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Amanda und Eduard

Sophie Friederike Brentano: Amanda und Eduard - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorSophie Mereau
titleAmanda und Eduard
publisherKore
editorBettina Bremer und Angelika Schneider
firstpub1803
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070821
projectid5df59af8
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Siebenter Brief.

Amanda an Julien.

Ein guter Genius hat mir seit einigen Wochen die angenehmste Gefährtin zugeführt – und daß ich Dir so lange nicht schrieb, ist wol der stärkste Beweiß, wie anziehend sie mich beschäftigt. Sie ist ein leichtes zierliches Wesen, das gleich den Schmetterlingen nur auf Blumen verweilt, und ohne sich zu verletzen, den Dornen des Lebens vorüber flattert; eine immer fröhliche Laune, und das glücklichste Talent, allenthalben das Angenehme leicht und sicher herauszufinden, scheint sie in jede Lage zu begleiten. Ein solcher Umgang ist gewiß ein großer Schatz für Menschen, die, gleich mir, noch unruhig und strebend, oft das Gute verschmähen, weil sie nach dem Vollkommenen schmachten. – Nanette Sensy – dies ist der Name meiner neuen Freundin – lebte nur wenige Tage in der Ehe, die bloß Convenienz geschlossen hatte, und ist jetzt Wittwe. Der Wunsch, einige vormalige Bekannte wieder zu sehen, führte sie hieher ins Bad, wo es ihr nun sehr zu gefallen scheint. Ich sah sie zum erstenmal auf einem Ball. Wir waren beide fremd, hatten uns durch ein Spiel des Zufalls auf gleiche Art gekleidet, fanden, daß wir in der Gestalt viel Aehnliches hatten, und dies alles – Du weist, daß solche kleine Umstände oft ein Band knüpfen können – beredete uns, daß wir einander mehr als den Uebrigen angehörten. Sie kam mir mit der angenehmsten Art von der Welt entgegen, und zeigte in Allem was sie sagte und that, etwas so unbefangenes und dabei so vollendetes, daß ich gleich sehr lebhaft für sie eingenommen ward, und ihren Umgang eifrig zu suchen beschloß. Seitdem sehen wir uns täglich, und sie hat mich dazu vermogt, – was ich bis jetzt nicht habe thun mögen, – unter der, hier immer mehr anströmenden Menge von Fremden mehrere Bekanntschaften zu machen, und an ihrer Seite herum zu schwärmen. Aber die liebsten Stunden, sind mir die, welche ich mit Nanetten allein zubringe. Es giebt so vieles aus unserm vergangnen Leben, was wir uns gern mittheilen mögen, und Nanette hat eine so harmlose, leichte Art, die Dinge zu betrachten, daß ich, seit diese Silphide mich umgaukelt, meine jugendliche Heiterkeit ganz zurückkehren fühle. Wie sehr können zwei weibliche Wesen sich gegenseitig beglücken, bei ihrer zarten Empfindung, dem leisen Errathen, der schnellen, reizbaren Phantasie, die ihnen eigen ist, wenn sie nur standhaft alle Eifersucht von sich entfernt zu halten wissen! – Da wir häufig das Freie suchen, so haben wir die Gegend umher schon ziemlich genau kennen lernen, und wir sind bei unsern kleinen Ausflügen stets äusserst froh. Ueberlaß ich mich in manchen Augenblicken zu sehr den Lockungen einer schwermüthigen Träumerei, so weiß sie meine Blicke immer sehr glücklich auf die angenehmen Seiten meines Lebens zu lenken, oder sie neckt mich auch wol, und zerstreut mich, indem sie mit Laune und Feinheit, meine Empfindlichkeit rege macht. Eine Scene, die gestern vorfiel, muß ich Dir schildern, denn ich weiß, Du liebst das idyllenhafte – und der ganze Tag ist wol einer Beschreibung werth. Es war ein liebliches Wetter; die Luft athmete so warm, so wohlthuend, daß Alles ihren Einfluß fühlte. Meine Gärtnermädchen sangen mit frühem Morgen, Frühlingslieder, und selbst ein paar wilde, junge Menschen, die nicht weit von mir wohnen, waren aus ihrer Fühllosigkeit erwacht, und stimmtem ihre rauhen Töne zu sanften Gesängen um. Wir fühlten uns ungewöhnlich heiter, und Nanette schlug vor, die Familie eines Pächters zu besuchen, die sie auf ihrer Reise zufälligerweise hatte kennen lernen, und die in einer vorzüglich schönen, selten besuchten Gegend wohnen sollte. Bald war alles in Ordnung; wir nahmen Wilhelm mit uns, und es war uns dreien recht herzlich wohl. Wir fuhren seitwärts durch die Gebirge in ein freundliches Thal; die waldigen Höhen wichen immer mehr zurück, und bekränzten zuletzt nur noch in weiter Entfernung die lieblichste Ebene, die je dem Auge gelacht. Eine Menge zierlicher Dörfer sahen munter und anmuthsvoll aus ihren blühenden Gärten hervor; weite Saatfelder säuselten in grünen Wogen vorüber, trauliche Gruppen von Bäumen bekränzten kleine spiegelhelle Seen, oder wölbten sich über schnelle, lautmurmelnde Bäche. Wir freuten uns der mahlerischen Krümmungen, an denen uns unser Weg durch viele Dörfer und Büsche führte, und priesen die Reise durchs Leben, welche eben so sanft abweichend und abwechselnd zum Ziele führt. Es war Mittag als wir ankamen; ich fand, ein schönes, reinliches Landhaus, worinnen alles Ordnung, Betriebsamkeit und Fröhlichkeit athmete, und eine schlanke, weibliche Gestalt, mit Vergißmeinnichtaugen uns zuerst bewillkommte. Sie sagte uns bald, unaufgefodert, daß sie die Braut eines von den Söhnen des Hauses sei, mit dem sie in wenig Tagen getraut werden würde. Sie schien sich schon ganz als ein Mitglied der Familie zu betrachten, auf nichts bedacht zu sein, als alle Geschäfte in dem Sinn derselben zu verrichten, und ihr ganzes Wesen zeigte den Ausdruck einer muntern, ruhigen Aufmerksamkeit. Bald kamen auch die Uebrigen herbei, die durch unsern Besuch überrascht, aber nicht im mindesten verlegen waren. Es war eine sehr zahlreiche Familie von sehr verschiedenem Alter und Ansehen; alle schienen mit ihrer Lage zufrieden, und die Reden der Alten waren so vollwichtig und gediegen, wie die schweren, silbernen Löffel, die uns an der wohlbesetzten Tafel gereicht wurden. Nach Tische giengen wir in den Garten, der etwas erhöht, die Aussicht über das ganze Dorf gewährte. Eine warme, fühlbare Luft trug uns auf ihren schmeichelnden Flügeln die würzigen Düfte tausend blühender Pflanzen und Bäume entgegen. Mein Herz bebte in wunderbarer Rührung, von Vergnügen und Wünschen getheilt. Hier der trauliche Schatten, hoher, wehender Bäume, der sichtbar Kühlung verbreitete – dort das blühende, fröhliche Weib, das sorgenlos spielend mit ihrem Kind auf dem Arm, in der kleinen Thür stand – die hohe Linde am Kirchhof, die ihre Schatten und Blätter friedlich über die Grabhügel streute – mit ihrem Korbe voll Klee die muntre Dirne, die mit raschem Gang durch die sonnige Wiese schritt – alles dies gab mir ein Bild von Unabhängigkeit und Ruhe, von heiterm, schuldlosen Lebensgenuß, und natürlicher, leichter Erfüllung aller menschlichen Pflichten, das mich innig rührte. Sind nicht, dachte ich, diese ruhigen, phantasielosen Menschen, mit ihrer heitern Luft und ihrem heitern Herzen, ihrem eingeschränkten Wissen, und ihrem eingeschränkten Wünschen, glücklicher und näher der Natur, als wir, die sie verbessern, um uns im Gebiet der Einbildung unendliche Freuden aber auch unendliche Qualen zu holen, wir, die erst nach Schmerzen und Verirrungen zu ihrer heitern Beschränktheit zurückkehren können?

Unser Wirth hatte mehrere erwachsene Söhne, die, obgleich wohl gebildet, doch bloße Landleute waren, und sich mit nichts anderm zu beschäftigen schienen, als die weitläuftige Wirthschaft ihres Vaters bestellen zu helfen. Der eine von ihnen hatte mich immer mit aufmerksamen, vergnügten Blicken angesehen; doch als beim Mahl, der Genuß des fröhlichen Weins, den alten jovialischen Vater zu etwas rohem Scherz begeistert hatte, und ich eine kleine Verstimmung, nicht verbergen konnte, war er hinweggegangen. Jetzt gieng ich einige Augenblicke allein, in einen von den schattigen Gängen, und hier kam er mir nach. Mit wahrer Feinheit, sagte er mir: »mein Vater hat ihnen nicht gefallen, aber sein sie uns darum nicht böse, ich will ihn bitten, daß er nicht wieder so spricht.« Dann trat er mir ehrerbietig aber zutraulich näher, legte seine Hand auf meinen Arm und sagte: »werden sie zürnen, wenn ich sie um einen Kuß bitte?« Sein Ton war weich und bescheiden, seine Miene ehrlich und gefühlvoll; ich zürnte nicht, Julie ich küßte ihn, und ich kann Dir sagen, daß ich ihm im Herzen recht innig wohl wollte. Er verließ mich schnell, sein Auge glänzte von reiner Freude, und wer weis, ob mein Kuß irgend jemand einen glücklicheren Moment gewähren könnte, als diesen Jüngling.

Als wir zurückfuhren glänzten die Wiesen im Abendthau, ein röthliches Licht wankte um die Gipfel des Waldes, und als dies verschwand, blickte der Mond heller durch die Gebüsche.

Ich erzählte Nanetten mein kleines Abendtheuer, und sie lachte, wie ich vermuthen konnte, mich recht herzlich aus. Sie sah in dem Jüngling nichts weiter, als einen hübschen jungen Landmann, der sich in mich verliebt habe, und alles andre, was ich in ihm fand, nannte sie eine meiner gewöhnlichen Schwärmereien. Und doch liebe ich sie darum nicht minder, so wenig auch ihre Art, die Dinge anzusehen, mit der meinigen übereinstimmt. Ihr gelingt es, keinen Eindruck so stark werden zu lassen, daß er das Gleichgewicht ihres Gemüths stört, und dadurch, daß sie von Allem spricht, und Alles aus dem gefährlichen Halbdunkel der Gedanken ans Licht der Sprache hervorzieht, entwindet sie der Phantasie ihrem mächtigsten Zauber, der Deiner Amanda oft so gefährlich zu werden droht. Ja zuweilen fühle ich es recht lebhaft, wie verschieden meine Art, die Dinge anzusehen, von der euren ist. Wie vieles ängstigt und entzückt mich, wobei ihr andern ganz gleichgültig und gelassen bleibt. Dafür aber bewahrt ihr in eurem Gemüth eine gewisse Klarheit, deren ich mich nicht zu erfreuen habe; denn – was es ist, weis ich nicht – aber vieles liegt noch dunkel und ahnungsvoll in meiner Seele.

So harmlos gehen mir jetzt mehrere Tage hin, und auch Nanette versichert, daß sie sich kein bessres Leben wünscht. Freilich muß ich fürchten, daß vielleicht der Reiz der Neuheit die Flüchtige am stärksten anzieht, und daß sie, wenn dieser verloschen ist, mich leicht für eine neue Bekanntschaft hingeben könnte. Denn sagte sie nicht selbst: »mein Herz schmachtet ohne Aufhören nach Neuheit; durch sie allein wiederholen wir uns den süßen, allzuflüchtigen Traum der Jugend, wo uns alles neu ist?« –

Albret sehe ich jetzt wenig; er scheint sehr beschäftigt; aber Wilhelm kömmt fast nie von meiner Seite. Herzlich erfreut mich sein dankbares Lächeln, jede freundliche Aeusserung, womit er mir die angenehmen Empfindungen, die ich ihm verschaffe lohnt, und ich würde seine Dankbarkeit ungern entbehren. Nenne dies nicht eigennützig; es ist ein so süßes, menschliches Gefühl, sich als den Schöpfer fremder Freuden betrachten zu dürfen, und von einem unschuldigen, liebevollen Herzen dafür anerkannt zu sehen; so wie es in meinen Augen eine unnatürliche Größe ist, die nahe an Bitterkeit und Härte gränzt, allein und unerkannt Gutes schaffen, und das dankbare Gefühl des Andern als überflüssig entbehren zu wollen!

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