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Amanda und Eduard

Sophie Friederike Brentano: Amanda und Eduard - Kapitel 37
Quellenangabe
typefiction
authorSophie Mereau
titleAmanda und Eduard
publisherKore
editorBettina Bremer und Angelika Schneider
firstpub1803
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070821
projectid5df59af8
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Zehnter Brief.

Eduard an Barton.

Ich weiß es selbst nicht, Barton, warum mich der Inhalt Deines letzten Briefs so ungewöhnlich bewegt, ja befremdet hat. Du schreibst mir, daß Du Dich mit Nanetten verheirathen wirst; daß Ihr beschlossen habt, ihr bei ** gelegenes Gut zu bewohnen, und dort abwechselnd dem Ländlichen und der Geselligkeit zu leben. Du schreibst mir das, mich dünkt, mit einem gewissen Stolz; Du freust Dich Deines Looses mit so ruhiger Freude, als wenn das alles sich so hätte begeben müssen, weil Du es gewollt hast. – Beinah' glaube ich, daß es eine Art von Neid ist, was sich dabei so seltsam in mir regt. Auch mein Schicksal ist jetzt auf gewisse Weise entschieden. Ich sehe mit Zufriedenheit fast alle meine jugendlichen Wünsche erfüllt, meine Pläne der Reife, und meinen Ehrgeiz seiner Befriedigung nah'n, und doch – doch sehne ich mich oft ganz unaussprechlich in jene Zeiten der Wünsche, des Unvollendeten zurück, wo mir, verhüllt in das schöne Geheimniß der Liebe, der Genuß der schönsten Poesie meines Lebens, die Gewißheit der in mir wohnenden Gottheit vergönnt ward. Und dann fühle ich in tiefer Seele, daß eigentlich ein Loos den Deinen ähnlich, das Ideal meiner Wünsche war. – Doch wie es auch sei, ich gönne Dir Dein Glück. – Schon mehrmals habe ich meine Ansicht von Dir geändert, aber der wahre Gehalt Deines Wesens, und das, was ich Dir verdanke, blieb mir zuletzt ganz unveränderlich. In frühern Jahren sah' ich Dich nur mit einer gewissen Glorie umgeben, Du schienst mir unerreichbar, und ich verehrte Dich wie einen der Ueberirdischen.

Dann aber kam eine Zeit, die Zeit wo alles vor mir schwankte, ich an allem zweifelte, und da verschwand auch der Nimbus, der Dich verherrlichte, und Dein ganzes Wesen kam mir sogar zweideutig vor. Hat er sein Spiel mit mir getrieben? dachte ich oft. Was sollen mir diese hohen Ideen, diese Ansprüche, die nie befriedigt werden, die mich mit der Welt unzufrieden und mich für sie untauglich machen? – Warum gab er, der die Menschen kannte, mir nicht lieber Wahrheit, wenn sie auch bitter war, für dieses zauberhafte Licht, bei dessen Verschwinden mich nur ein tiefes Dunkel umfängt? – Aber bald ward es mir heller; ich erkannte die höhere Wahrheit, in dem, was ich für Täuschung hielt, ich erkannte Dich als einen Menschen, den das Leben gebildet hat, und der nun wiederum das Leben bildet, der die Welt versteht, und seine eignen Erfahrungen auch für andre aufs beste zu benutzen strebt. So blieb Dein eigenthümlicher Werth nun klar vor mir stehen und auch Dein Verhältniß gegen mich. – Ich fühle, daß Du mich erzogen hast, denn Erziehung, wie ich dies Wort nehme, heißt nicht den Menschen bestimmen, sondern ihm Gelegenheit geben, seine angebohrnen Fähigkeiten zu üben und zu entwickeln; ihm Gelegenheit geben sich selbst zu bestimmen. Jeder, der nicht seinen Anlagen gemäß leben kann, fühlt sich unglücklich und unbestimmt. Der weisere Mensch, merkt diese Anlagen frühzeitig bei der Entwickelung des Kindes, und thut dann das Seine, es in eine ihm angemessene Lage zu bringen, denn erst dann, wann der Mensch seiner Eigenthümlichkeit gemäß leben kann, vermag er auch für andre viel zu sein. – Das Leben ist nichtig und ein jeder hat Momente, wo er es fühlt, wo er fragen muß: aller Zweck, alles Streben, wozu führt es? – Aber dann treibt die Lust zu wirken, zu schaffen, wieder in den Schauplatz, der uns allein zur Uebung unserer Kräfte gegeben ist, und wir fragen nicht mehr, was soll es? sondern wir mischen uns mit Eifer unter die Menge, wo wir nicht die Ungeschicktesten sein wollen, und wenn wir auch heimlich das Ganze als Spiel betrachten, so dünkt es uns doch würdig, das Spiel mit allem Ernst durch zu führen. – Nur soll ein jeder seine Individualität kennen lernen, hat er dann ein richtiges Bild von sich selbst gefaßt; so kann er mit diesem Bilde in die Welt eintreten und ruhig und sicher handeln. – Denn was man auch sagen mag; so ist es doch gewiß, daß sich die äußern Umstände öfterer nach dem Menschen formen, als er sich nach ihnen. Seine Art zu denken, zu empfinden, sein Geschmack, seine Irrthümer ziehn die Verhältnisse um ihn herum, und der Wunsch sie verändert zu sehen, ist vergebens, wenn er sich nicht selbst ändern will und kann. – War bei allen bittern Klagen, die Rousseau über die Menschen ausstieß, er es nicht immer selbst, der zu dieser Behandlung Veranlassung gab? – Er, der sich gegen alle so sonderbar und ungewöhnlich betrug, mußte auch ein ungewöhnliches Betragen von andern erfahren, und wär' er aufrichtig gewesen, so hätte er doch wahrscheinlich gestehen müssen, daß er nirgends so glücklich hätte sein können, kein Zustand für ihn so passend war, wie gerade seine Verbannung, wo er von allen Verhältnissen frei, seinen Träumereien ganz ungestöhrt leben konnte.

Aus dem, was ich Dir hier geschrieben habe, wirst Du vermuthen, daß gerade jetzt ein Zeitpunkt meines Lebens ist, wo ich über meine Verhältnisse zu der Welt, mehr als gewöhnlich nachgedacht habe; und Du hast recht. – Ein jeder, glaube ich, hat Momente, wo er das Bestreben fühlt, aus seinem Leben, ein Ganzes, eine Geschichte zu bilden, und wenn er dies nicht kann, wenn er den Faden, der seine kleinen und großen, innern und äußern Begebenheiten zusammenhält, gänzlich verliert, oder wenn er ihm zerrissen wird, so ist er unglücklich und zerstückt. – Bisher habe ich dies Bedürfniß nie lebhaft gefühlt; denn, weil ich so verschiedene Ansichten hatte, und mit ihnen wechselte; so fand ich scheinbar, oft wenig Zusammenhang mit den Vorhergehenden. – Doch jetzt, da ich auf einer Art von Ruhepunkt stehe, und mein Leben wie einen bunt gewirkten Teppich vor mir liegen sehe, und übersehe, merke ich einen leisen Zusammenhang, und einen Faden, der aus mir selbst herausgesponnen, das Einzelne verbindet. – Ich bin nicht unzufrieden mit mir und der Welt, nur das Einzige schmerzt mich, und wird mich ewig schmerzen, daß das Höchste meines Lebens, die Zeit, wo sich die Blüthe meines Lebens entfaltete, wo alles auf etwas Einfaches, Großes hinzudeuten schien, doch am Ende in Unverständlichkeit vergieng. O Barton! ich wiederhole es, nur der kleinste Umstand meines Lebens durfte anders sein, und Vernunft und Glück mußten unvermeidlich der Quaal dieses Gedankens erliegen! Ich weiß nicht, ob ich Dir es schon geschrieben habe, daß ich ohngeachtet meiner Jugend nun als ** hier angestellt bin. Dies ist eine Stelle, die sich mein jugendlicher Ehrgeitz oft als das schönste Ziel dachte. Theils in Geschäften meines Vaters, theils um noch manche, mir nöthige Kenntnisse und Geschicklichkeiten zu erwerben, werde ich, eh' ich die Stelle antrete, noch ein Jahr lang reisen. Komme ich dann zurück, so wird es nur von mir abhängen, mich mit Cölestinen, – so heißt das reizende Geschöpf, die Du aus meinem Briefe kennst, – auf immer zu verbinden. – Auf dieser Reise werde ich auch zu Dir kommen, verlaß Dich darauf! Wahrscheinlich wirst Du dann schon Dein Landgut bewohnen. – Ich muß Dich, ich muß Amanda wiedersehen! Wie sollte ich mir diesen wunderbaren Moment, der schon jetzt mein Herz erbeben läßt, nicht in mein Leben herein bannen? – Wie wird sie mir, wie wird mir alles um sie her erscheinen?

Du wirst glücklich sein, Barton! – Ich muß immer wieder hierauf zurückkommen. Du wirst das heiterste, lebendigste Leben führen, und von Nanettens stets gegenwärtigem Gemüth, Deinen weiter strebenden Sinn, stets freundlich an dem Augenblick gefesselt fühlen! Eben weil ihr wenig Aehnlichkeit habt, werdet ihr so sehr für einander passen, denn die Liebe wird oft durch das Verlangen genährt, das, was uns fehlet, durch den geliebten Gegenstand ersetzt zu finden, und bei vollkommener Gleichheit des Gemüths mangelt ihr größter Reiz.


Der Morgen meiner Abreise ist gekommen, und in wenig Augenblicken sitze ich im Wagen. Ich habe lange keine Frühstunden genossen, und überhaupt alle Naturerscheinungen, unempfindlich vor mir vorüber gehen lassen, weil ich mich nicht den Eindrücken hingab, sondern sie beherrschte. – Nie dünkt es mich, habe der Hahn so melodisch sein Morgenlied gesungen; nie die Vögel so laut und kühn dem Tag entgegen gejauchzt; die Landschaft habe nie so frisch aus den nächtlichen Regenschauer hervor geschaut; die Sonne nie so freudig über die dunkeln Wolken gesiegt, als heute. Ich ahnde es, – auch meinem Leben ist noch ein Morgen aufgegangen – noch Ein Morgen, und wüßte ich auch, daß mit diesem Tage ich selbst mich leise neigen würde, so könnte es mich doch nicht stöhren in meiner freudigen Hoffnung.

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