unterdessen härmten sich die Eltern unaufhörlich um ihre Tochter. Auch die älteren Schwestern hatten, da die Kunde des Geschehenen sich verbreitete, alles erfahren und waren in Trauerkleidern herbeigeeilt, um ihre Eltern zu sehen und zu trösten. In derselben Nacht sprach der Geliebte – denn wenn sie ihn auch nicht sah, so konnte sie ihn doch hören und fühlen – so zu seiner Psyche: »Meine süsse Psyche, unheilvolle Gefahr droht dir vom bösen Schicksal: sei drum genau auf deiner Hut. Deine Schwestern glauben, du seist tot, und suchen in ihrer Verzweiflung deine Spur; bald kommen sie dort auf des Felsens Spitze. Sollten ihre Klagen dir zu Ohren dringen, antworte nicht, sieh überhaupt nicht aus; sonst wirst du mir gar tiefen Schmerz bereiten, dir selber Unheil und Verderben.« Sie versprach nach dem Wunsch des Geliebten zu handeln. Als der aber mit der Nacht verschwunden war, that die arme Kleine den ganzen Tag nichts als weinen und klagen: jetzt – so sagte sie zu sich selbst – sei es wirklich ganz und gar um sie geschehn; da sitze sie nun in ihrem paradiesischen Gefängnis, ohne mit einem Menschen 15 sprechen zu können; ihre Schwestern trauerten um sie, aber sie dürfe sie nicht erlösen, ja nicht einmal sehen. Sie nahm nicht Bad noch Speise, und gönnte sich nicht Rast noch Ruhe: bitterlich weinend legte sie sich schlafen. Gleich war auch schon, etwas früher als sonst, der Geliebte zur Stelle; er umarmte sie in ihren Thränen und sprach vorwurfsvoll: »War das dein Versprechen, liebe Psyche? Wie kann ich mich nun fernerhin auf dich verlassen? Den ganzen Tag, die ganze Nacht, ja wenn du in meinen Armen ruhst, quälst du dich unaufhörlich. Nun meinetwegen denn, wie du willst: hör' auf des Herzens verderblichen Wunsch; nur denk an meinen wohlgemeinten Rat, wenn du zu spät bereust die That!« Trotzdem quälte sie durch Bitten und durch die Drohung, sie werde sonst sterben, dem Geliebten die Gewährung ihres Wunsches ab, die Schwestern zu sehen, ihre Thränen zu stillen und mit ihnen zu plaudern. So gab er denn ihren Bitten nach und erlaubte ihr noch obendrein, ihnen Gold und Geschmeide nach Herzenslust zu schenken. Doch warnte er sie oft und ernstlich davor, sich durch ihre Schwestern zu der verhängnisvollen Frage nach seinem Aussehen bethören zu lassen: solche Neugier werde 16 sonst all ihr Glück zerstören und nimmer werde sie dann wieder an seiner Brust ruhen. Sie dankte dem Geliebten und sprach froh: »Aber lieber hundertmal sterben als deine Liebe missen! Hab' ich dich doch, wer du auch seist, ganz furchtbar lieb, grad' wie mein eigenes Leben, mehr als wärst du Gott Amor. Nur um dies Eine bitt' ich dich noch: befiehl deinem Diener Zephyrus, die Schwestern zu mir zu bringen, wie einst er mich hergetragen.« Sie überhäufte ihn mit verführerischen Küssen, schmiegte sich eng an ihn und drängte ihn mit kosenden Schmeichelnamen »mein wonniger, sonniger Liebling, du süsser Engel deiner Psyche.« Der Gewalt ihres holden Liebeflüsterns konnte er nicht länger widerstehen: so verbürgte er sich, wiewohl schweren Herzens, alles thun zu wollen. Beim nahenden Schimmer des Morgens entschwand er den Armen der Liebsten. Die Schwestern aber waren unterdessen auf den Felsen geeilt, wo, wie sie erfahren hatten, Psyche allein gelassen war. Dort 17 weinten sie sich die Augen aus und schlugen sich die Brüste, dass es die Steine erbarmen konnte. Sie riefen ihre arme Schwester so lange mit Namen, bis der Klageruf den Abhang hinab zu Psyche drang. Die eilte bestürzt aus dem Hause hervor. »Was härmt ihr euch, rief sie, umsonst mit jammerndem Ruf? da bin ich ja, die ihr betrauert. Drum trocknet eure Wangen, umarmt mich, statt mich zu bedauern.« Dann rief sie den Zephyr und mahnte ihn an ihres Geliebten Auftrag. Er gehorchte unverzüglich und trug sie mit sanftem Wehen hinunter in sicherer Fahrt. Schon lagen sie sich in den Armen, schon herzten und küssten sie sich, schon lockte die Freude von neuem Ströme der Thränen hervor. »Nun aber, sagte sie, tretet froh in Haus und Hof, um euch nach all dem Gram mit eurer Schwester zu laben.« Darauf zeigte sie ihnen die Schätze des güldenen Schlosses, liess sie die Stimmen der dienstbaren Geister hören und an einem wunderschönen Bad und den Leckereien des 18 Zaubertisches sich ordentlich erquicken. Von der überströmenden Fülle all dieser wahrhaft himmlischen Herrlichkeit gesättigt, begannen sie schon in ihres Herzens Tiefe den Neid zu nähren. Endlich fragte die eine von ihnen, um der Sache auf den Grund zu kommen, immer wieder und wieder, wem diese himmlischen Sachen gehörten, wer ihr Gatte sei und wie er aussähe. Aber sie verwahrte, eingedenk der Ermahnung, das Geheimnis treu in ihrer Brust und griff zu der Notlüge, es sei ein schöner Jüngling, dem eben der Flaum des Bartes leicht die Wangen beschatte; meist sei er auf der Jagd im Feld und im Gebirge. Aus Furcht aber, sie möchte sich, wenn die Unterhaltung so weiter fortginge, doch noch verraten, rief sie schnell den Zephyr und liess ihn sie entführen, mit Gold und Juwelen beschenkt. Aber in den Herzen des Schwesternpaars schlug der glimmende Neid zu hellen Flammen empor, und ein gehässiges Wort gab das andere. »Da zeigt sich einmal wieder« – begann die eine – »das blinde und ungerechte Walten des Schicksals: wir Schwestern stammen von gleichen Eltern, und so verschieden soll unser Los sein! Wir, die älteren, werden fremden Gatten wie Mägde ausgeliefert; fern von Vater und Mutter, weit von Haus und Heimat, leben im Elend wir: sie, die so viel jüngere, soll so reich sein dürfen, vermählt mit einem Gott! Versteht sie es doch nicht einmal, die Fülle der Güter zu nützen! Hast du, Schwester, alle die Pracht des Geschmeides gesehen, den Glanz der Gewänder, das Funkeln der Juwelen, das Gold, auf das man tritt? Ist ihr Geliebter noch dazu so schön, wie sie behauptet, so ist sie die Glücklichste auf dieser weiten Welt. Wird ihr Verhältnis noch enger und wächst die 19 Zärtlichkeit, so macht er sie noch zur Göttin. Ja, wahrhaftig, ganz so that sie, ganz so gab sie sich schon jetzt: schon blickte sie auf gen Himmel, gab sich einer Göttin Air, die Herrin von Geisterstimmen, die Windeskönigin. Der Gatte dagegen, den ich Arme bekam, könnte an Jahren mein Vater sein, ein Kahlkopf wie ein Kürbis, ein Dummkopf wie nur irgend ein Junge; und das ganze Haus hält er fest zu hinter Schloss und Riegel.« Da fiel die andere ein: »Und nun erst mein Gatte! ein Gichtkrüppel, dem ich, statt dass er zärtlich zu mir ist, seine krummen und steifen Finger reiben muss; mit ekelhaften Umschlägen muss ich mir meine zarten Hände verbrennen; so bin ich ihm nicht mehr eine dienstwillige Gattin, sondern eine gewerbsmässige Krankenpflegerin. Du musst es selbst wissen, ob du das geduldig oder, grade heraus gesagt, wie eine Magd mit ansehn willst: ich meinerseits kann es nicht länger dulden, dass solcher Segen ihr in den Schoss fällt, die es nicht verdient. Denke doch nur daran, wie von oben herab, wie anmassend sie uns behandelte, wie sie prahlte und sich aufspielte und dadurch ihren Stolz verriet, wie sie von ihres Reichtums Fülle nur diese Kleinigkeiten widerwillig uns zuwarf, um sich dann schleunigst unserer lästigen Gegenwart zu entledigen und uns mit Schimpf und Schande an die Luft setzen zu lassen. Aber ich müsste kein Weib sein, wenn ich sie nicht vom Gipfel ihres Glücks stürzte. Und da auch dich diese Beschimpfung gekränkt hat, so lass uns beide gehörig zu Rat gehen. Vor allem wollen wir diese Sachen hier nicht den Eltern oder irgend jemanden sonst zeigen und überhaupt uns von ihrem Wohlergehen nichts wissen machen. Grade genug, dass wir selbst ihr Glück sehen mussten: das fehlte noch, 20 dass wir es den Eltern und aller Welt ausposaunten. Das möchte sie wohl, denn glaube mir: keiner fühlt sich glücklich, wenn nicht andere um seinen Reichtum wissen. Sie solls erfahren, dass wir nicht ihre Mägde, sondern ihre älteren Schwestern sind. Jetzt auf zu unseren Gatten, zu unserem bescheidenen, aber anständigen Heim, um dort lang und genau uns zu beraten und dann zurückzukehren mit dem festen Entschluss, ihren Hochmut zu bestrafen.« Am bösen Plan fand Wohlgefallen das böse Paar. Sie versteckten all die Geschenke, rauften in geheuchelter Trauer ihr Haar, und rissen so auch den erschreckten Eltern die Wunden wieder auf. Dann eilten sie wutschnaubend nach Hause, wo sie wider ihre schuldlose Schwester einen mörderischen Plan ausheckten. Unterdessen sprach der Unbekannte bei einem seiner nächtlichen Besuche mahnend also zu Psyche: »Merkst du nun, welche Gefahr dir vom Schicksal droht? Sieh dich darum ja vor, sie nicht noch näher herankommen zu lassen. Die Weibsbilder sind schon bei der Arbeit, dich in eine Falle zu locken: sie wollen dich bereden auszuforschen, wie ich aussehe; ich aber sagte dirs schon oft: siehst du mein Gesicht, so ists auf Nimmerwiedersehn. Wenn die Hexen dir also mit ihren verderblichen Zauberkünsten zu Leibe rücken werden – und sie werden es –, so wäre es das beste, du sprächest überhaupt nicht mit ihnen; kannst du aber das in deiner Harmlosigkeit und Herzensgüte nicht über dich gewinnen, so stehe ihnen wenigstens dann, wenn sie von deinem Geliebten anfangen wollen, nicht Rede noch Antwort. Wisse nämlich: das Kind, das du in deinem jungen Schosse trägst, wird, wenn du treulich schweigst, ein Gott, wenn du 21 verrätst, ein Erdenmensch.« Wie strahlte Psyche bei der frohen Botschaft, welch ein Trost war ihr das Götterkind, der Liebe hohes Unterpfand, wie stolz war sie, dass sie bald Mutter heissen solle! Die Tage kamen und die Monde schwanden: Psyche zählte sie voll Bangen und staunte des wachsenden Segens in ihrem kindlichen Sinn. Aber schon kamen übers Meer in heilloser Hast die höllischen Unholdinnen. Da nutzte der Unbekannte die Augenblicke, die er bei seiner Psyche weilte, zu dieser neuen Ermahnung: »Gekommen ist der letzte Tag, die Not am höchsten! Die eignen Blutsverwandten zogen als Feindinnen gegen dich aus, schon sind sie nah, schon ist ihr Dolch auf deine Brust gezückt. Weh, welch Unheil droht uns, mein geliebtes Leben! Erbarme dich dein und mein, halte fromm dein Gelübde und wehre dem dräuenden Unglück, das sonst das Haus, den Geliebten, dich mit dem Kleinen begräbt. Die Bösen – nenne sie nicht mehr Schwestern, seit sie dich tödlich hassen, die heiligsten Bande lösten –, sieh sie nicht an, höre sie nicht an, wenn sie wie Sirenen ihr Grabeslied dir singen hoch von dem Gipfel des Bergs.« Psyche erwiderte ihm mit vor Thränen und Schluchzen stockender Stimme: »Schon lange, dächt' ich, erhieltest du Beweise meiner Treue und Verschwiegenheit; aber noch einmal will ich dir zeigen, wie starken Herzens ich bin. Befiehl nur unserem Zephyr, er sei mir wieder zu Diensten, und lass mir wenigstens den Anblick meiner Schwestern zum Ersatz dafür, dass ich dich in deiner Herrlichkeit nicht schauen darf. Bei deinen balsamischen Locken, die dir vom Haupte wallen, bei deinen mädchenhaft weichen Wangen, bei dem Feuer, das deine Brust durchglüht, und bei dem Kinde, in dem ich 22 dereinst dein Antlitz zu schauen hoffe: lass dich durch mein inbrünstig frommes Flehen erweichen, mich süss wie einst zu umarmen, tröste deine Psyche, die sich dir hingegeben mit Seele und mit Leib. Ich forsche ja auch gar nicht mehr nach deinem Antlitz, nicht stört mich mehr die Finsternis der Nacht: du bist mein Licht, dich halt' ich fest.« Diese Worte und ihre weichen Küsse bezauberten den Geliebten: mit seinen Locken trocknete er ihre Thränen und versprach ihr Gewährung des Wunsches. Flugs war er davon vor dem Licht des jungen Tags. Das zum Verderben Psyches verbündete Schwesternpaar eilte, ohne auch nur die Eltern zu besuchen, geradeswegs auf den Felsen. Sie warteten nicht einmal, bis der Wind, sie zu tragen, zur Stelle war: tollkühn sprangen sie in die Tiefe. Aber Zephyr gedachte, wenn auch nur widerwillig, des Gebotes seines Herrn: im Schosse der säuselnden Lüfte trug er sie nieder zur Erde. Unverzüglich drangen die beiden falschen Schwestern ins Haus, umarmten ihr Opfer und sprachen mit kriecherischer Freundlichkeit auf dem Gesicht, die Herzen voll von Lug und Trug: »Psyche, unlängst noch ein Kind und bald schon Mutter! Nein, du glaubst nicht, wie wir uns mit deiner Hoffnung freuen! was für Jubel wird sich in unserm ganzen Hause erheben! wie selig werden wir sein, das goldige Knäblein pflegen zu dürfen! Wird es so schön wie seine Eltern, wahrhaftig so wird's ein Amor.« So eroberten sie sich durch falsche Zärtlichkeit allmählich das Herz der Schwester. Sie hiess sie sich sofort auf Polstern von der ermüdenden Reise ausruhen, durch ein warmes Bad sich erquicken, führte sie dann in den prachtvollen Speisesaal und liess sie sich 24 gütlich thun an den himmlischen Delikatessen. Sie befahl ein Zitherkonzert: es ertönte; Flötenmusik: sie erhallte; Chorgesang: er erschallte. Niemand war zu sehen, doch die süssen Weisen klangen bezaubernd ans Ohr. Aber nicht einmal diese himmlische Sphärenmusik erweichte den ruchlosen Sinn der Bösen: sie brachten, um Psyche in der Schlinge zu fangen, scheinbar harmlos das Gespräch darauf, wer und was ihr Geliebter sei und woher er stamme. Psyche hatte in der Einfalt ihres Herzens ihre frühere Antwort schon vergessen, und so sagte sie denn mit einer neuen Notlüge, er sei ein Grosskaufmann aus dem Nachbarreiche, von mittleren Jahren und schon etwas grau. Und ohne sich bei diesem Thema noch weiter aufzuhalten, überhäufte sie die Schwestern wieder mit reichen Geschenken und überwies sie dem luftigen Fahrzeug. Zephyr trug sie nach oben mit seinem milden Wehn. Auf dem Heimwege gab ein Wort das andere. »Was sollen wir, Schwester, zu dieser ungeheuerlichen Lüge der dummen Person sagen? Damals war es ein Jüngling, dem eben der Flaum erst sprosste; jetzt ist er in mittleren Jahren und grau am Haupt und Bart! Was ist das für ein Wesen, das binnen so kurzer Zeit zum Greis geworden ist? Es ist nicht anders, 25 Schwester: entweder lügt das Frauenzimmer oder weiss selbst nicht, wie ihr Geliebter aussieht. Wie dem auch sei: sie darf nicht mehr lange in seinem Besitz bleiben. Denn kennt sie sein Antlitz nicht, so ists ein Gott, dem sie vermählt, ein Götterkind, das sie gebiert. Sollte sie aber – ich will es nicht berufen – Mutter eines Götterknäblein heissen: wahrhaftig, gleich knüpfte ich mir eine Schlinge um den Hals. Nun lass uns ins Elternhaus zurückkehren, um dort unsern Trug weiterzuspinnen.«

 

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