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Eufemia von Adlersfeld-Ballestrem: Amönenhof - Kapitel 9
Quellenangabe
pfad/adlersfe/amoenen/amoenen.xml
typefiction
authorEufemia von Adlersfeld-Ballestrem
titleAmönenhof
publisherHeyne
year1976
isbn3-453-44027-7
correctorreuters@abc.de
senderchristinecr (at) web.de
created20130607
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8. Kapitel

Die Glocke auf dem Türmchen, das den mittelsten Giebel des Amönenhofs überragte, hatte am folgenden Morgen noch nicht halb sechs geschlagen, da stand Leo Zimburg schon an der Lattenpforte des Grenzgitters am See und beobachtete unverwandt den Pfad, der von der Ulmenallee dorthin führte. Da es ein ganz anständiger Marsch vom Steinauer Herrenhause durch den Wald bis zu dieser Stelle war, mußte er schon rechtzeitig aufgestanden sein, aber seine Augen verrieten nach der kurzen Nachtruhe keine Ermüdung. Sie waren im Gegenteil so munter, so voll Erwartung, als läge eine prachtvoll durchschlafene Nacht hinter ihm. Die guten Vorsätze, die er gestern nach Mühlings freundschaftlichem, wenn vielleicht auch nicht ganz uninteressiertem Rat gefaßt hatte, waren wie Rauch aus dem Schornstein davongeflogen. Denn des Lebens Weisheit, beziehungsweise die kühle Überlegung hatte seiner Natur noch nicht die gemäßigte Temperatur zu verleihen vermocht, die bei anderen seines Alters – ob zu ihrem Glück, sei dahingestellt – oft genug die entscheidende Rolle spielt. Er war vom Leben tüchtig durchgerüttelt worden, hatte das Gefühl pflichtgemäß gebucht und die Kladde dann endgültig zugeklappt, als die Sonne wieder in seiner unmittelbaren Nähe aufging und ihn dermaßen mit ihren siegenden Strahlen durchwärmte, daß das süße Wort »Vielleicht« ihm fast wie Gewißheit schien. Das bißchen Reue, das ihm wohl von fern kam, weil er sich von seinem Herzen hatte hinreißen lassen, war kaum der Rede wert und wurde überdies von dem Jubel in seiner Seele vollständig überstimmt; denn daß Theo ihm überhaupt Zeit und Ort angegeben hatte, wo sie ihm ihre Antwort geben wollte, dünkte ihn als ein Zeichen, daß seine Sache keine aussichtslose sei. Daß er den Kammerherrn mitsamt dem »kleinen Reudnitz-Mädel«, die ausgerechnet im entscheidenden Augenblick »angelatscht« kommen mußten »zum Kuckuck und seiner ganzen buckligen Verwandtschaft« gewünscht hatte, darüber machte er sich keine Vorwürfe; trotzdem hatte er natürlich keine Ahnung, daß der Kammerherr ihn und Theo auch viel lieber in Jericho gesehen hätte. Womit beide Teile quitt waren. –

Endlich schlug es vom Amönenhof halb sechs, und bald darauf sah Zimburgs geschärftes Auge ein blaues Leinenkleid und eine goldene Haarkrone durch die Büsche leuchten. Theo war rasch gegangen, aber wohl nicht allein die schnelle Bewegung hatte das Rot ihrer Wangen so vertieft, als sie jetzt vor das Gatter trat, die Hände auf dem Rücken, in den Augen ein Licht, das er sich im ersten Augenblick nicht zu deuten wußte.

»Herr Graf«, begann sie ohne Gruß, ohne Umschweife, »ich bin tief beschämt, daß ich gestern abend so unüberlegt war, Ihnen einen neutralen Ort zu einer Zusammenkunft zu nennen; noch dazu zu einer Stunde, die doch reichlich ungewöhnlich ist. Ich wählte sie einzig nur darum, um vor einem Dazwischentreten anderer sicher zu sein; denn im Grunde lag ja doch eine direkte Veranlassung dazu nicht vor. Aber die Reue kam leider zu spät –. Ich hätte es gern rückgängig gemacht, als ich mir klar darüber wurde, was ich getan hatte.«

»Gott sei Dank!« fiel er inbrünstig ein. »Fräulein Zöllner, Ihre Selbstanklage macht Sie mir nur noch achtbarer und – ja – liebenswerter, um so mehr, als mir selbst nicht der leiseste Gedanke an das gekommen ist, was Sie sich glauben vorwerfen zu müssen. Die direkte Veranlassung aber, Sie unter vier Augen zu sprechen, ist nicht nur vorhanden – sie ist Lebensfrage für mich. Fräulein Zöllner – Theo, Sie sind doch nicht etwa nur gekommen, um mir zu sagen, daß Sie eigentlich nicht hätten kommen sollen – daß Sie bereut haben, mir die Möglichkeit zu geben, das noch zu sagen, was gestern abend unausgesprochen bleiben mußte? Sie werden doch nicht zurücknehmen oder einschränken wollen, was Sie mir auf meine Bitte um Rat antworteten? Sie wissen schon: des Mädchens wegen, das ich so sehr liebe, so gern als meine Gattin, Gefährtin und treue Kameradin in die neue Heimat mitnehmen möchte?«

»Nein, ich will nichts zurücknehmen, nichts einschränken. Wie könnte ich das wohl, da ich doch aus vollster Überzeugung gesprochen habe. Ich bin ja keine Wetterfahne«, sagte Theo, ohne ihre Stellung zu verändern.

»Und Sie werden es auch nicht tun, nachdem Sie nun wissen, daß Sie selbst dieses Mädchen sind?«

»Gewiß nicht! Seine Überzeugung kann man als ehrlicher Mensch nicht zurücknehmen!« erwiderte Theo tapfer.

»Hurra!« schrie Zimburg mit seiner kräftigen Stimme in den schönen Morgen hinein, trat ein paar Schritte zurück und sprang dann leicht und sicher über die Lattenpforte hinüber, ehe Theo noch einen Protest einlegen konnte. Ihr »Aber, Graf Zimburg!« kam wesentlich zu spät; denn schon stand er vor ihr und streckte beide Hände aus.

»Ja, wenn das dumme Ding auch zugeschlossen ist!« entschuldigte er seinen schönen Turnersprung. »Ich kann doch nicht wie ein hungriger Löwe hinter dem Gatter dort stehenbleiben, wenn Sie mir sagen –«

»Nichts habe ich gesagt, als daß ich bei meiner Überzeugung bleibe«, fiel sie streng ein. »Daraus folgt doch noch nicht, daß ich – daß Sie – – mit einem Worte, es gehören zwei dazu, damit es klappt.«

»Eben deswegen bin ich ja herübergesprungen«, behauptete er. »Wie soll denn solch eine Sache klappen, wenn ein Gattertor zwischen den Zweien liegt? Also bin ich der eine – ich fange mit mir an, weil ich's weiß. Sogenannte Vernunftgründe nützen nichts dagegen. Es ist so, und damit basta! Das stand schon bombenfest, als ich Sie zum erstenmal da drüben in meiner ehemaligen Bude gesehen hatte. Ich glaubte nicht, daß Sie und ich damals ein Wort gewechselt haben; aber was Sie nicht aussprachen, das habe ich in Ihren Augen gelesen, dieses wunderbar wohltuende Verstehen. Nachdem ich Sie zum zweitenmal gesehen und mit Ihnen gesprochen hatte, da wußte ich's: Sie waren mir zu heilig, um Ihren Namen vor Mühling und Bergfried auch nur zu nennen, und als ich Sie zum drittenmal hier auf dieser Stelle sah, da wußte ich auch, warum Sie mir so heilig waren. Und meine ganze Unglücksgeschichte habe ich Ihnen nur darum erzählt, damit Sie wußten, was für'n Kerl ich bin. Und wie ich im schönsten Zuge bin, muß dieser Unglücksspatz ›Theo, Theo‹ dazwischen piepsen! Na, vielleicht war's ganz gut; denn ich bin dann in mich gegangen und habe mich gefragt, ob ich auch das Recht hätte, Ihnen mit meinem ganzen, vollen, von großer, großer Liebe übervollen Herzen solch eine unsichere Zukunft in einem fremden Land mit ganz unbekannten Verhältnissen zu bieten. Da, gestern, als ich Sie zum viertenmal sah, kam mir der Gedanke, die Beantwortung dieser Frage in Ihre eigenen Hände zu legen, und heut noch bin ich mächtig stolz auf diesen Ausweg aus meinem Dilemma. Und natürlich: gerade wie ich es aussprechen will, daß Sie das Mädchen sind, von dem ich Ihnen erzählt, kommt der Unglücksspatz wieder angehupft! Aber das weiß ich: Kommt sie noch ein drittes Mal, ehe ich meine Antwort habe, dann drehe ich ihr den Jammerhals um und werfe sie in den See, oder es geschieht sonst was Gräßliches! Wenn Sie das also verhüten wollen –«

»Nein, dieser Mensch wird noch so lange reden und den Teufel an die Wand malen, bis er wirklich da ist!« unterbrach ihn Theo lachend, während ein paar schwere Tränen großer Rührung unbewußt, ungeachtet über ihre rot und blaß werdenden Wangen rollten. »Können Sie den Spatz nicht endlich vergessen und bei der Sache bleiben? Und mich endlich auch mal reden lassen? Denn was nutzt es denn, daß ich schweige, wenn ich nun doch einmal sagen muß, daß ich – daß ich steif und fest geglaubt habe, Sie meinten eine andere als mich, und es mir dabei so schrecklich, schrecklich weh ums Herz wurde und so finster um mich her. Mir ist's ja gerad' so gegangen wie Ihnen. Gewiß hab ich's erst gestern abend gewußt, als Sie mich wegen des Mädchens befragten, und wie Sie mir dann sagten, daß ich's sei, da wußte ich mit einem Male, daß ich nicht nur in der Theorie, nein, wirklich und wahrhaftig nicht nur nach Australien gehen könnte, sondern sogar bis –«

Die nähere geographische Angabe dieses »bis« hielt Leo Zimburg offenbar für überflüssig, und ein Schmaltier, das jenseits des Drahtzaunes aus dem Walde trat, äugte neugierig herüber und legte sich wohl verwundert die berühmte Frage des epischen Charakterkaters Hiddigeigei vor: »Warum küssen sich die Menschen?« Da es aber anscheinend keine Zeit hatte, den Schluß dieses sonderbaren Verfahrens abzuwarten, so wechselte es über die Waldblöße hinüber durch das Unterholz gen Osten, und das Rascheln in den Büschen schreckte die zwei seligen Menschen aus ihrem Selbstvergessen auf.

Und die Uhr im Amönenhof schlug dreiviertel auf sechs.

»Gott bewahre – wie die Zeit vergeht!« stellte Theo fest. »Und in dieser elenden kleinen Viertelstunde haben wir uns verlobt! Verlobt! Ach, was ist die Welt doch so schön. Aber, Leo, wir müssen es noch geheimhalten, so lange, bis ich hier nicht mehr gebunden bin. Verstehst du?«

»Mangelhaft«, behauptete er. »Heirat löst jeden Vertrag, sollte ich meinen, auch wenn du dich für eine bestimmte Zeit hier verpflichtet hättest.«

»Ich bin hier überhaupt nur in Stellvertretung für eine erkrankte Freundin eingesprungen. Aber für mich ist's Ehrensache, verstehst du, an ihrer Stelle hier auszuhalten, bis sie selbst so weit ist, sie zu übernehmen. Die Stellung ist nämlich einfach eine Lebensfrage für sie. Also –«

»Das ist ja alles ganz gut und schön, und ich wäre der letzte, dich solch einer Liebes- und Freundschaftspflicht abwendig zu machen; aber – ja, wie lange soll denn diese Stellvertretung noch dauern?«

»Ich fürchte, es kann sich noch ein paar Monate hinziehen.«

»Und ich dachte im Herbst, spätestens im Oktober nach Australien abzureisen. Bis dahin will Mühling mich durchaus in Steinau festhalten, dem zuzustimmen mir jetzt natürlich nicht mehr schwer werden dürfte, wie du dir denken kannst. Ich fürchte nur, daß sich bei der Nähe unsere Verlobung nicht wird geheimhalten lassen, und sehe auch eigentlich die Notwendigkeit dafür nicht recht ein.«

»Aber Leo! Das ist doch klar! Die Leute im Amönenhof werden sich für eine Gesellschafterin bedanken, deren offiziell Verlobter jeden Tag angeschwänzelt kommt und sie von ihren Pflichten abzieht! Wenigstens würden sie das annehmen, und vielleicht nicht einmal mit Unrecht! Das Ende vom Liede würde sein, daß man mir erklärte, so ginge die Geschichte denn doch nicht weiter. Ich müßte dann den Wink verstehen, meine Koffer packen und damit meiner armen Freundin die Stelle verscherzen. Das will ich aber nicht. Selbst wenn der gute Kommerzienrat ein Auge zudrückte, so würde die Tante diese Gelegenheit mit Wonne benützen, um mich regelrecht vor die Tür zu setzen. Begreifst du's nun?«

»Ich muß wohl. Ja, eigentlich hast du recht«, gab Zimburg zögernd zu. »Aber, zum Kuckuck, was wird denn aus mir? Soll ich in Steinau sitzen und wie eine Spinne auf die seltene Gelegenheit lauern, daß Mühling mich gelegentlich eines Besuches im Amönenhof mitnimmt, nur damit ich dich mal zu sehen bekomme? So hübsch von weitem? Das kann kein Mensch von mir verlangen!«

»So? Bin ich etwa nicht auch in derselben Lage?« fragte Theo beleidigt, was aber nur zur Folge hatte, daß diesmal sich die Vögel die Frage des Katers Hiddigeigei vorlegen konnten.

»Ich gehe jeden Morgen so früh wie heute spazieren«, bemerkte Theo.

»Und wenn's regnet?« erkundigte er sich. »Seit vierzehn Tagen haben wir jetzt dies herrliche Wetter; seit gestern fällt das Barometer, und Mühling prophezeit eine ausgiebige Regenperiode. Und da würde doch diese unsere frühe Spazierwut sehr auffallen.«

»Darin hast du recht«, erwiderte Theo kleinlaut. »Ich fürchte sogar, du hast auch darin recht, daß die Sache mit ihrer Heimlichkeit auf die Dauer unhaltbar ist –«

»Hurra! Ich habe eine Braut, die etwas einsieht –!«

»Na, warte nur, du wirst schon noch andere Tugenden bei mir entdecken! Aber Scherz beiseite – habe nur ein paar Tage, eine Woche noch Geduld, bis ich mit der diplomatischen Begabung, deren ich mich rühme, das Gelände ausgekundschaftet habe.«

»Es muß wohl recht sein, da du dich durch deine Stellvertretung gebunden fühlst. Davor muß mein jüngeres Recht gewiß zurücktreten; das erkenne ich an und freue mich, daß dir die Pflicht über alles geht. Verzeih', daß mein Egoismus mich verleiten wollte, dich davon abgängig zu machen – wär mir's gelungen, so hätte ich bei näherer Erwägung einen kleinen Fehler in deinem für mich so strahlenden Bilde finden müssen. So aber verheißt dein unbestechliches Pflichtgefühl mir eine um so schönere und reichere Zukunft.«

»Leo, du mußt mich nicht so sehr loben! Ich bin auch nur ein Mensch mit vielen, vielen Fehlern«, murmelte Theo ganz rot vor Freude und Beschämung. »Wer weiß, ob du nicht noch einmal von deiner guten Meinung über mich wirst zurücknehmen müssen. Sieh, du hast mich ja ganz auf Treu' und Glauben mit deiner Liebe beglückt und weißt doch gar nichts über mein Leben, meine Herkunft – genau, wie Fräulein von Ganting es gestern abend aller Welt zu wissen tat!«

»Lieber Himmel, was brauche ich denn davon auch groß zu wissen?« fiel er herzlich, ja heiter ein. »Dein Leben lese ich in deinen Augen, Lieb! Wer so reine, treue, klare Augen hat wie du, dessen Leben trübt kein Makel. Irrtümer zu begehen, ist Menschenlos – davon ist keiner frei.«

»Nein, leider nicht!« sagte sie seufzend. »Ich war nahe daran einen großen Irrtum zu begehen, einem Manne meine Hand zu reichen, der mir mal sehr imponiert hat. Aber ich hatte Gelegenheit, ihn über die Ehrlichkeit seiner Gefühle auf die Probe zu stellen, und fand, daß er ein kalter Egoist war, und sah zu meiner Erleichterung ein, daß es nicht Liebe war, die mich zu ihm hingezogen hatte. Die Liebe hast du mich erst kennen gelehrt. Das ist alles, was ich dir über mein Leben zu beichten habe.«

»Lieber Gott – wenn's weiter nichts ist!« versetzte Zimburg lachend und gerührt zugleich. »Ich war in meinem Leben mehr als einmal, was man ›verschossen‹ nennt; aber mein Herz ist kein Bummelzug, der vor der Station jedes hübschen Gesichtes anhält. Es hat den Pferden immer mehr gehört als dem schönen Geschlecht; sonst aber habe ich's sauber und rein gehalten, wie hätte ich anders wohl auch gewagt, es dir anzubieten. Womit wohl unsere gegenseitige Beichte erledigt wäre! Nun, und deine Familie – ja, die brauche ich ja gottlob nicht mit zu heiraten. Gesetzt auch, deine Familie bestünde aus lauter schwarzen Schafen – mir genügt das weiße! Und Australien ist ziemlich weit von Europa entfernt. Auch ist es ja nicht schwer zu sehen, daß das Haus, aus dem du stammst, ein gutes, hochgebildetes sein muß, wobei mir übrigens einfällt, daß es ja meine Pflicht ist, bei deinen Angehörigen – Eltern, Bruder oder Vormund – in aller Form anzuhalten.«

»Das bleibt dir erspart«, erwiderte Theo. »Ich bin Waise, bin mündig und habe weder Geschwister noch sonstige Anverwandte. Mein Vater war – war Offizier; meine Mutter habe ich schon als kleines Kind verloren und bin darum schon sehr jung in ein gutes Institut gekommen, das ein Realgymnasium für Mädchen ist. Dort habe ich mein Abitur gemacht, habe aber nicht studiert, weil mein Vater mich daheim brauchte und auch überhaupt dagegen war. Verwandte habe ich, wie gesagt, nicht, nur einen Vetter, aber einen recht weitschichtigen, so daß von einer Verwandtschaft mit ihm eigentlich nicht mehr die Rede sein kann –«

»Macht nichts, wir laden ihn zur Hochzeit ein, nicht wahr?« »Ganz bestimmt wird er zu unserer Hochzeit eingeladen«, lachte Theo. »Ich kenne ihn zwar erst seit sehr kurzer Zeit, aber ich denke, er wird mit Vergnügen dabei sein. Doch nun muß ich machen, daß ich in den Amönenhof zurückkomme, denn um halb sieben ist Frühstückszeit.«

»Na, dann aber rasch noch einen Kuß, sonst schreit der Spatz wieder Theo und ich kriege keinen«, drängte Zimburg. »Und wann sehen wir uns wieder?«

»Morgen früh zur selben Zeit und an derselben Stelle, wenn's schön ist und nicht regnet, denke ich.«

»Du kannst mir auch postlagernd Steinau schreiben, Chiffre L,Z., damit Mühling nicht etwa Lunte riecht – ja, und dabei fällt mir ein: Mühling will dich auch heiraten. Er hat mir's gestern gesagt.«

»Wie nett von ihm!« lachte Theo. »Wenn er dir's nochmals sagt, dann rate ihm nur dringend ab, hörst du?«

»Werde nicht verfehlen. Wurst wider Wurst, denn er hat mir auch abgeraten, weil ich Patentesel mich bei seinem Bekenntnis auch 'n bissel verraten habe.«

»Was? Er hat dir abgeraten? Warum denn?«

»Na, weil er doch selbst Absichten hat. Klar wie Tinte, nicht? Ich hätte nischt, hat er gesagt, du hättest nischt; aber er könnte sich's leisten.«

»Hat er gesagt? Woher will er denn wissen, daß ich ›nischt habe‹? Erstens könnte ich bei meinem brillanten Gehalt Unsummen auf die hohe Kante gelegt haben, und dann – dann könnte ich doch mal eine nette Erbschaft gemacht haben!«

»Ach du Himmel! Wer sich auf Erbschaften verlassen will, kann mir leid tun.«

»Bitte, deine Namensbase, meine Freundin Theodora Zimburg, war auch ein armes Mädchen und hat seine Erbschaft gemacht, wie sie's ganz und gar nicht erwartet hat, was mich auf die Frage bringt, warum du nicht versucht hast, sie kennenzulernen und sie zu – zu heiraten?«

»Ja, zum Kennenlernen war vor ihrer Erbschaft keine Gelegenheit, namentlich, da ihr Vater auf dem Montecchi-Capuletti-Standpunkt des Zimburger Familienhaders festhielt, und nachher, nachdem sie ein reiches Mädchen geworden, bin ich ihr sorgfältig aus dem Wege gegangen, eben damit sie nicht etwa auf den Gedanken kommen könnte, daß ich ihrem Mammon nachlaufen wollte. Denn in diesem Punkt bin ich sehr kitzlig; lieber würde ich Straßenkehrer werden, ehe ich eine Frau nehme, die mehr hat als ich.«

»Wenn du sie aber sehr, sehr lieb hättest –«

»Ach Theo, das verfluchte Geld ist und bleibt doch immer ein Stein des Anstoßes in solchen Ehen – wenn's nämlich auf der falschen Seite ist. Zum Glück aber brauchen wir uns darüber ja nicht zu streiten; so wie's ist, ist mir's schon lieber.«

»Es ist sehr gut von dir, das zu sagen. Aber wenn du nun den bewußten Schatz fändest –«

»Den hab' ich heute, an diesem schönen Morgen gefunden! Auf den anderen pfeife ich – nolens volens, heißt das; denn in natura könnte sein Erscheinen nichts schaden. Dann könnten wir alle beide auf Australien pfeifen – –«

»Theo! Theo!« klang es in dünnen Tönen von der Ulmenallee herüber.

»Guten Morgen! Wenn man vom Wolfe spricht, kommt er gerennt«, sagte Zimburg ergebungsvoll. »Gut, daß ich meinen Kuß schon weg habe! Das heißt, zu einem langte es schon noch –«

»Es langt nicht mehr, denn ich sehe sie schon in den Seepfad einbiegen«, lachte Theo leise, und Zimburg nahm die Pforte wieder mit einem eleganten Sprunge, während sie Sabine entgegenlief, deren erstes Wort war: »Aber Theo! Wie siehst du denn aus? Du bist ja ganz verrauft!«

»Ich – ich bin an einem Busch hängen geblieben«, sagte Theo, an ihrer Frisur bastelnd. »Ist dein Vater schon unten?« fuhr sie rasch fort, Sabine nach sich ziehend. »Ich glaube, ich werde mich vor dem Frühstück noch einmal frisieren müssen –«

»Vater war noch oben, als ich fortging, aber es muß gleich halb sieben schlagen«, erwiderte Sabine atemlos. »Hast du eigentlich mit jemand gesprochen? Mir war's, als hätte ich eine Männerstimme gehört!«

»Natürlich, weil du an den schönen Bariton Herrn von Willigs gedacht hast«, neckte Theo und erreichte damit auch vollständig ihren Zweck, ohne dabei lügen zu müssen. Sabine fing sofort an, von dem gerühmten Organ zu schwärmen, und wie herrlich es erst beim Singen klingen müßte.

,,Das käme auf eine Probe an«, ermunterte Theo. »Herr von Willig singt nämlich tatsächlich, wenn er dazu gereizt wird.«

»Woher weißt du denn das?« fragte Sabine verwundert und ein wenig mißtrauisch.

»Ja, er hat mir's gesagt«, war die beruhigende Antwort. – Für Theo war der ganze lange Tag vom Frühstück an eine der härtesten Prüfungen, die sie in ihrem jungen Leben jemals zu bestehen hatte – ja, sie ging sogar soweit, sich vorzureden, daß ihr Abitur eine wahre ›Zuckerlecke‹ dagegen gewesen sei. Es schwirrte und sauste in ihrem Kopfe, – ein wahres Mühlrad, das ein rauschender Bach von Glück und Seligkeit, Sorgen, Bangen, Gewissensbissen, moralischen Katern und jubelnder Siegesgewißheit um und um trieb. Und dazu keine ruhige Stunde, um etwas Ordnung in das Chaos zu bringen! Ach, und wie notwendig, wie dringend notwendig wäre diese Ordnung gewesen, damit die Bombe nicht eher platzte, als sie es für wünschenswert hielt!

Mit der Verlobung heute früh war sie überrumpelt worden, das heißt, sie war natürlich ganz einig mit sich darüber gewesen, keinem anderen als diesem so unerwartet in ihr Leben getretenen Leo Zimburg ihre Hand zu reichen; aber in ihrer glänzenden Unkenntnis in solchen Dingen hatte sie an längere Präliminarien und Kapitulationsbedingungen gedacht und sich deren Verlauf, sehr genau ausgearbeitet, sorglich zurechtgelegt. Der Sprung über die Lattenpforte hatte aber die ganze Geschichte auf ein anderes Gleis gebracht. Warum mußte dieser schreckliche, liebe Mensch auch gleich wie der »Turner Hoppenstedt« über den Zaun setzen, der doch wahrhaftig hoch genug war, um als eine sichere Verschanzung zu gelten! Und wenn er schon durchaus zeigen mußte, wie hoch ein Bräutigam, der es gern werden will, springen kann, um sein Ziel zu erreichen, so war es doch nicht notwendig, daß man selbst sich dadurch überrumpeln ließ.

Nun, das Unglück war zum Glück aber einmal geschehen; und nun hieß es, sich mit Abstand und Verbeugungen gegen jedermann aus der selbst geschaffenen Zwickmühle herauszulavieren. Aber dazu brauchte man Ruhe zum Überlegen, und die fand Theo den ganzen lieben, langen Tag nicht. Sabinens ständige Nähe war ja nicht gerade sehr beunruhigend, aber es war doch nun einmal Theos Pflicht, das kleine Fräulein zu unterhalten; wenn man den Kopf so voll hat, daß man sich fast bei jedem Satz verspricht, und nicht zeigen darf, daß man so schrecklich weit – bis Steinau auf der Landstraße sechs Kilometer – mit seinen Gedanken von dem ganzen Gepapple entfernt ist! Aber Sabine selbst war heute »hupfig« und merkte in ihrem seligen Egoismus nichts von der Unruhe Theos, die den guten Kammerherrn von Willig schon neunhundertneunzig Klafter tief in den Erdboden gewünscht hatte, weil das ewige Loblied auf ihn ihr nun nachgerade auf die Nerven ging. Damit nicht genug, erschien dieses »höhere Wesen« am Nachmittag in Person, um sich nach dem Befinden zu erkundigen und es durchsickern zu lassen, daß demnächst eine Einladung der höchsten Herrschaften erfolgen würde. Kaum war er erschienen, da kam eine gemeinsame »Familienfuhre« in Gestalt eines sogenannten »Kaluders« mit dem Präsidenten und dem Amtsgerichtsrat nebst deren Gattinnen zum Gegenbesuch vorgefahren, dem auch der Assessor sich angeschlossen hatte; und wie auf Verabredung hatte auch die Oberhofmeisterin den schönen Tag gewählt, um in einem kleinen, ganz netten Einspännercoupé, das sie in Miete hatte, ihren Besuch abzustatten.

Und als schließlich auch Mühling noch zu Pferd erschien, um sich zu erkundigen, wie den Herrschaften der gestrige Abend bekommen sei, wurde auch dies als freundnachbarliche Aufmerksamkeit herzlich begrüßt. Auf dem Lande läßt man Besuche, selbst wenn sie nur zu einer »Staatsvisite« kommen, nicht ungespeist und ungetränkt wieder heimfahren; darum wurde auch im Amönenhof der Teetisch mit jedem der neu Angekommenen verlängert, dem sich schließlich, bevor der Heimweg angetreten wurde, der übliche Gang durch den Garten anschloß. Daß der Kammerherr dabei wie von ungefähr an Sabinens Seite geriet und mit ihr in einen der von hohen Taxushecken umsäumten, schmalen Wege des holländischen Gartens verduftete, stellte Theo belustigt fest. Die Oberhofmeisterin hatte sich in ihren Arm gehängt, ohne zu sehen – oder wenigstens tat sie doch so, als sähe sie es nicht – daß Mühling darüber ein wütendes Gesicht machte, worauf er, nachdem er eine Weile tapfer standgehalten, abfiel und sich unter die andere Gesellschaft mischte.

»Der hat mich eben auch zum Kuckuck gewünscht«, kicherte die alte Dame. »Lieb, wie wir uns sonst haben, – na, Sie kennen ja den schönen Leberreim:

›Die Leber ist von einem Hecht,
und nicht von einem Biber –
die alten Damen schätz ich sehr,
die jungen sind mir lieber!‹

Mein alter Mühling-Karl ist nicht übel verschossen in Sie; das sieht ein Blinder ohne Brille.«

»Wenn's ihm nur Spaß macht!«

»Na, na, nur nicht mit dem Feuer spielen! Altes Holz brennt leichter als grünes! Aber ich schätze, Sie sind nicht von der Sorte, die mutwillig mit Zündhölzern umgeht – wie ich gehört habe. Von wem werden Sie sich schon denken können. Außerdem habe ich so was läuten gehört, daß Sie sich der hohen Diplomatie zuzuwenden gedächten. Eh?«

»Das war ein falsches Geläut, Exzellenz«, erwiderte Theo ärgerlich. »Die hohe Diplomatie hat ihren ganzen Reiz für mich verloren.«

»So! So!« machte die Oberhofmeisterin stehenbleibend, um eine Prise zu nehmen. »Hat sie das? Damit stiegen allerdings die Steinauer Aktien stark im Wert.«

»Warum nicht gar!« lachte Theo wider Willen. »Da Exzellenz aber so befreundet mit Herrn von Mühling sind, so könnten Sie ihm bei Gelegenheit ja mal klarmachen, daß ich ihn sehr nett finde und daß Steinau mir sehr gut gefallen hat, daß es durchaus nicht ausgeschlossen wäre, wenn ich ihn dort später mal mit – mit meinem Mann zu einem Hausbesuch überfallen würde.«

»Daß dich das Mäuslein beißt!« rief Exzellenz aus. »Läuft der Hase so? Hören Sie mal, Kind«, setzte sie ernstlich besorgt hinzu, »Sie werden sich doch nicht etwa meinen dummen Spaß mit dem alten Kommerzienrat – potztausend! Da ist mir ja eben ein dicker Regentropfen auf meine klassische Nase gefallen! Wo kommt denn der her?«

Er kam natürlich aus einer schwarzen Wolke, die sich unbeachtet hinter den Bäumen von Westen her emporgewälzt hatte und nach diesem ersten Warnungszeichen umgehend eine ergiebige Ladung himmlischen Wassers wie aus einer Gießkanne über den Amönenhof ausschüttete. Lachend und schimpfend stob die ganze Gesellschaft zurück unter das schützende Dach, und da der Regen sobald nicht aufzuhören versprach, so war es Pflicht der Gastfreundschaft, die Wagen zum Ausspannen fortzuschicken und ein Abendbrot für die Besucher zu improvisieren, so daß es mit dem Aufbruch nun gar keine Eile mehr hatte.

Als die Gäste endlich aufbrachen, hatte der Regen zwar längst aufgehört, aber der Himmel war bewölkt und sternenlos, und eine drohende Schwüle lag schwer wie Blei über der in tiefe, dunkle Nacht gehüllten Erde, als die Wagen abfuhren und der lange, unerträgliche lange Tag für Theo ein Ende nahm.

»Bist du sehr müde?« fragte Sabine schüchtern beim Gutenacht vor ihrer Tür. »Ich habe dir nämlich schrecklich viel zu erzählen.«

»Sei lieb und erzähl' mir's morgen«, bat Theo. »Ich habe solche Kopfschmerzen, daß ich kaum mehr sehen und stehen kann. Das macht wohl die Gewitterluft.«

»Du Ärmste! Soll ich dir nicht Aspirin aus Vaters Hausapotheke holen?« fragte Sabine, wirklich herzlich besorgt. »Nein? Ich täte es aber liebend gern – also gute Nacht denn, und gute Besserung, und nur noch in Eile ein großes Geheimnis: Er liebt mich! Er hat mir's gesagt! O Gott, und was wird Vater dazu sagen – und Tantchen erst!«

Theo war aber heute nicht mehr in der Verfassung, Vermutungen darüber anzustellen. Sie umarmte Sabine nur mit einem kurzen herzlichen Glückwunsch und verschwand in ihrem Zimmer, wo sie sich zur größeren Sicherheit gegen jedes weitere Mitteilungsbedürfnis Sabinens sofort zu Bett begab und das Licht auslöschte. Nun wollte und konnte sie ungestört über alles das nachdenken, was sie bewegte und beunruhigte; aber kaum lag sie in den Kissen, als ihre Gedanken kraus durcheinanderliefen, und in weniger als einer Minute war sie fest eingeschlafen.

Und nun hatte sie einen Traum, Sie sah sich selbst mit Leo Zimburg unten im großen Saale auf und ab wandeln; er hatte den rechten Arm um ihre Schulter gelegt und sprach leise mit ihr – was, konnte sie nicht verstehen. Dann hielten sie vor dem Bilde der Gräfin Amöne an, und er deutete mit der linken Hand darauf; aber es war mit einemmal, wie das so im Traum zuzugehen pflegt, nicht seine wohlgeformte, braungebrannte und kräftige Hand, sondern eine lange, schmale, weiße Männerhand mit einem Siegelringe auf dem Zeigefinger. Sie hätte später im Wachen diesen Ring noch malen können: Ein schwerer, goldener, reichornamentierter Ring war's, mit einem Karneolstein, in den ein Wappen eingraviert war, das ihr bekannt vorkam. Und an diese fremde Hand schloß sich ein Arm in einem Ärmel von gelbseidenem, buntgeblümtem Brokat, und als sie verwundert diesen Ärmel betrachtete und sich umsah, fand sie, daß er zu einem weiten, langen Schlafrock gehörte, den jemand trug, der Leo Zimburg zwar ähnlich sah, im übrigen ihr aber älter zu sein schien; zudem war sein Gesicht glatt rasiert, und ziemlich lange Haare, dunkler als die Leo Zimburgs, hingen ihm über die Ohren unter einer gelbseidenen Zipfelmütze hervor, die er fest über den Kopf gezogen hatte. Nein, das waren nicht Leo Zimburgs Mund und Nase; aber es waren seine Augen, die sie, nur mit etwas anderem Ausdruck, aus diesem Gesicht ansahen, und der Mund sagte etwas, das sie nicht verstand. Die fremde Hand mit dem Siegelringe streckte sich weiter aus, und der angedeuteten Richtung mit dem Blicke folgend, sah Theo den Finger abwärts nach rechts auf den Fußboden deuten. Da zuckte es wie ein Blitz über die Wand mit dem Bild, in dessen Schein sie etwas Rundes auf dem Fußboden glänzen sah; doch was es eigentlich war, konnte sie nicht erkennen, denn der Schein erlosch so schnell, wie er erschienen war, und ein Tosen und Rollen, das die Fensterscheiben klirren machte, weckte sie auf, daß sie sich kerzengerade im Bett aufrichtete. Der verhallende Donner, dessen Geräusch sie jetzt mit völlig wachen Sinnen vernahm, belehrte sie, daß während ihres Schlafes ein Gewitter aufgezogen war. Da sie aber zu den wenigen weiblichen Wesen gehörte, die sich vor dem Donner nicht fürchten, und außerdem eine bleierne Müdigkeit sie von neuem überfiel, so legte sie sich ruhig wieder hin, und während draußen ein starker Wind einsetzte und in den Bäumen zu rauschen begann, schlief sie sofort wieder ein – und träumte weiter.

Diesmal sah sie sich mit Sabine die Treppe emporsteigen und hörte, wie sie ihr vor ihrer Tür gute Nacht wünschte, wobei Sabine auch eigentlich ganz anders aussah wie sonst, und vor der Tür ihres eigenen Zimmers stand ein Soldat in altertümlicher Uniform Schildwache. Aber beides wunderte sie nicht weiter. Dann sah sie sich in ihr eigenes Zimmer treten, in dem merkwürdige Veränderungen vorgegangen waren. Zwar stand das Bett wie immer in der Nische, aber es war nicht ihr eigenes, sondern eins aus Holz und mit einer grünen Steppdecke zugedeckt. Auch die Möbel waren zum Teil anders, besonders war der Tisch vor dem Sofa nicht der, den sie sonst hatte, sondern ein mit grünem Tuch bezogener sogenannter Spieltisch, auf dem ein Armleuchter mit fünf Kerzen stand, die zwar hell genug brannten, jedoch tropfte von ihnen, wie von einem Zugwind bewegt, das Wachs in dicken Strähnen herab. Das Sonderbarste aber war doch, daß vor dem Tisch, ganz ungeniert, als sei er hier zu Hause, der Herr in dem gelbseidenen, buntgeblümten Schlafrock saß, der Leo Zimburg glich und ihm doch wieder gar nicht ähnlich sah. Auf dem Tisch aber lag ausgebreitet eine vierfache Reihe von Spielkarten, auf welche er so vertieft niederblickte, daß er Theos Eintritt gar nicht zu bemerken schien. Sie fand es ganz natürlich, daß dieser fremde, und doch auch wieder bekannte Mensch hier saß, und um ihn nicht zu stören, trat sie leise hinter ihn, sah ihm über die Schulter und wunderte sich durchaus nicht, daß es die Karten waren, die sie in der Nische in der Faltentasche des Bettvorhangs gefunden hatte; die in vier Reihen untereinander vor ihm auf dem Tisch lagen, – oben die Treffs, darunter die Piques, dann die Karos und zuletzt die Coeurs, und er betrachtete sie mit solcher Aufmerksamkeit, daß er Theos Gegenwart überhaupt nicht zu bemerken schien. Daß die Karten in dieser Reihenfolge lagen, schien ihr selbst im Traum ganz erklärlich; denn sie hatte sie selbst ja schon so ausgelegt, und die Erinnerung daran beeinflußte jedenfalls auch ihren Traum, wie sie sich selbst darin sagte.

Solche Erklärungen sind im Traumzustand des Schläfers nicht ungewöhnlich; vielleicht darum, weil eine wach gebliebene Zelle des Gehirns Vernunftgründe gegen die ungewöhnlichen Erscheinungen des Schlafenden, beziehungsweise Träumenden anführt und der Schläfer sie als Unterbewußtsein gleichzeitig aufnimmt. Vielleicht! Man sucht ja immer nach Erklärungen für unerklärliche und unerklärbare Vorgänge in der eigenen Psyche; aber solange ein träumendes Gehirn in seiner Tätigkeit nicht beobachtet werden kann, wird es den gelehrtesten aller Gelehrten nicht gelingen, festzustellen, was dabei vorgeht.

Theo also fand es im Traum ganz erklärlich, daß die Karten auf dem Tisch in dieser Reihenfolge lagen, was die Farben, beziehungsweise die Zeichen betraf, als sie aber näher hinsah, bemerkte sie, daß die übliche Reihenfolge: As, König, Dame, Bube, Zehn, Neun, Acht und Sieben nicht eingehalten war, sondern willkürlich durcheinandergemischt war. Das konnte sie nicht unberichtigt lassen; es störte sie geradezu im Traum, und schon bog sie sich vor, um den fremden Bekannten, der sich so ganz selbstverständlich in ihrem Zimmer niedergelassen hatte, auf seinen Irrtum aufmerksam zu machen, als etwas Leben in ihn kam; denn er zog irgendwoher ein zusammengefaltetes Blatt Papier hervor und legte es sorgsam auseinandergefaltet neben die Karten auf den Tisch, jedoch nicht, ohne sich vorher wie lauschend nach der Tür zu Sabinens Zimmer vorgebeugt zu haben. Als er den Kopf wieder dem Tisch zudrehte, sah Theo, daß es das Blatt Papier mit dem Gedicht des Urgroßvaters war, welches Leo Zimburg ihr geliehen, und fand auch das ganz natürlich. Was hätte es auch anders sein sollen? Ihrer Meinung nach gehörten die Karten und das Gedicht ohnedem zusammen. Was sie aber erstaunte und mit brennendem Interesse erfüllte, war, daß der Herr im gelben Schlafrock, während seine rechte Hand das Papier festhielt, mit seinem linken, langen, weißen Zeigefinger, der den Siegelring trug, Zeile für Zeile der unterstrichenen Worte verfolgte, und dann dasselbe mit den Karten, wie vergleichend, tat. Nachdem er so bis zur letzten Zeile gelangt war, faltete er das Gedicht feinsäuberlich wieder zusammen, hob seinen rechten Schlafrockzipfel auf und schob zwischen Oberstoff und Futter, das aus einfarbiger, grüner Seide bestand, das Papier durch einen Schlitz in der Naht hinein, worauf er sich wieder über den Tisch beugte und mit seinem rechten Zeigefinger an den Karten etwas vornahm, das Theo, die wie gebannt zusah, wie eine Auszählung vorkam, das heißt, er berührte die auf die Karten geschriebenen Buchstaben derart, daß er auf den ersten Buchstaben der linken oberen Karte tippte, dann auf den gleichen Buchstaben der ersten Karte in der zweiten, dritten und vierten Querreihe, worauf er dasselbe Spiel mit dem senkrecht dar unter stehenden zweiten Buchstaben wiederholte und mit dem dritten, vierten und fünften fortsetzte. Dann ging er auf die zweite senkrechte Buchstabenreihe derselben vier Karten über und schließlich auf die dritte.

»Aha! Sie sind ja Professor Findelkind, der das Kryptogramm der Karten enträtselt!« hörte Theo sich selbst laut ausrufen. »Aber wie kommen Sie denn in meine Stube, und warum tragen Sie diesen gelben Schlafrock, der sich für einen Besuch bei einer Dame doch gar nicht schickt?«

Der bekannte Unbekannte kehrte sich jedoch nicht im mindesten an Theos Worte und tippte nur dreimal energisch auf die zweite Karte der obersten Reihe, die ein Bild war, wie um anzudeuten, daß er nicht gestört zu werden wünsche. Theo sah sich dieses Bild genauer an. Es war der Treff-Bube. Dann tippte er auf den genau unter diesem liegenden Buben, dann auf den folgenden und endlich auf den letzten, und als seine Hand wieder zurück auf die oberste Reihe fuhr, da ging die Tür nach Sabinens Zimmer plötzlich auf und schlug im nächsten Augenblick mit einem Krach zu, daß das ganze Haus in seinen Grundmauern erbebte und Theo darüber erwachte und laut herausschrie; denn neben ihrem Bett stand eine weiße Gestalt

»Theo! Theo! Hast du diesen furchtbaren Schlag nicht gehört?« rief die Gestalt mit Sabinens Stimme. »Dieses entsetzliche Gewitter, und du kannst dabei so fest schlafen! Es hat sicher im Hause eingeschlagen!«

»Eingeschlagen?« wiederholte Theo noch ganz benommen. »Der Soldat, der vor der Tür Posten stand, hat sie so zugeworfen – und wo ist denn der Professor hingekommen?«

»Herrgott, sie redet irre! Der Blitz hat sie getroffen!« jammerte Sabine und schaltete mit zitternden Händen die Lampe auf dem Nachttisch ein; bei deren Licht wurde Theo eigentlich erst wach.

»Wen hat der Blitz getroffen?« fragte sie erstaunt. »Ist schon wieder ein Gewitter? Ich habe so fest geschlafen und so schwer geträumt –«

»Sabine! Wo bist du denn?« rief der Kommerzienrat nebenan. »Aha, zu Fräulein Zöllner hast du dich verkrochen! Mädchen, zieht euch an; die Geschichte scheint noch nicht vorüber, und es muß ganz in der Nähe eingeschlagen haben. Also, fix in die Kleider, denn man kann nie wissen –«

Ein neuer, geradezu betäubender Schlag, dessen Wucht das arme Sabinchen einfach über Theos Bett warf, verschlang jedes weitere Wort, und der Nachhall des Donners war kaum verhallt, als sich auch schon die dürftig bekleidete Einwohnerschaft des Amönenhofes im Vestibül zusammenfand.

»Nein, wie Ihnen diese Haube gut steht!« sagte Theo mit ehrlicher Überzeugung zu Cordula, die in einem weißen Unterrock, einem übergeworfenen Schal und einer Dormeuse auf dem Kopf, daraus sich ein paar weiße Löckchen stahlen, geniert und schlechtlaunig dastand. Cordula fand aber, daß sie in der Perücke schöner und jünger aussah, und war wütend, sich so zeigen zu müssen.

»Ich kann Ihnen das Kompliment nicht zurückgeben«, fuhr sie Theo an, deren prachtvolles Haar in zwei dicken Zöpfen auf ihr rasch übergeworfenes, reich mit Spitzen besetztes Frisierjäckchen von weicher lichtblauer Seide herabhing. »Sie sehen aus, wie Fausts Gretchen – im letzten Akt!«

»Cordula!« rief Reudnitz zornig; dann aber lachte er und zog seinen dunkelroten Schlafrock fester um sich. »Fehlt nur noch der Faust selbst, Gretchen wäre da, du, Cordula, machst eine famose Marthe, und ich komme mir in diesem Flammenkleide ganz wie Mephisto vor.«

»Nur ein wenig Phantasie ist dazu nötig«, meinte Theo kritisch, auf den Scherz eingehend, welcher der gewollten Kränkung die Spitze abbrach.

Nachdem festgestellt worden war, daß der Blitz das Haus nicht getroffen, wohl aber eine dicht danebenstehende schöne alte Zeder zersplittert hatte und das Gewitter sich mit diesem Gewaltakt auch ausgetobt zu haben schien, zog man sich männiglich wieder in die respektiven Schlafgemächer zurück; da es eben die erste Stunde des neuen Tages schlug, konnte die unterbrochene Nachtruhe noch um ein gutes Stück wieder fortgesetzt werden. Bei Theo wollte der Schlaf jedoch nicht mehr so rasch wiederkommen als beim Beginn der Nacht. Die drückende Schwüle hatte durch die elektrische Entladung wesentlich nachgelassen, und eine frische, erquickende Luft drang durch die geöffnete Balkontür in ihr Zimmer; der Regen rauschte auf die durstende Erde hernieder, wollte aber Theo doch trotz seiner einschläfernden Gleichmäßigkeit den Schlaf nicht wiederbringen, aus dem sie so jäh gerissen worden war. Nicht, daß Cordulas bösartige Worte ihr die Ruhe gestört hätten – darüber hatte sie sich rasch genug hinweggesetzt; ja, sie hatte sich darüber nicht einmal geärgert, weil der tiefere Sinn ihr gar nicht zum Bewußtsein gekommen war. Es waren ganz andere Sachen, die ihr jetzt durch den Kopf gingen – so die Zwickmühle, in die sie geraten war. Das einfachste wäre ja gewesen, Leo Zimburg und dem Kommerzienrat reinen Wein einzuschenken; aber dagegen hatte sie ihre Gründe, die irrig sein mochten, über welche sie aber nicht hinwegzukommen meinte. Aber mitten in diesem Kopfzerbrechen, wie diese Fäden am besten zu entwirren wären, fiel ihr der doppelte Traum ein, den sie in dieser Nacht geträumt hatte. Über dem Wirrwarr des Gewitters hatte sie total darauf vergessen, und als er ihr nun mit einem Male wieder zurückkam, versuchte sie's, jede Einzelheit dieses sonderbaren Traumes in ihr Gedächtnis zurückzurufen, bis er ihr wieder so lebhaft vor Augen stand, daß sie sich unwillkürlich umsah, ob der Herr in dem gelben Schlafrock und der Zipfelmütze noch an dem Tisch vor dem Sofa sitze. Natürlich war er nicht da. Mit kritischer Genauigkeit suchte sie die Ursachen zusammen, die diesen Traum veranlaßt haben konnten.

Kein Psychiater hätte ihr die natürlichen Folgen aller dieser Einzelheiten besser und einfacher aufzählen können, als sie selbst es tat. Dennoch aber klang aus dem ganzen Traumgesicht ein Unterton heraus, – ein Etwas, das Theo einen leisen Schauer durch die Glieder rieseln machte, während sie sich noch einmal das Tun der Traumgestalt vergegenwärtigte. Da war die Ordnung, in welcher die Karten auf dem Tische ausgebreitet lagen, die Art und Weise, wie der Gelbe die Buchstaben darauf berührt und dabei die unterstrichenen Worte auf dem beschriebenen Blatte verfolgt hatte. War das ein Fingerzeig, den sie im Traum erhalten hatte, wie das Rätsel der Karten zu lösen sei? War er, der ihn in dieser mystischen Weise mitgeteilt hatte, der Urheber dieses Rätsels?

»Träume sind Schäume«, heißt ein Sprichwort, dessen Richtigkeit sich durch tausend Beispiele widerlegen läßt, beglaubigte Beispiele, durch welche zweifellos nachgewiesen ist, wie der Traum als Warner gedient, auf den Fundort verlorener Gegenstände hingewiesen hatte und Ereignisse von Bedeutung in ihm vorgeschaut wurden. Wo wären die Grenzen zu ziehen, die zwischen Visionen, dem zweiten Gesicht und den Träumen liegen? Und endlich: Wenn der Traum wirklich einen tieferen Sinn hatte, wenn er auf die Enthüllung des Familiengeheimnisses hinzuweisen bestimmt war – warum war er dann keinem der Nachkommen des Urgroßvaters auf Amönenhof offenbart worden, warum gerade ihr? War sie dazu auserwählt, die Kenntnisse dieses Geheimnisses zu erlangen, zu welchem die rechtmäßigen Erben den Schlüssel verloren hatten? Mußte darum die arme Anna Ried erkranken, damit sie, Theo, in den Amönenhof kam, den sie sonst nach menschlicher Berechnung nie betreten hätte?

Das waren Fragen, die hart an die Theorie der Schicksalsbestimmung streiften, Fragen, über welche der moderne Mensch sich so erhaben dünkt, weil er in seinem Pygmäendünkel meint, daß er die Welt lenkt, nicht der Weltenlenker ihn.

Es war wirklich ein Akt der Selbstüberwindung, daß Theo nicht gleich daranging, die Karten hervorzuholen, und damit die Probe aufs Exempel zu machen. Was sie davon abhielt, waren einige Gewissensskrupel, ob sie auch ein Recht dazu hatte, da das berühmte Familiengeheimnis doch Leo Zimburgs erbberechtigtes Eigentum war. Oder doch, da sie ja seine Braut war und eins mit ihm werden sollte? Wenn die Karten etwas enthielten, was ihm nur Unruhe und Enttäuschung bringen konnte, dann war es besser, er blieb in Unwissenheit darüber. Über all diesen Grübeleien schlief Theo aber schließlich doch ein, und als sie am Morgen erwachte, rieselte ein ergiebiger Bindfadenregen nieder, der wenig einladend zu einem Spaziergang war.

Trotz der offenen Balkontür brütete aber in dem nicht eben kleinen Raum noch der Rückstand der Gewitterschwüle des vorigen Tages, und Theo hob beim Erwachen einen schwerbenommenen Kopf vom Kissen. Ein Blick auf die Uhr zeigte ihr, daß sie sich erheblich verschlafen hatte, worauf es freilich bei dem Regenwetter nicht ankam, soweit es sich dabei um eine Zusammenkunft mit Leo Zimburg gehandelt hätte. Dennoch aber beschloß sie, lieber aufzustehen, um in der noch wenig angekühlten Luft, die weitere gewitterige Störungen verhieß, den schmerzenden Kopf etwas zu klären, und bald verließ sie das Haus im wasserdichten Regenmantel mit über den Kopf gezogener Kapuze. Die Ulmenallee bot für einen raschen Gang noch den am wenigsten feuchten Ort, weil er durch die dichten Laubkronen der Bäume am besten geschützt war. Bis zum Frühstück war immer noch eine reichliche halbe Stunde Zeit, und nachdem Theo noch mit Bedauern die vom Blitz zerschmetterte Zeder besichtigt hatte, schlug sie den Weg zur Allee ein. Am Ende derselben angelangt, konnte sie der Versuchung nicht widerstehen, trotz der Nässe von oben und unten bis zum Drahtgitter vorzudringen; denn der Platz am Lattenpförtchen war ihr seit gestern früh zu einem Heiligtum geworden, und es trieb sie, dort die schönste Stunde ihres jungen Lebens noch einmal zu erneuern.

Der Regen rieselte mit leisem Prasseln auf die Kapuze ihres Gummimantels herab, als sie mit seligem Lächeln und stillverklärtem Gesicht vor der häßlichen Pforte stand, die ihr schöner vorkam, als wenn sie aus purem Golde gewesen wäre. Mit welcher kühnen, geschmeidigen Gewandtheit war dieser Mensch, den sie vor vierzehn Tagen noch gar nicht gekannt hatte, über diese Pforte gesprungen, um zu seinem Glück zu gelangen – das war eine kleine, für ihr Herz aber so bedeutsame Tat gewesen; so mußte der Mann sein, der sie erobern sollte, der kein Hindernis kannte, der nicht darnach fragte, ob sie wirklich ein armes Mädchen war, sich nicht um Namen und Sippe kümmerte, sondern nur sie selbst, sie allein besitzen wollte. Liebkosend strich Theo mit der Hand über den triefendnassen, rohen Pfosten dieser Glückspforte, aber die Berührung verursachte trotz aller Pietät für das hölzerne Scheusal ein sehr natürliches, physisches Mißbehagen.

»Pfui!« machte sie, ihre nasse Hand betrachtend, und dabei sah sie an dem Pfosten etwas, was ihr bisher entgangen war, nämlich einen dicken roten Strich mit einer nach abwärts gekehrten Pfeilspitze.

Mit dem ganz eigenen Feingefühl junger Menschen, die »es hat«, wußte Theo sofort, daß dieser rote Pfeilstrich eine Botschaft für sie war.

»Das hat Leo gemacht!« war ihr erster Gedanke. »Der arme Kerl ist trotz des Regens hier gewesen und hat mir dies Zeichen hinterlassen.«

Gerührt betrachtete sie diese sonderbare Rune, und dabei kam's ihr in den Sinn, daß der nach unten zeigende Pfeil noch eine andere Bedeutung haben könnte – hatte Leo etwa gar einen Brief oder einen Zettel unter dem Rasen versteckt? Der würde jetzt freilich gut aussehen, aber nachsehen mußte man doch, und ungeachtet der Nässe kniete Theo nieder und untersuchte das hohe Gras um den Torpfosten herum, doch ohne Erfolg. Wenn also nicht jemand vor ihr dagewesen war und die Botschaft gefunden hatte – aber nein, hier unter dem Torpfosten, wo der Boden etwas weggekratzt war, schimmerte es weiß, und im nächsten Augenblick hielt sie das eng gefaltete, nur mäßig feucht gewordene Papier in der Hand, auf das der Pfeil hingewiesen.

Natürlich war's von »Ihm« und enthielt unter dem Datum des vorigen Tages nur die Worte: »Muß heut abend in Geschäften nach Berlin. Komme in zwei bis drei Tagen zurück. L.«

Kein Gruß, kein Liebeswort, aber Theo spürte keine Enttäuschung darüber, weil sie sofort begriff; denn es hätte ja auch ein Unberufener, durch Zufall oder weil er das Verstecken des Zettels gesehen haben konnte, die Botschaft an sich nehmen können. Für diesen wäre selbst der einfachste Gruß zuviel gewesen. Und weil Theo das so gut begriff und auf den rechten Wert einschätzte, so bewies sie damit, daß die echte blaue Blume in ihrem Herzen aufgeblüht war, die nicht gleich die Blätter hängen läßt. Leo war noch hierhergeeilt, um ihr diese Botschaft zu hinterlassen – das war genug, war ein Gruß an sich!

Der regengraue Morgen schlich langsam dahin. Zwar nahm der Kommerzienrat die beiden jungen Mädchen nach dem Frühstück mit hinauf in sein Zimmer und zeigte ihnen dort seine Münzsammlung, die er mit Leidenschaft betrieb; aber Sabinens Interesse daran war nur ein mäßiges, und sie bewunderte bei der Besichtigung eigentlich mehr die historischen Kenntnisse, die Theo dabei an den Tag legte.

»Die Sammlung müssen Sie Herr von Willig zeigen«, flocht diese gelegentlich ein. »Er ist nämlich ein großer Numismatiker vor dem Herrn und hat sogar ein Werk über die Münzen der byzantinischen Kaiser verfaßt.«

»Besitze ich natürlich«, rief Reudnitz aus. »Was, dieser Otto von Willig ist unser Kammerherr? Besitzt ein höchst gediegenes numismatisches Wissen, der Mann! Und das erfahre ich erst heut! Ja, woher wissen Sie denn das, Fräulein Zöllner?«

»Ich? Ja, er hat mir's halt erzählt«, erwiderte Theo, die jetzt erst bemerkte, daß sie sich wieder einmal verschnappt hatte.

»Nein, was Herr von Willig dir nicht schon alles erzählt hat! Und ihr habt doch eigentlich noch fast gar nicht miteinander gesprochen«, sagte Sabine nicht ohne eine kleine, unschuldige Regung von Eifersucht.

Reudnitz horchte auf, sah erst seine Tochter, dann Theo an; aber was ihm auch immer im Ton der beiden aufgefallen sein mochte, das ging sofort wieder in seinem Interesse an der Sache unter.

»Der Mann gefällt mir immer mehr!« erklärte er mit echt väterlicher Ahnungslosigkeit. »Ich habe ihn gleich bei unserer ersten Bekanntschaft gern gemocht, sehr gern sogar. Die Art und Weise, wie er sich selbst bei mir einlud, war wirklich furchtbar nett, so natürlich, so ohne jede Mache. Na ja, er hatte ja etwas in der Krone, aber gerade da zeigt sich der Mensch am besten, wie er wirklich ist. In vino veritas! Gelt, Fräulein Zöllner? Wir Lateiner haben solche Schlagworte immer in petto. Nur so 'nen gediegenen Kenner meines Steckenpferdes hätte ich in dem liebenswürdigen Schwadroneur nicht gesucht. Und der Mensch sitzt an meinem Tische, ohne daß ich's weiß, daß er der Otto von Willig ist, dessen Werk über die byzantinischen Kaisermünzen mich begeistert hat! Ich wollte ihm schon immer mal schreiben, daß ich den seltenen Denar mit dem Bildnis der Kaiserin Eudoxia Athenais, der Dichterin, besitze, von dem er sagt, er sei im Privatbesitz wohl kaum zu finden, die Münze wäre nur in wenigen Exemplaren für die kaiserliche Familie geschlagen worden. Hätte ich's nur geahnt, dann hätte ich den Kammerherrn mit anderen Ehren hier empfangen, statt Kohl mit ihm zu schwatzen und zu fressen. Daraufhin muß ich ihn bald mal extra einladen; denn so schnell wird er ja von selbst nicht wieder kommen.«

»Doch, Väterchen, er – er kommt heut wieder«, hauchte Sabine glutübergossen. »Heut? Er war ja erst gestern hier!« sagte Reudnitz verwundert. »Woher willst du denn wissen, daß er heut wieder kommen wird? Hat er dir's gesagt?«

»Ja! Er – ach, Väterchen –!« Und Sabine sprang auf und warf sich schluchzend an die Brust des Kommerzienrats, der nicht wußte, wie ihm geschah.

»Aber Binchen! Aber Binchen!« rief er hilflos aus. »Ja, warum heult denn das Mädel aus heiler Haut wie'n Kettenhund?«

Theo legte die Münze, die sie gerad in der Hand hatte, wieder in ihr Fach, lächelte dem Kommerzienrat beruhigend zu und verschwand leise aus dem Zimmer.

»Aber neugierig bin ich«, dachte sie draußen, »ob der gute Willig den Kommerzienrat als Schwiegersohn ebenso begeistern wird wie als Numismatiker und ›liebenswürdiger Schwadroneur‹. Der hat bei Sabine dem Faß den Boden ausgestoßen, den konnte sie auf diesem ›höheren Wesen‹ nicht sitzen lassen. Ah – es klärt sich draußen auf, der Wind hat sich gedreht. Vielleicht ist's ein gutes Omen für den braven Otto Willig; ich will's ihm wünschen!«

Das Mittagessen litt an diesem Tage zwar nicht an Güte, dafür aber an Mangel an Beteiligung; denn Fräulein von Ganting war infolge ihrer unterbrochenen Nachtruhe im Bett geblieben und auch Sabinchens Platz blieb leer.

»Sie hat auch Kopfweh und hat sich deshalb etwas hingelegt«, erklärte Reudnitz auf Theos ehrlich besorgte Frage, als seine Tochter nicht erschien. »Wahrscheinlich ist das nächtliche Gewitter ihr auf die Nerven gegangen. Ein Wunder wär's nicht; denn diese fürchterlichen Schläge haben auch mich etwas verdattert. Das ist wohl auch der Grund, weshalb das Mädel so kreuzjämmerlich geweint hat; sonst wüßte ich wirklich nicht– – na, lassen wir das jetzt!« schloß er, weil eben die Speisen aufgetragen wurden; trotz Theos krampfhaften Versuchen zur Aufrechterhaltung des Gesprächs verlief das Mahl ziemlich einsilbig; denn der alte Herr war sichtlich zerstreut und geistesabwesend.

Erst nachdem der Nachtisch aufgetragen war und die Diener sich entfernt hatten, wurde er gesprächiger, und nach ein paar belanglosen Bemerkungen sagte er, Theo scharf ansehend:

»Sie sind vorhin so verdächtig diskret aus meinem Zimmer entwichen, Fräulein Zöllner!«

»Wieso verdächtig?« fragte Theo. »Wenn eine Tochter sich weinend an die Brust ihres Vaters wirft, ist ein Dritter anscheinend recht überflüssig und tut wohl, sich so diskret wie möglich zu verziehen.«

»Hm – na ja«, machte Reudnitz. »Ich kann mich aber des Verdachtes nicht erwehren, als ob – – na, wir wollen nicht weiter auf den Busch schlagen. Ich frage Sie also geradezu: Was wissen Sie von dieser Sache zwischen Sabine und dem Kammerherrn?«

»Nichts anderes, als was Ihre Tochter mir selbst darüber gesagt hat, und das war eben eine – Mädchenschwärmerei.«

»In welcher Sie sie bestärkt haben?«

»Wenn man das so nennen will, daß ich Herrn von Willig als guten, anständigen Mann von vornehmer Gesinnung schildern konnte, so habe ich das allerdings getan. Dasselbe würde ich auch jedem anderen gesagt haben, falls er mich darum gefragt hätte.«

»Fräulein Zöllner, Sie wissen, wie Sabine heut schon bemerkte, wirklich merkwürdig viel über Herrn von Willig«, bemerkte Reudnitz nach einer kleinen Pause.

»Oh, ich weiß noch viel mehr«, erklärte Theo lachend. »Ich weiß, daß der Kammerherr aus sehr gutem Hause ist, daß dem nordischen Uradel angehört; weiß, daß er durchaus nicht mittellos ist, sondern ein ganz behagliches Vermögen besitzt; weiß sogar, daß er sich sehr nach einer Häuslichkeit sehnt und sein gutes, treues Herz ganz der schenken würde, die ihm trotz seiner unleugbaren Rundlichkeit und seiner siebenunddreißig Jahre ihre Liebe schenkt. Und ich bin auch ganz überzeugt, daß er ein trefflicher Ehemann sein würde – falls er den Anschluß nicht schon verpaßt hat.«

Nun lächelte auch der Kommerzienrat.

»Sieh mal einer an!« sagte er. »Hat er selbst Ihnen alles das kund und zu wissen getan?«

»Wo wird er denn! Herr von Willig hat zwar das Selbstbewußtsein, das den gereiften Mann ziert; aber im Grunde ist er eine bescheidene Seele. Nein, das alles weiß ich von Leuten, die ihn schon lange kennen und zu schätzen wissen.«

»Wirklich? Es wäre aber doch von großem Interesse für mich, die Namen dieser wohlanständigen Leute zu wissen, da ich aus naheliegenden Gründen gern an der Quelle schöpfen möchte.«

»Oh, dazu brauchen Sie bloß nach der herzoglichen Haupt- und Residenzstadt zu gehen. Dort kennt den netten Kammerherrn jedes Kind, sintemalen er nie ohne eine Tüte voll Bonbons ausgeht, die er freigiebig an die liebe Jugend zu verteilen pflegt. Er ist nämlich der reine Kindernarr, dieser gute Herr von Willig. Da Kinder indes nicht unparteiisch sind, so wäre der Herzog selbst wohl die erste Instanz, die ja zur Zeit auch in nächster Nähe habhaft wäre.«

»Dunnerlitzchen noch'n mal!« machte Reudnitz schmunzelnd. »Unter ›Quelle‹ scheinen Sie demnach gleich den Ozean zu verstehen. Wenn der Herzog Ihr Gewährsmann ist – das läßt tief blicken.«

»Ich habe mich in der ersten Stunde unserer Bekanntschaft erboten, Sie nicht nur tief, sondern sogar bis auf den Grund blicken zu lassen, Herr Kommerzienrat! Das können Sie doch nicht vergessen haben?«

»Nein. Ich habe es nicht vergessen, und es kann sein, daß ich selbst Sie bald einmal daran erinnern werde. Denn meine Schwägerin geht mit ihrem unvernünftigen Kampfe gegen Sie – das heißt, gegen die Sache, – so methodisch vor, daß aus dem Prinzip nachgerade ein persönlicher Feldzug zu werden droht. Ich erinnere nur an den Abend in Steinau und kann Ihnen nur versichern, daß ihr Ausfall mir im höchsten Grade peinlich war. Zunächst im Hinblick auf Sie selbst; aber es fällt auch ein gutes Teil davon auf mich zurück, das geeignet ist, mindestens doch etwas Verwunderung bei den Bekannten hervorzurufen; die müssen mich für einen alten Esel halten, der sich unbesehen jemand von der Straße aufliest und sich damit ein Kuckucksei ins eigene Nest legt. Indessen möchte ich Ihnen Ihr Inkognito doch lieber noch lassen. Mit meiner Schwägerin aber geht es so nicht länger weiter; das steht fest! Da ich mich aber immer noch scheue, ihr den Stuhl vor die Tür zu setzen, so bin ich wirklich schon halb und halb geneigt, zur List meine Zuflucht zu nehmen. Sollten Sie daher über kurz oder lang mal was hören, worüber Sie sozusagen ›platt‹ sind, dann, bitte, packen Sie nicht gleich Ihren Koffer, sondern erweisen Sie mir den Freundschaftsdienst, kühl bis ans Herz hinan zu bleiben und womöglich scheinbar auf das – Unmögliche einzugehen. Ja, ist's ein Wort?«

»Ich werde mir alle Mühe geben, nicht auf den Rücken zu fallen«, rief Theo lachend. »Aber können Sie mir nicht wenigstens eine kleine Andeutung machen, was Sie unter ›List‹ verstehen, wenn ich schon darin, wie mir scheint, eine Rolle spielen soll?«

»Nein. Was ich Ihnen angedeutet habe, ist schon mehr als genug«, erwiderte Reudnitz fest, »denn ich will Sie unter keinen Bedingungen dem Verdacht aussetzen, mit mir eine Verschwörung angezettelt zu haben. Sie selbst sollen sich später nichts zum Vorwurf machen dürfen.«

»Nun, wie Sie wollen – ich verlasse mich ganz auf Ihre Weisheit«, versetzte Theo heiter. »Was einen späteren Vorwurf anbetrifft, so ist mein Gewissen doch schon in einen begreiflichen Zustand von Verhärtung geraten; denn ich kann mich schließlich nicht ganz über die ehrenvolle Behandlung, mit der Fräulein von Ganting mich auszeichnet, hinwegsetzen. Homo sum, Herr Kommerzienrat!«

»Eben derowegen, sagt Piefke«, gab Reudnitz lakonisch zu. Der kleine, nervöse Niederbruch, den Sabine sich nach der Aussprache mit ihrem Vater geleistet hatte und über dessen unmittelbare Ursache sie sich selbst vor Theo ausschwieg, machte schnell genug wieder einer normalen Stimmung Platz, nachdem die letztere ihr erfolgreich zugeredet hatte, etwas zu sich zu nehmen, und sie darnach wieder ›schön‹ gemacht hatte. Zureden, unterstützt durch ein vorteilhaftes Aussehen, hilft bei den meisten unselbständigen Menschen probat. Bei Sabine war, was an Selbständigkeit überhaupt in ihr lag, durch ihre Tante zielbewußt unterdrückt worden und wagte sich erst durch ihren Verkehr mit Theo schüchtern ans Licht, die es so vortrefflich verstand, selbst festgeklebte Füße loszuleimen und mit sich fortzureißen.

Selbstverständlich berührte Theo mit keiner Silbe das heikle Thema, das Sabine selbst zu vermeiden schien; aber sie riß das kleine Ding tatkräftig mit den einfachsten Mitteln aus ihrer Studie in Grau heraus, und so war es denn ein ganz heiteres, fast rosiges und sehr niedlich gekleidetes Sabinchen, das zur bestimmten Stunde am Teetisch erschien, wohingegen Fräulein von Gantings Laune infolge der gestörten Nachtruhe noch wesentliche Schwankungen zeigte, die eigentlich darauf hinausliefen, Theo für das Gewitter verantwortlich zu machen. Das lehnte diese zwar in aller Bescheidenheit ab, erreichte damit aber nur abfällige Bemerkungen über ihr ›pöbelhaft gesundes Aussehen‹. Ehe sich diese liebliche Unterhaltung noch nach Cordulas Wunsch zuspitzen konnte, wurde der Kammerherr von Willig gemeldet, dessen rosige Laune entschieden erfrischend auf den Kreis der vier an dem ungemütlichen Teetisch wirkte.

»Verehrteste Anwesende, wünschen Sie mich noch ungehört zum Kuckuck, ehe Sie mich seufzend zum täglichen Brot zu rechnen geneigt sind«, rief er noch in der Tür aus. »Daß es mich gedrängt hat anzufragen, wie Ihnen diese letzte Schreckensnacht bekommen ist, die Ihrer Zeder so verhängnisvoll wurde, Herr Kommerzienrat, das ist ja ganz selbstverständlich! Nein, ich komme heute vor allem im höchsten Auftrage Ihrer Hoheit der Frau Herzogin, welche – Ihre gütige Erlaubnis, verehrter Herr Kommerzienrat voraussetzend – Ihr Fräulein Tochter bitten läßt, ihr morgen nachmittag um vier Uhr die Freude zu machen, bei der Unterhaltung der Weißenfelser Schuljugend, für die droben im Schlosse ein Kinderfest stattfindet, tatkräftig zu helfen. Nach welch wohlgesetzter Rede ich mit Wonne die Tasse Tee ergreife, die Sie, gnädiges Fräulein, augenscheinlich für mich einschenken.«

Da Sabine mit ihrer kindlichen Freude über diese »reizende Einladung« durchaus nicht hinterm Berg hielt, weil sie selbst nie hatte ein Kinderfest mitmachen dürfen, so war natürlich keine Frage über Annahme oder Nichtannahme; denn ein langgezogenes: »Ja, aber meine Nichte ist doch viel zu zart für solche Feste, die meist in wilde Spiele ausarten – –! » von Seiten Cordulas, wurde einfach überhört. Reudnitz, der sich im Grunde über diese Aufmerksamkeit der Herzogin für seine Tochter ebenso erfreut wie geschmeichelt fühlte, konnte dennoch dem Überbringer der Einladung gegenüber ein etwas zwiespältiges Gefühl nicht ganz unterdrücken. Das eine war eine gewisse Feindseligkeit, durchaus nicht originell, aber immerhin doch erklärlich gegen einen Menschen, der die unglaubliche Frechheit haben wollte, sein Schwiegersohn zu werden; denn Schwiegereltern in spe, falls sie nicht auf Fang ausgehen, ist diese Auffassung so gemeinsam, daß darin keine Beleidigung für den p.p. Bewerber liegt, was dieser auch meist auf den richtigen Wert einschätzt. Neben dieser instinktiven Feindseligkeit aber breitete Reudnitz, figürlich geredet, beide Arme aus, um den geschätzten Kollegen in der Numismatik an den Busen zu drücken, und nachdem drei Tassen Tee lang der zu beraubende Vater tapfer mit dem Numismatiker gerungen, siegte der letztere auf der ganzen Linie. Steckenpferde sind eben Rosse, die keine Kandare annehmen wollen.

In die erste Bresche, die das Gespräch unter Tee- und Kuchenvertilgung zuließ, stürzte sich denn auch der längst von Ungeduld zappelnde Kommerzienrat sofort hinein und stürmte die Festung, das heißt, er redete den Kammerherren auf die wichtigste Hilfswissenschaft der Geschichte an. Willig biß umgehend auf den Köder an, und bald waren beide Herren so in den gemeinsamen Stoff vertieft, daß die Damen so gut wie ausgeschaltet daneben saßen und der Weisheit lauschen durften, die von beider Lippen träufelte. Das Ende vom Liede war, daß Reudnitz den Gast in sein Zimmer einlud, um ihm den so seltenen Denar der Eudoxia Athenais zu zeigen, und der Kammerherr folgte ihm mit einer Bereitwilligkeit, die auf Sabinens Gesichtchen eine recht sichtbare Enttäuschung malte, während Theo ihr Lachen kaum verbergen konnte, denn ihr schwante es, als ob die Eudoxia Athenais für Willig der willkommenste Vorwand gewesen sei, um den alten Herrn unter vier Augen zu sprechen. Auch für einen Forscher gibt es eben Augenblicke im Leben, in denen er zu dem Sakrilegium herabsteigt, die hehre Wissenschaft zum Vorwande für persönliche Angelegenheiten zu machen, weil der Mensch in ihm doch schließlich auch mal das erste Wort haben will.

Das so schnöde zurückgelassene Damentrio war sich nun selbst überlassen und löste sich auch nicht auf, da Cordula keine Miene machte, sich zu entfernen. Weder sie noch Sabine schienen sehr zur Unterhaltung aufgelegt, und einige allgemeine Bemerkungen, die Theo sich verpflichtet fühlte, in ihrer Eigenschaft als Gesellschafterin zu machen, erfuhren so kurze Abfertigung, daß sie gern auf weitere verzichtete. Nach einer Weile begann Cordula das Kinderfest auf dem Weißenfels unter die kritische Lupe zu nehmen, und kam zu dem Schluß, daß eine vorherige Einladung an die Erwachsenen passender gewesen wäre.

»Es scheint aber niemand da zu sein, der diese junge, unerfahrene Herzogin auf ihre gesellschaftlichen Schnitzer aufmerksam macht«, dozierte sie mit großer Überlegenheit. »Die alte Oberhofmeisterin sollte doch dazu die geeignete Person sein; aber von dieser Frau erwarte ich nichts für die Würde eines Hofes, der ganz in dem modernen Fahrwasser zu schwimmen scheint, das jetzt den Ton angibt. Persönliche Ansichten darf man im engsten Familienkreise aber doch aussprechen, und ich stehe nicht an, es für sehr unpassend zu erklären, daß Sabine ohne meinen Schutz an einen Hof eingeladen, – also befohlen wird, der mir wirklich nicht für eine junge Dame von vornehmer Erziehung der geeignete Ort zu sein scheint.«

»Betonte aber Herr von Willig nicht noch besonders, daß die Herzogin Sabine persönlich unter ihre Fittiche nehmen will?« warf Theo leichtsinnigerweise ein.

»Erstens, Fräulein Zöllner, wünsche ich, daß Sie, wenn Sie von meiner Nichte sprechen, Fräulein Reudnitz sagen«, rief Cordula scharf. »Wenn Sie sich gegenseitig mit dem Vornamen nennen, ja, wie ich mit Mißfallen gehört habe, sogar duzen, so ist das eine Vertraulichkeit, die ich nie gebilligt habe, aber dulden muß, weil mein Schwager sie duldet. Da Sie aber den Takt nicht haben, vor mir von meiner Nichte in gebührender Weise zu sprechen, so müssen Sie sich diese Rüge entweder gefallen lassen oder das Haus verlassen; ich würde das an Ihrer Stelle vorziehen.«

»Und zweitens?« fragte Theo mit gefährlicher Gleichgültigkeit.

»Und zweitens sind Sie doch kaum die Person, die sich in Etikettenfragen ein Urteil erlauben darf, sollte ich meinen«, fuhr Cordula unbeirrt fort. »Wer sind Sie? Was sind Sie? In welchen Kreisen haben Sie sich bewegt? Kaum doch in den meinigen. Wo haben Sie sich Ihr bißchen Schliff angeeignet? Etwa auf der Bühne?«

»Tantchen!« wagte Sabine toderschrocken einzuwenden.

»Schweig! Was weißt du Kiekindiewelt von – Elementen, denen du hoffentlich immer fernbleiben wirst. Du bist in einer Atmosphäre erzogen worden –«

Die nähere Erläuterung dieser Atmosphäre blieb der armen Sabine erspart, die sich wie ein Pudel vor Theo schämte, denn es erschien ein Diener, der ihr meldete, der Kommerzienrat lasse sie zu sich herauf bitten, »wegen einer Münze, die heute morgen wahrscheinlich verlegt worden sei«. Sabine begriff den Vorwand natürlich nicht, durch welchen sie unauffällig zu der Konferenz der beiden Numismatiker zugezogen werden sollte, und behauptete ängstlich, nichts von einer Münze zu wissen. Theo begriff es aber sehr gut, sie nannte irgendeine xbeliebige Münze, die Sabine in der Hand gehabt haben sollte, machte die immer noch Widerstrebende flott und drängte sie zur Tür, durch welche auch sie der herrschenden Atmosphäre zu entrinnen hoffte; aber Cordula rief ihr zu, zu bleiben, da sie mit ihr zu sprechen hätte.

»Na, wenn's jetzt zum Krach kommt, ist's nicht meine Schuld«, dachte Theo ergeben. »Man ist doch auch nur ein Mensch, und geladen bin ich so reichlich, daß ich wirklich nicht weiß, ob ich noch mehr von dem Tobak vertragen kann.«

Die gefürchtete Katastrophe wurde aber durch die Ankunft Mühlings verhindert, der als deus ex machina auf der Bildfläche erschien unter dem Vorwande, er habe gehört, es habe letzte Nacht auf dem Amönenhof eingeschlagen, und da habe es ihn gedrängt, sich zu erkundigen, was eigentlich für Schaden durch den Blitz angerichtet worden sei.

»Gott sei Dank, daß der Blitz nur die Zeder getroffen hat«, fuhr er fort, »aber bei dieser Nähe mag der Krach die Herrschaften hübsch rasch aus den Betten gejagt haben. Zimburg wird die Zeder freilich auch betrauern, wenn er erst hört, daß der alte Riese dahin ist. Er, das heißt Zimburg, ist nämlich in Berlin. Er bekam, während ich gestern hier war, ein Telegramm, worauf er mit dem Nachtzug abgereist ist. Er kommt aber in ein paar Tagen wieder. Es handelt sich um den Verkauf eines seiner Rennpferde, das bisher noch im Stalle eines Herrenreiters gestanden ist, weil der erhoffte Preis noch nicht erzielt werden konnte. Tja! Und den Herrschaften ist, soviel ich sehe, der Schreck der letzten Nacht insoweit gut bekommen?«

Da Mühling bei seiner ganzen Rede, besonders aber bei seinen letzten Worten Theo angesehen hatte, so glaubte Cordula dem einen Riegel vorschieben zu müssen.

»Sie können gehen, Fräulein Zöllner«, sagte sie, und obwohl der »Befehl« in einem Ton gegeben wurde, der nicht nur Theo, sondern auch Mühling das Blut in den Kopf trieb, so war die erstere doch froh, sich entfernen zu können, um ihr inneres Gleichgewicht wieder einigermaßen herzustellen.

Daß Mühling, gleich nachdem er Theo zur Tür begleitet, diese für sie geöffnet und sich ihr mit einer tiefen Verbeugung empfohlen hatte, sofort behauptete, wieder heimreiten zu müssen, und seinem Worte auch unverzüglich die Tat folgen ließ, hätte Cordula darüber belehren können, daß ihr Benehmen nicht die Billigung des Gutsherrn von Steinau gefunden hatte; aber das brachte sie nur noch mehr gegen Theo auf, und den Fehler, den sie begangen, schob sie ihr zu. So blieb sie denn in einsamer Größe allein zurück und wartete auf die Rückkehr der Herren und ihrer Nichte, bis sie dieses vergebliche Geschäft satt bekam, ihre Handarbeit zusammenraffte und in ihre Gemächer zurückkehrte. Sie hörte an der Tür ihres Schwagers vorübergehend dabei seine Stimme und die des Kammerherrn in lebhaftem Gespräch, auch meinte sie Sabines Stimme zu unterscheiden; aber sie besann sich, daß diese »Rücksichtslosigkeit«, mit der man sie allein gelassen hatte, eine Strafe verdiente, und unterließ darum ihre anfängliche Absicht anzuklopfen, um durch ihre Anwesenheit das Konvivium zu verherrlichen. Hätte sie ahnen können, daß ihre Dazwischenkunft von den Beteiligten als Strafe betrachtet worden wäre! Aber zum Glück ahnen solche Leute, die ihre Gegenwart immer für eine besondere Auszeichnung halten, solche Ketzereien niemals!

Theo saß inzwischen in ihrem Zimmer und versuchte durch allerlei Scheingründe die in ihrem Inneren doch etwas aufgerührten Wogen zu glätten und sich selbst zu überreden, daß es ja ganz wurscht sei, was der alte Drache in seiner Giftigkeit daherrede, daß die ganze Geschichte sie überhaupt ja nichts anginge und so weiter. In Wahrheit hätte sie dieses Haus lieber schon heute als morgen verlassen, und ihre Hand langte bereits nach dem Knopf der elektrischen Glocke, um sich ihren Koffer bringen zu lassen; denn was zu viel ist, ist eben halt mal zu viel, und ihr Stolz lehnte sich dagegen auf, sich von dieser süßen Tante wie einen Schuhputzer behandeln zu lassen. Da fiel ihr Blick auf eine Postkarte ›an Fräulein Zöllner‹, die sie heute von dem Sanitätsrat Müller erhalten hatte, auf welcher er ihr mitteilte, daß Fräulein von Ried jetzt zwar bei Bewußtsein, aber noch sehr schwach sei, daß es sie aber wesentlich beruhige, ihre Stellung durch die Güte ihrer Freundin nicht verloren zu haben.

Diese Mahnung machte, daß Theo die Hand von der Klingel wieder zurückzog. Nein, das konnte sie der armen Anna jetzt nicht antun, davonzulaufen, jetzt nicht!

In diesen Betrachtungen wurde sie durch Sabine unterbrochen, die im wahren Sinne des Wortes ins Zimmer stürzte und Theo zu einer Art von Kriegstanz zwang.

»Daß Vater mich wegen einer verlegten Münze rufen ließ, war nichts wie Spiegelfechterei«, lachte Sabine mit dicken Freudentränen in den strahlenden Augen. »Er ließ mich holen, um mich mit Otto zu verloben! Denk dir bloß mal: verloben! Otto! Ist Otto nicht ein wunderschöner Name? Nein, ich dachte, ich müßte bei Vaters feierlichen und doch so lieben Worten direkt in den Himmel fliegen – weiß überhaupt noch gar nicht, wie mir geschehen ist! Aber, Theo, es ist noch ein tiefes Geheimnis, das ich nur dir anvertrauen darf. Die Verlobung soll erst in ein paar Tagen verkündigt werden, und – und besonders Tantchen soll nichts davon wissen. Vater hat das zur Bedingung gemacht, und wenn ich es auch nicht begreifen kann, warum gerade Tantchen nichts davon wissen soll, so muß ich schon sagen, daß sie die kleine Strafe dafür verdient, weil sie vorhin so abscheulich zu dir war. Jawohl, ich hab's Vater und Otto erzählt. Vater sagte nichts dazu, aber Augen hat er dazu gemacht, Augen so groß, und Otto wurde ganz wütend und behauptete, du könntest hier nicht länger bleiben. Vater meinte aber, das wäre seine Sache – – – Otto ist eben wieder nach dem Schloß zurückgefahren – ach! und mir wirbelt der Kopf, daß ich nicht weiß, was ich rede und tue!«

»Wir wollen einen Spaziergang machen, Sabinchen«. schlug Theo vor. »Denn wenn Tantchen dich in dieser Verfassung sieht, dann gäbe es einen schönen Trara und ich – kriegte die Schuld zugeschoben!«

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