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Amanda und Eduard

Sophie Friederike Brentano: Amanda und Eduard - Kapitel 40
Quellenangabe
typefiction
authorSophie Mereau
titleAmanda und Eduard
publisherKore
editorBettina Bremer und Angelika Schneider
firstpub1803
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070821
projectid5df59af8
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Dreizehnter Brief.

Eduard an Barton.

Hier an den Ufern des Arno, nicht weit von dem blühenden Florenz, schreibe ich Dir, nach langem Schweigen wieder. Welch' eine reizende Umgebung verbreitet sich um mich her! Unter dem sanften Himmelsstrich prangt hier die Erde in der Fülle der reichsten Vegetation; dicht belaubte Büsche, schimmernd grüne Rasenplätze, schlängelnde Pfade, wechseln in der anmuthigsten Mischung mit einander ab. Eine große Volksmenge versammelt sich jetzt im Freien, um die schönen Herbsttage zu genießen, die in diesem Lande unaussprechlich schön sind. Gruppen einzelner Menschen und ganze Familien, umschwärmt von ihren Kleinen, lagern sich im Schatten, auf den glänzend grünen Rasen, und dieser Anblick gewährt ein liebliches Bild von Ruhe und heiterm schönen Genuß der Gegenwart. O! wie beneide ich dies Volk, das unter dem Einfluß eines milden Himmels gebohren, sein Dasein in jedem Moment auf das lebendigste genießt, und nichts als Lebenslust, Ruhe, und frohen Genuß der fliehenden Tage athmet, indeß wir Armen, im nordischen Klima Erzeugten, ewig mit Kälte und Melancholie kämpfen, und statt, den Genuß des Lebens zu fühlen, den Genuß verstehen wollen! Alle die Schrecknisse der Phantasie, welche den ungebildeten Theil der Nordländer, und auch den Gebildeten, so häufig das Leben verbittern, sind diesen Bewohnern südlicher Gegenden gänzlich unbekannt; nicht wie bei jenen durch die Ungemächlichkeiten des Klima, aus den Regionen des Lebens hinweg gedrängt, kann ihre Phantasie ruhig auf den Gegenständen der wirklichen Welt verweilen, und findet hier den reichsten Stoff sich zu beschäftigen. Auch die Ideen des Aufhörens, der Verwesung suchten diese Glücklicheren stets so leise als möglich zu berühren, und wenn es scheint als habe das rauhe, nordische Klima seine Bewohner schon im Leben mit ihren Gedanken zum Grabe hingedrängt, und sie mit den furchtbarsten Gegenständen, die man sonst kaum zu denken wagte, ganz vertraut gemacht, so suchten jene die Gestalt des Todes, mit einem mildernden Schleier zu verdecken, oder diese Idee durch weiche, liebliche Bilder minder furchtbar zu machen. Ja, auch jetzt, so verschieden auch die neuen Göttergestalten, von den altern Göttern sein mögen; so sichtbar sind auch jetzt noch die Spuren des Geistes, der in jener poetischen, aus Griechenland hieher verpflanzten Religion athmete, welche wie die Dichtungen Homers, ihres Sängers, erhaben, schön und beglückend war. – Nie vermag ich, ohne die innigste Rührung den Abendgesang der heiligen Jungfrau zu hören, welcher hier den müden Arbeiter zum ersehnten Feierabend ruft. In ihm ertönt das Lob der Maria, »die mit den Sternen gekrönt ist und den Mond zu ihren Füssen hat; die ohne Mackel und ohne Flecken, mit der Klarheit der Sonne umkleidet ist; die große Ausspenderin von den Schätzen des Himmels; golden, heißt es, ist das Haar der Himmelskönigin, und Licht ist ihr Gewand! Maria, du schön Gebildete, ich wünsche im Paradiese zu deinem Anschauen zu kommen!« – Und hört man in dieser Zusammensetzung, das sanfte Madre d'amore! so wähnt man auf Augenblicke, ganz in das schöne Alterthum versetzt zu sein.


Doch so sehr ich mich auch bestrebe, der Stimmung dieses Volks gemäß, alle Erscheinungen vor mir übergehn zu lassen, ohne Reflexionen darüber anzustellen; mich immer mehr auf den Moment zu beschränken, und mir nicht, mehr die vergebliche Mühe zu geben, die labyrinthischen Verwickelungen des Lebens enträthseln zu wollen, so will es mir doch nicht immer gelingen. Eine unbeschreibliche Sehnsucht ergreift mich hier, wo alles, Genuß und Befriedigung athmet. – Der angenehme Müßiggang der Reise, die Entfernung von bindenden Geschäften, von der prosaischen Zerstreuung des gesellschaftlichen Lebens, diese haben mich ganz wieder in das Land der Jugend und der Wünsche zurückgeführt. Alles Streben, alles Treiben der Menschen – wie unnütz erscheint es mir – und nur die Liebe allein dünkt mich der Sehnsucht werth! – Ja, sie war es, sie allein, die einst einen südlichen Himmel in meine Seele zauberte, die mich die Sprache der Natur verstehen lehrte, und mir das Gefühl einer heiligen überirrdischen Begeisterung gab, die mir das Unsterbliche ahnden ließ und mein Gemüth mit frommen Glauben entzündete! – O! wie verschwanden und entblätterten sich alle Resultate des Verstandes, alles Kalte, Gesuchte, was von vielen Moral genannt wird, wie verschwanden sie bei dieser warmen gläubigen Religion der Liebe, durch die ich mich unsterblich und göttlich fühlte! – Könnt' ich Amanda an meine Brust drücken, könnt' ich hier mit ihr leben, wo mir nun oft ein schneller Gedanke an sie, die Freude selbst verbittert, weil sie Amanda nicht mit mir theilt, und weil ich nun einmal glaube, daß sie ohne mich nicht glücklich sein kann! – Daß Amanda in dieser Gegend, wo ich jetzt lebe, auch eine geraume Zeit zugebracht hat, vergegenwärtigt mir ihr Andenken noch mehr. Ich habe schon Mehrere gesprochen, die sie gekannt haben, die sich ihrer noch sehr lebhaft erinnerten, und ihrer Schönheit, ihrem Edelsinn und ihrer Anmuth einige Lobreden hielten. – O! Barton, Du wirst sie sehen! Schreibe mir von ihr, so bald Du sie gesehen hast. Auch ich will sie sehen; ich bin es Cölestinen, ich bin es meinem künftigen Leben schuldig. Ich muß es wissen, ob das, was ich jetzt für sie fühle, nur ein leichter, wesenloser Traum ist, vom Zauber der Entfernung, vom Einfluß dieses Himmels und trügerischem Spiel der Phantasie erzeugt, oder ob ein wahres, tief in mein ganzes Wesen eingewebtes Gefühl zum Grunde liegt. – Bald eile ich über die Alpen, dann in jene Gegend, wo auch milde Lüfte schmeicheln, auch Mandelbäume blühen, und Rebenhügel winken, und wo mehr ist als italiänischer Himmel, weil Amanda dort lebt!

Dem ausdrücklichen Verlangen meines Vaters Genüge zu leisten, mußte ich hier auch Biondina di Monforte sehen, eine Bekanntschaft, die ich sonst gern vermieden haben würde. Ich wurde von ihr mit ausgezeichneter Güte aufgenommen, und ohngeachtet meines Widerwillens gegen sie, konnte ich mich nicht enthalten, die Reize zu bewundern, die, trotz des herangenahten Alters, noch jetzt an ihr sichtbar sind, und die, was auch die Kunst für Theil daran haben mag, von einer seltnen Begünstigung der Natur zeugen. Jedoch fand ich auch dagegen, einen Ausdruck in ihrem Gesicht und in ihrem ganzen Wesen, der mich unwiderstehlich von ihr zurückzog, und der, wie ich fest überzeugt bin, auch bei der schönsten Blüthe feuriger Jugend eben dasselbe Gefühl in mir hervorgebracht haben würde. Mit inniger Befremdung, erinnerte ich mich daher in diesen Augenblicken so mancher Scene, wo mein Vater, nach einer mehr als zehnjährigen Entfernung seines Umgangs mit ihr, als der schönsten Zeit seines Daseins mit einem Enthusiasmus, einer Rührung gedacht hatte, der an diesem sonst so sanften und gleichgestimmten Manne doppelt auffallend war. Bedenke ich aber, wie er hier, in diesem Paradiese, noch vom Abendroth der Jugend beglänzt, von Liebe und Stolz zu süßem Genuß eingeladen, sich einem seeligen Rausche hingab, der ihm die magische Binde so fest um die Augen legte, daß er die unweibliche Anmaaßung und Herrschsucht dieser Frau nicht sah, und alle ihre Fehler den Umständen und der Umgebung aufbürdete; so wird es mir wiederum sehr begreiflich, daß ihm die hier verlebte Zeit stets für die Blüthe seines Lebens galt. Diese Frau war es, welche meinem Vater vor Albret den entschiedensten Vorzug gab, und durch diese Kränkung in das stolze und heftige Gemüth dieses Mannes einen unauslöschlichen Haß gegen den Begünstigten pflanzte. Dieser Haß ward durch mich, in dessen Anblick er die Züge seines Feindes wieder fand, aufs neue belebt, und die Begierde, sich durch den Sohn, an dem Vater gerächt zu sehen, ließ ihn mancherlei Pläne entwerfen, deren Ausführung ihm um so mehr am Herzen lag, da Amanda, deren seltnen Werth er unwillkührlich anerkennen mußte, ihn durch ihr Betragen gegen mich, immer mehr mit Haß und Rache entflammte. O! wie willkommen, wird ihm in mancher Rücksicht der Befehl meines Vaters gewesen sein, wodurch er auf meine schnelle Abreise drang, ohne damals mir selbst die Gründe dieses Verlangens anzugeben! – Und dem Haß dieses Mannes konnte Amanda ihre Liebe aufopfern? Auf seine Bitten, welche die Furcht, sie früh oder spät mit dem Sohn seines Todfeindes verbunden zu sehen, ihm eingab, konnte sie durch ein feierlich gegebenes Wort mir auf immer entsagen? – Sieh' Barton, wenn ich mir denke, wie Albret selbst das Gelingen seines Plans triumphirend verbreitete, wie Amanda es Nanetten bestätigte, wie ich auf meinem letzten, dringend an sie geschriebenen Brief, voll feuriger Liebe, keine Antwort erhielt, dann glüh' ich von neuem, wie in den ersten Zeiten jener unseeligen Auflösung; selbst der Anblick des südlichen Himmels, und der milden, lachenden Natur, die mich hier umgiebt, vermehrt nur die Bitterkeit, womit ich jener nordischen Kälte und Unnatur gedenke, die mich, ach! all zu früh! aus dem schönsten Wahn meines Lebens weckte, und ich eile, mich zwischen engen, düstern Wänden einzuschließen, weil ich den Contrast der heitern, mich umgebenden Welt, mit der zerstöhrten, die ich im Busen trage, da minder lebhaft zu fühlen glaube!

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