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Amanda und Eduard

Sophie Friederike Brentano: Amanda und Eduard - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorSophie Mereau
titleAmanda und Eduard
publisherKore
editorBettina Bremer und Angelika Schneider
firstpub1803
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070821
projectid5df59af8
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Fünfter Brief.

Amanda an Julien.

Dies kleine, niedliche Städtchen gefällt mir mit jedem Tage mehr. Das ruhige Leben welches ich hier führe, läßt mich meinen Träumen ungestört nachhängen, und mildert manches traurige Bild, das sich mir, als ich im Geräusch lebte, sehr oft, mit schreienden Farben und bitterm Contrast unerwartet darstellte. Hier ist alles was mich umgiebt, Luft, Gegend, Frühling, in ein weiches Colorit getaucht, und unvermerkt verschmelzen hier auch die Bilder meiner Gedanken, traurige und fröhliche, in ein mildes, übereinstimmendes Ganze. Könnte ich nur diese Sehnsucht nach einem verwandten Wesen, nach jener, vielleicht nur erträumten Seelenharmonie, die mich jetzt oft lebhafter als je ergreift, könnte ich nur diese vergessen, so würde ich ganz glücklich sein. Ich seh' es ein, daß mir so vieles ward von dem, was die Wünsche des Menschen reizt. In der Blüthe der Jahre, in der vollen Kraft der Gesundheit gewährte mir ein günstiges Schicksal so manche fröhliche Genüsse, schöne Beziehungen des Lebens, die Andre unter ewigen Wünschen, unter Sorgen und Gram erst spät, viele nie erreichen. Frei und ohne mein Sorgen bieten sich mir alle Mittel dar, das Leben zu genießen, warum fehlt mir doch oft der Sinn dafür? Warum fliegen alle meine Wünsche unaufhaltbar dem Einen nach, was mir fehlt, da mich das Mannigfaltige, was ich besitze, genug beschäftigen könnte? – Ja, ich will allein sein, meine Julie! – ist es denn so unmöglich, daß ein Weib sich selbst genug sein kann? – sind unsre Herzen durchaus dazu geschaffen, in einem einzigen Gefühl die ganze Welt zu genießen, und warum sollten wir dies Gefühl nicht über die ganze Welt verbreiten können? – Wenn ich die Liebe, die ich ungetheilt im Herzen verschließe, auf viele Gegenstände übertrage, wenn ich einzeln und zerstreut die schönen Blumen breche, die das Schicksal nun einmal nicht für mich in einen Straus zusammenband, werde ich da nicht glücklich sein?

Ich habe, seitdem ich mich in dieser Stimmung zu erhalten suche, schon viele frohe Augenblicke gehabt. Kaum sind es einige Wochen, seit ich hier bin, und dennoch seh' ich mich bereits mit einer Innigkeit geliebt, die mir nichts mehr zu wünschen übrig läßt. Mein Liebhaber ist ein wunderliches Geschöpf, das jede Stimmung willig von mir annimmt und sich ganz davon beherrschen läßt, ohne sich im geringsten darum zu bekümmern, ob er mich dagegen auch beherrscht, und ohne deshalb von seiner Originalität zu verlieren, der, ob er gleich das sinnlichste Wesen von der Welt ist, bei stundenlangem Alleinsein, auch die Eifersucht selbst nicht zum leisesten Mißvergnügen reizen würde, der mich ungestört meinen Launen nachhängen läßt und mich nie um meine Geheimnisse fragt. – Willst Du diesen seltnen Liebhaber, ohne Herrschsucht, voll Unschuld und Bescheidenheit näher kennen lernen, so sage ich Dir, daß es ein kleiner, sieben oder achtjähriger Knabe ist, der meiner Wirthin angehört. Das Kind hat etwas edles, bedeutendes in seinem Wesen, das ich unbeschreiblich anziehend finde. In den ersten Tagen meines Hierseins traf ich ihn meist auf der Hausflur, wo er mit einem zahmen Vogel spielte, den er immer mit sich herum trug, und ausserordentlich zu lieben schien. Lange konnte ich ihm keine Rede abgewinnen, und nur dadurch, daß ich seinem kleinen Liebling alle Tage eine Handvoll Körner brachte, und auf ihn gar nicht zu achten schien, erwarb ich mir sein Zutrauen. Seitdem bringt er den größten Theil des Tages bei mir zu, und die Aussicht etwas zur Verschönerung seines innern und äussern Lebens beitragen zu können, ist mir unbeschreiblich angenehm. – Ach! warum kann Albret dies Vergnügen nicht theilen! wie unglücklich ist das Herz, das sich so unschuldigen Gefühlen nicht hin zu geben wagt! Albret traf den Kleinen auf meinem Zimmer, und sein liebenswürdiges Wesen schien auch seine Aufmerksamkeit zu erregen. Er betrachtete ihn – beinah wohlwollend, spielte mit ihm – ja er war, wie ich ihn noch nie gesehen. Aber unerwartet schien ein schneller Unwille gegen das Kind in ihm rege zu werden; er bat mich, ihn zu entfernen, wunderte sich über meine Gedult mit dem unartigen Knaben, und sagte so viel Hartes und unfreundliches über ihn, daß Wilhelm – so heißt der Kleine – scheu aus dem Zimmer sprang. Ist diese, so oft hervorbrechende Bitterkeit Werk der Natur, oder ist sie das Symptom eines vom Schicksal oder Menschen tief gekränkten Herzens? – O! daß ich das letzte glauben dürfte, wie gern wollte ich theilen, was auf diesem Herzen lastete! – Aber umsonst suche ich mir sein Vertrauen zu erwerben; er verschmäht den Antheil, den ihm jetzt freilich nur mein Blick noch zu zeigen wagt!

Aber wie mild doch jede Naturscene die Seele zu stimmen, und über das harte Gemälde des Menschenlebens ein weiches, geistiges Colorit zu hauchen vermag! – ich stand am Fenster, und meine Blicke tauchten sich träumend in die nächtliche Gegend hin. Ueber den Bergen erhob sich ein wankender Schein, der sich immer weiter und weiter verbreitete. Das Schweigen der Lüfte, die feierliche Erwartung der Natur, des Himmels wachsender Glanz, verkündete die nahende Erscheinung einer Gottheit. – Und nun stieg sie herauf, im Glanz gehüllt, die Beherrscherin der Nacht, und ein silbernes Licht strömte aus ihren Augen über die dunkle Erde hin. In Träume aufgelößt, und von dem langen Wiegenlied der Grillen in tiefe Selbstvergessenheit gesungen, sah ich dem leichten Tanz der Wolken um unsern Erdkreis zu, und überließ mich ganz dem Genuß einer unbestimmten, ahnungsvollen, freundlichen Schwärmerei, die eigentlich nur das Eigenthum der frühen Jugend ist. O! wer sollte nicht wünschen, daß es möglich wäre, in diesem Blüthenraum der Jugend, wo die Zukunft wie ein Feenland vor uns liegt, und ein ewiges Morgenroth der Hoffnung unsre Aussicht bekränzt, das ganze flüchtige Leben wegträumen zu können? Warum treibt der scharfe Hauch der Zeit uns so schnell aus diesen Blumenthälern hinweg, wohin kein Weg zurückführt? – Die Fähigkeit zu allen süßen, allen traurigen Empfindungen ruht in der Kindheit noch unentwickelt in dem kleinen Herzen, und es empfindet da bei der einfachsten Veranlassung noch ungetheilt, alles, was es jemals, vertheilt, bei den mannigfaltigsten Eindrücken zu fühlen vermag. Jedes Bild tritt neu und ungetrübt vor die jugendliche Phantasie, und der lebendige Eindruck ergießt sich mit sanfter Gewalt durch alle Saiten des erwachenden Gefühls. Deshalb umfaßt es die kleine Welt, die es umgibt, mit einer Innigkeit, die sich nicht durch Worte ausdrücken kann. Die liebliche Magie der Unerfahrenheit überwebt Ursprung und Ende jeder schönen Empfindung wie mit einer Wolke, daß sie auf einmal in ihrer ganzen Fülle dasteht, unbegreiflich und mächtig wie das Erscheinen einer Gottheit. Dies alles verschwindet, wenn der reifer gewordne Verstand, nun heller um sich schaut, und den leisen Gang der Eindrücke die das Saitenspiel des Herzens bewegen, zu verfolgen vermag. – Aber, Julie, giebt es keine Zeit im Leben, wo diese jugendliche Begeisterung in ihrer ganzen Stärke und Einheit, nur noch inniger, schöner, heiliger zurückkehrt? und welche Zeit kann dies anders sein, als die, wo wir lieben? – O! Julie, dies Bild wird ewig, wie ein verlornes Paradies, vor meiner Seele schweben!

Ich habe bis jetzt wenig gelesen; in frühen Jahren lernte ich nur wenige, meist unterrichtende Bücher kennen, und Bücher zärtlichen Inhalts blieben mir fast ganz fremd. – Jetzt lese ich, unter andern, für mich neue Schriften, auch zum erstenmal Rouseau's Briefe zweier Liebenden. Was ich empfinde bei manchem von Juliens Briefen – denn nur sie, sie nur liebt, nicht St. Preux – vermag ich nicht, Dir zu beschreiben. So, denke ich, könnte ich auch lieben, und seufze über das Geschick, das mir Alles gab, ausser dem Einen und in dem Einen mir alles versagte.

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