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Amanda und Eduard

Sophie Friederike Brentano: Amanda und Eduard - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorSophie Mereau
titleAmanda und Eduard
publisherKore
editorBettina Bremer und Angelika Schneider
firstpub1803
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070821
projectid5df59af8
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Sechster Brief.

Eduard an Barton.

Nicht immer, mein Freund, fühle ich mich so glücklich als an dem Tage wo ich Dir zuletzt schrieb. Unruhe überfällt mich zuweilen, und treibt mich rastlos umher. Vergebens rauschen die muntern Freuden des Lebens dann an mir vorüber; ihr schmeichelnder Fittig weckt die Sehnsucht meines Herzes nicht. Und doch ist die jugendliche Glut des Geistes nicht im mindesten erloschen; vielmehr umfasse ich die Gegenstände stärker, inniger, obgleich seltner. Oft dünkt es mich, als fehlte mir ein hellerer Aufblick in die eigentliche Oeconomie des Lebens, und das Gemälde menschlicher Wünsche und Handlungen wirkt in gewissen Augenblicken verworren und drückend auf meinen Geist. Es ist mir, als stünde ich noch unter den Uneingeweihten, als fehlte mir noch das Wort, der Aufschluß, die mir das Räthsel des Lebens und der Welt erklären sollten. Sehe ich dann einen Mann, mit verständigem, bestimmten Gesicht, wo Leidenschaften geherrscht, aber nicht verwüstet haben, der das freie Spiel der Unterhaltung nicht mit seinen Ideen gewaltsam beherrschen will, sondern es geschickt, und wie wir gern es mögen, zu lenken weis; so fühl' ich mich sanft zu ihm hingezogen, und möcht' ihn bitten: »o Du! der Du die geheimen Irrgänge des Herzens beobachtetest und selbst durchwandeltest, ihre Erscheinungen auf dem großen Schauplatz des thätigen Lebens zu erkennen und zu würdigen weißt, o schließe den Reichthum Deiner Erfahrungen vor mir auf, und befriedige meine ungeduldige Sehnsucht!« – denn was kann wohl schöner sein, Barton, als in dem vorüberrauschenden Strom des Lebens, wo so viele nur ein wildes Spiel der Wogen sehen, eine hohe Harmonie zu vernehmen, und mit geläuterten Sinnen die schönen Töne des Gefühls zu unterscheiden, die aus dem todten Stoff der Umstände lebendig hervorquellen? Wer dies vermag, dem kann es dann auch gelingen, die bunten Gaukeleien des Zufalls nach seinem Gefallen zu ordnen, und dem verwornen Stoff eine bestimmte Form zu geben. Mit schöpferrischer Hand drückt er selbst der todten Natur Spuren eines freien, denkenden Wesens ein, und in Stunden ernster Begeisterung gehen die ewigen Zwecke des Lebens faßlich und rein seiner Seele vorüber.

Meine Hoffnung ist auf die Zeit gerichtet, wo mein Vater seine, mir zum Theil noch unbekannte Pläne mit mir, ausführen will, auf die Zeit, wo mich vielleicht eine andere Hemisphäre aufnehmen und mit ihren Wundern erfreuen wird. Diese Idee, die ich freilich nur ahne, ist meine Geliebte, die mich durch ihr zauberisches Halbdunkel unaufhörlich reizt, und anzieht; und ich bitte Dich, mein Freund, wenn Du etwas beitragen kannst, mich diesem Ziel näher zu bringen, so thue es, und mache Deinen Eduard sobald als möglich glücklich.

Ich komme eben von einem weiten Spaziergang zurück, und weihe Dir noch die letzten Augenblicke dieses Tages. – Neues Leben regt sich durch die Natur; ein frisches Grün breitet sich über den Grund, die Bäume schwellen von junger Lebenskraft. Mit welcher Lust sah ich, als ich die bekannten Höhen hinaufstieg, den Raum unter mir, immer mehr an Leben und Mannigfaltigkeit gewinnen! – Wäre es doch möglich, dachte ich, so immer höher zu steigen, und dann, in heiliger Einsamkeit, die ganze Erde, ihren einfachen Gesetzen gemäß, dahin wandeln zu sehen, dann immer weiter den unersättlichen Durst nach Wissen zu folgen, und den Sonnen und Sternen ihre ewigen Geheimnisse abzulauschen! – Ach! daß es einen Punkt giebt, wo alles in Nebel verschwindet, wo der Blick des menschlichen Auges, des äussern und innern, traurig an der Gränze haftet, welche eine unbegreifliche Macht seiner durstigen Wißbegier vorschob! – Hier, wo sonst alles in der Natur den Zweck erreichen kann, zu dem seine innern Kräfte es bestimmen, wo alles in friedlicher Nothwendigkeit die beschriebene Bahn durchläuft, wo für jedes Bedürfniß des sichern Instinkts gesorgt ist; was soll hier des Menschen freier, unauslöschlicher Durst, nach Wissen, der nie befriedigt wird, und ihn gleichwol zwingt, lieber, ewig unbefriedigt, vor der geheimnißvollen lezten Ursache alles Lebens, aller Wirkung stehen zu bleiben, ehe er, mit den Erscheinungen zufrieden, ruhig den kurzen Traum des Erdenlebens genießt? – Und doch, mein Barton, wäre der Streit über unser eignes Wesen entschieden, der geheimnißvolle Schleier der Natur zerrissen; so wäre ein Stillstand aller Thätigkeit, alles Strebens in uns. Ewig müssen wir suchen, indeß ein jeder das Geheimniß seines Wesens und seiner Hoffnungen, unerkannt und ahnungsvoll in seinem eigenen Busen trägt. Lebe wohl. Morgen reise ich nach dem Landgut des Herrn von W**, wo er eine vorzügliche Sammlung phisikalischer Instrumente aufbewahrt, und wo ich mir für meinen Geist reichlichen Genuß verschaffen darf.

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