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Amanda und Eduard

Sophie Friederike Brentano: Amanda und Eduard - Kapitel 34
Quellenangabe
typefiction
authorSophie Mereau
titleAmanda und Eduard
publisherKore
editorBettina Bremer und Angelika Schneider
firstpub1803
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070821
projectid5df59af8
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Siebenter Brief.

Amanda an Julien.

Ich habe mir seit Kurzem eine neue Wohnung gemiethet, welche mir durch ihre äußerst schöne romantische Lage schon längst gefiel, und es beschäftigt mich immer mehr, meine ganze Umgebung nach den Bildern zu gestalten, die ich schon lange im Sinne trage, und bisher nie, ungestöhrt ausführen konnte. Die Ungebundenheit meines Lebens; die Klarheit, mit der ich die Welt um mich erblicke; die stille Wirksamkeit die ich übe, macht mich zufrieden, und wenn ichs recht bedenke; so ist mein jetziger Zustand das Ideal einer Lage, welche ich mir oft jugendlich träumte. Mein stilles Leben faßt weit mehr in sich, und gewährt mir ein mannigfaltigeres Dasein, als meine vormalige lebendigste Lage. – Ein schöner, freier Kreis, das fühle ich lebhaft in heitern Stunden, liegt vor mir da; und indeß mir in meiner Sphäre nichts entgeht, nichts zu gering ist, ergreift meine Phantasie alle ferne schönen Beziehungen des Lebens.

Und welch ein liebes Geschenk gaben mir die Götter mit Wilhelm! Du glaubst nicht, wie innig er mir ergeben ist, und wie seine liebenswürdige Natur jede Mühe belohnt, die man sich zu ihrer Ausbildung geben kann! Er hatte manches von seiner kleinen Geschichte erfahren, und ich hielt es fürs Beste, ihm das Ganze, der Wahrheit gemäß, zu sagen. Er hörte es still und nachdenklich an, dann schlang er sich mit Innigkeit um meinen Arm, und sagte freudig gerührt: »O! du warst mir schon längst Alles, warst mir, vom ersten Anblick an, da ich dich sah, mehr als Vater und Mutter!« – Mit jedem Tag, wird er auch mir lieber, glaube ich, sein stilles und feuriges Gemüth besser zu verstehen, und wenn ich in sein schönes, bedeutendes Auge blicke, finde ich mich mit den liebsten Erinnerungen und Träumen umgeben. – Auch den Grafen sehe ich oft und seh' ihn gerne. Wir leben ein ruhiges Leben, und ich bin so weit davon entfernt, Zärtlichkeit für ihn zu fühlen, daß ich auch diese Empfindung gar nicht bei ihm voraussetzen kann; denn er ist zu vernünftig und zu erfahren, als ohne Hoffnung auf Erwiedrung zu lieben, und so finde ich in seinem Bestreben mir gefällig zu sein, weiter keine Bedeutung, als daß ihm meine Umgebung gefällt, und er meinen Umgang sucht, weil er ihm Vergnügen macht. –

So lösen sich leise und natürlich alle Verwirrungen auf, wenn wir selbst ruhig sind, und nur der eigene gespannte und leidenschaftliche Zustand, macht alle unsere Verhältnisse schwer und verworren. – Weil er Albret so genau kannte, so weiß er viel von meinem vorigen Leben, vieles was ich selbst nicht wußte; und ich höre mit seltsamer Empfindung manches von meiner eigenen Geschichte, die nun hinter mir versunken ist, so tief versunken, daß ich mich oft selbst kaum überzeugen kann, Eine, der in seiner Erzählung spielende Person zu sein. –

Vieles hat er mir von Biondina di Monforte erzählt, einer heissen, stolzen, grausamen Italienerin, die auf Albrets Gemüth den mächtig traurigsten Einfluß gehabt hat, und die von Uebermuth, Herrschsucht und Rache zu Handlungen getrieben wurde, die uns sanften, weichmüthigen Deutschen beinah' unglaublich vorkamen. Sie galt in ihrer Blüthe für die erste Schönheit in Florenz, und auch im reifern Alter, wußte sie durch Kunst, Lebhaftigkeit des Geistes und Klugheit in der Welt den Rang zu behaupten, welcher für ihre Eitelkeit und Sinnlichkeit unentbehrlich geworden war, und ohne welchen sie sich höchst elend gefühlt haben würde. In ihrer Kindheit hatte sie unter sehr drückenden Verhältnissen gelebt, und so hatte sich Härte und Klugheit in ihrem Charakter ausgebildet. Sie liebte heftig, aber sie haßte noch heftiger. Einen Plan durchzusetzen, galt ihr mehr als Alles; unerschütterlich verfolgte sie ihn, und wenn sie selbst dabei hätte zu Grunde gehen sollen. Wie viel weniger schonte sie das Leben, die Glückseligkeit Anderer! Mehrere, die das Unglück hatten, sie zu beleidigen, mußten es mit ihrem Leben büßen, denn durch Schönheit, Rang, Reichthum und Einfluß war ihr Vieles möglich. – Frühzeitig, unumschränkte Gebieterin eines großen Vermögens, würden ihr die Männer durch ihre ewigen Schmeicheleien gleichgültig geworden sein, wenn nicht Vergnügen und Stolz, männlichen Umgang ihr zum Bedürfniß gemacht hätten. Was sie am meisten an einem Mann reizen konnte, war Verschwendung, Pracht, Leidenschaftlichkeit und blinde Ergebung in ihren Willen. Aber dabei verstand auch sie allen Leidenschaften der Männer, mit so viel Klugheit und Einsicht zu schmeicheln, daß selbst die, welche sich von ihr losgerissen hatten, ihr heimlich ergeben blieben, und sich von ihrer Meinung, ihren Willen noch lange abhängig fühlten. – Mit Albret hatte sie eine Zeitlang in den engsten Verständnissen gelebt, um ihrentwillen hatte er den größten Theil seines Vermögens verschwendet, und Verhältnisse zerrissen, für die er sonst viele Rücksichten gehabt hatte. Sie war die einzige, die er geliebt hatte, die ihm als eine seltene Ausnahme ihres Geschlechts groß erschien; alle andere Weiber hielt er für kleinlich, kindisch, verächtlich, und diesen Gesinnungen gemäß, hatte er sie immer behandelt. Und als seine Leidenschaft für sie, weniger heftig brannte, da ward es das Ziel seines Stolzes, ihren Ränken mit noch größerer List und Gewandheit zu begegnen, und sich, selbst wider ihren Willen, wenigstens den Schein eines engen Verständnisses zu erhalten. Aber seine Bemühungen waren vergebens, und er mußte es geschehen lassen, daß sie einen Andern ihm vorzog, auf eine Art, die seinen Stolz eben so sehr, wie seine Leidenschaft kränkte. Nunmehr trat Haß und Begierde nach Rache ganz an die Stelle der Liebe; bittre Verschlossenheit und verachtendes Mißtrauen, wozu er immer Anlage gehabt hatte, erfüllten nun ganz sein Gemüth. Doch auch gehaßt, blieb sie ihm stets der Mittelpunkt der Welt, die geheime Beherrscherin seiner Handlungen, das einzige Wesen, bei dem er sein Andenken erhalten, und sein Dasein für wichtig gehalten wissen wollte. Er wußte, wie sehr ihr Stolz durch den Anschein von Gleichgültigkeit zu verletzen war, nur mußte dieser Schein ganz die Gestalt der Wahrheit haben, wenn er ihren Scharfsinn täuschen wollte. – Er verheirathete sich mit mir, und es gelang ihm wirklich, ihre Empfindlichkeit rege zu machen. Das Aufsehen, welches er zu erregen, auf alle Weise bemüht war, reizte sie noch mehr, und es war die höchste Zeit, daß er sich entfernte, denn der Todesstreich, welcher den unglücklichen Marchese traf, war, wie es hernach klar geworden ist, Albret von ihrer Hand zugedacht. – Wie gut war es, Julie, daß ich meinen Argwohn gegen Albret, der sich doch nur auf eine bloße Vermuthung gründete, und durch nichts bestätigte, in meinem Herzen nicht lange Raum gab, und meinen Glauben an seine Menschlichkeit, so sehr sie auch durch seine Grundsätze leiden mochte, deshalb nicht ganz zurücknahm! – Doch laß mich von diesen Gegenständen schweigen! Es ist ein peinliches Gefühl, mit welchem ich auf jene Zeit der Verwirrung und der Mißverhältnisse zurücksehe. Die wunderbarste Beleuchtung, die seltsamste Mischung von Licht und tiefen Schatten, ruht auf jenen Tagen, und nur dann kann ich ruhig sein, wenn ich das alles vergesse, wenn ich mich überzeuge, daß alles dies tief hinter mir versunken ist, und ich nun frei und einfach mein Leben fortführen kann.

Seit einiger Zeit ist unser kleiner Kreis durch die Gesellschaft eines jungen Mannes vermehrt worden, der für mehrere Künste ausgezeichnete Talente besitzt, und sich Antonio nennt. Seine seltne Kunst im Portraitmalen machte hier Aufsehen, und ich ließ mich auf Wilhelms unabläßiges Bitten, für diesen von ihm malen; und da Wilhelm selbst für die Malerei viel Anlage und Lust bezeigt; so beschloß ich, diese Gelegenheit nicht ungenutzt vorbei zu lassen. Auf diese Weise ist er uns näher bekannt geworden, und wir haben bald einstimmig entschieden, daß seine Manier im Umgang, für uns eben so angenehm ist, wie in Gemälden, und daß er eben so viel Charakter, als Talente besitzt. – Er hat in seinen frühern Lebensjahren mit vielen Unannehmlichkeiten zu kämpfen gehabt, sich aber unter allen unverrückt, zu dem gebildet, was er ist, und weil ihm seine Verhältnisse bald in die Einsamkeit, bald unter viele Menschen geführt haben; so hat er beides gebildet, Charakter und Talente; denn jener bildet sich in der Einsamkeit, diese mehr in der Gesellschaft. – Endlich ist ihm der Genuß eines freieren Daseins geworden, und er, der still und verborgen unter dem Druck der Umstände fortgeblüht hat, steht nun vollendet da, wie die Schneeblume, sobald der Schnee zerschmolzen ist. – Er lebt jetzt im ganzen Sinn des Worts; die Welt gefällt ihm, und an allem kann er eine schöne poetische Seite finden. Das Einzige was ihn bisweilen unzufrieden macht, so hoch es ihm wieder in andern Augenblikken beseeligt, ist seine Liebe zu den Künsten. – Vieles, und auch das quält den Künstler, daß er sein Werk, was er schaffen will, nicht mit Einemmal vollendet hinstellen kann, sondern erst das Mechanische überwinden, tausend kleine Schritte thun, geduldig den immer wiederkehrenden Abschnitt von Tag und Nacht durchgehen muß, und so seine heißgefaßte Idee, das schnell gebohrne Kind seines Geistes, langsam, wie eine irrdische Pflanze durch die Zeit wachsen sieht, da er sie schon vollendet, als ein himmlisches Kind der Unendlichkeit, in seinem Geiste trug. Lebe nun wohl, ich weiß Du wirst Dich über meine jetzige Stimmung freuen. Doch, Julie, wenn Du glauben wolltest, daß mein Gemüth immer so ruhig wäre, wie es vielleicht der Ton dieses Briefes sein mag, so würdest Du Dich sehr irren. – Sehr oft überfällt mich eine dunkle, quälende Unruhe; ich fühle mich unzufrieden, fremd mit mir selbst, und es ist mir, als gäb' es für mich noch viele Räthsel im Leben, die der Auflösung bedürften, als müßte ich ahndungsvoll noch irgend eine Begebenheit erwarten. – Und ich weiß es wohl was es ist – ich werde ihn wiedersehn, das ist mir fast gewiß – aber wenn? und wo? und muß ich dies, obgleich es in manchen Momenten mir als das süsseste Glück, der hellste Punkt meines Lebens erscheint, muß ich es nicht fürchten? – Ach! die Seelen der Liebenden, finden sich nie wieder! Einmal getrennt, sind sie es auf immer. – Ihr haltet noch das Bild des Geliebten fest, und erstaunt ein fremdes Wesen wieder zu finden, die Zeit verändert euch und ihn, und das eigensinnige Herz verblutet sich da, wo einst der Gegenwart himmlische Rosen blüthen, vergebens an den Dornen der Erinnerung.

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