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Amanda und Eduard

Sophie Friederike Brentano: Amanda und Eduard - Kapitel 38
Quellenangabe
typefiction
authorSophie Mereau
titleAmanda und Eduard
publisherKore
editorBettina Bremer und Angelika Schneider
firstpub1803
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070821
projectid5df59af8
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Elfter Brief.

Amanda an Julien.

Dein letzter Brief hat mir sehr viel Freudiges gesagt. In Deinen Urtheilen über mich und mein Leben, finde ich eben so viel Klugheit als Zartheit, und Du versicherst mir es so ehrlich, daß ich es glauben muß, wie meine Briefe immer sehnlich von Dir erwartet würden, wie sie für Dich weit mehr Leben und Interesse, als das schönste Buch hätten, ja, wie sie das einzige Poetische in Deinem Leben wären. – Dies alles ist mir nun sehr willkommen, denn mir ist es nun einmal Bedürfniß geworden, Dir meine Klagen, meine Erinnerungen und meine Freuden, ohne Zwang und Rücksicht zu vertrauen, und Du bist auch die Einzige, gegen die ich es kann. – Ja, Julie, was auch die Zeit an den glänzenden Farben jener Vergangenheit verwischen mag, so glücklich ich mich jetzt durch Antonios Gegenwart fühle, so viele schöne Beziehungen ich um mich vereine; so kann sich mein Herz doch nie ganz von jenem Zauberlande losreissen, und selbst jedes fröhlichere Gefühl, das mein Herz bewegt, scheint mir nur ein Bote von dort zu sein, der mich wieder lebhaft in die alten Fesseln zieht. – Oft fühle ich es so unruhig und so gewiß, daß ich ihn wiedersehn werde – aber bald spricht eine feindliche Stimme dazwischen: er hat Dich vergessen – und alles ist verändert. Die säuselnden Lüfte, die Berge mit ihren waldigen Scheiteln, der Fluß mit seinen rauschenden Wellen, alle sagen es nach: er hat Dich vergessen! die Sehnsucht seiner Liebe umschwebt uns nicht mehr! – Oft wenn ich hinblicke unter die Schatten der Bäume, und aus ihrer freundlichen Dämmerung, viele halbvergeßne Jugendbilder hervortreten, und von ihren flüsternden Zweigen seelige Träume auf mein Herz einsinken; dann schwebt die entflohene Liebe, wie ein verlohrnes Paradies vor meiner Seele, und eine Thräne des Schmerzes verdunkelt mein Auge. – Aber dann reisse ich meine Blicke gewaltsam von jenen Bildern los, und schaue mit verschloßnem Weh in die lichte, offne Ebene hin, und weite, fröhliche Entwürfe, heiter wie die Ferne, dämmern vor mir auf; dann umweht mich neue Lebenslust, und ich freue mich meines Muths, daß ich, nach dem Verlust desjenigen, was mir Alles war, noch zu leben wage. – Und Julie, so schwankt mein Gemüth noch oft zwischen den Eindrücken, einer allzu schönen Vergangenheit, und einer heitern Gegenwart.

Du kennst aus meinen Briefen die Menschen, die ich täglich sehe, es ist Antonio, der Graf, Charlotte, ihr Mann und Wilhelm; mein Leben verfließt jetzt gleichförmig und anmuthsvoll, und nur kleine Begebenheiten, nichts Großes, Erschütterndes, bezeichnet die Spur der fliehenden Tage. Unter diese gehört auch folgendes, was unserm Kreis, zu Bemerkungen und Gesprächen viel Veranlassung gab. Wilhelm hatte eine kleine Reise, in eine nahgelegene, wild-schöne Gegend gethan, und als er zurückgekommen war, spielte uns der Zufall ein Lied in die Hände, das er dort gedichtet hatte. Hier ist es:

Es seufzen bedeutend
die Winde und stumm,
die Wolken ziehn leidend,
am Himmel herum.

Sie quellen, sie fliehen
die Thäler entlang,
und Träume durchziehen
den Busen so bang.

Der Tag ist verschwunden
tief schweiget die Nacht,
im Dunkel dort unten
der Hammer nur wacht.

Da klagt eine Flöte
ihr Leid durch die Nacht,
das stets mit der Röthe
des Abends erwacht.

Es stürzet der Reuter
den Waldsturz hinab,
und weiter und weiter
erreicht ihn sein Grab.

O! Mutter nun weine
die Thrän' über ihn,
dann glänzet im Scheine
dir froher das Grün.

Wenn Frühling besäumet
den Hügel mit Flor,
in Blumen dann keimet
sein Geist dir empor.

Sie blicken wie Augen
sie suchen dich doch;
sie winken und hauchen
und lieben dich noch.

Was mich bei diesen Strophen am meisten rührte, war die Stimmung, die ich darinnen durchschimmern sah. Ich fand eine Schwermuth, die ich ungern in diesem jungen Gemüthe bemerkte. Aber auf der andern Seite mußte ich auch das Talent anerkennen, das ohngeachtet der Verworrenheit und den Mängeln die in dem Liede herrschen, doch unleugbar sich zeigt, und deutlich das Bestreben wahrnehmen läßt, die Eindrücke, die Bilder, die um ihn sind zu einem Ganzen zu gestalten und einen Sinn in sie zu legen. – Diese Strophen gaben zu einem Gespräch über Poesie im Allgemeinen Anlaß, welches ich aufgezeichnet habe, weil es meine Freunde sehr genau charakterisirt und reich an auffallenden Bemerkungen ist, aber da ich nicht weiß, ob Dir der Gegenstand wichtig genug ist, ein langes Gespräch darüber nicht ungelesen bei Seite zu legen: so will ich erst Deine Entscheidung darüber abwarten, bevor ich Dir es schicke.

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