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Frederike Henriette Marie Kraze: Amey - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
booktitleAmey
authorFriede H. Kraze
firstpub1922
year1922
publisherC. F. Amelangs Verlag
addressLeipzig
titleAmey
pages1-368
created20070205
sendergerd.bouillon
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Amey

*

Ein Roman aus der Zeitseele

von

Friede H. Kraze

 

C. F. Amelangs Verlag, Leipzig

 

*

Versinkende Zeiten.

Als Amey an jenem Märzmorgen auf die Terrasse heraustrat, wurde sie von einer Empfindung durchzuckt, die sie sich in keiner Weise erklären konnte.

Sie sah sich erstaunt um, als erwarte sie jemand zu sehen, der ihr ein Wort zugerufen hatte. Dann hob sie langsam und in einer abwesenden Art ihre Hände in Augenhöhe.

Es waren die schmalen, nervösen und eigentümlich weißen Hände der Hellbergs, die den van Dyckschen Stuarthänden so wunderbar glichen. An der Innenseite der linken Handfläche war vom Geäder ein zartliniges W geschrieben. Alle Glieder der Familie Hellberg hatten dieses W, einige stärker, andre feiner. Jetzt waren Amey und Onkel Rhaban die beiden einzigen, die noch dieses Zeichen trugen.

Plötzlich lachte Amey, wie sie ihre Hände prüfend betrachtete. – Etwas wäre daran verändert? – –

Aber als ihr Lachen dorthin lief, wo Krokus und Schneeglöckchen ihre kleinen Köpfe ungebärdig gegen die Erdscholle stießen, kam wieder dieses staunende Aufhorchen über sie.

Rief etwas vom Walde her aus den Buchen, die noch braun und verhüllt standen? Oder waren es die Birken in ihrer weißen und seidigen Haut? –

Amey fuhr zusammen. Eine Tür ging. Ariane trat aus dem Gartensaal. Sie trug noch ihr türkisches Umschlagetuch und die frisch getollte Haube. Sie kam aus der Stadt von der Frühmesse. Auf ihrem faltigen Gesicht war das Hosianna und die staunende Unschuld der Wiedergeborenen.

Aber die alte Amme Ameys, die in ihren Kleidern die halbe Kirche eine Stunde weit getragen hatte, konnte sich keinen kleinsten Augenblick abmüßigen, um den Frühling zu genießen. Sie war wie jeden Morgen in Sorge um das geröstete Brot, den Tee, das Ei und den Honig für ihre Herrin, wiewohl ihre Besorgnis sich jedesmal als grundlos erwies. Darum konnte Amey in ihrem ganzen Leben kein Honigbrot zum Frühstück essen, ohne sogleich den Weihrauchduft zu spüren und die ganze eifersüchtige Ammenzärtlichkeit, in die man sich mit geschlossenen Augen hineinmuschelte wie in ein Daunenbett.

Ariane schalt halblaut und mit ausdrucksvollen Handbewegungen Giacomo. Erstens konnte sie den kleinen Diener, den Onkel Rhaban aus Italien mitgebracht hatte, nicht leiden, und zweitens schalt sie überhaupt gern eine Kleinigkeit.

Amey trat hinter den verschnittenen Taxusbusch. Sie lächelte leise. Hätte Ariane sie gesehn, sie würde auch ihr Teil abbekommen haben! So im März! Und ohne Jacke! Und in kleinen Schuhen und so! . . .

Nein. Ariane hatte sicherlich kein unerklärliches Rufen gehört vom Walde her, in welchen der Park überging, und der ganz sanft den Wunschberg hinaufstieg.

Ameys Augen wurden plötzlich groß und fragten: War dieser Frühling anders als andre? –Sie zog die Schultern zusammen, als ob ein kühler Luftzug ihren Nacken gestreift hätte. Warum sah sie doch mit einemmal die neunundzwanzig Lichter, die um ihren Geburtstagskuchen gebrannt hatten? –

»Ich will auf den Wunschberg gehn!« sagte Amey. »Heut noch will ich hinauf!« –

Ariane schlug die Hände über dem Kopf zusammen. »Ganz allein? Amey?« – Vor den Leuten hieß es natürlich das gnädige Fräulein. –

Amey lachte. Sie kannte alle Lamentationen, die nun folgen würden.

Ja, eben darum, weil Onkel Rhaban morgen wieder nach Hause kam!

Die arme Ariane schlug aus der Ferne drei Kreuze über ihre Herrin, wie diese von Blanchefloor, dem silbergrauen Windspiel begleitet, im Walde untertauchte. Heut war kein guter Tag. War nicht das Brot mit großen Rissen aus dem Backofen gekommen? Und Blanchefloor – sie lag am Morgen in der Halle, den Kopf auf die große Außentür gerichtet und heulte, daß es einem durch Mark und Bein ging.

Was solche Zeichen bedeuteten – nun, das wagte wohl niemand laut zusagen. –

Amey ging mit weit ausholenden Schritten, Hände im Rücken verschlungen, Schultern nach hinten gezogen, während zugleich der schmale Oberkörper vorwärts strebte. Sie hatte den Kopf in den Nacken geworfen. Der Wind nahm eine Strähne ihres sehr weichen Haares und legte sie ihr ums Kinn. Dieses Kinn war fest und ungewöhnlich kurz. Als sei die geringe Animalität der unteren Gesichtshälfte bewußt zusammengerafft, um dem besonders stark ausgebauten Hinterkopf als Gegengewicht dienen zu können.

Ameys Haare hatten dieselbe Farbe wie die Waldwege. Ihre Augen waren schwerer zu beschreiben. Aber man konnte sich nicht vorstellen, daß ein Mensch mit solchen Augen irgendwo anders zu Hause sein könne als hier. Es mußte vielleicht nicht nur dieser Wald sein. Aber diese Landschaft. Mit ihrer Wehmut und ihrer Süßigkeit. Mit diesem Verhüllten, in dem eine scheue Frage lag. Ein heimliches Suchen nach dem Aufstieg in unerhörte Schönheiten und Weiten.

»Was ist geschehn?« dachte Amey, wie sie schritt. Es waren überall Stimmen. Man konnte sie noch nicht deutlich verstehen. Aber ein wunderbar Neues war über allem. Wie man Dinge, die zeitlebens dicht um einen herumstanden, erst plötzlich erkennt, wenn man sich ihnen gegenüberstellt.

Amey war vor den purpurroten Gehängen eines Erlenbusches stehen geblieben. Sie waren nicht mehr feste Schnüre, sondern eine weiche Gelöstheit spielte in ihnen. Und dann kam wie ein Hornstoß, unter dem die Bäume aufjubelten, ein Wind. Der griff in die roten Gehänge, und eine goldne Wolke entstieg ihnen.

»Der Regen der Danae«, sagte Amey sanft, wie sie der goldnen Wolke nachblickte.

Aber als hätte ihr Wort ein Fremdes und bisher in ihr Schlafendes angerührt, quoll langsam ein feines Rot ihren Nacken herauf. Ihr Gesicht, dessen Haut immer an chinesisches Porzellan oder Akazienblüten erinnerte, wurde nicht von diesem Rot erreicht. In ihre Augen, die bisher seltsam unbewußt waren, trat ein neuer Ausdruck. – – –

»Sieh, sieh!« Blanchefloor gab Laut. Ameys Blick bekam eine andere Richtung. Etwas in ihr spannte sich an. Sie griff Blanchefloor in das Halsband. »Ich muß es Onkel Rhaban sagen«, dachte sie. Das alte Blut sprang auf in ihren Adern. Es hatte Geschlechter hindurch die Tiere des Waldes getötet, um den Reiz des eignen Daseins tausendfältig verstärkt zu empfinden. Ein gewaltiger Auerhahn schiffte schwer zwischen den kahlen Ästen der Buchen. Etwas Gestilltes war in den Bewegungen der mächtigen Flügel. In der verhängten Frühe hatte er seiner Liebe gesungen.

»Nein,« sagte Amey plötzlich. »Ich will es Onkel Rhaban nicht sagen.« – –

Sie ging weiter. Irgendwo knarrte eine Schnepfe in tiefem Ton. Eine Haselmaus raschelte pfeifend im Fallaub. Der Geruch der Erde kam zu Amey herauf wie etwas Gegenständliches. Es war Verwesung und zugleich Kraft in dem Geruch. Vielmehr alle Kraft ging aus der Verwesung hervor. Tod und Leben griffen seltsam ineinander.

Im nächsten Augenblick schrie Amey vor Freude. Zwischen den glänzend lackierten Blättern des Aaronstabes schwärmte es blau von Leberblümchen. Wie Amey sich bückte, prägten sich die knabenhaften Linien ihrer Gestalt, die alle Fremden im Zweifel über ihr Alter ließen, noch deutlicher aus als beim Schreiten. Sie trug die Blumen, die erst ganz kurze Stengel hatten, in der hohlen Hand, behutsam wie ein Lebendiges. –

Der Wald nahm einen mit in die Höhe, ohne daß man viel darum gewahr wurde. Als Amey zwischen den letzten Stämmen heraustrat, grüßte sie wie immer zuerst die Berge. Sie lagen fern und blau und im Dunst. Man konnte nur ihre Silhouetten verfolgen.

Dieses nur Angedeutete lockte.

»Was liegt dahinter?« dachte Amey. Sie begriff nicht die Ebene oder die Städte, die Flüsse und Wälder unter dieser Frage.

Der Berg, den sie erstiegen hatte, gehörte zum Besitz der Hellbergs. Der Name Wunschberg wurzelte im Dämmer der Zeiten. Wie viele Wünschende mochten ihn im Fluß der Jahrhunderte sehnsuchtsvoll beschritten haben! War die Luft nicht schwer von geheimen Sprüchen und den Schemen erträumter Zärtlichkeiten?

Amey sah sich um. Diese fremde, leichte Erregung, die sie am Morgen befallen hatte, war wieder über ihr.

Sie schritt auf das graue und feine, einstöckige Haus zu, an dem Stilarten verschiedener Epochen gebaut hatten. Sie störten einander nicht. Taktvoll wie Menschen von guter Erziehung hatten sie sich einander und den gegebenen Verhältnissen angepaßt.

Vielleicht hing das seltsam Unwirkliche des Hauses mit dem Material zusammen, aus dem es errichtet war. Ein poröser Sandstein hatte nicht Kraft gehabt, Wettern und Zeiten standzuhalten. Alle Konturen erschienen verwischt. An den gekreuzten und mit grauen und gelben Flechten überwachsenen Fackeln waren die Flammen erloschen und die Früchte den Füllhörnern entglitten. Dieses Haus erschien wie aus Nebel erbaut.

Über dem Portal, zu dem wenige Steinstufen hinaufführten, sprang ein Balkon aus seiner Schmiedearbeit schmal hervor. Er zeigte zwei verschlungene W und darüber das verblaßte Gold einer Freiherrnkrone.

Eine kühle, helle Stille stand um das Haus. Der Förster, der einen Steinwurf davon seine Wohnung hatte, war im Walde. Seine Frau hatte einen Gang ins Städtchen unternommen. –

Amey ging in den Garten, der in vier Terrassen die nicht bewaldete Seite des Berges herniederstieg. Im Sommer kochte die Sonne hier Trauben, kleinbeerig blaubereifte und goldbraun glasige. Unter ihnen zogen überschwänglich blühende Rosenbänder.

Amey betrachtete die Götter, die wie das Haus aus Sandstein gebildet, in Taxusnischen standen. Wie lange war es her, daß sie ihre junge, stürmende und unschuldvolle Nacktheit der Sonne und den Winden preisgegeben hatten?

Amey fröstelte.

Aber plötzlich lächelte sie, geheimnisvoll: Warum sollte alles zu Ende sein, was schön war? . . . –

Sie lief zum Hause und schloß auf. Alles war in Ordnung. Man brauchte nur ein Streichholz anzustecken.

Wie sie dann vor dem Kamin hockte, haftete ihr Auge an dem wundervollen Relief des Mantels. Es war einer antiken Grabstele aus Cumä nachgebildet.

»Wie sie leben will!« dachte Amey. Ihr Blasebalg peitschte die roten Bäche aus den Buchenkloben heraus, daß die tanzende Seele aus Alabaster durchflutet wurde. »Sie soll gehen, und sie hat noch nicht gelebt!« –

Plötzlich sprang sie auf. »Yolanthe Hellberg will ich sehn!« sagte sie. Sie meinte die Frau im krokusblauen Mantel und mit dem Giocondalächeln. Ihr Bild hing in der schmalen Galerie des oberen Stockwerks. Jedesmal, wenn Amey davorstand, empfand sie ein seltsames Vertrautsein und Abwehr zugleich. Das Wappen in der Ecke ihres Bildes war zerschnitten.

Aber Amey schien ihre Absicht, diese Urahne aufzusuchen, wieder zu vergessen. Dieses Zimmer mit der zartstreifigen seidnen Tapete und den goldnen Stuckornamenten der Decke hatte immer eine Note der Zärtlichkeit für sie.

Von allen den Generationen Hellbergscher Frauen, die sich hierher geflüchtet hatten mit einer Seligkeit oder einer Verdammnis, war ein Möbelstück zurückgeblieben. Der Duft und der Reiz eines Schicksals lag über jedem. Diese geheime Schwesternschaft hatte eines dem andern nahe gerückt, und Zeit und Geschmacksgrenzen verwischt.

Die Augen Ameys durchstreiften gedankenverloren das Zimmer. Ohne es zu wissen, hatte ihr Arm den Türknauf eines Wandschranks berührt. Etwas in ihrem Rücken rauschte auf.

Amey schrak zusammen und sah sich um. Ein Anzug war heruntergefallen. Sie hob ihn auf und schaukelte ihn. Es war ein Pagenanzug aus silbergrauem Atlas. Ein Hellberg trug ihn am Hofe von Marie-Antoinette. Onkel Rhaban hatte Amey vor Jahren in diesem Pagenanzug malen lassen.

Amey erblickte plötzlich ihr Gesicht in dem Venetianer Spiegel. »Als hätte ich mein Lebtag in einer Vitrine gestanden!« sagte sie unmutig. »Wie die Lady von Shalott!«

Ja, war nicht ihr ganzes Leben wie im Spiegel an ihr vorübergegangen? Hatte sie nicht hinter jenen dunstigen blauen Bergen gelebt wie hinter einer verwunschenen Hecke? –

Aber sie hatte dieses abseitige Leben geliebt. Vielleicht – wenn man alles mit Händen greifen konnte . . .

Ihr Blick fiel plötzlich auf den Anzug. – Sollte sie es nicht mehr wagen dürfen? Kaum wissend, was sie tat, streifte sie ihre Kleider ab und legte die Pagentracht an.

Nun überschritt dieses ganz feine Rot die Grenzlinie. Der Anzug paßte Amey noch ebensogut wie damals, als sie kaum fünfzehn war.

Sie wußte nicht warum, das Hellbergsche »W« kam ihr plötzlich in Erinnerung. »Weib« hatte es für sehr viele von ihnen bedeutet. Einigen hieß es Weihrauch und Weisheit. Auch Wagemut, Weite und Welt und das Wesen der Dinge! Es gab viele klingende Worte für dieses W. Aber auch »Wehmut« war unter ihnen.

»Wenn noch ein Wort wäre, das keiner bisher dachte!« sann Amey. Sie war die letzte ihres Geschlechts! – Mußte es sich nicht auf dem Wunschberg erfüllen? Wo alle Frauen der Hellbergs ihre Wünsche hintrugen?

Welche aber unter ihnen begehrte das Wunder? Welche war kühn genug? Amey dachte an ihre Urgroßmutter, jene Frau aus dem Volke. Ein Hellberg hatte die wunderschöne, kluge und kraftvolle Müllerstochter der ganzen Familie zum Trotz auf die Burg gebracht.

»Sie war keine Hellberg,« dachte Amey traurig. – – –

Sie war an eines der mehrscheibigen und weißgerahmten Fenster getreten, deren Traulichkeit keine modische Verbesserung ersetzen kann. Auf den breiten Borten pflegte die Försterin Zyklamen für die Herrschaft. Ein Geruch tiefer und angstvoller Süßigkeit entstieg den Blütenmassen. Wie der Geruch modernder Seidenkleider, in denen verklärte und selige Frauen blühten.

Die feinen Nasenflügel Ameys witterten. Ihre Augenbrauen rückten eng aneinander. Dies war der Geruch aller Dinge auf dem Wunschberg. – –

»Mein Wunder!« sagten plötzlich heftig ihre Gedanken.

Sie setzte sich vor die zierliche Schreibkommode, in deren Platte aus rötlichem, duftendem Holz ein W eingelegt war. Es war das Geschenk eines Mannes an Yolanthe Hellberg, dessen Namen sie niemals getragen hatte.

Amey zog die Schiebladen heraus.

»Es würde nicht helfen!« dachte sie plötzlich. »Ich muß für mich allein entscheiden!« –

Sie stieß die Schieblade mit den aufgetürmten Briefen zurück. Von dem jähen Druck des gewölbten Haufens hob sich der Deckel der Schreibkommode. Er gab hinter einer Zierleiste ein langes, schmales Geschiebe frei. Ein einziger Brief lag darin. Amey erschrak.

Sie ergriff den Brief, langsam und mit einer fremden Schwere in der Hand.

»An Amey,« stand in Onkel Rhabans schwingender Künstlerschrift auf dem versiegelten Umschlag. »Zu öffnen nach meinem Tode, wenn sie sich einem Mann in Liebe schenken will.« –

»Tod?« sagte Amey zögernd und ungläubig. Und sie empfand ein seltsames Bedrängtsein ihres Herzens.

Sie wog den feinen Brief in ihrer Hand. Ihr Blick hatte etwas Gespanntes.

»Lange wirst du mich peinigen!« Sie zürnte in Schmerzen.

In diesem Augenblick erklangen Schritte auf dem Vorsaal. Amey schob hastig den Brief in das verborgene Fach. Als sie aufsprang, trat Onkel Rhaban in seiner ein wenig zeremoniösen Art in das Zimmer. Er trug seine Reisekleider in der nachlässigen Gewähltheit eines Mannes von Welt. Aber er erweckte wie immer den Eindruck, als käme er mit seidnen Kniestrümpfen, gesticktem Leibrock und im Nacken den leichtsinnigen, gepuderten Haarbeutel, wie er den Herzog von Orléans so unnachahmlich kleidete.

Nur die Augen Onkel Rhabans gehörten in eine andere Epoche. Sie waren schwermutsvoll wie ein Wasser, an das die Wälder zu dicht herandrängen.

Amey wußte, daß kein anderer als Onkel Rhaban, der eigentlich in Berlin war, hereintreten würde. In das Bedrängtsein ihres Herzens trat irgendeine neue und zärtliche Beunruhigung. Plötzlich bemerkte sie ein leichtes Rot auf dem Gesicht Onkel Rhabans. Sein Blick irrte von Amey zu den auf dem Boden liegenden abgestreiften Kleidern und hastig verließ er sie wieder, um an irgendeinem Punkt des Zimmers zu haften. Bis er dennoch zurückkam und still und zart an Amey haften blieb.

Da erst wurde Amey sich bewußt, daß sie die Pagenkleider trug. Wieder fühlte sie diese fremde rote See vom Nacken her ihr Gesicht überfluten.

Aber während sie befangen staunend und zugleich in einer kühnen und freien Art nach einem Wort suchte, hatte Onkel Rhaban, wieder ganz in Form, sich vor ihr verbeugt. »Verzeih, wenn ich störte«, sagte er sanft und zärtlich. »Ich kehrte früher zurück. In der Galerie erwarte ich dich. Wir bekommen Gäste, Amey.«

Als Amey eine halbe Stunde später mit Onkel Rhaban durch den Wald zurückwanderte, berührte keines von ihnen das Thema der Pagenkleider. Amey hatte einen Scherz darüber machen wollen. Aber aus einem geheimen Zwang, über den sie sich keine Rechenschaft geben konnte, war dieses Scherzwort unterblieben. Der Brief stand dazwischen.

Hatte sie schon jemals ein Geheimnis vor Onkel Rhaban gehabt? Aber während Amey noch grübelte, empfand sie zum erstenmal in ihrem Leben mit Bewußtsein, wie Onkel Rhaban sie führte – nicht, wie es üblich ist, daß ein Herr eine Dame führt, sondern wie er die Dame seines Herzens führt, – seinen Arm unter den ihren geschoben.

In demselben Augenblick bückte sich Onkel Rhaban. Irgendein belangloses Ding nahm er vom Waldboden. Als er sich wieder aufrichtete, ergriff er Ameys Arm und leise und unauffällig legte er ihn auf den seinen. Wie es üblich ist, daß ein Herr eine Dame führt. –

»Was hob er eben auf?« dachte Amey. »Was verändert sich?« Mit einem Ruck blieb sie stehen. Sie sah Onkel Rhaban in die Augen, wie sie ihm die Hände auf die Schultern legte. »Ich will es nicht«, sagte sie heftig.

Onkel Rhaban fragte nicht, was Amey nicht wollte. Er stand wie aus Stein unter ihren Händen. Er wirkte plötzlich wie das Haus auf dem Wunschberg, das mit seinen jungen und nackten Göttern einmal jung und schön war, und dem die Zeiten, der ewige Fluß und der Wechsel die Schleier der Wehmut umgebreitet hatten. Nur die Augen Onkel Rhabans lebten. Wie ein dunkles Wasser lebten sie, an das die Wälder zu dicht herandrängten. –

»Zerreißt mir nicht etwas mein Herz?« dachte Amey. – Hatte Onkel Rhaban immer diesen Blick?

Wie außer sich und einem fremden Zwange gehorchend, warf sie plötzlich ihren Oberkörper gegen Onkel Rhaban und küßte ihn auf beide Augen. –

Das war so seltsam: Amey hatte die Empfindung, als ob sie sich in einem tiefen Traum befände, den sie schon einmal geträumt hatte: Über ihnen hing eine Lerche. Die erste des Jahres. Sie verströmte sich in Ekstasen.

Onkel Rhaban, der zuerst wie eine Bildsäule gestanden hatte und bei dem Kuß Ameys plötzlich zu taumeln schien, hatte wieder vollkommen seine Haltung. Nur die Augen hielt er noch geschlossen. Um den feingeschnittenen Mund, der dem Munde von Amey so seltsam glich, lag ein Lächeln. Kein Tag und kein Traum hatten noch je Onkel Rhaban so lächeln gesehen.

»Wie das Lied dieser Lerche«, dachte Amey, während sie ihn ansah. Und als sie sich noch in Träume verwirrte, hoben sich diese ein wenig schweren Augenlider Onkel Rhabans. Wie ein einziger Blitz zuckte sein Blick über Amey hinweg und verlor sich in fernen Gründen. – Da ließ Amey in einer ihr unerklärlichen, leichten und zugleich süßen Verwirrung, und als ob das alles jemand anderes anginge, es geschehen, daß Onkel Rhaban ihre linke Hand aufhob. Er wandte sie mit der Fläche nach oben, diese weiße, nervöse und überschmale Stuarthand, in welcher das bläuliche W wie ein Schicksal lag. Er küßte das W.

Im nächsten Augenblick war alles vorüber.

»Zwei so gute Freunde wie wir!« sagte Onkel Rhaban unvermittelt, wie er den Arm von Amey leicht und ehrerbietig auf den seinen legte. »Wo gibt es noch zwei solche Freunde!« – Dann fing er plötzlich an, von seiner Reise zu erzählen. Aber Amey mußte immer lauschen, ob der Wald noch rief, und ob Onkel Rhaban es nicht auch hörte. Ihre Antworten wurden immer einsilbiger und zerstreuter, bis auch Onkel Rhaban schwieg. Bisher hatten sie immer nur in Einstimmigkeit geschwiegen. Zum erstenmal fühlten sie ihr Schweigen zwischen einander stehen wie ein Geheimnis. – – –

 

Für diesen Abend erwartete man Herrn von Walmoden, der zu Ostern nach Rom ging, und Philipp Marschall, einen Neffen Onkel Rhabans, auf der Burg.

Übrigens bestand die Bezeichnung »Burg«, wie die Umgegend das Hellbergsche Schloß nannte, nicht mehr zu Recht. Die eigentliche Burg, der der Bauernkrieg und der Dreißigjährige Krieg nichts anzuhaben vermochten, war 1805 nach der Göhrdeschlacht einem Racheakt geschlagener, französischer Truppen zum Opfer gefallen. Von ungezählten Eulen und Krähen bewohnt, ragte ihre rauchgeschwärzte Ruine ein wenig westlicher zum Walde hin. Sie hatte ihre Geschichte und ihren Spuk. Efeu und Erinnerungen umklammerten sie geheimnisvoll und zärtlich.

Derselbe Hellberg, der sich 1813 durch das Leipziger Westtor wie ein lodernder Erzengel in die Stadt hieb, und dem zwei Jahre darnach bei Belle Alliance der Pour le mérite die Herzwunde kühlte, hatte zwischen den Lustbarkeiten und dem ennui des Wiener Kongreß gerade noch Laune gehabt, mit ein paar Bleistiftstrichen den Plan des Hauses für seine Nachfahren festzulegen. Gedanken an Beschränktheiten des Raumes oder der Mittel hatten ihn dabei nicht zu beunruhigen brauchen. So war ein imposanter, leuchtend weißer Barockbau reinsten Stils innerhalb des alten Wallgrabens entstanden. Die einstöckige, gedehnte Fassade, der von Sanssouci sehr ähnlich, beherrschte von ihrer Terrasse aus einen Park im Geschmack von Le Nôtre. Auf der Rückseite umrahmten zwei riesige Flügel mit Pavillons einen weiten gepflasterten Edelhof.

Dieser ganz in sich ruhenden und schweigenden Welt, an der die Kulturen von Jahrhunderten gebaut hatten, bedeutete die Ruine der Burg nur ein kostbares Glied letzter Zusammenhänge des Geschlechts. Aber die Bewohner jener abgelegenen und ackerbautreibenden Gegenden hatten sich in zäher Liebe mit einem Namen verklammert, wenngleich das Wesen entglitt. Das helle, weite Schloß im Barockstil blieb ihnen »Die Burg«. – –

Als Amey um fünf Uhr durch den Gartensaal kam, hatte der kleine Giacomo das Silber und das Kristall bereits herausgenommen.

Das kindhafte Gesicht, das die späteren klassischen Linien bereits andeutete, versonnte sich in einem hingegebenen Lächeln, als Amey im Vorüber flüchtig über die Wange strich. Zum erstenmal kam es Amey zum Bewußtsein, daß nur der Mund lächelte, nicht die Augen. – Zwei andere Augen fielen ihr ein. Und während sie sich in der Erinnerung an Onkel Rhaban wieder von dieser schmerzlichen und zärtlichen Erregtheit ergriffen fühlte, versetzte sich ihr plötzlich der Atem: Dieser kleine Sizilianer hatte in seinem Blick die Schwermut der Waldtiere, die Unerlöstheit der Kreatur. Er wartete noch auf den Zauber, der ihn entbannen würde. Onkel Rhaban hingegen . . . – – Da verließ Amey fliegenden Schrittes den Gartensaal. –

Daß ausgerechnet zu diesem Abend sich Gäste angemeldet hatten! –Daß es Guntram Walmoden sein mußte! – Amey wußte nicht, warum sie diesem Besuch in besonderer Abwehr gegenüber stand.

Als Amey ihre Zimmertür öffnete, war ihr Abendkleid schon ausgelegt. Aber die alte Ariane war nicht im Zimmer. »Dies und dies und all das« – Amey betupfte den kostbaren Toilettetisch aus Sèvres und den eingelegten Schrank, die Rubingläser und die Miniaturen auf Elfenbein mit den Fingerspitzen – »ich will es nicht! All dies, ich will es einmal nicht sehn!« Sie stampfte mit dem Fuß auf wie ein Kind, das sich aus großer Angst trotzig gebärdet. – Sie schlug die Türe zu und rannte den langen, hallenden Gang herunter.

»Wie gut das bei dir ist! Ach, wie sehr gut!« sagte sie befreit und lachend, wie sie sich außer Atem in den tiefen, beblümten Ohrklappenstuhl Arianes hineinwarf. »Wie warme Kamillenkissen auf Zahnweh!«

Und während die alte Ariane kummervoll zärtlich ihr Haar streichelte, sog Amey mit geschlossenen Augen und lächelnd die unaussprechliche Atmosphäre dieser Stube in sich ein. Diese unlösliche Mischung zwischen Kaffee, Fensterblumen, zugesperrten Schränken, Bratäpfeln, Perubalsam, Weihrauch, Mottenpulver und – oh – so viel Zärtlichkeit!

Ariane schien sogleich zu wissen, worum es sich handelte. Sie klingelte nach der schwarzen Marie, die Kleid und Schuhe und alles was sonst noch dazu gehörte, herüberschleppte. Und wie Amey mit hochgezogenen Knien seitlich im Lehnstuhl hockte, während Ariane – su – su ihr Haar vom Scheitel bis zu den schimmernden Spitzen immer wieder herunterbürstete, sank dieses Aufgestörte, an dem der Märzwind schuld war, und der geheimnisvolle Brief wieder ganz tief. Wenn man die zahme, ein wenig vom Alter gerupfte Dohle Medardus auf dem Finger hielt und ein Stück Lebkuchen verspeiste, das aus Arianes Truhe völlig wie ein eingemotteter Wattenrock schmeckte und diesen erregten Frühjahrshimmel ganz sanft verblassen sah, mußte dann nicht diese süße und namenlose Not wie der Himmel sanft werden? – Man konnte vergessen, daß es so ein Ding, wie ein W in der Hand gab, oder ein Zimmer im Westflügel, in dem Gäste nur ungern schliefen. Oder einen Wunschberg, und eine Welt hinter der blauen Linie der Berge. Su su – die Bürste strich alles glatt. Man war wie ein Tierlein, das gestreichelt wurde. Man kniff die Augen zu und war ohne Gedanken und ohne Gut und Böse. –

Als Amey in das Gobelinzimmer trat, wo man sich vor Tisch zu versammeln pflegte, stand Onkel Rhaban mit dem jungen Marschall vor dem Knabentorso, der so eigentümlich an den Adoranten aus Subiaco erinnerte. Der Neffe war ganz höfliche Aufmerksamkeit gegen Onkel Rhaban, der ihm jede feinste Nuance seines Fetisch zu erklären bemüht war. Aber seine Gedanken schienen indessen anderweitig in Anspruch genommen.

»Du denkst an die hinreißenden Montpesats, die Onkel Rhaban erworben hat, Philipp«, sagte Amey. »Das Landolet mit der Herzogin. Himely ist der Stecher.« Amey machte unschuldige Augen. Aber wer sie kannte, wie Onkel Rhaban, hörte die Spottdrossel singen. – Bei Tante Marschall hing der Schutzengel von Plockhorst über dem Klavier. Und vorausgesetzt ein Pferd war auf dem Bild, nahm ihr Sohn den Stecher nicht so sehr wichtig.

Amey legte die Hand leicht auf die Schulter ihres Vetters. Aber ein besonderer Blick in dem frischen Leutnantsgesicht ließ sie plötzlich leicht zusammenschrecken. – »Ach«, dachte Amey, »das ist ein Verhängnis! Hier mit Onkel Rhabans Kirchenbeleuchtung! Und wie er mich ausstaffiert!« – Sie zog hastig die Hand zurück. Philipp Marschall hatte sie einen Atemzug länger als nötig war mit den Lippen berührt. Und während er noch irgend etwas über die kolorierten Kupferstiche, an die er wirklich eben nicht gedacht hatte, stammelte, wandte sich Amey zu Guntram Walmoden. In seiner lässig gleichgültigen Art und zugleich ein wenig an die hypnotisierende Grazie eines gefangenen Leoparden erinnernd, wanderte er im Zimmer auf und nieder.

»Sie versprachen in Rom, mir einmal Ihre Sphinx zu zeigen«, sagte ohne jede Einleitung Herr von Walmoden, ein Urenkel des Siegers in der Göhrdeschlacht.

Onkel Rhaban schien ganz in seinen Torso versunken. In diesem Augenblick nur flatterte der Schatten, mit dem seine schlanken, langen Finger den zartgrauen Stein liniierten. Aber das mochte ebensowohl von der Beleuchtung kommen. Amey trat mit Guntram Walmoden hinaus in den Wintergarten. Sie hatte noch mit dem schüchternen und zugleich glühenden Bekenntnis in dem Blick ihres Vetters zu tun. Sie überhörte die besondere Note dieser Stimme, die sonst nicht so sehr viel im Leben ernsthaft zu nehmen schien.

»Sie mögen entscheiden, ob wir diesem Fetisch genügend Ehrfurcht erweisen«, sagte Amey, wie sie auf die Sphinx hindeutete. Sie war, ebenso wie der Knabentorso, der Bucht von Amalfi entstiegen. Jetzt hatte die Rätselvolle in dem Palmengarten eines deutschen Herrenhauses eine Stätte gefunden. Auf ihrem Sockel aus behauenem Sandstein, mit der eingemeißelten Sonnenscheibe, stand das Wort Pindars:

Σκια̃ς όναρ άνθρωποι,
Eines Schattens Traum ist der Mensch.

»Jawohl, Ägypten!« sagte Guntram Walmoden. Wie er es sagte, schienen irgendwo grelle primitive Instrumente in Tätigkeit. Sein Blick erstarrte. Er erblickte Amey plötzlich unter dieser helmartigen Haube aus blauen Perlen, den Oberkörper entblößt, Hände und Arme in einer dieser seltsam gebundenen und dennoch eindrucksvollen Stellungen, wie alte Vasenbilder sie festhielten. Er sah Amey als Isispriesterin.

Aber es war ein Bild, das einer mystisch okkulten und zugleich ästhetischen Vorstellungswelt entstieg. Es hatte mit seinen Sinnen nichts zu schaffen.

Durch ein Zufälliges – vielleicht dadurch, daß Amey die Hand hob und durch einen Hauch jenes ganz zarten eau de lavende, das sie in ihr Waschwasser zu nehmen pflegte, schien all dies Geheimnisvolle plötzlich körperlich mit ihr zu verschmelzen. Guntram Walmodens Augen belebten sich jäh. Die Pupillen in der gelben Iris wurden rund und dunkler. Der Ausdruck seines schmallippigen Mundes erinnerte an das Lächeln eines Wollüstlings. Aber es war nur der Schatten eines Lächelns.

Amey war mit den Orchideen am Fuße der Palmen beschäftigt.

»Sie tragen keine Blumen, Madonna«, sagte Guntram Walmoden. Er pflückte etliche der zarten, schweren, halberblühten Rosen, die in Massen vom Spalier des Glasdaches herunterhingen.

Amey befestigte die Rosen am Halsausschnitt ihres Kleides. Onkel Rhaban sah sie am Abend gern mit Blumen. Ebenso wie er dann auf Kleidfarben Wert legte, die verflossene Epochen reich und glühend machten.

»Ein wenig tiefer!« Der Blick Guntram Walmodens haftete an Amey. Sie stand jetzt unter dem schwebenden silbernen Herzen, in dessen Behältnis aus Rubinglas ein Licht schwamm. »Hörten Sie letzthin von unserem gemeinschaftlichen Freunde Bethun?«

»Nein«, sagte Amey, »wieso?« Ihre Gegenfrage klang unbeteiligt. Sie mußte zum Gobelinzimmer hinhorchen. »Es ist eine neue Stimme hinzugekommen!« dachte Amey. Sie hatte plötzlich die Vorstellung von festen, runden, guten Brotlaiben. Sie mußte heimlich lachen. Onkel Rhaban würde dieser beruhigende Vergleich so viel Spaß machen.

»Axel Bethun geht nach Indien«, sagte Guntram Walmoden.

»Nach Indien?« Amey war noch immer bei den guten Broten.

»Er will die buddhistischen Klöster besuchen.«

»Mein Gott,« sagte Amey. »Wie überflüssig. Ist nicht Lolo lange genug mit den Kindern allein?«

»Oh, Lolo!« sagte Guntram Walmoden. »Sie gehört zu den Menschen, bei denen das Vergnügen in Sackleinwand geht. Dafür machen sie aus der Tragik des Lebens Opfertänze!«

»Sie sind frivol, Guntram!«

»Man scheint so leicht, was man möchte!«

»Aber ich kann die Idee mit den Klöstern nicht einsehen«, rief Amey. Dies alles schien ihr ganz unsinnig.

»Bei Lolo kommen zuerst die ganz kleinen Kinder«, das Lächeln Guntram Walmodens entblößte die Spitzen seiner schmalen Oberzähne, »und dann die künstliche Glucke und dann die Schulkinder . . .«

»Ja!« rief Amey beseligt. »Aber Sie dürfen die Molkereien mit den besonderen runden Käschen nicht auslassen und Barfußlaufen im Tau und die Jungfrauenabende! – Still!« bedrohte sie sich plötzlich außer Atem vor Lachen. »Still! Ich ersticke.« –

Ja, vielleicht nach all diesem kam schließlich auch der arme Bethun. – »Aber!« sagte Amey mit strengen Augen: »Bedenken Sie, wenn alle Männer in seiner Lage Gautama Buddha nachahmten! Wohin gerieten wir zuletzt mit Erlösern?«

Guntram Walmoden berührte eine safrangelbe Orchidee. »Wie ich Ihr Temperament liebe, Amey! Man sollte Temperamente kultivieren wie Orchideen!«

»Lassen wir immerhin mein Temperament aus dem Spiel!« Amey hatte trotz allem eine Vorliebe für Lolo Bethun. »Lolo ist wie eine gute Buchweizengrütze mit Vollmilch!«

Guntram Walmoden lachte. Seine Zähne unter der etwas kurzen, bartlosen Oberlippe waren von einem auffallenden bläulichen Weiß, wie man es nur bei Frauenzähnen findet. Sie waren sehr regelmäßig gebildet, aber merkwürdig spitz nach unten auslaufend. »Lolo ist so gänzlich ohne Geheimnisse«, sagte er.

Amey antwortete nicht. »Ich muß hinein«, dachte sie. »Ich will zu Onkel Rhaban.«

»Waren das nicht Ihre Worte, Amey? Damals in der Certosa von Pavia?« sagte Guntram Walmoden: »Nicht in den Dingen liegt der Reiz, sondern in ihrer Atmosphäre. Menschen, die keine Atmosphäre haben, sollten um Himmels willen unter sich bleiben.«

Vor Amey stand plötzlich die zarte blaue Linie der Ferne. – Ja, sie mochte wohl etwas Ähnliches geredet haben. Es war schrecklich, wenn einem bei allem Vergleiche kamen. Mußte man auf jeden festgenagelt werden? »Vielleicht hätten Sie Neigung, Herrn von Bethun zu begleiten?« Sie wußte kaum, daß ihre Stimme plötzlich eine Schranke aufrichtete. Etwas im Grunde ihres Wesens flammte.

»Ich nehme die Dinge zu wichtig«, dachte Amey. »Spielen, Sport! Mehr verlohnt den andern nicht. Jetzt eben haben sie es mit dem Buddhismus. Ein andermal sind es blaue Nelken oder Tango!«

Amey hatte die safrangelbe Orchidee, die sich nicht fügen wollte, abgebrochen. Sie sah aus wie ein Insekt. Schlimm und wunderschön.

»Ich habe mich noch nicht darüber unterrichtet, ob man am Ganges zuweilen die Wäsche wechseln darf.« Guntram Walmoden betrachtete nachdenklich die Spitzen seiner Lackstiefel. »Vorausgesetzt, man trägt dort welche überhaupt. – – – Amey! . . .«

Amey nahm sich jäh einen Schritt von ihm zurück, und wie sie die Orchidee heftig in das Brünnchen warf, legte sie ihren Arm der Sphinx um den Hals. – Würde er nun wirklich gehen und alles verderben? Sie seufzte und zog die Stirn in Falten. Zugleich schob sich ihre Unterlippe ein wenig vor. Sie sah hilflos aus und hold und lächerlich jung.

Von der Halle her kamen die Schläge des Gong in rhythmischem Wechsel, grell und dumpf, wie es Giacomos Art war. Draußen am bewegten Himmel kämpfte sich ein feiner silberner Kahn durch eine getürmte Wolkensee. Die Eulen, die im Gemäuer der Burg nisteten, wimmerten mit diesem langgezogenen Kleinkinderlaut.

Amey fröstelte plötzlich. – Jetzt: – jetzt kam es wieder! Das, was man nicht beschreiben konnte! Ein sechster Sinn schien sich zu öffnen. Eine geheimnisvolle Pforte. Der Wunschberg stand vor ihr, das Bild der Yolanthe mit dem zerschnittenen Wappen. Und zugleich sah sie Onkel Rhabans Augen . . .

Die Kühle des steinernen Tierleibes mit den Frauenbrüsten kroch zu ihr herüber.

Da war es, als ob sie vor dem Gnadenlosen des starren Gottes in die Ritterlichkeit des Mannes und in den Schutz seiner Liebe flüchtete. »Sagen Sie nichts!«

Amey stand dicht vor Guntram. Sie hob leicht die Hände.

»Wenn Ihre Hände bitten!« . . . Jetzt mußte Amey das Neue in Guntram Walmodens Stimme wirklich hören. Sie erschrak. Aber wie sie in seine Augen sah, wurde sie ganz ruhig. »Ich bin es nicht«, dachte sie. »Ich bin ihm nichts als eine Impression. Vielleicht wird er Sonette darüber stilisieren. Ein Erlebnis kann er nicht mehr haben. Das ist seine Trauer!«

Jäh und gleichsam außerhalb ihrer, hatte sich dieser letzte Gedanke formuliert. – Plötzlich schöpfte Amey tief Atem, wie von einem guten Ufer aus. Nein. Nicht sie. – Sie war anders! –

Und als ob es nun an ihr sei zu helfen, lächelte sie zart, wie sie Guntrams Arm leicht berührte. »Mit alledem sind Sie doch längst fertig«, sagte sie innig überredend. »Phantasievolle Menschen haben Einfälle. Natürlich. Unten an der St. Kilianskirche ist ein Kopf. Zehn Finger halten ihm den Mund vonsammen. Dann hängt er die Zunge ellenlang. Ich kann Ihnen nicht sagen, was es mich kostet, jedesmal beim Vorüberkommen! Daß ich mich nicht auch versuche!«

»Baronesse . . .«

Aber Amey redete schon weiter. »Ja, und wenn nun jemand zum Beispiel Rindsfett heißt«, sie lachte hingegeben. »Oder Puttfarken, oder Fetemilch – muß man es sich nicht da bis ins Kleinste ausdenken, wenn man nun hinginge und heiratete ihn aus Heroismus?«

»Amey! . . .«

»Ach«, sagte Amey unendlich lieblich und ein wenig verlegen, »wirklich, – ich denke es mir nicht aus. Ich habe solche Namen gehört. – Ich meinte doch nur: man lebt sich in etwas hinein! Bis ins Kleinste malt man sich's aus. plötzlich ist es vorbei! Zerplatzt, wie eine blanke Perle im See. – Ich bin für Sie auch so eine blanke Perle. Unser rotes Herz hat Sie auf dem Gewissen. Und die Eulen und die Sphinx!«

»Und die Art, wie Ihr Haar sich um die Schläfen legt«, sagte Guntram Walmoden langsam. »Und – wenn Sie erregt sind, da – das Zucken, dieser feine Nerv links unter der Oberlippe – und Ihre Boticelli . . .«

»Ja«, sagte Amey fröhlich und streng, wie sie mit weiten Augen ihn anstarrte. »Und meine Augen lassen Sie nicht aus, bitte! Ich sage, sie sind grün und braun wie der Wald und die Erde, Onkel Rhaban aber will haben, sie seien wie Moosachat. Ach, Guntram, wollen Sie einen Steckbrief über mich ausschreiben?«

»Sie sind wie Erde und Wald«, sagte Guntram Walmoden. »Nur die Sonnenfunken darf man nicht vergessen«, dachte er. »Und die schönen und argen Hexen, die zwischen den Farnkräutern spazieren gehen!« – Und als Amey plötzlich die Lider senkte und sich ein wenig zurücknahm – »ich erwähnte dieses gewisse Körperlose«, sagte er schnell, »es erlaubt, das Vibrieren der Seele zu beobachten. Darin liegt aller Reiz«. –

»Wie eigentümlich dies ist,« dachte Amey, »ich fordere doch gewiß niemanden dazu heraus! Und zuletzt kommen sie alle auf denselben Punkt!« – »Also ich war ganz im Recht.« Ihre Stimme schien zu scherzen und war ein wenig hochfahrend: »Dies alles war ein Irrtum. Sie müssen zugeben: so leicht bekleidete Seelen taugen nicht zum heiraten.«

Er sah sie an mit einem rätselhaften Ausdruck. Er wirkte wie ein Lächeln.

»Gibt es etwas Besseres als das Innerliche eines Menschen zu lieben?« fragte Amey verwirrt. »Die Ferne ist gut dafür. Der Alltag verwischt die Klarheit des Konturs.«

Ihre Stimme klang zärtlich. Sie hörte es aber nicht. Sie war vollkommen unbewußt darüber, welcher Art der Reiz war, den sie auf Männer ausübte. Vielmehr dachte sie zugleich: »Glaube ich, was ich soeben über die Ehe sagte und über die Entfernungen?« Sie vergaß für den Augenblick Guntram Walmoden.

»Wir müssen jetzt zu den andern gehen!« kehrte Amey plötzlich zurück. Sie meinte mit den andern allein Onkel Rhaban. Aber sie wußte das ebensowenig, wie sie die Zärtlichkeit ihrer Stimme kannte.

Um den Mund Guntram Walmodens spielte noch immer dieser rätselhafte Ausdruck. Er hob die Hand, die ihm Amey wie zu einem Abschied bot, ganz hoch. Es schien, als wolle er sie mit der Fläche nach oben kehren. Aber Amey gab ihrem Handgelenk eine leise Wendung. Als er ihr nun die Hand küßte, wie sie es verlangte, sah er Amey in die Augen. Dieser Blick kam wirklich aus dem letzten Grunde, in welchem alle Wurzeln tot waren. »Verzeihen Sie mir, Amey!«

»Da ist nichts zu verzeihen«, sagte Amey. Wehmut überfiel sie bis zum Weinen. Sie glaubte, sie gelte dem Manne an ihrer Seite. Aber sie meinte Werte und Schönheiten, die sich überblühten und sterben mußten, und die dennoch unersetzlich erschienen.

»Ich hätte dies alles Ihnen ersparen müssen. Schicksale sind nicht aufzuhalten. Man sollte sie bei Zeiten erkennen!«

»Schicksale?« rief Amey heftig, wie sie, ihren Arm auf dem seinen, in das Gobelinzimmer trat. Ihre Augen flammten. »Gibt es Schicksale? – Wir sind Schicksal. Nur wir!«

In diesem Augenblick trat Onkel Rhaban mit einem älteren Herrn aus der Bibliothek. Er trug auf festen, starken Schultern den Kopf St. Petri, wie er unten in der St. Kilianskirche stand.

»Wie wunderbar!« dachte Amey. »So sehr jung sind seine Augen! Aber man kann in sie einfahren. Wie in einen Hafen voll stiller Wasser!« Sie hörte weniger auf seine Worte als auf den Klang seiner Stimme. Wirklich: feste, runde, gute Brote standen um einen her!

Da sagte sie schnell mit diesem hinreißenden Lächeln und ebenso zärtlich, wie sie vorhin zu Guntram Walmoden gesprochen hatte. »Erkläre gar nichts, bitte, Onkel Rhaban. Dies ist Herr Pfarrer Bruns. – Ich habe Sie immer erwartet!«

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