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Amanda und Eduard

Sophie Friederike Brentano: Amanda und Eduard - Kapitel 33
Quellenangabe
typefiction
authorSophie Mereau
titleAmanda und Eduard
publisherKore
editorBettina Bremer und Angelika Schneider
firstpub1803
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070821
projectid5df59af8
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Sechster Brief.

Amanda an Julien.

Ich habe eine angenehme Entdeckung gemacht, die ich Dir mittheilen will, und die gewiß ein freudiges Bild in Dir auffrischen wird, wie sie es bei mir gethan hat.

Seit einiger Zeit gieng ich fast täglich, an dem einen Ufer des Flusses spazieren, wo ich die Aussicht auf einen Garten vor Augen hatte, der mir nach und nach merkwürdig wurde. Täglich sah ich einen jungen Mann emsig darinnen beschäftigt; er grub, pflanzte, begoß, verrichtete alle Arbeiten eines Gärtners, aber alles mit einem eigenthümlichen, leichten und anständigen Wesen. Nur des Sonntags sah' ich einen kleinen Kreis von gutgebildeten Menschen in dem Garten, um welchen Kinder spielten, und der stets aus denselben Personen zu bestehen schien. Ich betrachtete nun den Garten aufmerksamer, und fand ihn, bei aller Hinsicht auf Nutzen, so artig eingerichtet, daß sein Anblick mir wohl that. Der größere Theil desselben, der zierlich mit Blumen, die bis zu mir herüber dufteten, eingefaßt, und mit schmalen, reinlichen Gängen durchschnitten war, diente zum Küchengarten, und alle Gewächse darinnen, schienen wohlgepflegt und von edler Art. Vorn nach dem Fluße zu, stand dichtes Buschwerk mit Blumen-Ranken überblüht, und eine Laube, die so schattig, duftend und behaglich dastand, daß sie mich oft, wenn es heiß war, fast unwiderstehlich zu sich hinüber zog. Weiter hinten, lag ein Baumgarten mit frischem, reinlichem Gras und schönen Fruchtbäumen, den ein einziger schmaler Weg durchlief, und der sich an das Haus anschloß, das eben so anspruchlos, geordnet und nett wie das übrige, aus der Umarmung blühender Obstbäume hervorsah. – Du weißt, welchen Reiz eine gute Einrichtung für jedes weibliche Auge hat, wie uns hier selten das Kleinste entgeht, und wir immer nacht der Schöpferin dieses Kunstwerks spähen, und Du wirst es also sehr natürlich finden, daß ich mich bald näher nach den Besitzern des Hauses erkundigte.

Und höre nun, die kleine rührende Geschichte, die Du eher wissen mußt, als das, wie es gekommen ist, daß ich jetzt in der Laube sitze, zu der ich mich so oft hinüber sehnte, und aus ihrer Umschattung an Dich schreibe. Charlotte war die Tochter eines sehr reichen Beamten, der aber durch den Krieg, den größten Theil seines Vermögens und seine Stelle verlor, und mit seiner Familie in einer Eingeschränktheit leben mußte, die gegen die vorigen Zeiten, Dürftigkeit war. Charlotte lebte eine Zeitlang, bei Verwandten in der Residenz. Sie war äusserst reizend, und alle die Annehmlichkeiten für die Gesellschaft, welche ihre vormalige Lage zu fodern schien, waren ihr in einem ungewöhnlichen, hohen Grade eigen. Sie erregte die allgemeine Aufmerksamkeit; jedermann warb um ihren Umgang, und ein sehr reicher, vornehmer Mann, um ihre Hand. Die Verwandten wünschten Glück, die Eltern waren erfreut, aber der Mann war bei seinem unermeßlichen Reichthum, unermeßlich arm; er war roh, von dumpfen, eingeschränktem Geist, und von widrigem Aeußern. Lieben konnte ihn Charlotte nie, und ihn bloß als ein Mittel, sich eine glänzende Lage zu versichern, zu betrachten, widersprach ihrem Gefühl; sie schlug also seine Anträge, ganz bestimmt, und unwiderruflich aus, was man ihr auch dagegen einwenden mochte. Nach einiger Zeit kehrte sie wieder zu ihren Eltern zurück, in deren Hause sie einen jungen Offizier fand, der wegen einer sehr gefährlichen Augenkrankheit, den Dienst hatte verlassen müssen, und sich jetzt durch die Hülfe eines geschickten Arztes, wieder herzustellen hoffte. Es war ein sehr vorzüglicher, junger Mann, voller Talente und Geschicklichkeiten, aber fast ohne Vermögen. Charlotte übernahm die Pflege des Kranken; ihr Herz zerschmolz in Wehmuth, wenn sie sein Geschick bedachte, das ihn, in der schönsten Blüthe des Lebens und der Wirksamkeit, zur Unthätigkeit verdammte, und sie überließ sich gern den schönen Regungen ihres Gefühls. Aber vielleicht dachte sie, wenn sie die Augen ihres Freundes mit der heilenden Binde verhüllte, und sich ungestöhrt dem Anschauen, seiner schönen, sprechenden Züge überließ, so oft an die Binde des Liebesgottes, bis er ihr endlich selbst den magischen Schleier um die Augen schlang. Genug, aus der Wohlthäterin des schönen Kranken, ward sie seine Geliebte. Sie liebten sich zärtlich, treu, über alles, und nach einiger Zeit verheirathete sie sich mit ihm, was man ihr auch hier wiederum dagegen sagen mochte. Die Augen des jungen Mannes wurden besser, aber blieben schwach, und den Dienst konnte er nicht wieder antreten. Mit dem Ueberrest seines kleinen Vermögens, welches die Kur, beinah ganz aufgezehrt hatte, kauften sie sich in diesem Städtchen ein kleines Eigenthum. Charlotte richtete alles in dem Sinn ein, wie es ihr für ihre Lage zu passen schien; es fiel ihr nie ein, einen ihrer vorigen vornehmen Bekannten sehen, oder benutzen zu wollen. Sie vermied allen zwecklosen Umgang, erhielt sich und ihren Mann durch ihre Thätigkeit, sah' mit jedem Jahr ein neues Pfand ihrer Liebe und war glücklich. – Und gerade deshalb, thut der Anblick ihrer kleinen Einrichtung so wohl, weil Wille und Kraft darinnen unverkennbar ist. Täglich sieht man Weiber unter der Last einer sorgenvollen Haushaltung beinah erliegen und sich aufopfern, und es thut einem weh, ist sogar widrig. Denn diese haben blos die Umstände dahin gebracht, sie sind, was sie sind mit Unmuth und Schwäche, und träumen sich eine andre Lage, als ein hohes Glück, das sie nur nicht erreichen können. Aber hier ist Leben, Geist, Bewußtsein und Klugheit, und dies erfrischt jeden, der es sieht; und ermuntert ihn, in seiner Lage und nach seiner Neigung eben so zu handeln. – Ihr Mann fühlt ganz den Werth ihrer Liebe und Vortreflichkeit, ohne jedoch sich selbst deshalb gering zu schätzen; denn er weiß, daß auch er sie liebt, wie keiner lieben würde, und daß ihm, den Verlust seiner Liebe, nichts in der Welt ersetzen könnte. Er war der junge Mann, den ich täglich mit so viel Eifer und Anmuth der Pflege seines Gartens obliegen sah, weil ihm seine noch immer schwachen Augen wenig andere Beschäftigungen verstatteten, und dies nun ein wichtiger Erwerbszweig, für sie geworden ist.

Gewiß hat Dir diese kleine Zeichnung gefallen, und ich hoffe, Du wirst Dir alles, Personen, Haus, Garten, recht lebendig denken können; aber ganz einheimisch wirst Du werden, wenn ich Dir sage, daß diese edelmüthige Frau, Charlotte M... ist, deren Vater, als er noch reich war, in unsrer Nachbarschaft wohnte, und die damals als ein liebenswürdiges Kind, mit ihren schönen Kleidern und lieblichem Wesen, oft das Ideal unsrer kindischen Nachahmungssucht war. Ich suchte Gelegenheit Charlotten zu sehen, und sie fand sich. Wir erkannten uns beide sogleich wieder, und sie hatte Scharfsinn genug, um mich richtig zu beurtheilen, und sich nicht von mir zurück zu ziehen, obgleich man mich reich nannte, und sie sonst die Reichen flieht. Und sie hat im Allgemeinen wohl Recht es zu thun! Denn der Reichthum, der nur die Neigungen befreien, nur dem Menschen dienen sollte, ihn über kleine, enge Rücksichten wegzuheben, und ihm an Andern ein feineres, edleres Interesse nehmen zu lassen, eben weil er andere weniger braucht, wie ganz unerträglich ist er an denjenigen, die dennoch ganz in ihren Geistesbanden bleiben, sich nur mehr in Sorgen und Zwang vergraben, sich gegen andere ganz verhärten, und es recht unableugbar zeigen, daß sie zu Sclaven gebohren sind!

Sie und der Graf sind jetzt mein einziger Umgang, wenn ich mich entschließen kann, die Einsamkeit, die mir unendlich lieb geworden ist, zu verlassen. Ach! ich war einst zu berauscht, zu seelig, als daß ich das blos Angenehme des Lebens recht herzlich fühlen konnte. Doch, wenn ich mich selbst, wenn ich alles einzeln vergesse, und blos das Ganze in meiner Seele fühlen kann, dann habe ich den Muth, ohne Liebe hinauszugehen, in die lieberfüllte Natur, wo Luft und Stauden, Bäche und Vögel, alle noch wie ehemals Liebe hauchen und Liebe singen. Dann gebe ich mich ganz dahin, wo alles stille, große, harmonische Einfalt ist. Meine Sorgen klage ich den zärtlichen Lüften, mein Vertrauen weihe ich der ewigen Ordnung, mein Glück suche ich in dem allmächtigen Liebeshauch, der die Stauden und die Sonnen durchdringt. – Die Natur wirkt auf mich mit ihren großen Beziehungen, sie hebt mich empor mit ihren Flügeln, und wenn es süß ist, Ein verwandtes Herz zu verstehen, und sich von ihm verstanden zu fühlen; so ist es heilig, sich ganz den Empfindungen hinzugeben, wo aller Menschen Herzen, nah' oder fern in ihren reinsten Momenten zusammentreffen!

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