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Eufemia von Adlersfeld-Ballestrem: Amönenhof - Kapitel 10
Quellenangabe
pfad/adlersfe/amoenen/amoenen.xml
typefiction
authorEufemia von Adlersfeld-Ballestrem
titleAmönenhof
publisherHeyne
year1976
isbn3-453-44027-7
correctorreuters@abc.de
senderchristinecr (at) web.de
created20130607
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9. Kapitel

Der nächste Tag, der wieder strahlend schön heraufzog, brachte mit der Morgenpost für Theo zwei Briefe. Reudnitz, der noch mit ihr beim Frühstückstisch saß, während Sabine hinaufgegangen war, ihren Hut zu holen, öffnete die Posttasche und begann die eingegangenen Briefschaften zu sortieren, welchem Geschäft Theo ohne besonderes Interesse zusah, da sie keine Briefe erwartete. Die für Fräulein von Ganting bestimmten wurden jedoch so auf den Tisch gelegt, daß sie die Adresse lesen konnte. Nur bei einem der Briefe sprang ihr ein lapidarer Firmenaufdruck in die Augen, welcher den Namen ihres eigenen Berliner Schneiders trug. Daß sie Cordula die Adresse genannt hatte, als es sich um Sabinens Garderobe handelte, war Theo entfallen; sie nahm von dem Firmenaufdruck des Briefes auch nur so weit Notiz, als ihr der bekannte Name auffiel.

»So. Fräulein Zöllner, hier sind auch zwei Briefe für Sie«, sagte der Kommerzienrat. »einer mit dem Poststempel Berlin, der andere aus – ja, aus Steinau.«

»Aus Steinau?« wiederholte Theo verwundert, denn da sie auf dem Umschlag des Berliner Briefes Leo Zimburgs Handschrift erkannte. die ihr von dem Zettel unter dem Torpfosten sehr vertraut geworden war, so konnte der aus Steinau nicht auch noch von ihm sein, noch weniger aber von Bergfried, dessen Handschrift ihr ja auch bekannt war. »Ja. du lieber Himmel, wer schreibt mir denn aus Steinau?«

»Sie brauchen den Brief ja nur aufzumachen und nachzusehen«, schlug Reudnitz vor, der selbst ein wenig neugierig war. Lachend folgte Theo dem guten und einzig richtigen Rat, schnitt den Umschlag auf, las und – lehnte sich dann ganz entgeistert zurück; denn der Brief enthielt in aller Form einen Heiratsantrag von dem braven Mühling, der ihr an seiner Seite goldene Berge verhieß und ihr – ihr Jawort als selbstverständlich angenommen – gleichzeitig bis zur Hochzeit eine temporäre Heimat bei seiner alten Freundin, der Oberhofmeisterin in Weißenfels, vorschlug, da die künftige Gutsherrin von Steinau sich unmöglich länger einer solchen Behandlung aussetzen dürfe wie die, deren Zeuge er gestern gewesen war. –

»Ach du lieber Augustin!« war das einzige. was Theo nach genossener Lektüre dieses Briefes hervorbringen konnte. Dann reichte sie dem Kommerzienrat das Schreiben hin.

»Diskretion ist Ehrensache, nicht wahr?« sagte sie dazu.

»Hm!« machte Reudnitz und gab den Brief zurück, nachdem er ihn gelesen hatte. »Ihre Antwort wird, wenn der Schein nicht trügt, dem Schreiber eine trübe Stunde machen. Ich beneide Sie nicht um die Antwort – falls Sie nicht Übung darin haben. Ich kann nur sagen, daß es mich tief beschämt, Sie in meinem Hause einer Behandlung ausgesetzt zu wissen, die einen Fremden zu solchen Maßregeln veranlassen. Wenn Sie Ihre bewundernswerte Geduld aber noch ein wenig weiter üben wollten, wäre ich Ihnen dankbar. Ich habe nämlich vor, die Bombe heute zum Platzen zu bringen.«

»Allheil!« sagte Theo trocken, aber inbrünstig in ihrer vollständigen Ahnungslosigkeit über die Rolle, die sie selbst bei dieser Katastrophe zu spielen ausersehen war. Der Vormittag verlief indes noch in völliger Ruhe, und auch das Mittagessen nahm einen ungetrübten Verlauf, da Cordula nicht an ihrem Platz erschien. Statt ihrer fand der Kommerzienrat neben seinem Teiler ein Billett, in welchem seine Schwägerin ihm mitzuteilen für gut fand daß sie es vorziehe ein einsames Mahl auf ihrem Zimmer einzunehmen: sie könne es nicht mehr über sich bringen, mit einer so anrüchigen Person wie Fräulein Zöllner am selben Tisch zu sitzen. Nähere Angaben behielt sich die Schreiberin vor, bis Sabine nach Schloß Weißenfels abgefahren sein würde, zu welchem Zeitpunkt ihr Schwager sie in seinem Zimmer erwarten dürfe.

Wutentbrannt zerknüllte Reudnitz dieses veilchenduftende Billett und steckte es in die Tasche. Die Eile mit welcher er dann seine Suppe aß, verriet deutlich seine innere Erregung; sie wich jedoch bald der Erkenntnis, daß es sich wahrlich nicht lohne, über solchen ›Quatsch‹ in Aufregung zu geraten, worauf er dann sogar recht aufgeräumt wurde.

Als dann am Nachmittag Sabine, glühend vor Aufregung, allein zu dem Kinderfest im Schloß abgefahren war, ging Theo in ihr Zimmer und benutzte ihre Freizeit zunächst dazu, Mühling zu schreiben. Daß diese Sorte von Briefen ihr nichts Ungewohntes war, darin hatte Reudnitz unbewußt ganz recht gehabt; indes erforderte dieses Schreiben denn doch einen wärmeren Ton und feineres Zuckerzeug für den schon vergoldeten Korb; denn der brave Gutsherr von Steinau hatte ihr Herz und Hand angetragen, trotzdem er sie für ein armes Mädchen unbekannter Herkunft hielt. Das erkannte Theo mit aufrichtig gerührtem Danke an, und darum schrieb sie auch sehr nett und herzlich, indem sie durchblicken ließ, daß ihr Herz nicht frei sei; da es jedoch im Bereich seines Freundeskreises verbliebe, so hoffe sie, daß auch sie in vielleicht nicht zu ferner Zeit Aufnahme darin finden würde. So viel erlaubte sie sich anzudeuten – mochte der gute Mühling daraus seine Schlüsse ziehen.

Den von Zimburg erhaltenen Brief mußte Theo unbeantwortet lassen, da es unsicher schien, ob er seine Berliner Adresse noch erreichen würde; Wichtiges hatte die Epistel nicht enthalten, soweit äußere Dinge in Betracht kamen. Sie war ›nur‹ der Erguß eines Herzens, das Sehnsucht empfand, sich dem Gegenstande seiner Liebe auszuschütten; das war genug, ihr diesen Brief außerordentlich lieb und wert zu machen.

Nachdem der Brief an Mühling geschrieben war, gedachte Theo die Stunden der Freiheit dazu zu benutzen, um dem Rätsel der Karten ernstlich zu Leibe zu gehen. Sie holte das Piquetspiel sowie die Abschrift des Gedichtes hervor, legte die Karten in der Reihen-, beziehungsweise Zeichenfolge aus, wie sie es schon einmal getan hatte, und las dann das Gedicht nochmals aufmerksam durch, indem sie den unterstrichenen Worten eine größere Aufmerksamkeit widmete. Das zweite dieser Wörter war ›Bube‹ und die zweite Karte in jeder dieser Reihen war, wie sie sie in ihrem Traume gesehen, auch ein Bube – das heißt, entsinnen konnte sie sich nur noch, daß der Treffbube die zweite Karte der obersten Reihe war. Sie nahm also den König fort, und legte den Buben dafür hin.

»Es war einmal (Tatsache ist's, darum geht Acht!)« lautete die erste Zeile, in welcher das Wort »Acht« unterstrichen war. Aber natürlich war die Karten-Acht damit gemeint! Mit diesem Licht, das Theo plötzlich aufging, kam mit einem Mal Sinn in die alberne Geschichte, die ja selbstverständlich nur ersonnen war, um die Worte zu maskieren, welche die Reihenfolge angeben sollten, in der die Karten zu legen waren. Wie hatte sie nur so blind sein können, das nicht gleich zu beachten! Daß es die Herren Sachverständigen auch nicht getan hatten, war eigentlich ganz natürlich, da ihnen zu dem Gedicht ja die Karten fehlten, wennschon die doppelt unterstrichenen Worte: Trefflichen, Pique, Karo und Herz-As sie auf den Gedanken hätten bringen müssen, daß der Sache ein Spiel Karten zugrunde lag. Wozu in aller Welt waren diese Leute denn »Experten«, wenn sie darauf nicht kommen konnten?! Ob wohl Professor Findelkind, falls nur das Gedicht ihm vorgelegen hätte, und ohne von den Karten etwas zu wissen, ebenso begriffsstutzig gewesen wäre? Theo war geneigt, diese Frage rundweg zu verneinen. Nun sie die Entdeckung mit der unterstrichenen Acht gemacht hatte, war es ein Kinderspiel, die Reihen nach den einfach unterstrichenen Karten zu ordnen: Acht, Bube, Dame, Sieben, Neun, Zehn, König, As; wobei richtig das Coeur-As mit dem überzähligen Buchstaben »T« als letzte Karte der letzten Reihe in die unterste rechte Ecke zu liegen kam.

Soweit wäre die Sache anscheinend in Ordnung gewesen; aber wie nun die Buchstaben zu Worten zusammenfügen – das war die Frage! Die Erinnerung an das »Wie« im Traume war nun doch allgemach stark verblaßt, und Professor Findelkind hatte ja auch erklärt, daß man, ohne die verabredete Art des Lesens zu kennen, hundert Jahre über den Karten sitzen könnte, ohne herauszubekommen, welche Mitteilung sie enthielten. Mithin war die gemachte Entdeckung über die richtige Reihenfolge der Zeichen so gut wie wertlos; die Karten blieben stumm für sie, die sich soweit für sehr hell und weise gehalten hatte und da die Lippen, die das Geheimnis hätten verraten können, längst verstummt waren, so ging's Theo wie dem Mann im Märchen, der durch einen Zauber ein massives Tor aufgesprengt hatte und sich danach vor einem zweiten verschlossenen Tore befand, das eine schwarze vermummte Gestalt bewachte, die niemand zu überwältigen vermochte, ohne die Formel zu kennen.

Während Theo noch über den Karten gebeugt saß und sich abmühte, in ihrer Erinnerung zu suchen, in welcher Weise der Traummann im gelben Schlafrock die Karten gelesen hatte, wurde sie von einem Diener unterbrochen, der ihr meldete, »daß der Herr Kommerzienrat das Fräulein bitten lasse, sich zu ihm herüberzubemühen.«

»Sollte die Bombe schon geplatzt sein?« dachte Theo nicht ohne einen Anflug von Schadenfreude, so ja bekanntlich die reinste Freude sein soll, indem sie die Karten zusammenraffte und mit dem Gedicht in ein Fach des Sekretärs verschloß. Gleich darauf klopfte sie bei dem Kommerzienrat an, der ihr beim Eintritt sofort entgegenkam und ihr einen Sessel so an seinen Schreibtisch heranschob, daß sie ihm im vollen Licht daran gegenübersaß.

»Ich habe Sie zu mir herüberbitten lassen, weil wir hier ganz ungestört sprechen können«, sagte er, selbst Platz nehmend, und Theo, die sehr feine Ohren hatte, meinte aus seinem Ton etwas herauszuhören, was ihr gezwungen vorkam; auch war in seinem Wesen etwas, das gegen seine sonstige gemütliche, ja herzliche Weise ihr gegenüber abstach.

»Das klingt ja ganz feierlich!« meinte sie leicht befremdet, aber doch ganz ungezwungen und harmlos.

»Na ja – eigentlich ist es mehr eine fatale, denn eine feierliche Angelegenheit, die ich gezwungen bin mit Ihnen zu besprechen«, erwiderte er nicht ohne eine gewisse Verlegenheit. »Aber ich will mich nicht mit langen Einleitungen aufhalten, sondern gleich zur Sache kommen. Wie ich Ihnen schon gestern sagte, liegt Methode in dem Kampfe meiner Schwägerin. Wobei ich Ihnen, liebes Fräulein, gern das Zeugnis ausstellen möchte, daß Sie dabei stets die denkbar größte Mäßigung bewahrt haben. Dafür werde ich Ihnen immer dankbar sein; denn aus meinem Hause ein wildes Schlachtfeld gemacht zu sehen, dafür hätte ich mich ohne Verzug bedankt. Meine Schwägerin hat sich nun auf die Maulwurfsarbeit verlegt, um Sie durch deren Resultat aus dem Hause zu schaffen. Wir wollen nun einmal prüfen, was sie damit erreicht hat. Sie war vorhin bei mir und hat mir an der Hand emsig von ihr gesammelten Beweismaterials schwere Anklagen gegen Sie vorgelegt, die, wie ich dringend hoffe, – Seifenblasen sind. Meine Schwägerin forderte eine Art von Gerichtssitzung in ihrer Gegenwart, was ich aber glatt abgelehnt habe; denn ich glaube, Sie und ich werden uns unter vier Augen viel besser verständigen können, ohne daß gleich ein großer Trara daraus gemacht wird. Das ist also der Grund, weshalb ich Sie zu mir bitten ließ.«

Theo hatte aufmerksam zugehört; der alte Herr hatte sie während seiner Rede ebenso aufmerksam betrachtet und zu seiner Befriedigung festgestellt, daß sie weder die Farbe wechselte, noch sonst Zeichen von Unruhe oder Unbehagen gab.

»Ja, ich glaube auch, daß die Erörterung über die ›schweren Anklagen‹ zwischen Ihnen und mir ganz einfach sein wird«, sagte sie lächelnd. »Ich hin nämlich auch nur ein Mensch, und wie ich mich kenne, hätte ich vor Fräulein von Ganting bestimmt jede Auskunft verweigert. Man hat vor gewissen Leuten oft solch aufsässige Gefühle, nicht wahr? Nun aber zu den ›schweren Anklagen‹ – ich bin mordsneugierig auf den – mit Ihrer gütigen Erlaubnis – auf den Kohl.«

»Hoffen wir, daß es nichts weiter ist«, erwiderte Reudnitz etwas unsicher. »Ich für meine Person muß vorausschicken, daß mir einige Punkte der Beweisführung denn doch etwas – hm – bedenklich vorkommen. Nun, das wird sich ja alles historisch entwickeln. Also meine Schwägerin hat Sie mir als nichts mehr und nichts weniger denn eine geheime Agentin denunziert, die unter der Maske einer Gesellschafterin in mein Haus Eintritt gesucht und gefunden hat, um sich in den Besitz gewisser Papiere zu setzen, welche Bestellungen einer auswärtigen Großmacht bei meinen Werken betreffen. Ist diese Beschuldigung – Kohl?«

»Grünkohl ist's!« rief Theo laut lachend. »Wie ist denn Fräulein von Ganting auf diese glänzende Idee gekommen?«

Reudnitz hätte sich von dem ungekünstelten frischen Lachen beinahe anstecken lassen, aber ein Blick auf die vor ihm liegenden Papiere erinnerte ihn noch rechtzeitig daran, daß er als Untersuchungsrichter den Ernst zu bewahren verpflichtet war.

»Die Wahrheit zu gestehen: Das habe ich meine Schwägerin auch gefragt«, sagte er. »Sie hat mir geantwortet, daß ihr Anzug, der gar nicht im Einklang mit Ihrer abhängigen Stellung stünde, zuerst ihren Verdacht erregt habe. Mir wäre dabei nichts Besonderes aufgefallen, aber Frauen haben für solche Dinge ja einen schärferen Blick. Meine Schwägerin behauptet Ihre so einfach scheinenden Kleider seien in Wahrheit von einem erstklassigen, sehr teuern Schneider gearbeitet und sämtlich mit der besten Seide gefüttert. Wie sie das wissen will, ist mir zwar schleierhaft –«

»Mir gar nicht«, fiel Theo trocken ein. »Adelheid hat Fräulein von Ganting nämlich meine Kleider zur Begutachtung in ihr Zimmer getragen, wobei ich sie gleich am ersten Morgen ertappt habe. Übrigens hat sie ganz recht: Meine Kleider sind erstklassige Schneiderarbeit, aber pünktlich bezahlt und folglich meine eigene Angelegenheit.«

»Sehr richtig«, nickte Reudnitz, der bei Theos Feststellung mit rotem Kopf zurückgefahren war; denn anständigen Menschen geht nun einmal solch ein Spionagesystem gegen den Strich. »Weiter«, fuhr er fort, »sind Sie am zweiten Morgen Ihres Hierseins gesehen worden, wie Sie sich jenseits der Grenze von Amönenhof mit dem Baron Bergfried ein Stelldichein gegeben haben –«

»Falsch!« unterbrach ihn Theo. »Ich habe den Herrn von Bergfried, dessen Anwesenheit in Steinau mir unbekannt war, zufällig auf einem Morgenspaziergang getroffen – eine Begegnung, die mir recht ungelegen kam. Wenn ihr Gewährsmann, der wohl eine Gewährsfrau ist, dabei ebenso ›zufällig‹ unsere Unterhaltung belauscht haben sollte, dann muß er die Wahrheit dieser Angabe zugeben, falls er nicht absichtlich lügen will!«

»Die Person will nur die letzten Worte gehört haben, die Sie mit Herrn von Bergfried wechselten, ehe Sie sich trennten, und schwört, daß diese von einem Findelkind und einem Schlüssel handelten.«

Theo mußte trotz ihres aufsteigenden Ärgers nun doch wieder lächeln. Sie sah sich um, stand dann auf, holte einen Band des Konversationslexikons von dem Bücherregal und legte ihn vor dem Kommerzienrat hin. »Es sollte mich wundern, wenn Sie dieses Findelkind hierin nicht finden sollten«, sagte sie, ruhig wieder Platz nehmend. Reudnitz sah sie verdutzt an, schlug den Band auf, suchte darin, las etwas und sah Theo wieder an.

»Hier ist der bekannte Archäologe und Spezialist für Kryptogramme unter diesem Namen aufgeführt«, sagte er langsam. »Sehr richtig; von ihm sprach ich mit Herrn von Bergfried. Professor Findelkind ist ein gemeinsamer Bekannter, und Herr von Bergfried erklärte mir seine Tätigkeit im Auswärtigen Amt, wo es seine Aufgabe ist, Schlüssel für Chiffreschriften zu finden. Sonst noch etwas?«

»O ja, noch viel!« rief Reudnitz, und fuhr sich in die Haare. »Herr von Bergfried war Ihnen demnach bekannt, ehe Sie in mein Haus kamen?« »Gewiß, er verkehrte viel im Hause meiner Pate, bei der ich nach dem Tode meines Vaters war. Da er, soviel ich weiß, noch in Steinau ist, so wird er Ihnen das gern bestätigen«, erwiderte Theo gelassen. »Es ist wirklich schade, daß Ihre Gewährsperson nur die paar Worte unserer Unterhaltung aufgeschnappt hat, die sie sich nun nach ihrem Gusto zurechtlegte; sie wäre dann gewiß nicht auf den Gedanken gekommen, Schlüsse zu ziehen, die wirklich etwas kindisch sind. «

»Hm«, machte der Kommerzienrat unsicher. »Ich weiß doch nicht, ob dem wirklich so ist. Bergfried ließ sich Ihnen von mir vorstellen wie ein Fremder –« »Darum hatte ich ihn natürlich gebeten. Sie wissen ja, daß ich noch einen anderen Namen habe, aber Sie haben sich geweigert, ihn zu hören. Vielleicht sind Sie jetzt eher dazu geneigt.«

»Lassen Sie uns erst mal das Beweismaterial meiner Schwägerin durcharbeiten«, rief Reudnitz schnell. »Sie hat mir da eine Photographie von Ihnen gegeben, auf welcher ihr Anzug ihr wiederum höchst unpassend für Ihre Stellung hier im Hause erscheinen wollte –«

Theo warf einen neugierigen Blick auf die unaufgezogene Amateurphotographie, welche der Kommerzienrat ihr hinhielt, und lächelte unwillkürlich.

»Ja, lieber Himmel, ich hatte auch wirklich gar nicht vor, dieses Kleid im Amönenhof anzulegen!« sagte sie heiter. »Das Bild wurde in dem Park des Schlosses von seinem Besitzer aufgenommen; für diesen Aufenthalt ist die Toilette eigens angefertigt worden. Da ich aber nur ein Exemplar dieser Photographie besitze, so muß sie auf dem Zwangswege – sagen wir – entlehnt worden sein. Übrigens hatte ich sie über ein anderes Bild von mir, das verdorben war, aufgeklebt. Es wäre doch ganz interessant zu wissen, was aus dieser Photographie geworden ist.«

»Hier ist sie«, versetzte Reudnitz. »So, so! Meine liebe Schwägerin weigerte sich, mir zu sagen, woher sie diese Bilder hat. Das ist ganz begreiflich, wenn sie nun schon einmal – gestohlen waren. Nun, diese überklebte Photographie, die übrigens ausgezeichnet ist, hat es meiner Schwägerin besonders angetan. Sie hat sich's nicht versagen können, bei dem Schneider, dessen Adresse Sie ihr, glaube ich, gegeben haben, anzufragen, ob und für wen ein Kleid, wie das auf dem Bilde hier, bei ihm angefertigt wurde, von dem sie ihm eine genaue Beschreibung übersandte. Die Antwort ist heute eingetroffen. Hier ist sie. Der Mann schreibt, daß eine Robe, wie die beschriebene für ein Fräulein Zellner, Statistin am X'schen Theater in Berlin, angefertigt wurde; der erwähnte Maiglöckchenschmuck sei von der Bestellerin jedenfalls selbst angebracht worden, da in seinen Büchern nichts davon aufgezeichnet sei. Die Genannte schiene zwar über reiche Mittel zu verfügen, hätte diese Robe bei ihrer Abreise von Berlin aber zu bezahlen vergessen. Sie sei im übrigen keine hervorragende Schauspielerin, sondern eben nur eine sehr schöne Person und eine – hm – eine leichte Fliege, die –«

Hier wurde der Kommerzienrat durch einen Lachanfall Theos unterbrochen, den zu unterdrücken sie sich nicht die geringste Mühe gab. Sie hatte mit steigender Erheiterung zugehört, dann begann es um ihren Mund zu zucken, und bei der »leichten Fliege« konnte sie ihrer Heiterkeit nicht mehr Herr werden, sondern platzte unaufhaltsam damit heraus.

»Nein, das ist ja zum Schießen!« stöhnte sie, und trocknete sich die Augen. »Das setzt dem ganzen wirklich die Krone auf! Sagen Sie Fräulein von Ganting mit meinem respektvollsten Knicks, daß sie eine mordskluge Dame sein mag, aber für die Rolle des Detektivs nicht die allerelementarsten Begriffe besitzt. Nicht eine Beschreibung des Kleides mußte sie dem Schneider einschicken, sondern die Photographie! Er hat das Kleid nämlich wirklich gemacht; ich hab' es bei der letzten Cour in Berlin getragen und vorher richtig bezahlt! Besser wär's aber noch gewesen, dem Photographen, dessen Name ja groß und breit hinter dem Bilde aufgedruckt ist, die Photographie zu schicken! Dann hätte Fräulein von Ganting meinen wahren Namen eher erfahren als Sie selbst! Nein, Herr Kommerzienrat, die Talente Ihrer Schwägerin sind in puncto der Maulwurfsarbeit höchst mangelhaft entwickelt, ihre Methoden von einer geradezu rührenden Kindlichkeit! Herrschaft! So habe ich lange schon nicht mehr gelacht. Sind Sie jetzt fertig?«

»Nein!« donnerte Reudnitz mit ganz überflüssigem Stimmaufwand, um nicht mitlachen zu müssen. »Ich habe noch zwei Posten auf Ihrem Konto. Einer ist so haarsträubend, daß ich ihn nur als Kuriosum erwähnen möchte. Meine Schwägerin behauptet nämlich, Sie hätten ein gewisses goldenes oder vergoldetes Maschentäschchen mit einer fürstlichen Chiffre auf dem edelsteinbesetzten Bügel –«

»Freilich hab' ich es; Fräulein von Ganting geruhte ja, es sehr genau zu betrachten.«

»Eben ja. Bitte mich nicht zu unterbrechen. Wo war ich? Ja, meine Schwägerin behauptet, besagtes Täschchen im Besitz der Herzogin, als diese hier war, gesehen zu haben. Es blieb im Saal liegen, als die Herrschaften in den Garten zu gehen geruhten, und nun besteht meine Schwägerin darauf, daß Sie – daß Sie –«

»Daß ich das Täschchen unterdessen gemopst habe, nicht?« vollendete Theo lachend. »Natürlich, und danach habe ich, dumm wie ich nun einmal bin, gleich damit geprunkt. Hätte Fräulein von Ganting nicht nur nach der äußeren Ähnlichkeit geurteilt, so hätte sie gefunden, daß das Täschchen der Herzogin ein ›T‹ als Chiffre trägt, während auf dem meinigen sich ein ›E‹ befindet. Es ist nämlich ein sogenanntes Austauschgeschenk. Übrigens hat Herr von Willig der Herzogin das Täschchen aus dem Saal geholt. Ich bin ihm dabei begegnet, was er Ihnen gewiß bestätigen wird, falls Sie noch nicht überzeugt sein sollten. Doch das ist eigentlich unwesentlich, darum weiter im Text. Zweiter und letzter Posten, bitte!«

»Na, 's ist Zeit, daß es der letzte ist«, murrte Reudnitz. »Also nur zu: Sie sind nochmals an einem schönen Morgen, – genau gesagt an dem, der auf den Abend in Steinau folgte, drüben am Grenzzaun am See gesehen worden, wie Sie sich – gerechter Bimbam, wie bringe ich das noch heraus, ohne zu ersticken – na, meinetwegen: wie Sie sich von Graf Zimburg, der zuvor über den Zaun gesprungen ist, was ich nebenbei für eine sehr respektable Turnerleistung halte – küssen ließen!«

»Das hat – Sabine gesehen?« fragte Theo rasch, mit dunkler Glut übergossen.

»Sabine?« wiederholte Reudnitz erstaunt »Nein, Sabine hätte sich, falls sie's gesehen hätte, wohl sofort entfernt, bestimmt aber nicht darüber gesprochen! Die Person, die Sie beobachtete und scheint's prinzipiell zu spät kommt, war dieselbe, welche Sie mit Herrn von Bergfried zusammen sah.«

»Ah so!« machte Theo befriedigt. »Ihr Vorname ist wohl Adelheid, oder gar – nun, es tut nichts zur Sache. Mich freut's nur, daß es nicht Sabinchen war, und ich bedaure, daß ich sie auch nur vorübergehend in Verdacht haben konnte. Ja, Herr Kommerzienrat, ich leugne den Grafen Zimburg ebensowenig ab wie den Herrn von Bergfried. Wenn es unangenehm aufgefallen ist, daß Graf Zimburg mich – mich küßte, so kann ich nur sagen, daß er ganz in seinem Rechte dazu war; denn er ist mein Verlobter. Ich glaube wenigstens, daß Verlobte sich zu küssen pflegen, will aber Sabinchen deshalb fragen, die darüber ja auch Bescheid wissen wird. So, und falls Sie nun wirklich mit Ihrem Beweismaterial fertig sind, will ich reden und mich Ihnen gebührend vorstellen. Dieses ganze hochnotpeinliche Verhör wäre überflüssig gewesen, wenn Sie mich in der ersten Stunde unserer Bekanntschaft hätten sagen lassen, was ich allerdings zu verheimlichen vorhatte, bis das Gewissen mich zwickte und ich Farbe bekennen wollte. Ich verstehe eigentlich immer noch nicht, weshalb Sie mich nicht hören wollten.«

»Ja nun, man hat halt mal seine schwachen Seiten«, bekannte Reudnitz mit einem Rest von Mißtrauen, dem sich ein gewisses Unbehagen beimischte. »Sehen Sie, ich habe auch ein paar durch die Schule des Lebens geschärfte Augen, die ganz genau sahen, was meiner Schwägerin im schiefen Winkel auffiel, nämlich daß Sie unmöglich das sein konnten, als was Sie in mein Haus kamen. Nun, das haben Sie ja damit gleich erklärt, als Sie zugunsten Ihrer Freundin auf deren Gehalt verzichteten. Daß ich Ihren wahren Namen nicht hören wollte, war eine ganz niederträchtige Feigheit von mir: ich wollte mir für alle Fälle vor meiner Schwägerin die Hintertür der Ahnungslosigkeit offen lassen. Das ist ein hartes Eingeständnis, aber ich glaube es Ihnen als Sühne schuldig zu sein. Und nun haben Sie das Wort – ich bin ganz Ohr!« –

Als Theo nach dieser interessanten Unterhaltung in ihr Zimmer zurückkehrte, war sie entschlossen, der tollen Sache nicht den Rest ihres freien Nachmittags durch Nachgrübeln zu opfern, sondern lieber über dem Rätsel der Karten nachzudenken. Sie hatte das Spiel, als sie abberufen wurde, rasch wieder zusammengeschoben und mit dem Gedicht einstweilen in ein Fach ihres Schreibtisches verschlossen, aus welchem sie es nun wieder hervorsuchte, um es, wie vorher, auf der Klappe des Sekretärs auszubreiten. Dabei fand sie den Raum etwas beschränkt; der Tisch vor dem Sofa war mit allen möglichen Dingen beladen, die erst abgeräumt werden mußten, und vergeblich sah sie sich im Zimmer nach einem anderen zweckdienlichen Möbel um. Da fiel ihr ein sogenannter Puff ein, der zur Aufnahme der gebrauchten Wäsche in Badekabinett stand und für ihren Zweck ganz geeignet schien, weil er die Form eines viereckigen, umfangreichen Hockers hatte, dessen glatte Oberfläche ganz gut wie ein Tisch benutzt werden konnte. Rasch holte sie sich dieses nicht zu schwere Möbel, das eben leer war, herbei und stellte es neben ihrem Schreibtisch auf. Im Grunde war das Ding eben nichts anderes, als eine mit leichtem, buntem Kattun bekleidete Kiste von 60 bis 70 Zentimeter im Quadrat und etwa 50 Zentimeter Höhe, die innen einfach dunkel gebeizt war, was Theo feststellte, als sie zufällig den Deckel emporhob und dabei auch bemerkte, daß dieser nicht massiv war, sondern nur aus einem an Scharnieren befestigten Rahmen bestand, der oben mit leichtem Kattun straff bespannt und ringsum mit einer Krause verziert war.

»Blendwerk der Hölle«, murmelte sie, diesen Deckel kritisch betrachtend, aber ein Versuch zeigte ihr, daß der Stoff so fest angezogen war, daß man darauf trommeln konnte, und die leichte Last der Karten durfte ihm darum ohne Bedenken anvertraut werden. Sie schob also einen niedrigen Sessel herbei, um bequem vor dem Kasten sitzen zu können, und trat dann an ihren Sekretär, die Karten zu holen, – – In diesem Augenblick aber wurde die Tür zum Korridor aufgerissen, und Cordula stürzte mit blassem, verstörtem Gesicht, in welchem die Augen vor Wut funkelten, wie ein Orkan herein.

»So!« rief sie atemlos vor Aufregung. »So, das also war des Pudels Kern, Sie abgefeimtes, intrigantes Geschöpf! Aber ich werde diese unerhörte, unmögliche Sache nicht dulden und nicht eher von dieser Stelle weichen, bis ich Sie vor mir auf die Knie gezwungen habe!« Wenn ein Mensch aus unbekannten Ursachen sehr aufgeregt ist, dann wird der andere, dem die Aufregung gilt, meist sehr ruhig. Und so ging es auch Theo.

»Lieber Himmel, was ist denn geschehen?« fragte sie erstaunt. »Verzeihen Sie, aber ich habe Sie wirklich nicht klopfen gehört.«

»Klopfen! Ich bin nicht in der Stimmung, mich mit Anklopfen aufzuhalten. Sollte ich mich vielleicht gar bei Ihnen durch den Diener anmelden lassen?« versetzte Cordula unwillkürlich etwas ruhiger. »Ich komme, Sie wegen Ihres unerhörten Betragens zur Rede zu stellen!«

»Wirklich?« fragte Theo ungläubig. »Nun, dann bin ich sehr neugierig zu wissen, was ich in Ihren Augen wieder verbrochen habe.«

»Sparen Sie sich diese Unschuldsmiene für – andere Leute; mich betrügt sie nicht!«

»Ich habe doch aber wenigstens das Recht zu erfahren, was eigentlich los ist!«

»Nun, mir scheint, die Hölle ist los – die Hölle, die mit Ihnen in dieses friedliche Haus eingezogen ist, Sie blonder Satan, Sie!« schnob Cordula, sich aufs neue aufregend. »Kaum im Haus, machen Sie mir das Herz meiner Nichte abspenstig, und damit nicht genug – umgarnen Sie meinen Schwager, und der alte Hansnarr geht natürlich wirklich in ihr Netz!«

»Na, da schlägt's dreizehn!« sagte Theo ruhig, aber doch ein wenig besorgt um die geistige Gesundheit ihres Besuches und darum bemüht, sie nicht noch mehr zu reizen. »Sie müssen schon entschuldigen, aber ich verstehe wirklich noch nicht ganz – – darf ich Ihnen vielleicht ein Glas Wasser holen?« Damit machte sie einen Schritt seitwärts der Tür zu; aber Cordula trat ihr in den Weg.

»Sie bleiben!« herrschte sie sie an. »Nicht wahr, um in die Arme meines Schwagers zu flüchten?«

»Waaaas?« machte Theo zurückprallend, und nun wurde auch sie ernstlich böse. »Fräulein von Ganting, es hat alles seine Grenzen. Sie stürzen ohne anzuklopfen zu mir herein, überhäufen mich mit Ehrentiteln. Sie werfen mir die unglaublichsten Beschuldigungen ins Gesicht – ich finde, jetzt ist es damit genug. Entweder, Sie erklären, was Sie in diesen Zorn versetzt hat, oder – Sie kommen lieber ein anderes Mal wieder, wenn Sie sich beruhigt haben.«

Cordula mochte wohl eingesehen haben, daß sie in ihrer Heftigkeit zu weit gegangen war. Jedenfalls blieb der ruhige, bestimmte Ton Theos nicht ohne Wirkung auf sie; denn nach einer kurzen Pause sagte sie wesentlich milder:

»Sie wissen zwar sehr genau, was mich in einen Abgrund von Kummer und Sorgen gestürzt hat. Mein Schwager hatte vorhin eine Unterredung mit Ihnen auf Grund von Beweisen, die ich gegen Ihre Person vorgelegt habe. Nach Beendigung dieser Unterredung mit Ihnen kam mein Schwager zu mir, teilte mir kurz mit, und ohne auf die Gegenbeweise einzugehen, die Sie natürlich in Bereitschaft hatten, daß meine ganzen, vollwichtigen Anklagen gegen Sie hinfällig seien und er zu Ihrer Rehabilitierung und zu Ihrer Entschädigung entschlossen sei, Sie – zu heiraten!«

Theo prallte zurück, unterdrückte einen Ausruf unbegrenzten Erstaunens ebenso wie eine fast unbezwingliche Lachlust, weil sie plötzlich begriff! Sie hielt den Ausbruch mit einer geradezu heroischen Anstrengung zurück und war damit Herr der Lage.

»Nein, wie lieb von ihm«, sagte sie sanft. »Ich habe von Anbeginn eine sehr hohe Meinung von dem Herrn Kommerzienrat gehabt, und daher wundert es mich wirklich nicht, daß seine Ritterlichkeit sich bis zu dieser Höhe erheben konnte. Aber, bescheiden, wie ich nun einmal bin, hätte ich doch kaum zu hoffen gewagt, Sie, teures, gnädiges Fräulein, dereinst noch – Schwippschwägerin nennen zu dürfen.«

Cordula sah ihre Gegnerin fassungslos an.

»Das – das ist eine Unverschämtheit, die ich mir merken werde«, gappste sie, faßte sich aber gewaltsam, weil sie einsah, daß heftige Worte hier wirklich nichts ausrichteten, und fuhr scheinbar kalt fort: »Natürlich kann aus diesem – ritterlichen Plane nichts werden. Dafür stehe ich gut. Die Beweise, die ich gegen Sie meinem Schwager vorgelegt habe, sind – natürlich von seiner Verblendung für Sie abgesehen – derartige, daß ich nicht zögern werde, sie der Polizei vorzulegen, die dann das Weitere veranlassen wird, falls Sie nicht vorziehen sollten, mir jetzt gleich freiwillig, freiwillig eine schriftliche Erklärung zu geben, daß Sie ein für allemal auf die Hand meines Schwagers Verzicht leisten. Sie haben also jetzt die Wahl und werden mir die Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß ich mild gegen Sie sein will, wenn Sie Vernunft annehmen.«

»Hm –« machte Theo scheinbar unentschlossen, »man muß doch Bedenkzeit haben – es sich überlegen dürfen –«

»Lassen Sie mich das Für und Wider in Ruhe auseinandersetzen«, rief Cordula, durch dieses scheinbare Schwanken ermutigt, mit gänzlich verändertem Ton, der halb schmeichelnd, halb drohend war. »Setzen wir uns denn und besprechen wir die Sache, welche –«

Den Rest der Rede verschlang eine unerwartete Katastrophe. Cordula hatte mit einer gnädigen Handbewegung auf den Sessel gedeutet, den Theo vorher für sich herangeschoben hatte, und ehe diese noch einen Warnungsruf ausstoßen konnte, ließ Fräulein von Ganting sich selbst mit einem flüchtigen Blick nach rückwärts auf die kattunbezogene Kiste nieder. Das aber geschah, da dieses Möbel niedriger war, als sie's geschätzt haben mochte, mit einer Wucht, durch welche der dünne Kattun des Deckels, straff, wie er ohnedem gespannt war, regelrecht zerplatzte. Und das hatte zur natürlichen Folge, daß die durchaus nicht leichte, stolze Cordula, Gan-Erbin von Burg Ganting, im Nu in der Stellung eines zugeklappten Taschenmessers in die Tiefe der leeren Kiste versank.

Theo rechnete es sich später hoch an, daß sie bei diesem Anblick wenigstens noch einen Rest von Fassung bewahrte und nicht gleich zu Hilfe eilte, wie es, genau genommen, ihre Pflicht gewesen wäre – selbst nach allem Vorangegangenen. Aber es gibt Augenblicke, wo selbst die Pflicht der Humanität zurücktreten muß und das Gegenteil zur Pflicht wird.

Das Häufchen Unglück in der Kiste war überdies auch noch ein Anblick für Götter. Durch den unsanften Anstoß des höchstens nur zu zwei Dritteln über den Kistenrand ragenden Kopfes der wie in einer Versenkung Verschwundenen war ihr die Perücke bis über die Augen gerutscht; die Hände der festgeklemmten Arme griffen wild in die Luft, und da auch das reichlich weite Kleid von den nach oben stehenden Beinen, die sich bis an die Knie würdelos in weißen Strümpfen emporstreckten, herabgeglitten war, so verhüllte es auch, was von dem Gesicht noch hätte sichtbar sein können. Das Zetermordio, das Cordula nach dem ersten Schrecken über diese Katastrophe erhob, veranlaßte Theo zwar, das Kleid etwas herabzustopfen, damit die Versunkene Luft bekam, aber da sie sich an der Perücke nicht vergreifen wollte, so ließ sie diese, wie sie der Rand des Kistendeckels verschoben hatte.

»Nein, das ist aber wirklich eine fatale Sache«, meinte Theo, heldenhaft mit ihrem Lachen ringend. »Wer hätte auch denken können, daß der Stoff so dünn ist?«

»Helfen Sie mir! Helfen Sie mir doch!« kreischte Cordula mit vergeblichen Anstrengungen, sich aus ihrer Falle herauszuarbeiten. »Sie sehen ja, daß ich allein nicht hier heraus kann! Ich ersticke!«

»Ja, was soll ich denn dabei machen? Sie sind doch viel zu schwer für mich!« behauptete Theo nicht ohne Berechtigung. »Dazu sind andere Kräfte notwendig. Ich gehe, gleich die Diener rufen –«

»Unterstehen Sie sich!« zeterte Cordula aus ihrer Kiste heraus. »Damit ich zum Gaudium dieser Menschen gemacht werde und meine Autorität damit zugrunde gerichtet wird. Geben Sie mir die Hände und versuchen Sie, mich daran herauszuziehen!«

»Da müßte ich ja Herkuleskräfte haben!« widersprach Theo »Wenn Sie die Diener nicht wollen, werde ich den Herrn Kommerzienrat rufen –«

»Nein, nein, ihn erst recht nicht!« schrie Cordula. »Helfen Sie mir – es muß sich doch machen lassen, ohne daß das ganze Haus zusammenläuft, um mich in dieser schändlichen Lage zu sehen. Gott, wenn nur Sabine nicht jetzt etwa zurückkommt!«

Theo war inzwischen ein herrlicher Gedanke gekommen. »Ja, es ließe sich allerdings ohne fremde Hilfe machen – das heißt, ich sehe eine Möglichkeit dazu«, begann sie.

»Nun, so versuchen Sie es, schnell, nur schnell! Ich vertrage diese Lage nicht länger!« jammerte Cordula dem Weinen nahe.

»Aber es ist ein bißchen gewaltsam«, meinte Theo gemütlich. »Das macht nichts, ich übernehme die Verantwortung«, versicherte Cordula. »Nur um alles: Holen Sie niemand herzu, der mich so sehen kann! Schnell doch, schnell! Was zögern Sie denn noch? Ich halte es nicht mehr aus.«

»I bewahre, so schlimm kann es ja doch nicht sein«, sagte Theo freundlich zuredend. »Also, ich glaube, es ginge so, wie ich mir's denke, aber ich tu's nur unter einer Bedingung.«

»Oh, Sie schlechtes Geschöpf, Sie!«

»Wenn Sie wieder auf mich schimpfen wollen, gehe ich auf der Stelle, die Diener rufen«, erklärte Theo mit der größten Entschiedenheit. »Also –«

»Wollen Sie Geld haben? Meinen Schmuck –?«

»Unsinn! Je eher Sie mich ausreden lassen, um so schneller kommen Sie aus diesem Kasten heraus, in den allein nur Ihre eigene Niederträchtigkeit Sie hereingebracht hat«, sagte Theo weniger logisch als energisch. »Also passen Sie gut auf – ich will Ihnen die schriftliche Erklärung geben, daß ich Ihren Schwager unter keinen Umständen heiraten will; aber ich verlange dafür Ihre schriftliche Erklärung –«

»Daß ich Sie bei der Polizei nicht anzeigen soll!« fiel Cordula hastig ein. »Ich habe das zwar vorweg schon so gut wie versprochen, will es aber gern noch schriftlich –«

»Meinetwegen können Sie sich in dieser Kiste sofort zur Polizei tragen lassen«, fiel Theo ein. »Ich rate Ihnen sogar dringend dazu, denn eine tüchtige Blamage wäre Ihnen ganz gesund. Ich befinde mich nämlich in der angenehmen Lage, auf Ihre ganzen Beweise gegen mich pfeifen zu können. Trotzdem aber will ich Sie in puncto Ihres Schwagers und meiner beruhigen und es Ihnen schriftlich geben, wenn Sie sich ebenfalls schriftlich dafür verpflichten, das Haus des Kommerzienrats für immer zu verlassen.«

»Ich sollte fort, Sabine verlassen? Nie und nimmermehr!« begehrte Cordula auf.

»Sabine wird Sie verlassen, und zwar recht bald. Wobei mir einfällt, daß Sie für den Fall, daß Herr Reudnitz Sie zur Hochzeit einladen sollte, sich verpflichten müssen, gleich nachher wieder abzureisen, damit Sie es nicht wieder vergessen, wie das letzte Mal. Also – wollen Sie, oder wollen Sie nicht?«

»Das Haus meines Schwagers verlassen? Niemals!«

»Gut, dann gedulden Sie sich also noch ein paar Minuten, bis ich das ganze Haus zu Ihrer Befreiung aus der Kiste zusammengerufen habe«, erwiderte Theo und ging auf die Tür zu.

»Fräulein Zöllner! Haben Sie Erbarmen!« zeterte Cordula.

»Ich gehe ja nur, Hilfe für Sie zu holen«, gab Theo, die Klinke in der Hand, gleichmütig zurück. Und drückte die Tür möglich laut auf.

»Halt!« tönte es aus der Kiste. Theo wartete. »Ich werde die verlangte Erklärung schreiben«, stöhnte Cordula. »Und nun helfen Sie mir schnell!«

»Gleich, – nachdem ich die Erklärung geschrieben, und Sie unterschrieben haben werden«, erwiderte Theo liebenswürdig. »Ich fürchte nämlich, Sie könnten in dem berechtigten Wunsch, sich von dem fatalen Sturze erst zu erholen, darauf vergessen!«

Cordula stöhnte zum Steinerbarmen und murmelte etwas, das Theo sich bemühte zu überhören, während sie sich an den Schreibtisch setzte und auf einen Briefbogen eine kurze Erklärung des Inhalts schrieb, daß sie nicht die Absicht habe, den Kommerzienrat Reudnitz auf Amönenhof zu heiraten, wofür Fräulein Cordula von Ganting, Gan-Erbin auf Burg Ganting, sich verpflichtet, das Haus des Obengenannten, ihres Schwagers, alsbald für immer zu verlassen und auch nach der Vermählung seiner Tochter nicht wiederzukehren, und dies freiwillig durch ihre Unterschrift bekräftige. Dieses Elaborat las Theo nun der Gan-Erbin in der Kiste vor und erhielt nach einigen kleinen Seitenhieben das geforderte Ja des Einverständnisses.

»So«, sagte Theo, unterschrieb die Erklärung und legte sie auf einen Löschblock. »Jetzt werden Sie die Güte haben, Ihre Unterschrift unter die meinige zu setzen. Es geht ganz gut, wenn ich den Block halte und Sie sich etwas Mühe geben. Wenn ich Sie nämlich vorher herauslasse, würde ich auf Ihre Unterschrift bis zum Jüngsten Tage warten müssen, wozu ich keine Zeit habe, da ich ja nur in Stellvertretung hier bin. Man muß seinem Nächsten immer das Beste zutrauen, das habe ich von Ihnen gelernt. Also, bitte, hier ist meine Füllfeder. Ich lege den Block gegen Ihre Knie und halte ihn fest – zur Not geht es schon!«

»Es geht nicht!« keifte Cordula. »Ich kann ja überhaupt nichts sehen und die Hand kaum bewegen. Und überhaupt gilt die Unterschrift nichts, wenn Sie mich dazu zwingen –«

»Aber nein, um kein Wunder möchte ich Sie zwingen. Wenn Sie nicht wollen oder können, dann ist die Sache ja erledigt, und ich hole Ihnen endlich Hilfe –«

Wieder schritt Theo zur Tür und machte sie auf, und wieder wurde sie von Cordula zurückgerufen mit der Versicherung, daß sie freiwillig unterschreiben wolle; das tat sie denn auch wirklich, obgleich es weniger gut ging, als Theo behauptet hatte. Wenn man in einem engen Raum eingepreßt ist, die Arme gegen den Leib gepreßt und die Knie unmittelbar vor der Nase hat und in dieser Lage auch noch schreiben soll, so ist das tatsächlich mit großen Schwierigkeiten verknüpft; aber Theo mußte trotzdem darauf bestehen, weil sie sehr mit Recht im anderen Fall Verrat fürchtete. Sie rückte ihrer Widersacherin die Perücke aus den Augen, gab ihr die Feder in die Hand, und so mußte es denn gehen, schlecht und recht, aber mehr schlecht wie recht, wie nicht verhehlt werden darf.

Nachdem dies geschehen war, schloß Theo den Bogen trotz des Jammerns der Gan-Erbin über diese neue Verzögerung erst sorgsam in ihren Schreibtisch ein, weil man nie wissen kann, was sich ereignen könnte, holte dann einen Feuerhaken vom Kamin, schob ihn nicht ohne Anstrengung als Hebel unter die eine Seite der Kiste und kippte diese dann nach der anderen Seite auf vorgelegte Sofakissen um, und nun konnte die Gefangene unter Mitwirkung eigener Kräfte aus ihrer würdelosen Lage befreit, beziehungsweise herausgezogen werden. Sie gelangte in der Stellung auf »allen vieren« zunächst wieder auf den Fußboden und wurde mit Theos Hilfe dann gerade auf ihre Beine gestellt, wobei ihr die Perücke vom Kopfe fiel – eine Begleiterscheinung, deren sie sich in dem Bemühen, ihre steifgewordenen unteren Extremitäten wieder geschmeidig zu machen, gar nicht bewußt wurde.

So stand sie, finster vor sich hinblickend, eine Weile da, versuchte dann ein paar Schritte, und nachdem sie sich vergewissert hatte, daß ihre Glieder wieder den gewohnten Dienst taten, ging sie schwerfällig bis zur Tür, wo sie von Theo eingeholt wurde.

»Sie haben etwas vergessen, Fräulein von Ganting«, sagte sie liebenswürdig, indem sie ihr die Perücke überreichte. »Ich an Ihrer Stelle würde das Ding aber nicht mehr tragen, denn Sie glauben gar nicht, wie hübsch Sie mit Ihren naturkrausen weißen Löckchen aussehen.«

Mechanisch hatte Cordula ihre »falsche Behauptung« in Empfang genommen.

»Wie?« machte sie geistesabwesend. Aber als ihr Blick dabei auf Theo fiel, übermannte sie ihre unbezähmbare Heftigkeit wieder.

»Da – Sie elende Natterkröte!« kreischte sie und warf ihr die Perücke an den Kopf. Theo fing sie aber auf und schleuderte sie durch die offene Balkontür hinab in den Garten.

»Danke! Ich habe keine Verwendung dafür«, sagte sie kühl und drehte sich auf dem Absatz um, wobei der Krach der zugeschmetterten Tür sie belehrte, daß Fräulein von Ganting sie endlich verlassen hatte.

»Grundgütiger! Noch solch ein schöner, freier Tag und ich ziehe das Leben eines Steinklopfers vor!« dachte sie, und sank auf den nächsten Stuhl. »Das heißt«, setzte sie einschränkend hinzu, »es wäre doch schade gewesen, diese Affenkomödie hier nicht zu erleben! Doch, nun aber wollen wir das Eisen schmieden, solange es warm ist; mit anderen Worten, die Sache muß in Ordnung gebracht werden, ehe das herzige Tantchen sich besinnt und ein großes Geschrei erhebt!«

Rasch sprang sie auf, nahm die kostbare, gegenseitige »Entsagungsurkunde« an sich und lief damit zu dem Kommerzienrat hinüber, der ihr bei ihrem Eintritt lebhaft entgegenkam.

»Meine Schwägerin war bei Ihnen?« rief er nicht ohne Besorgnis.

»Ich hatte die Ehre – und hier ist das Resultat«, erwiderte Theo, indem sie ihm das Papier mit einem triumphierenden Knicks überreichte. Reudnitz las das Schriftstück durch, las noch einmal und sank dann auf den nächsten Stuhl nieder.

»Wie haben Sie denn das zuwege gebracht?« fragte er mißtrauisch und noch ein wenig ungläubig. Theo lachte etwas verlegen, kämpfte dann einen kurzen Kampf mit ihrer Diskretion und dem dringenden Verlangen, die gute Geschichte nicht für sich behalten zu müssen.

»Eigentlich sollte ich einen Schleier darüber decken«, meinte sie, »aber uneigentlich ist die Geschichte dieser Urkunde viel zu schön, als daß ich sie für mich behalten könnte – namentlich, da Sie ja Sinn für Humor haben!« Und damit erzählte sie den Vorgang genau wie er sich abgespielt, wobei Reudnitz gelegentlich einige Kraftausdrücke dazwischen streute. »Warum haben Sie mich denn aber nicht auf Ihren Staatsstreich vorbereitet?« schloß sie vorwurfsvoll. »Ich bin wirklich fast auf den Rücken gefallen!«

»Nachdem Sie mich verlassen hatten, kam mir's erst ein, daß jetzt der Augenblick für meinen Trumpf gekommen war«, erwiderte Reudnitz nicht ohne eine gewisse Verlegenheit. »Ich hatte den Gedanken daran allerdings schon vorher in mir herumgewälzt, und es lag eigentlich nicht in meiner Absicht, daß Sie überhaupt Kenntnis davon bekommen sollten. Freilich hatte ich nicht mit dem Temperament meiner Schwägerin gerechnet, sondern darauf gebaut, daß sie sofort abreisen würde, Sie und mich mit stummer Verachtung strafend, was keinen Lärm macht und uns beiden nicht weh getan hätte. Die Wahrheit zu gestehen, ist dieser Staatsstreich, wie Sie ihn nennen, nicht in meinem Kopfe entsprungen, denn eine solche – Kühnheit wäre mir nie in den Sinn gekommen. Es war die nette, alte Hofmeisterin, die mir diesen Floh ins Ohr gesetzt hat.«

»Das habe ich mir gleich gedacht«, lachte Theo. »Aber was nun? Wird Fräulein von Ganting ihre etwas kraxliche Unterschrift für gültig halten? Wird sie keinen Widerruf versuchen?«

»Hm – ich werde es darauf ankommen lassen müssen, ob sie sich auf den Rechtsstandpunkt stellen will«, meinte er nachdenklich. »Juristisch anfechtbar dürfte diese kostbare Urkunde freilich sein, schon weil die Unterschrift von Zeugen fehlt. Daß ich mich auf dieses Blatt steifen werde, versteht sich; wird die Gültigkeit von ihr angefochten, dann sind wir ja ohnedem geschiedene Leute. Freilich wäre mir ein öffentlicher Skandal ebenso unangenehm, wie Ihnen wahrscheinlich erst recht.«

»Du meine Güte, daran habe ich überhaupt nicht gedacht!« rief Theo erschrocken. »Das wäre ja eine nette Bescherung! Da hätte ich ja etwas Reizendes angerichtet!«

»Na, na – soweit sind wir ja noch nicht; meine Schwägerin wird sich's wohl zweimal überlegen, ehe sie auf Grund dieses Wisches eine Klage wegen – Nötigung anstrengt. Wir wollen die Sache sich historisch entwickeln lassen«, brummte Reudnitz.

Theo war nun doch etwas weniger siegesbewußt, als sie langsam in ihr Zimmer zurückkehrte und mechanisch die Ordnung darin wiederherstellte. Ungerecht, wie der beste Mensch nun einmal ist, gab sie der Unglückskiste einen tüchtigen Puff, als sie dieses Möbel mit seinem durchgesessenen Deckel wieder in das Badekabinett zurücktrug.

»Hübsche Suppe das, die du Scheusal mir da eingebrockt hast«, redete sie das unschuldige Ding an, das sich nicht einmal verteidigen konnte. »Wer macht denn auch einen Puff mit einem falschen Deckel, frage ich? Soll ich nun zu dem alten Drachen gehen und den Wisch selbst widerrufen? Damit wären wir freilich auf dem alten Standpunkt, nur mit dem Unterschied, daß ich schleunigst meine Koffer packen und der alten Exzellenz bei ihrem Abendessen helfen dürfte. Und Leo –? Nein, folgen wir dem Rat von Vater Reudnitz, und lassen wir die Ereignisse sich historisch entwickeln.«

Indes saß Cordula allein in ihrem Zimmer, nachdem sie Adelheid mit heftigen Worten hinausgejagt hatte, und überlegte. Da sie ja nicht von heute und gestern war, so fiel es ihr auch sehr bald ein, daß die gegebene Unterschrift ohne Zeugen so gut wie ungültig war, damit aber auch jene »dieser Zöllner«. Darin lag der Haken, auf den sogar der Kommerzienrat nicht gekommen war. Für Cordula kam nun die Frage in Betracht, ob sie die ganze Sache einfach ignorieren und es darauf ankommen lassen sollte, was nun erfolgen würde, oder ob sie den Ochsen sozusagen gleich bei den Hörnern nehmen sollte, indem sie zu einem Rechtsanwalt ging und Theo wegen Erpressung ihrer Unterschrift verklagte. Damit wurde aber die gräßliche Geschichte von Ihrer Versenkung in die Kiste an die große Glocke gehängt und der Rechtsanwalt samt dem lieben Publikum konnte sich schieflachen über die scheußliche Situation.

Leute vom Schlage Cordulas sehen schwer ein eigenes Unrecht ein; aber es dämmerte ihr in der Stille ihres Kämmerleins denn doch, daß sie falsch gehandelt, indem sie in der ersten Hitze gleich zu Theo hinübergerast war, um sie zur Rede zu stellen und zu einer »Entsagung« einzuschüchtern. Bei reiflicher Überlegung hätte sich die Sache ganz anders anfassen lassen, und die schreckliche Blamage Ihrer Versenkung wäre ihr erspart geblieben. Jetzt erst fiel es Cordula ein, daß ihr Schwager ja eigentlich nur von der Absicht gesprochen hatte, Theo zu heiraten, und daß letztere selbst ganz überrascht von dieser Mitteilung war. Aber der Zorn über die bloße Möglichkeit, über die unmittelbare Nähe dieses Schrittes war bei Cordula dermaßen entfesselt worden, daß er alle Überlegung bei ihr ausgeschaltet hatte.

Als sie noch so saß und immer erbitterter darüber grübelte, wie sie Ihre Übereilung wieder gutmachen konnte, öffnete sich die Tür und Sabine steckte ein ganz rosig angehauchtes Gesichtchen durch die Spalte.

»Darf ich, Tantchen?« rief sie eintretend. »Ich komme eben vom Schlosse und will dir guten Abend sagen. Aber Tantchen, wie siehst du denn aus?« unterbrach sie sich erstaunt; denn Cordula saß im Schmuck ihrer kurzen weißen Locken da, über die sie ein schwarzes Spitzentuch geknüpft hatte. »Du bist ja ganz weiß – ich meine, dein Haar. Nein, wie reizend steht dir das! Du siehst Ja um zwanzig Jahre jünger aus!«

»Das hat Fräulein Zöllner auch schon gesagt«, versetzte Cordula trocken, warf dabei aber doch einen Blick in den ihr gegenüberhängenden Spiegel. »Ist das wirklich wahr?« setzte sie mit plötzlich wiedererwachter Eitelkeit hinzu.

»Aber gewiß – bildschön siehst du so aus«, versicherte Sabine mit ehrlicher Überzeugung. »Bitte, bitte, trage dich doch immer so! Deine Züge sehen unter diesen süßen weißen Löckchen so weich, so – edel aus!«

»Schmeichelkatze! Na, wir werden ja sehen!« lächelte Cordula sehr besänftigt, indem ihre Augen wieder den Spiegel suchten. »Nun, und wie war es auf dem Schlosse?«

»Ach, das Kinderfest war reizend«. berichtete Sabine, deren Herz plötzlich zu klopfen begann, weil sie vor einer Aufgabe stand, die das Fest nicht betraf. »Du hättest nur sehen sollen, wie lustig die Kinder waren, wie die Herzogin selbst alle Spiele anführte, das Vesperbrot und die Preise verteilte. Die alte Frau Oberhofmeisterin, die Hofdame, Herr von Willig und ich, alle haben wir mitgespielt. Ich war die einzige Fremde, die gebeten war, denk' mal, und habe mich herrlich amüsiert.«

»Nun, das ist ja schön. Bist du auch rechtzeitig oben gewesen?«

»O ja, – sogar zu früh, denn es war noch niemand sonst da. Die Herzogin ließ mich aber gleich in ihr eigenes Zimmer rufen und war so lieb zu mir – – Sie hat mir alle ihre hübschen Sachen gezeigt, und, denk' dir, Tantchen, dabei habe ich etwas gesehen – etwas gesehen –« Sabine stockte, wurde rot, holte tief Atem und fuhr dann fort: »Es war etwas auf dem Schreibtisch der Herzogin – das Bild einer Dame in großer Hoftoilette, in schwerem, silbernem Rahmen, das mir so bekannt vorkam, daß ich mir erlaubte, es näher zu betrachten – – Und auf der Photographie stand der Name ›Theo‹ – nichts weiter wie ›Theo‹ –«

»Wie?« rief Cordula aufhorchend. »Nun«, setzte sie mit verächtlich gekräuselten Lippen hinzu, »Theodora mit dieser Abkürzung werden ja noch viele heißen.«

»Vielleicht; aber es war das Bild von Theo Zöllner selbst«, plauderte Sabine weiter. »Nein, ich sage dir, ein so ähnliches, reizendes Bild in der prächtigen Courtoilette. Ich konnte einen Ausruf der Überraschung nicht unterdrücken und sagte der Herzogin. daß diese – diese Dame meiner Theo ganz merkwürdig ähnlich sei, und da lachte Ihre Hoheit, nahm mich um die Taille und sagte mir, es sei auch ihre Theo. Natürlich konnte ich das nicht begreifen, und da erzählte mir die Herzogin, daß Theo ihre beste Freundin sei, mit der sie schon zusammen auf der Schule war, und eigentlich eine sehr große vornehme Dame, deren warmes Herz sie dazu getrieben, ihrer verarmten, krank gewordenen Freundin, Anna von Ried, dadurch zu Hilfe zu kommen, daß sie an ihrer Statt in die Stellung eingetreten sei, welche diese durch ihre Erkrankung sonst verloren hätte. Und damit der große Name, den sie trägt, für diesen Freundschaftsdienst nicht etwa als Hindernis gelten konnte, so hat sie ihn mit dem Titel einfach fallen lassen und nur den genannt, der als Beiname eigentlich zu dem ihrigen gehört – Zöllner. Ob mir dieser Name vielleicht bekannt sei, fragte mich die Herzogin lachend. Tantchen, – ich war vor Erstaunen einfach stumm.«

Tantchen sah ihre Nichte fassungslos an. »Und – und wie ist der – andere Name?« fragte sie endlich.

»Ja, den darf ich nicht verraten, bis Gräfin Theo mir selbst die Erlaubnis dazu gibt«, erwiderte Sabine, die ihre Lektion von ihrem geliebten Otto brav gelernt hatte, und atmete auf.

»Gräfin Theo!« wiederholte Cordula mechanisch. »Und du bist ganz sicher, daß du von ein und derselben Person sprichst?«

»Ganz sicher. Tantchen! Herr von Willig kennt Gräfin Theo doch so gut vom Weißenfelser Hofe her und die Herzogin weiß ja, daß sie als Fräulein Zöllner bei uns ist.«

»So – weiß sie das?« murmelte Cordula. »Nun, dann ist wohl kein Zweifel mehr darüber. Und nun laß mich allein, Kind! Ich habe heute schreckliche Kopfschmerzen und werde zum Abendessen nicht hinabkommen. Entschuldige mich bei deinem Vater und bei – nein, nur bei deinem Vater. Gute Nacht, – du brauchst nicht mehr zu mir zu kommen.«

»Soll ich dir Adelheid schicken, Tantchen?«

»Nein«, war die harte Antwort. »Sag' ihr nur, sie sollte sich nicht unterstehen, eher zu mir hereinzukommen, bevor ich läute. Hörst du?«

Sabine hörte, und der glücklich entdeckte Sündenbock konnte in der Verbannung des Vorzimmers darüber nachdenken, was er wohl verbrochen haben mochte, weil er vor das Angesicht seiner Herrin ungerufen nicht treten durfte. Und dabei hatte Adelheid doch alles Material gegen das fremde Fräulein geliefert, das sich in aller Herrgottsfrühe von einem fremden jungen Herrn küssen ließ. War da drinnen bei »der Alten« etwas schief gegangen?

Man kann hier gleich vorweg verraten, daß Adelheid überhaupt nicht mehr bei ihrer Herrin vorgelassen wurde, die zu ihrer Bedienung eines der Hausmädchen bestellte. Nachdem die also in Ungnade Gefallene darüber während der Nacht, wie sich's gehört, ausgiebig geweint hatte, erhielt sie am folgenden Morgen schriftlich ihre Entlassung nebst zuständiger Berappung und Extravergütung für die außerordentliche Kündigung und wurde danach zum Vergnügen der übrigen Dienerschaft bis Weißenfels abgeschoben. Also richteten die Weisheit und der hochentwickelte Gerechtigkeitssinn Cordulas die »niedrige Angeberei« Adelheids, die an allem schuld war und infolgedessen aus der erhabenen Nähe ihrer Herrin verduften mußte.

Sabine aber war von ihrer Tante geradewegs zu ihrem Vater gegangen und sagte diesem ihr wohleinstudiertes Sprüchlein genau so auf; hier aber erntete sie kein niederschmetterndes Erstaunen, sondern nur ein verschmitztes Schmunzeln.

»Aber Vatchen, du tust ja ganz, als wüßtest du's schon!« rief Sabine ein wenig enttäuscht.

»Natürlich weiß ich's längst«, behauptete der alte Herr überlegen, womit er zwar etwas aufschnitt, aber Kinder brauchen doch auch nicht alles zu wissen! Der Zweck der Übung war ihm übrigens ganz klar: Der Kammerherr hatte in seiner, Reudnitz nun ganz begreiflichen Entrüstung über die liebreiche Behandlung, deren Theo sich durch Cordula im Amönenhof erfreute, der Herzogin Bericht erstattet, und diese hatte sich Sabine ausersehen, um über Theos Kopf weg der Tante und ihm selbst den Star zu stechen. Das war ganz geschickt eingefädelt und Reudnitz selbst sehr angenehm; denn damit wurde dieses Geschäft ihm selbst erspart, trotzdem er mit Theo übereingekommen war, ihr Inkognito auch fernerhin noch gelten zu lassen.

Was Sabine dann mit Theo, zu der sie von ihrem Vater hinüberlief, plauderte, war natürlich nur eine Variation des gleichen Themas mit eingelegten Lachduetten und gegenseitigen Vertraulichkeiten. Hatte Theo von Anbeginn dem kleinen Fräulein Vertrauen eingeflößt und ihr dabei noch furchtbar imponiert, so verstärkte sich dieser Eindruck, nun sie »alles wußte«, zu einer Begeisterung, die sich zu einer Freundschaft verdichtete, die unerschütterlich blieb.

Trotzdem für Theo der Himmel nicht ganz wolkenlos war – weniger der Unsicherheit wegen über die Schritte, die Cordula vorhaben konnte, als in bezug auf Leo Zimburg, den sie ja noch in ihr Inkognito einweihen mußte; das hätte sie natürlich lieber selbst getan, ehe er's durch andere erfuhr, trotzdem war sie die nicht am wenigsten Heitere in dem kleinen Kreise zu dritt an der Abendtafel im Amönenhof. Der Kommerzienrat konnte sich's nicht versagen, als sie beisammen saßen, sehr hübsche, warmempfundene Worte zu sagen, die er in die Form eines improvisierten Trinkspruchs auf die »originellste und außergewöhnlichste Gesellschafterin, die noch je ein Haus beglückt«, einkleidete. Als dann die Gläser zusammenklangen, setzte er hinzu:

»Uns wird Ihre Stellvertretung immer eine liebe Erinnerung bleiben, Ihnen selbst aber gewiß oft eine Quelle des Spaßes, trotzdem Sie die Last ja nun eigentlich für nichts und wieder nichts auf sich genommen haben –«

»Nein, Herr Kommerzienrat, das dürfen Sie mir nicht antun«, fiel Theo bittend ein. »Sie werden mich doch nicht jetzt fortschicken wollen? Ich bitte Sie also herzlich: lassen Sie Fräulein Zöllner, wie sie ist, bis Anna Ried sie ablösen kann.«

»Wenn es nach mir ginge, dürfte Fräulein Zöllner bis in die graue Pechhütte im Amönenhof ›stellvertreten‹«, erwiderte Reudnitz schmunzelnd. »Aber leider geht es nicht nach mir. Mein Schwiegersohn in spe behauptet nämlich, er hätte keine Zeit mehr, ewig auf die Hochzeit zu warten, da er leider nicht mehr jünger, Sabine hingegen jeden Tag älter würde, und da ich annehme, daß er auf eine Gesellschafterin bei seiner Frau keinen Wert legen dürfte, indem er sich selbst wohl zutraut, diesen Posten zur Zufriedenheit auszufüllen, was ich ihm bei seinem Sprechanismus unbedingt auch zutraue, so wäre somit der Fall Anna von Ried sowieso in sechs oder acht Wochen erledigt.«

»Oh, ich blindes Huhn, daß mir das auch gar nicht in den Sinn gekommen ist!« rief Theo bestürzt aus. »Natürlich, wenn Sabine verheiratet ist, dann hat meine Freundin sowieso das Nachsehen! Nun, dann werde ich sie zu mir nehmen –«

»Falls Graf Zimburg nicht dasselbe unbegreifliche Vorurteil gegen einen Dritten in seiner jungen Ehe wie der hochwohlgeborene Herr von Willig hat«, fiel Reudnitz lachend ein.

»Es ist zehn gegen eins zu wetten, daß er's haben wird«, bekannte Theo kleinlaut. »Freilich, man weiß ja noch nicht, ob's überhaupt dazu kommt. Mein Verlobter weiß nämlich noch nicht, wer ich bin. Für ihn bin ich das arme Fräulein Zöllner, das sein Brot bei fremden Leuten verdienen muß, und ich habe ihn vorläufig noch bei dem Glauben gelassen; denn – so unglaublich es klingen mag – ich muß diesen Menschen ganz vorsichtig darauf vorbereiten, daß ich die unbekannte Namensbase bin, vor welcher er in langem Sprunge davonläuft, damit sie nur ja nicht denken könnte, daß er's auf ihr dummes Geld abgesehen hat!«

»Na«, sagte Reudnitz ordentlich feierlich, »der Mann verdient ausgestellt zu werden. Es versöhnt einen mit der Welt, daß es solche Menschen noch darin gibt.«

»Ja, das tut es«, nickte Theo mit feuchten Augen. »Für mich hat die Sache aber doch ihren Haken; denn ich bin ganz und gar nicht sicher, wie er die Enthüllung aufnehmen wird, daß ich die nicht bin, für die er mich hält, sondern – die andere. Ich wollte, ich könnte diesen sagenhaften Schatz hier finden, damit wir in puncto Mammon einander nichts vorzuwerfen haben.«

»Sehr netter Wunsch das«, meinte Reudnitz trocken. »Sie vergessen dabei nur, daß Sie mich damit wieder zum Amönenhof herauswimmeln. Jedenfalls werden Sie mir's billigerweise nicht verdenken können, wenn ich Ihnen diesen vertrackten Schatz nicht auch noch suchen helfe.«

»Nein, das verdenke ich Ihnen wirklich nicht«, sagte Theo lachend. »Hingegen können Sie mir's nach der Sachlage auch nicht verdenken, daß ich ihn gern finden möchte. Nicht um meiner selbst willen, da ich Habgier nicht zu meinen Untugenden rechne – auch kann ja, was man vor hundert Jahren einen Schatz nannte, heutzutage nur eine Lappalie sein – sondern um des Amönenhofs willen, dessen Verlust meinem Verlobten sehr nahegegangen ist.«

»Mit anderen Worten: Sie wollen mir die Bude wieder abkaufen!« rief Reudnitz mißtrauisch.

»Daran hab' ich natürlich auch schon gedacht«, gab Theo unumwunden zu. »Aber davon könnte ja nur die Rede sein, wenn Ihnen mal die Lust käme oder Ihnen daran läge, besagte Bude auf gute Manier wieder los zu werden.«

»Ich glaube nicht, daß mir diese Lust in absehbarer Zeit kommen wird.«

»Ja, das glaube ich auch nicht; denn man kauft sich doch nicht einen solchen Besitz, um ihn nach ein paar Monaten wieder zu räumen. Also können wir ruhig von etwas anderem reden.«

»Hat sich was!« brummte der Kommerzienrat. »Daß ich auf diese verflixte Schatzklausel in dem Kaufvertrag eingegangen bin, war doch ein haarsträubender Leichtsinn von mir; denn gesetzt, der Schatz kommt wirklich mal ans Licht, so mag er wert sein, was er will: die Klausel tritt dann in Kraft, und was für den Rückkauf fehlt, das legen Sie natürlich drauf.«

»So könnte es kommen, wenn –« meinte Theo. »Aber von diesem ›Wenn‹ hängt ja das alles ab. Man könnte ebensogut sagen: Wenn Herr von Willig zum Kaiser von China gewählt würde, dann käme Sabinchen recht weit fort, und wenn Sie sich darüber heute schon graue Haare wachsen lassen wollten, so würde ich das für eine recht unzeitgemäße Sorge halten. Seit mehr denn hundert Jahren haben die Zimburgs vom Amönenhof nichts unterlassen, um diesen Schatz zu finden, nur, daß sie das Haus deswegen nicht niedergerissen haben – wobei mir übrigens einfällt, ob man niemals auf den Gedanken gekommen ist, den See zu untersuchen.«

»Darüber bin ich in der Lage, Ihnen Auskunft geben zu können«, erwiderte Reudnitz. Man hat mir hier erzählt, daß der See unter dem verstorbenen Grafen kurz vor seinem Tode durch Taucher abgesucht worden ist. Der resultatlose Scherz soll einen netten Groschen gekostet haben. Die Sache war mir total entfallen, und erst Ihre Frage hat sie mir wieder ins Gedächtnis zurückgebracht. Herr von Mühling hat mir übrigens versichert, daß Graf Leo Zimburg an dem Niedergange der Amönenhofer Finanzen keine Schuld hat und den Erlös des Besitzes dazu verwendete, die Gläubiger seines Vaters zu befriedigen.«

Theo hatte zwar keinen Augenblick daran gezweifelt, daß ihres Verlobten Angaben über diesen Punkt der reinen Wahrheit entsprächen; aber diese Bestätigung war ihr doch eine Beruhigung, weil sie ihr sagte, daß wenigstens nicht alle Welt ihm die Schuld an der Veräußerung des alten Familiensitzes zur Last legte und seine Freunde sich nicht scheuten, der Wahrheit die Ehre zu geben.

Da dieser »ruhige« Tag schließlich doch ein recht bewegter gewesen war, so war's Theo sehr recht, beizeiten zur Ruhe zu kommen. Und sie war eben im Begriff, zu Bett zu gehen, als es bei ihr anklopfte und ein Zimmermädchen ihr einen verschlossenen Brief mit einer Empfehlung des Herr Kommerzienrats brachte. Neugierig öffnete sie das Schreiben, das nur einen Brief mit der Unterschrift »Cordula« enthielt und sich durch die Überschrift »Lieber Schwager« als an Reudnitz gerichtet auswies. Nicht ohne etwas beschleunigten Puls machte sich Theo alsbald an die Lektüre des Briefes, in welchem die Absenderin in sehr gewählten und liebenswürdigen Ausdrücken die Mitteilung machte, daß ihr altes neuralgisches Leiden sie zu dem schnellen Entschluß gebracht hätte, sobald als möglich Linderung in Baden-Baden zu suchen und – frische Fische gute Fische – mit dem Mittagsschnellzug des folgenden Tages dahin abzureisen gedenke. Da ja Sabine sich jetzt in ihr so angenehmer, sympathischer und durchaus passender Gesellschaft befände, so könnte sie, Cordula, diese Flucht vor der Pflicht ja auch wagen; sollte ihr Schwager indes der Ansicht sein, der sie sich nur aus vollster Überzeugung anschließen könnte, daß eine ältere Ehrendame im Hause für die lieben beiden jungen Mädchen wünschenswert sei, so möchte sie nicht verfehlen, darauf aufmerksam zu machen, daß die alte Oberhofmeisterin von Wiesenthal, Exzellenz, ihr selbst versichert habe, es würde ihr zum Vergnügen gereichen, solche heitere, frische Jugend um sich zu haben. Es geschehe einzig nur mit Rücksicht darauf, weil Reudnitz sein Haus doch nun einmal der Nachbarschaft geöffnet und öfter Gäste bei sich zu sehen wünsche, daß seine Schwägerin sich erlaube, ihm den Wink zu geben, daß die verehrte alte Dame möglicherweise einer Einladung nach dem Amönenhofe zugänglich sein könnte. Was sie selbst betreffe, so glaube sie nicht, den erhöhten Anforderungen, welche eine lebhafte Geselligkeit stelle, noch gewachsen zu sein, und würde es daher vorziehen, nach Burg Ganting zurückzukehren.

»Na, das nennt man den Spieß mit Schneid umdrehen«, dachte Theo, indem sie den Brief wieder zusammenfaltete. »Daß aus mir, die ich vor ein paar Stunden noch ein ›elendes, intrigantes Geschöpf‹, und eine ›Natterkröte‹ gewesen bin, plötzlich eine sympathische, angenehme und durchaus passende Gesellschaft für Sabine und – was war s noch? – ein liebes junges Mädchen geworden bin, das ist eigentlich alles mögliche. Verdanke ich das nun meiner Energie oder der großen Neuigkeit, die Sabine vom Kinderfest mitgebracht hat? Wie dem auch sei, wir können ›Hurra!‹ schreien und auf unseren Lorbeeren schlafen, falls dieser gute Kommerzienrat nicht etwa vorhat, den reuigen Sünder zu spielen, und seine teure Cordula heute noch auf den Knien anfleht, zu bleiben.«

Der gute Kommerzienrat hatte aber entschieden seine Knie und seine Lungen geschont, denn Cordula reiste am folgenden Mittag tatsächlich ab. Theo hatte sich natürlich von der Abschiedsfeier ferngehalten, und da Sabine den ganzen Vormittag um die Tante beschäftigt war, diese Zeit für sich gehabt. »Tantchen« wurde von Schwager und Nichte feierlich auf den Bahnhof von Weißenfels geleitet, und da sich inzwischen auch die Tragikomödie von Adelheids in Ungnade erfolgtem »Abschub« vollzogen hatte, so war alle Aussicht vorhanden, daß für den Amönenhof friedliche Tage anbrechen würden.

Theo hatte den Morgen ruhig und doch auch wieder ruhelos in Ihrem Zimmer verbracht. Ein äußerlicher Grund dafür war nicht vorhanden, und auch für die innere Unruhe die sie ergriffen hatte, wußte sie keine Ursache; aber sie war da und ließ sie zu nichts Rechtem kommen. Nahm sie ein Buch zur Hand, so konnte sie keine zwei Zeilen lesen, ohne an irgend etwas anderes zu denken; begann sie einen Brief zu schreiben, ging's ihr nicht besser. Sie schob diesen Zustand von Unrast auf die Rückkehr von Leo Zimburg, die heute oder morgen zu erwarten war, und auf die Aufgabe, die ihr damit bevorstand, und doch hatte sie sich darüber schon ziemlich beruhigt. Indes rechtfertigte das ihre allgemeine Unruhe an diesem Morgen doch nicht ganz, weil sie gewohnt war, sich zu beherrschen, und vor dem Eingeständnis eigener Irrtümer nie zurückgeschreckt war.

»Es muß ein Gewitter in der Luft liegen«, dachte sie, als sie wieder einen › verschriebenen‹ Briefbogen zerknüllt in den Papierkorb warf. »Woher käme sonst diese nervöse Zappligkeit, die mir ordentlich die Buchstaben auseinanderreißt, die ich niederschreiben will. Was fang ich nur mit mir an? Geh' ich hinaus in die frische Luft? Dazu habe ich auch keine Lust; warum weiß ich nicht! Ich werde mal die Augen zumachen und mich zu sammeln suchen; soll ja ein gutes Rezept gegen Unrast sein.«

Es war jedenfalls ein Rezept zu einer neuen Beschäftigung; denn kaum hatte Theo die Augen geschlossen, als ihr die Spielkarten des Urgroßvaters einfielen. Ein paar Minuten später lagen sie auf dem abgeräumten Tisch vor ihr ausgebreitet, und diesmal zog keine Unrast mehr ihre ungeteilte Aufmerksamkeit ab. Da die Zeichen der Karten sie jedoch an der Übersicht hinderten, so nahm sie einen Bogen Papier, teilte ihn in zweiunddreißig gleiche Rechtecke und kopierte in diese die Buchstaben, wie sie den Reihen und ihrer Folge entsprachen.

Auf dieses Wirrsal von Buchstaben sah Theo nun herab, bis sie anfingen, vor ihren Augen zu tanzen, bis ihr der Kopf schmerzte, und doch konnte sie sich um alles nicht mehr entsinnen, wie in ihrem Traum der Herr im gelben Schlafrock sie gelesen hatte. Er hatte getippt – getippt – – aber wie und in welcher Reihenfolge, das wollte und wollte ihr nicht wieder einfallen. Zuletzt wurde sie so müde vom Probieren und Nachsinnen. daß ihr die Augen zufielen und der Kopf ihr bis auf die Tischplatte herabsank – Hatte sie geschlafen? War sie mit halbschlummerndem Bewußtsein doch wach gewesen? Theo vermochte auch später darüber sich nie Rechenschaft abzulegen. Und doch hätte sie darauf schwören mögen, daß sie mit ihren leiblichen Sinnen erlebt habe, was vielleicht nur ein Traum, vielleicht aber auch ein Empfinden menschenunbegreiflichen Geschehens war – – Sonderbar! Ein leichter Lavendelduft schien durch das Zimmer zu ziehen, leise schienen sich, wie aus weiter Ferne kommend, aus heimlichem Raunen und Flüstern Silben und Worte zu formen. Dann plötzlich meinte sie klar und deutlich zu hören: Hebe von links in der Acht an. Lies aus jeder Karte den ersten Buchstaben gleicher Zeile nach abwärts durch alle Zeilen; dann den zweiten und dritten! Dann Stille, eine so tiefe, pulsierende Stille, daß Theo das Summen der Bienen durch die offene Balkontür hören konnte, – eine Stille, während der sie atemlos auf etwas wartete, das sie nicht nennen konnte. Dann schlug die Schloßuhr eine Stunde, und beim ersten Schlag fuhr sie empor, – der Bann war gebrochen.

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»Das war die Erinnerung, die erwacht ist und leibhaftig mit mir gesprochen hat!«, sagte sie ganz laut. »Ja freilich, so war's: links anfangen: immer den ersten Buchstaben der gleichen Reihe jede Achter-Karte von oben nach unten durch alle fünf Reihen lesen, dann den zweiten und dritten Buchstaben und so fort.«

» Nun wollen wir sehen, ob's klappt! Der erste Buchstabe der Treff-Acht ist ein D.; auf der Pique-Acht ein A.; auf der Careau-Acht ist ein D.; auf der Pique Acht ein A.; auf der Careau-Acht ist ein S. Gibt zum erstenmal, seit ich probiere, ein Wort : >Das<, und einen Buchstaben, ein S. Nun kommen die zweiten Buchstaben der selben Kolonne dran: ein J. darunter L. B. und E. Würde also ›Silbe‹, heißen. wozu der Artikel ›das‹ nicht paßt. Weiter! Der dritte Buchstabe auf der Treff Acht ist ›R.‹, bei Pique-Acht ›Z.‹, bei Careau-Acht ›E.‹, bei Coeur-Acht ›U.‹. Ah, – ›Das Silberzeu–‹ Weiter, weiter: vierter Buchstabe: ›G.‹, dann U. N. und D. – Hurra. ich hab's! ›Das Silberzeug und –‹ Herr du meines Lebens! – Das Familiengeheimnis wird doch nicht am Ende gar den Schatz betreffen? Armer Kommerzienrat! Aber machen wir's nicht, wie das Milchmädchen in der Fabel, sondern sehen wir erst zu, wie's weitergeht!«

Theo sprang wie elektrisiert auf, holte sich ein Blatt Papier und einen Stift, schrieb feinsäuberlich jeden Buchstaben der Reihe nach auf und ging dann zur zweiten und dritten Kolonne der vier Achten über. Dann aber stutzte sie einen Augenblick vor den auf Buben und Damen eingezeichneten Lettern und versuchte auch diese von oben nach unten in der gleichen Weise zu lesen. Aber das stimmte nicht. Und wieder war sie ratlos, wie zuvor. Aber halt! – Es stimmte, indem sie die Buchstaben in den drei Kolonnen einfach der Reihe nach von oben nach unten herunterlas, und stimmte auch für die Reihe der Damen. Und dann kam für die Reihe der Sieben natürlich wieder das erste Verfahren dran.

»Hurra! Gewonnen. gewonnen!« – – Der Rest war, nach einigen in der Hast gemachten Irrtümern durch Überspringen, einfach genug, das Ergebnis der Aufzeichnung aber dieses:

»Das Silberzeug und die Juwelen liegen in dem Verstecke verborgen, so mir allein als erbliches Familiengeheimnis bekannt. Im Ballsaal, dem linken Fenster vis-a-vis ist an der Innenwand unten am Boden ein Messingknopf. Durch einen Druck darauf springt das zwote Careau des Parquettes empor und deckt das Geheimgelaß auf, allwo der Familienschatz complet verborgen liegt.«

»Complet verborgen liegt!« wiederholte Theo, nachdem sie die Mitteilung wieder und wieder durchgelesen, wie um sich von der Wirklichkeit dessen, was ihre Augen sahen, zu überzeugen. »Und ich war dazu ausersehen, ihn zu finden, diesen sagenhaften Familienschatz, ich! Ich, die ich mir solche Mühe gegeben habe, den Traum als logischen Gehirnreflex zu beweisen! Angesichts dieser Tatsache darf man mit Hamlet schon sagen: ›Es gibt – ‹. Nun hätten wir also den Platz, wo der Schatz verborgen wurde! Die Frage ist nur: Liegt er noch dort? Werde ich die Überwindung haben, zu warten, bis Leo kommt, oder werde ich den Messingknopf, auf den in meinem Traum die Hand im gelben Schlafrockärmel so augenscheinlich hindeutete, schon vorher einer näheren Besichtigung unterziehen, damit in Leo keine falschen Hoffnungen geweckt werden, falls der Schatz sich inzwischen verkrümelt haben sollte? Der Schatz! Was geht uns beide der Schatz an! Um den Wiedererwerb des Amönenhofs handelt es sich, um das Haus der Väter Leos, das auch das meine werden soll.«

Der durchdringende Ton einer Hupe, welcher hier Theos Gedanken unterbrach, verkündete ihr die Rückkehr des Kommerzienrats mit seiner Tochter. Rasch verschloß sie die Karten und die dazugehörigen Papiere in ihren Schreibtisch und eilte ins Vestibül hinab, das die Angekommenen eben betreten hatten. Das Gesicht des Kommerzienrats verriet gerade keinen heftigen Trennungsschmerz, wogegen Sabine sich ersichtlich Mühe gab, »Tantchens Abschied« im pflichtgemäßen Lichte der Rührung zu betrachten, trotzdem es ihr ja schon dämmerte, daß »Tantchens rührende Fürsorge« für sie eigentlich nichts war als eine fortlaufende Kette von Quälereien. In ihrem jungen Glück war Sabinchen aber geneigt, alles in ein rosiges Licht zu hüllen, die Jahre von Tantchens Schreckensherrschaft eingeschlossen.

»Meine Schwägerin läßt sich Ihnen übrigens empfehlen«, berichtete Reudnitz, »– jawohl empfehlen, was ich zu beachten bitte – und Ihnen sagen, daß die ›kleine Differenz‹ mit Ihnen nur auf einem Irrtum beruht habe, an welchem die Schleicherin Adelheid allein die Schuld trage, wofür dieses holde Wesen auch sofort entlassen worden sei, was Sie als Genugtuung zu betrachten die Güte haben möchten. Tempora mutantur, liebe Gräfin! Ja, und meine Schwägerin erwartet von Ihrem – wie sagte sie gleich? – von Ihrem weiblichen Zartgefühl und von Ihrer Ehrenhaftigkeit, daß Sie ein gewisses Papier nunmehr vernichten würden. Von diesem Zerstörungsakt sind Sie jedoch entbunden, denn das gewisse Papier befindet sich ja in meinem Besitz, und ich denke gar nicht daran, es zu vernichten. Weil man nie wissen kann, wie die Feste fallen. Und nun, werteste Genossen vergangener Leiden, laßt uns zum Mittagessen gehen, denn ich habe Hunger!«

Das Mittagessen zog sich heut sehr in die Länge; denn der Kommerzienrat ließ in der Freude seines Herzens wieder den perlenden Trank der Witwe Cliquot springen und war so aufgeräumt und voll von Schnurren, daß Theo nicht das Herz hatte, ihm die rosige Laune durch die Mitteilung ihrer Entdeckung zu trüben. Da das Mahl sich durch Cordulas Abreise heut stark verspätet hatte, so war fast die übliche Teezeit herangekommen, als man durch ein dicht vor dem Hause ertönendes Autosignal in der Unterhaltung unterbrochen wurde.

»Nanu? Wer kann denn jetzt kommen?« fragte Reudnitz, der gerade noch einen Schwank zum besten gab. Doch schon stürzte einer der Diener herein und meldete die Ankunft der herzoglichen Herrschaften von Weißenfels. »Dunnerlitzchen!« machte der Hausherr, warf seine Serviette auf den Tisch, zupfte sich seine Krawatte zurecht und rannte schleunigst hinaus, die hohen Gäste zu empfangen, während Sabine und Theo in den Ballsaal gingen, in welchen die Herrschaften fast gleichzeitig eintraten. Wenn der Kommerzienrat noch einen Zweifel über Theos Identität gehabt hätte, so wäre er jetzt endgültig in ein Nichts zerflossen; denn Theo sehen und ihr um den Hals fallen, war das erste, was die Herzogin tat.

»Was haben Sie zu dieser verkappten Stellvertretung gesagt, lieber Herr Reudnitz?« lachte die Souveränin der beiden vereinigten Herzogtümer. »Ist diese Vorspiegelung falscher Tatsachen nicht eigentlich strafbar?«

»Vom Rechtsstandpunkt ließe sich freilich einiges dagegen sagen«, meinte Reudnitz schmunzelnd. »Indes bin ich geneigt, Gnade vor Recht ergehen zu lassen; denn als Fräulein Zöllner hat Gräfin Theo Ihre Sache sehr gut gemacht. Über ihre Taten ließe sich ein Buch schreiben. Nicht allein, daß sie mir mein kleines Töchterchen in höchst befriedigender Weise aufgemöbelt hat – wenn dieser Ausdruck gestattet ist –, zum ewig bittern Vorwurf muß es ihr jedoch gemacht werden, daß sie die schuldige Ursache ist, daß meine Schwägerin heute mein Haus für immer verließ –«

»Aber Vaterchen!« ließ sich Sabine hier vernehmen, und der Kommerzienrat ließ den Rest seiner doch vielleicht ein wenig von der Witwe Cliquot beeinflußten Rede in einem Hustenanfall verschwinden.

»Ja, man weiß nie, was geschieht, wenn Theo Ideen hat und losgelassen wird«, meinte die Herzogin, ein Lachen verbeißend. »Übrigens vergessen wir ganz über der Freude des Wiedersehens mit meiner unverantwortlichen Freundin den eigentlichen Zweck unseres Besuches, Ihnen, lieber Herr Kommerzienrat, zur Verlobung Ihres herzigen Töchterchens mit unserem verehrten Herrn von Willig zu gratulieren. Das tun wir denn von Herzen; denn diese vernünftigste Tat im Leben unseres lieben Kammerherrn ist auch für uns ein Gewinn, indem wir Fräulein Reudnitz in unseren engeren Kreis einverleiben. Ich hoffe nur, daß dies recht bald geschehen möchte; denn Herr von Willig muß notwendig unter den Pantoffel kommen, ehe er das Schwabenalter erreicht. Ein allzu vernünftiger Mann sollte ein junger Ehegatte doch nicht sein! Das hat Zeit, wenn der Honigmond, oder besser noch, die Honigjahre dahin sind.«

»Hoheit wollen gnädigst verzeihen; aber bis zum Schwabenalter fehlen mir noch ganze drei Jahre!« verwahrte sich Willig mit solcher Energie, daß er damit die allgemeine Heiterkeit herausforderte.

»Eben darum«, behauptete die Herzogin. »Was sind drei Jahre, wenn man sich am Becher des Glücks sattrinken will, ehe die sogenannte Vernunft einem sagt, daß man mit dem Rest haushalten muß, damit er fürs Leben reicht? Theo, nimm dir ein Beispiel an diesem glücklichen Paare und gib endlich das schwunghafte Geschäft des Korbflechtens auf! Nun, wer weiß – der Berg, auf dem der Friede wohnt, soll ja hier in der Gegend zu finden sein!«

»Hui!« machte Reudnitz aufhorchend. »Von diesem Berge habe ich freilich nichts gewußt; hingegen bin ich ganz sicher, daß die – Zimburg dort über Steinau thront.«

Nun war es an der Herzogin aufzuhorchen, und fünf Paar Augen richteten sich gleichzeitig auf Theo, die abwechselnd rot und blaß wurde, aber kein Wort sagte. Der Herzog fiel rasch mit einer gleichgültigen Bemerkung ein, worauf die Herrschaften der Einladung des etwas reuig dreinschauenden Kommerzienrats zum Platznehmen entsprachen und auch noch eine Tasse Tee annahmen, ehe sie allein wieder fortfuhren und den Kammerherrn bei seiner Braut zurückließen.

Zu einer intimen Aussprache mit Theo hatte sich für die Herzogin während ihres Besuches keine Gelegenheit geboten, und erstere war ganz zufrieden damit, ja, sie hatte es sogar vermieden, dem öfters fragend auf sie gerichteten Blick ihrer hohen Freundin zu begegnen, und war ärgerlich über den Kommerzienrat, dessen schlecht verschleierte Andeutung sie geschmacklos fand, da sie ihn doch gebeten hatte, die Mitteilung über ihre Verlobung als vertraulich aufzufassen. Was sollte Leo Zimburg denken, wenn er bei seiner Rückkehr nach Steinau die Sache als ein öffentliches Geheimnis vorfand, ehe sie mit ihm gesprochen hatte!

Nachdem die herzoglichen Herrschaften den Amönenhof wieder verlassen, begab sich Theo in ihr Zimmer, da sie sich bei der zurückbleibenden Familienpartie für überflüssig hielt, und hörte nur noch beim Hinaufgehen die Meldung, daß Herr von Mühling vorgesprochen habe, aber, von der Anwesenheit der hohen Herrschaften hörend, wieder fortgeritten sei. Was hatte der Gutsherr von Steinau heute wieder hier gewollt? Seinen Antrag persönlich erneuern, nachdem er doch sicher heute Theos Brief erhalten haben mußte? »Welches Glück, daß schon jemand da war!« dachte Theo erleichtert.

Der Besuch des Kammerherrn dehnte sich bis zum Abend aus, und bei der Mahlzeit zeigte Reudnitz entschiedene Anzeichen von Müdigkeit.

»Ich fange wirklich an zu glauben, daß ein langer Brautstand für die Nichtbeteiligten anstrengend ist«, bemerkte er mit unterdrücktem Gähnen. »Ist eine Brautmutter schon ein vielgeprüftes Wesen, dann ist ein Brautvater auch nur 'n überflüssiges Appendix. Na, mach' nur kein solches Gesichtel, Binchen; denn so war's, so ist's, und so wird's bleiben. Kein vernünftiges Wort kann man mit so 'nem Bräutigam reden, weil er doch nur mit halbem Ohr hinhört. Nicht mal die Eudoxia Athenais kann sich dein teuerer Otto ansehen, ohne daß er dir dabei die Hand drücken muß. 'ne Münze, bei der jedem Numismatiker das Wasser im Munde zusammenlaufen muß, wenn er bloß von ihr reden hört. Den Entwurf zur Verlobungsanzeige haben wir gerade nur so mit Hängen und Würgen zustande gebracht; denn zwischen jedem Worte mußte karmauzelt werden. Ceterum censeo: Wenn die Tochter sich verlobt, dann kann sie ebensogut gleich in der ersten Stunde heiraten; denn haben hat man doch nischt mehr von ihr!«

Daß Theo dem Kommerzienrat in seiner gegenwärtigen Stimmung, verbunden mit physischer Müdigkeit, heute nichts mehr von der Entdeckung des Fundortes des Schatzes sagen wollte, war begreiflich. Ebenso begreiflich war aber auch ihre Begierde, nachzuschauen, ob der Messingknopf im Ballsaal, der das Geheimgelaß öffnen sollte, noch vorhanden war und ob er seinen Dienst noch tat. An der Stelle, wo er sich befinden mußte, stand ein kleiner Kredenztisch, der es verhindert hatte, ihn zu sehen – wenigstens von der Stelle aus, wo Theo beim Besuch des Herzogspaares gesessen. Schwer konnte dieser Tisch nicht sein, dessen vier zierliche geschweifte und vergoldete Füße unter der oberen Platte durch eine kleinere verbunden waren. So viel hatte sich Theo am Nachmittag eingeprägt und beschloß, wenn alles im Hause zur Ruhe gegangen sein würde, hinabzuschlüpfen, um sich wenigstens von dem Vorhandensein des Knopfes zu überzeugen. Dieses Vorhaben führte sie denn auch, ein Licht in der Hand, ohne Schwierigkeit aus; denn der Saal wurde nicht abgeschlossen, die Fensterläden waren innen zugemacht und wohlverwahrt. Theo schwankte, ob sie das elektrische Licht entzünden sollte oder nicht, weil es schwerlich von außen gesehen werden konnte, keinesfalls aber einen verräterischen Schein auf die Terrasse und den Garten zu werfen vermochte. Aber sicher ist sicher; sie begnügte sich mit ihrer Kerze und leuchtete damit zunächst unter den bewußten Kredenztisch, unter welchem sich, dicht an der Wand, allerdings eine leichte Erhöhung befand, die aber keineswegs wie von Messing aussah. Indes konnte dieses durch die Zeit oder durch Überstreichen mit Bohnerwachs erblindet sein. Jedenfalls mußte man nachschauen. Der Tisch ließ sich auf dem spiegelglatten Parkett leicht zur Seite schieben, und Theo war eben dabei, das zu bewerkstelligen, als die Tür zum Vestibül aufging und Reudnitz, in der einen Hand ein brennendes Licht, in der anderen einen Revolver, in dem Saal erschien.

»Hände hoch!« donnerte er, bevor er noch sehen konnte, wer der Inhaber des anderen Lichtes war; denn Theo hatte sich eben hinter dem Tisch auf die Knie niedergelassen.

»Aber, Herr Kommerzienrat, schreien Sie doch nicht so – das ganze Haus muß ja davon aufwachen!« rief sie schnell gefaßt, und ohne ihre Stellung zu verändern.

»Was? Sie, Gräfin, sind's?« machte er erstaunt. »Ja, um alles in der Welt, was machen Sie denn dort? Haben Sie etwas verloren?«

»Ich könnte der Einfachheit wegen ›ja‹ sagen, aber ich tu's nicht, weil's nicht wahr wäre«, erwiderte sie und richtete sich auf. »Wie war's nur möglich, daß Sie mich hören konnten? Ich bin ja wie ein Einbrecher strümpfig herabgeschlichen!«

»Aber ich habe gute Ohren und hörte die Tür hier gehen, die ein wenig quietscht«, versetzte Reudnitz. »Und da ich dafür halte, daß diese Fensterläden zwar sehr schön und stilvoll, aber als Schutz für die Katze sind, so wollte ich doch lieber mal nachschauen. Darf ich fragen –«

»Natürlich dürfen Sie fragen, sintemalen dies ihr Haus ist; aber ich bitte Sie, sich mit der Antwort bis morgen zu gedulden«, fiel Theo ein, ihr Licht ergreifend. »Nicht wahr, Sie sind so lieb? Morgen werde ich Ihnen, wie sich's gebührt, Rede und Antwort stehen.«

»Hm – das klingt entschieden etwas geheimnisvoll«, sagte er etwas mißtrauisch. »Aber da ich aus Erfahrung weiß, daß Rede und Antwort bei Ihnen an Klarheit und Wahrheit nichts zu wünschen übrig lassen, so kann ich wohl kaum anders, als mich zu bescheiden. Ist's so recht?«

»Ich danke Ihnen und stelle fest, auf die Gefahr hin, Sie eitel zu machen, daß Vater Reudnitz ein Fels von Erz ist, auf den man Häuser bauen kann! Daß ich etwas gesucht habe, will ich heute schon zugeben; ob ich's gefunden habe, steht auf einem anderen Blatt. Jetzt verspreche ich, brav zu Bett zu gehen.«

»Das genügt mir für heute. Was Sie versprechen, halten Sie auch. Ich kann Ihnen den Fels von Erz wohl mit gutem Gewissen zurückgeben.«

Der folgende Morgen fand Theo wieder in aller Herrgottsfrühe im Freien und auf dem Wege zum Grenzzaun am See. Zwar wußte sie nicht, ob Leo Zimburg schon nach Steinau zurückgekehrt war, denn er hatte darüber nichts geschrieben, doch war sie der Meinung, daß es besser sei, den lieben Weg umsonst zu machen, als ›ihn‹ am Ende gar zu verfehlen.

Sie war jedoch kaum am Gatter angelangt, als sie ihn auch schon jenseits aus dem Walde treten sah, und mit einem lauten »Hurra!« war er im Laufschritt im Umsehen zur Stelle, schon von weitem einen Schlüssel von anständiger Größe in der Hand schwenkend, mit welchem er unter einigem Kraftaufwand das rostige Schloß aufschloß.

Über die Begrüßung der Verlobten darf füglich hinweggegangen werden. – Trotzdem beiden nun das helle Glück aus den Augen leuchtete, hatten sie doch gegenseitig einiges an Ihrem Aussehen auszusetzen. Zimburg fand, daß Theo etwas blaß war, und Theo fand Leo angegriffen.

»Ach, das ist nichts«, meinte er leicht. »Ich bin halt gestern den ganzen Tag gereist, spät in Steinau eingetroffen, habe dann noch unvernünftig lange mit Mühling geschwatzt und geraucht und bin mit der Sonne schon wieder aufgestanden. Dazu kommt, daß meine Angelegenheiten nicht so glatt gegangen sind, wie ich hoffte. Das Pferd habe ich ja verkauft, natürlich mit Verlust – na, das war zu erwarten; aber leider hat sich noch nachträglich ein Schuldposten meines Vaters gemeldet, der nachgeprüft und schließlich bezahlt werden mußte, was meine paar Kröten empfindlich vermindert hat. Das malt einem die Stimmung etwas grau in grau; aber nun ich dich wiedersehe, scheint mir's nicht mehr so schlimm.«

»Komm, wir setzen uns drüben auf die Bank in der Allee«, schlug Theo vor. »Da können wir bequemer miteinander reden und sind jetzt ganz ungestört.«

Zimburg war damit einverstanden. Arm in Arm schlenderten sie der Bank zu und hatten sich kaum niedergelassen, als Theo etwas stockend begann: »Ich habe dir furchtbar viel zu erzählen – große Neuigkeiten. Da ist's ganz gut, daß du einen festen Sitz hast, sonst fällst du am Ende auf den Rücken.«

»Na, so schlimm ist's nun doch nicht«, erwiderte er lachend. »Mühling hat mir deine großen Neuigkeiten natürlich schon verzapft–-«

»Wie?«

»Das kannst du dir denken! Der hätte es bis heute damit nicht ausgehalten. Also erstens, daß sich das immer zur unrechten Zeit quietschende Sabinchen Reudnitz mit dem dicken Willig verlobt hat. Meinen Segen hat er dazu! – Gott sei Dank, daß der Geschmack so verschieden ist. Verflixt eilig hat er's aber gehabt –«

»Nicht eiliger als wir, Leo!«

»Das ist wahr, aber ich möchte doch bitten, uns zwei Brautpaare nicht in einen Topf zu werfen; denn wenn ich ja auch ohne falsche Bescheidenheit glauben darf, daß ich's an äußerer Schönheit mit Willig noch aufnehmen kann, so bilde ich mir doch ein, das größere, schönere Los gezogen zu haben –«

»Vergoldung vergeht – Schweinsleder besteht, heißt's im Andersenschen Märchen. Weiter denn mit deinen Neuigkeiten!«

»Also, nachdem wir die Verlobung ausgiebig besprochen hatten – Bergfried war nämlich schon schlafen gegangen – da wurde Mühling plötzlich melancholisch und erzählte mir mit zwei dicken Tränen in den Augen, daß du ihm einen Korb gegeben hast. Obschon ich seinen Schmerz verstehen konnte, so hatte ich doch Mühe, ein paar unpassende Worte des Beileids zu stammeln, worauf ich ihm rundweg reinen Wein darüber einschenkte, wie ich zu dir stehe. Mein braver Karlmann wollte eigentlich erst grob werden, besann sich aber, daß es doch dein gutes Recht ist, zu heiraten, wen du magst, trank darauf einen festen Zug Wein und gratulierte mir schließlich in tiefster Rührung, indem er mich einen alten Esel nannte, weil ich auf so mangelhafte Aussichten hin heiraten wolle; er prophezeite mir alles Unheil für die Zukunft, wenn ich erst einmal ein Dutzend rotköpfige Kinder zu ernähren haben würde, und stellte mir dafür sein ganzes Hab' und Gut zur Verfügung. Für meine schönen Augen hätte er das nicht getan – das geschah für dich, mein Lieb, und beweist, wie tief es bei ihm sitzt. Na, und dann, beim Auseinandergehen, zwischen Tür und Angel, erzählte er mir noch, daß die Gan-Erbin abgereist und dafür deine Herzensfreundin, Theodora Zimburg, im Amönenhof eingetroffen ist.«

»Wie?« rief Theo wie elektrisiert. »Woher will er denn das wissen?«

»Er ist gestern nach Amönenhof geritten«, berichtete Zimburg völlig harmlos. »Dort hörte er, daß der Herzog und die Herzogin von Weißenfels eben eingetroffen seien, nach welcher Mitteilung er sich natürlich wieder davonmachte; denn soviel ahnte der brave Kerl doch, daß man da nicht ohne weiteres hineinmarschiert. Vorher fragte er jedoch, neugierig, wie er nun einmal ist, wer noch anwesend sei, worauf der Diener ihm, wie er sagt, mit unverschämtem Grinsen erzählte, Fräulein von Ganting sei heute abgereist und ihre Zofe schon vorher ›geflogen‹; es sei nur die Herrschaft da, also der Herr Kommerzienrat, Fräulein Sabine und Komtesse Zimburg. Da Mühlings Pferd aber vor dem herzoglichen Auto sehr unruhig war, so konnte er den Diener nicht weiter ausquetschen und mußte davonreiten, ohne zu hören, wann die Gräfin angekommen sei und so weiter. Ich für meinen Teil gestehe, daß ich auch gern wissen möchte, wie die Reudnitzens zu meiner Namensbase kommen, deren Ankunft doch für dich jedenfalls eine große Freude war.«

Theo fühlte, daß jetzt der große Augenblick für sie gekommen war; furchtlos, wie sie sonst war, zögerte sie doch einen Augenblick mit ihrer Antwort. »Sie ist schon so lange im Amönenhof, wie – wie ich selbst«, begann sie, wurde aber von Zimburg unterbrochen, der mit lachendem Erstaunen ausrief:

»Aber Theo! Warum und wo hat sie sich denn da versteckt?« »Wo sie sich da versteckt hat? Nun, unter ihrem – zweiten Namen! Oder unter ihrem ersten, wie man's nehmen will! Mach' kein so geistreiches Gesicht, Leo, als ob du's nicht erraten könntest«, sagte sie mit etwas erzwungener Lustigkeit. »Na, wie heißt du denn mit deinem vollen Namen? Wahrhaftig, ich muß es ihm sagen, diesem – diesem Reichsgrafen Zöllner von Zimburg!«

Einen Augenblick saß er da und sah auf sie herab, die mit merkwürdig umflorten Augen und blassen Wangen neben ihm saß; dann brach das Licht über ihn herein, und mit einem unartikulierten Laut sprang er auf.

»Macht das einen Unterschied zwischen uns beiden, Leo?« fragte sie leise.

Er antwortete nicht gleich, denn er gehörte nicht zu den allzu raschen, kaum zu den raschen Denkern; er brauchte wohl eine Minute, einen solch winzigen, aber doch manchmal entsetzlich lang scheinenden Zeitabschnitt, bis er diese Enthüllung richtig erfaßt und in sich aufgenommen hatte. Dann fuhr er sich mit der Hand über die Stirn und sagte langsam:

»Nein, Liebste, einen Unterschied zwischen uns beiden macht das nicht. Was ist dein Name? Für mich bleibst du, was du warst, selbst wenn du eigentlich die Kaiserin von China wärest. Aber zwischen uns beiden tritt dein – dein –«

»Sprich doch das scheußliche Wort nicht aus, Leo!« unterbrach sie ihn lachend, während ihr die Tränen über die Wangen rieselten. »Es tritt nicht zwischen uns, dieses dumme Geld; denn dann würde ich's von mir werfen. Ich weiß nur noch nicht, ob ich eine ldiotenanstalt, ein Katzenheim oder ein Damenstift damit gründen soll. Rate mir, was es werden soll, dann ist's mit einem Federzug geschehen, und wir zwei wandern nach Australien aus, und wenn wir das Dutzend rotköpfiger Kinder haben, dann pumpen wir gerührt den guten Mühling an, und –«

Sie konnte vor Schluchzen nicht mehr weiter, und da saß Zimburg auch schon wieder neben ihr und küßte ihr die Tränen aus den Augen.

»Theo, liebe, süße Theo – hast du mich denn so lieb?« murmelte er, kaum weniger bewegt als sie. »Laß es gut sein, Geliebteste, wir werden uns über die richtige Verwendung deines dummen Mammons schon einigen; es geht mir halt so sehr gegen den Strich und die böse Welt wird sagen –«

»Seit wann kümmerst du dich denn darum?« unterbrach ihn Theo vorwurfsvoll. »Die Welt würde sich ihr liebes Maul noch mehr zerrissen haben, wenn du die blutarme Gesellschafterin ohne Namen geheiratet hättest. Die Welt! Lieber Gott, wenn man sich um das Gerede der Welt kümmern wollte, dann hätte man viel zu tun. Tue recht und pumpe niemand, pflegte meine Pate zu sagen. Und überhaupt brauchst du dir über mein Geld gar keine Skrupeln zu machen, denn es ist mir erstens ja auch als eine gebratene Taube in den Mund geflogen, und dann – wer weiß, ob du nicht reicher bist als ich!«

»Vielleicht an Liebe, Schatz; aber auch das scheint mir denn doch recht zweifelhaft«, warf er leise ein.

»Mir nicht – aber davon ist jetzt nicht die Rede«, behauptete sie. »Ich meinte es buchstäblich; denn, Leo – erschrick nicht – ich glaube, ich habe deinen Familienschatz gefunden. Ach, mach' kein solches Gesicht, als ob du auf den Schatz pfeifen wolltest! Ich pfeife ja auch darauf; aber er ist doch gleichbedeutend mit dem Amönenhof, den du ohne ihn nicht mehr wiederbekommst!«

Er seufzte etwas ungeduldig.

»Du glaubst also, den Schatz gefunden zu haben, Theo? Nun, das ist sehr lieb von dir; aber mir wird's schwer, deinen Glauben zu teilen. Indes, wenn's dich glücklich macht, laß es dabei. Sage mir lieber, warum du mir, nachdem wir einig waren, deinen wahren Namen nicht gesagt hast. Ich kann dir diesen leisen Vorwurf nicht ersparen, und je eher ich ihn zur Sprache bringe, desto besser, damit es ganz klar zwischen uns ist.«

»Warum ich das tat?« erwiderte sie strahlend. »Ach, Leo, weil es mich so selig machte, mich um meiner selbst willen geliebt zu wissen, und ich diese hohe reine Freude voll genießen wollte. Und weil ich fürchtete, daß mein Geld zwischen dich und mich treten könnte, weil du die Theodora Zimburg geflohen, als ob sie die Pest hätte –«

»Na, na, so toll war's nun doch nicht; aber deine Erklärung macht mich sehr, sehr glücklich!« lachte er selig. »Wußte denn der alte Reudnitz, wer du warst?«

»Keine Spur! Natürlich hat Herr von Bergfried mich gekannt; aber ich nahm ihm das Versprechen des Stillschweigens ab, und die Weißenfelser Herrschaften – die Herzogin ist meine Duzfreundin – waren eingeweiht und haben ihrerseits den guten Willig ins Vertrauen gezogen. Was nun den Kommerzienrat betrifft, so laß dir die Sache erklären!«

Und sie berichtete getreu die Vorgänge im Amönenhof, oft unterbrochen von seinen Heiterkeits- oder Entrüstungsausbrüchen über die Gan-Erbin. Über die Geschichte Ihres Verschwindens in der Kiste lachte er einfach Tränen.

»Übrigens ist der alte Reudnitz doch ein ganz durchtriebener Kunde«, meinte er schließlich.

»Aber doch ein ganz prächtiger alter Herr, für den ich sehr viel übrig habe«, sagte sie standhaft. »Wenn er uns noch den Amönenhof freiwillig verkaufen wollte, wäre er einfach ein Engel; aber zu dieser Höhe wird er sich nicht aufschwingen. Wir werden uns daher schon auf die Verkaufsklausel steifen müssen, falls mein Glaube an den Schatz mich nicht betrogen hat. Weißt du was? Wir könnten die Sache gleich ins reine bringen. Die Frühstückszeit ist ohnedem so gut wie fällig. Komm' also mit mir, bitte dir dein wohlverdientes Morgenmahl aus, und dann werde ich den Stein ins Rollen bringen.«

»Wenn du durchaus meinst, daß wir uns heute beizeiten schon unsterblich blamieren müssen –«

»Das nehme ich auf mich!« rief sie mit blitzenden Augen, indem sie aufsprang und ihn mit sich fortzog. »Komm' nur – sträube dich also nicht erst; denn Theodora Zöllner von Zimburg weiß, was sie tut!«

Das klang ja nun zwar recht zuversichtlich; doch wenn er ihr auch gern aufs Wort glaubte, so konnte er sich doch eines gewissen Unbehagens nicht erwehren, weil jeder Mensch eine ganz berechtigte Scheu davor hat, sich lächerlich zu machen und die Rolle eines gegen Windmühlenflügel kämpfenden Don Quixote zu spielen. Nicht sein bester Freund hätte Leo Zimburg dazu zu bringen vermocht, Schritte zugunsten der Klausel zu unternehmen, die er nur aus Pietät für den letzten Wunsch seines Vaters in den Kaufvertrag des Amönenhofes aufgenommen hatte. Was aber keinem Menschen auf der ganzen Erde gelingt – eine Braut bringt es doch fertig, namentlich, wenn sie in solch strahlender Schönheit und Anmut, mit solch flehenden Augen und solch goldigem Haare vor einem hertanzt und bei jedem Schritt mit solch süßem Munde: »Bitte, bitte!« sagt! Und so lotste Theo Ihren Leo glücklich bis zum Amönenhof, in dessen Portal der Kommerzienrat stand und seine Morgenpfeife rauchte.

»Ich bringe einen Gast mit – darf ich?« rief sie dem alten Herrn entgegen. »Ich traf ihn am Grenzzaun, zu dem er den Schlüssel hat, und weil er behauptet, einen Wolfshunger zu haben, redete ich ihm zu, auf Ihre Gastfreundschaft zu bauen «

»Das war ein guter Gedanke und Ihrer würdig, Gräfin«, erwiderte Reudnitz erfreut. »Der Frühstückstisch ist ein sehr gemütliches Möbel; je mehr daran Platz nehmen, desto besser. Guten Morgen, Herr Graf, und zugleich meinen Glückwunsch! Sie haben sich eine reizende Braut errungen; und eine sehr energische und – unternehmungslustige dazu.«

»Ach, nach dieser Richtung sollen Sie mich erst noch kennenlernen«, lachte Theo etwas verlegen und lief rasch in ihr Zimmer hinauf, um zu holen, was sie für ihren Zweck brauchte. Da auch Sabine eben ihr Zimmer verließ, um sich hinabzubegeben, so dauerte es nicht lange, bis die kleine Gesellschaft am Frühstückstisch saß, dessen Behaglichkeit für Zimburg dadurch etwas beeinträchtigt wurde, daß er nicht wußte, was Theo wirklich vorhatte, und es ihm »einfach scheußlich« war, seinen freundlichen Wirt mit den »ollen Kamellen« anzuekeln, nachdem er ihm den Amönenhof ohne alles Feilschen abgekauft hatte. Als der allgemeine Appetit befriedigt schien, räusperte sich Theo und bat ums Wort.

»Wenn Sie mich nach dem, was ich zu sagen habe, ohne Vorrede nach dem Bahnhof Weißenfels abschieben wollen, Herr Kommerzienrat, so halte ich das für vollkommen gerechtfertigt«, begann sie frischweg. »Indeß möchte ich Sie zur Einleitung an ein Sprichwort erinnern, das Sie neulich selbst anführten: Die Haut ist einem näher als das Hemd. Ohne weitere Umschweife denn: Ich habe den Platz gefunden, wo der berühmte Schatz des Amönenhofes liegen soll.«

»Den Teufel haben Sie!« fuhr Reudnitz erschrocken auf, während Zimburg, blaß werdend, Theo erstaunt ansah; denn das klang ganz anders sicher, als ihr vages »ich glaube« in der Ulmenallee.

»Ob ich damit den Teufel habe, wird sich ja herausstellen«, erwiderte Theo mit ruhigem Lächeln. »Das wollen wir hier prüfen! Gestern abend, als Sie mit dem Revolver in der Hand in den Saal nachkamen, war ich nahe daran, auf eigene Faust nachzuforschen. Zum Glück quietschte die Tür und hat mich vor einer Unüberlegtheit und einer großen Indiskretion bewahrt; denn Ihnen, lieber Herr Reudnitz, steht es als Herrn des Amönenhofes ja allein zu, auf Ihrem Grund und Boden Untersuchungen anzustellen. Soviel zu meiner Erklärung für meine nächtliche Anwesenheit im Ballsaal. Zu meiner Ehrenrettung muß ich aber noch hinzufügen, daß es mir nie eingefallen ist, in Ihrem Hause herumzuspionieren und den Schatzgräber zu spielen. Die Kenntnis, daß er tatsächlich vorhanden sein könnte, gelangte unversehens in meinen Besitz, indem ich dem Familiengeheimnis der Zimburgs vom Amönenhof aus Leidenschaft für das Geheimnisvolle auf den Grund zu kommen suchte.«

Und nun erzählte Theo, wie sie die Piquetkarten in der verborgenen Tasche der Bettnische gefunden, wie die Erwähnung des Gedichtes von dem Urgroßvater durch Leo Zimburg sie auf den Gedanken gebracht hatte, daß es mit den Karten im Zusammenhange stehen könnte, las danach den Brief des Professors Findelkind vor und daran anschließend dann das Gedicht selbst. Nun legte sie nach den Angaben in dem Gedicht die Karten aus, erzählte dann ihr Traumerlebnis und wies an der Hand der unterstrichenen Worte die richtige Reihenfolge nach, worauf sie es den Herren überließ, selbst die Buchstabenkolonnen in der Weise abzulesen, wie sie es gestern getan hatte.

»Nun«, sagte der Kommerzienrat, nachdem er den erhaltenen Text aufgeschrieben und noch einmal verglichen hatte, »an Hand dieses Ergebnisses ist wohl kein Zweifel mehr über die Richtigkeit der Angabe des Platzes, an dem der Schatz jedenfalls einmal gelegen hat, und darum stehe ich nicht an, meine Einwilligung zur Prüfung der Sache zu geben. Das ist einfach meine Pflicht. Meine persönlichen Gefühle dabei sind Privatangelegenheit. Ist es Ihnen recht, dann gehen wir gleich ans Werk; denn es hat ebensowenig Zweck, die sichtliche und sehr begreifliche Erregung Graf Zimburgs zu verlängern, wie meine eigene Unsicherheit hinauszuschieben. Das wäre eine unnütze Quälerei für beide Teile; auch scheint es mir fraglich, ob ich das Recht hätte, die Nachforschung durch mein Veto als derzeitiger Besitzer dieses Hauses zu verhindern. Vielleicht könnte ein geschickter Anwalt mir auf dem Prozeßwege dieses Recht verschaffen; denn die bewußte Klausel enthält keine Silbe davon, daß ich dazu gehalten bin, den Schatz suchen zu lassen. Begünstigung und Verweigerung ließ die Klausel vollständig offen. Wenn ich nun trotzdem sage: ›Also, suchen wir‹, so bitte ich das als freiwillige Entschließung aufzufassen, zu welcher mich rein menschliche Beweggründe veranlassen; wenn ich dabei die stille Hoffnung hege, daß der Schatz doch nicht mehr vorhanden sein könnte, so dürfen Sie mir das nicht übelnehmen. Trotzdem aber halte ich mich für einen anständigen Menschen, dem es nicht möglich wäre, ruhig über diesem möglichen Schatz zu schlafen, und außerdem liegt mir gar nichts an einem Prozeß – und Ihnen wahrscheinlich auch nicht. Also, vorwärts denn! Der bekannte Mann, der seinem Hund den Schwanz stückweise abhackte, damit's ihm nicht weh tun sollte, war nie mein Vorbild.«

Zimburg war viel zu erregt, um ein Wort herausbringen zu können: stumm reichte er dem Kommerzienrat die Hand, und dieser schlug kräftig ein.

»So verständigt man sich unter Männern«, nickte er und ging dann den anderen in den Saal voran, wo der Kredenztisch mühelos zur Seite gerückt und der erblindete Knopf sofort gefunden wurde.

»So, nun treten Sie mal fest mit dem Absatz drauf«, sagte Reudnitz, indem er Zimburg vorschob. »Dieser Teil der Arbeit gebührt Ihnen. Von mir können Sie das nicht gut verlangen.«

Es war wie ein Schwindel, der Leo Zimburg ergriff, als er der Aufforderung nachkam. Ihm war, als sollte er mit einem Wurf um das Haus seiner Väter spielen, und einen Augenblick zögerte er, den verhängnisvollen Schlag mit dem Absatz zu tun. Da trat Theo, die wohl fühlte, was in seiner Seele vorging, leise an seine Seite und ergriff seine Hand; diese Berührung nahm ihn das schwankende Gefühl. Fest die liebe Hand mit der seinen umfassend, setzte er den Fuß auf den Knopf und ließ die volle Wucht seines Gewichtes darauf fallen.

Aber der Knopf wich dem Druck nicht und das bezeichnete Viereck des Parketts rührte sich nicht vom Fleck.

»Der Mechanismus ist wahrscheinlich verrostet und der Knopf ringsum mit Bohnerwachs verklebt«, ließ Sabine sich schüchtern in der Stille vernehmen, die diesem Augenblick schwerer Enttäuschung folgte.

In jedem Menschen liegt etwas vom Jäger, er mag wollen oder nicht. Es braucht ja nicht immer gerade ein lebendiges Wild zu sein, das er verfolgen muß. Dieser Instinkt erwachte merkwürdigerweise nicht zuerst in den unmittelbar Beteiligten an der Jagd nach dem Schatze, sondern in ihm, dem daran gelegen sein mußte, daß er nicht gefunden wurde, in dem Kommerzienrat.

»Natürlich, das hätten wir uns eigentlich vorher denken können«, rief er aus, holte ein Taschenmesser hervor, klappte den daran befindlichen Champagnerbrecher auf, und im vollsten Eifer niederknieend, schabte er mit der stark gebogenen Klinge eine nicht unbeträchtliche Menge neuen und alten Wachses aus der Rille, die um den Knopf lief. »So, nun noch einmal!« kommandierte er und stand auf. Wieder schmetterte der Absatz Zimburgs herab, wie ein Hammer auf den Amboß, und wieder erfolgte – nichts.

Damit hätte Reudnitz das volle Recht gehabt, die Sache auf sich beruhen zu lassen; aber einmal hatte er Mitleid mit den weißen, enttäuschten Gesichtern Zimburgs und seiner Braut; die stand mit festverschlossenem Mund und niedergeschlagenen Augen da, um den feuchten Flor nicht sehen zu lassen, der sie verschleierte. Dann aber erwachte neben dem Jägerinstinkt in dem alten Herrn der zähe Trotz gegen die Schwierigkeit und die unbeugsame Tatkraft, durch die er sich vom Schlosserlehrling zum Millionär und gebildeten Mann emporgearbeitet hatte.

»Daß dich der Deixel hol – dir werden wir schon noch beikommen, du Satansknopf!« rief er mit voll erwachter Energie. »Daß ich alter Mechaniker mir's auch nicht gleich gesagt habe, daß da noch ein anderer Haken dabei sein muß, so dumm können die Leute doch nicht gewesen sein, einen Mechanismus herzustellen, der sich jedem sofort kenntlich macht, der zufällig, oder aus Übermut auf den Knopf trampelt und damit sofort hinter sein Geheimnis kommt! Also, lieber Herr Graf, ihr Urgroßvater hat entweder selbst nur vom Hörensagen gewußt, daß dieses Geheimfach existiert und wie ihm beizukommen ist, oder er hat in der Aufregung vergessen, anzugeben, was zu geschehen hat, ehe der Knopf in Funktion tritt. Nun lassen Sie mich mal nachdenken, wie der Mechanismus gearbeitet sein könnte. Das schlägt in mein Fach. Hm tja! Wenn der Knopf herabgedrückt wird, muß wohl ein Hebel in Bewegung gesetzt werden, der einen Riegel oder eine Haspe zurückzieht und damit zugleich bewirkt, daß eine Feder das Viereck des Parketts aufspringen macht. Soweit wäre die Sache ganz klar und kinderleicht. Nun muß aber noch eine Vorrichtung zur Sicherung des Knopfes da sein, damit dieser nicht, wie schon gesagt, jeder zufälligen Berührung nachgibt, und weit kann diese Sicherung bestimmt nicht sein. Lassen Sie uns mal sehen!«

Damit ließ Reudnitz sich wieder auf die Knie nieder und tastete auf dem handbreiten Holzbelag herum, der sich als Einrahmung des Parketts in langen, gleichmäßigen Teilen an der Wand entlang zog; da aber diese Gleichmäßigkeit keinerlei Handhabe bot, so wandte sich der alte Herr der getäfelten Wand selbst zu, deren Verschalung unten durch eine gewöhnliche, gekehlte Leiste abgeschlossen wurde. Hier fesselte eine Stelle seine Aufmerksamkeit, wo genau in der Senkrechten des tief eingelassenen, halbkugelförmigen Knopfes, der nur um ein geringes die Fläche des Bodens überragte, die Leiste zusammengestückt war und zwar derart, daß zwischen den beiden längeren Enden ein handbreites Stück eingeschoben war, in welchem jeder harmlose Blick, wenn ihm die Sache überhaupt aufgefallen wäre, nichts als eine Ergänzung für die zu kurz gemessene Leiste gesehen hätte.

Ohne ein Wort zu sagen, holte Reudnitz noch einmal sein Taschenmesser heraus und kratzte mit der feinen Klinge des Radiermessers sorgfältig den angesammelten Staub aus den Ritzen heraus, die zwischen den Schnittflächen der zusammengestückelten Leiste erkennbar waren; dann klappte er sein Messer zusammen, steckte es als ordnungsliebender Mann wieder ein und drückte mit der Hand fest gegen das Einsatzstück, als ob er es an die Wand pressen wollte. Da dies augenscheinlich aber nicht ging, so drückte er von oben gegen die immerhin ein gutes Ende vorspringende Leiste. Ein scharf schnappender Ton ließ sich hören und –

»Der Knopf ist herausgesprungen, Vater!« rief Sabine laut.

»Aha! So ist die Geschichte!« machte Reudnitz und schaute sich nach der angegebenen Richtung um, wo der Knopf nun als eine unten abgeplattete Kugel auf dem Parkett lag. »Seht ihr's? Das Stück Leiste ist einfach unter dem Niveau des Parketts verschwunden und hat den Knopf herausgeschnellt. Nun treten Sie mal fest darauf, Herr Graf, und Hans will ich heißen, wenn das Viereck jetzt nicht aufspringt.«

In Anbetracht der langen Zeit, in welcher der Mechanismus unbenutzt gelegen hatte, bedurften die Fugen um das bewußte Viereck mehr als einer erneuten Reinigung durch das Federmesser des Kommerzienrats und mehr als einer Kraftanstrengung, ehe damit etwas zu erreichen war. Man hörte bei den Versuchen unter dem Fußboden deutlich ein Scharren und Knacken wie von eingerostetem Eisen, und endlich, endlich klappte das große, mit einem Stern aus dunklem Holz eingelegte Quadrat des Parketts langsam, wie widerwillig empor, und enthüllte eine tiefe, unter dem Boden noch weit ausladende Vertiefung. Und in diesem Verließ lagen eine Anzahl größerer und kleinerer lederner Säcke, standen hölzerne Kisten und eine mit Purpursamt bekleidete Truhe, deren vergoldete Beschläge und Griffe mitten aus der dunklen Höhle hervorleuchteten!

»Der Schatz! Wahrhaftig der Schatz!« flüsterte Theo mit verhaltenem Atem.

»Sieht beinahe danach aus!« brummte Reudnitz. »Ohne mich hättet ihr lieben Leutchen suchen und probieren können, bis ihr schwarz geworden wäret – jawohl! Und ich alter Esel rutsche mir die Knie durch. um euch dazu zu verhelfen, mich aus dem Hause zu jagen!«

»Vaterchen, das hast du doch gern getan«, zirpte Sabine dazwischen.

»Liebend gern«, murrte der alte Herr. »Was weißt du kleines Schäfchen davon, ob ich's gern getan habe? Na ja, die zwei betrübten Lohgerber dort mit ihren käseweißen Gesichtern vor dem ollen Knopp stehen zu sehen, der sich nicht rückte und rührte, war ja gerade keine Augenweide für einen Menschen, der noch so was wie'n Herz im Leibe hat, und – i, du himmlischer Vater, Gräfin Theo, Mädel, was machen Sie denn da?«

Was Theo machte, war allen, die's sahen, sonnenklar: Sie hatte ihre Arme um den Hals des alten Herrn geschlungen und küßte ihn – wie Zimburg später behauptete – nach Noten ab.

»Vater Reudnitz, Sie sind eine Perle!« rief sie zwischen Lachen und Weinen.

»Perle?« fragte der also Überfallene unsicher. »Na ja, es gibt ja verschiedene Sorten von Perlen. Auch schwarze. Ist ja schon gut, liebes Herzel, ist schon gut! Das verdien' ich ja gar nicht! Mich hat ja eigentlich nur der Mechanismus gereizt. Und übrigens würde ich an eurer Stelle doch erst mal nachsehen, ob in den Säcken und Kisten auch was drin ist; denn wenn das alles bloß Blendwerk der Hölle ist, dann gibt's keinen Amönenhof, so wahr ich Jakob Reudnitz heiße. Verstanden?«

»Hier ist die Antwort!«, rief Zimburg, der nun seinerseits vor dem Loch im Boden niederkniete, hinunterlangte, einen der Ledersäcke ergriff und daraus einen fast lebensgroßen Schwan von Silber, der als Blumen- oder Fruchtschale dienen mochte, hervorzog. Das Silber war zwar des Putzens dringend bedürftig, ließ aber über seine Echtheit keinen Zweifel, und die Arbeit war geradezu bewundernswert. Daß der Untersatz, auf dem dieser wertvolle Vogel mit tief herabgebogenem Halse, goldenem Schnabel und Augen, die verdächtig nach Rubinen aussahen, gewissermaßen zu schwimmen schien, schwer vergoldet und im reichsten Barockstil gearbeitet war, erhöhte natürlich die Pracht dieses Schaustückes beträchtlich.

»Sehr schön!« lobte Reudnitz mit unverhohlener Bewunderung. »Meisterarbeit, und der pure Silberwert auch nicht zu verachten! Aber eine Schwalbe macht keinen Sommer, und mit einem solchen Schwan wird der Amönenhof noch nicht aufgewogen.«

»Auch mit vieren nicht«, murrte er einige Minuten später, als Zimburg wirklich vier dieser prächtigen Schaustücke herausgeholt und nebeneinander auf dem Parkett aufgebaut hatte.

Und dann folgte ein in buntschillernden Farben emaillierter Pfau in halber Lebensgröße, dessen aufgeschlagenes Rad seine »Augen« in Edelsteinen inkrustiert mit dem ganzen Protzentum seiner Pfauennatur zeigte, und dieser prächtige Tafelaufsatz stand wiederum auf einem schwervergoldeten Sockel, der das Zimburgsche Wappen trug.

»Smaragden, Rubine, Saphire, Opale, lrisquarz«, nickte Reudnitz, mit spitzen Fingern die schillernden Pfauenaugen berührend. »Was die alten Herrschaften doch Anno Tobak für einen Luxus mit ihren Tafeln trieben! Noch mehr von dieser Sorte vorhanden?«

Zimburg langte wieder hinunter und brachte große und kleine Tabletts, Schüsseln, Kannen, Zucker- und Fruchtschalen hervor; in den Holzkisten, sorgsam in Leder gebettet, ein vollständiges, vergoldetes »Service« für den Nachtisch, dessen Tellerränder prächtige getriebene Arbeit und alle das Zimburgsche Wappen zeigten, ferner Bestecke in großer Zahl, Schauteller und Humpen.

Zuletzt hob Zimburg die mit Purpursamt bezogene kleine Truhe nicht ohne Mühe heraus. Sie war nicht verschlossen, und als der Deckel zurückschlug, sank der aufgeregt um den Silberschatz herumlaufende Kommerzienrat auf den nächsten Stuhl und rief mehr andächtig als vernichtet aus:

»Nun aber Valet, Amönenhof!« Denn aus der Truhe funkelte, blitzte und gleißte es von Juwelen, die droben auf dem Bilde der Gräfin Amöne zu sehen waren. Vielleicht barg die Truhe nicht alle Steine, mit denen sie sich geschmückt hatte, auch hatten einige der Perlen sich in ihrem Versteck im Laufe der Zeit so verändert, daß man sie als verdorben bezeichnen mußte, – jedoch war das, was hier zugrunde gegangen war, nur ein verschwindender Prozentsatz des großen Wertes; denn eine große Menge anderer sorgfältig eingewickelter Perlen, darunter die Schnur kirschgroßer Perlen, die auf dem Bilde eng den Hals der Gräfin Amöne umschloß, hatten sich in den weichen, mit Samt ausgeschlagenen Etuis tadellos erhalten.

»Diese Schnur würde den Amönenhof allein reichlich aufwiegen«, nickte Reudnitz resigniert. »Von den Edelsteinen, namentlich den großen, fast fleckenlosen Smaragden ganz zu schweigen. Falls diese ganze Bescherung hier verkauft werden soll, dann bitte ich mir das Vorkaufsrecht auf diese Perlen als Brautgabe für meine Sabine aus.«

Theo wechselte mit Zimburg einen raschen Blick.

»Ich stimme dafür, daß der Schatz ungeschmälert in der Familie bleibt«, sagte sie laut und freudig. »Die Klausel sagt ja kein Wort davon, daß der Amönenhof von dem Erlös des möglicherweise zu findenden Schatzes zurückgekauft werden muß. Nun, der Schatz ist gefunden, und Leo wird das Haus seiner Väter mit dem Gelde meiner Pate wiedererwerben. Habe ich für diesen Vorschlag deine Zustimmung, Leo?«

»Ja, von ganzem Herzen stimme ich ihm zu«. erwiderte Zimburg bewegt. Dann lachte er wie befreit ein frohes, glückliches Lachen und umarmte der Zeugen ungeachtet, seine Braut. »Damit wäre nun der Lindwurm von einem Familienprozeß glücklich tot und begraben«, rief er wie erleichtert. »Der letzte Zimburg der jüngeren Linie führt die letzte Zimburgerin der älteren heim und gibt ihr die Juwelen der Gräfin Amöne hierdurch feierlich zurück. Ob ich damit unrechtes Gut wiedererstatte oder mit rechtmäßigem die schönste Braut schmücke – darüber brauchen sich Gerichte und Anwälte nicht mehr zu streiten, wenn wir zwei nur darüber einig sind. Den größten und kostbarsten Schatz habe ich einzig und allein aber gehoben, als ich dich fand und du mir deine Hand mit deinem Herzen gabst. – wogegen der ganze Krempel hier nur Hexengold ist.«

»Bravo!« rief Reudnitz mit ehrlicher Zustimmung. »Und«, setzte er mit einem Seufzer hinzu, »und was kriege ich als Finderlohn für den echten Schatz und diesen durchaus nicht zu verachtenden – Krempel?«

»Unbeschränkte, aus wahren Freundesherzen freudigst gebotene Gastfreundschaft im Amönenhof!« erwiderte Theo herzlich, und umarmte den alten Herrn, der sich's schmunzelnd gefallen ließ, zum zweiten Male an diesem schönen, ereignisreichen Sommermorgen, dessen strahlender Sonnenschein in dem erblindeten Silber und den funkelnden Edelsteinen des Zimburger Familienschatzes sich lange nicht so herrlich spiegelte als in den vier Augen von zwei überglücklichen Menschenkindern.

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