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Amanda und Eduard

Sophie Friederike Brentano: Amanda und Eduard - Kapitel 35
Quellenangabe
typefiction
authorSophie Mereau
titleAmanda und Eduard
publisherKore
editorBettina Bremer und Angelika Schneider
firstpub1803
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070821
projectid5df59af8
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Achter Brief.

Eduard an Barton.

Es ist tiefe Nacht. – Der Mond malt die Umrisse der Fenster bloß auf den Boden hin. Ich tauchte mich in die nächtliche Luft, die lieblich kühlend mir entgegen quoll, und eine dunkle Unruh überfiel mich, als ich an dem nächtlichen Himmel die wechselnde Gestalt der bleichen Wolken, das sonderbar gebrochne Licht des Mondes betrachtete. – Aber es war die zärtliche Schwärmerei nicht mehr, die wohl einst in glücklicher Zeit mich in solchen Stunden, mit Sehnsucht und Wehmuth ergriff – es war vielmehr das lästige Gefühl eines beschränkten Wissens, das in gewissen Momenten den Menschen so mächtig ergreift. – Ich dachte mir, wie die frühen Generationen der Sterblichen schon auf die Erscheinung der Himmelskörper geachtet hätten, wie sie in stillen Nächten ihren Gang beobachtet, und mit der süssen Hoffnung einst ganz mit ihnen bekannt zu werden erfüllt, ihnen ihre geheimnißvolle stille Ordnung abgelauscht hätten – bis dann die Menschen sich auf einmal vor der Gränze fanden, wo jede Spur verschwindet. Keiner stieg in den Stern hinauf, keiner stieg herab. Sie durften nicht fragen: warum befolgt ihr diesen Gang, diese ewige, gesetzmäßige Gleichförmigkeit? – Von ihrer eignen Schwere festgehalten, bleiben die Menschen an die Erde gefesselt, und nur auf den Schwingen der Phantasie können sie dieselbe verlassen. – Die Wolken flogen auseinander, und mit siegreichem Glanz standen die Sterne in ihrer blauen, unermeßlichen Klarheit da. – Dort oben also, ewiges Licht, und abwärts nur Dünste und zweifelhafter Schein? – Warum wirkt ihr auf mich, warum beunruhigt ihr mich, ihr geheimnißvollen Wesen, deren Natur ich vielleicht nie zu ergründen vermag? –

Wenn Du diese traurigen Gedanken gelesen hast, mein lieber Freund, so wirst Du mir es vielleicht kaum glauben, daß ich unmittelbar vorher, von der zärtlichen Unterhaltung, einer schönen Geliebten, nach Hause gekommen war. Und doch ist es so; aber meine Liebe, ist wie sie selbst, nur der Gegenwart geheiligt, aber auch in dieser gleich ihr, unendlich beglückend.

Ich will Dir nicht leugnen, daß jenes Abentheuer, mit dem schönen Waldmädchen mich doch im Grunde gewaltig verstimmt hatte. Die Ueberzeugung, daß nur meine Umgebung allein, so vielen Reiz für sie gehabt hatte, war mir sehr empfindlich, und ich kam mir in manchen Augenblicken recht gedemüthigt vor. – Denn gewiß dünkt es doch einem jeden schön, – und ist es auch – um seiner Persönlichkeit willen geliebt oder geehrt zu werden, und so gern auch Viele sich im Nothfall hinter die Schutzwehr ihres Ranges oder ihres Reichthums verstecken, so schmeichelt ihnen doch nichts mehr, als wenn sie glauben, man übersehe dies alles, und achte nur ihr eigenthümliches Verdienst. Und wie unangenehm würden Manche, die so zuversichtlich alle Huldigung auf Rechnung ihres persönlichen Werths schreiben, überrascht werden, wenn ihnen ihre artigen Umgebungen, denen eigentlich die andern schmeicheln, auf einmal genommen würden, und sie nun mit einemmale alles um sich her verändert sähen! Ich war menschenscheu geworden und vergrub mich eine Zeitlang in Arbeiten, in denen mein Vater mir es nicht fehlen ließ, bis ich mein Selbstgefühl wieder so sehr gestärkt fand, daß ich wieder heiter und empfänglich in die muntre Welt, die mich hier umgiebt, treten konnte. Mitten im bunten Getümmel begegnete ich bald darauf einem Mädchen, deren Umgang im Kurzen das Ziel meines Bestrebens ward. Ich fand sie in den besten Gesellschaften, und überall, wo Vergnügen, Geschmack und Lebhaftigkeit wohnte, und durfte sie bald, so oft sie nur selbst wollte, in dem geschmackvollsten Zimmer, und der niedlichsten Umgebung allein sehen. Dir zu schildern, was sie eigentlich ist, vermag ich nicht, obgleich ich sie in manchen Augenblicken ganz zu verstehen glaube, aber wie es auch sei, so viel ist gewiß, daß mich ihr Wesen, so oft ich sie sehe, ganz froh und glücklich macht. Ich möchte sagen, daß sie von allen Freuden des Lebens nur das feinste und flüchtigste, wie den bunten Staub auf den Schmetterlingsflügeln, abstreift, und über alles Tiefe, Nachdenkliche, im Leben leicht und ahndungslos hinwegschlüpft, wie ein Zephir nur die Spitzen der Blumen berührt. Für mich ist sie sehr poetisch, obgleich sie selbst nichts davon wissen will, denn die Poesie, sagt sie, ist ein Traum aus einer andern Welt, und ich schlafe nicht; ich wache. – Uebrigens mein Lieber, bemühe ich mich auch eben nicht sonderlich, mein Urtheil über sie recht ins volle Licht zu setzen, und sie unter irgend eine schulgerechte Regel bringen zu wollen. Denn schon oft sind mir die meisten Urtheile der Männer über Weiber recht herzlich zuwider gewesen. Fast ein jeder hat sein System, und hält nun, wie an einer Silberprobe jedes weibliche Geschöpf, das ihm im Leben begegnet; er künstelt an dem unschuldigen Wesen, um es in sein System zu passen, und nennt es dann verschroben, wann es seiner Eigenthümlichkeit nach anders ist, als er sich es dachte. – Ich bin zufrieden, daß es mir vergönnt ist, in den Spiegel dieses heitern, empfänglichen Gemüths zu schauen, welches alle Strahlen der Welt auffaßt, und in den lieblichsten Farben zurückstrahlt so, daß mir nun vieles, was mir sonst öd' und todt war, mit frischen Reizen in die Seele herein scheint. –

Wir hatten uns schon oft und viel gesehen, ohne sonderlich auf einander zu achten, als mir mit einemmale die Augen aufzugehen schienen. Ich war in der reinsten Stimmung, das Leben erschien mir unbedeutend und wichtig zugleich; ich nahm mir vor, nichts Bedeutendes zu erwarten, und die Freude frisch zu ergreifen, wo sie mir entgegen lächeln würde. Und so hatte ich den entschiedensten Sinn für ihre Liebenswürdigkeit. Wir wurden sehr schnell bekannt, und ich konnte ihr frei meine Neigung entdecken. Sie antwortete nicht darauf, blieb in ihrem Betragen unverändert, und schien es gar nicht zu achten. Aber einst, als ich allein bei ihr war, und sie mir mehr als gewöhnlich reizend erschien, nahm sie eine frische Granatblüthe von ihrer Brust, und gab sie mir. Diese Blüthen sind der Gegenliebe geweiht, sagte sie, und blickte mich mit feuriger Schwärmerei an. – In diesem Styl ist alles was sie thut, leicht, willkührlich und fein, nur daß es von Blick und Geberde begleitet sein muß, und, wie sie selbst sich schöner sehen, als beschreiben läßt.

Sonderbar ist es, daß mich ihr Gesang, – denn sie übt' diese Kunst wie manche andere mit glücklichem Erfolg – stets in meiner Zufriedenheit stöhrt. – Auf seinen Flügeln trägt mich der Gesang dann in ein anderes, fernes Land, wo liebliche Gestalten verworren vor mir scherzen. Und gebe ich mich ihnen hin, so dünkt es mich, ich finde bekannte Wesen, die ich schon einst gesehen; es sind die Schatten meiner vorigen Freuden, meine Wünsche, meine Lieblingsträume. – Dann vergesse ich auf Augenblicke alles um mich her, und mein Herz weiß von keinem grössern Glück, als sich an diesen Wunden verbluten, in Wehmuth sterben zu können, – Und so ist es wohl gewiß, Barton, daß es Eindrücke giebt, die unauslöschlich sind; und die Töne sind die wunderbaren Fäden, die von der Geisterwelt gesponnen, durch alle Zeiten reichen und mit geheimnißvoller Wahrheit uns mit unsern eigentlichen Wünschen bekannt machen, und unsichtbar daran festhalten.

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